1908 Donnerstag den U. Mak , v • ■ Ms-L^WD- sgMWEDM iÄB UMW Wirket, so lange es Tag ist. Roman von Maximilian Böttcher. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. Als Heinz Vollrath am folgenden Nachmittag aufs Schloß kam, Werner die gewohnte Unterrichtsstunde zu erteilen, sagte der Diener, der ihn im Vestibül empfing: „Ter junge Herr ist mit den Herren Offizieren im Schlitten zu den Wildfütterungen gefallen, muß aber jeden Augenblick zurück sein. Tas gnädige Fräulein läßt den Herrn Pastor bitten, unterdes eine Tasse Küsste mit ihr trinken zu wollen, int Wintergarten. Tas gnädige Fräulein ist allein." Mit starkem Herzklopfen legte Heinz ab und ließ sich von Zanga, Isabellas „Specialboy", einem etwas phantastisch livrierten Negerknaben, der schon auf dem Sprtltrge stand, durch einen weiten, lichten Kvrridor in den Wintergarten führen, aus dessen üppiger Blatt-und Blumensülle ihm ein warmer Hauch entgegen schlug. „Draußen serr viel Schnee: aber hiere schön. Und 'Palmen tote Samoa", flüsterte Zanga ttttb zeigte int sehnsüchtigen Gedenken an die ferne Heimat grinsend die weißen Zähne. „He!" ertönte hinter einem blühenden Oleander hervor Isabellas Stimme) „soll Zanga reden, wenn er nicht gefragt ist?" „Hat der Herr Missionar so gute Augen", entgegnete der Neger in bettelndem Ton; „muß ich glauben immer «tt Missiouer, was mich hat. . ." „Schluß! Frieda soll Kaffee bringen. Links um, Kehrt. Trab!" Während Zanga machte, daß er davon kam, trat Isabella hinter dem Gebüsch hervor und reichte Heinz tnit ihreut bestrickendsten Lächeln die Hand. „Sehen Sic, dieses schwarze Herz haben Sie auch schon geUwunen", scherzte sie. „Uebrigens ein drolliger Bursche und treu wie Gold. Nur bedienen laß ich mich nicht gern von ihm, weil ich bei seiner Hautfarbe nie eine gewisse Unsicherheit be-. treffs seiner Sauberkeit überwinden kann." „Aber er ist auch ein Mensch", sagte Heinz mit leisem Vorwurf. ... Isa sah ihn mit großen Augen an. „Ach", erwiderte sie daun mit fast unmerklicher Ueber- kegenheit, „weil ich ihn ein bißckten hart behandle? Ja, Herr Pastor —" sie zuckte die Achseln — „mit Güte allein kommt unsereins nicht durch. Wirklich tticht. Doch wollen Sie nicht nähertreten? Sie waren noch nie in meinem Dorado?" Heinz verneinte, und Isabella führte ihn, den Cicerone spielend, tiefer in den Wintergarten hinein, in dem die üppige, anspruchsvolle Vegetation der Tropen und der Riviera reicher vertreten ivar als die schlicht-bescheidene der deutschen Heimaterde. Palmen und Kakteen gab es hier in allen Größen und Formen, Lianen und Orchideen rankten überall an den Mändeit in wuchernder Fülle bis zum Glasdach empor; Gold« orangen leuchteten durch das dunkle Grün der Blätter, und die da rind dort verstrettten Jasmin-, Rosen- tntd Fliedep- gestvätlche hätten sich inmitten dieser großsprecherischen Konkurrenz schwerlich behaupten könnet!, hätten ihre Blüten nicht so süß und anheimelnd zu duften verstanden. In einer lauschigen Ecke fiel eines Spr'mgbntnueits silberne! Strahl in ein Marmorbassin, in dem zwischen großen, aus Milch: glas gebildeten Seerosen rote Goldfischchen schwammen. Hie:' standen um einen zierlichen Tisch herum einige bequeme Korb fessel. Isabella lud tzum Sitzen ein. . u. „Mein Lieblingsplatz," sagte sie und jagte mit einer leichte» graziösen Bewegung ihrer schmalen, weißen Hand einen grüner Papagei fort, der sichs auf der Lehne ihres Stuhles bequem gemacht hatte. ' 1 Ein mit peinlichster Advettheit gekleidetes Mädchen brachte den Kaffee. Als es, vom Tisch zurücktretend, einen sragendeu. Blick auf seine Herrin richtete, sagte Isabella: „Sie tonnen gehen. Zanga soll draußen an der Tür warten, damit er da ist, wenn ich ihn brauche." ! So lautlos, ivie die Dieneritt gekommen war, verschwand sie wieder. 1 i Heinz Vollrath saß wie in Betäubung, außerstande, ein Wort zu reden. Tas Milieu erdrückte ihn sozusagen. Er wagte nicht einmal, deit Blick zu Isabella zu erheben, die ihm in ihrem losen Hauskleid atis meergrüner japanischer Seide holder erschien, denn je zuvor. - : Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und versuchte, einen tiefen Atemzug zu tun. Schwer lag cs auf seiner Brust. Nie hatte er so deutlich diese tiefe Kluft gefühlt zwischen ihm und Isabel a. Wie eine Hecke aus lianenumschlungenen Tropengewächsen, undurchdringlich und uuübersteigbar, tvuchs es vor ihm aus. Tollheit! .... Liebte er dieses Mädchen denn überhaupt? Mar nicht all' fein Empfinden nur Einbildung? — „Mollen Sie nicht zulaugen?" fragte Isabella und schob Heinz die silberne Kuchenschale zu. Heinz verneigte sich und nahm eine der zierlichen Törtchen — ganz mechanisch. „Weshalb habeit Sie sich gestern abend an der Debatte darüber, ob es mir zustände, öffentlich als Sängerin aufzutreten, mit keinem Wort beteiligt?" nahm Isabella nach einer Pause das Gespräch wieder auf. Heinz nagte a>t feiner Unterlippe. „Ich fühlte, daß mein Urteil kein klares, unoesängenes war," antwortete er endlich. „Hm," machte Isabella. „Sic sagen: war! Sind Sie inzwischen mit sich ins Reine gekommen, oder haben Sie tticht inetter über die Frage ttachgedacht?" „Doch! Ich glaube, meine Ansicht deckt sich mit der, die Frau Bankdirektor König Ihnen gegenüber aussprach. Ich habe Ihre Unterhaltung mit der Dame mit angehört. Halb gegen meinen Willen, gefesselt von. . ." Er brach ab und bog den Kopf, den er gesenkt gehalten, wieder in den Nacken zurück, vermied cs aber immer noch, Isabella anzusehen. , 302 In beten blasses Gesicht war leise Röte getreten; und einen Langen Herzschlag lang richteten sich ihre dunklen Augen mit einem weichen, träumerischen Blick, einer zaghasten Liebkosung gleich, auf Vollraths ernstes Antlitz, aus dessen Mienenspiel starke seelische Erregung sprach „Also auch Sie meinen, daß ich mehr ans Eigensinn als ans Kunstbegeisterung auf meinem Plan beharre?" fragte sie in leichter Verwirrung, als Heinz seinen Blick plötzlich mit zaghaftem Ausdruck auf sie richtete. Heinz besann sich einen Moment, dann antwortete er langsam, immer noch befangen: „Vielleicht nicht so sehr aus Eigensinn als ans Friedlosigkeit oder auch dar Unzufriedenheit mit einem Lose, um das sicher hnnderttausende Sie glühend beneiden, von dem cs mir aber als ganz selbstverständlich erscheint, daß es nur allzusehr dazu angetan ist, eine tiefer veranlagte Natur in Zwiespalt mit sich selbst zu bringen." Seine Stimme wurde klarer und fester, als er nach einem tiefen Atemholen fortfuhr: „Ehrlich muß ich gestehen, daß ich für die Mädchen und Frauen der oberen Zehntausend, die nichts weiter sind und nichts weiter sein wollen, als die Luxusgeschöpfe ihrer Väter oder Gatten, immer ckt an Geringschätzung streifendes Gefühl des Bedauerns gehabt habe. Gewiß .... Geist und Streben des Mannes sind durch die jahrtausendelange Gewöhnung im großen ganzen anders geworden als Geilt und Streben des Weibes — ruhiger, selbstbewußter, kampfbereiter. Aber dennoch erscheint mir auch ein Frauenleben mit lebenswert, wenn es von einem starken Tätigkeitsdrang, wie von einem erfrischenden Strom, durchslossen ist. Nur durch Tätigkeit, durch Mühe und Arbeit, erhalt unser Dasein Zweck; denn nur durch die Arbeit — ob im großen oder im kleinen — gehen wir mit unserem Einzeldasein in der großen MenschheitÄ- gemeinschaft auf, deren Ziel es ist, die Welt schöner, edler, vollkommener zu machen von Tag zu Lag." Frei und offen ging sein Blick jetzt zu Isabella hinüber. Ihre Augen hingen an seinem Munde. Nach einer kurzen Pause fragte sie: „Wenn Sie eine Schwester hätten oder — eine Tochter, Sie würden ihr also gestatten, daß sie einen Beruf ergriffe?" „Aber gewiß, unter allen Umständen," erwiderte Heinz voll Eifer. „Allerdings liegt bei mir die Sache ungleich einfacher als bei Ihrem Herrn Vater," sprach er mit einem leisen Lächeln der Selb stimme weiter. „Ich bin arm. Ich müßte schon aus praktischen Gründen zusehen, daß meine Schwester oder meine — Tochter auf eigene Füße zu stehen käme, weil es immerhin srag- Uch wäre, ob sie einen Mann fände — in nuferer Zeit, in der die meisten in der Eingehung einer Ehe vor allem ein vorteilhaftes Geschäft suchen." , ®ie • • • - ?" sagte Isabella, brach aber rasch ab und blickte auf ihre Hände, die sie im Schoß gefaltet hielt. „Bitte, was wollten Sie fragen?" forschte Heinz'. „O, nur ... . ob Sie, der Sie arm sind, wie Sie sagen, sich wohl auch unter gewissen Verhältnissen entschließen könnten, rin Mädchen um seines Geldes willen zu heiraten." Vollrath antwortete rasch: -„Ob ich überhaupt jemals heiraten werde, weiß ich nicht. Das aber weiß ich genau, daß ich nun und nimmer eine Frau nehmen 'würde, die mir auch nur mit einem Hauch leisesten Empfindens zutraute, daß ich imstande wäre, mich zu verkaufen." „Ich—• ich wollte Sie nicht kränken," gab Isabella zurück. Eine Weile saßen sie sich nun gegenüber, ohne ein Wort zu wechseln. Tie frühe Winterdämmerung webte ihren feinen grauen Schleier, und ans den verschwimmenden Farben ringsumher leuchteten nur iroch die weißen Blüten des Jasmins und der Orchideen klar und deutlich hervor. Die Düfte, die den Räum durchzogen, schienen in diesem ungewissen Licht stärker, atcm- beklemmender zu strömen, und deutlicher war des Springbrunnens gleichmäßiges Geplätscher zu vernehmen. Der Papagei, der die ganze Zeit von Baum zu Strauch und von Strauch zu Bamn gehüpft und geklettert war, saß irgendwo ganz still und schien eingeschlafen. Plötzlich ries er, wie ans einem Traum heraus, lauggezogen, mit schmeichlerischem, sehnsüchtigem Klang: „I fa ---. I'— fa!" Heinz^ zuckte zusammen. Es war ihm, als hätte sein eigen Herz gerufen. Wie von einem seligen, willenlähmenden Taumel fühlte er fich umstrickt, wie dahin getragen von flüsternden, koscn- deil Wellen, einem Traumland entgegen. Sein niedriges Stübchen im Schulhaus, seine Mutter in ihrem bunten Kramladen und andere Bilder, die ihn an seine ärmliche Herkunft gemahnten, tauchten nur noch verschwommen vor seinem geistigen Auge auf • • • m Rebel gehüllt, fern, als wären sie gar nicht wahr. • • • Isa," -vchte es in seiner Brust, „Isa — Isa," hämmerte.es in seinen .Schläfen... ' - '■,> V Isabella wandte keinen Blick ti'oit ihm' . . ; Sie konnte sich nicht sattsehen an seinem edlen, vor Erregung tiefblassen Gesicht' an seiner hohen Stirn und dem feingeschnittencn Munde Und ob er auch schwieg, klang der melodische Tonfall seiner Stimme in ihrem Ohr nach. Für sie gab es keine Must, die sie und ihn trennte. Für sie war er nicht arm, für sie war er reich — der Reichste von allen. Und gewiß . . . auch er hatte sie lieb. Woher sonst hätte er so tief besangen sein können? . ■ Ihr Atem ging in schweren Stößen. Ihre Sehnsucht wartete', wartete auf Erlösung. Warmni sagte er ihr nicht ein Liebeswort, warum sprang er nicht auf, sie in feine Arme zu nehmen? O sie fühlte die jauchzende Wonne, mit der sie sich ihm an die Brüst werfen würde..... Heinz Bollrath riß sich zusammen. „Werner bleibt lange," sagte er mit unsicherer Betonung. „Es ist schon ganz dunkel geworden." Isa biß sich auf die Lippen. Sie hätte aufschreien mögen vor Weh. Heftig drückte sic auf die Klingel, die vor ihr auf dem Tisch stand. „Licht," rief sie dem eintretenden Zanga mit heiserer Stimme zu. Ter Neger fuhr mit der Hand nach dem Türpfosten. Oben/ am Glasdach des Wintergartens, leuchtete die Flamme einer grün verschleierten Ampel auf; gleichzeitig erglühte das Bassin und der Strahl des Springbrunnens in goldenem Lichte. Heinz mußte unwillkürlich den Blick hinwenden. Ta sah er, daß jede der weißen Seerosen, die ans dem Wasser des Bassucs zu schwimmest schienen, ein elektrisches Lämpchen in ihrem Kelche Borg. „Darf ich Ihnen eine Zigarre oder Zigarette bringen lassen?^ fragte Isabella in merkwürdig veränderten!, höflich-formellem Ton. „Tanke," erwiderte Heinz, „ich rauche nie." Da kam auch schon Werner hereingestürzt, die Wangen rot/ die Augen blitzend, und brachte eine ganze Kälteflut von draußen, mit. Als er sich endlich in Entschuldigungen genug getan zu haben glaubte, sagte Isabella: „Die armen Hirsche! Wenn sie wüßten, daß die heutige Fütterung für viele ihrer bravsten die Henkersmahlzeit gewesen ist!" — „Werden Sic morgen an der Treibjagd teilnehmen, Fräulein?"- fragte Heinz. „Ich dachte eigentlich — ja," klang die Antwort, fast eist wenig unwillig. „Ich nicht.. . . ich auf keinen Fall. Es ist eine Roheit, so herrliche Tiere, wie unsere Edelhirsche sind, meuchlings nieder-, zuschießen," rief Werner. Heinz lächelte. „Man muß nicht immer gleich für alles, was einem mißfällt, so schroffe Ausdrücke gebrauchen, Werner. Oder haben Sie es schon vergessen, daß auch Sie einst ein großer Nimrod untren?. Es ist doch noch gar nicht so lange her .... kaum vier Wochen, dächf ich!" Werner ergriff Vollraths Rechte. „Ja, Sie! Sie haben mich so leise, so nnmerklich von' meiner Passion abgebracht, daß ich mir heute ganz gut einreden könnte, ich habe das Laster ans mir selbst heraus überwunden." Mit dem Ausdruck rückhaltloser Verehrung hing er die dunklest Augen an das Antlitz seines Lehrers. (Fortsetzung folgt.) Die Weltanschauung in Karl Spitfders Werten. Es ist nicht allgemeiner bekannt geworden, daß das erste Werk des schweizerischen Dichters Spittcler, das Gleichnis „Prometheus und Epimetheus", um ein Jahr früher erschien als Nietzsches „Zarathustra". Und cs ist anzunehmen, daß Nietzsche/ der Spittcler den feinsten deutschen Essayisten der Gegenwart ge^ nannt hat, auch den.Prometheus kannte. Der Materialismus/ der in jenen Jahren in Kunst und Leben heraufkam und seine letzten Schlüsse im Leben noch schärfer zog als in der Kunst, so daß Nietzsche ingrimmig vom Amerikanismus reden könnte, der bei uns einziehe — dieser Materialismus mußte uotwendiger- toeife. einen Gegensatz der Anschauungen heraufrufen. Es liegt hier jedenfalls ein höchst überraschendes Schaffen aus den Gegeu- sätzen vor, eilt Umstand, der sich bei Nietzsche wiederholt, auch Wilhelm Jordan gegenüber, zeigt. Der einer streiigreligiösen Pfarrersfamilie entstammende Nietzsche schrieb den „Antichristen". Wilh. Jordan, gleichfalls der Sprößling einer Reihe protestantischer Geistlicher, ward durch D. Fr. Strauß dem alten Väterglauben untreu und schrieb „Die Erfüllung des Christentums", worin er darlegt/ was die naturwissenschaftliche Forschung vorn' Bibelwunderglauben und seinen Hoffnungen bereits erfüllt sieht, und ausführt, daß das Neue Testament sich zwar vom Naturprvblern völlig abwendet, das Christentum' aber allein unsere Hochkultur gezeugt und nur die Christenheit sie zu voller Entfaltung gebracht hat und bringen konnte, um schließlich mit zwingenden Gründen fest- 303 des Hier finden wir also bei Jordan überquellendes Kraft- bewußtsem, bei Spitteler nur eine versöhnliche Resignation, die sich in den erkannten, aber unabänderlichen Lauf der Dinge fügt und ihnen selbst einen lebenbcjahenden Schimmer verleiht. In seinem „Olympischen Frühling" aber wird Spitteler ein grimmiger Philosoph von schwarzgalligem Gemüt; noch schlimmer aber in der Novelle „Konrad der Leutnant", wo er in ohnmächtiger Empörung als Ankläger erscheint. , Dieses Werk, aus dem Jahre 1898 stammend, könnte gedanklich als ein bürgerlicher oder als ein menschlicher Vorläufer der Götterdichtung betrachtet werden. Wenn er hier ein Bauernschicksal von seltsam schwerer Tragik schildert, usit einer inneren .Straffheit, Raschheit und Konsequenz, *) Erschienen 1852/54. Halten wir dagegen ein paar Verse Wilh. Jordans, freudig starken Lcbensbejahcrs: „In tiefer Inbrunst muß ich danken — —> Dein Schöpfer für des Lebens Schranken- Für jedes Leidens Fegefeuer, Für jeden Kampf und jede Last, Womit der ewge Welterneurer Begnadet seinen Erdengast." zustellen, daß auch der strengste Naturwissenschaftler nicht nur Jesum den Menschen verehren, sondern auch Christum den Gott predigen kann. Und in einem feiner Gedichte („In Talar und Harnisch", Frankfurt a. M. 1899) setzt er sich mit dem „Truggeist Nietzsche" u. a. folgendermaßen auseinander: Daß dem All kein Uebel schade, nur in unserm Maulwurssauge Schlimm erscheine und verwerflich, , - was dem Ganzen trefflich tauge; Daß uns Leid auch Segen fruchte, nur im Kampfe mit bent Bösen Langsam Kraft uns wächst und Einsicht, ’ Gott hinieden zu erlösen. Tat in meinen Jugendjahreu dar mein Lied vom Demiurgen: *) Er (Nietzsche) verdreht's in Lob und Selbstsucht, Die der Staat mit Friedensburgen Mühsam aussperrt, strafend band'gt; Denn sein Mannesidcal ist. Wer, sich jede Gier zu stillen stark genug und bestial ist. Spitteler aber, dem nüchtern und real denkende'.! Schweizervolk angehörend, verficht eine hocharistokratische Lebensauffassung und läßt seinen Prometheus um seiner hehren und strengen Ideale willen die größten persönlichen und gesell- sA^silichen Vorteile verschmähen und die Feindschaft einer ganzen echslt und sogar die, seines vordem hochgeachteten und ge- lrebten Bruders auf sich nehmen. Wie sehr erinnert uns die Rede des Prometheus zum Engel Gottes an ganz ähnliche Worte Zarathustras, z. B. wo er das Anerbieten des Engels vernimmt, falls er sich von seiner „freien Seele" trenne: . ,,. . . und ein Gewissen gab ich dir an ihrer Statt, das wrrd dich lehren „Heit" und „Keit" und wird dich sicher leiten auf geraden Wegen !" worauf Prometheus ablehnt:' m • EU steht's bei mir zu richten über meiner Seele Angesicht; denn siche! meine Herrin ist's und ist mein Gott in ttwend und Leid und was ich immer bin, von ihr hab' ich's zu eigen. Und drum: so will ich mit ihr teilen meinen Ruhm, und wenn cs muß geschehn, wohlan! so mag ich ihn entbehren ! , . Vollends die Worte des Hohns, die er an seinen vom früheren ^deal abgefallenen Bruder Epimetheus richtet, der an ferner Statt das „Gewissen" eingehandelt hat: „Von wannen Kommst du? Und was erglänzet wie vonr Rechttun dein Ge- sicht , und was verklärt sich von Verrat dein Auge?" usw. Endlich zu guter Letzt die ungeheuren Opfer, die er nur ferner freien stolzen Seele willen auf sich nimmt. Haben wir es hier mit einem tiefen Gleichnis zu tun, das zwcrfellos eigenes Erleben schmerzvoll schildert, so wendet sich der Dichter auch in späteren objektiven Werken zu einem nicht wrnder scharf ausgesprochenen Pessimismus. Schon in seiner lieblichen Gedichtsammlung „Schmetterlinge" spricht er besonders an zwei Stellen den tiefsten Weltschmerz aus, allerdings in der versöhneudsten Weise; cs sind die Worte, die die Seele des gemordeten Schmetterlings an ihren Peiniger richtet: „Ob ich's schon durch dich gelitten, litt ich's nicht ’ sdurch deine Schuld: Leiden ist des Lebens Mitgift, ist des Weltenschöpfers Huld. Qualen jeglichem Geschöpfe schenkt die gütige Natur; Aber Mitleid und Erbarmen blüht im Menschenherzen nur. Und wenn einst erklingt die Stunde, da auch diesen „ , , _ m jSieg erstritten Uno nad? angsterfüllten Nöten hast das Sterben ausgelitten. Wollen wir vereinten Wandels einen strengen Richter „ , , . , , ssuchen, Und lern herlgcs Urteil segnen und dem Weltendichter ssluchen. . . die fein dramatisch wirkt, so mochte er, wie Jordan, der seinem „Demiurgos" die „Nibelungen", ein Halbgöttergedicht, nach- schuf, die Erkenntnis gewinnen, darin nicht mit allen Mitteln der Handlung und des einzelnen berechneten Wortes und Gedankens eine Weltanschauung in ihrer Ganzheit aussprechen zu können: Menschen waren hicrzil als Mittel zu klein; es mußten Götter her. Man kann in der Tat von diesen Werken Sp.s und Jordans nicht ohne gute Gründe die Meinung haben, sie seien von allem Anfang an nur auf das Aussprechen einer bestimm- ten Weltanschauung hin gedacht und geschaffen worden, so zwar, daß um den Kern eines philosophischen Gedankens eine Handlung mit all den nötigen Personen gebildet wurde. Nicht daß Form, Handlung und Idee nicht völlig in eins geschweißt worden wären! Im Gegenteil. Im „Olympischen Frühling" hat man wenigstens das Gefühl, die dort wörtlich ausgesprochne Weltanschauung sei aus den Vorgängen der Dichtung durch den Scher Orpheus herausgezogen. In „Konrad dem Leutnant" ober wirken doch vom Beginn an allerlei geheimnisvolle und düstere Andeutungen auf das tragische Ende hin und das scherzhafte Rätselwoct: „Es nimmt ein Ende mit Schrecken" ist doch mit allen anderen Begleiterscheinungen ein sehr deutlicher Hinweis auf das tragische Ende des Helden, das dessen Braut, die stolze Kathri, mit dem zornigen Worte kommentiert: „Wahr ist, daß in dieser Welt die Besten unterliegen und die Schlechtesten obenauf sind!" Mit der Art verglichen, wie uns etwa Homer seine Weltanschauung vermittelt, kommt .uns diejenige Spittelers, wie auch die Jordans in dessen „Nibelungen", wirklich bewußt und fast mathematisch berechnet vor. Die Anlage und die ganze Fassung der Fabel, die durchaus eine Erfindung des Dichters ist, könnte doch ebensowohl so gedreht werden, daß Zeus, der die Hera und mit ihr die Weltherrschaft gewinnt, durch Tüchtigkeit in den Wettkämpfen über Apoll siegte, statt durch List und Tücke, die uns schwer gegen ihn einnehmen. Da aber wohl das Werk aus einem tieferen Erlebnis des Dichters feinen ersten Ursprung genommen hat und Zeus und Apoll durchaus als personifizierte Weltkräfte erscheinen, so ist die jetzige Fassung psychologisch, menschheits- psychvlogisch, und läßt sich wissenschaftlich begründen und stützen. Nicht zum wenigsten verleiht ebendieser Umstand der Dichtung diese starke Wahrheitswirkung und dieses tragfähige, so schrecklichen Begebnissen standhaltende poetische Rückgrat, das es auszeichnet. Das erwähnte Wort Kathris aus „Konrad dem Leutnant" hat im „Olympischen Frühling" eine etwas veränderte, dem Sinne nach aber nicht verschiedene Fassung. Spitteler hat indes noch eine weitere moderne Lehre davorgesetzt: die von der ewigen Wiederkunft des Gleichen, die nach Jordans Vorbilde auch Nietzsche predigt, mit dem sich übrigens kürzlich Spitteler in einem Aufsatze der „Südd. Monatshefte" auSeinanber gesetzt hat. Diese Lehre ist auch in dem Sturz und denr Jmmer-wieder-Em- porkommen der Götter (durch Anaukes Schaufelrad) bereits dargestellt. Die erwähnte Lehre selbst spricht wörtlich der Seher Orpheus aus (1. Teil, 2. Gesang): „In diesem Stein, in jenem Felsen kann ich's lesen: Eh das; ich war, so bin ich früher schon gewesen. Hei, wie das Bild sich klärt! wie Licht an Licht sich setzt! Am Anbeginn der Welt da steh ich grausend jetzt. Wie sie geschah, woher des Uebels Ursprung sei. Verhüllt sich meinem Blick. Allein ich war dabei. Ich war dabei! . . . O Wunder über Wunder! weh! Ich wittre Schöpfungslust, ich riech ein ewig Weh! Ob Unglück, ob Verbrechen, will sich nur nicht weisen: Das Zarte unterliegt und Obmacht hat das Eisen!" Hier, wie noch an mehreren Stellen ist jener Jordan entgegengesetzte Pessimismus gepredigt,. der dem Materialismus unseres Zeitalters entspringt. Nicht nur in den Begebnissen der Handlung, auch gelegentlich in Meinung und Gesinnung der Personen tritt er bis zur häßlichsten Gemeinheit hervor, bspw. bei der Zeugung der künftigen Himmelskönigin, wo Genesis dem sich umarmenden Götterpaar einen Fußtritt versetzt und höhnend in die Worte ausbricht (2. Teil, 7. Gesang): „Was schwenkst du so verliebt dein mütterlich Gekröse? Die Welt ist schlimm und allem Werdenden wird böse!" Doch nicht bloß im einzelfälligen Weltgeschehen, auch int ewigen Weltzustande nimmt der Dichter nicht die „denkbar vollkommenste aller Welten" an, sondern die denkbar schlechteste, böseste. Und auch diese hat für ihn keinen dem Menschen erkennbaren Sinn. Entsetzlicher noch wird diese trostlose Anschauung dadurch, daß diese Welt nicht als vorübergehender Zustand gilt, sondern als eine nicht zu verändernde Folge immer wiederkehrender Vorgänge, über denen als höchstes _ erkennbares Gesetz die Notwendigkeit steht. Homer hat seinen menschenähnlichen Göttern einen fast unumschränkten freien Willen gegeben; sie leiten die Geschicke der Menschen nach Gerechtigkeit oder nach Saune und stehen selber nur unter dem Schicksal, unter Moira, deren Walten selten genug erkennbar wird: etwa in schwerwiegenden Dingen, wofür die Götter die Verantwortung nicht übernehmen tvvllen. Dementgegen sind bei Spitteler die Götter keineswegs frei; das Geringste, was sie tun, ist eine Notwendigkeit von Ewigkeit fyn-., 304 — Moira, das Schicksal, ist ebenfalls keine selbständige Macht; sie ist bloß die meldende oder ausführende Botin des Willens ihres schrecklichen Vaters Ananke. Und auch Ananke, obschon ausgestattet mit all der Macht, die im Wirken der Welt uns erkennbar wird, scheint nicht selbstherrlich: er ist der „gezwungene Zwang". Bezeichnenderweise behandelt der Dichter Ananke als Mann; er traut wohl einem Weibe die Grausamkeit, Härte und Unerbittlichkeit nicht 51t,, die zur Durchführung all des Entsetzlichen in der Welt nötig sind. . . Man nehme diese Weltanschauung Spittelers hm, tme man will, trotzig oder resigniert: in seinem Werke erscheint sie als Religion. So schrecklich dieser Pessimismus erscheint, der alles als notwendig und als ewig wiederkehrend hinstellt, so tröstlich, ja moralbildend und bessernd kann er wirken, insofern als jedes Höhcrstreben des Menschen auch als eine von Ewigkeit her bestimmte Notwendigkeit erschiene. Damit ist er lebenbejahend und mündet in eine Philosophie aus, die, wie die Jordans, in der Darwinischen Lehre ihre wissenschaftliche Begründung hätte. Kein Sichgehcnkasseu, keine untätige Hoffnungsseligkeit, kein fatalistischer Türkenglanbc hat in ihr Raum: nur der kämpfende' Mann spricht in ihr mit, nach Goethes Forderung: Tätigkeit und Vertrauen! Vermischtes. ipc. Die Klage einer Amerikanerin über die deutschen Männer. Eine junge elegante Amerikanerin, welche kürzlich in Gesellschaft einer Freundin den europäischen Kontinent rmd auch Deutschland besucht hat, richtet folgende Beschwerde an den Briefkasten des New Park Heralb: Ist es möglich, daß das auffällige Anstarren junger Damen in Deutschland manierlich gefunden werden kann? Ich und meine Freundin sind während meiner Reise durch Deutschland in allen Hotels durch allzueifriges Anstarren durch junge Männer in unangenehmster Weise belästigt worden. Auch in andern Ländern Europas haben wir die Beobachtung gemacht, daß gerade die deutschen Herren sich durch zudringliche Neugierde vor alleir andern auszeichnen. Wir nahmen in der erster 'Zeit an, daß wir uns zufällig einige» Leuten gegenüben befanden, welche die Lehren des gute« Tones eben nicht ' genügend beherzigten, aber ein kleines Abenteuer, welches wir in Italien hatten, belehrte uns bald eines Schlechtem. Wir saßen in einem fashioitablen Hotel der Riviera imi) in unserer Nähe saß ein junger Herr, welcher uns in so auffälliger Weise mit den Blicken verfolgte, daß wir nicht umhin konnten, den Maitre d’Hotel zu bitten, uns einen andern Tisch anzuweisen. Zn unfern: Erstaunen teilte uns Letzterer mit, daß der in Frage kommende Herr ein naher Verwandter eines der höchsten deutschen Fürstenhäuser sei. Ist es nun möglich, daß dieser junge Mann sich privilegiert glaubt, sich an die Gesetze des guten Tones nicht haltet: zu müsset:, oder amüsieret: sich alle deutsche!: Herren damit, jedes einigermaßei: hübsche Mädchen, in dessen Nähe sie sitzen, in auffälliger Weise zu beäuget: ? Als geborene Amerikanerin und als Tochter eii:es Landes, in welchem der Gentlemai: einer Frau bett höchsten Respekt zollt, bitt ich ein solches Benehnten keinestvegs gewohnt, und muß ich sagen, daß es mir dett Aufenthalt in dem sonst so schönen Deutschland ein wenig verleidet hat. Vielleicht kamt mich einer der Leser dieser Zeilen darüber informieren, ob die vernünftig denkenden Leute in Deutschland ein solches Benehmeit verurteilen oder richtig finden. * Ein furchtbare r Schlafgefährte. Im „Eclair" erzählt A. Haune, der längere Zeit in Martinique geweilt hat,s vot: dem außerordentlichen Schlangen- reichtutn dieser französischen Insel in Westindien und von dett Verheerungett, die die furchtbaren Giftschlangen alljährlich unter den Eingeborenen attrichten. Dabei berichtet er von einem Vorfall, der sich vor nicht allzu langer Zeit in Fort de Fratice ereignete. Int Disziplinarge- fängnis war ein junger Kolonicllsoldat wegen eines gcring- sügigcn Vergehens eingeliefert worden. Die Temperatur tvar heiß nrtb drückend, und da der Soldat feiu schweres Verbrechet! sich hatte zuschulden kommen lassen, ließ der Redaktion: I. V.: diensthabende Sergeant die Nacht über die Zelle halb offen. Der Aufseher selbst erzählt das weitere: „Die Nacht verlief ohne Zwischenfall. Als ich am Morget: um fünf Uhr mich der Zelle näherte, um nteittett Gefangenen mit einem energischen „Aufstehen!" aus dem Schlummer zu weckett, blieb mir vor Entsetzen das Wort in der Kehle stecket:. Der Maut: lag auf dem Rücken, unbeweglich, und auf seiner Brust sah ich eine große gelbe Viper. Friedlich hatte sie sich dort zusammengerollt und schien zu schlafet:. Auf den Fußzehen schlich ich davot:, stürzte zur Polizei und kehrte nach roeingett Minuten mit einer Schale Milch und einigen Gefährtei: zurück. Leise, vorsichtig schob ich das Milchgefäß durch den Türspalt und begam: zu pfeifen; was mir gerade eiitfiel, ich glaube, es war die „schöne blaue Donau". Bei der Walzerweise hob die Viper, die für Musik eine außerordentliche Vorliebe hat, bet: Kopf, itttb baut: glitt sie langsam zur Erde und näherte sich der Milchschale. In dem Augenblick, da die spitze schmale Zunge itt die weiße Milch tauchte, saustet: zehn Knüttel gleichzeitig auf das Reptil nieder. Es war eit: prachtvolles Exemplar vot: fast zwei Meter Länge. Der Gefangene aber lag besinnungslos in tiefer Ohnmacht. Er erzählte später, wie er um Mitternacht von einem Drucke auf der Brust erwacht sei und den glatten Schlangenkörper gespürt, den Kopf der verderblichen Viper deutlich gesehen habe. Ji: starrem Entsetzen, in krampfhafter Unbeweglichkeit verbrachte er die Nacht, die Sekut:den wurdet: zu Stunden, und als er am Morget: endlich meinen Schritt hörte, wurde er ohnmächtig vor Nervenerschöpfung. Erst nach wochenlai:gem Aufenthalt im Saitatoriun: erholte er sich. Seine Haare aber wäret: it: diesen fürchterliche!: Stunden über Nacht schneeweiß geworden. . . * Das Radfahren der Kinder. Auch viele Kinder hegen den Wunsch, ein Stahlroß zu tummeln, und man kann viel Knaben und Mädchen auf dein Rade sehen. So sehr nun das Radfahren einem Erwachsenen als außerordentlich gesunde Körper- Übung entpfohlen werden kann, falls er nicht in Uebertretbiing verfällt, so schädlich ist es den Kindern. Der Rumpf t|t nom zu schwach, die Knochen sind noch zu wetch, die Lunge noch zu nneutwickelt, Kehlkopf und Rachenorgane sind geraoe ut dieser Zeit außerordentlich empfindlich. Erst vom la. .jatjre etwa an gestatte man Knaben und Mädchen das Radfahren. Das Haus im Spruch. Tie Räume wachsen, es dehnt ffich das Hans. Schiller. Im Hause, wo der Gatte sicher waltet, Da wohnt allein der Friede, bett vergebens Int weiten du da draußen suchen ntagst. Goethe. TaS HauS ist ein Teil deS^Ctaates. Theophrast. Kommt das Gluck des HauseS, so kommt das Glück der Welt. In seinem Hause ist selbst der Arme ein Fürst. Talmud. Rätsel. DaS Erste ist der Liebe Wort; Dein Glück ist ausgebaut, Wenn nach der bangen Frage du Vernommen diejctt Lattt. Das Zweite ist das Gegenteil, Gefortnt vom Dialekt. Wie ost hat es int Ehestand Schon Zorn und Zwist geweckt? Das Dritte drückt die Menge auS, Bald ist sie klein, bald groß; Sie zeigt sich schott in edlem Buttd, Doch schrecklich zügellos. Tas Ganze nennt den Krieger dir In einem fernen Land, In nnserer deutschen Sprache ist Es lange schon bekannt. 9(. Ammann. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Gemeinsam Leid macht die Bürde leichter. E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäts-Buch- und Sleindruckerei, N. Lange, Gießen,