Donnerstag ven 43. August mit 1908 — M. 126 OMI Ä MMM UM lE->M ^MMMZÄLi Sie sollen ihn nicht haben! Novelle aus der Zeit ber EisenLahnfurcht. Bon Johannes Proelß. (Nachdruck verboten.) I. Tie Abenddämmerulrg breitete schon ihre Schatten über den Rhein, als an einem schönen Herbsttag des Jahres 1840 ein festlich bewimpeltes Dampfschiff sich dem Landeplatz am Ufer von Biebrich näherte. Es kam von Köln und in Rüdesheim halte es eine zahlreiche frohgestimmte Gesellschaft von Herren und Damen ausgenommen, Mitglieder der Mainzer Liedertafel, die einen Tag im Rheingau verbracht hatten und nun bei Gläserklang und Liedersang in echt rheinischem Behagen Heimfuhre«, Ein kunstgerechter Gesang tönte voni Schiff und klang hinüber ans Biebricher Ufer, wo in den Fenstern des Schlosses des Herzogs von Nassau noch der letzte Widerschein der untergehenden Sonne funkelte. Es war ein neues Lied, das man sang, ein Lied, das er ft vor kurzem aufgekommen war, sich aber im Nn die Herzen von alt und jung erobert hatte; der Vereinsdirigent hatte es selbe« vierstimmig gesetzt, und die fröhlichen Mainzer wurden auf dieser Festfahrt nicht müde, es immer aufs neue anzustimmen: Niclas Beckers Rheinlied „Sie sollen ihn nicht haben!" Wohl in keinem Jahr, so lange des Rheines grüne Flut die Rcbenhvhen seiner Ufer umspült, ist so viel und so begeistert von der Herrlichkeit des größten deutschen Stromes gesungen tvvrden, wie im Jahre 1840. Die ersten Kundgebungen Friedrich Wilhelms IV. nach seiner Thronbesteigung hatten das Mißtrauen Frankreichs wachgerufen. Uebermütige Kriegsdrohungen waren in Paris ausgestoßen worden, und nun ging die Entrüstung über die welsche Anmaßung wie ein Sturm durch die deutschen Lande. Vergebens hatte man in Frankreich auf die Zerrissenheit Deutschlands gerechnet! Selbst der Staatskanzler Oesterreichs, Fürst Metternich, und seine Getreuen am Bundestag ließen den hellauflodernden Enthusiasmus des deutschen Geistes eine Zeitlang gewähren. Die meisten deutschen Fürsten erließen Amnestien für die vielen politischen Märtyrer, denen man die Sehnsucht nach einem freien einigen Vaterland als Verbrochen ausgelegt hatte. Durch die Reden des neuen Preußenkönigs auf den Huldigungsfesten tönte verheißungsvoll das Wort von der tagenden neuen Zeit für ein einiges starkes Vaterland. Und was das Volk empfand, gewann Sprache in den Worten seiner Dichter; „Sie soll«: ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein", dies Trutzwort des rheinischen Dichters ward zur tausendstimmigen Antwort auf den französischen Kriegsruf „An den Rhein!" Unter den Fahrgästen des Dampfers, die nicht zu der Mainzer Säugergesellschaft gehörten, hatte ein einzelner hochgewachsener Herr, dessen Kleidung fremdländischen Zuschnitt hatte, mit besonderer Ungeduld auf die Landung des Schiffes gewartet. Seine Augen waren in freudiger Erwartung auf die Landungsstelle gerichtet und hatten nicht acht auf das malerische Bild des Mainzer Beckens, das sich beim Wenden des Dampfers in seiner ganzen Schönheit auftat und sonst an Bord zahlreiche Bewunderer fand: Iber breite, majestätische Strom mit den langgestreckten, zum Teil bewaldeten Inseln, die er zwischen Biebrich vielarmig umfließt iinö der ferne, in den Silberschein der Dämmerung gehllllkö Schattenriß des türmereichen, von Festungsivällcn umstarrten alten „goldenen" Mainz. Ein Flüchtling, der vor fünf Jahren als Gießener Stu« deut sich der Verhaftung wegen „demagogischer Umtriebe" ent-, zog, weil er ein notorischer Anhänger Karl Fallens und Weidigs war, kehrte in die Heimat zurück im Vertrauen aus die tagende neue Zeit. Fritz Helle hatte in Gießen Ingenieur-, Wissenschaft studiert und war dann in der Zwischenzeit in Belgien ein auch im praktischen Dienst erfahrener Eisenbahntechniker ge- worden. In keinem Lande kam es ja so schnell zum Ausbau eines wohlgegliederten Eisenbahnnetzes. Als er die Zeit reif für die Rückkehr erkannte, bewarb er sich von Brüssel aus um die Stelle eines Betriebsingenieurs bei der neuen, erst vor kurzem eröffneten Taunusbahn zwischen Frankfurt a. M-, Castel und Biebrich, deren Direktion mit der Absicht umging, auf einen großen Teil ihrer Strecke ein zweites Gleise legen zu lassen. Das Glück war ihm hold- Heute kam er von Brüssel über Köln, um seine Stelle anzutreten, die ihm für's erste das Betriebsbureau in Castel, dem rechtsrheinischen Mainzer Vorort, als Arbeitsstätte anwies. Seine Braut, Käthchen Schön-, Hardt, ein schmuckes Försterskind seiner Heimat, war ihm von Mainz aus, wo sie bei einer dort verheirateten Schwester zu Besuch weilte, nach Biebrich entgegengefahren. Damals, als sie ihn vor seiner Flucht zum letztenmal gescheit, hatte, war er schmächtig und bleich gewesen, heute trat er ihr zum Manne gereift entgegen. Ein starker blonder Bart schmückte ihm Mund und Kinn und sein Auge blickte freier, milder ans dem sonnverbrannten Gesicht. Bald hatte er die Gesuchte unter der Menge der neu einsteigenden Mitreisenden erkannt, und jubelnd, unter Weinen und Lachen, lag sie an seiner Brust. Als er dann ihr Haupt zu sich emporhob und — unbekümmert um seine Umgebung —- ihr innig Mund und Stirn und Haare küßte, da hatte sie nur die eine Empfindung: „Nun bist du wieder mein — für immer!" Der schrille Ruf der Schiffsglocke, welcher das erste Zeichen zuv Abfahrt gab, löste die Umarmung. Nun trat auch die Schwester Käthes, Frau Lotte Werner, mit ihrem Mann, dem jovialen Re- gieruugsbaumeister Arnold Werner, heran, die bisher vom Ufer auS dem Wiedersehen der beiden in stiller Rührung zugeschaut hatten. Fritz. Helt begrüßte sie herzlich- Die Schwäger sahen sich zum erstenmal. Nur aus gegenseitigen Briefen und den SM- derungen der Schwestern waren sie einander bekannt. Bei bet Bewerbung um die Stelle nn der Taunusbahn hatte Werner als hessen-darmstädtischer Regierungsbaumeister sich Hell durch gute Ratschläge gefällig erweisen können. Das neu zu bauende Schieuengleis führte zu einem Teil durch hessisches Gebiet. Auch Hells künftiger Wohnort Castel lag ja im Grvßherzogtum Hessen, gleich Mainz, das freilich- als Festung deutsches Bundeseigentum war. Werner war erst seit kurzem voll Darmstadt nach Mainz versetzt worden, wo er wichtige Aufgaben zur Hebung der Rheni- 502 schisfahrt äuszuführen hatte. Auf diese spielte er nun mt, als .Hell ihm seinen besonderen Dank dafür aussprach, daß auch er zur ersten Begrüßung mit nach Biebrich herübergekommen sei. „Darüber lieber Schwager, verlier' nur kein Wort! Der verwünschte Fangdamm, mit dem uns die Nassauer hier das alte Strombett verdorben haben, macht mir das fleißige Befahren der Strecke zur Pflicht! Du kannst dir gleich jetzt auf der Fahrt den Schaden besehen!" Tie vier bestiegen das Schiff, auf welchem die lebhafte Begrüßungsszene nicht unbemerkt geblieben war. Vergeblich bemühte sich Hell, für sich und sein Lieb ein einsames Plätzchen zu finden, ans dem sie sich ungestört dem Austausch ihrer Empfindungen hätten hingeben können. Nur die Höflichkeit zweier Herren, die mit Werners befreundet waren, verschafften den beiden Damen Sitzplätze. Hell und Werner traten an die Schiffsrampe. So bekam dieser Gelegenheit, das Thema bald wieder aufzunehmen, das ihm so sehr am Herzen lag. Es drängte ihn, mit seinem Schwager, dessen scharfen Verstand er längst schätzen gelernt harte, und der ja eben aus den an Wasserbauten so reichen Niederlanden kam, über die Sorgen zu reden, welche ihm der unerquickliche Greuzstreit zwischen Hessen-Darmstadt und Nassau wegen des Fahrwassers im Rhein bereitete. Tie Dampfer hatten in jenen Tagen für die kurze Fahrt »on Biebrich nach Mainz keinen so glatten Kurs wie Heute. Da- juais war noch das kleine Biebricher Wörth, das jetzt an die rhein- .16 sich ziehende Rettbcrgsaue angeschlossen ist, eine selbständige Insel. Die Einfahrt in den breiten schiffbaren Rheinarm zwischen der Peters- und der Ingelheimer Aue wurde erschwert durch einen sich vom Biebricher Würth aus in den Strom erstreckenden Steindamrn, der nach Biebrich hin einen starken Abstrom des Fahrwassers bewirkte. Diesen „Fangdamm" hatte schlauerweise die nassauische Regierung zugunsten ihres neuen Hafens Mfführen lassen, den sie vor Biebrich auf Beschluß der Schiff- fahrtskommission der Rheiustaaten hatte anlegen dürfen. „Fein haben's die Herren in Nassau angefangen, das muß man jagen!" murmelte Werner, der mit gerunzelter Stirne seinem künftigen Schwager den Fangdamm zeigte. „Drum hat man auf unserer Seite zu spät bemerkt, worauf die Sache hinauslief! Jetzt sind die Regierungen in heftiger Fehde begriffen. Der Eingang zum Mainzer Hafen versandet, und der Schaden, den unser Handel erleidet, ist ungeheuer! Seitdem die Biebricher uns das Stromwasser abgefangen haben, wachst der Verkehr zusehends in ihrem- Hafen. Die Taunusbahn fördert ihn auch Doch kein Protest hilft! Unsere Nachbarn stützen sich auf das ihnen ein- ßeräumte Recht, den Hafen zu errichten; und zu einem Hafen, sagen sie, gehöre auch die Möglichkeit guter Zufahrt! Von Mainz aus aber hagelt es Beschwerden und Vorstellungen beim Mini- Herium in Darmstadt. Unser Minister ist wütend" Ter Regierungsbaumeister seufzte tief auf. „Du singen sie pun begeistert auf unseren Tampfern das neue Lied vom „freien" deutschen Rhein, und ich sing' es mit! Jawohl, frei vom französischen Joch! Aber wie lange wird es noch dauern, bis der Rhein auch frei von den Fesseln und Hemmungen des Verkehrs wird! Solange jeder Rheinstaat das Recht behält, von der Fracht der rheiuauf, rheinab ziehenden Schisse einen Zoll zn erheben, ist eine Wendung zum Bessern nicht möglich!" Hell hörte mit Interesse diesen Ausführungen zu, umsomehr, als er sah,..daß Käthe es teilte und mit zärtlichem Stolz an seinen Lippen, hing, wenn er mit sachverständigen Fragen den Schwager unterbrach. Doch mußten ftch die Männer auf einen kurzen Gedankenaustausch beschränken. Werner, von dem man wußte, baß er im Mainzer Stromgebiet allerhand Arbeiten leitete, die dem alten Handel der Stadt zur Förderung gereichen sollten, hatte hinter den Mitgliedern der „Liedertasel" nicht wenige Bekannte, und die meisten von diesen kannten auch seine Frau, die im letzten Karneval eine der reizendsten Masken gewesen Ivar. Sehr bald hatte es sich herumgesprochen, daß der. Herr neben Frau Werners Schwester, dem lo viel Lebensmut aus den Augen strahlte und der vorher auf der Fahrt nach Biebrich doch so ernst und still gewesen war, ein Umgekehrter Flüchtling sei, den die letzte große Demagogenverfolgung vor fünf Jahren in das Ausland getrieben hatte. In der jetzt herrschenden Stimmung war man stolz auf den Landsmann, den patriotische Freiheits- begeisterrmg so jung zum Märtyrer gemacht hatte, und viele benützten die Bekanntschaft mit Werners, um Hell und seiner Braut vorgestellt zu werden; man gratulierte ihnen und trank ihnen zu. Hell wurde der Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Eine in der Nähe sitzende Dame war so entzückt von dem holden, schlichten Wesen der Braut, daß sie einen Strauß von Spät- vosen, der ihr in Rüdesheim von Verwandten geschenkt worden war, ihrem Töchterchen mit dem Auftrag gab, die Blumen dem „lieben Fräulein" zu überreichen. Die Kleine tat dies gar reizend, unter dem Beifall aller, die Zeugen des anmutigen Schau- fpiels wurden. Wthe küßte das Kind und verneigte sich gleich ihrem Bräutigam dankend gegen die Spenderin. Da ging ein Flüstern wie heimliche Verabredung durch die Runde; auf dem offenen Platz vor dem Steuermannskasten scharte! sich eine Gruppe von Herren um den Bereinsdirigenteu und brausend setzte das Lied „Was ist des Deutschen Vaterland?" ein, das bis vor kurzem verbotene Lied des alten Arndt, das 1813 die deutschen Truppen über den Rhein nach Frankreich hinein begleitet hatte und bann beim Ausbruch der Demagogenverfolgung verfehmt worden war. Seitdem hatte auch dieses Lied nur heimlich als Flüchtling unter Flüchtlings gelebt. Jetzt aber war es wieder frei, war wieder heimgekehrt; jetzt wetteiferte es mit dem Rheinlied, das neu entflammte Vaterlands-! gefühl des Volks zu offenbaren. . . . „Das ganze Deutschf- land soll es sein!" ■ Alle, die das Lied fangen, waren aufgestanden, als handle es sich um ein Gebet, ein Bekenntnis. Der Mond, der in feierlichem Glanz über dem Taunus stand, goß sein ernstes, mildes Licht über die andächtige Gruppe. Glockentönig verhallte das Lied im Wellenrauschen des Rheins. (Fortsetzung folgt.) Leihgestern. Altes und Neues zur Geschichte des Dorfes von Ludwig Strack. Mriginalbeitrag der „Gieß. Fam.-Blätter".) Nachdruck verboten V. Die Baugeschichte der evairg. Kirche- Eine Kapelle zu Leihgestern wird, wie wir sahen, im' Jahre 1237 erwähnt. Wie sah diese Kapelle aus? Bei dem Abbruch des alten Kirchenschiffes int Jahre 1908 entdeckte man in der Nordmauer desselben vier später zugemauerte Fenster romanischen Stils. Die entsprechende Maner auf der Südseite war wegen Baufälligkeit im 19. Jahrhundert durch eine Backsteinmauer ersetzt worden. Nach dieser alten Mauer mit romanischen Fenstern konnte man sich ein Bild von der alten Kapelle machen, da die übrigen neueren Mauern auf den alten Fundamenten erbaut waren. Hiernach war sie,eine Saalkirche, 16 Meter lang, 8,50 Meter breit mit einer Decke, deren Höhe an dem später angebauten Turm noch zu erkennen ist, und wahrscheinlich mit einem sogenannten Dachreiter, in dem die Glocken hingen. Für dis Bauzeit dieser Kapelle kann man kein bestimmtes Jahr an- geüen. Sie fällt aber in die romanische Stil Periode (10. bis 13. Jahrhundert), in der im Lahngau, zu dem der Hüttenberg gehörte, eine außerordentliche Bautätigkeit entfaltet wurde. (Bgl- die Kirche in dem- Nachbarort Große n-Linden.) Als die Gemeinde größer und wohlhabender wurde, hat man, wie auch an anderen Orten, an die Kapelle einen Turm angebaut, der dann als Chor diente. Darüber, wann dieser Turm angefaugen worden ist, hat matt auch nur Vermutungen. Die Fenster weisen in die frühgotische Zeit. Fertiggestellt und mit Schieferdach versehen wurde er unter dem ersten Pfarrer um 1595. Bon diesem Turmbau haben wir noch die Rechnung, aufgestellt 1598. Bier sogenannte Baumeister und der Pfarrer bildeten das Baukomitee und besorgten auch die Kasseuangelegen- heiten. Die vier Baumeister waren: Thönges (Antonius), Henkel Kiehe oben), Hans Burgk, Thomas Schmid und Hieronymus Burgk. Die Einnahmen bestehen aus dem Ertrag einer Haussteuer (3 fl.), die jedoch auch abverdient werden konnte, einem Zuschuß aus dem gemeinen Gotteskasten des Hüttenbergs, einem solchen aus dem Kasten von Leihgestern und dem Erlös für verkaufte Holzabfälle, summa summarum 1349 sl. 20 alb- 4 Pfg. Die Ausgaben belaufen sich auf 1287 fl. 7 albt 2 Pfg. Hiervon bekommen die Maurer 400 fl., die Zimmerleute 79 fl- 9 alb. 2 Pfg., dep Schmied 44 fl. 28 alb-, die Leyendecker (Dachdecker) 165 fl. Unter den kleineren Ausgaben nimmt die Rubrik: „Ausgab für Zehrung" einen sehr großen Raum ein. Offenbar wurden Handwerker und Fuhrleute von der Gemeinde verköstigt. Dies also war der erste größere Kirchenbau, von deut wir noch die Rechnungen haben. Der damals sertiggestellte Turm ist von kleineren Reparaturen abgesehen, bis heute geblieben. Spätere Neubauten und Erneuerungen beziehen sich auf das Kirchenschiff. So die nächste größere Reparatur, von der wir 100 Jahre später hören, lieber sie sind wir gut unterrichtet- Erstens sand man neuerdings unter dem Verputz an der Westseite des Turntes eine hierauf bezügliche Inschrift mit folgendem Wortlaut: „Templum hoe arcuatum et renovatum est anno 1692 die XX Septembris sub cura ac piis precibns Georgii Henrici Heel Darmst. p. t. pastoris huias loci. Memento mei dens meus in bonuni. Neb. XIII, v. 31.“ Deutsch: Im Jahre 1692 den 20. September ist diese Kirchs renoviert und mit einem Gewölbe versehen worden, unter der Fürsorge und den innigen Gebeten des Georg Heinrich Heel, des derzeitigen Ortsvfarrers. Gedenke meiner, mein Gott int 503 die Reisebriese. Von Dr. A. 3- (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl."). IV. Lissabon. Im ersten Morgengrauen tauchen gespenstisch aus den Nebeln Zinnen der stolzen Königsburg, der Cintra. Hie und da blinken aus dem Gran ein kleines Fischerdorf, ein Kloster, ein Besten. Nehenna, Kap. 31, Vers 31. Zweitens haben wir die ausführliche Baurechnung von 1691—1696. Der Bau kostete 472 fl. Da jedoch damals (nach dem 30 jährigen Krieg) die Gemeinde diese Summe nicht allein anfbringen konnte, wird im Land eine Kvllekte erhoben, die 180 fl. eintrug. Die Hauptsache bei diesem Bau war das Gewölbe, das an Stelle der seitherigen Decke trat und zwar ein hölzernes Tonnengewölbe mit hölzernen sich kreuzenden Rippen, das weiß getüncht wurde und sehr schön aussah. Die Leihgesterner werden es alle noch! in Erinnerung haben. Außerdem wurden Emporen eingebaut, zu denen eine schiefer-gedeckte Freitreppe hinaufführte, die sich sehr malerisch aus- Nahm. Jetzt hat letztere bei dem Neubau als ein Teil des Turmaufganges wieder Verwendung gefunden. Die Leihgesterner Kirche hat, wie aus dem Gesagten hervorgeht, damals die Gestalt bekommen, die wir noch gekannt und liebgewonnen haben. Es war eine alte trauliche Dorfkirche Nur genügte sie schon lange nicht mehr den Ansprüchen der Neuzeit. 1694 sammelte man für eine Orgel in die neu hergestellte Kirche. An freiwilligen Gaben gingen 63 fl. 24 alb. ein. Ein Jahr später tonnte die Orgel für 214 fl. beschafft werden. Diese Orgel hat bis znm 27. Mai 1906 ihren Dienst getan, toemt _ sie auch in letzter Zeit wegen Altersschwäche zuweilen mitten im Liede einmal ausruhte. Bier Tage später hat das eingestürzte Gewölbe sie total zertrümmert. Im 18. und 19. Jahrhundert hat man nur notivendige Reparaturen vorgenommen. Die Mauern der alten Kapelle wurden an den dem Wetter besonders ausgesetzten Seiten morsch!. ^Deshalb hat man 1765 eine neue Giebelmauer im Westen aufführen müssen, wie folgende Inschrift besagt: Dieser Giebel der Kirch ist int Jahre 1765 den 27. Jnli unter dem damaligen hisigen Pfarrer Henrich Christophs Dornseiff und den Burgemeistern Peter Krick, Johannes Wiel und Adam Münch von beit Mauermeistern Johannes Weiand und Christoph Rachel von Dorf Gill neuaufgericht worden. Die Inschrift war in dem Giebel eingemauert und befindet sich jetzt in der Umfassungsmauer des Kirchhofs an der Straße rechts von der Vorhalle. Im Sommer des Jahres 1867 hat man dann auch die Südwand abgebrochen und von Grund auf neu gebaut und zwar dem Geschmack der damaligen Zeit entsprechend mit Ziegelsteinen. Außer diesen größeren Reparaturen hat der Blitz einige kleinere irotwendig gemacht. In den Kirchturm, der erst neuerdings mit Blitzableiter versehen wurde, hat der Blitz öfters eingeschlagen, im 19. Jahrhundert allein dreimal, nämlich 1831, 1868 und 1898, jedoch glücklicherweise immer ohne zu zünden. . , v Im Laufe des letzten Jahrhunderts war bte Kirche allmählich recht baufällig geworden. Abgesehen davon, daß sie keine Heizung hatte, wurde sie für die stets im Anwachsen begriffene Gemeinde zu klein. Schmutz und Fäulnis taten noch ein übriges, um die Zustände unhaltbar zu machen. Deshalb beschließt der Kirchenvorstand schon 1895 mit der Ansammlung eines Baukapitals den Anfang zu machen. Im Jahre 1900 beantragt er, es sollten wegen Herstellung der Kirche bezw. Erbauung einer neuen die vorbereitenden Schritte getan werden. Jedoch findet der Antrag nicht die Zustimmuitg des Gemeinderats. Ersterer hält trotzdem den Bau für notwendig und beauftragt am 15. Februar 1905 den Baumeister Ludwig Hofmann aus Herborn, die nötigen Vorarbeiten auszuführen. Noch waren die Verhandlungen über dessen inzwischen vorgelegte Pläne nicht zum Abschluß gekommen (Neubau oder Reparatur?), als unerwartet eilte rasche Entscheidung herbeigeführt wurde. Das Schis- der Kirche stürzte am 31. Mai 1906 etwa nm 71/1 Uhr abends ein. Die unmittelbare Ursache war eilt heftiges Unwetter, das auch in der Umgegend großen Schaden anrichtete. Das Dach der Kirche wurde von einem Windstoß zur Hälfte in den Nachbarhof geschleudert, die andere Hälfte fiel auf das Holzgewölbe, das keinen Widerstand leistete. Gewölbe, Orgel, Emporen und ein Teil des Gestühls wurden zertrümmert, der Tnrm blieb unversehrt. Daß neu gebaut werden mußte, stand jetzt fest. Und da die Baulast für die Kirche auf der bürgerlichen Gemeinde ruht, 'berief man eine gemeinschaftliche Sitznng des Kirchenvorstandes und Gemeinderats auf den 8. Juni. Es wurde beschlossen, nach dem vorliegenden in mehreren Punkten umzuarbeitenden Plane ein Kirchenschiff auf Kosten der Gemeinde neu zu erbauen und mit Zentralheizung ^u versehen. Der ab geänderte Plan mit dem Voranschlag von 68 500 Mk. wurde am 26. Januar 1907 gut geheißen, nachdem int Herbst 1906 die Mauern des alten Kirchenschiffs abgebrochen worden waren. Bald darauf begann man mit dem Bau, so daß am 9. Mai die feierliche Grundsteinlcgnitg erfolgen konnte- Sie steht ja noch in frischer Erinnerung. Der Bau schritt rasch vorwärts. Die Bauleitung hatte nach denk Gesetz der Kirchenvorjtand; durch das Entgegenkommen des letzteren arbeiteten aber in Leihgestern Kirchenvorstand und Gemetnderat gemeinschaftlich. Bis zum Herbst des Jahres war die Kirche unter Dach. Im' Winter 1 JO //U8 wurden die Weißbinderarbetten vorgenommen und bte Zentralheizung hergestellt. Der Niederdruckdampfheizungsofen wurde tu einem Keller unter der Sakristei aufgestellt, dessen Sicherung gegen Grundwasser sehr viel Mühe und Arbeit kostete. Im Fruhtahr 1908 erfolgte die innere Ausstattung. Wenn, diese Zeilen dem' Publikum vorliegen, wird die Kirche bereits eing-eweiht sein. Schluß folgt. Stückchen schmalen weißen Strandes, steile von gischtiger Brandung nmspühlte Felsen. Neber der See hat eine frische Brise den Nebel schon hinweg gefegt, und in der Mvrgensonne glitzern die schneeigen Segel einer Fischerflottille. Langsam, in großem Bogen, biegen wir in den Tajo ein, und während wir flußaufwärts fahren, schält , sich herrlich, wie eine Schöne ans dem Schleier, die stolze Lisboa aus bent Nebelkleid. Wie ein kostbarer Teppich, so schmiegen sich Häuser und Gärten, Paläste und Parks über Strand und Hügel, und leuchtend, in ungebeugtem Stolz, überragt sie alle der königliche Palast. , Weit fährt man den lebhaften Fluß hinauf, und mit stillem Neid sieht der Deutsche wieder einen von der Natur einzig begünstigten Hafen. Säßen hier deutscher Fleiß oder englisches Geschäftsgenie, Lissabon müßte einer der ersten Handelsplätze der Welt werden. Eine stattliche Zahl von Handelsschiffen liegt vor Anker, wie Ruinen wirken daneben vier abgetakelte Kriegsschiffe. Zur Linken bezeichnet eine grüne Boje die Stelle, wo die stolze Borussia der Hambnrg-Amerika-Linie ihr Wellengrab gefunden hat. Der Zollstation gegenüber machen wir feit, und nach langem' Handeln — ohne das scheint es in Portugal nicht zu gehen — nimmt uns eilt Boot ans Land. Welch ein Gegensatzzwischen gestern und heute! Oporto, der volkreiche Platz mit dörfischen!! Gepräge und unverändert bewahrtem nationalem Charakter, hier in Lissabon die vollkommen moderne Großstadt mit durchaus internationalem Gepräge, allem Hasten und allem Raffinement des 20. Jahrhunderts. Eine stark belebte Geschästsstraße führt uns nach der braca de commercio, einem wetten, tu» Süden nach dem Fluß offenen, und nach den andern Setten von der Post imb den Ministerien eingerahmten Platz, über bei» der Strom des Verkehrs lebhaft und geräuschvoll htitwegbraust; niemand scheint sich mehr zu erinnern, daß die Stätte zum Drama des Königsmords die Kulisse hat liefern müßen. Die Stadt ist sehr weitläufig gebaut, und dank der etwas gewaltsamen Sanierung, die sie in der Mitte be§_18 Jahrhunderts durch das große Erdbeben erfahren hat, fast durchweg brett und luftig angelegt. Selbst die Gassen und Gäßchen des ärmeren, östlichen Stadtteils zeigen relativ stabile Hauser. Der Verkehr wirb durch ein ausgedehntes Netz elektrischer Bahnen unterhalten lieber bett bebeutenben Niveauunterschied zwei men oberer und unterer Stadt trösten den, der nicht gern Berge steigt, eins Zahnradbahn und ein großer Perfonenaufzug, von dessen Plattform man eine herrliche Aussicht genießt. Breite Straßen, in denen sich Passanten und Fuhrwerke drangen, fuhren uns nach Norden. Da gibt es Läden mit eleganten, kostoaren Auslagen, große Hotels, Kaffees, auch die Warenhäuser fehlen nicht. Schone, elegante Frauengestalten, nut Vorliebe tit Schwarz gekleidet, und zahlreiche Militärs in schmucker, gut unterhaltener Umform beleben das Bild. Barhäuptig, den schwarzen Mantel stolz um bte Schulter geschlungen, schreitet der Student. Alles zeigt des Leben, und als wir den Rocto. überschreiten, erscheint uns der Gedanke absolut befremdlich, daß hier drei Tage^vorher die Kugeln um die Köpfe aufrührerischer Banden pfiffen, tfrteben und Wohlstand atmet auch Lissabons Stolz, Re Aveniba, eme breite, mit wundervollen Pannen bestandene Prachtstiatze. Die Zahnradbahn bringt nns eine Etage hoher, wo sich auf den Kuppen der Hügel ein von geschmackvollen Anlagen und wohlgepslegten Parks unterbrochenes, elegantes Wohnviertel degnt In unaufhörlichem bergauf und bergab zieht sich bte Stab,, so mehrere Kilometer weit, und meine des Bergsteigens en wohnten Seebeine waren herzlich froh, als uns em tadellos bespannter, auf Gummi laufender Taxameter zur Fahrt nach dem weit westwärts gelegenen Königsschloß aufnahm. Auf weitblickender 5)oh erbaut, imponiert es durch bte Einfachheit seiner mächtigen Fassaden, bereit glänzendes Weitz nur unterorochenwird, dmch bas ernste Schwarz des Flortuchs, das die königlichen Wapp ^Jch muß sagen, nach den Berichten der letzten Atonie Und Wochen hat mich Lissabon aufs angenehmste überrascht, er- wartete ein gedrücktes, stark dem Verfall preisgegebenes Gemeln- wesen und fand eine blühende, wenigstens dem anßereii schein nach vollkommen beruhigte Stadt. Der lebhafte Straßenverkehr wickelt sich in tadelloser Ordnung ab, Polizei und Mcktar machen, wenigstens in ihrer äußeren Haltung, einen vorzüglichen Eindruck, (Ins Herz kann ich ihnen freilich nicht sehen.) ^ch besuchte em Svital und ein Wöchnerinnenhetm, beide vorzüglich orgaiiiftert, und gut eingerichtete große Volksküchen zeugen von emer energischen und umsichtigen Armenfursorge., Alles tn allem, für das arme Land mit seiner dünnen, ungebildeten Bevölkerung eilte glänzende Residenz, und wenn man bedenkt, wte wenig für \ hie große Masse — fast 30 Prozent find Analphabeten — 504 stunde ist, am Gemeinwohl mitzuwirken, so must einem das Werk der Wenigen ein gut Teil Hochachtung abnötigen. Ein seit 26 Jahren in Lissabon ansässiger Deutscher sprach sich über die allgemeine Lage etwa folgendermaßen aus: „Was die ausländischen Zeitungen über uns bringen, ist zwn groben Teil stark übertrieben. Die republikanische, resp. revvlutionäre Partei hat zwar einen grasten Anhang, aber der Königsmord hat die Masse der Gebildeten aus ihrem politischen Schlaf aufgerüttelt und dadurch der monarchischen Partei eine erhebliche Stärkung und bei den Wahlen die Mehrheit gebracht. Wonach wir uns alle sehnen, ist endgültige Ruhe, besonders die Geschäftswelt bedarf ihrer dringend, und die kann uns die Monarchie wohl immer noch eher bringen, als eine republikanische Rc- gierungsform, die bei der politischen Unreife unseres Volkes doch über kurz oder lang in eine Demagogenwirtschaft ansarten würde. Noch ist die Beruhigung nicht durchgeführt und es wird auch wohl kaum ohne nochmaliges Blutvergiesten abgehen. Man nimmt hier an, dast die erste Zeit nach Zusainmentritt der Cortes zu erneuten Tumulten führen und dast cs dann der Regierung gelingen wird, durch einen letzten kräftigen Aderlaß uns endliche Genesung von unfern politischen Leiden zu bringen. — Bei den Strasten- kämpfen ist das Bedauerliche, dast stets das blinde, schlecht geleitete Volk die Opfer abgibt, während sich die eigentlichen Anstifter und Aufwiegler stets zur rechten Zeit in Sicherheit zu bringen wissen. Einen toten Advokaten hat man noch nie auf der Straste liegen sehen." Die Ereignisse müssen beweisen, in wie weit mein Gewährsmann recht behält. Vielleicht haben sie es sogar inzwischen schon getan. Ä u f S e e, 18. April 1908. Vermzfehtss. * Die Gefährlichkeit des elektrischen Lichtes s ü r d i e A u g e n. Es gibt eine ganze Anzahl von Arbeitern, die gezwungen sind, bei elektrischem Lichte zn arbeiten, und zwar solche, die sich nur mit körperlicher oder nur mit geistiger Arbeit beschäftigen oder mit beiden zusammen. Das elektrische Licht ist ein sogenanntes kurzwelliges, d. h. es enthält ultraviolette Strahlen, die zwar dem Ange nicht mehr sichtbar sind, aber Schädlichkeiten Hervorrufen können. Wie Professor Birch-Hirsch- feld auscinandersetzt, lassen sich nach intensiver Beleuchtung mit den ultravioletten Strahlen einer Bogenlampe, mit elektrischen Funken und dem Eisenlichte der Dermolampe zwei verschiedene Veränderungen beim Kaninchenauge feststellen. Die eine betrifft den vorderen Augenabschnitt und zeigt sich als Entzündung der Bindehaut, der Hornhautoberfläche oder Hornhautsubstanz, ferner der Regenbogenhaut. Gleiche Erscheinungen sind bei Kurzschlust- blendungen, Blitzblendungen, sowie bei der Einwirkung des Sonnenlichtes aus hohen Bergen und bei Schneeblcndung beobachtet worden. Auch auf die Netzhaut übten die ultravioletten Strahlen insofern einen ungünstigen Einflust aus, als eine bestimmte Schicht der Nctzhautnervenzellen geschädigt wird. Unter solchen Umständen wirft Birch-Hirschfeld mit Recht die Frage ans, ob die zu Bc- leuchtungszwecken und den technischen Betrieben vielfach verwendeten, an ultravioletten Strahlen reichen Lichtquellen unter gewöhnlichen, d. h. praktisch in Betracht kommenden Verhältnissen, für daS Auge als schädlich zu bezeichnen sind. Er kann die Frage bejahen, denn er hat fünf Fälle untersuchen können, in denen er die schädliche Wirkung einer an ultravioletten Strahlen reichen Lichtquelle, nämlich der Quecksilberdampflampe (Hereuslampe und auch Uviollampe usw.) auf das Ange deutlich nachweisen konnte. In drei Fällen handelte es sich um Kopieren bei Uviollicht in graphischen Instituten, und zwar stimmten die Schädigungen mit denen überein, wie er sie schon in experimenteller Weise erbracht hatte. Mit Recht macht er darauf aufmerksam, dast bei intensivem, an ultravioletten Strahlen reichem Licht, wie es bei technischen Betrieben zn theoretischen Zwecken und zu öffentlicher Beleuchtung verwendet wird, ein Schutz der Augen aller derer notwendig ist, die lange Zeit in direkter Nähe der Lampen zu arbeiten haben. Muschelschutzbrillen hält er für ausreichend oder empfiehlt für besondere Fälle Schutzgläser und Lampenglocken (Schwertflintglas oder Enphosglockeul * Amüsante Duell geschichten werden anknüpfend au die Reihe unblutiger Duelle, die in den letzten Monaten in Paris stattfanden, in der „Bita" erzählt. Als Eugen de Mire- court den älteren Dumas in der „Silhouette" heftig angegriffen hatte, erhielt er eine Herausforderung von dem jüngeren Dumas. Aber kaum waren die Zeugen mit finsteren Mienen bei dem scharfen Kritiker erschienen, als dieser seinen kleinen Sohn Edgar herbeiricf. Es erscheint ein kleiner Knirps, dessen Acrmchcn kaum ms zur Türklinke hinaufreichen. „Da Herr Dumas Vater", erklärt Mirecourt den gravitätischen Besuchern nut ruhiger Würde, „fernen Sohn zum Vertreter gewählt hat, obgleich er selbst gesund und stark ist, will auch ich, damit die Chancen gleich sind, mich durch den meinen vertreten lassen. Bitte, wenden Sie sich in allem an ihn." Paris aber amüsierte sich noch tagelang über diese Herausforderung. Bon Rochefort erzählt man noch heute das Duell, das er mit Cassagnac äusfocht. Ursache war eine Polemik über die Jungfrau von Orleans. Rochefort wurde dabei sogar durch eine Kugel verwundet, und man erzählt, daß nur eine kleine Medaille der Jungfrau, die ohne sein Wissen in sein! Beinkleid eingenäht war, den Schuß abschwächte. Cassagnac ist übrigens durch feilte scharfen Bemerkungen oft genug mit Herausforderungen bedacht worden. Eines Tages unterbricht er einen! Abgeordneten durch den Zwischenruf: „Stachelschwein!" Der Präsident ersucht ihn, das Wort zurückzunehmen. Ruhig erhebt sich Cassagnac und erklärt: „Ich nehme den Stachel zurück." Zweimal weigert er sich, zum Zweikampf anzutreten. Das erste Mal lehnte er die Herausforderung seines Vetters Lisagaray ab, der ihn wieder herausfordert, kaum nachdem er von den Folgen eines Duells genesen ist, in dem Cassagnac seinen?! Vetter schlimm zugerichtet hatte. „Mein Herr", antwortet Cajsag- uac auf die erneute Herausforderung, „ich habe Sie schon wie einen Schwamm durchlöchert. Ich willigte ein, Ihr Gegner zU sein; aber es widerstrebt mir. Sie zu Wurst zu verarbeiten." Zum zweiten Male lehnte er eine Herausforderung ab, als Victor Noir ihn provozierte. „Ich habe die Wahl der Waffen", entgegnete er kurz entschlossen, „ich wähle die Orthographie: Sie sind ein Mann des Todes!" Ein drittes unausgefochtenes Duell war Cassagnacs Zweikampf mit dem „Diogenes". Cassagnac war in dem Blatte heftig angegriffen worden, wütend stürzte er in' die Redaktion und ruft den anwesenden Herren entgegen: „Meine Herren, mit wem von Ihnen must ich mich schlagen?" Aber er tat das in solch drolligem Zorn, dast alle Anwesenden in ein Gelächter ausbrachen. Claretic, der zn der Gruppe gehörte, liest den Portier rufen, beauftragte ihn, die Biergläfer zu füllen, die leer waren, und sagte zu Cassagnac: „Setzen Sie sich, junger Mann, ehe wir uns die Kehle abschneiden, wollen wir uns noch unterhalten." Eine Viertelstunde später war Cassagnac Redakteur des „Diogenes" . . . * Stoßseufzer. Was für Gewohnheitstiere wir doch sind! Früher konnte ich! meinen Mann nicht ausflehen, und jetzt ist cs mir schon ganz gleichgültig. * Schwere Wahl. „Fetzt weist ich nicht, höre ich Medizin und werbe Fräulein Doktor, oder erhöre ich den Rechtsanwalt und luetibe Frau Doktor?" Kunst. — „Monatshefte für graphisches K u n st g c - iverbe". Herausgeber Kunstmaler Albert Knab, Redakteur Carl Matthies. Berlin. Verlag von Carl Flemming, A.-Gl Berlin W. und Glogau. 6. Jahrgang. Heft 10. Aus dem Inhalt des Heftes seien besonders der für Künstler und Laim gleich wertvolle Beitrag „Ueber Anregungen" von Carl Matthies, ferner die. Artikel „Die Schrift int graphischen Kunstgewerbe" von Professor Ansgar Schoppmeyev, „Das Problem der Photographie" von Fritz Loescher und „Die Illustratoren und Graphiker" von Johannes Meru hervorgehoben. Aph-ursme». Von Professor Dr. August Pauly. In der Wissenschaft sind viele Blinde auf den Beinen, den rechten Weg für die Andern zn suchen. * Die Menge ist nicht begeisternngSlos, sie hat nur kein llrteil, sie weiß nicht, für was sie sich begeistern soll. Glaubt sie einmal an eine Sache, daun spannt sie sich auch an den Wagen eines Schwindlers und zieht ihn als großen Mann durch das Jahrhundert und niemand kann ihr ihre Scheingröße ivieder entreißen als die Zeit, die alles an den Tag bringt. Rätsel. Zwei Silben künden eine Menschensorte Noll llnnalur und Künstelei; Doch glaubt sie fest in tollem Größenwahne, Daß sie der Schönheit Urbild sei. Die erste zeigt dir einen leichten Wagen, Ten häufig man in England nennt, Und der durch Londons lärmersültte Straßen Dahin in ftücht'ger Eile rennt. Tie zweite läßt dich einen Waldbaum schauen Von schlankem Wuchs und ästereich; Doch ist beraubet sie des letzten Zeichens, Durch Mangel so dem Gauwu gleich. A. 9( m m a n n. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: W e r j ch w a n k t, kann l e i ch t n m f a l l e u. Redaktion: P. Witt ko. — Rotationsdruck und Verlag der BrLhl'scheo Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Giesteie.