Samstag den zz. zunr W98 oCrUBaE ht RW lilunni'lüj,; IEW k »ggiFrjS Wirket, so lange es Tag ist. «Roman von Maximilian B ö t.t ch e r. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ain dreizehnten September war es — die Gräben und Fließe waren längst eingetrocknet, und das Wasser aus den Brunnen rann idjoit spärlich — als sich um die zweite Nachmittagsstunde über den Wald eine stahlgvaue Wand an dem seit drei Wocksen von keinem Wölkchen getrübten Himmel heraufschab. Martha kam in Begleitung ihrer Pflegekinder aus dem Kuhstall, wo sie die Kälber iwch einmal frisch getränkt hatte, als das erste Donnerrollen ertönte. Tie graue Wetterwand war vom Hof, dessen dichtgedrängte Gebäude jeden Ausblick hemmten, nicht zu sehen; so fragte Martha erstaunt: „Nanu, Kinder, was war denn das?" „'s werden wohl die Kanonen gewesen sein; es ist doch jetzt Manöver," antwortete Grete Tannenborn und wischte sich mit dem Schürzenzipfel den Schweiß aus dein rotglühenden Gesichtchen. „Unsinn," warf Hans, ihr Bruder, mit geringschätzigem Heben der nur mit dem Hemd bekleidetm Schulter hin. „Auf 'm Nachmittag schießen die Artilleristen nicht '— höchstens die Vorposten ! 's hat gedonnert — nach Fichtenhöhe 'rüber!" Martha stellte die Tränkeimer auf dieWR>e und strich sich schweratmend über die Stirn. Tie Luft, starr und unbeweglich, tvar zum Ersticken schwül, die Backsteinmauern der Ställe und Schermen strömten die Hitze glühender Oefen aus. Martha trat durch die vom Holunderbnsch überwachsene Pforte in den Garten, in dem das Laub verdorrt an den Bäumen hing, und die Aepfel und Birnen, frühreif von den Zweigen gefallen, auf der verbrannten Grasnarbe lagen. „Ihr müßt nachher wieder Obst auflesen," sagte sie zu den Kindern. „Ich hab' erst kurz vvr'm Essen, als ich aus der Schule gekommen bin, einen Korb voll in den Keller getragen," erwiderte Hans im stolzen Bewußtsein erfüllter Pflicht. Martha schützte die Augen mit der Hand gegen die blendenden Sonnenstrahlen, und blickte gegen den westlichen Horizont hinüber. „Eben hats geblitzt," flüsterte Grete, und schmiegte sich in die Rockfalten ihres „Mütterchens". Martha stand schweigend und zählte die Sekunden. Nach langem Harren erst wurde der Donner vernehmbar. Das Wetter war also noch weit ab..... „Obs hermifkommen wird?" hauchte Grete. „'s wär' doch eilt wahrer Segen, du ängstliche Maus," versetzte Hans. Martha blickte immer noch nach Fichtenhöhe hinüber. Wie das hemufblühte über dem Wald, graublau oben und schwefelgelb weiter unten. Wenn nur kein Hagel kam und die Rüben zerschlug — der Obstbäume, die so schon genug gelitten hatten. gar nicht zu gedenken. Obs wohl noch Zweck hätte, schoß es ihr durch den Sinn, nach bcu Seewieseu zu fahren, wo das Kleehen in Haufen stand, das beste, kräftigste, das auf dem Bartj- kowschen Besitztum überhaupt gedieh? Ob man ivohl noch eine Fuhre heimbrachte, ehe das Wetter heran war? Allzuoft stellte sich nach dem Niedergang eines Gewitters ein anhaltender Landregen eilt, und sie mußte retten, rasch retten, was sich irgend retten ließ. .Infolge der mißratenen Getreideernte wuchsen ihr die Sorgen ohnehin von Tag zu Tag mehr über den Kopf; mit Angst und Beben dachte sie an den ersten Oktober, an dem wieder die schwere Zinsenlast fällig war, zu deren Tilgung sie kaum die Hälfte Geld zusammen Halle. Eine Fuhre von dem K'leeheu brachte ihr fünfzig, sechzig Mark .... Wenn sie sich eilte, schaffte sie es wohl noch .... schließlich, wer konnte wissen, ob das Weiler nicht gar vorbeizog? Zwei Pferde standen im Stall — die anderen pflügten die Stoppeln; oberes war kein Mensch auf bem Gehöft, den sie hätte mitnehmen können. — Knechte und Mägde machten int Verein mit den Tagelöhnern auf bett Felbern an der Schönauer Grettze Kartoffeln aus. Nur die Liese war da, und die mußte sie schon beim Vater lassen, der seit dem blutigen Streit mit Wilhelm, von ewiger Unruhe und Angst gefoltert, keine Minute in seinem Zimmer allein bleiben wollte. „Sag, Hans," wandte sie sich an den Knaben, „wollen wir beide, du und ich, noch rasch eine Fuhre Heu von der Seewiese Mett? Es wär schade, wenn es naß würde und Duft und Farbe verlöre." „Aber gewiß wollen wir," antwortete der Knabe und sprang diensteifrig davon, die Pferde anzuschirren. „Und du, Gveti, gehst ins Haus, und hernach, während die Liese beit Käffee kocht, leistest du bem Großpapa Gesellschaft." Tie Kleine, bie sonst aufs Wort zu gehorchen pflegte, verzog ben Mund fast zum Weinen. „Ich fürchte mich so vor dem Großpasia!" „Warutn?" „Ach ... ach .... er macht mir immer so Augst. Gestern hat et mich an den Arm genommen und ist mit mir in die gute Stube gegangen und hat mich vor das Bild deiner Mutter hingestellt — du weißt schott: vor das große an der Wand, das der Oelmaler gentalt hat. Und da hat er mir gesagt, ich sollte der seligen Großmama mal fest in die Augen sehen, dann würde ich sehen, daß die Augen sich bewegen, und mich anblicken wie die Augen eines lebendigen Menschen. Und er wüßte gewiß, daß die Seele der Großmama aus dem Himmel auf die Erde zurückgekommen ist und nun in dem Bilde wohnt. Und um Mitternacht, wenn alles schliefe, befehle sie ihm mit lauter Stimme, ihm ins Grab zu folgen; er wolle aber noch nicht sterben." Ein neues fernes Donnergrollen ertönte, und wieder schmiegte das Kind sich furchtbebend an Martha au. Tie biß sich auf die Lippen und starrte einen Moment ins Leere. Danach fagte sie, der Kleinen über das strohblonde Haar streichelnd: „Wenn der Großpapa noch einmal so etwas zu dir redet, Grete, dann antworte ihm und lache dabei: „Ms. ist UnsiW, 362 Grvßpafa. Ter liebe Gott läßt Seelen, die er einmal zu sich genommen hat, nicht wieder von sich. Un$> ein Bild kann die Augen nicht belvegen; denn Leinwand und Farbe sind tote Tinge." liitb nun zeige, dass du keine dumme Gans bist, und daß man sich schon mal ein Stündchen auf dich verlassen kann." Hans kam schon mit den aufgcschirrtcn Pferden aus dem Stall. Walrend er sie mit der Gewandtheit eines Großknechtes an die Deichselstange brachte, holte Martha rasch die Heugabel, das Bindetau und die große Regenplane aus der Remise und setzte den breitkrümpigeu Hut am, der im Vorbau hing. Gewandt schwang sie sich alsdann auf den Wagen, nahm dem Küaben die Seine ab, und jagte vom Hof, was die Braunen laufen wollten. Hans mußte mit Hand und Körper einen Stützpunkt an der schvägstehenden Leiter suchen: denn so viel Mühe er sich auch gab, seine jungen Beine wollten sich der stolprigcn Erschütterung des schweren Gefährtes nicht gewachsen zeigen; aber Martha stand steif und kerzengerade, ohne einen anderen Halt als die Seine, mit der sie die Pferde lenkte. An den Rändern der Chaussee, die bald erreicht tvar, standen die hohen Pappeln, dem Verdorren nahe, gleich riesigen Säulen, und der gelbe Staub, den der dahinsausende Wagen auffcgte, hüllte sie wie in eine ungeheure Rauchwolke ein. Als Martha an den Seewiesen die Pferde parierte, war die Wettertvand schon um ein gut Tert höher am Himmel emporge- kwchen. Auch konnte man liier in der freien Ebene, wo kein Haus und kein Baum den Ausblick hemmte, deutlich sehen, wie die Blitze mit fahlem Geflimmer durch das stahlblaue Gewölk zuckten; auch das Tonnergrollen ward hier heller vernclmr- bart > Vorwärts; man würde cs schon noch schaffen. Im schlimmsten Fall bekam man wohl eine ordentliche Regeuhusche auf die Haut; doch das mußte ja eine wahre Wohltat sein bei der Glut, die einem das Mark in den Knochen versengte. Sie. arbeiteten wie toll, sahen nicht mehr nach der Wetter- wand hin, die rascher heranskroch und schwärzer wurde von Minute zu Minute, von immer helleren, flammenderen Blitzen durchschlängelt. Nur das; der Tvnner stärker wurde, hörten sie, obwohl ihnen das erregte Blut wie das Getöse der Meeresbrandung in den Ohren brauste. „Hui . . ." ging auf einmal der Wind durch das Schilf am See, die Wellen kräuselten sich, und im Nu war auch schon die Sonne verschwunden. „Nun wird's Zeit," stieß Martha hervor, wandte im großen Bogen um und lenkte die Pferde bis zur Wieseneinfahrt zurück, wo man zuvor Bindebanm, Tau und Plane „über Bord geworfen" hatte. , Rasch brachte man den Bindebaum auf die Sadung, die sich haushoch türmte, und schnürte ihn mit vereinten Kräften fest. Tas Ueberbreiten der Plane aber verursachte Schwierigkeiten. Tenn der Wind, der jetzt aus vollen Backen blies, setzte sich in die entfaltete Leinwand, als ob sie ein Segel wäre, und schlenderte sie wohl ein Tutzendmal wieder auf den Erdboden herab. Taz:: fingen die Pferde an, unruhig zu werden. Aber- schließlich brachte man das mühselige Werk doch glücklich zu Ende. „Herunter, rasch!" befahl Martha dem Knaben in fast barschem Ton. Sie machte sich schon seit geraumer Weile Vorwürfe, daß sie es gewagt hatte, Hinauszufähren. Als sie, mit Hans zur! Seite des Wagens schreitend, endlich die Pferde aus dem Wiesengelände auf den Feldweg lenkte, war der Himmel nach allen Seiten hin schwarz bezogen, und obgleich die llhr höchstens die Mitte der vierten Nachmittagsstunde zeigen mochte, verhüllte Dunkelheit Lust und Land. Ter Sturm heulte, in rasender Eile folgte Blitz auf Blitz, so das; miuutew- lang der ganze Aether in lohenden Flammen stand, und unter dem Machen und Brülle:: des Donners schienen die Grundfesten der Erde zu erzittern. „Ein Glück, daß mir den Wind von hinten haben; er schmisse uns sonst wahrhaftig die fitirre um", rief Haus mit äußerstem Stimmaufwand. Martha band mit der Linken — in der Rechten hielt sie die Seine — den Hut los, der ihr schon zehnmal vom Scheitel herab ins Gesicht geflogen war und gab ihn dem Knaben. „Ta — trag!" Nun riß der Sturm mit wilden Händen in ihrem Haar, bis er die starken Flechten aus der Verknotung gelöst hatte, und des Haares goldgesponnene Pracht ihre Gestalt wie eine zerrissene Fahne umflatterte. „Sv wie du jetzt aussiehst", rief Hans, „so muß Thusnelda ausgesehen faßen, des Germancnbefreiers Weib. — Bar- dautz", unterbrach er sich, „da hat es schon wieder eingeschlagen." Als man nur noch etwa hundert Schritte bis zum Ein-, biegen in die Chaussee hatte, fuhr ein armdicker Blitzstrahl, augenblicks von einem knatternden, ohrenbetäubende!: Bonner gefolgt, in die Pappel, die int Mittelpunkt des von Feldweg und Steindamm gebildeten Dreiecks stand. Die hohe Krone knickte um und rauschte zu Boden, als hätte ein einziger Hieb einer Riesenaxt sie gefällt. Martha, die, einen Moment geblendet, gegen den Wagen! taumelte, fühlte, wie Hans ;ich mit hartem Griff cn ihren Arm klammerte. Aber er faßte sich rasch: „Mein Gott . . /' stammelte er, „wenn wir mit dem Ausbringen der Plane eine Minute früher fertig gewvrfan wären, dann lägen wir jetzt beide tot an der Wegkreuzung." Tie Braunen hatten vor dem niedersausenden Blitzstrahl jählings halt gemacht und steutmten mit schnaubenden Nüstern die Seine voneinander. "Tie Tiere haben Recht", sagte Martha. „Wir müssen warten." toie schlang die Sein?, um die Wagenrunge, trat an das Handpferd heran, das verängstigt aufbäumte, und klopft» ibm unter beruhigendem Zuspruch den Hals. Nach einer Weile wandte sie sich an den Knaben — denn die Sorge um ihn >vich keine Sekunde von ihr: „Junge, lauf' hinüber zur Försterei. Es sind nur fünf Minuten, und du bist da in Sicherheit." Hans lächelte, ein Ausdruck liebevoller Ritterlichkeit lag auf seinem offenen Gesicht. „Wie kannst du denken, Tantchen, daß ich dich hier allein lasse." Er nahm den anderen Braunen, der jetzt auch anfing, Mätzchei: zu machen, an den Zügel, strich ihm über die weiche Nase und sagte: „Ruhig, Ticker! ... — Dicker, willst du wohl ruhig sein." Tas Wetcer raste, als wäre der Untergang der Welt herau- gekommen. Plötzlich ein Sausen und Pfeifen in der Luft . . . der schwere Heuwagen hob sich hinten hoch, schwankte, sank aber doch wieder auf die Räder zurück. . . ., Martha und Hans wären unter dem Anprall der heranbrausenden Windhose zu Boden gestürzt, hätten sie sich nicht an den Zügeln der Pferde festgc- falten. Trüben auf der Chaussee sanken die riesigen Pappeln nieder, tote gemäht. . . . Tie eine entwurzelt, die andere in Manneshöhe umgeknickt, die dritte mitten in der Krone gebrochen. Martha fühlte: trotz aller Furchtbarkeit lag etwas Berauschendes, Beseligendes in der brausenden Musik, zu dem das Heulen des Windes und das Brüllen des Tonners sich mit dem Krachen und Brechen der Stämme mischte. Mit großen Augen blickte sie in die flammen zerrissene Wetternacht: Wie groß ist Gott, der dies alles mit einem Hauch seines Mundes entfacht . . . wie klein bist du mit deinem winzigen Leide. — (Fortsetzung folgt.) Eduard von Gebhardt. (Zu seinem siebzigsten Geburtstage am 13. Juni.) - Von Karl Stiefer (Düsseldorf). Nachdruck verboten. Es war bei dep^Bankett, das der Chor des Düsseldorfer städtischen Musikveretns seinem scheidenden Dirigenten, Professor Jill ins Bn ths, zu Ehren veranstaltete, Mitte April dieses Jahres. Bnths rühriger Freund, Dr. Otto Neitzel ans Köln, war eben daran, dem Scheidenden viel Liebes und Gnies zu sagen nub M wünschen, als sich im Hintergründe des Saales Unruhe, Stnhlrücken und Arm- winken bemerkbar machte. „Was ist denn los?" Der eifernde Festredner rief es ziemlich mißmutig in den Saal. „Gebhardt ist da!" antwortet es ihm aus dem Hinter- grunde. „Kommen Sie doch, bitte, hierher nach vorn, Herr Professor!" lud Dr. Neitzel ihn ein. Mit eiligen Trippel- schrittcheu, für das allgemeine Bravorufen und Händeklatschen sich nach beiden Saalseiteu hin fortwährend bedankend, kam die gedrungene, etwas gebückte Gestalt des Meisters mit der stark angegrauten wallenden fiiinstler- mähne nach vorn. Man lud ihn ein, am Ehrentische, zur Seite seiues Freundes Julius Buths Platz zu nehmen. Tas war aber nicht so einfach; die Tische standen in Hufeisenform, Professor v. Gebhardt hätte also den Weg durch den Saal zurückmachen müssen, um auf der andern Längsseite der Tafel zu seinem Platze zu gelangen. Kaum hatte er das' Unbequeme dieser Zwangssituatiou eingesehen, als er auch schon einen Ausweg gesunden hatte. Blitzschnell bückte sich der angehende Siebziger, kroch. unter den Tisch hindurch und tauchte gleich darauf wohlbehalten an der Seite des Professors Bnths empor. Man kann sich die Applausfanfare, die den Vorgang begleitete, vorstellen. 363 Das Augenblicksbildchen ist ein echter Gebhardt. Es aibt keinen anspruchsloseren, bescheideneren, leutseligeren Künstler, als Eduard von Gebhardt, den großen Meister des deutschen religiösen Bildes. Er Wird heute siebzig Jahre alt, aber seine Beweglichkeit und Munterkeit, hie prangende Silberfülle seines Haares und Bartes geben niemand ein Recht, auf das Alter des Psal- misten zu raten. Sehr bekannt ist sein Bildnis, das Hugo Crola vor vielen Jahren von ihm gemalt hat. So sieht Gebhardt noch heute aus, und die an der Stuhllehne hangende Fnhrmannspfeife, die dem Porträtierten einen so famos charakterisierenden Zug des Bescheidenen, Volkstüm- lichen gibt — die raucht Gebhardt noch heute. Als er seine Wandbilder in der Friedenskirche malte und Tag für Tag die Rolleiter, die ihm das Gerüst ersetzte, herauf- und herunter- kletterte, traf ich ihn manches Mal auf der elektrischen Straßenbahn. Er saß immer nachdenklich da oder las in einem Buche; in der Tasche trug er die notwendigsten Utensilien bei sich und auch das Butterbrot, das ihm, da er des Mittags nicht nach Hause kam, das Mittagessen ersetzte. Die religiöse Malerei in Deutschland, die iit Eduard von Gebhardt einen neuen Aufschwung und zugleich einen Gipfelpunkt ihrer Entwicklung gefunden hat, war seit der Reformation fast ganz im Dienste der katholischen Religion geblieben. Altarbilder der Nazarener fanden gelegentlich ihren Weg auch in protestantische Kirchen, und Nachbildungen nach Gemälden Karl Müllers waren in protestantischen Familien fast ebenso verbreitet, wie in katholischen. Die wenige,r protestantischen Künstler, welche religiöse Motive malten, bewegten sich ganz in der traditionellen Formensprache.. Da kam, im Jahre 1860, Eduard von Gebhardt nach Düsseldorf, nnd mit ihm begann die Neugebnrt der religiösen Malerei. Als Sohn eines lutherischen Pfarrers in Reval im Jahre 1838 geboren, wurde er im streng positiven Glauben erzogen. Nur der ehrlichen und überzeugten Gläubigkeit, die Gebhardt aus dein Elternhause als Geschenk fürs Leben mitnahm, war es möglich, die religiöse .Kunst, die in der Kraftlosigkeit des Nazarenertums erstarrt lag, zu neuem Leben erblühen zn lassen. In seinen ersten Düsseldorfer Jahren konnte Gebhardt, wie er selbst einmal bekannt hat, absolut nichts schaffen, weil er in der naza- renischen Formensprache nichts auszudr icken vermochte. Mit Leidenschaft suchte er nun nach einer Forin, in welcher er persönlich Gefühltes ausdrücken könnte. Drei unfruchtbare Jahre hatte er an der St. Petersburger Akademie verbracht, dann bereiste er Belgien nnd Holland, später auch Tirol und Italien und war schließlich nach Karlsruhe gekommen, wo Schirmer und Lessing wirkten. Auf diesen Fahrten fand er, was er suchte. Die altniederländischen und altdeutschen Meister, Rembrandt und van Eyck, Dürer, Holbein und Rogier van der Wehden gewannen Einfluß auf ihn — an den letztgenannten erinnern besonders die harten, gefurchten Gesichter, das Derbe, Eckige der Gestalten auf den Gebhardtschen Bildern von zeitgenössischen Malern waren es der Antwerpener Henry Leys, Meissonier und Geröme, die auf ihn bestimmend cinwirkten. In Düsseldorf schloß er sich besonders an Wilhelm Sohn an, dessen hochgesteigerte Ausbildung des physiognomischen Ausdruckes Gebhardt zu einer eminenten Charakierschilderungs- und Jndividualisierungskunst entwickelt hat. Tie Erkenntnis der geschlossenen koloristischen Bildwirknng und die Wiedergabe des seelischen Ausdruckes, die beide eine wirklich hervorragende künstlerische Individualität verlangen — diese höchsten Errungenschaften der Kunst Wilhelm Sohns, ging von allen seinen Schülern nur auf Ed. von Gebhardt über, der sie dann freilich im höchsten Maße weiter bildete. Im Jahre 1863 entstand Gebhardts erstes Bild: „Christi Einzng in Jerusalem", das sofort mit größter Deutlichkeit den bewußten engen Anschluß an die alten deutschen Meister in Kostüm und Umgebung und den gleichfalls bewußten Gegensatz zu der Süßlichkeit der naza- renischen Schule betonte. Ein deutsch er Maler wollte er sein nnd so wählte er mit vollem Bewußtsein der nationalen Forderung in seiner Kunst und in dem richtigen Gefühl, daß in einem altertümlichen Stil das Hauptmittel zur ^Hervorbringung einer religiösen Stimmung liege, das Kostüm, das Milieu und :— hier wenigstens vorerst noch_— den Kolorismns der vlämischen und altdeutschen Meister sich zum Vorbild. „Man hat mich oft gefragt", äußerte der Meister einmal, „warum ich denn die biblischen Bilder in altdeutschem Kostürn male? Ja sollte ich denn etwa weiter malen wie die Nazarener? Anfangs dachte ich auch nicht anders, aber meinem hausbackenen Menschen wollten die konventionellen Gewänder durchaus nicht passen. Aber, sagten die kluger Menschen, ich sollte es doch so malen, wie es gewesen, es sei doch im Orient passiert; was ich male, sei doch ein Anachronismus. Merkwürdig! Noch niemals hat ein Mensch es zustande gebracht, in der Form des Orientbildes ein andächtiges Bild zu malen, warunr verlangt man das von mir? Malen wir denn nicht als Deutsche für Deutsche?" Nur einem Künstler, der, selbst strenggläubig, die Poesie der Religion so im Innersten empfindet wie Gebhardt, konnte es gelingen, beit Glaubens- nnd Gefühlsinhalt der biblischen Begebenheiten zu bewahren und ihren Gestaltenkreis naiv im Sinne der Alten erscheinen zu lassen, ohne durch das Fremdartige des Kostüms und Milieus zu ernüchtern. Wohl haben seine biblischen Bilder anfangs Befremden und Anstoß erregt; aber nur solange als man in der ungewohnten Einkleidung die Hauptsache sah und nicht erkannte, daß Gebhardt feine Ausdrucksmittel aus einer Formen- und Gefühlswelt holte, die er für die uuserm religiösen Empfindungsleben entsprechendste hielt, und daß das fremdartige Kostüm seiner Bilder hinter der Gefühlswärme, der Kraft des seelischen Ausdrucks und überzeugender Menschlichkeit zurücktritt. Heute ist die Kunst Gebhardts, die obne Revolution und ohne Härte das alte absterbende Nazarenertüm einfach ablöste, so sehr die herrschende und allgemein anerkannte Richtung geworden, daß selbst die jungen katholischen Maler (so Heinrich Nüttgens, Lours Feldmann, Bruno Ehrich, Wilhelm Düringer u, a.) Schuler Gebhardts wurden nnd seinen Wegen folgen. In Düsseldorf selbst zeigt mehr als eine katholische Kirche in dem Schmuck ihrer Altar-Stationen- nnd Heiligenbilder Spuren des .Gebhardtschen Geistes. Gesunde und unbestechliche Naturbeobächtung, starkes Nationalgefühl und ein bis zur Härte gesteigerter Widerwille gegen alles Konventionelle, verbunden mit einem energischen, auch das Harte und selbst Häßliche nicht scheuenden Realismus des zeichnerischen Ausdrucks — das sind die Hauptmerkuiale, welche schon an „Christi Einzug in Jerusalem", jenem ersten Gebhardtschen Bilde aus dem Jahre 1863 mit größter Klarheit hervortreten und nun von Bild zu Bild sich weiter ausbildeten und sieh mit einem überaus eigenartigen, feinen Kolorismns verbanden. Rasch folgten nun „Jarri Töchterlein" (1864), das den Vorgang in konsequentem Festhalten des angenommenen Prinzips in eine altdeutsche Bauernstube verlegt, „Kreuzigung" (1866) für die Domkirche in Reval (später für die Hamburger Galerie und die Kirche in Narva nochmals gemalt), „Der arme Lazarus" (1867) und das von der Berliner Nationalgalerie angekaufte „Abendmahl" (1871), das Gebhardt mit einem Schlage berühmt und zum Haupte der religiösen Malerei in Deutschland machte. Ein anderes „Abendmahl" aus dein Jahre 1902, für das Museum in Hannover gemalt, übertrifft das ältere Berliner Bild noch an Intimität des fzenischeu Vorganges und Realismus der Gestalten und erzielt eine vollendete Raninwirkung. In das Jahr 1884 fällt jener Auftrag der preuß. Staats- regierung, einen Saal des im Hannoverschen gelegenen ehemaligen Zisterzienserklosters Soccum mit Wandgemälden ans der Geschichte Christi ausznstatten — eine Aufgabe, die Gebhardt bis 1892 beschäftigte. Sie ließ ihn eine bisher nicht erreichte Freiheit der Komposition gewinnen und wurde für seine Weiterentwicklung — besonders in Hinsicht auf seine koloristischen Prinzipien und das Verhältnis des Bildes znm Raum — von der allergrößten Bedeutung. Mit allen Mitteln seiner Kunst gerüstet, traf ihn so der Auftrag, die nach Plänen des Leipziger Architekten Weideubach in den Jahren 1895—99 erbaute Düsseldorfer Friedens- kirche mit einem Zyklus von Wandgemälden zu schmucken. Nicht geringe prinzipielle Schwierigkeiten waren hierbei zu überwinden. Der Protestantismus ist ja iminer noch ein wenig bilderfeiudlich. Doch ließ er tu diesem Falle mit sich reden und die Kunst siegte über das dogmatische Widerstreben. Die Wandgemälde in der Friedenskirche sind Gebhardts monumentales Lebenswerk, der beredteste Ausdruck seiner auf das Einfache, Feierliche und Charakteristische gerichteten Kunst. Wundervoll klingen sie. mit der architektonischen Ausgestaltung der Kirche zusainmen. „Meine Bilder sollen predigen", hat Gebhardt als die Aufgabe seines gewaltigen Bilderzyklus bezeichnet. Ein großer Prediger — 364 des Evangeliums tritt in diesen Bildern vor uns, für die er — ähnlich den Vorgängern Michelangelos, den Mnstlern des Quattrocento in der Sixtinischen Kapelle — Parallelen aus dein Leben Moses und Christus in Beziehung und dramatisch gesteigerte Bewegung gesetzt hat. Die linke Seite der Kirche behandelt alttestamentliche Vorgänge, die rechte solche aus den letzten Lebenslagen Christi. An Kraft der Komposition, Lebendigkeit des Ausdrucks und Charakteristik der Gestalten find diese biblischen Wandbilder nicht zu übertreffen. In koloristischer Hinsicht stehen sie mit ihren durchgehends hellen, leuchtenden Tönen, die trefflich mit der Gesamtwirkung des Interieurs Zusammengehen und eine überall sichtbare, helle Bildwirkung ergeben, in gewollten: Gegensatz zu den tiefgestimmten Staffeleibildern einer früheren Zeit. Ter gemeinsame, der eigentlich bezeichnende und origi- uale Zug aller dieser oder der vielen andern Werke, die Gebhardt gemalt hat und die sich fast alle im Besitze van Galerien und Museen befinden, liegt vielleicht gar nicht so sehr in der eigentlichen Malerei — obwohl Gebhardt ern leidenschaftlicher Kolorist ist und als solcher nach seinen eigenen Worten die „Harmonie durch Farbenvielheit" anstrebt, d. h. alle Töne einer allgemeinen Farbenstimmunq in die entsprechenden farbigen Akkorde auflöst —, als in den seelischen und Charaktereigenschaften unseres Künstlers. Er will ein Prediger in Bildern sein, ttnb als solchem fällt es ihm nicht schwer, sich das Erscheinen Christi in der Zert der Reformation vorzustellen — Ivie etwa Paul Ve- ronese den Christus der sestefeiernden Renaissance gemalt hat. Seme Malerei soll nicht nur das Auge erfreuen, sondern auch das Gemüt ergreifen. „Der Wohlhabende findet nntunter in den Schöpftmgen der Kunst eine Befriedigung, Werl ihn die Form interessiert, weil ihn die Betrachtung gus irgend einem Grunde eine angenehme Stunde bereitet. Der Arme aber ist nur dann dankbar, wenn er etwas Posi- Reales empfangen hat. lind wenn ich das Geftchl habe, es ser mir gelungen, wirklich etwas zu geben was für erneu Menschen Wert hat, so beglückt mich das" — . Jo schrieb der Meister in seiner Antwort auf ein Dank- schrerben des Herrn Herbert Steao, unter dessen Führung die englischen Arbeiter im vorigen Jahre die Düsseldorfer Frredenskirche besichtigt hatten. Seine Kunst will eine Er guickung der Mühseligen und Beladenen sein, denn was srmmer er malt, es spiegelt eine Menschenseele wieder lind sem Herz malt mit. Darum ist in Gebhardts Bildern ein so tiefer Ernst, soviel Ehrlichkeit und Innerlichkeit, Ivie ber wenigen Künstlern von heute. In rüstigster Schaffenskraft begeht Eduard voii Gebhardt fernen 70. Geburtstag. Soeben hat sein jüngstes Bild „Hermkehr des verlorenen Sohnes", das uns wieder in die altdeutsche Bauernstube führt, die Staffelei verlassen. Er hat das Glück, den vollen Sieg seiner Kunst auskosten zu Können. Grüßen wir dankbar den Siebzigjährigen. Der Feier seines 60. Geburtstages wußte sich der Meister in seiner Bescheidenheit zu entziehen, an seinem 70. werden Künstlerschaft und Bürgerschaft ihn würdig ehren. Humoristisches. * Sie muß recht behalten. Junger Ehemann: „Es tut mir leid, dir sagen zu müjsen, daß dieser Pudding einfach gräßlich schmeckt." — Junge Frau: „Aber, Schah, das denkst du dir nur; in meinem Kochbuch steht, er schmeckt ganz delikat." * Aufrichtig. Arzt (erzählt von einem seiner Patienten): „Tas war ein schwieriger Fall, aber die Operation ist mir geglückt." — Seine Frau: „Ttzv List ein geschickter Arzt, Richard: ich wollte, du hattest meinen ersten Mann behandelt, dann lebte ich jetzt noch mit ihm." Ver vsn bergen. Wer kam heut' iriih zur Stadt herein? Der Schelm von Bergei, schien's zu sein. Er brach sich durch die Menge Bahn Mit rotem Mantel angethan. Der Henker heut' am Krömmgstag? Ihm zu begegnen bringt schon Schmach. — §?"^Römersaal strahlt Lichterglanz, Die Fiedel lockt zu Spiel und Tanz. Noch eh' begann das bunte Neih'u, Trat rot vermummt ein Tänzer ein. Es reizte des Tänzers schlanke Gestalt Die Herzen der Frauen mit Allgewalt, Da lenkte er quer durch des Saales Mitt* Hinüber zur Kaiserstochter den Schritt. Sie war's, die lange das Äug' ihm gebannt, vur d l e in Sehnen sein Herz entbrannt. »Dari ich, Gnädigste, es wagen, „Euch um einen Tanz zu sragen? „Stan m Arm mit Euch zu Zivei'n „Laßt mich einmal glücklich sein!" Sie bot zur Antwort stumm deir Stan, So uppig-rund, so lebeirsivarm. — Wer mag der fremöe Ritter sein? Wer führt schön Hildegund zum Reih'»? »»Herr Ritter, sagt I wer liid ziun Taiiz, «»Zu L>piel Euch ein und Mummenschanz? „„Noch iuhrte mich so zier und sein „„Kem Ritter je zum Fackelreih'n. „„So schivand vom Herzeii all mein Weh „„In keines andern Rillers Näh'. „„Seit jetzt mich Euer Arm umsing, „„Deucht iiijch die ganze Welt gering. »„Und ilt’S auch heul' nur Maskentänz, »»Jst's Leben selbst nicht Mumenschanz „allein Fräulein, wißt es besser nicht, „Wes; Blick verlangend zii Euch spricht, „Meß Seele heiße Sehnsucht trägt, „Weß Herz für Euch in Liebe schlägt. „Es machte Euer Herz nur schwer, „Das fände keine Ruhe mehr." — Sie tanzten, es nahte sich Alitternacht schon, Da stahl sich der Ritter, ihr Tänzer davon. Eilfertig befahl sie deut Tienertroß, Die Türen zu schließen, zu sperre» das Schloß. Alan holt ihn zurück rnid die Maske fällt, Im Stan sie den Schelm uon Bergen hält, Den Henker von Frankfurt — es war kein Wahn! Dem Henker hatte sie's angetan. — Die Geigen verstummte», die Tochter sank Zu Füßen dem Kaiser, herzwund iiiid krank. Da raunten die Ritter und Kiiappen iunher. Es dürfe hinfort nicht leben mehr, Wer solches geivagt »md unerhört Die Würde der Kaijcrstochter versehrt. Und alle verlangten durch Kaisers Gebot Für den Cchelmeii von Bergen den Henkerstod. Ter Kaiser jedoch, der lächelte fein: „Der Schelm von Bergen soll ehrlich sein. „Weil, er meiner Tochter ein Tänzer ivar, „So sei er geadelt und ritlerbnr. „Und hält' er die Tochter mir ehrlos gemacht, »So sei er dlirch sie zii Ehren gebracht." Und es ivar dem Schelmen an Schönheit gleich Kein andrer Ritter im deutschen Reich, Drum gab noch dem Schelmen zur selbige» Sstmd' De» Verlobmigskuß schö» Hildegund. Das Paar dem Kaiser zu Füßen sank: „Wir ivissen Euch, Kaiser, von Herzen Tank, „Daß Ihr es verstanden, mit klugem Sinn »Das Böse z>i leiten ztim Gute» hin!" Dr. Carl Pusch. Scherzhaftes Ergänzrritgs-Rätfcl. Was ich--, das--ich nur Um der--, weil's keiner-- Was ich--’, das -—’ ich nur, Weil du,--, mich batst um--. Was ich — —, das--ich auch, Lieber--, sei stets dein--'. Bin ich--, sei--dü auch; Sind ivir beide--, ist-- Statt der Striche sind vier kurze Wörter einzusetzeii, so daß kn jedem Satze dasselbe Wort viermal vorkonnnt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs ans voriger Nmnmerr Denn nur der große Gegenstand vermag Den tiefen Grund der Menschheit aufzuregen, Im engen Kreis verengert sich der Sinn, Es wächst der Mensch init seinen größer» Zwecken. Schiller. Redaktion: P. Witt ko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.