1908 Wontag den 13. Iannar BBf W L L BBiii roj 111 WRÄEctijJJHhKüvj trri m l wtz.<*Ii^29AvZ7/< Kelmuih von Loy len. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Vor acht Jahren Hatte er Aime Marie von Lohsen auf einer Parforcejagd kennen gelernt und in ihr das erste weibliche Wesen, welche« diesem Bielbcgehrten gegenüber ehrlich gleichgültig blieb. Das war der Grund, weshalb er sich sagte: diese oder keine. Sie war damals ein frisches, rosenwangiges Mädchen in all der Unschuld und Unbefangenheit ihrer ländlichen Erziehung, eine ausgezeichnete Reiterin, aus einer der besten Fa- m-ilien, ein rassiges Geschöpf. Er hielt um sie au und ivar selber erstaunt, als sie ja sagte. Bis zu diesem Tage war Edmund Troß bei der Ansicht geblieben, das; er keine passendere Frau hätte finden können. Er war stolz darauf, sie zur vollendeten Weltdame herangebildet zu haben und bewunderte sie in ihren eigenartig geschmackvollen Abendtoiletten, welche so sehr mit ihrer vornehmen Ruhe harmonierten. So galten sie allgemein für ein tadelloses' Paar. Helmuth Lohsen hatte hierüber eigentlich nie fo recht nachgedacht. Er hatte mit der Harmlosigkeit der Jugend die Dinge genommen wie sie waren. Besonders sympathisch war ihm Baron Trotz nicht, aber er war nun mal sein Schwager und seine glatte, gefällige Art machte Reibungen! einfach unmöglich — es blieb bei kleinen Neckereien. Der. so viel ältere Schwager blickte gönnerhaft auf den unerfahrenen Jungen herab und pflegte kleine scherzhafte Bemerkungen über junge Leute zu machen, die Von der Kunst, das Leben zu genießen, nichts verstunden. Fand Lohsen manches am „Tennisbarou" weibisch komisch, so sah Trost mit küchelndem Mitleid auf die dichte blonde Harrsülle des Schwagers, die in seinen Augen durchaus unfein war. Trost war stolz auf seine umfangreiche Glatze. Jetzt begann er sogleich von einer kleinen Gesellschaft zu reden, welche. sie nach seiner Ansicht im Laufe der Woche noch geben wußten". Seine Frau stimmte ihm bei. „Wenn es dich nicht derangiert" — wandte er sogleich höflich ei». i „Kleinigkeit!" — sagte sie, „es soll alles in Ordnung feilt. Ich kann mir denken, daß dir Viel daran liegt, die Gräfin Wcudtlebeir unserer Tante Hofmmschall vorzustellen. Einsiuß- reiche Bekanntschaft." Sie sagte das ganz ruhig, ihr Manin bist sich auf dir Lippen und räusperte sich. Er wußte, das; sie ihn wegen dieser seiner letzten Passion verspottete, und cs war ihm unaiigeiiehm, dast sie dies vor Helnmith tat: „Du mustt wissen, Gräfin Flavie geborene Mist Snob aus Chicago war wirklich, dank Ednmnds Bemühungen, so was wie der star der Saison. Bisher hat Wendt- leben sie noch ganz im Verborgenen gehalten und gebändigt, denn sie ivar noch nicht geeignet, die Eourschleppe zu tragen, — aber das ist nun erreicht. Es ist doch erhebend, sich sagen zu können, dast es der Dressur des Baron Trost gelungen ist,,des Tochter eines amerikanischen Wurstfabrikanteu in eine Berliner Salondame umgewMdelt zu haben." „Lieber Lohsen, du wirst durch die eigentümliche Schilderung meiner Frau einen sonderbaren Begriff von der Gräfin Wendt-! leben bekommen!. — Anne Marie rückt die Herkunft der jungen Dame in ein Licht — in ein Licht —" „An ihrer sehr ehrenwerten Herkunft kann keine Beleuchtung etwas ändern —" schaltete seine Iran ernsthaft ein. Malice zuckte um ihre Mundwinkel. Der Gatte, den nichts so sehr verdroß, als wenn mau andcutete, dast sein Geschmack sich ans,den Regionen bcS heghlife Verirrt habe, erhob sich, tat, als suche er in seinen! Westentaschen, murmelte etwas und verliest das Zimmer. Zu gleicher Zeit erhob sich Anne Marie: „Ich will dir dein Zimmer zeigen und bei der Gelegenheit deinen Verband untersuchen. Komm!" — Am Abend hatte Lohsen leichtes Fieber'. Er verspürte keine Lust auszugehen und seine Schwester blieb ihm zu Liebe auch da. Baron Trost war in eine Herrengesellschaft gegangen und die Geschwister fasten wieder am Kaminfeuer. Abends sah der Salon wunderbar lauschig aus. „Sag' nAl, Annchen, bist du eigentlich nie eifersüchtig?" rd fragte Lohsen. Sie strich ihm mit ihrer kühlen Hand prüfend über die Stirn'. „Heist? Tu wirst doch nicht ernstlich Fieber haben? Last mich deinen Puls fühlen" — sie griff nach seiner Hand. „Wenn ich eine Frau wäre" — fuhr Lohsen mit einer geq wissen Beharrlichkeit fort, „und mein Mann amüsierte sich damit/ anderen Frauen in dieser unerhörten Weise den Hof —" „Zwanzig. Nein du hast kein Fieber. Gut. Und nun zu deiner Frage. Ob ich eifersüchtig bin? Lieber Junge, du wirst spießbürgerlich. Mit. solchen Ideen füttern sie dich wohl in Bardcs?" — sie lächelte — „gestehe es! Macht sich Mieze Sorge um meine Gefühle? So beruhige sie. Ich gebe Trost die Erlaubnis, anderen Frauen so viel zu hofieren wie es ihm beliebt. Das Baueis und Philemon-Spielen wäre in Berlin einfach komisch." „Man sollte nicht glauben, dast ihr Zwei aus demselben! Nest feit, wenn miau euch jetzt sieht — früher freilich, da wäret ihr gar Nicht so verschieden." Sie sah in die Kohlenglnt und legte die schmalen langen Hände nm das.Knie. „Das Leben machte uns zu dem, was wir sind," sagte sie leichthin. „Anne Marie wäre an meiner Stelle wohl auch mehr Weltdame geworden — jetzt können wir nicht mehr tauschen. Ich mit ihr schon gar nicht." „Auch nicht iniit ihrem Glück?" „Um Himmels willen!" — sie lachte — „ihr Glück heißt Konrad, der Biedere in Lodenjoppe und Schmierstiefelit, der sich die Haare vom Dorfbarbier schneiden läßt! — Für mich repräsentiert er nicht das Glück." „Sie liebt ihn, darin liegt ihr Glück." „Das stimmt," sagte Anne Marie ruhig, „ihre Naturen Harb monieren, und da sie ihn Von Kindheit an kannte, wie mau einen Vater oder älteren Bruder kennt, so zog sie das: Los der Ehe auch nicht ganz so blindlings, wie wir Frauen es sonst zu tun Pflegen," — 26 „Tut ihr das?" — „Ja. Wir treten mit verbundenen Augen an die Urne. Nicht unsere Schuld ist das Eure!" — „Inwiefern unsere Schuld? — Sind wir nicht in derselben Lage?" „Manchmal — in der Regel aber doch nicht- Wir pflegen erst ins Leben zu treten, wenn wir uns verheiraten — aber Ihr. . ." Sie sah ihn prüfend und grübelnd an: „Tu wirft sagen, daß ich von einem Extrem ins andere falle, wenn ich dir jetzt eine Episode aus dem Leben eines jungen Mädchens erzähle." „Sagen wir gleich Anne Marie von Loysen." „Nein — denn es würde nicht ganz stimmen, doch nimm es im-merhin so an. Wie cs jener ging, geht es Unzähligen. Sie war jung, harmlos und ganz weltunkundig, denn die Pension, in der sie erzogen wurde, glich einem Kloster. Sie kam, wie dies so üblich, mit achtzehn Jahren in die Welt, lernte einen Mann kennen, der für liebenswürdig und äußerst ans.pruchsvoll galt und ward von ihm ausgezeichnet. Daß sie steif und schüchtern war, schreckte ihn nicht ab, im Gegenteil, es spornte ihn an, sie zu gewinnen und er zeigte sich ihr von der einnehmendsten Seite. Sie fühlte sich geschmeichelt. Bon ihm ausgezeichnet 8ii werden, erschien ihr als etwas Großes, ein Sieg, ein Triumph, sie begann sich mit ihm zu beschästigen, die unschuldige Mädchenphantasie erwachte und schmückte den Verehrer mit allerhand romantischen Eigenschaften. Als er um sie warb, sagte sie „ja" und es konnte keinen aufmerlfameren verliebteren Bräutigam geben. Tann kam die Hochzeit." „Auf die ich mich so gut besinne." „Ich habe dir gesagt, daß ich nicht von mir rede." „Aber es stimmt bisher alles." „So? Tas wußte ich nicht." „ES war ein reizendes, frohes Fest, deine Hochzeit." „War es? Vielleicht. Ich kann mich darauf nicht mehr so 'recht besinnen." „Tn sahst sehr glücklich aus." „So? Freut mich Tars ich nun die Geschichte weiter er« tzÜhlen, die gar nicht von mir handelt?" „Erlaube mül,' weshalb erzählst du sie mir eigentlich. Wenn sie gar nicht von dir handelt?" „Bitte laß mich zu Ende reden. Also das glückliche Paar war auf der Hochzeitsreise. Wohin, das ist ja für Liebende gleichgültig. Aus dieser Reise nun entfaltete der junge Ehemann seine berühmte, berückende Liebenswürdigkeit zur schönsten Blüte. Er umgab die junge Frau mit zarten Aufmerksamkeiten, er betete sie an, seine Verliebtheit steigerte sich von Tag zu Tag «nd schlug zuletzt Wie der Rausch in Katzenjammer, so bei ihm in Selbstverachtung um. Er erklärte, daß er gar nicht wert sei, einen solchen Engel zu besitzen, beichtete ihr alle seine Sünden Und bat um ihre Absolution." „Höre, das sinde ich eigentlich samvs korrekt gehandelt!" „Fin—dest du?" fragte sie ironisch, „nun ja, das ist es ja Wvht nach Eurem Ehrenlddex." „Ich verstehe dich gar nicht. Wie wurde es nun noch mit deiner Geschichte?" „Was sollte denn werden?' Sie war ja nun schon seine Frau — und Wenn ihr über dem, was sie da zu hören bekam, ein Grausen aufstieg, so mußte sie das eben tragen. So, meine Geschichte ist aus." „Und es war d o ch die deinige," sagte er dringend. Sie zuckte die Achseln. „Darauf kommt es hier gar nicht an'. Laß es die meinige fein — das war es mchj, Was ich dir banti; sagen Wollte." „Sphinx!" — er küßte ihr die Hand mit brüderlicher Garnierte, „stehst du, Anne, du bist mir immer sympathisch, ob ich hich nun verstehe oder nicht." „So gibt es doch einen Menschen, dem ich symphathisch bin! Sehr angenehm. Jetzt aber reden Wir nicht mehr. Tn bist heiß vnd müde, ich werde dir ein Brausepulver bringen und dann gehst du zu Bett." V, Anne Marie Weckte ihren Bruder damit, daß er schon ivieder an Heimweh nach Klippingeit litte: Es war wirklich so. Ja, wenn die Briefe des guten Schnadewitz nicht gewesen wären, der breit lakonischen Berichten den Freund auf dem Laufenden erhielt, hätte er das Regimentsleben noch mehr vermißt. Die Vergnügungen der Großstadt halfen dagegen nicht, obwohl er sie gern hin na hm. Anne Marie behandelte seinen Arm mit der Gcschick- fWeit einer ansgelernten Krankenpflegerin, ging mit ihm spazieren und lud abends Gäste ein, von denen sie voraussetzen konnte, daß sie ihn unterhalten würden. Ihre Zeit war aber von früh bis spät so sehr von geselligen Pflichten in Anspruch genommen und ihr Tag begann so spür, daß er im ganzen wenig von ihr sah. Der Baron war nur ausnahmsweise zu Hause. So kam es, daß Loysen, der Weber tanzen noch reiten, noch sich auf Diners ohne fremde Hilfe bedienen konnte, viel allein in seinem Zimmer war und seine Zeit mit militärischen Studien ausfüllte. Das Simmet lag im zweiten Stock, über ber breiten stillen Straße, auf deren Asphalt die Wagen schnurrend bin« rollten, deren Häuser ein zurückhaltendes Privatgepräge trugen. Doch die Querstraße mit ihren bunten, flimmernden Scho.ufeiistern mündete gegenüber ein und Loysen konnte von seinem Fenster aus gevade bis „Fuchs u. Gansel" sehen und bas frischte die fast verblichene Erinnerung an sein sonderbares Abenteuer auf. Er empfand nicht den mindesten Wunsch, jenes „arme Ting" wiederzusehen, aber et hätte gern gewußt, ob sie noch lebte ober irgendwo auf dem Grunde des stillen, dunklen Flußkanals lag. Eines Tages glaubte er, sie in dem Menschenstrom zu erkennen, bas schwarze Lnstrekleidchen, ber hastende Schritt kamen ihm bekannt vor. Ich habe sie also wirklich dem Leben znrückgegeben« dachte er. Ter Gebaute war befriedigend. (Fortickung folgt.) Iie ßh- der Arau Wö fling. Frau Wilhelmine Wölfling, die geschiedene Gattin des ehemaligen Erzherzogs Leopold Wölfling, hat sich jetzt über ihre Ehe und die Gründe, die zur Scheidung führten, geäußert. Einem Mitarbeiter des „N. W. £."• erzählte sie: „Ich und Leopold Wölfling, der frühere Erzherzog Leopold Ferdinand, wurden am 25. Juli 1903 in Berviers in der Schweiz getraut. Mein Mann hatte in Zug eine Billa gekauft, und dort lebten wir sorglos. Mein Mann studierte sehr fleißig, aber auch ich. Er besuchte eifrig die Polytechnik in Zürich und fehlte nie auch nur eine Stunde bei den Vorlesungen. Tag für Tag fuhr er in das Institut, kehrte nach den Vorlesungen regelmäßig wieder heim und setzte hier seine Studien fort. Ich erwähnte, daß auch ich lernte. Nun, es war auch, offen gesagt, nötig. Ich habe bloß eine tschechische Volksschule durchgemacht. Was wußte ich von deutscher Orthographie und sonstigen Dingen! So bekam ich eine Lehrerin. Es war eine sehr erfahrene und gediegene Schulmeisterm; sie trägt übrigens! einen weltbekannten Namen. Sie hieß Lavater und ent«: stammte auch tatsächlich der Familie jenes Lavater, der durch Werke über Physiognomik und über verschiedene literarische Fragen, wovon sie mir viel erzählte, berühmt geworden ist. Fräulein Lavater unterrichtete mich in deutscher Sprache, Orthographie, Geographie, Mathematik, Geschichte und Französisch. Im Mai 1904 besuchten ich und mein Mann die Kolonie in Ascona. Ich brauche von dem Leben der Leute dort wohl nicht erst zu erzählen. Wir wurden Vegetarier und Naturmenschen. Monatelang ging es in diesem neuen Gleise. Nichts deutete darauf, daß mein Mann nicht mehr an mir hänge wie einst — und doch war er mir — zu spät sah ich es — in der Zwischenzeit entfremdet worden. Kurz vor Weih-, nachten 1905 sollte ich es erfahren, sollte ich mit einem Schlage aus allen Himmeln gestürzt werden. Um jene Zeit trat Wölfling eines Tages zu mir ins Zimmer und! sagte, er habe von seiner Schwester Luise, damals noch Gräfin Montiguoso, aus Florenz einen Brief erhalten, worin sie ihn dringend um seinen Beistand bat. Man wolle ihr die kleine Monika abnehmen, er müsse sie schützen, flehte die Gräfin. „Ich bin im größten Unglück, in größter Gefahr," fügte sie dem noch in ergänzenden Depeschen hinzu. Bevor er zu ihr komme, hatte sie in den Briefen geschrieben, müsse er sich unbedingt die Mähne und den wallenden Bart scheren lassen, denn er sehe so wie ein Wilder aus. Er fei in dieser Tracht recht abscheulich geworden, meinte sie, und auch feine Mutter, die Großherzogin, hatte es ihm in ähnlichen Worten schon gesagt. Wölfling hielt aber bisher stand, indem er umherging, wie die Leute zu Askona. In aller Eile rief er mir zu. — 27 — et reise unverzüglich zu seiner Schwester und werde in 24 Stunden zurück sein. Doch er kam erst nach vier Tagen. Und wie verändert sah er aus! Wölfling kam ohne seinen langen Bart und ohne seine Mähne. Beides war gründlich weggeschert worden. Ich war damals entsetzt, versteinert hei seinem Anblicke. Ich hatte ihn im ersten Augenblicke nicht einmal erkannt. Als ich ihn so anstarrte, ries er mir zu: „Ja, ja, sieh mich nur an, ich, ich bin es, und laß mich nur zur Tür hinein!" Ich hatte in ihm einen Fremden gesehen und ihn deshalb nicht gleich hereinlassen wollen. Wölfling war aber auch innerlich, in seinem Wesen und Benehmen mir fremd geworden. Kalt stand er mir gegenüber, frostig sprach er mit mir, so daß ich ganz zu- sammenschauerte. Er sagte noch: „Luise ist fertig", ohne die Bemerkung näher zu erklären, und verließ mich. Kurz nachher trat er wieder bei mir ein. Mir war sehr bange getvorden. „Du," rief ich ihm zu, „es weht hier Hofluft, du willst mich nicht mehr." Er schwieg. Nach einigen Mi-; nuten fragte ich ihn, was beim eigentlich vorgefallen, was er gegen mich nur habe! Wölfling erwiderte: „Ich werde dich verlassen und zu dir nie mehr zurückkehren! Lebe wohl!" Ich kann ihm noch zurufen: „Luisenworte", die er hört; dann ist er mit einer raschen Bewegung bei der Tür, verschwindet, und ich sehe ihn lange, lange nicht mehr, sehe ihn nur noch ein einziges Mal flüchtig urw Mittelbar vor der Scheidung." Won der Stunde an, da Wölfling sich von ihr zurück-i gezogen, habe er sie ohne Geld gelassen und für ihren Unterhalt nicht gesorgt. Sie lebe jetzt recht dürftig. Erft nach Kämpfen habe sie die Zinsen von dem Kapital von 100 000 Kronen erhalten, das seinerzeit von Wölfling für sie in her Kreditanstalt deponiert worden sei. Won der StudenLenspruche. Zu dem Artikel unter dieser Ueberschrist in unserer Mr. 3 wird uns geschrieben: Im 13. Jahrhundert kam zuerst der Name „Univer-- iität" vor, und man bezeichnete damit die Gemeinschaft der Lehrer und Schüler an den höheren Unterrichtsanstalten. Mber erst im 15. Jahrhundert kam man an den Hochschulen dazu, die Zunsteinrichtungen und die Zunftgebräuche der Handwerker nachzuahmen und die Hochschüler bildeten geschlossene Gesellschaften mit eigener Gerichtsbarkeit, mit eigenen Gebräuchen, mit eigener Studentensprache, die besonders durch beit sogenannten Pennalismus, das heißt den Unterschied zwischen den Schülern der Morklassen und den eigentlichen Studenten, gefördert wurde, als dieser verderbliche Pennalismus im 16. Jahrhundert seinen größten Aufschwung nahm. Bekanntlich hat sich die Studentensprache bis heute erhalten. Der Student trinkt nicht, sondern er „kneipt", er geht nicht, sondern er ,,steigt" ins Kolleg, er nennt bett Bürger „Spießer", ben Nichtstudenten „Philister", hat kein Wohnzimmer, sondern eine „Bude", und gebraucht soviel frentdartige Ausdrücke in seiner Sprache, daß diese der Nichtstudent kaum verstehen würde, wenn nicht das Stnbententum so sehr alle Elemente des deutschen Volkes durchsetzt hätte, daß ein Teil der Ausdrücke der Studentensprache in der deutschen Sprache selbst gang und gäbe geworden ist. Um eine Probe zu liefern, wie die Studentensprache beschaffen war, als sich das Studententum noch in seiner vollen Abgeschlossenheit befand, geben mir die nachfolgende Probe eines Student ent he a ter stückes, welches am Ende des vorvorigert Jahrhunderts hier bei uns in Gießen aufgeführt wurde. Es ist eine Parodie auf „Romeo und Julia", und der Held Romeo unterhält sich mit seinem „Wichsier" Marko in folgender Weise: „Romeo: Schwcreiwt, Marko, ich kriege Manschetten. Marko: Ter Teufel auch! Herr, haben Sie keine Mo- weieit ? Und wer die hat, futtiert sich viel um die Welt! Romeo : Ich aber habe vchsige Manschetten! Heut nacht träumte mir, Julie wäre schiebes; ich habe sie im Grabe liegen sehen. M a t ko : Larifari! Träume sind Dreckere««, an dmerß grad soviel liegt, als an Schuster Sauers (in Halle) Manichäern. R o in e o : Lieber Marko, ich verzwatschele, wenn ich nicht Gewißheit habe. Komm, wir wollen nach Verona ziehen und das Ding auf den Riemen nehmen. Marko: Da müßt' ich mich sehr zwingen. Nein, Herr, hier in Mantua geht's flott, hier ist flotter Wein, flottes Fressen,, flotte Jungens. Ich schere mich viel um das lumpige Verona! Romeo: Ich muß aber fort von hier, muß absackeu, denn wenn ich mich nicht noch heute früh drücke, dann krieg ich den Blassen vornweg." A x n o S ch w e e. VsrmrschLes. * Die Katakomben, wie die unterirdischen Gänge und Gemächer genannt werden, in denen die alte Christenheit in Rom bis zum Beginn des 5. Jahrhunderts ihre Toten bestattet hat, find ursprünglich weder heimlich angelegt, noch ärmlich und düster ausgestattet gewesen. Unter dem- Schutze des Gesetzes stehend, sind die Ruhestätten der in Christo Entschlafenen zunächst wie die anderen nahe an ^öffentlichen Landstraßen und an den Hügelabhängen angelegt worden. Selbst die Leichen der Märtyrer dursten ungehindert bestattet werden. Erst in den Ver- solgungszeiten wurden die Zugänge verborgen und dafür in den Schlupfwinkeln der anstoßenden unterirdischen Sandgruben neue, oft schwer anfsindbare Eingänge gemacht. In diesen Zeiten mögen die Katakomben auch vielfach als Zusluchtstätten von den Christen benutzt worden sein, um sich in ihnen vor den Verfolgern zu retten. Hin und wieder sind in den schweren Zeiten der Verfolgungen unter Tecius und Tiokletia.it in ihnen auch gottesdienstliche Versammlungen gehalten worden._ Die Entdeckung und Erforschung der Jahrhunderte hindurch in Vergessenheit geratenen Katakomben gehört erst einer neueren Zeit an, in welcher sie namentlich als ergiebige Fundgruben für die schon in den ersten Jahrhunderten üblichen christlichen Sinnbilder, sich erwiesen haben. So sind Anker und Fisch die ersten Kennzeichen des ersten und zweiten Jahrhunderts, wenn sie mit Inschriften auf Grübern und Sarkophagen verbunden sind. Der Anker der Hoffnung ist recht biblisch. Der Fisch bedeutet an Gräbern: „Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn", weil die Buchstaben des griechischen Wortes Jchthys (Fisch) die Anfangsbuchstaben der Bekenntnisformel ergeben. Der Fisch mit einem Brot- und Weinkörbchen aus dem Rücken ist der unter Brot und Wein im Abendmahl zum Essen sich darbietende Heiland, die Taube mit dem Oelblatt oder ein Vogel auf einem Zweige ruhend ist das Bild der zur ewigen Ruhe gekommenen Seele. Trinkt ein Bogel auS einem Gefäß oder pickt er Trauben, so ist es ein Bild des Genusses ewiger Seligkeit. Der Pfau, dessen Fleisch für unverweslich galt, bedeutet die Unsterblichkeit, die Palme den Sieg des gläubig Entschlafenen über Sünde und Tod. Ein besonders häufig gebrauchtes Bild ist die Darstellung Christi als des guten Hirten, der sein Schaf aus der Wüste heimträgt. — Die ältesten Grabstätten in Rom und anderwärts erinnern mit ihren manchmal reizenden Verzierungen in Stuck und Farbe nach Form und zum Teil nach Inhalt oft an den Schmuck, womit die römischen und pompejanischen Ueberbleibsel von Zimmer- und Grabmalerei das Auge erfreuen. Lebensheiterkeit, Todessrcudigkeit, Hoffnungsseligkeit im Glauben an Christus, nicht düsterer Trübsinn und Asketik erfüllt und erhellt die unterirdischen Ruhestätten der Entschlafenen und erlaubt einen Rückschluß auf das häusliche und gesellige Leben der alten, den fanatischen Gegnern freilich als „lichtscheu" verschrieenen Christen. — (Aus dem Prachtwerk „Bildersaal der christlichen Welt". Herausgegeben von Hofprediger D. Bernhard Rogge. Vollständig in 40 Lieferungen zum Preise von je 40 Pf. Verlag der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart, Berlin, Leipzig.) * Behandlnng ber Schweißhand mit Rönt- genstrahlen. Schweißhände sind immer sehr unangenehm, denn man faßt einmal eine nervöse Schweißhand nicht gern an, dann aber wird sie auch für ben Besitzer selbst sehr lästig, kann sogar seine gesellschaftliche Stellung schädigen. Man kennt eine ganze Reihe von Mitteln gegen Schweißhände, die uns aber nach Prof. Kromayer bei schweren Fällen im Stich lassen. Dahingegen hat er in den Röntgenstrahlen ein Heilmittel gefunden, das zu Dauer- heilimgen geführt hat. Indes ist eine erhebliche Besserung der Schweißhand erst dann zu verzeichnen, nachdem sich eine Hautentzündung ersten Grades durch die Röntgenbestrahlung gebildet hat. Darüber hinaus darf die Einwirkung der Röutgendosen nicht gesteigert werden. Kromayer erklärt sich die Wirkung dieses Radikalmittels dadurch, daß die Schweißdrüsenktiäuel an der Oberfläche zum teilweisen oder völligen Schwund gebracht werden, während die übrige Haut keine bleibenden Veränderungen erfährt. — Für viele Besitzer von Schweißhänden wird diese .Entdeckung von Vorteil fein. — LS — Unser Neujahrs-Prekrätsel hat so große Beachtung gefitnben, wie noch keines seiner Vorgänger. An Lösungen gingen uns n.icht weniger als 488 zu, daS ist iveit mehr als das Doppelte bei allen unseren früheren Preisrätseln. Freilich scheiben von diesen 468 sogleich 46 Einsendungen aus, die falsche Lösungen brachten. Manche meinten, wir hätten mit unserem Preisrätsel „Die besten Wünsche" oder dergl. zum Jahreswechseluu- seren Abonnenten zugerufen, andere meinten „Gesundheit", „Gesund aufstehen", „Glücklicher Ausgang", „Glück und Gesundheit", „Lebensfreuden" oder Aehnliches in den »nan- uigfachsten.Variationen, wobei es auffallen muß, daß mit- unter sämtliche Einsender aus ein und derselben Ortschaft, die gleiche unzutreffende Lösung uns uuterbrette- ten. Eine Dame aus Grünberg glaubte mit „Wohlfahrt" das Richtige getroffen zu haben uub kleidete diese Lösung in ein formvollendetes fimfstrophiges Wohlfahrts-Gedicht zum neuen Jahre. Ein Gießener ruft uns und allen unseren Abonnenten ein freundliches „Leben Sie wohl!" zu. Eiu Londörfer wünscht allen Rätselfreunden zum neuen Jahre eine „Badereise!" Aus dem Poem eines Herrn aus Ruttershausen sei folgende Strophe erwähnt: Auch ist's der Wunsch vom Gieß'ner Blatt: Dem, der es liest in Land und Stadt, Im engen Tal wie ans dm Höhen, Mög' fernerhin es — „Bessergehen"! Dieser Hern' traf annähernd das Richtige. Eine große Reihe von Gelegenheitsdtchtern aber unterbreitete uns in mehr oder minder gelungener Bersforn! die richtige Lösung, vielfach au unfern in ein Rätsel gekleideten Neu- jahrswunsch eine freundliche „Retourkutsche", wie sich eine Gießener Dame ausdrückt, anknüpfend. Tie rneisten Poeten schlugen heitere Töne an llnd tranken, wie sie sagen, auf unser „Wohlergehen". Eine Gießener Dame aber faßte ihre Lebenserfahrung in folgende bittere Strophe zusammen : Ihr Alle wünscht uns Wohlergehen! Wem ist beim wohl? Wem geht's denn wohl? Der Wunsch kommt ja von Herzen! Jedoch bei bestem Wohlergehen Haben alle Menschen Schmerzen! Eine andere Dame nahm die Gelegenheit wahr, um zu Gunsten der z. Zt. so grausam geplagten gefiederten Welt in folgenden Versen zu appellieren: Hoch liegt der Schnee und rauhe Lütte wehen. Gedenke! doch der armen Vöglein Leid! Sorgt milden Sinnes für ihr Wohlergehen, Sie lohnens Euch zur holden Frühlingszeit. Ein Philosoph dichtete also: Hat dir nach manchem Mißerfolg Noch aus d.eS Lebens Höhen Fortuna freundlich zugelacht, Wohl kann es dir noch 'gehen, Und hat des Glückes Zauberschlag So ganz tut Handumdrehen . . Zum reichen Manne dich gemacht, Kann dir's noch tu ohlergehe n, Doch gibt cs noch ein höhres Glück, Ein Lächeln holder Feen,' Sei's in bescheid'ncn Grenzen auch: Verdientes Woh ler ge h en. Auch folgendes hübsche Akrostichou sei miigeicill: Wache auf, du neues Jahr, Ohne Leid unv Sorgen! Hölls! ja der Vcglcii'er Schar LaulloS, still verborgen! Erstes Morgenrot verkünd' Rechte Lust und Freuden! Glauben in den Herzen zünd' Ernstes Glockenläuten. Hoffnung steig empor aufs neu', Em'ge, was zerfallen! Neujahr Glück und Segen streu', Wohlergehen Allen. Alls Trohe kaut folgender liebenswürdiger „Neujahrs« wünsch für den Gießener Anzeiger": Ich wünsche von Herzen dir „Wohlergehen!" Tn sollst noch manches Jahrhundert bestehen, Ich löse noch viele der Rätsel dein Und stecke wohl manches Preislein ein. Ein Pfarrer aus dem Kreise Gießen sandte uns folgende sinnigen Verse: Wer löst des neuen Jahres Rätsel I Wie dunkel liegt vor ttn8 die Zeit! Wie manchem scheinen hier die Wege Vis zu dem Ziele noch so weit! Wie viele sind mit Angst und Bangen Ins neue Jahr hineingegangen: Wird's uns auch ferner wohlergeh' u? Denn ach, von viel Gefahr umgeben Ist hier anf Erden unser Leben. Wer könnte in die Zukunft seh'»! — Doch »ein, nicht alle diese Rätsel Darf lösen menschlicher Verstand, _ Es liegt zum Glück so manche Lösung In Gottes weiser Valerhand. Doch Segen, Glück und Wohlergehen Erwl'mschen von des Himmels Höhen, Und hoffen, dast man glücklich werde, Ist uns erlaubt mtf dieser Erde. So viel sei aus den 39 uns vorliegendeit poetische« Lösungen rnitgeteilt. Wir haben dem noch hinzuzufügen, daß Lösungeft aus nahezu allen Teilen des Reiches uns zugingen, von der französischen (Arzweiler in Lothringen) bis zur russi- scheu Grenze (Tilsit t. Ostpr.). Mit Rücksicht darauf haben foir die Zahl der Preise noch ein wenig vermehrt. Es fielen an: 1 Frau MarieBepler, Gießen, Frankfurter Straße 140: Meistererzählungen fremder Dichter, ausgewählt von Johs. Hm- ''^ch'.Haus Büchner in Schotten: Adalbert Stifter, Berg- kristall, Kaheusilber. 2 Erzählungen. 3. Gymnasiast Hch. Geck m Trohe: Prof. Dr. Rechter, Unsere' Marine im deutsch-französischen Lytege 1870—71 4 Käthe Grimm, Gießen, Schillerstr. 9: Frauemwvelleu, 5. Paul Hüb euer, Gießen, Schiffenberger Weg 12: Statt Jmmermann, Preußische Jugend zur Zeit Napoleons. . 6. Karl Keller in Rodhetm a. d. Bteber: Grimms Märchen. „ w 7. Frau Fabrikant Lindner in Grünbcrg: Richard Skowronnek: Armer Henner, Roman. 8. Hellmuth Müller, Gteßcn, Marburger Straße odr Schöne alte Singspiele. , , ~ • 9. Ottilie Mergott in Obbornhofen: Else Crone»., Das Buch vom jungen Mädchen. ■ ' „ 10 Bürgermeistereigehilfe W. Rothamel, Gießen, Kauz- leiberg 5: Bilder aus den deutschen Kolonien. , 11. Wilhelm Schäfer in Annerod: Schuch, Ter Bernsteintaucher und Der Wildfischer. „ 12. Heinrich S chne t d e t tn Hach en h a u s en (Post riron- hause» a. d. Lahm: Steuert, Das Buch vom gesunden und kranken Haustier. .. , . 13. Artur Scholz, Gießen, Asterweg 41: Upton Sinclair- In zehn Jahren. Der Hanptpreis, eine gerahmte Original- l i t-h ogra p h i e des bekannten Künstlers Strich-Chapelle in Karlsruhe, fiel Herrn Geh. Hofrat Prof. Dr. .Haupt in Gießen zu. Wir bitten die Preise von unserer Geschäftsstelle ab- holen zu lassen oder uns mitzuteilen, wenn nach auswärts Zusendung gewünscht wird. Zahlenräisei. 1 Z 8 4 5 6 7 Vergnügen. 2 8 3 19 Dichter. 3 10 9 9 .1 Gestirn.. • 4 ö 11 9 Flust 5 12 10 13 Golt. 6 4 12 1 Baum. •7 13 2 1 14 5 Mädchcimame. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Jeder kehre vor seiner Tür. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Berlaa der Vrübl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lauge, Gießen.