1908 SB'f s n 2ln KZWMULW W>5 ,r',Tli J Der alte Musikant. Von Wilhelm Holzamer. (Nachdruck verboten.) Schluß. Der gute Beitjakob konnte aber zu Hause keine Ruhe finden. Als er ein paar Stunden schlaflos im Bett gelegen hatte, stand er auf. Es zog ihn zu seiner Geige, zur Musik. Sollte sie ihm wirklich nichts mehr zu sagen haben, ihm nicht mehr gut sein können? Ihm untreu geworden sein, sich gewandelt haben? Freilich immer lagen ihm diese Klänge des jungen Geigers im Ohr. Sie waren ja ganz anders. Und er spielte ganz anders. Ganz korrekt. Sauber und klar und breit die Melodie — ohne Triller und Läufe und Doppelschläge — fast grob schien's ihm. Und doch hatten sie so seltsam anders gewirkt. Nein, aber er mochte sie nicht. Er wehrte sich gegen sie, er war ihnen feindlich. Er wollte so etwas fürs Gemüt haben, so leicht und süß. Uno halb mit Zagen griff er zu seiner Geige. Es war noch dunkel — aber er zündete kein Licht an. Aus dem Gedächtnis spielte er — einen Schottischteil, einen Walzerteil, einen Mazurkateil — und er kam an die Kirchenlieder, die lieben alten, und es war ihm, als werde sein Herz schon leichter, und er kam an die süßen Lieder seiner Jagend, die so herzig waren und so schlicht — und immer sroher ward er und immer froher. Und dann spielte er fromm und feierlich: Wie schön leuchtet der Morgenstern! — und sein Herz sprang ihm in der Brust — und er spielte seinen geliebten „Liesewalzer" — und er sang und pfiff dazu — und er war so glücklich loie an seinem Hochzeitstage, allen Leides und aller Härte frei. Und als das Morgenrot mit Himmel strahlte, da bettete er sanft und zärtlich seine geliebte Geige im Kasten und legte sich selbst zur Ruhe. Jetzt fand er sie leicht — und er schlief bis tn den hellen Tag hinein, tief und erquickend. Die Abneigung gegen den „Rickes" hatte sich freilich der Jakob Veit nicht ganz weggeschlafen. Er zeigte es ihm alleroings nicht weiter. Nur dies eine — er trat tu fein näheres Verhältnis zu ihm. Er sprach mit ihm mir das Notwendigste. In die zweite Geige verwies er ihn natürlich nicht mehr, und so spielten sie in der kleinen Dorfkapelle auch in den Proben zusammen die erste Stimme. Der Jüngere brachte immer mehr und mehr die neueren und neuesten Sachen, die dem Beit doch gar nicht behagen konnten. Er machte aber noch mit, so weit's halt ging — wenn er auch gerade nicht mehr mitlernte, und er ließ beit Kollegen gewähren, der immer größeren Einfluß in der Kapelle gewann. Beit aber zog sich bald mehr und mehr zurück — in feine stille Stube, zu seinen alten Stücken, die er immer mehr und mehr liebte. Auch bei den Kirchweihtänzen war er nicht mehr so dabei. Er fühlte sich entbehrlich. Und nun behielten die Leute recht. Der Beitjakob war nicht mehr so frisch und gesund. Was da an seiner Seele nagte, das machte seinen Körper matt. Und die Jahre dazu —! Jakob Beit hatte sich nun bald ein halbes Jahr von den Proben ferngehalten und hatte Wohl beinahe seit einem Jahre auf keiner Kirchweih mehr gespielt. Er lag häufig zu Bett, oft den ganzen Morgen lang — und nur am Nachmittag konnte er ein paar Stunden auf sein und wohl auch noch einen kleinen Spaziergang machen. „Man wird halt alt", meinte er, wenn er gefragt wurde, wie's ihm gehe. „Widder Musik mache!" riet ihm dann auch mal einer, „a Widder 's Geigelche unner de Arm un de Fiodelboge ge- nomme, so werd schun alles Widder wem." „Ja, ja!" lächelte er dann. So pflegte er sich und lebte seine Tage. Und alllnählich kamen ihm Enttäuschung und Aerger ganz anders, viel milder vor. Er hatte das Spiel des Jüngeren wohl noch im Ohre, nicht so forsch und keck, wie's ihm damals geklungen hatte —, gesänftigt, eine Erinnerung. Und seltsam — dann und wann fiel ihm eine Stelle aus einem der neuen Stücke ein — und er behielt sie sich gerne und gewann sie sogar lieb. Und hatte sie bald noch lieber. Und er freute sich, wenn ihm wieder etwas neues wach wurde. Wenn er dann sann und dachte, und die Jahre all zurückging, die hinter ihm lagen — da war ihm doch, als habe er seinen Platz rechtschaffen ausgefüllt und sich und anderen brav genug getan — und es sei ganz in Ordnung und gerecht, daß ein anderer auf feinen Platz trete, ein Jüngerer, mit frischem Wagen und neuem Können und anderen Tönen, die für die jungen Herzen waren. Und es war ihm auch» als dürfe er nut seinem alten Herzen recht warm an dem Alten hängen und es recht lieben. Aber darüber schalt er sich, daß er das Junge verachtet und von sich gestoßen hatte. Er verachtete das Junge und Neue nicht mehr. Ja -- oft war's ihm wie eine Sehnsucht, es auch noch einmal zu können, auch noch einmal zu leben und so recht zu lieben und feurig zu spielen, so frisch aus der Geige heraus, daß er alle Herzen mitreißen müßte und je schwächer er wurde, desto stärker wurde diese Sehnsucht. Aber er klagte nicht. Es mußte in diesen neuen Melodien liegen, die in feiner Erinnerung so sanft und traumhaft klangen, daß sie ihn trösteten und stärkten, wenn sie auch seine Sehnsucht weckten. Und er versöhnte sich mit seinem Schicksal und sah in diesem Neuen, das ihn so hart verwundet hatte, die Erfüllung alles dessen, was er selbst erstrebt und die Krönung seiner Arbeit, weil es ihm das schien, was der Zukunft gehören würde. 778 Dem jungen Primgeiger ward er nun von Herzen gut. Da er nun schon tagelang auf dem Krankenbette lag, so wünschte er ihn zu sich an sein Bett. Wenn er nur einmal kommen würde. Er wollte ihm so gerne noch einmal die Hand drücken — und ihn noch einmal spielen hören. Aber er sagte nichts. Im Dorfe hatte sich die Nachricht bald verbreitet, daß der alte Beitjakob krank liege. Der erste, der ihn besuchte, war der alte Andreas Krafft, der pensionierte Lehrer, denr der Sturm des Lebens die Brust nicht hatte schwächen können. Er stand nun an den achtzig. , , . Sie sprachen über dies und das zusammen, auch über die anderen Zeiten. „Ich will dir was sagen, Veit," sagte Krafft und strich über seinen schlohweißen Bart, „wir Alten dürfen zur Ruhe gehen. Die Welt braucht uns nicht mehr. Die Welt braucht die Jugend. Und daß die recht keck und kräftig und mutig sei, das wollen wir ihr wünschen, der Jugend und der Welt. Das ist so das Leben, und das ist so recht eigentlich seine Gesundheit." Jakob Veit reichte ihm die Hand, drückte die seine und preßte die Lippen fest, fast herb zusammen. Doch gleich darnach sagte er: „Krafft, ich fühl's auch so wie dn — ich fühl's auch so." Auch die Kollegen von der Kapelle kamen — und eines Tages kam auch der „Rickes". Er kam ein bißchen verlegen und schüchtern. Aber über Veits Züge glitt ein Lächeln und hielt sich fest darin. Er streckte dem Jüngeren die Hand entgegen: „Ich dank dir so, daß du gekommen bist, Rickes — sagen kann ich dir das nicht, wie ich dir danke." ’ Und die beiden saßen lange beisanrmen. Als der „Rickes" fortging, versprach er bem Beit, bald wiederzukommen. Und am anderen Abend sah er schon wieder am Krankenbett. Er erzählte dem Alten. Von der neuen Musik. Von eüi paar neuen Tänzen, die er üt Mainz gehört habe und die er nun für die Kapelle bestellen wolle. Es sei schade, daß Veit nicht mehr mitfpielen könne. Aber wenn er wieder gesund sei —- dann. . . „Ja — dann . . ." So saß der Jüngere nun jeden Abend am Bett des Alten — zwei Herzensfreunde. Jakob Veit war mit jedeni Tage schwächer geworden. Er würde einmal ganz sanft hinüberschlummern, hatte der Arzt der Familie gesagt. Das Alter — er würde voraussichtlich einen sanften Tod haben. So war wieder eine Woche herumgegangen, und es war Sonntag geworden. Richard Bormann war schon anr Nachmittag gekommen. Und heute sprach ihm Beit seine Bitte aus. „Rickes — du könntest mir mal eins spielen — ich wollt dir's die ganze Zeit schon sagen. Dort hinten in der Eck steht meine Geige." Und der „Rickes" zauderte nicht. Er spielte mit Feuer. Beseelt von der hohen Achtung für den Alten und in der Freude, daß er sein Spiel hören wollte. Das Beste, was ihm einfiel, spielte er, das Neueste und Schwerste, ganz unermüdlich. Und Veit lauschte. Entzückt! — Ja, jetzt klang alles viel milder, gedämpfter. Vielleicht, weil's seine alte Geige war, die die neuen Melodien sang. Sein Herz war aller Wonnen voll. Er träumte den Traum seiner Jugend. Der da aber lebte ihn. Und der fühlte seine Zukunft voraus. Und er durfte ihm zulächeln und zuwinken Jakob Veit lag in den Kissen und schlief. Jakob Vormann setzte den Bogen ab und sah Mitt Alten. Wie war sein Herz so froh! Und er schlich sich fort. Dann und wann sahen die Verwandten nach. Jakob Veit schlief sanft. Einmal wachte er auf: „Rickes, ich dank dir! Ich dank dir! Es war sehr schön — es war so schön wie mein Liesewalzer! So — Wöu..." Dann schlief er ivieder ein. Und er wachte nicht wieder auf. Als es dunkel wurde, ging seine Seele ins Licht. Soin Körper empfand keinen Schmerz. Aus seinenr Antlitz lag ein Lächeln. Er hatte die Augenbrauen hochgezogen — und die Ohren standen gespannt, als ob er lauschte. Die Rechte hing zum Bette heraus, als ob sie nach etwas ausgestreckt sei. Die LsMtz-Letzlmger Heide und das W.Iagöschlotz LetzUngm- Tie Letzlinger Heide, die berühmten wildreichen Jagdgründe der Könige von Preußen unifafsen ein geschlossenes Waldgelände von etwa 120 000 Morgen, deren Baumbestand zu % aus Nadelholz, zu i/a aus Lanbholz besteht. Tie fünf Oberförstcreien Colbitz, Pganken, Letzlingen, Burgstatt und Jaevenitz, denen 30 Förstereien unterstellt sind, verwalten den Wald, der der zweitgrößte zu- sammenhangenoe Forst in Deutschland ist und im nördlichen Teile der Provinz Sachsen in der Altniark liegt. Innerhalb der Heide und von ihr ringsum eingeschlossen liegen die Dörfer Salchau, Planken und Tolle, während die Ortschaften Colbitz, Pnrförde, Lindhorst, Neuenhofe, Born, Letzlingen, Jävenitz, Hottendorf, Bor- gätz, Schernebeck und Burgstatt mit ihren teilweise großen Feldmarken den Wald umgrenzen. Vor dem 30jährigen Stiege war das Gelände nicht so zusammenhängend bewaldet wie heute. Zahlreiche Orte lagen dort, unter anderen das bedeutende Osterstadt und das größere Torf Siebau, die zerstört wurden, von deren Vorhandensein aber noch Manerreste und die malerisch gelegene Ruine einer Kapelle, sowie ein Bestand von 1000jährigen Eichen, die ehemals wohl den Gemeindewald gebildet haben, Zeugnis ablegen. Innerhalb der Heide, auf einer Flüche von 900 Morgen ist ein prächtiger alter Lindenbestand, „die Hohenlinden", ein Vorkommen, das in dieser Ausdehnung in Deutschland einzig dasteht. An Wild leben in dem Forst 6000 Stück Damwild, 300 Stück Rotwild und 800—1000 Stück Rotschweine. Niederjagd ist so gut wie nicht vorhanden, dagegen ist die Zahl der Raubvögel, die sich im Forst aufhalten, sehr groß, darunter der Fischreiher, der in hohen Eichen nistet und von der 4—5 Meilen entfernten Elbe feine Nahrung holt. Unter der sehr großen Zahl der Singvögel, die dort in der Heide ihr Lied erschallen lassen, befindet sich auch in starker Anzahl die Königin der Sänger, die Nachtigall. Am westlichen Staube des gewaltigen Waldes liegt das freundliche etwa 1200 Einwohner zählende Dorf Letzlingen von breiten sauber eingewalzten Straßen durchweg 'n. Es macht, wie al c Dörfer ,encs Landstriches, mit seinen schmucken Häusern den Eindruck der Wohlhabenheit seiner Bewohner. Eine städtisch angelegte Straße, an der die Wohnhäuser der Beainten stehen, führt direkt zu dem außerhalb des Dorfes gelegenen königlichen Jagdschloß, das von einem breiten mit Wasser gefüllten Wehrgraben umgeben ist. Schloß Letzlingen ist seit Friedrich Wilhelm III. ans Anlaß der dortigen Hofjagden alljährlich von den Hohenzollern besucht worden, und oft haben fremde Herrscher, berühmte Staatsmänner dort geweilt. Ganz besonders gern kam Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich in die Heide. Kaiser Wilhelm II. hat vor einem Jahrzehnt die Bauten gründlich erneuern lassen, ohne aber dabei an dem Charakter der inneren Räume des Baues zu rühren. Tie Einrichtung des Schlosses ist einfach aber zweckentsprechend nur für den kurzen Aufenthalt einer Hofhaltung berechnet. Sämtliche Räume des Schlosses werden noch mit Kerzen beleuchtet mit Ausnahme des Spersesaals und des großen Empfangssaales, ist denen sich alte bronzene Kronleuchter mit Lampen befinden, die noch mit Rüböl gespeist werden. Sämtliche Wände der Jnnen- räume sind reich mit Jagdtrophäen behangen. Die Gcweihc- sMNmluug ist eine Sehenswürdigkeit und wird an Zahl nur von der des sächsischen Königshauses übertroffen. Sehenswert sind auch die Gemälde, Jagdepisoden, an denen die preußischen Könige beteiligt waren und die nach der Statur gemalt sind. Großartig wirkt der Empfangssalon des Schlosses, der einzige Pruukraum, in dem 4 gewaltige ausgestopfte Wildsauen ausgestellt sind. Im Schlosse sind während der Hofjagd 30 der allerhöchsten Jagdgäste, mit ihrem Gefolge etwa 150 Personen, unterg bracht, während die zahlreichen anderen eingeladenen Jäger im Dorfe Wohnung nehmen. Ter Kaiser war seit 5 Jahren nicht im Revier und wird auch in diesem Jahre nicht an der Hofjagd teilnehmeu, die statt seiner der Kronprinz abhält. Tie Gründe, die den hohen Jagdherrn, der doch als Freund des Weidwerks bekannt ist, vow dem wildreichen Letzlingen abhalten, sind nicht bekannt. Man vermutet, vielleicht nicht mit Unrecht, daß Wilhelm II. den Anblick nicht ertragen kann, den die Heide macht, seitdem man vor -6—7 Jahren daran gehen mußte, große Bestände von Nadelholz, zirka iy2 Million Festmeter, zu fällen in denen der Kiefernspanner feine Verheerungen angerichtet hatte. Der preußische Staat hat zwar für den abgeholzten Wald 14 Millionen Mark eingenommen, aber dem Naturfreund, der die gewaltigen öden Lichtungen steht, die die Axt geschlagen und der die Heide in ihrer ganzen Schönheit vorher kannte, ihm muß das Herz bluten über das Werk der Zerstörung. Aber es ist nicht zu ändern gewesen, man mußte I 7M — iwtgebruiigen einett Teil des Waldes opfern, tvemt MsM nicht die ganzen Nadelbäume zerstören lassen wollte. Tic Colbitz-Letzlinger Heide war noch vor 25 Jahren von Touristen wenig besucht. Tagelang konnte inan damals den Forst noch durchstreifen ohne das; man, außer deir Forstleuten oder den Holzknechtcn, einer Menschensecle begegnete. Seitdem aber ist die Wanderlust weiter Kreise des Boltes auch im Norden unseres Vaterlandes gewaltig gewachsen und besonders die erholungsbedürftigen Bewohner der Städte im weiteren Umkreise pilgern nicht nur an Sonn- und Festtagen zu Tausenden in bett Forst, auch der große Touristenverkehr ist in die Gegend gekommen, wodurch die früher stillen Dörfer in und um die Heide herum zu stark besuchten Ausflugsorten geworden sind. W. G. Lin Experiment. Von Gustav Wied. Uebersctzt von Ida Anders. L>re hatte mich um meine Photographie gebeten, und ich hatte ftc ihr versprochen und war auch eben bei dem Photographen gewesen. Eines Abends, acht Tage später, besuchte sie mich wieder, und ich begleitete sie nach .Hause; es konnte tvohl so 11 Uhr sein. Der Himmel tvar sternenklar und mondhell, und wir gingen Arm in Arm und scherzten und lachten. Da stockte das Gespräch auf einmal. Wir gingen am Peblinger See entlang. Sie sah auf die Schwäne, die int Mondschein herumschwammen und einen langen Streifen flimmernden Kielwassers nach- sich zogen. Plötzlich wandte sie sich zu mir. „Mir wird schwindlig," sagte sie. Umvillkürlich drückte ich ihren Arm fester in den meinen, aber bald darauf lachte sie. „Das ist gewiß das Wasser draußen," sagte sie. „Und dann bin ich heute nicht ganz wohl gewesen. Aber nun ist es vorüber." „Es ist wahr, Gustav," rief sie dann. „Bekomme ich bald das Porträt?" Ich weiß nicht, wie ich darauf kam, aber ich antwortete: „Welches Porträt?" „Das du mir Dienstag versprochen hast." „Dienstag, Liebe?" fuhr ich in demselben Ton fort. „Nein, nei — ein." „Der Herr erinnert sich vielleicht nicht einmal meines Besuches ?" „Ja, natürlich, du kleines Schaf, aber —" „Ach zier' dich doch nicht weiter," sagte sie und lachte laut. „Ich versichere dir," wiederholte ich, „ich habe dir kein Porträt versprochen, ich kann's nicht ausstehen, mich photographieren zu lassen." „Und du versprachst mir sogar, daß du am nächsten Tage zum Photographen gehen wolltest." „Marie," sagte ich, „sieh mal!" und ich klopfte mich mit dem Zeigefinger auf die Stirn. „Nein, gar nicht," lachte sie wieder. „Denn ich besinne mich Noch ganz gut auf seinen Namen. Es war Riise, Riise ans dem Amagcrmarkt!" „Ne," sagte ich und tat, als ob ich in meinem Gedächtnis suchte. „Ne!" Aber nun wurde sie eifrig und blieb stehen: „Wir saßen ja dort auf dem kleinen grünen Sofa in der Ecke," sagte sie. „Ja, das weiß ich wohl; aber wir spracheit mit feinem Wort über Porträts." „Ach gewiß." „Aber, Liebes, Süßes, Kleines, was ist das für ein Unsinn." „Dort auf dem grünen Sofa," wiederholte sie langsam und mit Nachdruck auf jedem Wort, iirdem sie mit ihrem Sonnen- fdjirnt den Takt in der Lust schlug. „Dir lagst mit dem Kopf in meinem Schoß und spieltest mit dem Fächer." „Marie," sagte ich, „btt mußt geträumt haben." „Und ich gab dir einen Küß," fuhr sie fort. „Du hast mir so viele Küsse gegeben, Kind." „Weißt du denn gar nicht mehr, Mensch, daß es ein Brustbild sein sollte, und du ivolltest dein gelbes Jacket anziehen?" „Nein." „Und du wolltest mit den Augen direkt in den Kasten sehen." „Nein, nein, nein," sagte ich wieder. „Nun, ich bin böse, Gustav," sagte sie und zog ihren Arm ans dem meinen. „Ja, aber, Liebe, ich kamt doch wirklich nicht zugcben —' „Wir wollen nicht mehr darüber sprechen," unterbrach sie mich. „Wenn du es mir nicht gefielt willst, dann . . . Aber ich finde es freilich sehr seltsam von dir." Wir gingen ein paar Minuten schweigend nebeneinander her. Ich konnte merken, daß meine Worte Eindruck auf sie gemacht hatten. Sie war beleidigt, aber es hatte sich auch ein Zweifel bei ihr gemeldet, wer von uns beiden recht hatte., Nun wollte ich wieder ihren Arm nehmen, aber sie entriß ihn nur und entfernte sich einige Schritte. ■ „ . „Marie, wenn du gern mein Bild haben möchtest, io werde ich mich schon photographieren lassen, trotzdem ich es nicht gern tue." ., ., , „Gott, du brauchst dich wirklich nicht zu bemühen. „Na ja, ja doch---• Kommst du morgen ms Theater? „Es ist Mutters Abend," sagte sie mürrisch. „ya, aber, du meintest doch--“ Wir waren gerade zu einer Laterne gekommen. Da packte sie mich plötzlich mit der einen Hand unter das Kinn, als ob sie mich erwürgen wollte, aber sie zwang nur meinen Kopf hintenüber gegen das Licht und blickte mir starr in die Augen. Ich hielt ihren Blick ruhig aus. „Lügst du wirklich nicht?" fragte sie. „Liebe, kleine Freundin," sagte ich, „schlage dir nun die Gedanken auS dem Kopf! Mait kamt ja so oft etwas träumen, weißt du, an das man sich nicht gleich erinnert, und wenn es dann später austaucht, so glaubt man, es ist etwas Erlebtes!" „Und du schlugst mich mit dem Fächer auf die Wange," sagte sie und starrte in die Luft hinaus, als ob sie einen Gedankengang sortsetzte, und ich konnte es ihren Augen ansehen, daß ihr Gehirn daran arbeitete, um sich alle kleinen Begebenheiten des Abends so deutlich wie möglich zu vergegenwärtigen. „Und dann legtest du den Fächer fort und zündetest eine Zigarette au, eine von den meinen." Ich war erstannt darüber, daß sie alle diese Einzelheiten behalten konnte. Die Situation begann mich zu interessieren, und ich dachte gar nicht daran, daß mein Experiment ihr wahrscheinlich Kummer verursachte. , „Marie," begann ich wieder, „meinst d» nicht, daß wir aufhören sollten, von dieser Sache zu reden. Du gehst ja nur herum und regst dich selbst auf." „Ja, aber das ist beute Schuld," sagte sie hart. „Was ist meine Schuld?" „Warum leugnest du's? Wenn du keine Mittel hast, dich photographieren zu jassen, so sage es; aber laufe nicht herum und :---. Ich kann's nicht leiden, ich kann's nicht aushalten! Du weißt, mir ist heute nicht recht wohl." „Morgen gehe ich zum Photographen," sagte ich, „und damit ist die Geschichte aus." „Danke," sagte sie froh und ergriff meine .Hand, „ich wußte es ja!" „Was wußtest du?" „Daß dn mir deine Photographie versprochen hattest." „Ja, jetzt habe ich sie dir versprochen." „Aber auch Dienstag?" fragte sie schnell. „Ich versichere! dick), wenn du nicht ja sagst, dann — —" „Dann kommst du vielleicht morgen nicht auf deiner Mutter Platz?" unterbrach ich fic. „Sag, daß bu’§ Dienstag versprochen hast," bat sie flehentlich. „Höre, Marie, ich glaube wirklich«, bei dir ist's. nicht recht richtig!" „Nein, nein, ib-a3’ kann wohl fein," sagte sie und legte ihre Wange gegen meine Schulter, „aber sage nur, daß dn's Dienstag versprochen hast!" „Und warum?" fragte ich!. „Ja, du, denn es ist so wunderlich oben in meinem Kopf da ist etwas, das ja sagt; und da ist etwas, das nein sagt." Sie sah wirklich sehr nervös und leidend aus, wie sie da ging, das Haupt gegen meine Schulter gelehnt. Aber obschon ich Lust empfaitd, sie zu küssen und zu beruhigen, tat ich doch, als ob ich ärgerlich würde, und sagte: ,/Ja, ich kann dick ja gern Recht geben, wenn du das wulst. „Hast dn eS mir denn wirklich nicht versprochen?" sagte sie verwirrt und sah mir ängstlich in die Augen. „Nein, Liebe, ich versichere dir." „Ja, aber," stammelte sie — „ja, aber, wie kamt — H ja du hast es," sagte sie plötzlich, „ja dn hast!" Und ihr Gesicht strahle vor Freude. „ „ , ,,, t „ Sie hatte augenscheinlich einen besonders schlagenden Beweis gefunden. , _ , . , „Ja, du hast cs versprochen! Denn du sagtest, dop bit dir erst die .Haare schneiden lassen würdest. Und du hast dir die Haare schneiden taffen, nicht wahr?" wiederholte sie triumphierend. „Ja, das fytfie ich." , „Und weshalb etwa, wie?" rief sie beinahe hämisch, , „Wahrscheinlich, weil ich's nötig hatte," antwortete ich ruhig. Sie blickte hurtig zu mir auf; aber da ich Line Miene verzog, sagte sie, dem Weinen nahe: „Du lügst, Gustav!" Ich begann Mitleid mit ihr zu empfinden; aber ich konnte der Lust nicht wiederstehen, das Experiment weiterzuführen. Dte Sache war die, ditß ich int| Grunde nicht mehr weiter tu ne verliebt war. , „Welch merkwürdige Wolke da oben," tagte ich und deutete MM Mond empor. , . r, ... Sie blieb stehen. Darauf sagte ftc ruhig und mit einer so unerschütterlichen Ueberzeugung, daß ich stutzte: „Ich weiß jetzt, daß ich recht habe, Gustav,, und ich kann nicht begreifen, warnüt du so böse geworden bist." Ich wurde ärgerlich darüber, daß sie doch zuletzt den Sieg davontragen sollte. Aber ich tsah ein, daß Widerspruch Tente Wirkung mehr ausüben würde, und deshalb sagte ich, überlegen hingeworfen: „Ja, gewiß hast du recht!" , L , „ „He," sagte sie, „he!" Sie sagte Nichts weiter und es Hang wie zwischen 'Weinen und Lachen. 780 Dann schwieg sie alber und ging eine Meile und blickte zu Boden. Ader plötzlich warf sie sich mir an den Hals, umschlang mich tatt beiden Armen und sagte weinend : „Tu darfst nicht mehr! Du darfst nicht mehr, Gustav, ich kann's in meinem Kops nicht anshalten, hörst du?" Nun wurde mir bange. Dieser Anspruch kam mir unerwartet, und ich bemerkte außerdem, daß die Leute stehen blieben, indem sie anums vovbeikamen. Ich schlug ganz um und sagte mild: „Liebe, kleine Freundin, so so. Das war ja nur Scherz, das Ganze, verstehst du!" Und ich strich ihr sanft über die Wangen. Aber sie richtete sich mit einem Ruck in die Höhe. „Nein, nein, nein! Nicht so," sagte sie. „Was meinst du?" fragte ich verwundert. „Du sollst mir gar nicht nach dem Munde reden!" „Ich rede dir nicht nach dem Munde." „Ja doch. Denn du glaubst, daß ich nicht vecht im Kopf bin Und das bin ich vielleicht auch nicht--. Ach, wie ist das wunderlich!" sagte sie dann plötzlich und preßte die eine Hand fest gegen den Nacken. Solltest du zu weit gegangen sein, dachte ich. „Marie," sagte ich uiid legte meinen Arm um ihre Taille, „ja, es ist meine Schuld, Marie, ich habe dich ein bißchen vecken wollen, und das war garstig von mir." Aber sie hörte gar nicht, was ich sagte, sie ging und blickte zu Boden rind ich mußte sie stützen. ES schien, als wäre sie plötzlich unendlich müde geworden. „Sind wir nicht bald zu Hause?" fragte sie, ohne anfzuseheu. „Willst du dich nicht ein bißchen setzen? Hier ist eine Bank," sagte ich. „Nein, nicht setzen," murmelte sie, „dann falle ich sofort in Schlaf, denn ich will dir sagen, Gustav, ich bin nicht recht wohl." Wir waren nun bis zur Ecke der Straße gekommen, >vo sie wohnte. Sie hielt akkurat vor dem Baum, wo wir stets von einander Abschied zu nehmen pflegten. „Marie," sagte ich, „Marie!" Und ich konnte den Gedanken Nicht loswerdeu, daß sie ein wenig Komödie spielte. „Ach," sagte sie gereizt, „du brauchst nicht so laut zu schreien." „Mariechen, du begreifst wohl, daß das nur Spaß war, das ganze!" Aber sie stand vor mir, ohne zu hören, was ich sagte. Das Haus lag gerade an der Ecke. Es war eine der kleinen Villen mit Vorgärten. „Geh jetzt," sagte sie ungeduldig, „Vater sitzt und wartet." „Ja, aber soll ich nicht---" begann ich. „Ich kann's selbst, das tue ich ja immer." „Gute Nacht denn, Steine!" sagte ich nun, „wir sehen uns Mo morgen abend?" „Gute Nacht!" murmelte sie und wandte sich zum Gehen. „Bekomme ich keinen Kuß?" fragte ich sentimental. „Ja, es ist wahr," sagte sic und wandte sich nach mir um und küßte mich. Ihre Lippen waren ganz kalt. Und wieder bekam ich Mitleid mit ihr: das heißt, das Mitleid, das der eine Mensch mit dem anderen bekommen kann. Nicht mehr. „Marie," flüsterte ich, komm' zu dir, Kind!" Aber sie antwortete nicht. Sie stand nur da und starrte auf die Fliesen. „Jetzt ist es am besten, du gehst," sagte ich dann. Und sie ging. Als sic um die Ecke gekommen war, schlich ich ihr nach. Sie ging langsam, mit gebeugtem Kopf und schleppenden Schotten. Und ich sah sie an dem Haufe vorübergeheit, in dem sie wohnte und auch an dem nächsten. Bei dem dritten blieb sie stehen, öffnete das Pfürtchen und ging in den Garten. Ich lief dort hin. Sie stand schon oben am der Tür und pusselte am Schloß. „Marie, du gehst verkehrt!" Aber sie hörte mich nicht. Ich ging ganz zu ihr hin und er- gviff sie bei der Hand. „Marie," wiederholte ich, „du gehst verkehrt!" „Ich kann wohl nicht auflchließen," sagte sie und lächelte geistesabwesend. Ich zog sie mit mir aus dem Garten, die Straße entlang und zu dem Hause hin, in das sie hineinwollte. Sie folgte mir willenlos. Ich nahm den Schlüssel aus ihrer Hand, öffnete die Tür und zog sie behutsam ins Entree. Daim gab ich ihr den Schlüssel zurück und drückte ihre Finger fest darum. „Gute Nacht!" flüsterte ich. Aber sie stand da. ohne zu hören und ohne zu antworten. Da ging ich hinaus und zog die Türe hart hinter mit zu. Ich hörte, wie sie ins Schloß schlug. Eine Viertelstunde wohl stand ich draußen auf der anderen Seite der Straße. Ich sah das Licht drüben hinter den Gardinen sich auf den Treppenflur hinausbewegen und wieder zurück ins Zimmer hinein. Bald darauf verschwand es. Eine Weile rwch blieb ich stehen und lehnte mich au das Staket des gegenüberliegenden Gartens. Dann ging ich heim. Cs Ivar mir wunderlich zu Mute: aber das, was man Gewissensbisse nennt, fühlte ich eigentlich nicht: im Gegenteil, plötzlich fuhr mir der Gedanke durch den Kopf: Gott weiß, ob sie jetzt nicht oben in ihrem Zimmer sitzt und sich über dich lustt« macht! ____ Vermachtes. * Das Rauchen der Frauen. Aus Newyork wird berichtet: In dem Kampf, den die moderne Amerikanerin um das Recht, auch in der Oeffentlichkeit zu rauchen, gegenwärtig führt, ist ihr eine mächtige Helferin in einer der, bekanntesten Frauenärztinnen, Dr. Rahel Skidelsky, erstanden, die in Philadelphia einen Frauenklub mit eines Verteidigungsrede für das Rauchen der Damen überraschte. Seit langen Zeiten, meinte sie, fänden die Männer Erleichterung von allerlei Aerger, Erholung für ermüdete Nerven und überhaupt physisches Wohlbehagen durch das Rauchen von guten Zigarren und Zigaretten, wenn es mit Maß geschähe. Wahrscheinlich würde auch bei den amerikanischen Frauen weniger Von Nervosität die Rede sein, wenn sie etwa dreimal am Tage, am besten nach den Mahlzeiten, fünf Minuten einer oder auch zwei Zigaretten widmen wollten. Es wären viele Aerzte dieser Meinung; sie trügen nur Bedenken, ihren Patientinnen den Rat zu rauchen zu geben, weil sie befürchteten, daß das, was eine wohltuenoe Medizin für sie sein sollte, allzu leicht zu einer übermächtigen: Gewohnheit werden könnte. Mit ihrem guten Rat komnlt Dr. Skidelsky freilich für viele amerikanische Damen der oberen Zehntausend etwas zu spät; das Rauchen wirit immer allgemeiner üblich, und auch die vornehmen Restaurants, in denen man sich gegen die neue Sitte zunächst! sträubte, müssen dem Rechnung tragen. Erst in den letzten Wochen kündigte eins der fashionabelsten Restaurants in Newyork an, daß das Rauchen der Damen nach der Mahlzeit nicht mehr verboten sei; seitdem ist allerdings diese Erlaubnis für die allgemeinen Gasträutne zurückgenommen worden, aber es ist ein besonderer Rauchsalon für die Damen eingerichtet worden. * V e r w a n d l u u g v o n L e i ch e >i i u S t a t u e u. Bet dem Patentamt in Washington hat sich kürzlich ein Chicagoer Postbote namens David I. Mock ein Verfahren patentiere» lassen, Leichen in Gold-, Silber- und Bronzestatuen zu verwandeln, so daß es fortaik im Belieben eines jeden steht, sich dem „Staubwerden" zu entziehen, vorausgesetzt natürlich, daß er über die nötigen Mittel verfügt. Ja, selbst das Begräbnis dürfte in diesem Falle überflüssig werden, da unsere abgeschiedenen Lieben in dieser Gestalt für allezeit in unserm Heim verbleiben können. Mr. Block erklärt, daß er nach mehrjährige m Experimentieren nunmehr imstande ist, die Leiche eines Mannes von mittlerer Größe für 515 000 Doll, in reines Gold, für 300000 Dollars in Silber zu verwandeln. Er fertigt auch Bronzestatuen, deren Metall das Fleisch des betreffenden Körpers V8 Zoll tiefer durchdringt, und die schon zum Preise von 2000 Dollars erhältlich sind. Der Erfinder leistet hundertjährige Garantie für die überraschende Erhaltung der so behandelten entseelten Hüllen. Er hat dem Patentamt mehrere Beweisstücke seines Verfahrens eingereicht, darunter einen Rosenzweig, der vor fünf Jahren metallisiert worden ist. Die Rosen sind steinhart, doch von natürlicher Färbung, und ihrem Behälter entströmt beim Oeffnen frischer Rosenduft. Seine Frau trägt derartige aus Rosen gefertigte Hutnadeln, die er vor zwei Jahren metallisiert hat, und die — was kaum glaublich erscheint — noch heute den Dust frischer Rosen haben. Natürlich hält der Erfinder sein Verfahren, mittels dessen er über die Macht irdischen Verfalles — das Los altes Schönen hienieden — zu triumphieren hofft, geheim, allein er soll bereits zwecks Verkaufs seines Patentes in Unterhandlung mit einer Gesellschaft von Unternehmern; stehen. (?? D. Red.) * Contra natura m. Eine Eigentümlichkeit haben die Zeppclinschen Ballonfahrten gezeitigt: die Fran Gräsiit erwartet hier immer die Niederkunft ihres (Satten. Logogriph. Unaufhaltsam jag ich dabin durch Wälder und Wüsten Giebst du statt B mir ein H, werd ich ein streitbares Tier. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Kapsel-Rätsels in voriger Nummerr Ernst ist derAublick der Notwendigkeit, Siebattioiu E. Anderson. — RoiauvirSdraki und Verlag bei Brühl'sehr» UntcetfuälS • Buch- und ©lemötudetet, R. Lange, Gießen.