Donnerstag den 12. November 1908 ÜB® w£dc//" *Ct M WMW Herr Lecoq. fititnittol'diontait von E. Gaboristst. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) 31. Kapitel. Wenn mait mitten in einen Teich einen schweren ©teilt Wirft, so bringt er eine beträchtliche Bewegung der Wasseroberfläche hervor. Wer die Heftigleit derselben dauert nur em« Minute: sie nimmt ab, je weiter die Kreise werden, die Ober- ftädic wird wieder unbeweglich, und bald bleibt ferne Spur mehr Don' dem Stein zu sehen, der in dem Schlamm des Bodens ernt’ gebettet liegt. „ .. . , o c . , So ist es auch mit den Ereignissen, die in den Lauf des Alltagslebens hineinsallen. Sie mögen noch so gewaltig sein, daß ntktn glaubt, der Eindruck müsse jahrelang vorhalten — Unsinn! die Zeit schließt sich über ihnen, schneller als der Wasserspiegel über dem Stein, und schneller als dieser gleiten; sic in die Tiefen der Bergangenheit herab. So war denn auch nach vierzehn Tagen das furchtbare Ber- brecheu in der „Pfefferbüchse", dieser dreifache Mord, der alle Pariser Zeitungen in Aufregung versetzt hatte, ebenso gründlich vergessen, wie irgend ein Todschlag, der Mr Zeit Karls de. Großen vorgekommen war. Nur im Justizpalast, auf der Präfektur und im Uutersuchüngs- Msüngnis erinnerte man sich noch des Falles. Segmutter hatte es, weiß Gott, an Mühe nicht fehlen lassen, aber er hatte keinen besseren Erfolg damit gehabt als Lecoq. So und so oft wiederholte Verhöre, geschickte ®onfrontatimten, verfLuglicye Fragen, Drohungen, Versprechungen — alles war vergeblich gewesen. Em gleicher Geist schien die Witwe Chupin und Polyte, „Tugend-Dont und Frau Milner zu beseelen. Es ging aus ihren Auslagen klar hervor, daß sie ihre Weisungen vom Komplizen erhalten hatte« und getreulich befolgten, — aber was nützte dem Richter diese Gcwißheitz lu0 Segmüller, der sonst das allerbeste Herz hatte, voll Verzweiflung über die Unzulänglichkeit seiner lediglich moralischen Waffen, wirklich bedauerte, daß ihm gegen Me Socften sSeu nicht das Rüstzeug der alten Folterkammer &u Gebote stand. , „ , ,, Auch der Mörder selbst hatte sich wacker gehalten, m, er hatte feine Rolle jeden Tag mit einem neuen feinen Zug aus- gestattet, wie ein Manu, der sich an ein anfangs unbequemes Kleidungsstück mit der Zeit gewöhnt. Sein Selbstbewußtsein dem Richter gegenüber wurde täglich größer, als wäre er seiner Sache sicher gewesen, als hatte er trotz allen strengen AbsperrungAmaßregeln von draußen ^ie Gcwißhen erlangt, daß die Untersuchung nicht um einen Schritt vorwärts ° einem der letzten Verhöre hatte er sogar, nicht ohne sehr bemerkbare Ironie, sich zu sagen erlaubt: , Mollen Sie mich denn eigentlich uocq lange in der Geheim Aelle behalten, Herr Richter? Werde ich nicht in Freiheit ffe* setzt oder vor die Geschworenen verwiesen? Soll ich noch tong.fi darunter leiden, daß Sie den Einfall gehabt haben, mich für eine« großen Herrn zu hallen? Ich werde Sie solange festhalten, hatte Segmüller geantwortet, bis Sie gestanden haben. Gestanden? Was denn? O, das wissen Sie selbst recht gut. Darauf halte der unerklärliche Mensch die Ach,elu gezuckt und mit seinem gewöhnlichen, Halb traurigen, halb spöttischen To« geantwortet: , ...... Daun werde ich also noch nicht so bald aus dem verdammten, Loch heran skommcn! . Ohne Zweifel infolge dieser Uebevzeugnng, schien er sich auf einen Aufenthalt von unbestimmter Länge einznrichten. Er hatte auf sein Gesuch hin einige der in seinem Koffer enthaltenen. Sachen ausgehändigt bekommen uird eine kindliche Freude gezeigt, als er sie hieben in seinen Händen sah. Vermittelst des rhist abgeiiommeneil und deponierten Geldes konnte er sich auch einige Annehmlichkeiten verschaffen, die man Untersnchnngsgefangenest niemals verweigert, da sie ja in der Tat m3 unschuldig betrachtet werden können, solange das Gericht iwch nicht über sie e6ße8u€feineTt'unte*ttung hatte er einen Band von Böraiigers Gedichten gewünscht und erhalten, und er verbrachte ganze Tagg damit, daraus Lied« ansivendig- zu lernen. _ Er sang sie mit lauter Stimme und ziemlich geschmackvoll. Er behauptete, daß er sich damit eilte neue Kunstfertigkeit erwürbe, von der er viel dlutzen Wit könnte, wenn et erst wieder draußen wäre. Denn er zweifelte nicht an feiner Freisprechung, fo »erfuftevte er immer wieder. Er beunruhigte sich nur wegen des Zeitpunktes der Gerichtsverhandlung, wegen ihres Ausgangs nicht. Traurig wurde er nur zuweilen, wenn er von seinem Beruf sprach. Er hatte Heimweh nach seiner ^ahrmarktsbiide. Er weinte beinahe, wenn er an )cin flitterbesetztes Akrobatenkostimt. dachte, an sein Publikum, an die Ansprachen, die er bet den Klängen der wilden Jahrmarktsmusiken gehalten hatte. Uebrigens war er niemals offenherziger, mitteilender, folgsamer, als wenn er von diesen Sachen sprach. . .. Mit augenscheinlichem Vergnügen ergriff er ttde Gclegeii heil zum Schwatzen. Er liebte es, von seinem abenteuerlichen Leben zu erzählen, von seinen Vagabundenfahrten durch ganz- Er hatte viel gesehen und viel behalten, und er besaß einest unerschöpflichen Vorrat von Schwänken und trivialen W'.tzen,- worüber die Gefangenenwärter sich totlachen wollten. , Und alle Worte dieses großen Schwätzers, m selbst feine geringsten Handlungen trugen ein solches Gepräge von Natürlich- kett, daß "die Leute vom Untersuchungsgefängnis nicht mehr ast der' Wahrheit seiner Behauptungen zweifelten. Schwieriger zu überzeugen war der Direktor. , Er' hatte versichert, der augenblickliche Marktschreier kon,» nur ein gefährlicher Zuchthäusler fein, der feine ihn betaftenbe Vergangenheit verheimlicheit wolle; er bot alles auf, nm dies 710 — «ai beweiset. Vierzehn Tage lang wurde Mai jeden Morgen nach und nach allen Beamten der Kriminalpolizei, sowie ihren gelegentlichen Mitarbeitern, vorgesührt. Hierauf stellte man ihn ettva dreißig Zuchthäuslern vor, die wegen ihrer Kenntnis aller französischen Gefängnisse berühmt waren und eigens zu dem Zweck. nach dem Untersuchungsgefängnis transportiert wurden. Niemand erkannte ihn. , Seine Photographie war nach allen Zucht- und Arbeitshäusern verschickt worden; niemand erinnerte sich seiner Züge. Zu diesen Umständen kamen noch andere hinzu, die ebenfalls zugunsten des Gefangenen sprachen. Das Personnlienbureau der Präfektur fand positive Spuren von der Existenz eines gewissen Triuglot, „Jahrmarktkünstlers", der wohl der Mann der Maischen Erzählung sein konnte. Dieser Tringlot war vor mehreren Jahren verstorben. Außerdem ergab sich aus den in Deutschland und England angestellten Nachforschungen, daß dort ein Mister Simpson sehr gut bekannt war Md auf allen Messen und Jahrmärkten in hohem Ansehen stand. Gegenüber solchen Beweisen ergab der Direktor sich und gab offen zu, daß er sich geirrt habe. Der Angeklagte Mai, schrieb er dem Untersuchungsrichter, ist wirklich und wahrhaftig das, wofür er sich ausgibt. Zweifel in dieser Hinsicht können nicht mehr obwalten. Das war natürlich erst recht Gevrols Meinung. Also blieben Segümller und Lccoq mit ihrer Ansicht allein. Allerdings konnte keiner so wie sie über den Fall urteilen, da sie allein alle Einzelheiten der streng geheim gehaltenen Untersuchung kannten. Aber gleichviel, allein gegen die ganze Welt ankämpfen ist immer peinlich, wenn nicht gar gefährlich, und hätte man auch tausend- und abertausendmal recht. lieber den „Fall Mai" hatte allerlei verlautet; Lccoq wurde Von gröblichen Späßen verfolgt, sobald er sich auf der Präfektur sehen ließ, aber auch der Untersuchungsrichter konnte nicht ganz allerlei freundschaftlichen Witzen entgehen. Da fragte ihn mehr als ein Kollege, bei Begegnungen int Korridor, was denn eigentlich sein Kaspar Hauser mache, sein Mann mit der eisernen Maske, fein geheimnisvoller Seiltänzer. Schließlich gerieten denn sowohl Segmuller Ivie Lccoq in die aufgeregte Stimmung eines Menschen, der von einer Ansicht felsenfest überzeugt ist, aber ihre Richtigkeit nicht beweisen kann. Sie verloren beide den Appetit darüber, so daß sie mager wurden und im Gesicht ganz griin aussahen. Mein Gott! sagte Segmüller manchmal. Warum hat d'Es- eorval das Bein gebrochen? Ohne diesen verdammte:: Sturz hätte er alle meine Sorgen, und ich würde jetzt darüber lachen wie alle anderen. Der junge Beamte dagegen knurrte in sich hinein: Und ich hielt mich für was Rechtes! Aber keinen: von ihnen kam der Gedanke, die Sache aufzn- geben. So verschieden sie von Temperament waren, beide hatten sie, jeder für sich, geschworen, sie würden das peinigende Rätsel lösen. So standen die Sachen, als L-ecoq sich entschloß, seine nutzlosen Laufereien durch ganz Paris aufzugeben und sich einzig der Beobachtung des Gefangenen zu widmen. . Vc>n Stund an, sagte er zu Segmuller, werde ich Gefangener wie er, und lasse ihn, ohne daß er mich sehen kann, nicht mehr ans heu Augen. 32. Kapitel. Oberhalb der' engen Zelle, worin der Angeklagte Mai gefangen, faß, befand sich eine Art Hängeboden, der mit Fliesen gedielt, aber so niedrig war, daß ein. Mann von mittlerer Größe in dem Raum nicht aufrecht stehen konnte. Einige dünne Lichtstrahlen, die durch die Fugen der Dachschiefer drangen, verbreiteten kaum eine zweifelhafte Dämmerung. In diesem ungemütlichen RauM quartierte Leooq sich eines schönen Morgens ein. Er hatte dazu die Stunde gewählt,. um welche der Go- fangeue unter der Aufsicht von zwei Wärtern seinen täglichen Spaziergang machte. Lccoq konnte also ungescheut an die zu feiner^ Einrichtung notwendigen Arbeiten gehen. Er hob zwei oder drei Fliesen aus und begann darauf ein Loch zu machen. Er hatte für dieses eine trichterförmige Gestalt gewählt; sehr breit an der Oberfläche, verengerte es sich nach unteu zu, bis es bei dein Punkt, wo es auf die Decke von Mais Zelle traf, kaum stoch zwei Zentimeter breit war. Dieser Punkt war übrigens Vorher ausgesucht worden, und zwar so geschickt, daß der Gefangene das Loch unmöglich von unten bemerken konnte. Während Lccoq an der Arbeit war, standen der Direktor des Untersuchungsgefängnisses und Gßvrol, die ihn durchaus hatten begleiten wollen, spöttisch lächelnd in der Türöffnung des Hänget oodens. Dies ist denn also, Herr Leooq, sagte der Direktor, von nun an Ihr Observatorium? Mein Gott, ja, Herr Direktor. Sie «Verden es Hiev nicht sehr bequem haben. Doch nicht so schlecht, wie Sie denken. Ich habe mir eine! dicke Decke mitgebracht, um sie aus dem Boden aus'znbreitcn, und auf dieser werde ich liegen. So werden Sie also Tag und Nacht IHv Ange an dieser Oeffnung haben? Tag und Nacht, jawohl! Ohne zu essen und zu trinken? fragte Gevrol. Warum nicht gar .' Der alte Absinth, den ich von seinem mm Nützei: Beobachtungsposten' in der Ruelle de la Bnttcaux-Cailles! abgelöst habe, wird mir mein Essen bringen, meine Besorgungen machen und nötigenfalls weine Stelle einnehmen. Der eifersüchtige General lachte laut auf, aber dies Lachest Ivar offenbar erzwungen. Höre, sagte er, du tust mir leid. Kann sein. Weißt du, wie du ausschcn wirst, mit deinem Auge ämj Loch, um den Angeklagten zu beobachten? Sagen Sic's und: genieren Sie sich nicht. Also, du kommst mir vor wie so'n alter verrückter Natnr- forschev, der alle nwglichen Tierchen unter seine dicke Lupe legt und sie beobachtet, wie sie herumkbabbcln. Lccoq war mit seine« Arbeit fertig; er stand aus und sagte: Der Vergleich ist außerordentlich treffend, General. Sie habest es erraten: die Erinnerung au diese Naturforscher, von denest Sie so schlecht sprechen, hat mir meinen Gedanken eingegeben. Ihr Verfahren, das Sie. auf Insekten anweuden, werde ich au» einen Menschen anwenden! Oho! rief der Direktor cin ivcnig erstaunt. Jawohl, Herr Direktor, so ist es! Ich will das Geheimnis des Angeklagten haben — und ich werde cs haben, ich habe es mit! geschworen. Ja, ich werde es haben, weil er bei der allergrößten! Energie doch einmal einem Augenblick von Schwäche haben muß, und dann werde ich da sein. Ich werde da sein, wem: sein Wille nachläßt, wenn er, sich allein glaubend-, die Maske fallen läßt, wenn er sich eine Selünde lang vergißt, wenn er int Schlaf ein unbedachtes Wort fallen läßt, wenn ev dein: Erwachen nicht: seine ganze Kaltblütigkeit hat, wenn die Verzweiflung ihm eine Klage, eine Bewegung, einen Blick entreißt — dann werde ich da sein, immer werde ich da sein! Der unerschütterliche Wille des jungen Beamten, der sich so machtvoll aussprach, machte auf den Gesängnisdirektor einest gewissen Eindruck. Meiner Seel, mein Junge, sagte ev. Sie haben einen artigen Muk! Und ganz ohne Zweck, brummte Gövrvl. Der Inspektor sagte das in sehr wegwerfendem Don, aber; im Grunde war er seiner Sache doch nicht mehr ganz sicher.- Der Glaube ist ansteckend, und die unerschütterliche Zuversicht: Leooqs beeinflußte auch ihn. Wenn dieser Rekrut doch gegen ihn recht behielte, gegen ihn, Gsvrol, das Orakel der Präfektur^ was für eine lächerliche Blamage! Noch einmal schwor er es sich selber zu, daß dieser so überaus rührige Bursche bei der Kriminalpolizei nicht alt werden sollte; und, unwillkürlich eines der Mittel verratend, wodnrch er hierauf hinzuarbeiten gedachte, fügte ev hinzu: Die. Polizei muß das Geld sehr reichlich habest, um zwei Leute für eine solche Mvrenarbeit zu bezahlen. (Fortsetzung solgt.) GseiheZ Trauer um schiller/) Bo» Kart Berger. Eine einzige Stimme war in der allgemeinen Toten« klage um Schiller noch nicht erklungen: Goethe allein war zunächst stumm geblieben, er allein schien bei so reichest Huldigungsspenden mit seinem Beitrag zu kargen. Ein Monat war bereits seit Schillers Tod vergangen, da mußte! die junge weimarische Prinzessin Karoline seine Witwe noch also trösten: „Daß Ihnen unser Freund, Goethe, nicht so wv hl tätig sein kann, tut mir leid ffir ihn, denn er muß in *) Diesen Aufsatz entnehmen wir mit Erlaubnis der C. H. Bcckschen Verlagsbuchhandlung (Oskar Beck) in München! .zweiten Bande hcv bekaimtcu Schillerbiographie von Karl Berger. >- 711 Einet traurigen Stimmung sein, nicht Stärke genug haben, sich Trost geben zu wollen." So war es in der Tat: wie es Goethe immer erging, wenn ihm seine Liebsten starben, so ging es ihm auch mit dem Freunde. Er war von dem Ereignis so tief erschüttert, daß er, nach seinem späteren Geständnis, aller eignen Kraft bedurfte, um aufrecht zu bleiben. Wie der Schmerz in ihm wühlte während dieser Zeit, das konnten selbst die Nächststehenden nur ahnen. In der ersten Woch,e des Mai war er in sein altes Leiden zurückgeworfen worden; jede trübe Kunde vom Krauken- lager des Freundes wirkte verschlimmernd auf feinen Zustand. Der junge Boß fand ihn eines Tages mit tränen- erfüllten Augen int Garten. Der Besucher brachte schlim- tnen Bericht: ntan fürchtete für Schillers Leben. Gewaltsam sich fassend, erwiderte Goethe nur: „Das Schicksal ist Unerbittlich, und der Mensch wenig." Die Nachricht von Schillers Scheiden ivagte niemand dem Einsamen yt übermitteln ; denn alle fürchteten, der ohnehin an Leib und Seele schon Erschütterte, f'öiutte der Nebergewült eines plötzlichen Schmerzes völlig erliegen. „Meyer" (Goethes Freund, der Maler Heinrich M. Die Redaktion), so erzählt Heinrich Boß, „war bei Goethe, als draußen die Nachricht eintraf, Schiller sei tot. Meyer wurde hiuausgerufen, hatte aber nicht den Mut, zu Goethe zurückzukehren, sondern ging iveg, ohne Abschied zu nehmen. Die Einsamkeit, in der sich Goethe befindet, die Verwirrung, die er überall wahrnimmt, das Bestreben, ihm auszuweichen, — alles dies läßt ihn wenig Tröstliches erwarten. „Ich merke es," sagte er endlich, „Schiller muß sehr kraitk sein," und ist die übrige Zeit in sich gekehrt. Er ahnte, was geschehen! war; man hörte ihn in der Nacht weinen." Am andern Morgen, als Christiane Bulpius seine tastenden Fragen nur mit lautem Aufschluchzen beantwortete, da wußte er alles. „Er ist tot?" fragte Goethe mit Festigkeit, und auf die zustimmende Antwort der Freundin rief er noch einmal: >,Er ist tot," wendete sich seitwärts, bedeckte die Augen mit den Händen und weinte, ohne eine Silbe zu sagen. „Ich ivar nun von allen meinen Nebeln doppelt und dreifach angefallen," so berichtet Goethe int späteren Rückblick auf diese Zeit. Er lebte, wie er an Eichstädt schrieb, nach deut Tode des werten Freundes nur noch halb fort. „Feh dachte mich selbst zit verlieren," so heißt es in einem Brief an Zelter, „und. verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins." Dennoch wollte er das Unwiederbringliche nicht ganz aufgeben; dem Tode zum Trotz sollte die geistige Gemeinschaft fortbestehen: um sich den Berittst des Freundes durch Fortsetzuttg seines Daseins erträglicher zu machen, beschloß Goethe, ben Demetrius zu vollenden. Er hielt sich einsam und ging mit leidenschaftlichem Eifer au die Arbeit. Aber der Versuch mißlang. So mußte Goethe auf das schmerzlichste erfahren, was im Bereiche dichterischeit Schaffens mit der Persön- lichkeit Schillers auf immer dahiitgegaitgert war: die eigentümliche Verschmelzung von Gedaukengröße und Gefühlsinnigkeit, die ungeheure dramatische Energie, das, leidenschaftliche Pathos. und die tragische Wucht einer ausgesprochenen Willensnatur, vor allem auch der znsammen- schaüeude Blick und die aufbaneude Kraft, die zur Bewälti- gung gerade dieser Aufgabe unerläßlich waren. Eine Er- keiintuis, die ein halbes Jahrhundert später von Friedrich Hebbel in die Worte gefaßt wurde: „Man tonnte ebenso gut für Schiller atmen, als für ihn dichten," mag auch bei Goethes Verzicht auf eine Fortsetzung still mitgewirkt haben. Trauernd bekennt er in seinem Tagebuch: „Nun war mir Schiller eigentlich erst entrissen, sein Umgang erst versagt. Meiner künstlerischen Einbildungskraft war verboten, sich mit dem Katafalk zu beschäftigen, den ich ihm ckufzurichten gedachte. Sie wendete sich und folgte dem Leichnam in die Gruft, die ihn gepränglos eingeschlossen hatte. Nun fing er mir erst an zit verwesen; unleidlicher Schmerz ergriff mich, und da mich körperliche Leiden von jeglicher Gesellschaft trennten, so war ich in traurigster Einsamkeit befangen." Gleichwohl suchte er auch diesen Schmerz >,in höhere tröstliche Gefühle auszulösen". Schott im ersten frischen .Herzeleid hatte er den Platt zu einer Trauerfeier auf der Bühne gefaßt. „Ich werde," so schrieb! er an Eotta, „weniger das, was wir verloren haben, als! das, was uns übrig bleibt, darzustellen suchen." Bon Zelter verlangte er dazu eine musikalische Illustration des Themas: „Der Mensch lebt und bestehet." Schiller, dem! Lebendigen, Unsterblichen sollte die Feier gelten; all« Klagen sollten sich attflösen in dem heiterrt Ausblick zum! Cwigett, Unverlierbaren. Einige Werse sittd uns erhalten, lieber der Gruft des entschlafenen Meisters stimmt der Chor, der Jünger das dankbare Bekenntnis an:" Seine durchgewachten Nächte Haben unfern Tag gehellt. Der Dichter selbst, ait der Spitze der Alten, klagt mit den Worten: Wer reicht mir die Hand beim Wersittken ins Reale? Wer gibt so hohe Gabe? Wer nimmt so freundlich an, was ich zu geben habe? Zum Schluffe richtet sich der trauernde Blick in das himmlische Jenseits. Die Szene verwandelt sich ins Heitere, ein himmlischer Glanz erfüllt das Haus. Die feierlichste Weise ertönt, das Gloria in excelsis. Doch dieser gedankenschwere dramatische Entwurf blieb intansgeführt. Im Zusammenhang damit aber entstand der Epilog yt Schillers Glocke, der bei der Schiller-Gedenkfeier zu Lauchstädt am 10. August zum ersten Male gesprochen wurde. Was keinem der zahlreichen Nachrufe und keiner der gelehrten Würdigungen, die zu Schillers Gedächtnis um jene Zeit erschienen sind, gelang, das glückte dem Freunde in diesem herrlichen Hymnus. Aus Goethes Mund zuerst erfuhr die Welt, wie und warum sich jeder Wunsch an den Liebenswürdigen, den der Tod erbeutet, geklammert hält. Zum ersten Male und gültig für alle Zeiten wird da das Wesen und Wirken Schillers, des Dichters und Denkers und Menschen, in großen, klaren, tief empfundenen Zügen dargestellt: die sittliche Uebergewalt des mächtigen Kämpfers, die ihm einst den Großen, Einzigen in seiner, Nähe zum Freunde gewonnen hat und die noch immer sein Volk zu ihm hinzwingt; fein tapferes künstlerisches Streben und seine stolze Schöpferkraft, fein kühnes Erfassen der Menschheitsgeschicke und sein verständnisinniger Verkehr mit den Geistern des Alls, seine kampfgestählte, sich selbst und andere besiegende Willenskraft und seine liebenswerte, hectev gesellige Menschlichkeit, alles Großfühlende und Äroß- geprägte in der Persönlichkeit Schillers tritt hier zu voller Einheit zusammeiigeschlossen vor das Auge. Mit dem Ausdruck seiner Trauer und seiner Bewunderung hat Goethe für immer auch das rechte Trostwort gefunden: was uns an köstlichen Gütern der frühe Tod Schillers geraubt haben, mag, Großes, Gewaltiges, Unvergängliches hat uns fern kurzes Leben auch gegeben. Darum darf allezeit beim Gedächtnis jenes Tages, an dem der Genius, die irdischen Fesseln abstreifend, ein erhöhtes und geläutertes Leben, den Gang zur Unsterblichkeit, angetreten hat, das stolze Wort: „denn er war unser" „den lauten Schmerz gewaltig übertönen". Fort und fort mag uns dieser Epilog daran mahnen, warum für die Verehrung und Geltung des Gefeierten niemals ein letzter Tag kommen kann. Der ewig Vorwärtsschreitende wird, ein unermüdlicher, immer lebendiger Kämpfer und Sieger, feinem Volke voranziehen, tote er seit dem 9. Mai 1805 sieghaft ourch die Welt gefchritten ist. Sein Leben und seine Werke sind ein unveräußerliches, unverwüstliches Erbe. Aber wir müssen es immer aufs, neue erwerben, um es zu besitzen. Die täglichen schwantungen der geistigenArbeitslrast. Ein amerikanischer Psychologe, Howard D. Marsh, beschäftigt sich in einem auf eingehenden Experunenten beruhenden Werke „Der tägliche Ablauf der Lecstungssahcg- keit" mit der interessanten Frage, zu welcher Zeck■ inner halb von 24 Stunden immer die menschliche Geisteskraft ihren Höhepunkt erreicht. Er stellte bei einer großen An- 712 humoristisches. * Da.ru nt n i ch t. Maler (zum.' Dichterling): „Gehst du Morgen mit auf den Künstlevmaskcuball?" — Dichterling: „Fallt Mir gar nicht ein, lauf' so schon 22 Fahre unerkannt herum !" , ", 3n der Redaktion, „Wissen Sie, junger Mann, cs katm i(i schließlich jedem passieren, daß ihm nichts einfällt, aller deshalb braucht man doch nicht gleich zu dichten 1" Ans den „Fliegenden". Kchk von Versuchspersonen Experimente über den Grad ihrer Aufmerksamkeit an uitb kam zu dein Resultat, daß die weitaus größte Anzahl mittags die besten Leistungen auf- tvies, die geringsten am Morgen und Abend. Doch fand sich auch eine nicht unbeträchtliche Menge von Personen, deren Aufmerksamkeit am Morgen am angespanntesten war. Bei Gedächtnisprüfungen ließ sich kein so sicheres Resultat feststellen, sondern die Stärke des Gedächtriisses schwankte bei vcrschiebenen Personen zu verschiedenen Tageszeitetl ganz unregelmäßig. Rechenaufgaben wurden voir den Ber- fnchspersonen am leichtesten in der Zeit von l'/r Uhr mittags bis 3 Uhr nachmittags gelöst. Als Gesamtresultat ergab sich ihm aus seinen Forschungen die Beobachtung, daß die menschliche Leistungsfähigkeit um die Mitte des Tages am größten ist und auch in den Morgenstunden höhere Anforderungen erfüllt als am Nachmittag uitb Abend. Dein steht aber nun die Tatsache gegenüber, daß eine große Zahl geistiger Arbeiter die Nachtstunden bevorzugen. Marsh sucht zunächst durch eine Statistik die Behauptung zu widerlegen, daß die Zahl der geistigen Nachtarbeiter größer sei als die dec Tagarbeiter. Er studierte zu diesem Behnfe 160 Biographien berühmter Männer, um aus ihnen ihre Lieblingszeit des Schaffens festzustellen. Dabei fand er, daß 84 Prozent die Morgenstunden, b. h. die Zeit von 6 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags bevorzugten, 12 Prozent du Nachtstunden von 7 Uhr abend bis Mitternacht und 6 Prozent die Stunden nach Mitternacht; so daß 34 Prozent Tagarbeitern 18 Prozent Nachtarbeiter gegeuüber- stehen. 23 Prozent schufen zu allen Tagesstunden, 17 Prozent wählten die Morgen- und Nachmittagsstundeu, 4 Prozent die Morgen- und Nachtstunden, 3 Prozent die Nachmittags- und Nachtstunden aus. Unter den Geistesheldeu, die. am Morgen ihre Taten vollbrachten, werden Goethe, Milton, Dryden, Jean Paul, Hugo, Scott, Thackeray, Dickens inti> Emerson genannt. Dichter, die hauptsächlich nachts schufen, sind Schiller, Alfieri, Balzac, Byron, Poe, Coleridge. Ueberhaupt bevorzugen Dichter gerade die stillen Stunden de? Nacht, aber es ist nicht richtig, wenn de Quincey sagt, dich „noch kein wahrhaftes Gedicht tut Licht der Sonne geboren worden sei." Dichter wie Goethe, Milton und Hugo liefern den Gegenbeweis. Ihitec den großen Männern, die den Morgen und die Nacht zu Arbeitsstunden benutzten, zählt Marsh Plato und Burns; Rousseau konnte nur nachmittags und nachts schaffen. Die Historiker scheinen die Tageszeiten zu bevorzugen, denn unter den 13 Geschichtsschreibern, die zitiert werden, sind elf Tagarbeiter. Bon den 18 schriftstellerisch tätigen Frauen, deren Hauptarbeitszeiten angegeben werden, wählten zehn den Morgen für ihre Tätigkeit, zwei die Nacht, zwei Morgen und Nachmittag, drei den ganzen Tag und eine nur den Nachmittag. Marsh hat auch den Höhepunkt der körperlichen Kräfte im Ablauf eines Tages untersucht und ist zu deut Resultat g-rkommen, daß die Kräfte des Menschen bis 11 Uhr morgens zunehmen, dann bis 1 Uhr sich auf der gleichen Höhe erhalten, von 3y2 bis 5y2 nachmittags ihr Maximum erreichen und darauf wieder abnehmen. Der amerikanische Psychologe hat das Bestreben, in dem Ablauf unseres täglichen Lebens einen bestimmten Rhythmus aufzuweisen, der bet aller Verschiedenheit der einzelnen Individuen doch von jedem Menschen innerhalb seiner Lebenssphäre festgehalten wird. Hat die höchste Lebenskraft an jedem Tage ihren bestimmten Höhepunkt, warum sollte nicht auch das Aufhören der Lebenskraft, der Tod, au eine feste Tageszeit gebunden sein? Marsh hat bei 36 000 Todesfällen in New York, von beiten natürlich alle Selbstmorde und tödlichen Unglücksfälle ausgeschlossen waren, die Zeit ihres Eintretens festgestellt und herausgebracht, daß die iveit- aus größte Zahl der Todesfälle zwischen 2 Uhr und 6 Uhr nachntittags erfolgte. Die geringste Sterbeziffer wies die Zeit von 7 Uhr bis Mitternacht auf. * Er kennt sie. Sie: „Alice hat mir Heul' ein Geheim^ Nis anvertraut, und ich habe versprochen, es nicht weiter zu cw zahlen." — Er: „Ja, dann man los, ich bin ganz ©ßcr Neue Bücher. (Besprechung erfolgt Nach Auswahl. Eine Verpflichtung zue Besprechung und zur Aufbewahrung unverlangt eingesaudtey Bücher wird nicht übernommen.) A. v. Zabeltitz, Eva wo bist du?, Roman. Stuttgarts I. Engelhoru. f R. SkowvvNnek, Schweigen im Walde. Stuttgart, SV Engelhoru. F. W e r n i cf e, Der Mittelstand und seine wirtschaftliche Lage. (Wissenschaft und Bildung, Bd. 56.) Leipzig, Quelle u. Weher. Dr. H. Haas. Vulkanische Gewalten der Erde und ihre Er-, scheinungen. (Wissenschaft und Bildung, Bd. 38.) Leipzig/ Quelle u. Meyer. Grimms Deutsche Sagen. Ausgewnhlt und cinge-i leitet von Paul Bierker. Leipzig, im Insel-Verlag. Des Knaben W u n d e r h o r n. Ausgcwählt und ein-, geleitet von Friedrich Ranke, Leipzig, im Insel-Verlag. A l f r e d S t r e i t. Vvn der Wiege bis zum Frack. Eine, imuterhin ernste Geschichte. (Berlin, Concordia Deutsche Ver-> lagsanstalt, Hermann Ehbock.) P l a t e n, Die neue Heilmethode. Lieferung 16—20. Manuel Schnitze r. Das Buch von Peter und Fann. (Berlin, Concordia Deutsche Verlags-Anstalt Hermann EhbockH Fritz Drovp: Schülerselbstmorde. Dortmund, Fr. W< Ruhfus. G. Webers Lehr- und Handbuch der Geschichte. 21. Ausl« 8. Bd. Leipzig, Wilhelm Engelmann. Friedrich Lienhard: Das klassische Weimar. (Wissenschaft und Bildung, Bd. 35.) Leipzig, Quelle n. Meyer. Dr. A. P a b st: Praktische Erziehung. (Wissenschaft und Bit-, düng, Bd, 28.) Leipzig, Quelle u. Meyer. Dr. R. van der Borght: Die Entwicklung der Reichst sinanzen. (Sammlung Göschen Nr. 427.) Leipzig, G. I« Göschensche Verlagshandlung. Monatshefte für graphisches Kunstgewerbe« Herausgeber Alb. K n a b. Berlin W. und Glogau, Karl Flemming. 6. Jahrg., 12. Heft. 7. Jahrg., 1. Heft. Lndwig Aurbacher: Abenteuer der Sieben Schwaben uui8 des Spicgclschwaben. Bildschmuck von Max Wulff. Mainz, Jos, Scholz. Von H o l l a s Rocken. Volksmärchen, neu erzählt von Eberhard König. Bildschmuck von Hans Schrödter. Mainz, Jos« Scholz. C. Ferdinands: Die Himmelfahrt des Heinz Sausewindt: Bilder von A. Schuridhammer. Mainz, Jos. Scholz. Rotkäppchen, gez. von A. Schmidhammer. Mainz, Jost Scholz. Froschkönig, gez. von E. Liebermann. Mainz, Jos« Scholz. H ans im Glück von H. Schrödter. Mainz, Jos. Scholch Kindersang — Heimatklang. Deutsche Kinderlieber, Tonsatz von B. Scholz, Bilderschmuck von E. Liebermann. Bd. 2« Mainz, Jos. Scholz. A. Schmidham m e r: Der verlorene Pfennig. Mainz, Jos. Scholz. _______ Bilderrätsel, Auflösung in nächster Mummer: £ L TO wx» LS Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummerr Bia ritz, Arsenal, Ursula, Mennonit, Borneo, Ammer, Cagliostro, Hämmerling; Vanmbach, „Ztatorog", Redaktion: E° Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fche» UntversuätL-Buch- und Stemdruckeret, R. Lange, Gießen.