UZT Moniag den p. Oktober 1908 — M. (60 Ktziminal-RomM von E. Gaboriau. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Es schlug vier Uhr. Lccoq sprang von seinem Bett herunter, aus das er sich in volleir Kleidern gelegt hatte, und ging fiinf Minuten später die Rnc Montmartre hinunter, wo er wohnte. Das Wetter tvar noch immer abscheulich: Mlte rind dichter Nebel. Aber was machte das Herrn Lecoq aus. Er schritt rüstig dahin, als er plötzlich an der Ecke von Samt-Gustave von einer lauten spöttischen Stimme angcrusen wurde: Heda, schöner junger Mann! . Er sah sich um und bemerkte Gsvrol, der mrt drer^oder vier von seinen Leuten in der Umgebung der Hallen der ^,iebs- jagd oblag, die dort immer ergiebig ist. , Du bist ja sehr früh auf, Herr Lecoq! fuhr der Krmnnal- linspcktor fort. Du läufst wohl noch immer herum, um die Identität unseres Mannes festzusdellen? Immer noch. ,, , , nYI .... , Ist er ein verkleideter Prinz oder bloß ein Marquis i Eins von beiden ganz bestimmt. Grit. In diesem Fall wirst du uns eine Runde zahlen, auf deine künftige Gratifikation hin. ..... Lecoq war einverstanden, und die kleine Gesell, chaft trat rn^ eine Weinkneipe ein. Als die Gläser vollgeschenkt waren, sagte der junge Beamte: „ , , ,, Ach, da fällt mir ein, General, unser Zusammentreffen erspart mir einen Gang. Ich wollte auf der Präfektur vorsprechen und Sie im Auftrag des Untersuchungsrichters bitten, noch heute früh einen voir dcir Kvllegeu nach der Morgue zu schicken. Die Geschichte von der „Pfefferbüchse" hat Aufsehen gemacht, es werden viele Leute hingehen und die Leichen ansehen, und da müßte man Augen und Ohren aushaben, um sie zu beobachten. Gut. Der alte Absinth wird von der Oeffnungsstunde an dorr Den Ltftat Absinth an einen Ort zu schicken, wo ein gewandter Beamter vonnöten geiveseii iväre, bo8 war der reute Hohn. Jrtdessen erhob Lecoq teilten Einspruch. Des guten Alten war er sicher: wenn er ihn auch nicht gilt diente, so wurde er ihm jedenfalls keinen Schabernack spielen. . Uebrigens, fuhr Gsvrol fort, hattest du mir da» Sestern abend sagen sollen. Aber als ich kam, warst du schon wieder fort. Ich hatte was zu tun. An der Barriere d'Jtalie. Ich wollte wissen ob die Arrestantenzelle der Polizeiwache gepflastert oder gedielt ist. Nach dieser Antwort bezahlte er, grüßte und ging. Himmeldonnerwetter! rief Gsvrol, sein Glas heftig auf den Tisch aufstoßend. Heiliges Donnerwetter, wie dieser Bengel mir zuwider ist. Verdammter Springinsfeld. Man kennt noch mck das ABC vom Handwerk und schelt den Schlankopf. Wemt mat nichts findet, erfindet man Geschichten, man wickelt die Untech suchungsrichtcr mit Redensarten ein, um zu avancieren. Ich werde für dein Avancement sorgen — von hinten! Ah, ich werde dich lehren, dich über mich lustig zu machen! Lecoq hatte sich aber gar nicht über ihn lustig gemacht. Er war N'irklich am Abend vorher auf der Wache gewesen und hatte den Boden der Zelle untersucht: er glaubte, dabei einen teuer niederschmetternden Beweise gefunden zu haben, die dem Unter* uchungsr ich tert oftmals genügen, nur vom hartnäckigsten Anges(huldigten eilt volles Geständnis zu erlangen. Er hatte Gsvrols Gesellschaft nur deshalb so schnell verlassen, weil er noch sehr viel Arbeit vor sich hatte, eije er den Untersuchungsrichter aussuchen konnte. ' t . Es lag ihm daran, den Kutscher aufzusinden, der tn der Rue du Chevaleret von den beiden Frauen angernfen worden war. Zu diesem Zwecke hatte et sich auf der Präfektur Adressen von allen Kutschereien dieser Gegend besorgt. Seine Nachforschungen waren anfangs nicht glücklich, «jn der ersten Fuhrhalterei lagen die Stallknechte noch im Bett und gaben zur Antwort nur Flüche. In der zweiten waren sie schon aufgestanden, aber es war noch kein einziger Kutscher erschienen. Außerdem weigerte der Fuhrherr sich, ihm die Blätter zu zeigen, auf denen jeder Kutschet täglich seine Fahrten aufzeichnet — oder wenigstens aufzeichnen sollte Er begann schon die Hosfnung zn verlieren, als er endlich gegen halb acht Uhr bei einem gewissen Trigault, weit braußen vor den Befestigungen, erfuhr, daß in bet Nacht vom Sonntag auf den Montag einer seiner Kutscher, der auf dem Heimweg begriffen gewesen wäre, hätte umkehten müssen. Man zeigte ihm diesen sogar auf dem Hofe, wo er mit dem Anschirren sei ies Pferdes beschäftigt war. Es war em kleiner dicker Utter, nut rotem Gesicht und listig funkelnden Augen, bet auf fernem Kutsch- bock jedenfalls schon manche Pechche verbraucht hatte. liM ging gerade auf ihn zu und fragte: 1 . Sie sind der Kutscher, der in der Nacht von Sonntag auf Montag zwischen ein und zwei Uhr morgens in der Rue bit Chevaleret zwei Frauen in seinen Wagen genommen hat. Ter Kutscher drehte sich unt, musterte Lecoq mit einem schlauen Blick^nnd antwortete vorsichtig: Vielleicht. Ich muß eine bestimmte Antwort haben. Ah so! sagte der Alte in spöttischem Ton. Der Herr kennt gewiß zwei Damen, die irgend was in einem Wagen haben liegen Iaf’"C®erl'iunge Beamte zitterte vor Freude. Dieser Mann war augenscheinlich der gesuchte Kutscher. Er unterbrach ihn daher mit der schnellen Frage: ,. Hatzen Sie von einem Verbrechen erzählen Horen, da.' hier in der Nähe vorgefallen ist? . Ja, in einer bösartigen Spelunke ist em Mord . . . Jawohl, und die beiden Frauen waren dabei, sic waieu auf Lier Flucht, als sie Ihnen begegnet sind, ^ch suche sie, ich bin Kriminalbeamter, hier ist meine Marke; wollen Sw nur also Auskunft geben? 638 Der dicke war ganz bleich geworden. Ah, dieses Schurkengesindel! rief er. Nun wundere ich mich nicht mehr über das Trinkgeld, das sie mir gegeben haben. Jur ganzen dreißig Franken für die Fahrt. Berdammtcs Geld. . . wenn ich's nicht ausgegeben hätte, schmiß ich's . . . Und wohin haben Sie sie gefahren? Rue de Bourgogne. Die Nummer hab ich vergessen; aber ich werde das Haus wiedererkennen. Leivcr werocn üc nfdlt bei ihrer eigenen Wohnung ahge- stiegenfein. Wer weiß? Ich habe sie klingeln sehen. Die Schnur wurde angezogen, und gerade als ich abfuhr, gingen sic ins Haus hinein. Soll ich Sie hinfahren? Lecoq sprang in die Droschke und tief: Ja, ja! 14, Kapitel. < Durfte man annehmen, daß die Frauen, die im Augenblick des Mordes aus der Schenke der Witwe Chopin entflohen waren, jeder Vernunft entbehrten? Nein! War cs denkbar, daß die beiden Fliehenden, die sich ihrer gefährlichen Lage wohl bewußt waren, fich in einer auf offener Straße angehaltenen Droschke nach ihrer Wohnung hatten fahren lassen? Abermals nein! Tic von dein Kutscher ausgesprochene Hoffnung war also unwahrscheinlich. Lecvg sagte sich dies alles, trotzdem war er ohne Zögern in beit Wagen gestiegen. Er folgte dabei einem auf reiflicher Ueberlegung beruhenden Grundsatz, dem er später seinen großen Ruf verdankte, und der also lautete: Statt man einem Kriminalfall nachgeht, so mißtraue man der Wahrscheinlichkeit. Int Anfang glaube man immer das anscheinend Unglaubliche. Andererseits machte sich Lecoq den Kutscher zum guten Freund, Indem er seinen Vorschlag annahm; er konnte also auf reichlichere Auskunft hoffen. Und endlich !var es ein Mittel, mog- lichstj schnell nach dem Innern von Paris zurückzugelangen. In einem Augenblick war der Wagen itt den Straßen der Stadt, und Lecoq nahm seine Fragen wieder auf, indem er sagte: Hören Sie, guter! Mann, Sie haben mir die Geschichte im Groben. erzählt, jetzt hätte ich noch die Einzelheiten nötig. Wie war es, als die beiden Frauen Sie ansprachen? Tns war sehr einfach. Ich hatte am Faschingssonntag einen verflixten Tag gehabt. Sechs Stunden auf bett Boulevards gewartet, und die ganze Zeit über Regen! Eilt wahres Elend! Uni Mitternacht hatte ich int ganzen dreißig Sous Trinkgeld. Aber mir tat das Kreuz so weh, und mein Pferd war so Müde, daß ich beschloß, nach Hanse zu fahren. Ich war Astig, das können Sie glauben! Da bemerke ich in der Rue du Chevaleret, eben bei der Rue Picahd vorbei, von weitem! zwei Frauen unter 'einer Gaslaterne stehen. Natürlich bekümmere ich mich nicht Um sie, denn die Weiber... in meinem Alter. . . Weiter! unterbrach ihn der junge Beamte. Ich fahre also an ihnen vorüber, und als sie anfangen, mich zU rufen: „Kutscher! Kutscher!", da tue ich, als höre ich nichts. Aber da läuft die eine mir nach und ruft: „Einett Louis! eilten Louis Trinkgeld!" Ich überlegte schon, da setzte sie noch hinzu: -„Und zehn Franken fijr die Fahrt!" Sofort halte ich. Lecoq kochte vor Ungeduld, aber er fühlte, daß er mit direkten Fragen doch nichts erreichen würde. Es war das Klügste, alles anzuhören. Sie begreifen, fuhr der Kutscher fort, daß man sich um solche Nachtzeit in der Stadtgegend auf derartige Frauenzimmer nicht verläßt. Ich sage also zu ihnen, als sie herankommen um ein» Ansteigen: Halt ihr! kleinen Fräuleins, man hat dem Papa Mo- neten versprochen! Wä sind die? Sofort reicht die eine mir netto dreißig Franken hin und sagt dabei: Vor allem, gut zugefahren! Man kann wirklich nicht genauer sein! lobte Lecoq, Nun sagen Sie mal, wie sahen diese beiden Frauen aus? Sie meinen? Ich frage, wonach sie aussahen, wofür; Sie sic gehalten haben? Ein breites Schinnnzeln verklärte das gute rote Gesicht des Kutschers, als er antwortete: Na! sie sahen mir aus wie zwei — wie zwei, an denen yiicht Viel Gutes ist! Aha! Und wie waren sie angezogen? Wie die Fräuleins, die zum Tanz nach dem „Regenbogen" gehen, verstehen Sie? Das heißt, die eine war gut angezogcii, die andere dagegen — oh je, oh je! was sich 'ne Schlumpe! WeW ist Ihnen ttachgelaufett? Die schlumpige, die. . . Er unterbrach sich; eine Erinnerung kam ihm plötzlich so lebhaft, daß er mit aller Macht am Zügel zog. Tonnerwetter! rief er, ich habe dabei eine Bemerkung gemacht. Die eine von beit beiden Spitzbübiiincn nannte die andere „Madame", Madame hinten und Madame vorne, während diese sie duzte und anfuhr. Oh! oh! oh! rief der junge Polizist dreimal in verschiedenem Ton. Und, bitte, welche sagte du? Die schlecht ungezogene. Mit der war nicht gut Kirschen essen. Sic schüttelte die andere wie einen Pslaumenbaum. „Unglückliche!" sagte sie zu ihr, „tvillst du uns ins Verderben bringen. Tn kannst ohnmächtig werden, wenn wir zu Hause sind. Marsch!" Und die andere antwortete weinerlich: „Wahrhaftig, Madame, wirklich und wahrhaftig, ich kann nicht!" Und sie sah dabei so aus, als ob sie nicht konnte, daß ich bei mir dachte: >,,Na, die hat aber einen guten Schluck über den Durst genommen!" Tas waren ungeheuer' wichtige Einzelheiten, die Lecoqs erste! Vermutungen bestätigten und zugleich berichtigten. Also, die gesellschaftliche Stellung der beiden Frauen tvar, wie er angenommen hatte, nicht die gleiche. Nur hätte er sich getäuscht, indem er die Frau mit beit feinen Stöckelschuhen, der die Kräfte ausge- gangcn waren, für die Herrin hielt. Dies war vielmehr die andere, die nach ihren Fußspuren zu schließen, breite und platte Schuhe getragen hatte. Dem höheren Range hatte auch die höhere Energie entsprochen. Lccog war jetzt fest überzeugt, daß die eine die Dienerin und die andere die Herrin gewesen war. Ist das nun alles? fragte er den wackeren Kutscher. Alles! antwortete dieser. Nur habe ich noch bemerkt, daß die, die mir das Geld gab, die in den schlechten Kleidern, eine Hand hatte, oh, eine richtige Kinderhand, und trotz ihrem Zorn war ihre Stimme so süß, wie 'ne Musik. Haben Sie ihr Gesicht gesehen? Nur ein wenig. # Können Sie wenigstens sageii, ob sie hübsch, ob sie braun oder blond ist? So viele Fragen auf einmal machten den würdigen Kutscher ganz wirbelig. Warten Sie 'n bißchen! antwortete er. Nach meiner Idee ist sie nicht hübsch, ich halte sie nicht für jung, aber ganz gewiß ist sie blond, mit viel Haar. Ist sie groß oder klein, dick oder dünn? So zwischen beiden. Das war unhestiutmt! Und die andere, fragte Lecoq, die nett angezogene? Ja, von der habe ich nichts gesehen! Sie schien mir klein, sonst weiß ich nichts. Würden Sie die andere, die Jhneit das Geld gab, wiedcr- erkennen, wenn man sie Ihnen verstellte? Nä, das nicht. Ter Wagen war in der Rue de Bourgogne angekommen; der Kutscher hielt sein Pferd an und sagte: Achtung ! Da ist das Haus, wo die beiden Frauenzimmcv hincingegaugen sind... da drüben! (Fortsetzung folgt.) Die pflege des Volkslieds. Vor kurzem wurde uns die erfreuliche Kunde von dem Zusammenschluß eines größeren Teils der Bünde und Münnergesangvereine unseres engeren Vaterlandes zu einem „Mitteldeutschen Sängerverbande". Der Verband trat unter dem Vorsitz des Provinzialdirektors Herrn Geheimer«! Dr. Breidert ausschließlich mit dem hohen und idealen Ziele: „der Förderung des Volksliedes und des volkstümlichen Liedes", ins Leben und legt dantit das beredteste Zeugnis dafür ab, daß man sich nicht nur in einigen wenigen Kreisen von der Wichtigkeit des Volksliedes überzeugt hat, sondern daß gerade aus dein Herzen unseres Volkes heraus der Wunsch nach regerer Betätigung auf diesem Gebiete laut wird. In Erkenntnis dieses Umstandes mag es für unsere Kunst- und Musikfreunde von besonderem Interesse sein, zu lesen, was einer der hervorragendsten und eifrigsten Förderer der Pflege des Volksgesanges — der bekannte' Lautenspieler und Gesangsmeister Robert Kothe aus München — über den ideellen Wert des Volksliedes im allgemeinen und dessen Pflege bei der Hausmusik schreibt: Jin Garten uitserer Kunst sprudelt ein Jungbrunnen, aus dessen klarem Born sich unzählige Geschlechter Jugend, Glück und Erlösung vont Drucke des grauen Alltags getrunken haben. Die Wäge freilich, die zu ihm führen, sind rugewachsen und von fremdem Laubwerk überwuchert worden; doch immer wieder dringen Wanderer durch das Dickicht zu dem verschwiegenett Quell, der aus tiefstem Erdreich siA 039 dem Herzen unseres Volkes — geheimnisvoll entspringt. Mrd er auch heute seine alte Kraft bewähren? Wird er auch heute im Zeitalter der Maschinen/ des rastlos umge- wälzten Weltlebens wieder eine stille Gemeinde von empfänglichen Gemütern nm sich versammeln können, um sie in den einfachen Rythmen des Frohsinns, der Freude am Leben, der Trauer des Liebenden, der Süßigkeit der Gottesund Frauenminne erbeben zu machen? Die Hinneigung zum Volkstümlichen, die sich nach dem Verfluten von starken artistischen Strömungen auf allen. Gebieten bemerkbar macht, läßt es erwarten. Zugleich mit dein Volksliede taucht jenes alte, verschollene Instrument wieder auf, die Laute, deren Ansehen zu denselben Zeilen in höchster Blüte stand, in denen viele der schönsten unter den alten Bolksgesängen entstanden sind. „Kommt ohne Instrumenten nit, Bringt Lauten, Harfen, Geigen mit, Das Lautenspiel muß lauten süß, Davon das Kindlein schlafen muß" singt das reizvolle geistliche Wiegenlied aus dem seraphischen Lustgart vorn Jahre 1635 und selbst der derbe Johann Fischart ist von der Lieblichkeit der Laute zu einem „artlichen Lob der Lauten" von nicht weniger als 758 Versen begeistert worden: „Dann ander allem Seitenspiel Ist miltigkeyt ihr zweck und ziel. Geht sittig iiitb in aller still, Tracht nicht, wie sie die ohren füll lind lent erdäub, wie manches gesang, Wie Zinken und Posaunenklang. * * * * Derhalben meinen ihren viel, Das gmeiulich alle Seitenspiel Drumb wie ein Hertz- formieret sehen, Weil sie das Herst am meisten frewen" . . . * * * * Und wer kennt nicht den singenden Lauteuspieler des Franz Hals, der uns die Eigenart der Laute als das stil- geiuäße Begleitungsinstrinneut so köstlich illustriert? Besser aber noch als diese Zeugen in Wort und Bild sprechen die erhaltenen alten Lautenbücher von der einstigen hohen Entwicklung der Lautenmusik. Sie enthalten viele feinsinnige Stücke, die noch heute ihre frische Lebenskraft bewähren. Die Laute und ihre heute meist gebräuchliche Abart, die Guitarre, hat viele Schicksale gehabt. Von der Königin der Instrumente sank sie herab zur Dienerin von virtuosen Künsteleien, denen ihre klangschöne aber zarte Stimme nicht gewachsen ist, und diese äußerliche, ungesunde Entwicklung führte notwendig zu einem inneren Verfall, aus dem sie sich erst in unseren Tagen wieder zu erheben beginnt. Die Laute denkt nicht daran, mit dem Klavier einen Wettstreit zu beginnen, sie will nur das kleine Gebiet, das ihr von Natur aus zukommt und das nie dem Klavier hätte anvertraut werden sollen, zurück haben. Der k. b. Kammermusiker Heinrich Scherrer in München, ein genauer Kenner der Guitarre, hat die alte hochentwickelte Lautenmusik ciu- gehend studiert und zu einer großen Anzahl von Volksliedern Begleitungen geschaffen, die auf dieser alten Lauten- musik beruhen und der ziemlich gleichklingenden Spielart der Guitarre angepaßt sind. Sie sind im guten Sinne volkstümlich, trotzdem aber in vorteilhafter Weise verschieden von den mehr als einfachen Liedbegleituugen der Guitarre, welche wir aus Großvaters Zeiten noch kennen. Die Lieder und ihre Weisen sind den herrlichen Sammlungen deutscher Volkslieder entnommen, die unser Volk bereits seit langem — leider meist nur in staubigen Bibliotheken — besitzt. Ich nenne nur die Sammlungen timt llhland, Hoffmann timt Fallersleben, G. Scherer, Rochus von Lilieueroit (in Kürschners deutscher Nationalliteratur), .Erk und Böhme (3 Bände). Laute und Volkslied gehören zusammen, beide aber nicht eigentlich in den Konzertsaal; wenn sie dahin gehen, so tun sie es nur, um sich weiteren Kreisen wieder in Erinnerung zu bringen. Wir haben verlernt, traute häusliche Feste wirklich zu feiern. Was ist aus unserer Hausmusik geworden? Einen der köstlichsten Schätze, dessen goldene Klänge einst laut tu arbeit in den Weihestundeu des Abends, tm Dunkel verschwiegener Wälder, auf lachenden Fluren, haben wir in Winkeln verstauben lassen. Und doch wäre gerade die ursprüngliche Kraft, die diese Dichtungen aus warmem Volksherzen aufsprießen ließ, berufen, auf den überreizten Menschen unserer Tage verjüngend und stählenö einzuwtrken. Gelänge es dem Sänger, die Liebe zum deutschen Volks- hebe neu zu beleben, so wäre bie-3 sein schönster Lohn. Wie sehr Kothes Wünsche bereits ber Verwirklichung entgegengehen, ersehen wir aus folgenber kurzer Notiz der „Leipziger Zeitung", die soeben vor uns liegt: „Nun aber ist dem schlutnmernben Doritröscheu in deutschen Landen' ein Wtzckrufer erstanden: Der Münchener Volksliedersäuger und Lautenspieler Robert Kok he, der gestern erstmalig auch hier seines Meckeramtes waltete und damit sehr freudige Zustimmung und begeisterten Dank einer ganz ungewöhnlich vollzähligen Zuhörerschaft hervorrief." — Den schönsten Lohn aber für Robert Kothes Bestrebungen schließen die wenigen Worte der „Essener Zeitung" in sich: „E t n Volks ab end mit Robert Kot he! Das war mehr als ein Bolksabend, das war ein richtiges, wirkliches Volksfest!" vermischtes. * Die Wacht am Rhein. Die Tschechen haben sich bekanntlich jungst darüber beklagt, daß die Wacht am Rhein, dieses preußische Hetzlied, in Oesterreich gesungen worden ist. Run ist die Macht am Rhein aber keineswegs ein Hetzlied, wie ein Leser ber „Köln. Zig." schreibt, sonberu nur • „bas unvergleichlich gewaltige Sieb deutschen Zornes, des ; gereizten beutscheu Nationalbewußtseins". Der Nuiversi- ; tätsprofesfor K. Hundshagen in Bonn erzählte früher feinen ! Freunden, daß er im Jähre 1839 mit Schneckenburger in \ Burgsdorf in der Schweiz zusammengetroffen sei. Bon dem j Dichter habe er erfahren, daß das Gedicht als Antwort auf Thiers' Kriegsdrohungen entstanden und zum erstenmal in der Schweiz unter der großen Begeisterung der Zuhörer vor- getvagen worden sei. Das Lied hatte übrigens anfangs einen andern Text. Als Kompositioil erschien es zuerst im Verlag von Delg in Bern unter dem Titel: Die Macht am Rhein, komponiert für den Mämtergesang von I. Mendel, Organist und Gesanglehrer. Die volkstümliche Melodie schrieb 1854 Karl Wilhelm. Zuerst veröffentlicht finden wir sie im Jahre 1856 in einem Hefte der Greefschen Chorliedersammlung. Ter Komponist, geboren zu Schmalkalden am 5. September 1815, lebte als Dirigent und Musiklehrer in Krefeld, wo auch die erste größere Aufführung bei Gelegenheit der silbernen Hochzeit des Prinzen Wilhelm stattfand. Wie es allgemein heißt, soll der Komporiist vom Verlag kein Honorar erhalten haben. Später im Jahre 1871 erhielt er einen jährlichen Ehrensold vom Staate in der Höhe von 3000 Mk. Karl Wilhelm starb 1873. Im Jahre 1864 wurde das Lied in Köln im Mrzenichsaale gesungen. Bald darauf sang es der Kölner M-ämrer-Gesangtiereiu bei einer Huldigung in Brühl vor dem alten Kaiser. Als der Kaiser sich nach dem Dichter bei dem damaligen Leiter des Vereins erkundigte, nannte dieser Hoffmann von Fallersleben. Man halte Max Schneckenburger vergessen. * Der Natnrheilverfahrer. Man schreibt den „M. N. N." aus Heidelberg: In dem an ber Bergstraße von Heidelberg nach Darmstadt gelegenen Dorfe Auerbach in Hessen habe ich folgendes, in diesem Sommer ueuangebrachtes Türschild gefunden: „Arzneilose, magnetische Behand- luiig innerer und äußerer Leiden durchs Wirken geistiger Ströme mit Zuhilfenahme magnetischen Wassers iiitb Tees. Heinrich Hoffmann, Geprüfter Magiietopalh und Naturheil- vcrfahrer." — Gewiß ein Zeichen der Zeit. Doch ber Mann ist ehrlich und gesteht zu, daß er als „Naturheilverfahrer" alles verfährt. Auerbach ist als Luftkurort im Sommer stark besucht. * D e s b e m o v st e n Burschen Abschied. Recht schwer ist bet Abschied von Jena anscheinend! einem bemoosten Haupt, dem cand. Phil. G. Psaender geworden, der in der „Jeiiaischen Ztg." folgendes Lebewohl veröffentlicht: „Bei meinem Scheiden von Jena drängt es mich, meinen sämtlichen Gläubigern, den! sehr werten Herren Gerichtsvollziehern, sowie allen Droschken- kiitscher», Dienstmänneru, Briefträgern, Polizisten usw. ein herzliches Lebewohl zuzurufen." Oder ist der Herr canb. Phil. „Psaender" nur eine erdachte, allerdings gut erdachte Persönlichkeit? * Andrew Carnegie hat, ivie er neulich bei einen! ihm zu Ehren in Newyork veranstalteten: Bankett erzählte, einmal ein amüsantes Reiseabenteuer gehabt. „Es war aus der Fährt nach Chicago," erzählte Carnegie nach dem Börsen- Courier, „und ich hatte mich iu einem Nichtraucherwagen niedergelassen. Anfangs war ich allein, dann aber stieg ans eiltet' kleinen Station ein Mann ent, der sich sofort eine Tonpfeife mit Tabak sehr minderer Güte anMndete. Ich sage: „Entschuldigen Sie, dies ist ein Nichtraucherwagen." „All right," erwiderte er, „ich werde nur diese Pfeife ausrauchen." Kaum ist er mit der Pfeife fertig, füllt er sie von neuem und will sie wieder anzünden. „Herr, ich habe Sie schon einmal darauf aufmerksam gemacht, daß in diesem Wagen nicht geraucht werden darf. Wenn Sie sich die zweite Pfeife anzünden, zeige ich Sie auf der nächsten Station dem Kondukteur au." Ich sprach das sehr drohend, und reichte ihm gleichzeitig meine Karte. Er sah sie an, steckte sie in seine Tasche, sagte kein Wort und — zündete sich seine zweite Pfeife an. An der nächsten Station stieg er aber, ehe ich beit Kondukteur benachrichtigen konnte, in einen anderen Wagenabteil um. Ich rief den Kondukteur, sagte ihm, wie sich der Mann benommen, und verlangte, daß sein Name und seine Adresse behufs gründlicher Bestrafung ermittelt werde. Der Kondukteur versprach, alles zu tun, kam aber nach einer Weile mit etwas geheimnisvollem Antlitz- wieder. „Mein Herr," sagte er, „wenn ich an Ihrer Stelle iväre, würde ich keine weiteren Schritte gegen Ihren Reisegefährten puter- nehmen. Er hat mir gerade seine Karte gegeben und wissen Sie, wer der Herr ist: „Niemand anders als Andrew Carnegie." * (Sin Babv von 2 2 Jahren. Bon einem seltsamen Fall unterbrochenen Wachstums weiß eine englische Zeitung zu berichten. In einem kleinen Landhaus bei Cove, Devonshire, lebt ein Mädchen, das 22 Jahre alt ist und das seit seinem fünften Lebensjahre weder körperlich noch geistig auch nur im geringsten sich fortentwickelt hat. Noch heute hat sie ihre Milchzähne und (noch hete hat sie die Gewohnheit und die Lebensweise eines fünfjährigen Keinen Kindes. Als der Korrespondent des Blattes das Haus besuchte, saß die kleine Mildred Hart in einem Kinderstuhl und herzte eine Puppe. Bisweilen hielt sie inne und streckte ihrer jüngeren Schwester, einem großen, schlanken 20jährigen Mädchen, ihre Puppe entgegen, damit auch diese sie küsse. Sie trägt noch die gleichen Kleider, wie man sie sonst bei KinderU im Alter von 4—6 Jahren findet, und ist auf ihre Toilette 'auch ein wenig eitel. Zwar spricht sie nicht soviel, wie sonst Kinder es zu tun pflegen, aber auf alle Fragen gibt sie Antwort. Als die Schwester sie fragte, wer ihre hübschen Kleider denn gemacht habe, erwiderte sie lakonisch: „Mutter", und auf andere Fragen gibt sie nach kindlicher Weise gleich einsilbige Antworten. Die Mütter pflegt ihre Tochter noch heute genau wie vor 17 Jahren; am Abend sträubt sich die Meine, zu Bett zu gehen, ehe die Großen schlafen gegangen sind, erst dann findet sie in einem kleinen Kinderbett Ruhe. Die Eltern wissen nicht zu erklären, durch welche Umstände das Wachstum ihres Kindes in so seltsamer Weise plötzlich unterbrochen wurde; anscheinend steht die Erscheinung mit Einflüssen der Vererbung im Zusammenhang, denn die Großmutter des Kindes besaß zwei Schwestern, bei denen dieselbe Erscheinung beobachtet wurde. Die eine starb mit 9, die andere mit 18 Jahren. Die Heine Mildred Hart erfreut sich trotz ihrer Zurückgezogenheit ausgezeichneter Gesundheit und unterhält sich Mndenlang damit, ihre Puppe zu umarmen und zu Herzen. Bisweilen wird sie auch im Kinderwagen ausgefahren, die ganze Stadt kennt dieses „ewige Kind", das lächelnd auf die. Grüße und Koseivorte der Vorübergehenden antwortet. Der Wissenschaft sind übrigens derartige Fälle nicht unbekannt, sie werden „Kretinismus" genannt und haben ihre Ursache in einer krankhaften Verkümmerung der Schilddrüse." * Der uns betroffene Verlust. Wie oft begegnet man noch in Danksagungen der grundfalschen Wendung : . Teilnahme bei dem uns betroffenen Verlust"! Das ist falsch, weil das zweite Mittelwort zielender Zeitwörter zur Leideform gehört und also nicht wie die Tätigkeitsformen verwendet werden kann. Ein ähnlicher Fehler steckt in folgenden Beispielen: Der durch Selbstmord geendete Hauptmann von Göben: die bis zum Dezember an gehaltene milde Witterung; der Schiffbruch gelittene geistesarme Federheld; die beit Prinzen befallene Krankheit usw. Bei ben nut haben gebeugten Zeitwörtern ist eben eine berarlige Verwendung des Mittelwortes nicht statthaft, weil es da keinen Zustand ausbrückt. Am besten wird einem der Unterschied klar an Beispielen mit „gelegen". Es ist falsch von einem „Jahrelang in Mainz gelegenen Regiment" zu sprechen, denn es hat in Mainz gelegen, und es ist hier teilt dauernder Zustand vorhanden; richtig aber ist es, zu sagen: „das so und so viel Meilen von Gießen stromauf gelegenen Wetzlar", weil hier eben die Lage bezeichne! wird: Wetzlar ist stromauf gelegen. Literarisches. —- Frau Rat Goethe. Ein Lebensbild von Elisabeth Mentzel. Frankfurt a. M. 1908. Kommissions-Verlag des Neuen Frankfurter Verlag. (Preis 1.20 Mk.) Der hundertste Todestag von Frau Rat Goethe hat die Literatur von neuem bereichert durch Bilder ans den Lebenslagen der Dichtermutter. Die Verfasserin des vorliegenden nett ans- gestatteten Buches hat früher Erforschtes, teils schon Vergessenes, auch wohl einiges noch Unbekannte zusammen- getragen und so ein klares, abgeschlossenes Lebensbild von Goethes Mutter geliefert. In erster Linie widmet Elisabeth Mentzel ihr Buch der Jugend aus dem Bestreben heraus, ben jüngeren Goethefreunben unb -Freundinnen bie wahre Bedeutung dieser Frau klarzulegen. Und da die Verfasserin ben rechten Ton gefunben hat, ihr Publikum in Bann za halten, wirb ihr Vorhaben überall glücklich gelingen. Bei aller Hingebung, mit ber bas Thema behandelt worden isst fällt die Absicht: nichts zu verherrlichen, nichts zu beschönigen, angenehm auf. Es trägt dazu bei, das Merkchen ein naturgetreues Lebens- und Charakterbild zu nennen. Biel Sorgfalt hat Elisabeth Mentzel auf die Behandlung der Kindheitstage von Goethes Mutter verwandt. Sie gibt u. tt. eine malerische Schilderung des Obst- und Blumengartens, in dem sich Fran Rat als munteres Kind getummelt hat. Dann weiter läßt sie uns manchen Blick in bie; junge Häuslichkeit ber Rätin werfen, wie bje jugendliche Mutter der beste Spielkamerad ihres Hätschelhans ist, wie sie Märchen erzählt nsw. usw. Wie gesägt, es ist ein liebes Buch, das sich Freunde in allen Kreisen erwerben wird. Geschickt hat die Verfasserin die wichtigsten Ereignisse aus Fran Rats Leben hineingewoben und alle jene Momente beleuchtet, bie biese Frau auf eine besondere Stufe hoben. Damit der Leser in der Lage ist, sich ein unbenommenes Urteil über bie Dichtermutter bilden zu können, sind die bemerkenswertesten Stellen ans ben Briefen der Rätin angeführt. ____________ Wohl dem, selig muß ich ihn preisen, Der in der Stille der ländlichen Flnr, Fern von des Lebens verworrenen Kreisen, Kindlich liegt an der Brust der Natur! Aus den Bergen ist Freiheit! Der Hauch der Grüfte Steigt nicht hinaus in die reinen Lüfte; Die Welt ist vollkonunen überall, Wo der Mensch nicht hinkounnt mit seiner Qual. ____________ Schiller. Rösselsprung. Auflösung in nächster Nummer: te dem auch ßen oster der mild des steh'n lei n auf zeus grab son wie von nur wei das so die her see'n chcn er inen mei fine das ben ne gab neu tuch auf ge schei reit nug tur nv der blu st ge cht n glie es die löst «en te wird's schnee st ♦ na ren sro auch und so tu Auflösung be§ Rätsels in voriger Nummer: Gebildet — Eingebildet. Redaktion: E. Anderson. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Untversttäts-Buch- und Steindruckerei. N. Lange, Gießen.