1908 Samstag oen 12. September ■ Der Dorfkönig. Roman voll Karl Böttcher- Ehemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Es war zu Mldeutschlands Jubeltag! Draußen in Versailles erhoben deutsche Fürsten den greisen Preußenkönig auf Barbarossas Thron. An diesem höchsten Festtage pilgerte am frühen Morgen jener Müllerbnrsche fort aus Oschatz. Diesmal mit warmer Kleidung und hoffnungsvollen Herzens. In der Dämmerung zog er in Leipzig ein. Doch da spürte ntan nichts von Dämmerung, das glänzte unb gleißte alles in totem und grünem Buntfeuer, das flackerte alles in tausend und abertausend Aeuglein auf den Fensterstöcken und Häusersimsen bis hoch hinauf unter die Dächer. — Und auf den Straßen jubilierte das Volk, die Polizisten drückten sich in die Ecken, denn auch ihr alteS Soldatenherz bebte in stolzer Freude ob der Einigung Dcntsch-- lands — und fotoen sie an diesem Tage einen überlauten Schreier, der Deutschlands Ruhmestag zu kräftig feierte, am Kragen packen?! Aber den Handwerksburschen, der an beit Häusern hinschlich und den großen Kasten auf dem Rücken schleppte--den konnten sie sich genauer ansehen. — Der Bursche ging ruhig mit. „Desto besser," dachte er, „so können sie mir eine Mühe ersparen; — so erfahre ich doch am besten, wo der Kommerzienrat Enkau wohnt." Auf der Wache revidierten sie sein Buch. — Das stimmte. „Und was haben Sie in dem Kasten?" fragte der Wachtmeister. „Ein Mühlmodell." „Ja so, Sie sind Müller. — Und wohin wollen Sie nun?" „Zum Kommerzienrat Enkau." „Na — Schönborn, führen Sie den jungen Manu hin!" Nun girtg'9 wieder fort, durch Straßen und Gäßchen und Gäßchen und Straßen. — Endlich standen sie vor der kompakten Villa. Dem Burschen ward cs ängstlich ums Herz. Beklommen starrte er zu den hohen, hellerleuchteten Fenstern empor. Er trat etliche Schritte näher bis zur Einfahrt. Das wehte warnt und wohlig daraus hervor. Da kam ein alter, graubärtiger Diener. „Was will er?" fragte “er gutmütig. „Ich möchte Herrn Kommerzienrat Enkau mal sprechen. „Das wird schwer halten. Wir haben heute große Gesellschaft — Na — komm Er wenigstens mal ’rein!", Der Müllerbursche trat zögernd ein. Nach etlichem Hin- und Herreden ging der Lakai in die Festsäle. „Wenn der Herr ist wie sein Diener, dann mag es sein," dachte der Müllerbursche. Da kant auch schon der Lakai zurück. „Was Sie vom Herrn KdmMerzienrat wünschen, läßt er fragen." „Ich Hütt' ihm eine wichtige Mitteilung zu machen." Der Bedienstete schlürfte fort. Nach geraumer Weile kehrte er zurück und winkte dein Burschen. Nun ging cs durch mächtige Vorsüle und über breite Marmor- treppen, bis endlich der Lakai eine Flügeltür aufriß und den Burschen durch eilte Gebärde aufforderte, einzutreten. Im selben Augenblick öffnete sich an der andern Seite eilte Tür und ein hoher, alter Herr trat ein. Der Bursche prallte zurück. , „Na nu, junger Freund, warum erschrecken Sie so?" „Weil--weil Sie gerade so aussehen, irrte unser neuer Kaiser," sagte der Bursche treuherzig. Der Kommerzienrat lächelte gütig. „Und was bringen Sie?" „Zunächst einen Brief." Der Herr öffnete ihn und fuchte nach der Unterschrift. „Ah — — von meinem alten Freunde Naumann in Oschatz!" --- Während er las, glitten seine Augen öfters und immer erstaunter nach dem in bescheidener Haltung dastehenden Jung- ling. „Herr Naumann schreibt. Sic hätten eine äußerst praktische. Mahlvorrichtung erfunden, die er in feinem kleinen Betriebe nicht verwerten könne, in unserm großen aber von unschätzbarem Werte sei.---- Zeigen Sie mal her! — In dem Kasteit Mer haben Sie doch wohl--?" „Das Modell — gewiß." Alle Scheu war bei dem Burschen verflogen; er erklärte dem Kömmerzicnrat eingehend das peinlich und sauber gearbeitete Modell und führte cs auch vor. „Famos, ganz famos! — — Wie heißen Sie?" „Harald Emmrich!" „Nun Herr Emiurich; wenn sich die Sache bewährt, was! wollen Sie haben für das Ding?" Harald trat einen Schritt zurück und biß die Lippen aufeinander. Vor dieser Frage hatte ihm gebangt. Im letzten, tiefsten Winkel seines Herzens lauerte eine Hoffnung. Die hieß: Hundert Taler. Aber keine Macht der Erde hatte ihn vermocht, diese Forderung zu stellen, sie lag festgeknebelt, geknebelt von der Angst, als Unbescheidener hinausgetvorseu zu werden samt seiner Erfindung. । „Machen Sie ein Angebot!" sagte er endlich zum Kommerzienrat. Enkau überlegte einen Augenblick und überflog noch einmal prüfend das Modell. Das waren Augenblicke schrecklicher Qualen für Herald. „Vorausgesetzt, daß sich Ihre Erfindung bewährt, biete ich Ihnen — zwanzig tausend Taler." Herald Emmrich wankte. „Ist Ihnen das zu wenig?" „Zu viel! — Zu viel!!--Geben Sic mir weniger, die Hälfte oder den zehnten Teil und dazu eine Anstellung in Ihrem! Werk." „Die bekommen Sie natürlich obendrein — müssen doch nach erfolgtem Umbau das Werk leiten. Dafür sollen Sie ein Jahresgehalt von--na — zunächst mal tausend Talern haben, später mehr." Null klingelte der Alte dem Lakai,. □ 670 -V „Bitten Sie mir Herrn Dr. Stötznor und Herrn Fntzsch hierher!" Und zu Herold gewandt sagte er: „Das sind die Direktoren Ui einer Fabrik." Die Herren kamen. Herald führte wiederum sein Modell vor und erklärte alles genau. Der technische ebenso wie der kaufmännische Leiter der Fabrik waren eines Lobes über die ebenso sinnreiche als einfache Einrichtung und billigten ganz und gar die Bedingungen, die der Kommerzienrat dem jungen Erfinder für Ucbcrlassung der Erfindung gestellt hatte.---: Wie int Traume verlies; Herald die Villa, wie int Traume trat er in das bescheidene Gasthaus und als ihn tvirkliche Träume umsingen, da stieg langsam und glänzend der helle Mond empor, und in der Sichel erwuchs benii Träumer ein prächtiges Schloß. Daraus trat er, und au seiner Seite schritt ein holdes Mädchen mit schwarzem Haar und tiefdnuklen Mandelaugen, — seine Mondprinzessin. 11. Kapitel. 3it der Pension der Madame Hennig in Meißen saßen Beate von Horbach und Doris Ufert über eine Photographie gebeugt. Einen schmucken Reiteroffizier zeigte das Bild. Da trat Erika Guttermann hinzu. „Wer ist das?" „Mein Bruder!" sagte Beate stolz. „Ah — Ernst von Horbach ?" Die Schwester nickte. t' „Was ist das für ein Orden hier <■' • „Das eiserne Kreuz zweiter Klasse." Dann blickten die drei Mädchen in stummem Staunen weiter in das kecke Reiterantlitz. Lebenslust sprühten die Augen. „Ist er mit im Krieg gewesen?" fragte Doris. „Du Dummchen, hätte er sonst das eiserne Kreuz?" Auf einmal sprang Beate auf und jubelte: „Und nächste Woche komMt er-----und nächste Woche kommt er!" „Hierher?" riefen Doris und Erika wie aus einem Munde. „Natürlich, wenn auch bloß auf eine Stunde. — Er fährt nach Dresden." Und der Tag kant, an welchem die Pension Hennig durch den Besuch des Leutnants von Horbach ausgezeichnet ward. Sporenklirreud kam er die Treppe herauf. Seine Schwester empfing ihn zunächst allein im Salon, daun trat Madame Hennig ein und hinter ihr Doris und Erika. Der Leutnant begrüßte Madame Hennig und Doris mit gnä- dcher Herablassung und eben wollte er auch Erika eine kleine Verbeugung widmen. Ihre eigenartige, reine Schönheit frappierte ihn aber derart, daß er unwillkürlich einen Schritt näher trat. Er Machte durchaus kein Hehl aus seiner Verwunderung. „Gnädiges Fräulein sehen mich erstaunt. — Ich habe ja während meines kurzen Erdenwandels und nicht zuletzt in Frankreich manch schönes Frauenantlitz gesehen und bewundert, — nber Ihr Kopf zeigt klassische Formen, — die mich frappieren!" Erika errötete und spielte verlegen mit ihrer Uhrkette, während Madame Hennig hüstelte und am Photographiealbum rückte. Doch Ernst von Horbach störte das wenig. — Er tat ganz, als sei er hier Herr im Hause und die andern seine Gäste. Er forderte die Damen zum Sitzen auf und plauderte tiont Krieg und Frieden, von Napoleon und Kaiser Wilhelm!, von seinen Quartieren und lustigen Reiterstückchen. Die Stunde verrann, die zweite auch und schließlich sagte der ^eutnant: „Wenn Sie gestatten, meine Gnädigsten, lade ich mich zu Mittag eilt — und heute nachmittag bitte ich Sie zu einer Partie — meinetwegen nach Siebeneichen — oder sonst, wohin Sie befehlen." Man konnte ihm nicht böse sein, wenn er auch oft scharf auf der Grenze zwischen Erlaubtem und Verpöntem balaneierte, wenn auch Madame Hennig oft hüsteln und die Mädchen die Augen Niederschlagen müßten. GMt, so einem jungen Reitevosfizier, was soll man dem ubelnehinen und dazu noch einem, der soeben aus dem Kiiieg zurückgestnstmen?! , Guttermann befand sich am Nachmittage immer an ferner Sette oder er an ihrer. Sie wußte es selbst nicht. Ihr sonst so kecker Mut hatte sich verflüchtet, sie sah ihn imMer von der Seite an. Das sieghafte Lächeln, das seinen Mund umspielte, grub sich ut rhr Herz. Nur auf deM Heimwege ging Ernst von Horbach kurze Zeit MM ieiner Schwester, und sie sprachen leise und gedampft. „Wie alt ist Fräulein Guttermann?" „Sechzehn. — glaub ich," „Verdammt grün! — Zehn Jahre Unterschied ist 'n bißchen viel." „Hast du Absichten?" Er zuckte mit den Achseln und sagte: „Hat sie Geld?" „Ihr Vater ist Millionär." Er pfiff durch die Zähne. „Und zehn Kinder, was?" „Drei, wenn ich recht unterrichtet bin." „Da gilt der Taler zehn Groschen. — Nicht schlecht. — Na, vielleicht macht sich's!" Sie blieben stehen und ließen die Damen herankommen. „Wirklich ein herrlich Stück Erde! Hier überall das sprossende Grün, drüben die Rebenberge und sehen Sie, — dort in der Ferne, wie die Sonne sich glutig senkt, und da — in tausend goldenen Strahlen nimmt sie Abschied und die runden Scheiben der Albrechtsburg grüßen zurück zum scheidenden Sonnenball. Das zittert aus allen Fenstern, das ist kein Rot mehr, das ist flüssiges Gold!"— Weich, fast zitternd glitten diese Worte aus Horbachs Mund. Alle schauten nach bent herrlichen Mendbild. — In Erikas Herz war etwas wach geworden. Sie sah nicht Sonnenball und Rebev- laudjchaft; wehes, süßes Fühlen durchschauerte sie, (Fortsetzung folgt.) §rau Bat. (Zu ihrem 100. Todestage 13. September 1908.) Im Schatten der großen Sonnen, die aus dem Leben der Genies strahlen, ist ihren Muttern ein bescheidenes Plätzchen der Unsterblichkeit bereitet. Wir kennen sie ja meist nur aus den Schilderungen ihrer Söhne, ahnen die eigne Wärme und Kraft ihrer Persönlichkeit nur aus der unendlich gesteigerten Begabung der Kinder. So stehen die Mütter Luthers, Schillers, Bismarcks vor uns. Allein „Frau Rat" erglänzt int eigenen Lichte, so einzigartig thront sie unter den Müttern, wie Goethe unter den Menschen. Die Berichte, die uns über sie erhalten sind, bieten keinen ganz reinen Spiegel ihres Charakters. Wohl hat der Sohn Züge ihrer Wesensart nicht nur int „Götz" und in „Hermann und Dorothea", sondern auch in Gelegenheitswerken wie „Erwin und Elmire" wundervoll festgehalten, aber das Ehrendenkmal, das ihr in „Dichtung und Wahrheit" von seiner Hand errichtet werden sollte, ist über die ersten Anfänge nicht hinausgekommen. „Aristeia der Mutter" hat er diesen Abschnitt überschrieben. Wie in der Ilias Homer den besonderen Ruhmestaten berühmter Helden einzelne Gesäuge widmet, so sollte auch in dem großen Heldenepos des Goethe'schen Lebens ein feierlicher Hymnus verkünden, „wie die Mutter sich herrlich einst vorgetan unter den Frauen." „Wie in ihr das allgemeine Muttergefühl gegen einen Sohn, gegen ihren Erstgeborenen sich in eigentümlicher Weise hervortat und zu welcher Gestalt ein solcher Charakter gerade in der Hälfte des vorigen Jahrhunderts sich ausbildete", das sollte der Grundgedanke seiner Darstellung werden, die die merkwürdige Mischung von aufklärerischen und pietistischeit Elementen, von praktisch weiser Lebenskunst und echtem „Sturm- und Drang"-Temparament betont hätte. Aber die Feder zitterte, wenn er der unendlichen Liebe gedachte, mit der die Mutter sein Leben begleitete, und so beschied er sich dahin, die wundersamen Auszüge aus der Familienchronik, wie sie die junge Familien- freundiu, Bettina Brentano, aufgefaßt, int liebenden Herzen verwahrt und endlich in Schriften niedergelegt hatte, zusammenzustellen. Bettina hat später in ihrem „Briefwechsel Goethes mit einem Kinde" aus Briefen, Aufzeichnungen ihr Bild erstehen lassen, wobei eine leichte Wolke romantischer Wirrnis die kernig klaren Konturen ihres Wesens umfließt, und eine noch eigenwilliger persönliche Charakteristik in der Phantasie „Dies Buch gehört dem König" versucht. Das reine unverfälschte Bildnis der Frau Rat, wie sie es selbst gezeichnet, ist uns erst in ihrem gesammelten Briefwechsel geschenkt worden, dessen unvergänglichste Seiten ja durch eine geschickte Auswahl zu einem wirklichen Volksbuch geworden sind.*) . , ? Die von dem bekannten Leipziger. Prosessor Alb. Köster besorgte, nn Jnselverlage in Leipzig bereits in einer stattlichen An- — 571 Wenn wir uns Goethes Mutter vergegenwärtigen, wie sie noch heute unter uns lebt, so erscheint sie uns nicht als die jugendliche Frau des ehrsamen, so viel älteren Rats Goethe, der ihr mehr Lehrer denn Freund war, und den sie meistens „Papa" nannte, nicht als die Mutter des großen Wolfgang, dem sie eher schwesterliche Vertraute! denn Erzieherin war, sondern sie steht vor uns in ihren Alterstagen als eine stattliche imponierende Matrone, mehr Lustigkeit und Güte als Anmut in dem vollen Gesicht, mit dem leichten Doppelkinn, den rundlichen Wangen, der etwas langen Nase. Die großen ausdrucksvollen braunen Augen erinnerten anr ehesten an den Sohn, mit dem sie voller Stolz auch im Aeußeren sich ähnlich fühlte. Schön angetan, hinter der imponierenden Haube ehrwürdig hervorblickend, die hohe Frisur schon in der Frühe prächtig aufgebaut, so sitzt sie in ihrer gelben oder blauen Stube auf dem breiten Kanapee vor dein runden Tisch, eine Handarbeit in den nie müßigen Händen. Sie hatte eine naiv kindliche Freude am Putz; geru trug sie an den Fingern Ringe und an einer schönen Dose, einer bemalten Tabatitzre, einem feinen Geldbeutel oder Täschcheu konnte fie sich nicht sattsehen. Ein echtes Künstlergemüt spricht aus all ihren Worten und Taten und der hinreißende Zauber ihrer Erzählung, dem die Großen und die Kleinen gleich widerstandslos sich hingeben mußten, strahlt noch aus der lebendigen Anschaulichkeit, dem ungestümen Tempo, der sich überstürzenden Lebhaftigkeit ihrer Briefe. Die Gedanken und Ideen jagen sich bei ihr so untereinander „wie die Knaben, wenn sie Jägers spielen"; Ausrufnngs- und Fragezeichen, Gedankenstriche und Klammern markieren die Ungeduld und die über- guellende Mitteilungssähigkeit in diesem unermüdlich tätigen Geiste; die Buchstaben purzeln „in der Eil" wohl durcheinander; in Ausrufen ioie „O Jemine", „potz fickerment", „potz Fischen" macht sie sich Luft; doch jedes Wort steht am rechten Platz, jede Schilderung wie die des Frankfurter- Brandes oder der Kriegswirren, ist durch die prächtigsten Bilder und Vergleiche belebt; bisweilen schreibt sie sogar einen richtigen Dialog auf oder läßt sich in knappen, schlagenden, übermütig derben Knittelversen gehen, die der Hans Sachs'schen Manier des jungen Goethe nichts nachgeben. Mit Fremdwörtern stand sie auf dem Kriegsfuß, wie überhaupt ihre Bildung in der Jugend vernachlässigt war; „das läge am Schulmeister", gesteht sie in rührender Osfenheit ihrem Enkel August, von dem sie noch recht viel lernen will. Aber diese ihre Lernbegier hat all ihre Lücken reichlich ausgefüllt, und nachdem sie bei ihrem Manne in den ersten Ehejahren eine ziemlich strenge Lehrzeit durchgemacht hatte, hat sie bis zum letzten Atemzuge nicht aufgehört, sich immer neue Lektionen vom Leben, von Menschen und Büchern erteilen zu lassen. Erst als Goethe der anerkannte große Dichter wurde, entfaltete sich auch der Charakter der Frau Rat in seinen: ganzen Reichtum; nun wurde sie „Frau Aja", die wie die sorgliche Mutter der vier Haymondskinder im alten Volksbuch Gönner, Freunde und Getreue des Sohnes mit freundlicher Güte und verstehender Herzlichkeit aufnahm. Selbst Genossen Goethes, von denen dieser sich längst entfremdet und abgewandt hatte, wie Lenz und Lavater, blieb sie auch weiter die gute Freundin und trat hilfreich für sie ein. Wie fein und überlegen weiß sie die mannigfachen Besucher ihres zahl von Auflagen erschienene Auswahl sollte kein Literatursremid unbeachtet lassen. Für Gießen von besonderem Interesse ist ein Bries der weltklugen und vielbewanderten Fran Rat an Maximilian Klinger, Goethes Frankfurter Iugendsreund, der um 1776 hier in Gießen studierte. Von Ende Atai jenes Jahres stammt der Brief, in den, eine Stelle also lautet: . „Mein lieber Freund, leben Sie wohl, so wohl stchs in Gießen leben läßt. Ich meine iinmer, das wäre vor stur) Ellch doch eine Kleinigkeit alle, auch die s ch l e ch t e e n Sj r t e zu idealisieren; könnt ihr aus irichts elivas machen, so mußt es doch mit dein Scybeyuns zugehen, wenn aiis Gießeii nicht eine Feenstadt zu machen wäre." Mancher eingeborener Gießener >vird wohl nut etlaubten Stolz sagen: „Ist sie längst!" Wir wollen hoffen, daß sie es sem ivird, wenn wir 1976 schreiben! Jxe0, Hauses zu behandeln! Wie ehrerbietig und doch zutraulich verkehrt sie mit dem Herzog, wie redet in ihrer Korrespondenz mit der Herzogin Anna Amalie so jovial die Frau zur Frau, die Mutter zur Mutter. Mit der boshaften kleinen Goechhausen, dem „Hoffräulein Thusnelde", führt sie eine schalkhafte Plänkelei in Anspielungen und Malicen. In ihrem besonderen Element führt sich diese ewig junggebliebene Natnr, wenn sie an ihre Enkelin schreibt; seit Luther sind in unserer deutschen Literatur nicht mehr so lustige Plauderbriefe an Kinder bekannt geworden, wie sch die Großmutter Goethe >a n den kleinen „Augst" und die Schlosserschen Mädels zu schreiben wußte. Den Sohn hat sie in seiner ganzen Größe früh verstanden; selbst das Dämonische seiner Natur fand in ihrem Herzen einen geheimen Wiederhall und die Notwendigkeit der italienischen Reise für seine Entwicklung ist von ihr zuerst erkaunt worden. So fand sie denn auch instinktiv die richtige Stellung zuj der „Freundin", dem „Liebgen" des Sohnes, zu Christiane. Sie ist ihr sogleich liebevoll, wenn auch zurückhaltend, und bald herzlich teilnehmend entgegengekommen; als die beiden sich aber persönlich kennen gelernt hatten, fühlten sie sich bald eins nicht nur in der Liebe zum „Hätschelhans", sondern auch in einer gleichgestimmten Auffassung des Lebens, int praktischen Sinn, in der sinnlichen Frage am Dasein und der Ehrlichkeit einer gesunden Naturnähe. Zwar hat sich die Frau Rat als Frankfurter Patrizierin darüber geärgert, daß sie die Geburt ihres Enkels nicht ins Anzeigeblättchen setzen lassen konnte, aber sie hat sich damit getröstet, „daß mein Häschclhans vergnügt und glücklicher als in einer fatalen Ehe ist." Biel Schweres hat Goethes Mutter in ihrem Leben durchgemacht; einem ungeliebten Manne war sie siebzehnjährig in die Ehe gefolgt und hat ihn dann lange Jahre forgsam bis zum Tode gepflegt; Cornelia ward ihr kurz nach deren Verheiratung jäh entrissen. Doch sie wußte sich immer zu trösten, indem sie sich nach der Natur richtete! und nach ihrem Wesen. Als Goethes zweiter Sohn, kaum geboren, wieder starb, schreibt sie: „Freylich bleiben nicht alle Blüthen um Früchte zu iverden — es tut weh — aber . wenn die Saat gereift ist und kommt dann ein Hagelwetter und schlägt zu Boden was iit die Scheuern eingeführt werden sötte, das thut noch viel weher — Wenn aber nur der Baum' stehen bleibt; so ist die Hoffnung nicht verlohren. Gott! Erhalte dich — und den lieben Augst — und deine Gefährtin — diß ist mein innigster und herzlichster Wunsch." So ward ihr aus dem Schicksal selbst, das ihr die Wunden schlug, ein Trost, der tief in ihrem Wesen lag. „Freut euch des Lebens" das klang hell und fröhlich als das Leitmotiv ihres ganzen Seins; ein unverwüstlicher Frohsinn geht von ihr aus und ihr Blut pocht immer im lustig schnellen Takt. Und weil sie vergnügt und froh war, so wollte sie auch alle anderen Menschen heiter sehen; sie hatte die besondere Gnade von Gott, daß keine Menschenseele mrtz- vergnügt von ihr wegging. „Ich habe die Menschen sehr lieb - und das fühlt alt und jung, gehe ohne pretentron durch diese Welt und das behagt allen Evens Söhnen und Töchtern — demoralisiere niemand — suche immer die gute Seite auszuspähen, überlasse die schlimme dem der den Menschen schüfe und der es am besten versteht, die scharfsen Ecken abzuschleifen, und beh dieser Medote befinde ich mich wohl, glücklich und vergnügt." Ein „Hauptspaß", em „Groß Gaudium" muh sie immer haben; mags ihr nun „eine Wollust, Freude und Wonne" sein, ein neues Werk des Sohnes zu lesen, oder mag sie ihre acht „Samstagsmädeln" beisammen haben, um mit ihnen in einem heiteren Gelächter die Woche zu begraben. Da gibts keine Etikette und kein Zeremoniell. Als einmal die beiden Prinzessinnen von Mecklenburg-Strelitz, die spätere Königin Luise und ihre Schwester Friderike, bei ihr zu Gaste sind und am Brunnen ein bißchen plantschern wollen, sperrt sie bte sich dagegen wehrende Hofdame einfach in ihrem Zimmer em; nach Tisch spielt die eine Prinzessin Klavier, mit der anderst walzt sie im Zimmer herum. Gesprungen und gehopst muh 572 werden; dafür sorgen schon die Pfänderspiele und das lustige „Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg". Da hebt ein „Krehlen und Jubeln" an, ein Schreien und Jauchzen. „Vivat!" ruft die Frau Rat. Rosenfarb und Weiß sind ihre Leibfarben und ein Tänzchen die beste Motion. Dann setzen sich die Mädels um sie herum auf die kleinen Schemel nnb hängen an den Lippen der gütigen alten Frau in der großen Haube, die ihnen ihre Märchen erzählt, während die Sonne den goldenen Knopf des Kätharinenturms mit einem scheidenden Glanze umspielt; ab und zu nimmt sie mit den beringten Fingern ein „Prischen Tabak" und „die Lissel, die dicke Iris" bringt Konfekt und Bonbon. . . Nun ist die Geschichte bis zu ihrem glücklichen Ende gediehen; da springt die korpulente Rätin auf und jubelt mit den andern noch einmal im Kreise herum..... Frau Rat war ein frommes Gemüt. „Nun danket alle Gott!" war die markige und ernste Begleitung ihrer lustigen Lebensmelodie. Mit den pietistischen Kreisen des Fräulein von Klettenberg stand sie in enger Verbindung, und die Bibel, in der sie so glänzend Bescheid wußte, daß sie sich bald den König Salomo und bald den König Hiskia zunr Vorbild nimmt, war ihre tägliche Lektüre. Aus dem Propheten Jeremia aber hat sie sich in schwerer Seelennot nach echt pietistischer Weise den Leibspruch „herausgedäumelt": „Du sollst wiederum Weinberge pflanzen an den Bergen Samariä, pflanzen wird man, und dazu pfeifen." Als gute Wirtin sorgte sie für das irdische Teil. Dem Sohne schickte sie jedes Jahr „welsches Korn", Kastanien und allerlei Hausgerät, das sie mit sorgender Hand vortrefflich auswählte. Allerlei „Krämchen" werden den Lieben zugedacht; Nanking zu ein Paar- Hosen, Seide zu Halstüchern und Batist, der noch „wie neu" ist, zu Manschetten, Spielsoldaten und Kinderzeug für den kleinen „Augst". Für ihr ersten Urenkelchen unternimmt sie eine Arbeit, „die — ich wette mein Hab und Fahrt — seit der Erschaffung der Welt — ein stark Stück — keine Urgroßmutter verfertigt hat: nehmlich die Spitzen an das Kindszeug die Häubger und Ermelger zu klöppeln — und nicht etwa so lirum larum, nein, sondern ein Brabanter- Muster 3 Finger breit und wohl zu merken ohne Brille!" Außer dem Spitzenklöppeln, dem Klavier und dem Schachbrett, ihren drei „Steckenpferden", hatte sie eine große Leidenschaft: das Theater, das ihr den höchsten Genuß gibt. „Da mir Gott die Gnade getan, das meine Seele von Jugend auf keine Schnürbrilst angekriegt hat, so fühle ich alles was wahr und gut und brav ist mehr als vielleicht tausend andere meines Geschlechts — und wenn ich um Sturm und Drang meines Herzens im Hamlet vor innerlichem Gefühl und Gewühl nach Luft und Odem schnappe, nun eben dieses unverfälschte und starke Nathurgefühl bewahrt meine Seele — Gott seh ewig Danck vor Rost und Fäulniß." ' Dr. P. L. VSNMZMZÄK- *’ Die schönste Frau der Welt. Eine amerika- nsche Bildhauerin, Miß Beveridge, hat vor wenigen Wochen nach einer mehrjährigen, Forschungsreise durch dre Welt den Satz ausgesprochen,' daß die Amerikanerin den idealsten Typ weiblicher Schönheit darstellt. Ein Pariser Blatt hat nun die Behauptung nicht ruhen lassen und daher bei französischen Künstlern und Bildhauern eure Umfrag veranstaltet, wem sie den SchönheitspreiZ unter den Frauen aller Länder zuerkennen. Die eingelaufenen Antworten sind interessant genug, wenn sie die Frage, welches die schönste Frau der Welt lst, vollständig ins klare stellen. — So schreibt genri) Caro Delvaille: „Die Amerikanerin hat auf mich e!“eu tiefen und nachhaltigen Eindruck gemacht. Aber rch meine„ doch, daß die Italienerin "es in- bezug auf d:e Schönheit getrost mit den Amazonen jenseits des großen Wassers aufnehmen kann. Die Italienerin ist eine mehr menschliche, die Amerikanerin ausschließlich eine mondaine Schönheit." Cormon urteilt: Früher stellte die Griechin den vollendetsten Schönheitstyp des Weibes dar. Heute hält es sehr schwer zu sagen, wem der Preis gebührt. Unsere Damen von heute haben alle eine viel zu enge Taille. Wenn Miß Beveridge die Amerikanerin für das schönste Weib hält, so muß man ihr das zugute rechnen, denn sie selbst ist ja eine Amerikanerin." Der Maler Jnjalbert antwortet: „Es ist eine Lüge und noch dazu eine plumpe, wenn man einfach verkündet, die Amerikanerin ist die Schönste von allen. Natürlich, der Gebirgsbewohner liebt das Gebirge, und der Anwohner der See erklärt das Meer für das Herrlichste in der Natur. Ich kann überhaupt über die Frage: welches ist die schönste der Frauen? nur lachen. Ich habe auf meinen Reisen immer noch gefunden, daß es überall Schönheiten gibt, bei allen Nationen und in allen Farben, ganz gleichgültig, ob blond oder brünett." Herr Willette zeigt sich in seiner Antwort als echter und galanter Franzose. Er schreibt: „Die schönste Frau ist entschieden die Französin mit dem entzückend großen Hute und dem wunderbaren Teint. Die Amerikanerin hingegen ist einfach geschmacklos, wirkt lächerlich und unverträglich. Freilich, an das Schönheitsideal, das uns die griechischen Künstler hinterlassen haben, reichen unsere Frauen heute nicht mehr heran." Ein zärtlicher Ehemann ist entschieden der Maler Guilleaume. Er schreibt aus Villepreux und erklärt: „Die schönsten Frauen gibt es ohne Zweifel nur in Frankreich. Und die allerschönste wohnt in Villepreux und heißt Madame Guilleaume." *Der Segen der Ar beit. Wir lesen, in der N. Fr. Pr.: Der 3. Band der „Bedeutung der menschlichen Lebensdauer im modernen Staate" von Alfred von Lindheim. Herr von Lindheim bespricht u. a. den rechnungsmäßigen Wert des Menschen und gelangt auch zu dem weitaus interessantesten Thema: „Die Sterblichkeit im Ruhe- st an d e", woran Professor Dr. Ratts vom statistischen Reichsamt in Berlin, Professor Westergaard und Sekretär- Spitz in Wien arbeiteten. Mit Unterstützung der österreichischen Behörden, der Landwehr und Marineverwaltung wird' hier zum erstenmal in gründlichster Weise die übermäßige Sterblichkeit der pensionierten Beamten, aber auch der Landwirte und Kaufleute, die sich vorzeitig zurückziehen, nachgewiesen. Hieran reisten sich in großer Fülle die Zahlen der übergroßen Sterblichkeit der Arbeiterrentner in Deutschland, und zwar auch nach der Auslese der wegen Krankbeit Pensionierten. Beschauliches und Erbauliches. Man lernt Verschwiegenheit am meisten unter Menschen, die keine haben, und Plauderhastigkeit unter Verschwiegenen. * Eins! trat der liebende Genins der geiühlreichern Menschen vor den Jupiter und ba.t: Göttlicher Vater, gib deinen armen Menschen eine bessere Sprache, denn sie haben nur Worte, wenn sie sagen wollen, wie sie trauern, ivie sie frohlocken, wie sie lieben. — „Hab' ich ihnen denn nicht die Träne gegeben," sagte Jupiter; „die Träne der Freude und des Schmerzes und die süßere der Liebe?" Der Genius antwortete: „Auch die Träne spricht das Herz nicht aus. Göttlicher Vater, gib ihnen eine bessere Sprache, wenn sie sagen wollen, wie sie die unendliche Sehnsucht suhlen — wie ihnen das Morgensternchen der Kindheit nachblickt und die Nosenaurora der Jugend nachglüht. Gib ihnen eine neue Sprache für das Herz, mein Vater!" Jetzo hörte Jupiter in dein Sphärenklange der Welten die Meise des Gesanges annahen, und er winkte ihr >n>d sagte: „Geh hinunter zu den Menschen >ind lehre sie deine Sprache." ' Da kam die Muse des Gesanges zu uns hernieder und lehrte die Töne; und seitdem kann das Menschenherz sprechen. ___________ Jean Paul. Charade (viersilbig). Voiil Raub im Dunkeln lebt der beideii erstes Corps, Scheut, Diebeii gleich, das Licht und peinigt jedes Ohr, Doch aus beit letzten zwei'n strahlt euer Ich hervor; Das ganze, Leser, ist ein sehr berühmter Tor. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Selbst ist der beste Bote. Lwdaktion: P. Witt ko. Rotationsdruck und Berlaa der Briibl'ichen Universitäts-Buck- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.