Donnerstag -en 12. Mrz 1908 uiil IÄ KW slitl W Kelmuiß von Lopfen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Er sprang auf, riß die Uniform auf mtb ging tief Atem schöpfend einigemal im Zimmer auf uud nieder. Marie Annens Tränen flössen, Anne Maries Gesicht schien allmählich zu versteinern. Mit spröder, harter Stimme sagte sie: „Tarf ich mir eine Frage erlauben? Du brauchst ja nicht zu antworten, wenn es dir nicht paßt. Ist diese Schauspielerin identisch mit einer jungen Verkäuferin in einem Handschuhgeschäft, auf welches du mich durch das Geschenk eines Kartons Dänischer aufmerksam gemacht hattest? Es ist eilte ganz müßige Frage, es mag ja viele dieses Namens geben." „Ja, sie ist es." „Tri kanntest sie also schon damals?" »Ja." „Es war vor zwei und einem halben Jahr, als du den Arm gebrochen hattest." »Ja." „Sie stellte mir einmal für die Ladeninhaberin eine Quittung aus. Zufälligerweise habe ich den Namen behalten, weil mir die Person selbst anffiel. Sie sah krank aus. Wie kam es, daß sie Schauspielerin wurde?" »,Tas zu weichen war ursprünglich ihre Absicht, Krankheit hatte ihre Theaterlaufbahn unterbrochen." „Ich habe dich einmal im Tiergarten spazieren gehen sehen." „Tas ist möglich." Sie hatte ganz ruhig gesprochen und ebenso ruhig und kühl sagte sie jetzt, ohne den Blick zu heben oder ihre Lage zu verändern: „Zum zweitenmal biete ich dir mein Vermögen, wenn es ausreicht, dir die Freiheit zurückzukaufen." Eine rote Glut flog über die Stirn des Rittmeisters. „Auf eine solche Beleidigung habe ich nichts zu erwidern. Du sprichst von meiner künftigen Frau. Das bedenke." Marie Anne hatte ihre Tränen getrocknet, aber sie sah noch ganz verstört aus. „Ter Pastor Becker in Rothaide hatte doch mal eine Tochter, die den Eltern davonlief zum Theater — die Geschichte machte ja vor einigen Jahren so von sich reden — ist das etwa —" „Ja, das ist dieselbe." „Helmuth, Helmuth, und die willst du jetzt — nein, es ist ja nicht möglich! Nicht denkbar! — Also deshalb stakst du immer iu Rothaide — und ich dachte . . . wäre nur Conrad hier! Ter würde dir's ausreden. Ach, es ist doch zu schrecklich!" „Bitte, laß das Jammern, willst du?"— sagte Anne Marie, „du hörst es ja, er will seine künftige Gemahlin nicht beleidigen lassen." Sie zog einen Schal um den schlanken Oberkörper und wiegte sich im -Stuhl. Hätte sie nicht so aschfarben ausgesehen, so hätte man glauben können, die ganze Sache ginge sie nichts an. Aber ein starr gespannter Zug nntl Lippen und Augen, den ihres Gatten Anfall nicht hervorzubringen vermocht hatte, zeigte, daß-sie litt. Als Loysen jetzt an das Feuer trat und den Feuerhaken heftig in die Glut stieß, daß die Funkelt anffuhren, zog sie ihr Kleid etwas zurück. „Bitte, sehe . das Haus nicht in Brand," bat sie ironisch. Er wandte sich heftig ab nnd begann im Saal hin- und herzugehen, um seine innere Erregung zu bekämpfen. „Hast du mich weiter nichts zu fragen?" — sagte er endlich: „Nein. Wozu denn? Ich weiß nun alles." „Wenn du alles weißt, so tmrßt du auch begreifen, daß ich so und nicht anders handeln muß." „Tas kann ich durchaus nicht einsehen. IM Gegenteil. So was tut man nicht. Aber ich ahne nun schon den Einfluß, der dich geleitet hat. Ter Name Rothaide belehrte mich darüber. Wilhelm von der Haide hat dich mit seinen übet> spannten Ideen angesteckt." „So ist's!" — rief Marie Amte. Loysen zuckte die Achseln. „Wilhelm wußte von meiner Bekanntschaft mit Fväuleist Becker nichts. Uebrigens bin ich weit entfernt, zu leugnen, daß ich mich gern von ihm beeinflussen lasse. Indirekt und unbewußt hat er cs vielleicht getan. Im Verkehr mit ihm lernt man Lebensfragen in einem anderen Lichte betrachten, wie zuvor. Er hat so zu sagen seinen Ehrenkodex für sich." Anne Marie sah mit ihrem kleinen, spöttischen Lächeln in' die Flammen. „Bewnndre nur Meinen Scharfblick," sagte sie bitter —: „ein merkwürdiger Mensch, dieser euer Wilhelm der Sanftmütige, das muß ich ihm lassen. In aller Stille wendet er so ciit Lebensschiffchen und es zerschellt für immer an den Klippen, die es bis dahin erfolgreich vermieden hatte. Sa* rüber bist du dir wohl klar, daß du dich, was man so nennt, unmöglich gemacht hast!" „Tas ist meine Sache. Wo es der Fall ist, wird's drum nicht schade fein." Er sagte das kurz uud herb und wandte sich zum Gehen. „Sag mal," begann nun die Reckuitz wieder klagend, „sie ist natürlich bildschön und du wahusiimig verliebt, aber bedenke doch —" „Daß Schönheit vergeht uud Tugend besteht?" — unterbrach die andere sie spottend, „Mieze, du bist und bleibst mit deinen 35 Jahren ein großes Kind. Verlieren wir doch über die ganze Sache kein Wort mehr. Nicht wahr, das ist auch dir das Erwünschteste, Helmuth?" Er verneigte sich nur, wollte noch etwas sagen, bezwang sich aber und verließ beit Saal. In der Tür> blieb er noch einmal stehen und sah traurig auf die beiden, die bisher feilte besten Freundinnen gewesen und die er eben verlor für immer. Tann ging er in das Zimmer, welches er hier, wie das in Barbes, das seine nannte. Es war geheizt und eine Lampe brannte. Tas, Bett war zurecht gemacht. Darinnen schläft er auch nie wieder. Er warf sich aufs Sofa, zermürbt und tot« 162 htüibe, zu müde, unt irigdnb einen Versuch, zu machen. Leer seiner! Stimmung zu werden. Eine Stunde später tapste jemand mit schweren Schritten den hallenden Korridor entlang und Recknitz kaue, ein Licht in der Hand, herein. Ter Rittmeister sprang auf. „Kamt ich unten helfen?" — fragte er bestürzt. Er hatte tudt keiner Silbe mehr au Trotz gedacht. Recknitz machte eine abwehrende Handbewegung. „Nee, da ist nichts zu helfen. Er hatte wieder Mal so ’nen Rappel, aber der Doktor war gerade gekoumten und gab ihm was Beruhigendes ein, und nun wird er wohl schlafen bis morgen früh." Recknitz stellte fein Licht auf den Tisch und ging, die Hände auf dem Rücken, hin und her. Sei» braunrotes Gesicht war noch röter als sonst. „Sag mal", begann er. „Nun wird er doch wohl in eine Anstalt gebracht werden müssen," sagte Lohse». „Ja, natürlich. Wahrscheinlich. Aber deswegen komme ich picht herauf. Sag Mal, was ist denn das mit dir? Da komme ich in den Saal und finde die Frauenzimmer in allen Zuständen — du beabsichtigst, eine vom Theater zu heiraten?" Lohse» seufzte wie einer, der einer Sache schon zum Verzweifeln überdrüssig ist. „Ja," sagte er kurz, „das tue ich." Recknitz» beugte sich' vor, stemmte beide Hände auf die S'»iee und starrte ihn an. „Mfo Ernst?" — fragte er, „und ich denke, die phan- kasieren aus lauter Aufregung über Edmunds Zustand ! Ernst? Ja, bist du beim von Sinne»? Junge! Das kost' dich den weißen Rock da!" Lohs en nickte nur. Er blieb auch stuncku, als sich die entfesselte Glut von Vorwürfen über ihn ergoß. Ter Zorn des guten Recknitz war ein schmerzlicher Zorn, er hatte ihn, in Angst und Liebe, so gern mit diesen seinen großen Fäusten vvM Abgrund weggerissen, und das tat seinem Zuhörer ja gewissermaßen wohl —■ aber *it einem Verstehen kam es so wenig wie mit beit Schwestern, und nachdem er eingesehen hatte, daß weder Toben noch inständige Bitten „diesen Eisen- Hopf zur Vernunft brachten," wandte er sich ingrimmig ab und ging hinaus, die Tür hinter sich zuschlagend. Loyseir blieb allein und stand, die Stirn an die kalte Fensterscheibe gepreßt, da, auf die verhallendeit Schritte horchend. Tann öffnete er das Fenster und sah in die Mr- mische, dunkle Herbstnacht hinaus. Ter Wind, der ihm ins Gesicht blies, war eine Wohltat. Ja, so werden sie ihn alle verlassen und er mutz allein hindurch auf deut selbstgewählten Wege. Ist er eilt Narr, ihn zu gehen? — Eine harte Frage. Nair, ja vielleicht, aber auch diese Erkenntnis dürfte ihn picht hindern. Er mutz so handeln, es koste ihm, was es wolle. XIX. Der ins Wasser geworfene kleine Stein zog seine Kreise weiter und weiter,, bis die ganze Fläche in Bewegung Ivar. Weder der Oberst noch die in . Kenntnis gesetzten Fauiilicumitglieder hatten darüber gesprochen, doch wußte man im Laufe der nächsten Wochen, weshalb der Rittmeister seinen Abschied eingereicht harte. Seine Kameraden waren starr vor Verwunderung und Unmut, und es war ein Glück für ihn, daß Schuadewitz, welcher der nächste zum Major war, erstens durch sein junges Eheglück und dann durch die Aussicht, demnächst in ein anderes Regiment versetzt zu werden, ganz in Anspruch genommen war. Immerhin gab es für Loysen bittere Stunden mit diesem Getreuen, und er war jetzt so weit, den Augenblick herbeizuwünschen, wo er der alten Garnison sein letztes Lebewohl sagen konnte, um vorläufig nach Berlin überzüsiedeln, Wo freilich, wie er wußte, seine Freunde von der Garde bedauerten, je mit ihm Brüderschaft getrunken zu haben. Aber Berlin wär groß und hier konnte seine Trauung unbemerkt vollzogen werden. Er brauchte auch nicht zu befürchten, mit Anne Marie zusammenzutreffen, denn Baron Troß befand sich vorläufig noch in Dobra», wo er unter ärztlicher Aufsicht stand und die Baronin in ihrem freiwillig und ohne Zaudern auf sich genommenen Pflegeramt von , einem Wärter unterstützt würde. In der Nachbarschaft von Bardes, wo Loysens Erscheinung sm Frühling eine gewisse Sensation erregt hatte, wollte man es anfangs gar nicht glauben. ' Das Gerücht, er habe den Abschied genommen, drang erft allmählich dahin und wurde anfangs mit beifälligem Schmunzeln aufgenommen, denn diese oder jene der jungen Damen glaubte, daran Hoffnungen knüpfen zu dürfen. ES wäre ja so natürlich gewesen, wenn er sich gerade hier in der Nähe von Bardes niederließ, und hübsche Güter waren genug feil. Dann aber tauchte das erste Gerücht auf von einer sonderbaren Verlobung und in kurzer Zeit wußte man alles. ES konnte! immerhin alles nur Gerede sein, so lange man es nicht schwarz aus weiß vor sich sah, so lange Frau von Recknitz die Sache nicht proklamierte, mußte man es dafür ansehen. Ja nun, irgend, etwas steckt natürlich dahinter, es ist ja unglaublich, tote cs diese jungen Herren treiben, aber dis zur Heirat wird es ja wohl nicht kommen. Nach Neujahr gaben die Bessendorfs auf Dalitzsch eilten Ball, Sie hatten zwei blutjunge, allerliebste Töchter, die in diesem Winter 'zum erstenmal tanzen sollten, und die gesamte Nachbarschaft war natürlich eingeladen. Sie kamen denn auch alle mit klingenden Schellen, wohlverpackt in Schlitten, die Jugend in froher Erwartung kommender Tanzfreuden, die alte» Herren in der Hoffnung auf einen ausgedehnten Whist, die Mütter mit prüfenden Blicken auf die stattliche Reihe der aus der nächsten Kävalleriegarnison eilige» !eibenen Tänzer. Im hübschen großen Saal spielte die Musik und begannen die ersten Paare.sich zu drehen, in den anstoßenden Zimmern hatten sich gerade einige Partien zusammengesunden, und die älteren Damen standen noch begrüßend int kleinen Salon der Hausfrau, als Graf Trauen eintraf in Begleitung der, kleine» Komtesse und der schönen Valois, welcher er einen Platz i» seinem Schlitten angeboten hatte. Man sagte, der alte Herr warte nur darauf, daß sich seine Tochter verheirate, um der Schönheit von Braunstadt Hand und Herz zu bieten. Wenigstens hatte sie einer Freundin gegenüber ihr Herz von der Sorge entlastet, dies könne geschehen und sie genötigt sein, einem liebenswürdigen, alten Manne einen Korb ztt erteilen, da sie sich doch nie entschließen werde, „ihre Freiheit einem Greise zu opfern"^ (Fortsetzung folgt.) LpaMgänge. Betrachtungen von O. R. (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl."). (Schluß.) III. Richt wieder mitgehen willst du? Weshalb nicht? Aha, ich rede dir zu ernst da draußen in der schönen Natur, ich will dich gar zu einem Pessimisten machen. Nein, dann haben wir uns doch beide nicht verstanden, und darum geh nur ja wieder mit, damit es klar wird zwischen uns.' Du nimmst mir das Denken übel. Aber das ist doch ganz erklärlich. Sieh mal, wir machen hier unsere Spaziergänge durch die Natur. Jawohl, sie ist schön. Aber wenn ich spazieren gehe, so wandere ich nicht nur durch die Natur. Nein, diese regt mich an, meinen Ausflug fortzusetzen in die Geisteswelt. Sie mal hier den scheußlichen Sumpf und dort die häßlichen Kröten! Das schreckt dich ab, nicht wahr? Und doch ist es gut so. Es muß auch etwas Häßliches! in der Welt geben, damit uns das Schöne um so lieber wird. Aber es gibt in der Natur schon Unsympathisches die Menge, so gibt es auch in der Geisteswelt manches, das dem Einzelnen zuin mindesten nicht sympathisch ist. Nur erkennt man es nicht so rasch und muß es darum erst sondern. Das geschieht aber nur durch einen freien Geist. Zu diesem aber muß sich jeder erst selber erziehen. Ich besaß ihn auch nicht gleich. Wenn ich früher allein spazieren ging, so beschäftigte ich mich mit Gedanken auch schon, aber damit „dachte" ich noch nicht. Mein eigenes Ich, meine persönlichen Erinnerungen, Urteile über mit nur verkehrende Personen u. dgl., so etwas war immer der Inhalt meiner Betrachtungen, die ich immer von meinem Standpunkt aus anstellte. Damit aber war., ich unfrei. Als mich dann mancherlei Unglück traf, wurden meine Gedanken zu Vergleichen abgelenkt. Damit aber sand ich den Weg hierher zur Betrachtung nicht von mei- nent persönlichen, sondern vom freien, wenn du willst, allgemeinen Standpunkt aus, und damich habe ich die Erkenntnis wahrer, abstrakter Schönheit gewonnen. Denn was wahr ist, wird nie ein Mensch finden können, aber. 163 jyas gut oder schön ist, das können wir beurteilen lernen, und daritt lernen wir auch nie aus. Aber wir gelangen damit auf die höchste für uns mögliche Kulturstufe. Sieh, du sagtest vorhin das böse Wort „Pessimist"? Bin ich's nun, oder bin ich ein Optimist? Man könnte ja auch behaupten, daß ich zwischen beiden stehe, aber dann läßt sich doch wieder darüber streiten, ob es solch Mittelding gibt. Ich wollte dir heute nur einmal zeigen, wie man frei wird und Ivie man die Freiheit benutzt, nämlich in: Denken. Das Denken aber bedingt das Handeln. IV. Es regnet freilich, aber der Hauptguß ist schon vorüber, und da hinten hellt es sich auch schon.mieder auf. Es wird nicht lange dauern, und dann haben wir wieder den allerschönsten Sonnenschein. Sieh, so denke ich auch immer, wenn mich mal wieder, wie es schon oft vorkam, irgend ein Unglück trifft. Eigentlich ist das falsch. (Sin Unglück konnte mich nur früher treffen, als ich noch rein Maschine und nicht „ich" war. Da hat es mich dann wohl auch umgeknickt und ich sprach dann von seelischen Leiden. Heute gibt es das für mich nicht mehr, denn meine Seele hat sich frei gemacht. Sie steht über den Neigungen und Leidenschaften und beherrscht diese, aber sie wird nicht von ihnen in Mitleidenschaft gezogen. Eine freie Seele kann auch nicht leiden, weil sie ganz rein ist und über Freuds und Leid steht. Darum kann nur die äußere Maschine mal irgendwo kollidieren. Das berührt aber mein „Ich" ja garnicht. Der freie Geist !veiß, eben weil er frei ist und sich von Stimmungen und Gefühlen nicht beherrschen läßt, daß das Leid und die Freude aufeinanderfolgen wie Tag und Nacht. Darum trifft er seine Maßnahmen, denen sich die Maschine fügen muß. Andererseits weiß er aber auch viel unnützes Leid zu verhüten, und solches Leid ist immer das gefährlichste. Die freie Seele zieht aus der Allgemeinheit Normen, nach denen sich ihr ganzer Mensch zu richten hat. Siehst du, ich sagte es, da scheint die Sonne wieder. So folgt eben auf das Leid die Freude. Manchmal regnets lange, 'manchmal nicht. Genau so ist es mit dem Leid. Aber du willst wissen, ob sich die freie Seele, da sie nicht leiden kann, auch nicht freut? Genau genommen, nein, denn Freude ist eine Gemütsstinnnung, und diese haben auf einen freien Geist keinen Einfluß. Es ist auch ein eigen Ding um die Freude. Manches wird doch so genannt, was eigentlich nur ein äußeres Genießen, etivas Sinnliches ist. Eine schönere Freude ist die reine, innerliche, und diese lehrt uns die freie Seele kennen. Wir leiden und freuen uns nicht mit dem freien Geist, sondern im Gemüt. Aber jener Geist hilft dem Gemüt, das Leid leichter zu überwinden, er vermindert dieses, während er die Freude vergrößert, so daß sie intensiver wirkt und länger andauert. Die falsche Freude scheidet er aus, die echte ist sein Erzeugnis. Jetzt hältst du mich gar für einen überschwenglichen Optimisten. O nein, du darfst nicht vergessen, daß ich neben dem Schönen auch das Gegenteil betrachte. Darum bin ich weit davon entfernt, mich als unfehlbar anzusehen und der Welt das Bild des Paradieses umzuhängen. Aber der freie Geist lehrt mich doch: „In deiner Brust sind deine Schicksalssterne". Dieser Wahrheit vertrauend, vertraue ich auch mir. Das ist eben die große Bedeutung der wahren Freiheit, daß sie uns das Schicksal, das wir in unserer Hand haben, die rechten Wege führen lehrt. Die jmge Mutter. Bon Seo Berthold. (Nachdruck verboten.) Tie Morgen sonne wirft ihre goldnen Strahlen in das behagliche Genrach, das erst seit wenigen Wochen das neue Glück birgt; der erstp Besuch ist bei der if,>wit Mutter, die ältere Freundin ist gekomineN und streichelt der jungen Frau die noch ■o blassen Wangen. Ruhig schläft das Kind in dem von Mousse- lin-Gardinen verhüllten Wagen . . . Die junge Mutter sieht so matt aus, die Hände so zart, sie fröstelt und schmiegt sich enger an das seidene Kissen. „Das ist lieb, Gabriele, daß Sie gekommen sind, ich hatte Sehnsucht nach Ihnen und durfte doch keinen Besuch haben, Sie Hauen sich so um- in meinem Tuskulum, alles verändert, nicht wahr? Goethe und Apoll verhängt, der Schreibtisch abgeräumt. Unser Doktor meinte, hier wäre es am ruhigsten; als ob das Kleine nicht überall schreien würde!" „So ein Störenfried ist da ins Haus gekommen?" lachte die schöne, stattliche Frau und strich mit der Rechten liebevoll über Evas blonden Scheitel. „Ach, vom ersten Augenblick an, den sie- da ist, schreit sie fast nnaufhörlich, sie mußte es sich hienieden wohl schöner gedacht haben —" die junge Mutter machte einen leichten Versuch, zu scherzen, — „und auch ich kann mich noch nicht zu einem srendigen Gefühl erheben, wissen Sie, Gabriele. Ihnen will ichs ja gestehen, in mir ist noch alles Groll gegen die Natur — . . . ich habe mich danach gesehnt. Sie zu sprechen!, Sie haben schon wiederholt Mutterglück erfahren, haben Sie cd1 sich auch so gransam erkämpfen müssen?" Frau Gabriele war ernst geworden, liebevoll umfaßte sie die blasse Freundin. „Meine gute, kleine Eva, können Sie es noch immer nicht vergessen? Hat sich das Dankgefühl gegen die gütige, spendende Natur, die Ihnen doch so gnädig war, noch nicht durchgerungen ?" „Tie Natur gnädig?" Frau Eva rief's fast heftig und erhob sich aus ihren Kissen. Tie abgemagcrten Finger rissen nervös an einem feinen Tuche. „Wie hasse ich diese unbarmherzige, harte, grausame Natur, die so martern kann, ein gewaltiger Titan ist sie, der uns schwache Menschen mit Riesenkräften bezwingt, ja ... das ist ewig so gewesen und wird so bleiben. . . mir ists noch immer, als Li<.ete ihr grenzenlos schwerer Truck auf mir, — ich habe — mich noch nicht zur Freude durchringen können . . ." Lebhafte Röte bedeckte jetzt die abgezehrten Wangen, die Augen 'schlossen sich einen Augenblick. Frau Gabriele saß, wie gebeugt, nebeuau nnf dem Fauteuil, die Hände lagen matt im Scl-oß, große, schwere Tränen tropften langsam die Wangen herab. „Armes Kind", sprach sie endlich mit müder Stimme . . . „Sie nennen die Natur grausam«, die da gibt . . . ach, Eva, in welchem schrecklichen Irrtum sind Sie besangen! Nein, nein, glauben Sie mir, dann ist die Allgewaltige gütig, milde, barmherzig, ja so segensreich, wenn man auch unter Qualen ihre Gaben empfängt, daß man kniend Tank spenden muß. Mitleidlos, grausam, unerbittlich ist sie nur, wenn sie nimmt, wenn sie vom warmen Herzen gnadenlos reißt, was sie erst vor kurzer Zeit daran geborgen, wenn sie duldet, daß ein junges-, zartes Leben, von dessen Eintritt in die Welt man erst fein ganzes, volles Gluck erhofft, weggerafft wird, ehe die Knospe zur Blüte wird, wenn die Kinderaugen, die einen Himmel von Glück versprachen, gebrochen — im Tode — sind." „Wie kann die Sonne wieder aufgeheu", schrie ich damals int ersten, wilden SchmeM, „wenn solch ein Kummer das Kutterherz bricht? Keine Religion, kein Trost, keine Liebe half, ich bäumte mich auf int Schmerz, als mir nach einander zwei Lieblinge entrissen wurden, bis der beste Engel des Menschen, die lindernde Zeit, ihren Balsam brachte. Ja, Balsam und neuen Lebensmut, aber keinen- Ersatz, wie oft ich auch die Hände betend zum Höchsten gehobelt--Eva, versündigen Sie sich ntcht! Tas rechte Muttergefühl ist Ihnen twch nicht aufgegangen, sonst hätten Sie nicht so sprechen können, — nein, besser zehnmal dte Arm-e öffnen und immer wieder das schwer erkaufte Glück aus Herz nehmen, als auch nur eines dahin geben müssen! ... - Sie weinte leise und schmerzlich- — Eva ergriff bewegt die Hand der Freundin und drückte fte „Verzeihen Sie mir, Gabriele", sagte sie leise, „daß ich an diese wehklin.gende Saite gerührt habe . . . ach, Sie sind viel besser als ich, wie konnte ich nur so töricht empfinden, so tmdankbar und selbstsüchtig!" Hinter den weißen Mousselingardüten regte es sich, .... leises Weinen ward hörbar, . . . kleine rosige Händchen fuchtelten, nachdem Frau Gabriele die Gardinen zurückgeschoben, in der Luft herum. „Rosi will zu ihrer Mutter", sagte die schöne Frau und nahm das And aus dem weißen, warmen Böttchern 164 „Geben Sie mir mein Kind!" bat Eva und streckte die Arme üus . . . „sehen Sie doch, Gabriele, wie es lacht ... ja ganz gewiß das erste Lächeln ists ... das gilt Ihnen; o, sie ist klug, sie weiß, ivas sie Ihnen zu danken hat, tveil Sie mir eine wahre treue Freundin sind . . ." Tie junge Frau sprach so erregt, so laut . . . das Kleine! verzog wieder das Mäulchen und sing zu weinen an. Tie Amme wurde gerufen, da ward es ruhig. „Und nun bin ich wieder neidisch", klagte Eva mit wehmütigem Lächeln, und sah auf die kleine Gruppe, die da neben ihrem Diwan saß ... auf die wohlgenährte, geputzte Amme, die den» kleinen Geschöpfe Labung gab . . . „schelten Sie mich, Gabriele, ich sehe es ein, ich bin ein unzufriedenes Geschöpf. . . ." „Und doch eine glückliche Mutter, Eva, ich sehe es ja Ihren Augen an, die strafen Jhre_ Worte Lügen. Adieu, kleine Frau, Gott behüte Ihnen das süße Kind!" Leise war sie hinausgeschlüpft _. . . nun war es eine Weile ganz still im Zimmer .... Das kleine war wieder eingeschlafen', lag auf dem Schoß der jungen Mutter, die es unverwandt betrachtete . . . Andere Empfindungen erfüllten jetzt ihr Herz, reinere, selbstlosere . . . heiße Gebete um Erhaltung des zarten Geschöpfchens . . Dann legte sie es selbst in die Kissen zurück und sang ihm leise ein Wiegenlied. VermitzHLss« C. K. Theater auf hoher See. Aus Newyork tvird berichtet: Ter bekannte amerikanische Theaterimpresario Charles Frohmann hat jetzt die Reise nach London angetreten, wo er ein halbes Jahr Aufenthalt nehmen wird, um seine Pläne, die in einer Annäherung und einem regen Gastspielaustausch der englischen und der samerikanischen Bühnen gipfeln. Stach seiner Anschauung ist die Stagnation, der infolge der Finauzkrise die Bühne ausgesetzt ist, überwunden und hat einer raschen Erholung Platz gegeben. An seiner Lieblingsidee, der Errichtung von Theatervorstellungen auf den großen transatlantischen Dampfern, hält Jrohmann durchaus fest. „Die neuen Gunar-Dampfer, die „Lusitania" und die „Mauretania" sind ja ganze schwimmende Städte und wenn man Zeitungen an Bord hat, Konzerte, Turnsäle, türkische Bäder, tvarum keine Theater? Ter Tag ist näher dls die meisten glauben.". * Die Burschenzigarre. Leutnant Z. hat einen Burschen polnischer Nationalität, der sich sehr für die Zigarrenkiste seines Herrn bezw. deren Inhalt interessiert. Um aber den „Abgang" nicht allzu offensichtlich zu machen, füllt er eines Tages die Lücken mit seiner eigenen Marke höchst gemeingefährlicher Qualität. Ter Leutnant kommt am Abend nach Hans, greift in die Kiste und faßt zufällig eine der „Havannas". Gleich nach dem ersten Zug tanzt er unter Krampfanfällen durchs Zimmer. „Stans, du Himmelhund, was hast du da gemacht?!!" Maßlos verwundert betrachtet Stans den Leidenden, dann bricht er grinsend in die Worte aus: „Paue Leitnaut bist du doch serr ein verfluchter Kerl, daß du host gemerkt Unterschidd zwischen Zigarren meiniges und Zigarren deiniges . . ." * Der Journalist. B or einiger Zeit gedachte im sächs. Landtage ein Richter, der sich für einen Staatsmann hält, weil er zufällig einen Sitz im Parlament hat, die Journalisten sehr von oben herab abzutun, wobei er allerdings recht kläglich abschnitt. Einen ähnlichen Vorfall, der sich im italienischen Parlament zugetragen hat, nimmt der Journalist Cautalupi zum Anlaß, um im „Mattino" einen Vergleich zwischen Journalisten und Ministern zu ziehen, einen Vergleich, der durchaus zugunsten der Journalisten aussüllt. „Ter Journalist", schreibt er, „muß alles allein machen, sich auf alles allein vorbereiten: Nicht immer kann er, wenn er einen Artikel hinwirft, sich einschließen und in der Stille seines Arbeitszimmers dickleibige Bücher zu Rate ziehen'. Gar manchmal hat der Vielgeplagte für seinen Artikel nur ein halbes oder gar nur ein Viertel- ftündchen Zeit und -ein Tifcheckcheu Raum-: in einem Zimmer, in dem es wie in einem Bienenkörbe zugeht, soll er die tiefgründigsten Sachen ersinnen. Und das ist nicht nur einmal so, sondern fast jeden Tag: wenn er die Schwierigkeiten nicht überwinden kann, wirft ihn das Publikum bald beiseite, und wenn er dem Publikum gefällt, kommen die lieben Gegner, die geistig und moralisch weniger stark sind, und suchen ihn durch allerhand Anzettelungen zu verdrängen. Ein Minister dagegen kann die größten Dummheiten machen — es schadet ihm nichts, denn. die Kollegen decken ihn, uni) die „Allgemeine Lage" rettet ihn. Selten aber findet man ausgesprochene Dummheit bei einem Abgeordneten oder bei einem Minister, der früher Journalist gewesen ist. Wir wollen keine Beispiele anführen, um nicht böses Blut zu machen; wir wollen nur darauf Hinweisen, daß gegenwärtig in Frankreich im Kabinett Clemeuceau nicht weniger als . sieben ehemalige Journalisten sitzen, und wenn dieses Ministerium auch manche Tummheit begangen haben mag, so wird es doch keiner ein Ministerium der Schwachköpfe zu nennen wagen. MaN könnte übrigens mit Leichtigkeit den Beweis dafür antreteiL daß die aus dem Journalistenstande hervorgegangenen Minister; Botschafter und ©outi erneute mehr Energie, Umsicht und Lebens- klugheit an den Tag gelegt haben, als die meisten der sogenannten geborenen Minister." Literarisches. — Bei Alfred Krönet in' Leipzig erschien David Friedrich Strauß als Denker und Erzieher. Von Dr. Adolph K o h u t. Preis 3 Mk. Der Verfasser will Strauß als Denker' und Erzieher dem Bewußtsein der Gegenwart näher bringen; indem er auf Grund der Schriften, Briefe und sonstigen inert* vollen und zuverlässigen Materials von und über Strauß beit Nachweis erbringt, daß Strauß einer der vielseitigsten uM umfassendsten Genien des deutschen Volkes im 19. Jahrhundert war. Wir lernen Strauß in seinen eigenen Worten als Bibel- kritiker, Religionsphilosophen, Ethiker, Aesthetiker, Naturforscher; Geschichtsschteiber, Biographen, politischen Publizisten und als Dichter kennen. Für die Hausfrau. Wie kann man Fleisch ersparen? 226 erprobte Rezepte zu nahrhaften und schmackhaften Mittagsgerichten ohne Fleisch. Von Wanda Moser-Friedrich. Preis in Originaleinband 1 Mk. -Konrad Grethlems Verlag in Leipzig. — In der jetzigen, teuren Zeit bringt die Beköstigung einer Familie die Hausfrau gar ost in Verlegenheit, sie muß rechnen, und trotzdem wird nichts mehr erspart! Wieviel verbraucht man allein an Fleisch int Jahre! T a s g l e ich e Q u a n t u m F le is H fü r e i n e sechsköpfige Familie k o st e t jetzt 120 M k. mehr jährlich als noch vor vier Jahren! Muß bentt aber alle Tage Fleisch auf den Tisch kommen? Nein! Wir essen zu viel Fleisch! 25 bis 40 Proz. mehr als andere Nationen, doppelt so viel als vor 30 bis 40 Jahren!! Man braucht kein Vegetarier zu sein; aber man kann wöchentlich 2 bis 3 mal Gerichte ohne Fleisch auf beit Tisch bringen. Unsere Hausfrauen wissen gar nicht; wie prächtige, schmackhafte und nahrhafte Gerichte sich ganz ohne' Fleisch Herstellen lassen, sie haben kaum eine Ahnung, wie mannigfach Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Mehlspeisen, Gemüse usw. zubereiten lassen, ohne und sogar mit Fleischgeschmack, babei durchaus wohlfeil, kräftig, leichtverbaulich! Dieses Bändchen wird Hausfrauen nach dieser Richtung hin ein trefflicher Ratgeber fein.; Schon bie Einleitungskapitel geben bie Ueberzeugung, baß mast bei seiner Ernährung, wenn man es richtig anfängt, beträchtlich sparen nnb seine Gesunbheit fördern kann. Das Buch ist jeder Hausfrau zu empfehlen, bie bie Ihrigen nichts entbehren lassen und boch auch sparen will. Die Stationen des Lebens. Das Leben ist nur eine Wintertagsreise, Hier irnhstückt „Mancher" bloß nnb damit fort. Viele „Andere" bleiben mittags dort, Und reifen, rvohlgesüllt mit Trank und Speise, Erst mied er ab. Das Alter bleibt zum Abendessen Und nimmt das Nachtquartier. Groß ist bie Rechnung dessen, Ter eilten vollen Tag hier verweilt Und bleibt zu allen Mahlen. Wer zeitig stirbt, hat wenig zu bezahlen! Goldene Worte. Daß wir Deutschen ein gebildetes Seelenleben, ein tiefstes Naturverständnis tuiD ein Gemüt besitzen, in welchem sich Geschichte und Religion einen Geistesblick gebildet haben, verdanken wir den leicht gelösten Seelen, der Liebe und Zärtlichkeit unserer Mütter, bie sich aus Herzensgewohnheiten und Herzensenergien ein Werktagsgemüt erziehen. Bogltmil Goltz. Rätsel. Die erste Silbe ist bekannt Als Fluß seit allen Zeiten; Sein Laut durchströmt ein fruchtbar Land In tieblichen Gebreiten. Die zwei und drei ist Küchenleid, Verhaßt in Vorratsschinken. Denn, der's nicht merkt zu rechter Zeit, Wird bie Versäumnis kränken. Das Ganze aber wirb begehrt Von Frauen und von Männern. Bei Gigerln ist es hoch geehrt Und Toilettenkennern. A. A m m a n n. Auslösung in nächster Rümmer. Auslösung des Rätsels tit voriger Nummer: Vatermörder. Redaktion: P. Wittko. — Notationsdrnck und Verlag der Brühl'schen Universitäls-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen«