M8 Ü» W M t I KelwuLß von Lmrsen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. ^Nachdruck verboten.) sFortsetzung.) XIII. z „Liebster," sagte Edeltraut zum Bruder, sonne die Hufschläge Fra Tiavolos im Torweg verhallt waren, „bist du nun froh? Bist du nun glücklich? —" sie lehnte den KVpf an seine Schulter, und da er bejahte, fuhr sie fort: „Und er kommt wieder. Er hat es mir versprochen. Er liebt dich auch wirklich. Ich gebe ihn, also einen Ehrenplatz in meinem Herzen und erkläre ihn für einen Menschen, der deiner würdig ist. Nie im Leben hätte ich gedacht, daß ein Haudegen von Kürassier-Rittmeister so sein könnte! — Und nun, nachdem ich sein Lob gesungen, sage ich dir „Adieu" rind gehe ins Pastorat, um wegen der Webers und ihrer Ziege mit dem Pastor zu sprechen. Die Ziege ersetzen wir doch, Wilhelm-, wie? — Antwort ist nicht nötig. Arif Wiedersehen." Damit ging sie von dannen und mit beflügelten Schritten durch den Garten den Wicfenweg entlang, auf dem sie schon morgens in die Kirche gegangen waren. Die Pfarre lag in einiger Entfernung von der Kirche und war ein freundliches Haus, neben dessen Türe zwei junge Linden grünten. Stall und Scheune gehörten dazu, denn mit der Stelle war eine kleine Landwirtschaft verbunden, die es gestattete, zwei Mhe und einiges Kleinvieh zu halten. Hinter der Pfarre lag ein ziemlich großer Gemüsegarten, in welchem die Tochter des Pastors neben den Salat-und Bohnenbeeteu allerlei Blumen und Stauden pflegten, und in welchem jetzt die gelben Narzissen und, die an- nmtigen, rotfarbenen Zweige der fliegenden Herzen die schmalen Blumenrabatten füllten. Der Pastor fast in seiner völlig schmucklosen, fast düsteren Studicrstube, welche sich zu ebener Erde, links vom ziegelgc- pflasterten Hausgang, befand. Dies Zimmer kontrastierte sehr mit dem einladenden Aeußevu und der ländlichen Umgebung des Hauses. Es war grau getüncht und Decke sowie die Frustergardiucn durch Pseifenrauch gebräunt. Kalter Rauchgeruch lag denn auch in der Luft. An einer Wand befand sich ein« hohe Bücherstellagc, daneben ein Pfeifentstch. Ter alte, schwarze Schreibtisch stand am Fenster, an der Hauptwand, den Fenster,! gegenüber, ein mit schwarzem Leder bezogenes Sofa, davor, ein runder Tisch mit Wachstuchdeckc. Ueber dem Äfa hing an der Wand ein Stahlstich der Grablegung inti> darunter vier größere Photographien in altmodischen runden, schwarzen Rahmen. Ti- mittelste, welche die verstorbene Pastorin darstellte, war von einem Jmmortellcnkranz nmgeoen. Darüber hing die Plwtographie des Sohnes und rechts und lmrs die Bilder der Töchter, alle noch im Kindesalter und mehr oder minder vergilbt irnd unschön. Unter der Photographie der Mutter stak noch ein Nagel in der Wand, als warte der Platz (Ulf em Bild, ober, wie man nach der etwas, abgescheuerten Tünche fast annehmen konnte, als sei hier ein Bild entfernt worden. Beim Eintritt des Gntsfräuleins, dem bescheidenes Pochen voraugegangen ivar, wandte der am Schreibtisch Sitzende ein wenig den Mops und rieb sich mit der mageren Hand die Stirn. „Ach, Fräulein Cdeltraut," sagte er dann und versuchte Mi lächeln, doch es blieb bei dem kläglichen Versuch. Er schob seinen Armstuhl zurück und wollte aufstehen, sie aber eilt- auf ihn zu undregte ihm beide Hände mit kräftigem Truck auf die Schultern. „Sitzen bleiben, lieber Herr Pastor, bitte! Sie wissen, ich find- mein Plätzchen!" Damit zog sie sich einen Stuhl mit strohgeslochtcnem Sitz herbei und setzte sich schnell neben den Schreibtisch» so daß, sie ihn gerade ansah. Er ergab sich und blieb sitzen, wobei er die großen Kirchenbücher, in denen er geschrieben, zurückfchob. Sein schwarzer Rock hing ihm faltig um Ibiie erschreckend abgemagertc, sehr lange Gestalt, als sei derselbe in Zeiten verfertigt, da sich sein Besitzer noch normaler Körperbefchafsenheit erfreute. Das Gesicht hatte eine kränkliche, gelbe Farbe und einen unendlich vergrämten Ausdruck. „Sie wünschen, liebe Edeltraut?" fragte er unsicher. „Wenn ich Sie nicht zu sehr störe, Herr Pastor, möchte ich bei Ihnen ein gutes Wort einlegen für die Familie des Korbflechters Weber. Ter Mann ist fast arbeitsunfähig und sehr arm, und sie haben llnglück gehabt mit ihrer Ziege. Nun sind Wilhelm und ich bereit, ihnen eine neue Ziege zu schenken, und ich wollte ansragen, ob Sie nicht Gnade vor Recht ergehen lassen wollen und ihnen ivicdcr die Benutzung des Pfarrgrabens und der Raine überlassen." Tas von d-r frischen Mädchenstimme so klar und fließend Vorgetragene kam dem armen Mann alles viel zu schnell und verwirrte ihn. Er sah die Sprecherin verständnislos an und schien seine Gedanken aus weiten Fernen zusawmensuchcn zu müssen. Er machte dabei nicht den Eindruck des zerstreuten Stubengelehrten, sondern eines Mannes, den das Grübeln über per- söulichcm Mißgeschick gefangen halt. „Ja? —" sagte er nur fragend. „Ich spreche von den Webers, Herr Pastor." „Ganz recht. Christian Weh«, Häusler und Korbflechter —" er strich sich mechanisch das glattrasierte Kinn, während sei« Blick wie in hoffnungslosem Verwundern umher glitt. „Der zweite Junge, Christel, behauptet, und di- Mutter stimmte dem bei. Sie hätten ihnen die W-idegcrcchtigk-it wieder entzogen!" „Ich! —" sagte der Pastor bestürzt — „ich weiß nicht. . < doch ja, ja, es wird schon so sein —" er rieb sich die Stint —’ „da war so eine Geschichte. . „Tie Ziege soll infolgedessen kürzlich an Futtermangel cm« gegangen sein. Inwiefern das wahr ist, kann ich nicht sagen, gewiß ist, daß die Leute arm sind und die Ziege recht nötig hatten." „Hm, hm. Ja so. Fräulein Edeltrant, ich muß meinest Sohn darum befragen . . „Ganz recht. Der scheint mir bei dem Strafgericht der ausübende Teil gewesen zu sein." „Mir kommt jetzt die Erinnerung," sagte der alte Man» bekümmert, „Gotthard überzeugte mich, daß ich strafen müßte. Die Jungen hatten ja gestohlen." 94 „Sollen wir das wirklich so hart benennen, Herr Pastor? — Torfbuben, die mit Steinen nach Aepseln werfen, und Mause, die Speck naschen, wird es wohl geben, so lange die Welt steht. Mir scheint, Gotthard bemaß die Strafe doch zu hoch." „Mag sein, mag sein. Er ist jung und strengdenkend." „Und dann," fuhr sie fort, „scheint mir, das; der Schlag daneben ging. Tie beiden Delinquenten gingen frei aus, die Strafe traf Unschuldige, nämlich die kranke Mutter, der die Ziegenmilch wohltätig ist, und das kleinste Kind." Ter Pastor seufzte tief. „Tas tut mir herzlich leid. Ja, ich ,mißte mich mehr herans- reistcn aus diesen trüben Gedanken — aus diesem Vermissen —" er sah sich wie suchend im Zimmer um — „ich will es ja nicht. Ich will intim- an die teure Heimgegangene nur denken, als selig und erlöst Von irdischem Leid, und dankbar sein . . . aber ich entbehre die Lebensgefährtin so schmerzlich — ich vergesse darüber meine Pflichten —" „Lieber Herr Pastor!" sagte sie leise und streichelte freundlich seine Hand, „ich kann das doch so verstehen. Wenn ich mir jetzt dächte — Wilhelm ---" ihre Stimme wurde rauh, schon der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Ter alte Mann sah vor sich hin und schüttelte den Kops. „Menn cs bei mir nur dabei bliebe . . . aber nun kommen gleich die grauen Gvübelgeister und spinnen mich ein, Ivie, in einen Nebel, daraus kein Ausweg ist. Tiefe Fragen! Diese Zweifel! Ties fruchtlose, ewige Warum? — Warum ist alles so gekommen? Warum ist mein Haus verödet und ich ein alter, siecher Mann? Wie es alles so gekommen ist, weist ich ja, und denke ihm doch immer wieder nach und versuche mich in Gottes Ratselwege zu finden, und versuche zur Klarheit darüber än kommen, warum es so sein mustte. Und das läßt mich nicht los, und je mehr ich ringe, frei ztl werden von den quälenden Zweifeln und der Bitterkeit, desto mehr verdichten sich die Nebel." Er sprach bereits ganz zu sich selbst, in fast murmelndem Ton, schaute dann auf uno besann sich. „Richtig. Tie Webers. Sie sollen die Weide wieder haben, gewiß, Fräulein (SMtraut. Nichts liegt mir ferner wie Strenge. Woher sollte ich auch das Recht dazu nehmen? Nein, ich habe kein Recht dazu. Und doch — weshalb darf ich es nicht haben? Warum? Was tat ich ....? — Sie sagten vorhin: die Strafe trifft Unschuldige. Ist das nicht oft so und warum?" — cs lag wieder rührende Hilslvsigkeit in dem Blick, mit welchem er, der Seelsorger, seinen jungen Gast, sein Beichtkind ansah. „Wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten, aber hierin, meine ich, werden wir nicht um unserer eigenen Schuld willen gestraft, sondern müssen die Folgen fremder Sünde tragen, und diese Folgen reihten sich, Ring an Ring schließend, zur Kette. Was tat ich, daß mir die treusorgende Hausfrau genommen ward? — Was hat meine Tochter Frieda verbrochen, dast sie um ihr Lebensglück kam, und nicht die Gattin ihres Verlobten werden durste? — Womit hat mein Sohn vor anderen es verdient, daß ein Schatten über seinem jungen Leben liegt, wie eine hemmende Bürde? Aber lassen wir das, lassen wir das. Sie werden meine Trübseligkeit satt haben, liebe Edeltraut." „Ich will Sie nicht weiter in Ihrer Arbeit stören," sagte sie freundlich, „und gehe Frieda aufsuchen." „Gotthard ist heute auch hier," begann der Pastor etwas unsicher, „wollen Sie mit ihm noch über die Weide sprechen . . . Sie werden ihn überzeugen. . ." Fast mitleidig sah sie ihn an. „Tie Weide zu vergeben steht Ihnen zu, Herr Pastor, nicht ihm . . . aber schließlich ist es auch hart, sie den Rentschels wieder zu nehmen. Ter Mann braucht es auch recht, sehr . . . vielleicht 'rede ich noch mit Wilhelm darüber . . . es findet sich wohl schon ein Fleck, wo eine Ziege ihre Nahrung suchen kann —" Sie sah, dost er erleichtert aufatmete, und verließ rasch das Zimmer. In der Küche schälte die Magd Kartoffeln. Ter ganze Raum, in welchen die Nachmittagssonne durch hell geputzte Fenster schien, blitzte von Sauberkeit. Eine in den Garten führende Türe stand offen und neben dieser Türe, angesichts der frischbepflanzten Gemüsebeete und der grünenden Stachelbeersträucher, stand eine breite, grüne Holzbank. Hier saß die Pastorstochter und besserte Wäsche aus, wobei sie tuanchen Blick auf die Reihen hellgrüner Salatpflänzchen warf und auf die jungen Erbsen und Bohnen, die schon ansingen, ein feines Fingerchen an die Stangen zu haken. „Tn bist cs?" sagte sie erfreut und machte Platz, auf der Bank. .Edeltraut fejjfe sich neben sie. „Ja, ich bin cs'. Bei euch ist alles viel weiter als bei uns." „TaS macht die sonnige Lage," versetzte die andere bedächtig und lächelte freundlich, ohne sich in ihrer Arbeit stören zu lassen und ohne zu bemerken, dast sie prüfend angesehen wurde, denn Edellraut hatte noch die Morte des bekümmerten Vaters im Sinn. Es war an dem etwa dreißigjährigen, verblühten Mädchen nicht viel zu sehen. Sie sah gesund und ruhig ans, hatte ein etwas breites Alltagsgesicht, glatt gescheiteltes,' blondes Haar und gute Augen, aus denen Gefälligkeit und Bescheidenheit, aber auch eine stille Resignation sprachen. Sie trug ein graues Kleid mit schwarzer Borte um Hals und Aermel und eine schwarze Brosche. Dazu eine blendend weiße Latzschürze. Cdeltraut hob den Zipfel derselben auf. „Jetzt ist es Abend und lvie sieht sie noch aus! Weshalb trägst du Schürzen, tvenn nie ein Fleck drauf kommt? Ta sind sie ja überflüssig." „Drolliger Gedanke," sagte die andere und streichelte die rosige Wange des jungen Mädchens. „Wie geht es Herrn von Haide?" „Oh, danke, gut. Wir hatUu heute den ihn sehr beglückenden Besuch des Rittmeisters von Loysen. Kannst du dich auf den besinnen? Er war früher oft hier." Tie schüttelte den KVpf. „Julchen sagte, es sei ein svemtev Herr mit euch im Kirchenstuhl gewesen. Also das war Herr von Loysen? Nein, ich kann mich nicht auf ihn besinnen, denn ich habe ihn früher nie gesehen." „Er ist ein Bruder van der Bardesschen Recknih." „Ja so. Ja so. Tn hast mir nie von ihm gesprochen." „Das ist sehr möglich. Ich habe ihn eigentlich auch jetzt erst kennen gelernt. Genug, Wilhelm- liebt ihn — er ist ihm nächst mir —" Edeltraut schluckte, „gewiß der liebste Mensch aus der Welt, und da das so ist" — sie sprach entschlossen, mit zusamimengebissenen Zähnen — „so bleibt mir, soll ich nicht tod- unglücklich werden, eben nichts übrig, wie ihn. auch zu lieben, und ich denke, es soll gehen!" „Lieben?" — wiederholte die Pastorstochter erschreckt, „diesen Herrn?" „Jawohl. Wenn cs Wilhelm beglückt, so wird es mir möglich sein." „Aber Kind! Liebe Edel! Dn wolltest jemand nur deinem Bruder zu liebe heiraten?" ,,Heiraten!" — schrie Ebeltraut auf, „heiraten!!" — sic saß ganz fassungslos, dann griff sie mit beiden Händen an die Banklehne und bog den Oberkörper zurück, ihre großen, klaren Augen wurden schwarz vor Schreck -- doch im nächsten Moment faßte sie sich mit einem Ruck, ließ die Hände schlaif herabfallen und sagte ganz ruhig, fast bedauernd: „Ich glaube, du bist wahnsinnig." „Bitte, bitte," verwahrte sich die andere, herzlich lachend, „ich habe meine Sinne noch beisammen." „Frieda! Wie konntest du mich nur so mißverstehen!" (Fortfepung folgt.) MrdeW Krauen. Bon Ann hWothe (Leipzig). Nachdruck verboten. Würdelose Frauen hat es stets- gegeben, und sie werden auch nie aussterbeu, aber „die Moderne" zeitigt jetzt noch eine ganz besondere Spezies von Würdelosigkeit, gegen die inan gar nicht genug zu Felde ziehen kann. Ich meine das S ch w ä r men der F r a u e n !v c l t für die K ü n st - ler und die Art, wie man diese „Schwärmerei", um keinen härteren Ausdruck zu gebrauchen, betätigt. Niemand wird der Fran eine ernsthafte, spontane Begeisterung, die der Kunst und auch dem ausübenden Künstler gilt, übel deuten. Man wird verstehen und begreifen, oaß gewaltige dichterische Heldengestalten, in die sich der darstellende Künstler hineinlebt, auch einen gewissen Abglanz auf seine Person lvirft, man wird ihn immer von einem gewissen Nimbus umgeben betrachten, aber es ist gewiß nicht nötig, daß Frauen würdebar sich diesen Helden bedingungslos unterwerfen. Wenn die Frauen wüßten, wie der ernste, echte Künstler verächtlich die Achseln über die Weiber zuckt, die ihn verhimmeln, sie würden Vor Scham in die Erde sinken. Begeistert euch, so viel ihr wollt, für die Künstler und zeigt ihnen euren Beifall im Theater, im Konzert, wo der Platz dafiir ist, je nach eurem Empfinden, aber lern t die Person von dem Künstler trennen. Ist es 95 nicht geradezu empörend, daß sonst ganz ordentliche Frauen und Mütter sich berufen fühlen, irgend Einem, der ihnen auf der Buhne gefallen hat, gleich einen Brief zu schreiben, in dem er als erster Stern ain Kunsthimmel gepriesen wird? Das heißt nicht nur sich wegwerfeu, sondern auch die Eitelkeit in dem Künstler großziehen, dieses gefährliche Kraut, das so wie so schon reichlich in jeder Küustler- seele wuchert. Und nun erst gar bedeutenderen Künstlern gegenüber? Da gibt es Lobhudeleien der schlimmsten Sorte. Geschenke, Blumen, Liebesbriefe, Klagen über den Matten, tiber ein verfehltes Leben, einen Schrei der Sehnsucht nach „Verständnis" und anderen ähnlichen „Kbh!" mehr. Die besseren unter den Künstlern wissen genau, was sie davon zu halten haben, sie zünden sich im höchsten Falle eine Zigarre mit den blödsinnigen Briefen an. Es gibt aber auch genug Leichtfertige, die aus geschmeichelter Eitelkeit oder ans Lust an Wenteuern sich kein Gewissen daraus machen, mit der Fran, die sie ja förmlich dazu zwingt, ein leichtfertiges Liebesverhältnis anzuknüpfen, das für den Künstler kaum ein Gedanke, für die Frau und für die Familie aber ost ein Schrecken ohne Ende, oft Schmach und Schande ist. Ich bin iveit davon entfernt, mich aufs Moralisieren zu legen. Was jede Frau tut, muß sie mit ihrem eigenen Gewissen abmachen. Wenn sie sich nicht vor sich selber schämt und das Würdelose ihres Benehmens einsieht, so wird ihr auch wohl niemand diese Würde beibringen können. Eins aber können ivir, nämlich verhindern, daß die künftige Generation die gleiche Bahn wandelt. Auf dem Wege dazu ist leider unsere heutige Jugend. Ich gönne der Jugend gewiß jede Freude, auch jede harmlose Schwärmerei. Mag der Backfisch, die hercm- ölühende Jungfrau nun für ihren Klavierlehrer, für einen Theaterhelden oder für die Primadonna schwärmen. So lange die Schwärmerei aus glücksfrohem, kindlichem Herzen kommt, so lange sie nur eine edle Begeisterung für alles Schöne, Große, Hohe und Erhabene ist, hat dieses Schwärmen sogar etwas Rührendes, etwas Heiliges, Wehe aber, wenn diese Schwärmerei Auswüchse zeitigt. Da stehen die jungen Mädchen und warten auf — nein, ich will lieber nicht sagen, auf wen alles gewartet wird — und sind glücklich, wenn ein hochmütiges Lächeln des Künstlers sie grüßend streift. Das Entwürdigende, das für die'jungen Dinger, von denen sich vielleicht viele der Tragweite ihres Benehmens gar nicht bewußt sind, in diesem Warten liegt, scheint keine zu empfinden. Das ist aber im Verhältnis noch harmlos zu dem Unfug, der mit den Bildern und Autographen der Künstler getrieben wird. Mit der Schulmappe im Arm dringen junge Geschöpfe in die Wohnungen der Schauspieler und betteln, daß der Künstler seinen Namen auf die Photographie schreibt, die sie sich von ihrem saner ersparten Taschengelde gekauft haben. Auch Blumen werden gekauft und den Künstlern ins ■ Haus gesandt oder auf die Türschwelle gelegt. Der neueste Sport der Backfische ist, Visitenkarten der Künstler von den Türen der Wohnungen zn reißen, um sie gewissermaßen als Siegestrdphäen den Gespielinnen zu zeigen. Ist «in solches albernes und doch auch wieder schamloses Gebaren eines deutschen Mädchens würdig? Zur Ehre der jungen Mädchen will ich annehmen, daß sie keine Ahnung haben, in welche Gefahr, in welchen Ruf und in welche Verlegenheiten sie sich durch ihre sog. „Kunstschwärmereien" bringen, aber die Eltern, die einen solchen unerhörten Unfug dulden, die legen so den Keim in die Kindesseele, daß die Backfische von heute einst pflicht- vergesseue und unglückliche Frauen werden. Man erinnert sich noch der Episode vor einer Reihe von Jahren in Dresden, wo die Töchter angesehener Eltern und zahlreiche Amerikanerinnen einem Sänger, der früher in Leipzig einige Jahre gewirkt hatte, die Pferde aus- spanntcn und ihn im Triumph nach Hause fuhren, bis an die Knie mit den weißen Kleidern im Straßenschmutz versinkend. Es ist traurig genug, ivenn erwachsene Mädchen und reife Frauen den sog. Künstlerraptus haben und mit Hintansetzung aller Würde glauben, sich Künstlern iiud^Mnst- lerinnen aufdrängcn zu müssen, wenn aher die Jugend, die ganze herrliche, schölle, hoffnungsfrohe Jugend, der Jungfrau schönsten Sch,nuck, die Schamhaftigkeit, beiseite wirst und blindlings in ihr Verderben rennt, dann muß man dagegen einschreiten. Darum braucht man seinen Kindern nicht den Enthnsiasinus für die Kunst und für die Künstler zu nehmen. Laßt die Jugend schwärmen, so viel sie will, Und nehmt Anteil daran, aber dem Unfug, der sich um die Person des Künstlers rankt, muß ment mit aller Energie entgegentreten. Die Künstler werden nicht darunter leiden. Jin Gegenteil, sie werden frei anfatmen und noch immer Gelegenheit genug haben, Bewunderung und Anbetung, wenn auch in anderer Form, entgegen zu nehmen. Wir aber, wir werde,l in unseren Kindern echte deutsche Mädchen erziehen, mit freiem Blick für das Schöne und Große, ohne krankhafte Sentimentalität und hysterische Schwärmerei. Wir werden Mädchen erziehen, die niemals bas werden können, was leider so viele sogenannte Kunstentyusiastinueu sind: Würdelose Frauen. Der Zar mutz Zahlen... In der „Revue" setzt ein in russische Hofverhältnisse Eingeweihter, der sich unter den Initialen eines Fürsten S R. G. verbirgt, feine Mitteilungen aus der Umgebung des Zaren fort, und er erzählt dabei einen Vorfall, der charakteristisch ist sowohl für die Gerechtigkeitsliebe! des Zaren, wie für die Art, in der Witte mit seinem Herrn zu verkehren wußte. In Paris lebte ein junger Russe, ein Fürst Kolschubey, der seine Lebensfreude mit feinen Einnahmen durchaus nicht in Einklang zu bringen tvußtel und Schulden über Schulden machte. Eines Tages wurde bekannt, daß dieser junge Fürst, dessen Kredit allgemach auf den Nullpunkt gesunken war, vor einer glänzenden Heirat stehe: er würde ein naher Verwandter des Zaren werden. Und in der Tat, bald darauf führte er die! Tochter des Herzogs von Leuchtenberg zum Altar und verließ Paris. Allein auch die Heirat schien die Geld- schwierigkcit des jungen Fürsten nicht zu beseitigen, denn wenige Jahre später schon schritt er dazu, seine Ländereien im inneren Rußland zu verkaufen. Damals, wie selbst noch heute, bildeten die Bauer „die b e st e n L a n d - kauf er. Durch Notwendigkeit und durch eine wahre Leidenschaft für eigenen Grundbesitz getrieben, kauften sie Land zn Preisen, die weit hinausgingen über den wirklichen Wert des Bodens. Allerdings zahlen sie nicht selbst, sondern die Bauernbank, jene staatliche Institution, die zu dem Zwecke gegründet wurde, der ärmeren Landbevölkerung die Erwerbung von Grundbesitz zu ermög- lichen. Die Bauern akzeptieren dabei in naiver Skrupellosigkeit die unglaublichsten Kaufbedinguugen, immer mit dein heimlichen Hintergedanken, den Staat doch erst dann zn bezahlen, wenn sie einmal dazu in die Lage kommen. Die Zukunft ist ungewiß, die Zeiten können wechseln, große Umwälzungen kommen, und seit 50 Jahren träumt der russische Kleinbauer den Traum von der „Aufteilung des Bodens". Viele russische Großgrundbesitzer haben diesen Stand der Dinge schlau ausgenntzt und ihre Läudc-s reien zn verhältnismäßig hohen Preisen veräußert. Auch der junge Fürst Kolschubey zählte zn ihnen. Er schätzte! seine Ländereien auf 9OOOOO Rubel, und der Mir nahm an, ohne zu handeln. Ein Kaufvertrag wurde abgeschlossen und mit ihm in der Tasche ging der Fürst zu dem damaligen Leiter der Bauernbauk, dem Fürsten Obolensky, und ersuchte um Auszahlung der Summe. Fürst Obolensky wies ihn schlankweg ab und berief sich ans die vom Kaiser genehmigten Satzungen der Bank, die vorschreiben, daß die Bank nur daun bezahlen darf, wenn eine Kommission eine ordnungsgemäße Abschätzung des Bodens vorgeuom- men hat, um die Bauern vor Uebervorteilungen zu bewahren. Fürst Kolschubey eilte empört zu seiner Schwieger- mutter und beschwerte sich bitter über den Fürsten Obolensky. Die Herzogin war entrüstet. Das nächftemal, da sie bei!» Zaren dinierte, brachte sie die Angelegenheit zur Sprache. Das geschah im Billardsaal, während Nikolaus Il< 96 sich mit einigen Karambolagen zerstreute. „Nik," sagte die Herzogin, „Obolensky macht meinem Schwiegersohn Unannehmlichkeiten," und sie erzählte die Sache. „Was mischt er sich hinein," schloß sie, „wenn die Bauern mit deni geforderten Preis einverstanden sind? Ich bitte dich, sage Obolensky ein Wort." „Aber gern," antwortete der Zar, und stehenden Fußes kritzelte er einige Zeilen mit den: Bleistift auf ein Blatt Dapier und gab es der Herzogin. Am nächsten Tage erscheint Kotschnbey triumphierend, bei dein Leiter der Bank. „Kennen Sie diese Handschrift?" „Gewiß." „Wann kann ich zur Kasse gehen?" „Sobald ich meine Demission gegeben habe, was sofort geschehen wird." Obolensky schrieb sofort sein Abschiedsgesuch, legte seine Uniform an und eilte zu Witte, der das Gesuch zurückwies, er würde die Sache ordnen. Telephonisch bat er den Kaiser um eine Audienz, und ain selben Abend noch, in später Stunde, würde sie ihm gewährt. Als der Zar den Zusammenhang erfuhr und erkannte, daß er unbewußt eine Ungesetzlichkeit Begangen und ein schlechtes Beispiel gegeben habe, war er bestürzt und sehr aufgeregt. „Aber nein," rief er aus, „das darf nicht ausgezahlt werden." „Majestät," erwiderte Witte, „das Wort des Kaisers ist heilig. Seine Befehle sind Gesetze." „Ja, aber ich weiß wirklich nicht . . . Was soll matt jetzt tun?" Witte blieb ruhig und seiner Sache sicher. „Ich schlage folgendes vor: Die Bank wird die Summe auszahlen, auf die die Ländereien des Fürsten Kotschnbey von der Kommission abgeschätzt werden. Was den Rest anbelangt, so wird er aus Eurer Majestät Privatschatulle bezahlt." Der Rest, den der Zar zu bezahlen hatte, überstieg die Hälfte des Kaufpreises. Aber s Nikolaus II. war von. dem Ausgang der Sache vollauf befriedigt. . . VeL'Mrsehtss. * Gegen das Beschlagen der Augengläser. Wer beständig Augengläser (Brille oder Kneifer) tragen muß, wird häufig durch das Beschlagen der Gläser beim Eintritt aus einem kühlen Raum in einen wärmeren sehr unangenehm belästigt. Es ist daher sehr interessant, zu erfahren, daß man dieses Beschlagen durch Abreiben mit Schmierseife verhindern kann. Es ist nur nötig, jeden Morgen oder vor dem Ausgehen eine winzige Kleinigkeit sogenannte grüne Seife, Waschseife, Schmierseife, Kaliseife auf der ganzen Fläche des Glases zu verreiben und daun das Glas zu putzen, bis es wieder blank ist. *ZumTreiben derHyazinthen. Beim Treiben der Hyazinthen bemerkt man zuweilen, daß die Blütenknospen, welche sich schon gefärbt haben, nicht aufblühen. Die Ursache davon liegt in der sehr oft trockenen Luft des Wohnzimmers. Durch die Lufttrockenheit trocknen nämlich die an den Spitzen der Blütenblätter befindlichen Häkchen, welche gewöhnlich ein grünliches Ansehen haben, ein, und können sich nicht trennen, weil sie schon etwas welk geworden sind. Mau sorge daher für feuchte Luft, indem man auf dem Ofen reichlich Wasser verdunsten läßt. Die Hyazinthen lieben überhaupt eine mäßig-feuchte Umgebung und erlangen hier ihre beste Ausbildung. Literatur. — Meyer, Dr. M. Will)., Erdbeben und Vulkane. Reich illustriert. In Farbendruck-Umschlag geheftet I Mk. Verlag des „Kosmos", Gesellschaft der Naturfreunde (Geschäftsstelle: Franckhsche Verlagshandlnng), Stuttgart. Während der letzten Jahre sind die Gewalten des Erdinnern rn besonders erschreckender Weise zutage getreten. Die Katastrophe von Martinique, der große Ausbruch des Vesuvs im Aprrt 1906, die Erdbeben von San Franzisko und von Valparaiso sind nur die markantesten Ereignisse gewesen, dre von eurer beängstigenden Unruhe der Erdrinde Kunde SfiDctt, denen sich aber noch eine ganze Reihe anderer anschloß. Dre Blicke der denkenden Menschheit sind deshalb mehr Beim je auf das immer noch so geheimnisvolle Erdinnere gerichtet, dem diese gewaltigsten Aenßerungen der Naturkrafte auf unserem Planeten entspringen. Das Bändchen gibt einen Ueber'blick der Ansichten über die Ursachen dieser Erscheinungen, die sich namentlich in neuerer Zeit wesentlich geklärt haben, aus der Feder des den weitesten Kreisen bestens bekannten volkstümlichen Schriftstellers Dr. M. Will). Meyer (Urania-Meyer). Er war offenbar zur Lösung dieser Aufgabe ganz besonders berufen, da er nicht nur persönlich viele Vulkangebiete der Erde bereist hat, sondern mich zu den sehr wenigen gehört, die den letztengroßen Vesuvausbruch, der sich als einer der gewaltigsten und zugleich lehrreichsten seiner Art gestaltete, in allen seinen Phasen aus größter Nähe zu beobachten Gelegenheit hatten. — Die in Max Hesses Verlag in Leipzig erscheinenden, unter Mitwirkung des bekannten früheren Parlamentariers, jetzigen Geh. Justizrats Professor Dr. Albert Hänel von Dr. Heinrich Hubert Honben heraus gegebenen „Gesam- m e l t e n Werke HeinrichLaube s" dürfen als eine der interessantesten, für den Literarhistoriker von Fach geradezu unentbehrlichen, aber auch für jeden Literaturfreund überaus wertvollen Neuausgaben der letzten Zeit begrüßt werden. Die künstlerische Persönlichkeit Heinrich Laubes tritt itt dieser fast vollständigen Ausgabe seiner dichterischen, literarhistorischen und politischen Werke in einer so starken Lebenskraft vor die heutige Generation, daß man unwillkürlich den stofflichen und geistigen Reichtum der Schöpferkraft Laubes bewundern muß. Der Dramatiker Laube hat ja auch heute noch nichts von der Bedeutung verloren, die ihm schon zu seinen Lebzeiten zugesprochen worden ist. Besonderes Interesse dürften in der vorliegenden Ausgabe aber auch die ästhetisch und dramaturgisch bedeutsamen Einleitungen finden, die Laulw selbst seinen Dramen vorausgeschickt hat. Als Romanschriftsteller kann man Laube zu den Besten rechnen, die das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat. Schon der uns vorliegende 1. Band der Ncu- cmsgabe, der den dreiteiligen Roman „Das junge Europa"- enthält, darf Anspruch darauf erheben, eine der künstlerisch wie kulturhistorisch bedeutsamsten Schilderungen der Reaktionszeit nm 1830 genannt zu werden. 'Die weiteren Bände werden uns noch mit Laubes politischen, kritischen und novellistischen Arbeiten bekannt machen, die alle sich durch ihre persönliche, männlich herbe Art auszeichnen. Das Roggenfeld. Ein dustumflossen reifes Roggenfeld, Daraus der Erde Seaenströme guellen, Möchl ich zn frommen einer Grobstadtwelt Ihr nächtens auf den stillen Marktplatz stellen! Daß in der Frühe mit dem Morgenrot Sein Segen müßt in alle Seelen rinnen, Daß sie sich auf den Tag und auf ihr Brot, Auf Gott und Bauer und sich selbst besinnen. ----------- Erilst Clasen. Goldene Worte. Es ist eine erstaunliche Tatsache der Erfahrung: ivo immer Menschen zusammen sind, da bildet sieh sofort eine Gewalt, welche die selbstsüchtige Willkür der einzelnen dem Zivecke des Ganzen unterordnet. Tie Tatsache ist der Erfahrungsbeweis der sittlichen Weltordmmg. * Karriere. Eigensinnig fort Und fort zu klagen, das ist ein verstocktes, Gottloses Tun, das ist kein männlich Leid, Zeigt einen Trotz, der mit dem Himmel hadert. Ein ungeduldig Herz, ein schwach Gemüt, Und einen Geist, dem Schule fehlt und Zucht. ------------ Shakespeare. Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummert Hühnerauge. Redaktion: P«pW rttko. — Rotationsdruck und Verlag der Brüh loschen Universitäls-Buch- und Steiadruckerei, N. Lange, Gieße».