“Fi > M »NM 1 ■ /■TT* ft* Herr Lecoq. Küimiiml-Roman von E. Gaborian. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Uber er hätte die furchtbare Folter der Ungewißheit keilte Viertelstunde langer ertragen Wunen. Er bezahlte und klingelte an der Wohnung der Marquise. Eilt Diener machte auf, musterte ihn mit mißtrauischen Blicken uitb antwortete, die Frau Marquise sei auf dem Lands. Augenscheinlich erwies.man ihnr die Ehre, ihn für einen Gläubiger zu halten. Aber er wußte so geschickt zu verstehen zu geben, daß er nicht käme um Geld einzntreiben, er sprach nrit solcher Betonung von dringenden Angelegenheiten, daß der Bediente ihn schließlich int Hausflur allein liess, indem er sagte, er wollte nochmal nach- fehett, ob die gitädige Frau wirklich ausgegangen iväre. Sie war nicht ausgegangen. Einen Augenblick darauf kam der Lakai wieder, führte Leeoa durch eilten großen Salon von sehr verblichener Pracht u>td liest ihn in em mit rosa Stoff bespanntes Boudoir eintreten. In diesent lag neben dem Kamin auf einem Ruhebett eine alte Dante ton fürchterlichem Aussehen, groß, knochig, sehr geputzt und noch mehr geschminkt, und strickte eine Binde aus grüner Wolle. Sie mast den jungen Beamten von oben bis unten und von nuten bis oben, so dass ihm das Blut in die Stirne stieg. Ms sie aber sah, dast er eingeschüchtert zu sein schien, was ihr offenbar schmeichelte, fragte sie ihn beinahe freundlich: Nun, mein Junge, was bringt Sie denn her? Leeoa war nicht ein geschüchtert, aber er bemerkte mit Bedauern, dast Frau d'Arlang-e nicht eine von den Frauen sein lonnte, die ans der „Pfefferbüchse" geflohen waren. Gantz entschieden nichts an ihr entsprach der von Pavillon gegebenen Beschreibung. Ferner erinnerte der Beamte sich, ivic klein die im Schnee hinterlassenen Fußspuren gewesen tvaren, und der Fuß der Marquise, der unter ihrem Rock hervorsah, war von heroischer Grösse. Na, toas beim? Sic sind wohl stumm! fuhr die alte Dame mit beträchtlich lauterer Stimme fort. Ohne eine direkte Antwort zu geben, zog Leeoq den kostbaren Ohrring aus seiner Tasche und legte ihn auf das Putztischchen, indem er sagte: Ich bringe Ihnen dies hier wieder, Madame, ich habe eS gefunden, und cs gehört Ihnen, wie man mir gesagt hat. Die Marquise legte ihre Handarbeit fort, um den Stein zu betrachten. Nach einem Augenblick sagte sie: ES ist allerdings richtig, dieser Ohrring hat mir früher gehört. Es war eine Laune, die mich vor vier Jahren überkam und mich runde zwanzigtausend Livres kostete. Ah, Meister Doisth, der mir diese Diamanten verkaufte, hat einen schonen Batzen Geld daran verdienen müssen. Aber ich habe eine Enkelin «ufzuztehen — dringende Geldbedürfnisse zwangen mich bald darauf, zu meinem Bedauern mich des Schmucks zu entäußern. Und an men? He? sagte die Marquise, offenbar peinlich berührt. WrS ist das für eine Neugier? Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau, ich wollte ja doch so gerne den Eigentümer dieses hübschen Dings auffinden. Die Marquise betrachtete ihren Besucher mit neugieriger und überraschter Miene. Ehrlichkeit? Oho! Unb vielleicht keinen Sous in deck Tasche... Gnädige Frau! Gut! Gut! Das ist kein Grund, um rot zu werden wie ’ne Pfingstrose, mein Junge. — Ich habe die Ohrringe abgetreten an eine große Dame aus Deutschland — denn in Oesterreich gibt es noch reichen Adel — au die Baronin von Watschau. Unb wo wohnt diese Dame, Frau Marquise? . Auf dem Pcre Lachaisc. Sie ist nämlich voriges Jahr gor storben. — Die Frauen von heute — einmal int Walzer 'ruin- und ein kühles Lüftchen, und sie sind hin! Zn meiner Zeit tranken nach jedem Galopp die jungen Mädchen ein großes GlaS gezuckerten Wein und stellten sich- zwischen zwei Türen. Und wir befanden uns dabei wohl, wie Sie sehen. Aber, Madame, fragte Lccoq hartnäckig weiter, die Baronin Watschau hat doch jedenfalls Erben hinterlassen, einen Gemahl oder Kinder... Nur einen Bruder, der am Wiener Hofe ein Amt bekleidet und deshalb seinen Wohnort nicht wechseln konnte. Er hat Auftrag geschickt, das ganze Eigentum seiner Schwester, sogar ihr« Garderobe, zu versteigern, und man hat ihm das Geld geschickt. Leeoq konnte eine Bewegung der Entmutigung nicht unterdrücken.. Was für ein Unglück! murmelte er. Nun, warum beim? sagte die alte Dame. Auf diese Art bleibt der Diamant Ihnen, und daS freut mich, das wird eine gerechte Belohnung für Ihre Ehrlichkeit sein. Hätte Leeoq wild werden, schreien, seinem Zorn freien Lauf lassen, der alten Dame sagen können, sie sei albern, so wäre das für ihn eine unendliche Erleichterung gewesen. Aber wo blieb dann seine Rolle als ehrlicher braver junger Manu? Er wußte also seine Lippen zu einem Lächeln zu zwingen, er stotterte sogar einen Dank für so viel Güte. Und, da er nichts mehr zu erwarten hatte, so machte er eine sehr tiefe Verbeugung und ging rückwärts aus dem Boudoir heraus. Er war ganz betäubt über diesen neuen Schlag. Würde er wieder durch eine Komödie gefoppt? Das war nicht aitzunehmen. Wenn der Komplize des Mörders Doisth ins Vertraue« gezogen hätte, so würde er ihn kurz und bündig gebeten haben, zu antworten, er wisse nicht, an wen die Brillanten verkauft wären, oder einfach zu leugnen, daß sie ans feinem Geschäft stammten, Leeoq hatte aber auch noch andere Gründe, an der Darstellung der Marquise nicht zu zweifeln. Einen zwischen dem Juwelier unb seiner Frau gewechselten Blick erklärte er sich jetzt in einer Weise, daß ihm ein ganz neues Licht über den Sachverhalt aufging. Die Marquise hatte nach der Meinung! der Juwelievsleute mit Ankauf der Diamanten eine kleine Spekulation gemacht, wie sie unter den Damen der großen Welt öfter 706 Vorkommen, als man denkt. Sie hatte auf Kredit gekauft, um Mit Verlust, -aes Erwerbers, aber keine einzige dieser Eintragungen paßte auch nur annähernd zu den verfluchten Ohrringen. Lecoq zeigte den Diamanten, den er in der Tasche hatte; der Auktionator erinnerte sich nicht, den Stein gescheit zu haben. Aber das wollte nichts bedeuten, sagte er; ihm wären so viele Sachen durch die Hände gegangen und gingen noch! Aber so viel konnte er bestimntt versichern, dast der Bruder der Baronin, ihr einziger Erbe, sich kein Stück von dem Vorhandenen hatte schicken lassest, keinen Ring, keine Nadel, und dast er es anscheinend eilig gehabt hatte, sich den Erlös schicken zu lassen, der sich nach Abzug aller Kosten auf die angenehme Summe von 167 530 Franken belief. Also, sagte Lecoq nachdenklich, alles was die Baronin besaß, ist bestimmt verkauft worden? Alles. And tote heißt ihr Bruder? Ebenfalls Watschau. Ohne Zweifel hatte die Baronin einen Verwandten geheiratet. Dieser Bruder hat noch voriges Jahr einen hohen Postett in der Diplomatie bekleidet; ich glaube, ev wohnte in Berlin..— Das ist doch sonderbar, dachte Lecoq, als er seiner Wohnung zuschritt, überall stoße ich bei dieser Geschichte auf Deutschland. Der Mörder behauptet, von Leipzig, zu kommen, Frau Milner ist jedenfalls eine Bayerin, und jetzt taucht eine österreichische Baronin auf. Es war fite den Abend zu spät, noch etwas zu unternehmen; Lecoq ging also zu Bett, aber am nächsten Morgen, in aller Frühe, -nahm er mit neuem Eifer seine Nachspürungen wieder auf.. Nur sine einzige Aussicht auf Erfolg schien ihm noch zu bleibett: der in der Tasche des falschen Soldaten gefundene Brief mit der Unterschrift Lacheneur. Dieser Brief war, Ivie aus einem halb verwischten Stempel -am oberen Rande hervorgino, in einem Cafe des Boulevard- Beaumarchais geschrieben worden. Dieses Lass zu enLecken war natürlich nur ein Kinderspiel. Der vierte Wirt, dem Lecoq den Zettel vorlegte, erkannte mit «aller Bestimmtheit sein Papier und seine Tinte. Aber weder er, noch feine Fran, noch die Kellner, noch die Stammgäste, die Lecoq nach und nach geschickt ausfragte, hatten in ihrem Leben je den Namen Lacheneur vernommett. Was nun tun?. Nun war doch jede Hoffnung entschwunden! Doch noch nicht ganz: Der Soldat hatte ja im Sterben erklärt, hieser Bandit Lacheneur wäre ein früherer Schauspieler. An diese unbestimmte Andeutung sich anklammernd, wie ein Ertrinkender Wach einem Strohhalm greift, machte Lecoq sich wieder auf den Weg, und befragte bei allen Theatern Portierslente, Sekretäre, Künstler. Kennen Sie nicht einen Schauspieler Namens Lacheneur? Uebcratl hörte er Nur „Nein", zuweilen durch Kulissenscherzö geivürzt. Ziemlich ost fügte man hinzu; Wie sicht 'denn Ihr Künstler aus? Ja, das konnte er eben nicht sagen! Alle seine Kenntnisse! darüber beschränkten sich auf „Tugend-Tonis" Satz: „Ich sand, er sah aus, wie ein recht respektabler Herr." Das ist aber keine Personalbeschreibung. Außerdem war es noch recht fraglich, was Polyte Chupins Frau unter der Bezeichnung: „respektabel" verstand. Bezog sie sie auf das Alter oder auf das äußerliche Auftreten ? 1 Au anderen Orten fragte man: Welche Atollen spielt denn Ihr Schauspieler? Und Lecoq mußte schweigen, denn er wusste cä nicht. Rur das wußte er, daß Lacheneur in diesem Augenblick eine Rolle spielte, wobei Lecoq, hätte aus der Haut fahren mögen. Schließlich nahm er seine Zuflucht zu dem allerletzten Hilfsmittel, der Polizei, das zwar sehr langweilig zu gebrauchen ist, aber stets gute Resultate liefert, weil es ausgezeichnet ist. Er beschloß, alle Fremdenbücher in sämtlichen Hotels und Gasthöfen durchzusehm. So stand er denn beim Morgengrauen auf, ging spät zu Bett, und lief beit ganzen Tag von einem Logierhaus! zum anderen. Alles vergeblich! Nicht ein einzigesmal traf er auf den Namen Lacheneur. Existierte derselbe überhaupt? Oder war es nur ein Theatername? Er hatte den Namen nicht einmal int Pariser Adreßbuch gefunden, wo doch sämtliche französische Namen vorkommen und darunter die unwahrscheinlichsten Anhäufungen von Silben, und Buchstaben. Aber itichts war imstande, ihn zu entmutigen, ihn von der Aufgabe abzubringen, die er sich selbst gestellt. Seine Hartnäckigkeit war beinahe zur fixen Idee geworden. (Fortsetzung folgt.) Die elegante §rau. Eine Epistel für die Leserinnen von Genov. Wir t-Stuttgart, Sei es zum Beginn des Sommers oder des Winters, zieht der Frühling ins Land oder beginnt es zu herbsteln, — immer erscheinen mit tödlicher Sicherheit deut-che tote fremde Modeblätter und beeilen sich, uns ausführlich zu erzählen, toas „man" diese Saison trägt, tragen muß. Eine Sintflut von Stossen, Spitzen, Bändern, Blumen, F.littern, Borten schwillt vor unseren lesenden Augen empor; Budgets, viel- zifferig wie Staatsschulden, scheinen die einzig berufenen, um sie ausznschöpfen. Traurig, entmutigt legen wohl viele „schöne Leserinnen" ihre Leib- und Modezeitung beiseite und schicken sich zu heroischer Entsagung an: „Ich muß verzichten, jemals eine elegante Frau zu sein, denn nach den Berichten, die ich jahraus, jahrein lese, ist die Eleganz nur für die Reichen da, für die Glücklichen, die nie die .Waffe, sondern nur das Modeblatt befragen müssen: Was brauche ich für diese Saison?" v r Schöne oder auch nicht schöne Leserin, erhebe dem betrübtes Köpfchen und laß muh dir sagen, was du brauchst, nicht nur für diese eine, sondern für jede beliebige Saison. Laß mich dir sagen, daß die wirkliche Eleganz durchaus nicht von den Kosten abhängt, die sie verursacht, sondern einzig und allein von dem Geschmack, dem Stilgefühl und dem Finanzgenie der Frau, die sie sich zu eigerr machen will. Ein klein wenig Mitgift von der Natur und ich verpachte mich, auch aus dir eine elegante Frau zu machen, vorausgesetzt .... , . Ja, die Boraussetznugen wollen wir uns jetzt etwas näher ansehen! Zunächst also, tote gesagt, ein klein toentg gute Laune 'seitens Fran Mutter Natur, kein Gebrechen, keine schreck- erregenden Fett- ober Knochenmassen, keine Abnormität —. wenn sie sich so weit zu Konzessionen herbeigelasieu hat, kann man schon ganz zufrieden sein und hosfnungsfreudig ans Werk gehen, — ans der normalen Frau eine elegante zu machen. , „ Gleich nach der Mitgift von der Natur kommt die Verwaltung, die du deinem dir anvertrauten Gut angedeihen lassest: die Körperpflege. Tie elegante Frau läßt sichs nicht an dem obligaten Samstag-Abendbad der Kleinbürgerin genügen, sondern nimmt jeden Tag eine gründliche Waschung' ihrer Person vor. Ein Badezimmer mit großer Wanne und kostspielig zu heizendem Badeofen braucht fte dazu gar nicht; das uns, wie so vieles Praktische, von England überkommene billige Gummitub, das mit ein paar Kannen Wasser zu füllen ist, tnts anch; nebenbei hat es den 70? — für enge Wohnungen unschätzbaren Vorteil, daß es nach Gebrauch an einem Nagel aufgehängt werden kann; für die Reise läßt sichs klein zusammenlegen und in jede Reisetasche packen. Selbstverständlich darf cs für die elegante Frau weder vernachlässigte Zähne noch ungepflegte Hände, noch verwahrloste Haare geben; ohne besondere Kunstmittel und mit wenig Zeit ist da viel zu erreichen, vorausgesetzt, daß man sich tagtäglich und verständig mit ihrer Kultur befaßt. Das „Wie"' zu erörtern, wäre hier nicht am Platze und wurde zu weit ab von meinem eigentlichen Thema führen; mir möchte ich betonen, daß für wirkliche, nicht für Talmi-Eleganz sorgfältigste Pflege des Körpers Grundbedingung ist, nicht nur vom ästl)etijchen, sondern ebenso sehr vom ethischen Standpunkt aus. Glaube doch keine, daß nian's ihr nicht anmerkt, ob sie bis auf das letzte Fäserchen ohne Fehl und Tadel oder „außen hui, innen pfui" ist. Gerades» erkennt man es, wie man echte Seelenreinheit von erlogener unterscheidet, denn Untadelhaftigkeit gibt eine ruhige, heitere Sicherheit, die sich immer wohl fühlt und wohl tut, weil sie nie vor Zufälligkeiten zu erschrecken, keine Ueberraschungen oder Enthüllungen zu furchten braucht. Es klingt grotesk, ist aber darum nicht minder wahr: eine elegante Frau muß jeden Augenblick und überall mit größter Seelenruhe ohnmächtig werden können . . . Nun kommen wir allmählich zu den Hüllen des gut gepflegten Körpers, zunächst zur Wäsche. Sauberkeit und Akkuratesse ist auch hier das erste Gebot, dagegen können wir die Prunkwäsche den Damen, die ein großes Portemonnaie und eine Jungfer haben, überlassen. „Bitte, aber nun endlich zur Sache, das heißt zum Anzug!" Auch für ihn gilt, wie für den Körper, wie für die Wasche, als erstes und strengstes Gebot: „Reinlichkeit und Pflege." „Ja, aber was soll ich mir denn nun eigentlich kaufen von all den tausend Sachen, die die Mode ans den Markt wirst?" „Immer nur das Allernötigste." Das klingt überflüssig, ist es aber keineswegs. Wie wenige Frauen verstehen, nur gerade das zu kaufen, ivas sie wirklich benötigen, und wie zahlreich find die kleinen Närrinnen, die den Lockungen der „Gelegenheitskäufe" und der geschickten Verläufer nicht widerstehen können, die ausziehen, eine Bluse zu kaufen und mit einem „vorteilhaften Rest" heimkomnien. Selbstverständlich bringt der Gelegenheitskauf nur llugelegenheilen und der „vorteilhafte" Rest nur Nachteile. Das Geld ist für lieber flüssiges ausqegeben, das schließlich doch nirgends recht hinpaßt, und für mindestens zwei Saisonen muß Fretterei Ungesagt werden: für das erste, weil der Mammon unnütz vertan ist, und für die zweite, weil das unnütz Erworbene eben doch verwertet werden muß . . . Neben dem Ueberflüssigen meide man auch alles, was so schreiend deutlich die Jahreszahl der Saison aufweist, daß es schon in der folgenden antiquiert aussehen muß. „Le cri de la saison", wie der bezeichnende Ausdruck für dies Sichselbstübertrumpfen einer Modelaune heißt, schickt sich nur für jene, die ohne irgendwelche Rücksicht auf die Geldbörse wirtschaften und der launischen Dame Mode aus all' ihren Schnörkelgängen nachschlüpfen können, die unbe- Wmmert im September beiseite werfen, was sie im Mai mit Gold ausgewogen haben. Keine Angst, daß man deshalb unmodern oder unelegant sei! . . . ; Wie andere Souveräne hat auch Königin Mode den Absolutismus verlernt — sie herrscht, aber sie regiert nicht. Ein großer Grundgedanke tritt aus ihr hervor, aber die ihn ausführen, ihin dienen, sind nicht mehr unterwürfige Knecht- secleu, sondern freie Persönlichkeiten, die auch den Mut des Widerspruchs kennen. Darum kleide sich jede Frau, wie es ihr und ihrer Erscheinung paßt, nicht, wie das Modeblatt es vorschreibt oder gläubig ans Paris berichtet. L>ie trachte durch ihre Kleidung etwaige Mängel unauffällig zu machen, Vorzüge dagegen eindringlich, aber nicht aufdringlich erscheinen zu lassen. , , Immer ist das Einfache dem Geputzten vorzuzrehen, e» erfordert nicht nur weniger Zeit und Mühe, es gut m Stand zu halten, sondern entspricht auch entschieden unseren Leben»- bedinaungen, Ansichten und Gewohnheiten vesser als das auffälig ins Auge Stechende. Man lasse sich durch Termen- zen, wie „in Paris trägt man dies", „für die Pariserinnen ist das unerläßlich", nicht irre machen. Erstens kleidet sich die Pariserin ans der Straße im allgemeinen höchst einfach und zweitens sind wir keine Pariserinxsn; darum ist es lächerlich, wenn wir ihnen, deren Erscheinung und Heren Umgebung grundverschieden von der unfern ist, sklavisch nacheifern wollen. Was sich für die kleine zierliche Romanin schickt, schickt sich noch lange nicht für die ungleich größere und kräftigere Germanin; was die Dunkelhaarige kleidet, entstellt vielleicht die Blonde, und wiederum würde der morbide Teint der Gallierin nicht ertragen, was die rosige Frisch der Deutschen nur noch leuchtender hebt. Und nicht zu vergessen ist, daß uns ja fast nie das Schlichte, Gutbürgerliche aus Paris gemeldet und beschrieben iciro, sondern beinahe immer nur das Außergewöhnliche und Extravagante. Wir erfahren, wie ein paar große Aristokratinnen, ein paar große Schauspielerinnen und etliche zweifelhafte oder auch unzweifelhafte D a m e n sich anzieheu, was sie für ihren Wagen, für ihre Loge, für ihren Salon „ceiren"; was aber tausend, hunderttausend Frauen der guten Gesellschaft tragen, wissen wir nicht. Zweifelsohne aber haben sie ein anderes Wesen der Erscheinung als jene, geradeso wie sie wohl in nichts dem Typ gleichen, den wir aus französischen Possen und Sittenromanen als „Pariserin" zu erkennen meinen, und doch sind zum größten Teil sie es, die Paris den unerschütterlichen Ruf der elegantesten Stadt der Welt begründet haben, denn die Majorität prägt einem Städtebild den Charakter auf, nicht eine Handvoll Ausnahmeexistenzen. Am vernünftigsten wäre es natürlich, die Deutschen begriffen endlich, daß das Rassenchoblem auch in die Mod« hineinspielt, und schüfen sich ihre eigene. Wenns aber schon durchaus Import sein soll, dann doch englischer oder auch amerikanischer, denn die Angelsächsiu gleicht in Art, Gewohnheit und Lebensvorausfetzungen der Germanin ungleich mehr als die Romanin. Man kann sich über die Engländerinnen lustig machen soviel man will, man kann ihnen aber nicht absprechen, daß sie es verstehen, sich zugleich praktisch, einfach und sehr vornehm zu kleiden. Nie lernt man das besser einsehen, als auf Reisen, insbesondere in den großen italienischen Hotels und Pensionen. Während die Französin auf Louis XV.-Absätzen, mit Püschen, Schleppe, Schleife, Schleier belastet, durch die Museen und Galerien stelzt, um ermüdet in jeden nur denkbaren Stuhl zu sinken, während die Deutsche sich in jenen undefinierbaren graugrüngelb- brannen Aufzügen zeigt, von denen mau nie weiß, ob man sich darüber ärgern oder lustig machen soll, erscheint die Engländerin, gleichviel, ob jung oder alt, unweigerlich morgens in breitem Dauerstiefel, kurzem Rock, Jacke und Hemdbluse, nicht minder unweigerlich zur Hauptmahlzeit in Lackschuhen und full dress. Sie mag so einfach, ja ärmlich leben, wie sie will, nie würde es ihr eiusallen in einem Straßenkleid zum Diner oder umgekehrt in einer Seidenschleppe in Galerien zu gehen. Und damit komme ich zu einem Karonialpunkt der Eleganz: „Zu jeder Gelegenheit das entsprechende Kleid i" Wende mir niemand ein, daß solche Vielfältigkeit ein Luxus sei, den nur die reiche Fran sich gestatten kann; jede von uns hat mehr als eine oder mehr Toiletten im Schrank hängen, und wenn sie ihren Anzug nicht mit seinem Zweck zusammenstimmen kann, so liegt es in hundert Fällen neun» nndneunzigmal nicht an dem Mangel an Auswahl, sondern am Mangel des Geschmacks- und ästhetischen Takts. Das Hauskleid vor allem kann die elegante Frau nicht missen; meinetwegen auf der Straße, zu Besuchen, im Theater so einfach wie möglich, aber dzr Anzug, in dem man sich seiner Familie, seinem eigenen Heim zeigt, soll alles ausweisen, was die Frau an Geschmack und an Wert zu geben hat; aus jeder Falte soll es rufen: „My House is my caftle!"■ — — Die elegante Frau läßt sich im schlichtesten Arbeits- kleid erkennen, denn stets wird man die Art dessen erkennen, der es trägt, die Art der Herrin, die immer Herrin bleibt, auch wenn sie Mägdearbeit verrichtet. Besondere Sorgfalt erfordert die Auswahl der Farben; wer nur wenig anschaffen kann, urüß trachten, alles en möglichst zusammeustimmenden Tönungen zu erwerben, so daß alles in beliebigen Verbindungen zusammengetragen werden kann, sonst entsteht eine Disharmonie, vor deren Mißtönen auch der letzte Schimmer von Eleganz schaudernd die Flucht ergreift. . „ ,, . , Schuh und Handschuh spielen eine große Rolle m der wichtigen Frage der Bekleidung ; an ihnen vor allem, wett mehr dann am Kleid, erkennt man die elegante Frau. 708 Die Frisur endlich erfordert größte Sorgfalt, vielmehr >als die Damenwelt iin allgemeinen darauf verwendet. Ein schlechtfrisierter Kopf macht das beste Kleid zu schänden, und umgekehrt hebt eine hübsche, kleidsame Haartracht auch den einfachsten Anzug, SB ie sie beschaffen sein soll, hängt natürlich vom jeweiligen Typus ab, immer aber bilde sie eineu schönen, wenn auch ganz schmucklosen Rahmen für das Gesicht. Natürlich ließen sich dem Bilde der eleganten Frau noch eine Menge kleiner, feiner Züge einstigen, mir kaut es aber nur darailf an, die Grundlinien zu geben. Aussühren mußt du es selbst, schöne Leserin, mit deinem Weseil erfüllen, mit deiner Persönlichkeit durchtränken, mit deinem Stil über dich selbst erheben. Delln der Stil, die persönliche Note ist alles, auf dem bunten, heiteren Gebiet der Mode nicht weniger als in den anderen Bezirken der Menschheit, wo immer lauter und gebieterischer der Schrei nach Individualitäten ertönt. ____ 2>ermH4>*e£. * Aufdeckung uralter deutscher Grabstätten. Wie aus Weimar gemeldet wird, sind kürzlich in dem benachbarten Dorfe Kleinromstedt Grabstätten aufgedeckt worden, die nach Annahme b:v ausgrabenden Mitglieder des I uaer Gsrnlauischen Museums über 2000 Jahre alt sind. Gefunden wurden darin zahlreiche Uryen aus Bronze und Waffen, so liamentlich ein gut erhaltenes Schwert. * D i e Geburt des Königs von R o m. Dicht bei Kirchheim-Bolenden, an der Straße, die von'Rockenhausen herführt, findet sich eine Tafel mit folgender Inschrift: „Luisen-Garten, angelegt zur Erinnerung an die Geburt Napoleons II., Königs von Rom, im I ihre 1811." Diese Inschrift erinnert an eine schmachvolle Zeit der deutschen Geschichte. Als dem Kaiser Napoleon im März 1811 ein Sohn geboren wurde, der schon in der Wiege — wahrscheinlich, um ihn zum Nachfolger der alten Kaiser des , heiligen römischen Reiches" zu stempeln — den Namen „König von Rom" erhielt, da empfand der Kaiser große Freuds und befahl in seiner bekannten Art, daß an dieser Freude auch seine Untertanen Anteil nehmen sollten. In allen Zeitungen des französischen Reiches wurden Bulletins veröffentlicht, die der Komik nicht entbehrten. So las man am zweiten Tage nach der Geburt des kaiserlichen Kindes folgende von beit Aerz.en Bourdois und Auvich unterzeichnete Mitteilung: „Seine Majestät, der König von Rom, hatten eine sehr gute Nacht, obgleich er vorübergehende Bauchgrimmen fühlte, die, wie man weiß, in dieser Epoche seines Lebens unvermeidlich sind. Diesen Morgen befanden sich Seine Majestät kehr wohl." Pslichischüldigst mußten auch die Bewohner des linken Rheinufers, die seit 1801 französische Bürger waren, an dieser Freude teilnehmen. Alte Aktenstücke aus dem Archiv eines jetzt rheinhessischen, damals zum Departement Donnersberg gehörigen Dorfes geben uns davon Kunde. Am 81. Mai 1811 berichtet der Maire an den Präfekten zu Mainz: „Ich habe dero geehrte Notifikation in Betreff der Feierlichceit, die wegen der hohen Geburt S. M. des Königs von Rom am 9. Juni statthaben soll, mit Vergnügen erhalten, und da es keinen wichtigeren Gegenstand gibt, worauf das krustige G.ück des französischen Volkes beruht, so muß dieser merkwürdige Tag mit aller möglichen Feierlichkeit und Freude begangen werden. Jedem Bürger gehört dabei ein kleiner Trunk und ein Wrck, dann etwas Pulver zum Schießen und Musik, um den Zug in die Kirche zu verschönern. Für öffentliche Feste ist nun in dem Budget für 1811 nichts gebilligt. Der Maire steht daher gehör,amst an, die Summe von 160 Fr. auf die Gemeindekasse anzuweisen." Umgehend wurde von dem Präfekten dieser Kredit bewilligt. Am 7. Juni wurde bei versammelter Gemeinde die Bekanntmachung des Präfekten wegen des Festes verlesen, und der Maire befahl, „daß ein Zug nach der Kirche statthabe und alle Einwohner, jung und alt, demselben beiwohnen sollten, auch solle ein jeder .Hausbewohner ein jedes Fenster, welches auf die Gasse gehet, wenigstens mit einem Licht beleuchten." In dieser Art sorgte Napoleon für den erforderlichen Patriotismus bei seinen Untertanen. Mit welchen Gefühlen mögen wohl die seit Jahren schwer bedrückten pchlzischen Bauern dieses Fest begangen haben. * Die Ko st eil des Ruhms. Die Folgen einer großen Berühmtheit sind nicht immer angenehmer Natur, und wer auf seine Bedeutung eitel ist, muß sie sich nicht selten auch etwas kosten lassen. Das hat besonders Victor Hugo oft erfahren, der in der höchsten Glanzperiode seines Schaffens mit Bettelbriefen überhäuft wurde. Daß er mit Liebenswürdigkeit und Humor auf solche Forderungen ein- zugehen verstand, beweist eine hübsche Geschichte, die in Nos Loifirs mit den eigenen Worten des Dichters erzählt ivird: „Eines Tages komme ich nach Hause. Auf der Treppe begegne ich einem Kanonier. Er grüßt militärisch. „Großer Bürger," so redet er mich au, „ich lese den Rappel (das- demokratische Blatt) und mein Oberst ist deshalb schlecht auf mich zu sprechen. Ich habe meine Stallhosen verloren. Staatselgenkum . . . Fünf Jahre in Eisen! Die Hosen sind nur 2 Frank wert, aber um mir die sogleich zu besorgen, brauche ist 15 Frank. Großer Bürger, ich bitte dich darum." Ich glaube sogar, er nannte mich auch noch „Vater der Demokratie," und da habe ich ihm die 15 Frank gegeben. Vier oder fünf Tage darauf speist Spuller bei mir. Ich erzähle ihm die Geschichte mit dem Kanonier. Und Ivie ich fertig bin, fängt Spuller zu erzählen an: „Vor zwei Tagen komme ich nach Hause. Ein Kanonier tritt mir entgegen und sagt: „Ehrsamer Bürger, ich lese die „Repüblique Francaise" und mein Oberst kann mich nicht leiden. — Stallhosen — Staatseigentum — 5 Jahr Eisen — 15 Frank. — Ich habe ihm aber nur 5 Frank gegeben, und er ging entzücct fort,"' so schließt Spuller triumphierend. Ich aber sagte zu ihm: „Sie haben ihm nur deshalb 5 Frank gegeben, weil er Sie nicht mit „Großer Bürger" augeredet; wenn er Sie aber gar wie mich „Vater der Demokratie" genannt hätte, so würden Sie auch Ihre 15 Frank losgeworden sein." * Zwei Mahnrufe an alle, die da schreiben. Ist irgend in dem ganzen Gebiete der Wissenschaften etwas wert, daß Männer sich damit beschäftigen, so ist es die Muttersprache. Sie kann zu allem übrigen sagen: Ohne mich könnt ihr nichts tun. Ja, sogar all euer gutes oder schlechtes Tun hängt von mir ab. Wer mich verachtet, der wird wieder verachtet von seinem Zeitalter und schnell vergessen von der Nachwelt. Wer schlecht schreibt, und schriebe er auch noch so vortreffliche Sachen, ist ein geschmückter Tänzer mit Klumpfüßen, und fehlerhaft schreiben ist so viel, als zerrissene Schuhe tragen, woran die Löcher mit Kartenblättern ausgelegt sind. Ich könnte einem lieber jede andere gelehrte Sünde verzeihen als eine Sprachsünde. Denn nichts st h d r Ehre unserer Literatur mächtiger entgegen als Schleustschrei- berei, und cs ist schändlich, himmelschreiend und — o, was weiß ich alles? —, daß unsere größten und besten Gelehrten: so überaus liederlich oft schreiben! Gottfr. Ang. Bürger. — Der Kampf gegen die Fremdwörter ist keineswegs bloß eine Spielerei, sondern ein beständiges Hinabsteigen in die Tiefen der Sprachentstehung. Man kann fast alles verdeutschen^ ohne in Narreteien zu verfallen. Insbesondere für die schriftstellerischen Eniwicklungsjahre gibt es gar nich.s Besseres als den selbsterwählten Zwang, kein Fremdwort ohne Nachprüfung durchzulassen. Fr. Naumann. * Aus den „Fliegenden". Der Wermutstropfen. „Bitte, unsere Ehe ist eine selten glückliche. Nur manchmal fällt ein dicker Wermutstropfeu in den Becher der Freude. (Auf die Schwiegermutter deutend): Dort drüben sitzt er!" Silbenrätsel. KM, ar, ar, bi, bor, ea, gli, ha, la, lieg, inen, mer, in er, nal, ne, nie, no, o, o, ritz, se, stro, su, ur. AuS vorstehenden Silben und Buckistaben sollen acht Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt iverbeii, daß die AniangS- und Endbuchstaben von oben nach umen geleien einen deulicven Dichter und eines seiner Werke bezeichnen. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter folgendes: 1. Französisches Seebad. 3. Einen Waffenstapelplatz» 3. Weiblichen Vornamen. 4. Anhänger einer religiösen Sekte. 5; Eine Sunda-Jnsel. 6. Einen Vogel. 7. Operette von Johann Strauß. 8. Oeslerreichischer Dramatiker und Epiker. Auslösung tu nächster Nummer. \ Auflösung des Anagramms in voriger Nummert Ruhr — Uhr. SiebaUton; E. Anderson. — Rotationsdruck unt> Berka« de» Brühl'ichev Uniuctfnato• Buch- und Skemdruckerek, R. Lange, Eich««.