M8 Donnerstag den P. September ES® Der Dorfkönig. Roman von Karl Böttcher-Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 9. Kapitel. Der Herbst schritt rüstig vorwärts und die Arbeit der Deutschen in Frankreich auch. . Soeben meldeten die Zeitungen den getvaltigen Fall des starken Metz. Am Samstag darauf fuhr Hugo Guttermann nach Dresden. Das planlose Bummeln durch die Straßen der siegesfreudigen Residenz, das Beobachten der verschiedenen Menschentypen, die sich in Sachsens Metropole treffen, und nicht" zuletzt die Aussicht, am Spätnachmittage Magda von ihrem kaufmännischen Bureau übholen zu können — das alles brachte ihn in die glücklichste Stimmung. Weit draußen in Neustadt erlernte Magda den kaufmännischen Betrieb. Hugo stand wartend auf der Hauptstraße und war in die Auslagen Sines Schaufensters vertieft. —■ Da schob sich von hinten ein Aermchen durch seinen Arm und ein kaltes Patsch- händchen huschte in seine Hand. — Er blickte in ein paar lebenslustige, glückliche Augen; — — und das Glück ist teilbar. Hugo kannte das. Sie wanderten nach der Altstadt, ließen sich drängen und schieben im Samstagsgewühl, standen immer Hand in Hand in der bunten Menge und dachten an nichts als an ihr Glück. Sie verstanden, was so wenig Menschen verstehen, sie lebten dem Augenblick; — mit ihrer ganzen, jungen, warmen Seele faßten sie den Augenblick und hielten ihn fest und dehnten ihn zu glücklichen Stunden. O Jugend! — Am Abend kehrte Hugo von der Auimonstraße zurück. Erstand am Postplatz und überlegte, wo er ein Nachtquartier finden könnte; denn am folgenden Morgen wollte er mit Magda einen Ausflug nach Pillnitz unternehmen. Er ging ein Stück die Wilsdruffer Straße entlang, kehrte wieder um und wanderte bis zur Mnnenkirche. . Eben im Begriff, in den Annenhof cinzubiegcn, tra^ ihm "ein großer Mann in den Weg. „Na nu —!" Zwei Hände streckten sich ihm entgegen. „Herr Guttermann, — — wirklich • Sic smds.. Das klang ehrlich und echt, und nun erkannte Hugo in deut Riesen seines Vaters Baumeister. „Herr Hennig! — — Das nenn ich Glück. „Den Zufall wollen wir feiern! — — Wohin des Weges „Ich bin im Begriff, mir eine Ucbernachtung zu fWir „Doch nicht, ehe wir einen Schoppen zusammen geleert < „Möchte schon, — aber die Müdigkeit, Herr Henmg! „Ich bitte Sie, — ein junger Mann und ^lO Uhr müde. Mas gibts ja gar nicht! — Also los!" Hennig faßte Hugo untcrnt Arm und zog ihn mit fort. —। Jedoch bald blieb er stehen. „Ich habe eine Idee, Herr Guttermann." „Bitte!" „Sie konnnen mit auf meine Bude. —■ Dori haben wir erhöhte Gemütlichkeit, einen guten Tropfen von meiner Mutter „Meißner", und Sie können getrost da nächtigen, falls" Sie mit meiner Chaiselongue fürlieb nehmen. — — Wollen Sie?" Und Hugo wollte! Nach wenigen Minuten standen sie vor dem großen Bürgerhaus an einer Ecke der Jiosenstraße. „Hier — mein Tuskulum." Baumeister Hennigs Wohnung war wirklich ein Tuskulum, eilt echtes, gemütliches Junggesellenheini, das jedoch auch eines vornehmen Anstrichs' nicht entbehrte, das zeugte von seines Inwohners Kunstsinn, von seiner Freude am Harmonischen und Schönen. Int Römer glänzte goldschimmernder „Meißner" und das Knistern im Kamin wob trauliche Untertöne dazu. „Nun, was macht die Landwirtschaft?" „Ich befinde mich ivvhl in ihr und habe volle Befriedigung. Und Ihnen, Herr Hennig, schulde ich dafür nicht geringen Dank." „Ich bitt Sie — wegen der paar Worte damals im Mühlgarten bei Ihnen zu Hause?! — Uebrigens ■— ich denke mit Wehmut zurück an das halbe Jahr in Ihrer Heimat. _ Das rege Schaffen, die ernste und hehre Natur des Waldtals und die Abende, diese Sommerabende im harzigen Walde, am murmelnden Flusse, in der idyllischen Laube--und immer mit Ihrer Schwester--Ihre Schwester! — — so ein Mädel, Ihre Schwester!" Das waren Jubeltönc.--Hennig war aufgestanden und halte beide Hünde auf Hugos Schulter gelegt. „Sie wissen nicht, Herr Guttermann, was Sie besitzen an Irene, an diesem Kleinod! — -— Der Besitzende schätzt ja nicht, ivaS er hat, aber der von ferne steht, — der, in dem alles bebt: o könntest du mein werden! der kann den Wert ermessen!" Fritz Hennig wanderte in großen Schritten im Zimmer auf und ab, und auch Hugo hatte sich erhoben. „Ich weiß wohl, Herr Hennig,--ich weiß wohl! —. Und so ein Mädel hals doch viel schlechter, wie unsereiner! Wer können uns losringen von allem Kleinlichen, wir können uns auf eigne Füße stellen,--aber so ein Mädel, — das ist angehttngt mit tausend Ketten, und zerreißt es eine,. — so bilden sich neue und doppelstarke. —• Und jahraus jahrein unter der harten Hand eines solchen Vaters! Er ist mein Vater — imd den soll ich ehren. Das" will ich tun, — aber lieben, — nein, einen solchen Vater lieben, einen Vater, der die Kinder nur zu seinen Werkzeugen erzieht, nur dazu braucht, sich empor- zubriugen, der über die Neigungen und Stimmungen seines eigenen Fleisches hinwegschreitet; für den es nur ei» Gebot gibt: Gehorche mir und meinem Golde oder ich lasse dich fallen — den lieben? — Nein! — Und daß Irene noch so ist, wie wir st« keiinen, das verdankt sic ihrem festen, kernigen gesuilden Ch«- rakler, den sie nicht ererbt hat, den sie sich selbst gebildet, m 568 Hnb ich will dafür sorgen, daß sie nicht doch noch angekränkelt Wird von der muffige» Luft zu Hause!" „Darf ich Ihr Verbündeter sein?" „Sie sollens! fein, Herr Hennig. — Wenn ich Irene jemandem gönne, sind Sie es!" „Ich danke Ihnen, Herr Guttermann!" „Aber denken wir uns das nicht so leicht, denk Vater die Tochter abzuliften. Er hat seine Pläne mit ihr." „8ic erschrecken mich. Ihr Vater schätzt mich, das weiß ich." „Mein Vater schätzt nur einen Menschen, so lange er ihn v raucht." „Und was sind das für Pläne mit Irene?" „Neben des Vaters Geldsucht schießt auch wacker der Ehrgeiz empor. Durch Verbindung Irenes unb Erikas mit Familien von NaMen und Rang will er Beziehungen anknüpfen, die auch ihn hoher bringen, die ihui vielleicht ein Tikelchen versorgen, oder die ihm Absatzgebiet schaffen in Armee und Staat für feine Produkte, — natürlich unbekümmert um das Glück seiner Kinder " „Unerhört. ---Und was sagt Irene dazu?" „Die wird nicht gefragt. — Sie mUß gehorchen, wenn ihr Niemand einen Ausweg bietet." „Den wollen wir ihr bieten; — ich will ihn ihr bieten; rch halte nm' ihre Hand an." „Ueberstnrzen Sie das nicht; warten Sie noch, bis ich etwas mehr Boden gefaßt habe nitb Ihnen dann als Stütze dienen kann — IM Frühjahr übernehme ick unsere Güter und Irene steht Nirr Kur &eite. Dann ist der Zeitpunkt gekommen." „Also gedulde ich mich. — Aber es fällt mir schwer; denn ich l'ebe Ihre Schwester mit großem, heißem Herzen" „Und Irene?" , "Sie liebt mich wieder. Ich weiß es, seit jenem Abend weiß ich es, da die verhängnisvolle Nachricht von der schweren Ber- wUndung Ihres Bruders eintraf; ■— da flüchtete sie zu mir, erkennend, daß ich ihren Schmerz teilen und lindern konnte, und seitdem leben wir in bangender, heimlicher Liebe." — Nun saßen sie noch lange und schufen Zukunftsbilder. - verbrüderten sich und der Wein löste Herz und Zunge. - Laugst nach Mitternacht berichtete auch Hugo von seiner vor- borg eitert, heiligen Liebe, von dein blondlockigen KUtscherstöchter- *5®. öcn Blitzaugen und Perlenzähnchen und von seiner festen Ilosicht, es M heiraten trotz Vater und Millionen. t y ■ '"T11 minderen Morgen, als sich Hugo und Magdä am Ammon- Mtze trafen, gesellte sich noch ein Dritter hinzu, Hennig. Magda Ichmollte anfangs ein wenig, daß sie nicht allein mit Hugo den Ausflug nach Pillnitz unternehmen konnte, aber die offene, b-edere Art Hennigs gewann sie schnell für ihn und S Rasthof zum goldenen Löwen in Pillnitz anstieß auf ..cagdas unb ^renes Wohlergehen, ahnte sie, daß sie in Hennig einen zukünftigen Verwandten erblicken konnte. , 10. Kapitel. Deo Winter setzte ein mit bitterkalten Frösten. Das spürten die deutschen Brüder draußen int Feindeslande am meisten Mer tn der Heimat mühten sich viele tausend deutscher Frauen, den wackeren Ktiegeim die Lasten des Krieges mit trogen zu helfen. — Ganze Wagenladungen gespendete Decken, ganze Ballen warmer Unterkleider gmgen ab nach den KaMpfesfeldern. Auch in der Heimat litt mancher unter des Winters strengem Negiment. Da zog einer int1 Elbtal entlang int dünnen Kittel und mit knurrendem Magen. . , ^n. ^nrch und durch, daß die Zähne schlugen. Mer der Bursche gmg weiter, die großen Augen immer nach der Ferne ??vich^et. Unb wenn der Elb ström eine neue Biegung machte unb bie Mauern der Albrechisburg sich noch imMer iiicht zeigen wollten, M^n noch größer unb die blassen Wangen noch UM einen Schein bleicher. ' o blinkte die Burg mit ihren weißen Dächern herüber, endlich stzand er am Brückenkopf uno endlich auch vor dem Erkerhaus am Kleinmarkt. . ' ' -^erte 7-~- .ber also = ! Die Freude Über- Stiw'rar Kälte, nicht Hunger, er fühlte nur Stn heißes Gefühl nach dem Herzen' wallen. Mr aus Sekunden Sfe*’feiler unb schloß wohlig die Augen, näbe^E^ rmpor, Stufe um Stufe brachte ihn Naher., ^hm wars, als gmg's in das Himmelreich. — Was sie wohl lagen wurde, seine Prinzessin? — Das Meffinaschild - Wn Pastor Hennig, Pension, das blitzte ihn an, so gut unb freund- . _ Gv Mg die Mngelschnur. Das Glöckchen ertönte schrill durch das ganze Haus: Drin ward es! lebendig : Türen schlugen Stimmen Murrten unb helles Lachen ertönte. Wö' etimtnen fachen — —! Das Lachen — —! So kann auf Erden nur emes lachen - - so hell, so silbern, so von .Her en kommlnd — so zu Herren gehend. ' Er lachte mit, aber nicht laut, nur innerlich. ptun rannte man drinnen, man schob und drängte sich, als wollte em ledes zuerst öffnen. „Der Briefträger,--le facteur!" jubelte Man durcheinau- ichlug auf, ein schwarzhaariges Mädchen mit dunklen Mandelförmigen Augen und ganz in Schwarz gekleidet stand da' --— bloß ein Bettler!!"--Ein Griff in die o r wie ^lug zu, — die Stimmen verhallten, — das Lachen verklang.--Nun war es still Der Bursch« draußen staub auch still; mit gesenktem Kopf stand er da und blickte auf feine Hand. Da lag etwas drin: ein großer kupferner Dreier im schmutzigen Kleide. Der lächelte ihn so höhnisch an.--In feinen Augen schwamm es, es zitterte und perlte und eine große, dicke Träne samMelte sich an der Wimper--- sie zitterte — unb jetzt fiel st« herab mitten auf den Kupferdreier. Es war ein salziger Gr biß sich in bas schmutzige Kleib, und das Geldstück bekam einen Fleck. Immer noch stand der arme Junge Der Frost kroch ihm jetzt durch den Kittel, durch die Haut, durch bas Fleisch und rüttelte die Knochen. — Die wärmende Hois- nung war verflogen. Er schlich die Stufen hinunter, an de» Häusern entlang durch die Stadt. Seine Faust umspannte fest den Dreier, vor seinen Ohren rauschte es in gleichen Tönen: „Bloß ein Bettler!"-- Oben ballten sich die Wolken, sie schoben sich übereinander, graue unb schwarze. Alles grau, außen und innen. Doch nein, da kam etwas Weißes geflogen, hell unb glitzernd. Das setzte sich auf seinen Kittel, -ein glitzernder Stern.--- Da — dort —■: 77 ' imMer mehr solcher weißer Flocken hüpften herunter, die schwarze Erdscholle ist schon überzogen, die Stengel am Gartenzaun bekommen weiße Häubchen unb bie Fichtenzweige im Walde Weihimchisschnee. Der Bursche geht weiter, eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden; — — er schleppt sich weiter. Nur mühsam ziehen! sich die Beine aus dem Schnee. Jetzt wollen sie gar nicht mehr, und der Magen mitt auch nicht mehr. — Er denkt an gar nichts Als er an einer Holzklafter saß, fielen ihm die Augen zu —'und die Faust umspannte den Kupfevdreier, unb die Lippen öffneten ick)-' »Bloß ein Bettler," murmelte er schläfrig hervor. * « * "HolM, wen bringt Ihr ba?" fragte der Mühlherr der Ofchatzer Mühle in die schneeige Nacht. ** "Einen Erfrorenen. — Wir fanden ihn im Schlage draußen' an einer Holzklafter liegend." „Na — vielleicht wird er wieder uwbil." , Man rieb ihn mit Schnee. Er war steif wie ein Stein und die Glieder'spröde wie Glas. Endlich, endlich wich die Starre, der Lebenshauch kehrte zurück. Die Lippen bewegten sich, doch der Mund war trocken. Man flößte ihm Tee ein, unb die Lippen bewegten sich wieder: „Bloß ein Bettler!"-- Das klang so erschütternd, in den Worten lag solcher Schmerz! Den Umstehenden wurden bie Augen feucht und die Herzen warm. Drei Tage später stand der Gerettete schon wieder am- Mehlkasten. Der gute Mühlherr hatte ihn als Müllerburschen engagiert, obgleich er gar feinen brauchte.--— (Fortsetzung folgt.) Hugo von HofmannsHal. Von Walter Behr end. Den Majaschleier der Dichtung wirkend, Goldranken und Yasmin aller Träume verwebend, erscheint Hofmannsthal als melancholischer Nachzügler Grillparzers, der mit . Bert nicht einig war, jenseits ihrer Härten das Zwischen- Lei$. feW Frischen Bühne aufschlug. We der vergrämte, ~ sy.". _ b lveiß er mit seines Formtalents nachkmgelnden Kräften eigene Schönheiten zu bilden, vr Jatte 7' i>em naturalistischen Antiillusionismus nichts zu schaffen und diesem keinen Tribut gezahlt. Er drang spater durch als der Genter Maeterlinck, der mystisch- weinerlrche Nachahmer Shakespeares, dessen greise Könige und fahle Prinzessinnen von grünem Mondlicht beschienen sind. Die Wende ästhetischer Anschauung dämnterte, und 567 — die Schwertgänger der Neurvmantik erhoben sich. Mit Begeisterung grüßte die gallische Jmpressionistenart des modischen Hermann Bahr die Anfänge des jugendlichen Hofmannsthal, der gleichfalls den stark romanischen Zusatz im Empfinden und Blut der Tonaustädter offenbarte. Den Kritiker von Wien dünkte, daß den zarten Alexandriner eine Stimmung nicht an den Frühling, den Mond oder das Gewitter, sondern an einen alten Dolch oder einen reich verwerten Becher erinnere. Abgeklärtheit und die Schwermut alter Völker zeigte der an Hypertrophie leidende Dichter. Er gebietet über die Schätze seltener Geister und kennt die purpurnen Traumkräfte des Südens. Orientalische Sinnlichkeit, die ihm die Plastik der Vision erblühen ließ, überwuchert den spärlichen nordischen Gemütstrieb im Naturell dieses blassen Uniprägcrs. Er träumt von silbernen Alhambranächten, hat schwärmerische Augen und den Pomp der Rhapsoden, die mit feierlichem Antlitz goldene Harfen- stränge schlagen. Spätlingswehmut brennt in ihm, der Zweisel hüllt ihn in tragische Gloriole, fängt den Sklaven der schönen Rede mit Goldketten. Von überladenen Renaissancesarkophagen, aus den Alkaden der Venetianerpalüste eilt er zu antiken Stoffen, über die er unstete Flammen lodern läßt, über der Grazie des Rokoko schluchzen Kadenzen des Schmerzes. Auch Heroengewalt und Barbarenverruchtheit erscheinen aus dem Prunktheater dieses Dramatikers. Vor seinen Dekorationen stehen Figuren mit Aristokratengebaren und italienischem Geschmeide, fahle Renaissancetypen, Abenteurer mit atlasblitzenden Seladon- fräcken, ime verzerrte Altertumskönige, und pathetische Rachemegären aus dem griechischen Mythos. Den wuchtigen Basreliefs der Ueberlieferung gab er neue Tünche. Unter dem Pseudonym Theophil Morrenz bescherte Hofmannsthal 1891 der Oeffentlichkeit das Miniaturendrama „Gestern", das in Mendröte und flehenden Petrarca- sehnsüchten verklingt, ein Adagio auf klagenden Amatisaiten, voll Gram, Schwermut und Entsagung. Vor dem Abe^d- himmel zu Imola, unter den Lorbeergewinden und Zephyr- düfteu der Paradiese von Bologna, der Augenweide von Carraci und Guido Reni, ertönt Andreas' Schwanensang. IN eine inbrünstige Anbetung des Lebens versunken, hat er endlich nur noch Seufzer und Tränen. Um diesen Turchkoster höchsten Lebens und sensitiven Hüter lichter Vergangenheiten schwebt das Weibchen Arlette, das ihn unter Fliederdolden betrügt und kokett den feisten Kardinal umgaukelt. Zu ihrer Gruppe gesellen sich der hakennasige Condottiere Vespasiano, Mosca, der Parasit mit den Schnabelschuhen, der Komödiant Corbaccio in buntem Kostüm, Maler und Musiker. Dahinter züngelt der brennende Scheiterhaufen um den hageren Bußprediger von Florenz und heult dessen blutrünstiger Pöbel. Dann steigen in Sonnenröte die Adlerantlitze der sagenhaften Idealisten des Cinquecento aus, schwärmerische Jünglingsköpfe, wie sie in der Pracht der Medicäerzeit leuchten. Zu Böcklins Gedächtnis ward 1892 das Stück „Der Tod des Tizian" geschrieben, daß sich unter Damastgehängen, vor dem trauernden Rosenflor von Tizians Terrasse abspielt. Versonnene Jünger erlauschen des großen Cadoresers letzten Hauch, der in fieberischer Seligkeit hinstirbt. Der Renaissancedramen Reihe wird dann abgebrochen. Um erst im Vorspiel zum „Theater in Versen" wieder üuszuglänzen. Es folgt das Stück „Der ^or und der T o d". Claudos sentimental verdüstertes Selbstgespräch ist ein faustischer Mondlichtmonolog, in der Biedermaiertracht, im Empiregemach. Ter verwunschene Dekadent bricht beim Violinensang in Verklärungspathos aus, wie Goethes silber- bärtiger Uebermensch bei des Osterchors Akkorden, hat, wie dieser beim Anblick der Erdgeister, einen Laut des Entsetzens, als er den Tod mit der Fiedel erblickt. In Marionettenstarre durchwandeln Verblichene das Gemach, die Mutter, die Geliebte, der Freund. Claudio bricht, im Sterben das Sein fühlend, zusammen; der Tod verschwindet hinter den Kulissen. Ter Akt duftet nach Lavendel und hat konstruktive Härten. Tann sei das „Kleine Welttheate r" erwähnt. Tie wirre Symbolik des Puppenspiels, das von wunderbaren Versen getragen wird, ist Maeterlinck abgelauscht. Ueber einer Uferlandschaft mit einer Brücke verblaßt der Abendhimmel. Sinnende Gestalten, der Dichter, der Gärtner, der junge Herr, der Fremde, das Mädchen erscheinen. Ju der Ferne bläst ein Bänkelsänger, die bleiche Larve eines | Irrsinnigen wird in Träumen von grünen Mondesstrahlen • bespielt. Sein Gelächter beschließt das Poem, das Auf- und Ahwandelu reflektierender Glücklicher. Hieraus ist Hosmannsthal unter den Einfluß der schillernden Phrasentragödic d'Annunzios und seiner betörenden Technik geraten. Ter „Traum eines Herbstabends", die Eifersucht her Gradeniga unter vergoldeten Laternen, türkischen Teppichen und Fackelhaltern, die blassen, von Spangen klirrenden Arme dieses Weibes, die späten Medea- flammen ihres Herzens, ihr Wüten unter Zypressen und Purpurwolken bestachen seinen enipfänglichen Aesthetensinn. Von per Szene dieser Zaubertat am schmälenden Kohlenbecken, von dem zischelnden Haß der Dogaressa über dem mit Goldnadeln zerstochenen Wachsbild, dem Akt im roten Licht, in dessen Panorama die Prunkbarke „Bucentaur" mit der Leiche der Buhlerin Pentea lodert, hat er gelernt. Die Fabel von der Madonna Dianora, welche in d'Annnnzios „Sogno d'un mattino di primavera" die unglückliche Isabella, die schlafend im Blut ihres erdolchten Buhlen lag, dem Arzt erzählt, ist von Hosmannsthal zu dem Einakter „Die Frau am Fenster" umgearbeitet worden. Knappe Tragik ist das Geschick der wimmernden Ehebrecherin, der Tochter Eolleonis, die vom finsteren Gatten mit der seidenen Strickleiter erdrosselt wird, worauf Palla dagli Abbizzi in ihr Gemach gestiegen, war. Der unruhige Schluß läßt sie in bleichen Aengsten blicken, niit dem Lachen des Grausens und trunkener Mänadengeste. Die milde Trauer der Grill- parzertragödie ist im orientalischen Stück „Die Hochzeit der So beide" enthalten, in dem beim Glanz der Mondsichel vom Nachthimmel das Weib des alten Krämers, der es freigibt, zum Geliebten eilt. Wie phantastischer Spuk flimmert der zweite Akt, in dem Sobekde über den Scherben ihrer armen Liebe schluchzt; ein geiziger Lüstling hockt unter den Ampeln, während ein musizierender Zwerg und weibische Sklaven über die Szene gehen und eine Buhlerin perlende Wassertropfen aus ihrem Haar streicht. An Sobeldens Leiche spricht der um die Hochzeit betrogene Gemahl von des Lebens Bitterkeit. Tann sei des dritten Bühnenspiels aus dem „Theater üt Versen" Erwähnung getan, das seiner Darstellung bedarf, eine Plauderei vom holden Augenblick. Intim müßte das Theater sein, mit barocken Logen, silbernen Rampenlichtern vor des Vorhangs Scharlachdraperie. Es ist das Stück „T erAbenteurerunddieSängeri n", ein Spiel von lächelnden Amoretten und vergeudeten Lüsten, in Parfümwölkchen, int rötlichen Halb licht der Boudoirs des venetianischen Rokoko. Interieurs tun sich auf, in denen Ambrakerzen auf reichen Kandelabern brennen, sublime Figürchen in Atlasfräcken plänkeln, mit Lockeutoupets, von Brillanten berieselt, mit zarten Grandseigneurmienen und schmaler Hand, die mit verzierten Galauteriedegen tändelt. Nickende Silhouetten, dazwischen girrende Kourtisanen iin Spitzenschmuck, vor verschwiegenen Spiegeln, über denen sich Baldachine von violetter Seide bauschen, klappernde Pantöffelchen und etwas Tragödie. Ter abenteuerliche Casanova, einer Wollustkultur vergötterter Erotiker, durcheilt als holländischer Baron Weidenstamm die Szene. Tas Menuett seines Lebens stirbt ab. Die Jagd begehrlicher Sinne scheuchte die Skrupel von ihm, der frivol zwinkernd der tausend Seidenbünder gedenkt, die er von Damenknien streifte. Ueberschwang und Eleganz hat er noch, aitch etwas. Wehmut über verwirkte Jugend und zertretene Perlen, darüber die zerknitterte Maske verrauchter Leidenschaften. Ter Abenteurer sitzt in der Oper zu Venedig, plaudert mit Lorenzo Venter, dem Gatten der Sängerin Vittoria, seiner, Geliebteit vor fünfzehn Jahren, die auf der Bühne erblaßt. Er drechselt Kapriolen der galanten Zeit, küßt den Arm der! Tänzerin Corticelli und windet schwärmerisch einen Goldschmuck um den Hals der Redegonda. Vor grünem Vorhang zaubert ein konzertierendes Quartett graziöse Melodien. Der Abenteurer wandelt am Arm Cesarinos, seines Sohnes, und spielt in versäuselndem Duett mit Lorenzos Gattin das Spiel der Täuschung. Auf schaukelnder Gondel nimmt er Abschied. Die Sängerin betritt die Galerie, Cesarino schleicht über die Bühne, lauscht irud ruft bebend nach Venier, Vittoria sänge das große Lied der Ariadne, „das sie seit Jahren nicht hat singen woll'n". Wie der Wiener Beer-Hofmann in seinem „Grafen Che- rolais" Massingers „Fatal dowry" nacherzählte, hat auch Hofmannsthal auf ein von Blitzen erhelltes Nachtreich ohnmächtiger Größe zurückgeblickt. Er bemächtigte sich der Phantasie eines englischen Dichters, der nach den Elisabetha- nern kam, er wählte des . Thomas Otway „Venice preserved 568 or « Plot discovered", dem sich auch Goethe und Grillparzer Angewandt haben. Der Vagabund, von dem Taine schlicht sagte: „Jl ne lut manque que de naitre cent ans plus tot", verpraßte, was noch groß war an sinkenden Zeiten; als müßte auch an ihm sich das Verhängnis erfüllen, das über den dämonischen Poeten Marlowe und Massinger wetterte, die ihre Gottheit im Schmutz, qualmiger Tavernen erniedrigten. Die Chronik berichtet dürftig von ihm, er sei 1651 zu Drothin geboren worden, nacheinander Student, Schauspieler und Soldat in Flandern gewesen. Hungernd schlich er in ein Kaffeehaus, erbettelte dort einen Schilling und erstickte am Brote, das er gierig verschlang. Das Armesünderfatum eines königlichen Menschen, der ächzend an den Janusgesichtern der Hoffnung und Verzweiflung vorübertaumelte, die Höllentragik dieses Geistes suchte Hofmannsthal nachzustammeln. Seinem „Geretteten Venedig" gibt er eine andere Einleitung als der Brite. Er zeigt Belvideras Qual unter Gaffern und läßt Jaffier die Szene berichten, die jener bei Otway mit dem Senator Priuli hat. Geändert ist die Beratung der Verschwörer auf der Lagune, Szenen des Jaffier, der Aquilin«, und Hofmannsthals Senator Dolfin muß würdiger und schwatzhafter sein, als Otways Antonio. Theatralisch ist die von Hofmannsthal hinzugefügte Szene, in der man Lichter anzündet und die kreischende Aquilin« in flatterndem Gewand von Pierre ans den Balkon gezerrt wird. Jaffier darf nicht Pierre und sich selbst erdolchen. Jener endet durch den Henker, dieser soll ersäuft werden, setzt aber eine Pistole an seine Stirn. Belvidera stirbt nicht in Sphärenmusik, wie im „Venice preserved", blutige Geister der Freunde schweben nicht aus, und Priuli ist stricht mehr der richtende Vater. Im ersten von Hofmannsthals Griechenstücken wandelt die entstellte „E l e k t r a" des Euripides über die Bretter als tobende Mänade. Klytämnestra tritt mit gedunsenem Gesicht, in rotem Kleid auf, an dem Edelsteine und Talismane klirren. Sie v/rendet mit Rabenschrei, als der schattenhaft erscheinende Orest sie hinter der Szene abwürgt. Die zweite Nachdichtung hat zum Vorbild die Sophokleische Oedi- pustragödie, die als ,,O e d i p n s und die S P h i n x" präsentiert ward. Die Antike ist nach der Art von Jvsephin Psladans „Oedipe et le Sphinx" behandelt. Kreon streckt die Hände nach der strahlenden Krone aus, Oedtpus ist der Heilbringer. Der Schrei der Sphinx gellt, singende Griechen wallen im Tal, die grause Hochzeit hebt an. Das Blutgeheimnis glüht unter Schleiern. Auch hier ist Hofmannsthals schwerer Mosaikpracht nicht ausgewichen. Er tat, als gehöre er nach Byzanz, nnd hat sich im Grunde als das erwiesen, was er mit seinen Schwächen und Verirrungen bleiben wird: kein ursprüngliches, doch ein formal begnadetes Talent.*) *) Bon Hofmannsthals Dramen sind „Gestern", das „Theater in Versen", die „Elektra", der „Oedipus" bei S. Fischer in Wertin, die übrigen im Insel-Verlag zu Leipzig erschienen. Nermischtss. * Brot ans Kartoffeln. Kartoffelmehl ist stets weniger fiahrhast als Getreidemehl. Landesüblich besteht auch das Brot stets auS Roggen- und Weizenmehl. In Ungarn, wo man ans- schlicßlich Brot aus Weizenmehl verzehrt, gibt man allerdings von jeher Kartoffelbrei in den Brotteig. Für den Fremden eine zuerst geschmackstörende, wenn Kartoffelstücke darin vorkommen, sogar widerliche Zutat. Bei uns in Deutschland aber, wo man z. B. i:t den Mühlen die Beimengung von Weizenmehl unter Roggenmehl so streng verfolgt, nnd als Nahrungsmittelfälschung erkennt, obwohl der Nährwert dabei kanm vermindert wird, dürfte doch ein Kartoffel-Walzmehl-Zusatz im Brot auch deklarations- pflicht.g sein; solches Brot könnte auch nicht als gewöhnliches Brot verkauft werden. Auch ist der Nährwert eines solchen Brotes entschieden minderwertig. Unzähligem«! ist schon angeftrebt worden, Brot mit Kärtoffelzusatz herzustcllen, aber der Volksgeschmack sträubt sich mit Recht gegen solches Füllmaterial ohne Nährkrast. Schon Liebig schreibt in seinen 1844 erschienenen „Chemischen Briefen", daß alle solche Bemühungen zwecklos wären, und weiter in demselben Absatz: „Es gibt nur ein nachhaltiges Mittel für die weitesten Kreise die Not der ärmeren Klassen zu inindern, das darin besteht, daß der ganze im Getreide enthaltene Nährstoff den: Menschen zugeführt wird." * Humor des Auslandes. Der Advokat der Frau: „Der Ehegatte ist ein brutaler, grober und jähzorniger Mensch! . . ."— Der Advokat des Mannes: „Diese Frau ist eine perverse, streitsüchti.g'e, unerträgliche Person .- -. ." •-= Der Richter: „Erlauben Sre, meine Herren, wie kommen Sie bann zu der Behauptung, daß die Charaktere nicht zueinander paffen?" — — Die Tante (die Geschichte tiont Dornröschen erzählend): „Was meinst du wohl gab der Prinz der Königstochter, um sie aufzuwecken? Nun, wie weckt deine Mama dich denn auf? Was' gibt sie dir morgens?" — Elise: „Einen Löffel Lebertran, Tante."--Präsidentin des Vereins der Frauenrechtlerinnen: „Nun wir organisiert sind, wird das erste sein, was wir tun müssen —" — Alle: „Daß wir uns photographieren lassen!" Gesundheitspflege. Trinkwasser. Sehr viele Menschen trinken nicht nur in dem Maße, das ersordcrlich wäre, um ihren Durst zu stillen, sondern sie trinken, weil ihnen der Trank „schmeckt". In dieser weitverbreiteten Gewohnheit liegt eine sehr allgemeine und nicht zu unterschätzende Gesahr, Sie verführt näinlich leicht zu einem Ilebermaß. Der Organismus ist nicht in allzugroßer Weise fähig, zu empfinden, was ihm wohltut und was nicht. Bei der Aufnahme von Getränken ist biologisch die Stillung des Durstgesühls der Maßstab für das „Genug". Wer also dem Geschmackssinn zu Liebe trinkt, wird sehr leicht über das Ziel hinausschießen und dainit den physiologischen Mechanismus in unnatürlicher Weise beanspruchen. Diese Tatsache ist für einen großen Teil der Fälle von Trunksucht und anderer gesundheitsschädlicher Dinge haftbar. Ein durstiger Mensch, der seinen Durst nicht stillen kann, wenn sein Getränk nicht irgend ein gcschmackreizendes Mittel enthält, hat bereits eine gesundheits- fchädliche Gewohnheit angenommen, die man in sehr strengem Sinne als krankhaite Gewohnheit bezeichnen könnte. Der Alkohol des Weins und Biers, die Alkaloide des Kaffees und Tees, die Bestandteile des „Bittern", die Kohlensäure iin Sodawasser sind alles Reizmittel rmd führen dem Organismus Dinge zu, die über das bloße durststillende Getränk htnausgehen. Sie'löschen daher nicht den Dnrst in dem Sinne wie reines Wasser. Das gewöhnliche Trink- wasier kommt leider immer mehr und mehr in Verruf. Bazillenfurcht oder Augst vor „Insekten" erzeugen den falschen Glauben, daß Zusetzen von Spirituosen, Malz oder anderen Dingen das Wasser „besser" mache; die Gesahr dieses Aberglaubens springt in die Augen, da sie cs mit sich bringt, daß unter dein Antrieb großen Durstes ungeheure Mengen von Alkohol, Tee, Tannin, Kohlensäure rmd dergleichen Dinge mehr ausgeirommen werden, die früher oder später ihre Folgen geltend machen rmd auf die Darier den Organismus in ernstlicher Werse angreiien. Es gibt natürlich Fälle, wo ein stimulierender Zusatz ou§ medizinischen Gründen geboten ist, wenn es sich aber darnnr handelt beit Durst zu löschen, ist reines Wasser das gesündeste Getränk. Beschauliches und Erbauliches. Die Jugend seh ich an, nicht etiva tadelnd, geschiveige neidend, sondern halb wehmütig, glückwünschend zu ihrem Glück. Ich sage nicht: „seid nicht zu froh", sondern ich denke: „seid recht froh uiid genug! Ihr selber stihlt jetzt nicht, daß eure Freude nie so wiederkommt; beim euer Glaube an deren Fortdauer gehört ja eben zu ihrer Glut und ihrem Manz!" Ich Hörle alle M u t t e r h c r z e n lauter schlagen, und sah die Mutteraugen länger wach; und in jeder ermüdeten, sorgenden Mutier kam mir der alte Gedanke und die alte Freude entgegen, daß die Mütter unserem Geiste Wärme geben, und die Väter Licht, daß wir jenen die warme Belebung des Herzens durch Liebe früher danken als diesen die Bereicherung des Kopfes. Alle Leiden werden unerträglich düster, wenn man ihnen die frohe Beleuchtung durch daS Licht der andern Welt entzieht^ jo nehmen in der Nacht alle auch sonst glänzenden Wolken die schwarze Gestalt von Regen- und Gewitterwolken an. __Jean Paul. Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des dreisilbigen Rätsels in voriger Nummerr S ch u l d s ch e i n. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.