M8 mi « Ä h Z. / MM 1 Herr Lecoq. Kiriminal-Roman von E. Gaborkan. Nachdruck verboten. (Schluß.) Da tarn vor etwa einem Vierteljahr ein Brief von der Wiitve Chupin an mich. Sie mußte etwas von deut Geheimnis ev- fahven haben, denn sie schrieb kurz und bündig: „Frau Herzogin! ich erwarte Sie morgen mittag in meiner Wirtschaft, der „Pfefferbüchse". Es handelt sich um die Angelegenheit von der Borderie. Wenn Sie bis zwei Uhr nicht bei mir gewesen sind, gebe ich einen Brief an den Herrn Herzog auf die Post." Ich ging hi»,' es war an dein Tage, als Sie mir folgten. Dann erhielt ich die Aufforderung, mich an jenem Sonntagabend um zehn Uhr draußen einzufinden. Ich wollte nicht, ich fürchtete einen Hinterhalt. Mer ich erhielt neue Drohungeil, und unter anderem schrieb sie mir auch, Mariannes wieder aufgefundener Sohn würde da feilt. Dies entschied mich. Ich hatte eine schwache Hoffnung, ihn für mich zu gewinnen, in ihm einen Schuh gegen die Ch-upins zu finden. So ging ich denn in einer Berkleiduilg, von meiner vertrauten Kammerfrau Camilla begleitet, an dem verhängnisvollen Abend in das Unglückshaus. Leider hatte ich mein Kommen in einem Billett zugesagt. Es würde in die Hände der Polizei gefallen sein, alles wäre entdeckt, unser Nanre auf ewig befleckt worden sein, wenn nicht Ihr treuer Otto den Brief Noch glücklich aus der Spelunke herausgeholt hätte.--— Die Herzogin hatte ihre lange Beichte und die Geschichte ihrer vieljährigen Büßung nur ganz unzusammenhängend Her- Vorbringen können. Bald sank ihre Stimme zu einem kaum hörbaren Flüstern herab, bald wurden ihre Worte von Schluchzen und Weinen erstickt. Als sie geendigt, warf sie sich auf das Ruhebett, ihr Gesicht in ein seidenes Kissen vergraben, den ganzen Körper von krampfhaftem Schluchzen erschüttert. Plötzlich fuhr sie empor und schrie: Martial! Martial! Gibt es denn keine Gnade bei Gott und den Menschen? Sie sah sich wild in ihrem Boudoir um; es war leer. Ihr Gatte hatte mit leisen Schritten das Zimmer verlassen. — — In seinem prachtvollen Bibliothekzimmer ging der Herzog von Sairmeuse unruhig und sorgenvoll auf und ab. Die eben vernommenen Worte seiner GeiMhlin hatten ihn tief erschüttert; aber er hatte die Wahrheit nur zu gut geahnt, er hatte eigentlich nichts gehört, was er nicht erwartet halte. Eine größere Sorge bedrückte ihn: würde der Kampf um die Ehre des Namens »richt doch vergeblich sein? Wer !var der Feind, der im Verborgenen den furchtbaren Hinterhalt in der Spelunke der Witwe Chupin gelegt hatte? Olme Zweifel Lacheneur. Aber wo war dieser? Wie kam es, daß die Polizei ihn mit aller Mühe nicht hatte auffinden können? Brütete er irgend wo in Paris oder an xinem anderen Ort neues Unheil gegen das Haus Sairmeuse? Ein leises Klopfen an der Tür unterbrach den Herzog in seinen Gedanken; er erkannte das Pochen seines Kammerdieners Otto und rief: Endlich! Herein! Ein Blick in das Gesicht des treuen Dieners zeigte ihnt, daß dieser gute Nachrichten bringen mußte. Monseigneur mögen sich Glück wünschen, sagte Otto, dieser Lacheneur wird Ihnen nicht mehr gefährlich werden: er ist tot! Ah! Und woher weißt du das? Nachdem ich gestern, wie der gnädige Herr wissen, den ganzen Tag vergeblich gesucht hatte, fiel mir heute nacht int Bett etwas ein. Ich sagte mir: Daß Lacheneur von der Polizei nicht auf- gefunden ist, beweist gar nichts. Er konnte ja Paris verlasse^ haben. Aber warum ist er an jenem Abend nicht in der „Pfefferbüchse" erschienen? Er hatte doch sein Kommen versprochen; die anderen, der Gustave und die beiden Strolche waren auf zehn Uhr bestellt, und als der Streit losbrach, war es elf. Es war also leicht möglich, daß Lacheneur durch einen Unfall am Kommen verhindert worden ivar, und in diesem Fall tvar es mehr als wahrscheinlich, daß er in ein Krankenhaus verbracht war, denn, wäre er tödlich verunglückt, so hätte feine Leiche an die Morgue abgeliefert werden müssen. Ich machte mich also aus die Suche und hatte ein unerwartetes Glück, denn gleich im ersten Krankenhaus, dem Hotel Dieu, fand ich unseren Mann, oder vielmehr ich sand ihn nicht, denn er ist vor sechs Wochen schon gestorben, aber ich erlangte die Gewißk- heit, daß eS nur Lacheneur gewesen sein kann. Es ist ein wahres Glück, daß Monseigneur den Lacheneur an jenem Mittag draußen bei der „Pfefferbüchse" gesehen hatten. Ich konnte also sein Signalement geben, und der Oberwärter, an den ich mich wandte, erkannte ihn sofort daran. Nur von dem Namen wußte er nichts'. Man hatte am Faschingschontag in einem der Steinbrüche zwischen dem „Regenbogen" und der „Pfefferbüchse" einen furchtbar zerschmetterten männlichen Körper gefunden. Man glaubte, es sei eine Leithe, aber der Mann lebte noch. Er wurde also ins Hotel Dien geschafft; dort lebte er noch vierzehn Tage, hat aber keinen Augenblick das Bewußtsein wiedererlangt. Man wußte also nicht, wer er wäre, da sich auch in seinen Kleidern keine Anhaltspunkte sanden. In seiner Geldtasche hatten sich nur wenige Franken befunden. Diese Kleider, so schlecht und zerfetzt sie waren, sollten verkauft werden, um die Pflegekosteu wenigstens zum Teil zu decken. Ich sagte dem Oberwärter, sie konnten sich diese Mühe sparen; denn der Mann sei der von mir gesuchte Verwandte. Ich bezahlte die Pflegekosten und erhielt dafür die Kleider auSgehändigt. In' einer Tasche derselben fand ich einen Brief, aus dem freilich die Hofpitalverwaltung nichts entnehmen konnte, der aber für jeden Eingeweihten klar und deutlich ist. Er ist nur kurz und lautet: Lieber Freund! Ich werde pünktlich um 10 Uhr in der P. sein. Gustave. Also, Herr Herzog, Lacheneur ist tot, er hat vor seinem Ende nichts verraten können, da er nicht lvieder zum Bewußt- sein gekommen ist, und dem Chupinschen Gesindel ist leicht bei! Mund zu stopfen, da die Leute doch nichts wissen. Aber der Gustave, sagte der Herzog nachdenklich; hast dn herausgebracht, in welchen Beziehungen er zu Lacheneur stand? So ganz genau nicht, Herr Herzog. Nur so viel steht fest. 770 büß et aus keinen Fall der verschwundene Sohn des Herrn d-'Es- lorval und Mariannens war. Allen» AnfckMin nach war er ein Jüngling ans reicher Familie, der sein Erbe durchgebracht hatte und immer tiefer gesunken >var. Die Aussicht auf eine große Belohnung wird ihn verlockt haben, ai»f Lacheneurs Vorschlag «inzugeheir imb tu der Verkleidung eines Soldaten an den» gegen die Iran Herzogin geplanten Streich teilznnehnien. Ich danke dir, Otto, du bist ein treuer Diener! sagte der Herzog. Ja, ich glaube, die Sache ist zu Ende. Allerdings ist da noch dieser Leeoq . . . Vah, gnädiger Herr, den Lecog habe»» wir ja so regelrecht angeführt.' Hat er nicht mit Ihnen gesprochen, ohne Sie zu erkennen, als Sie in der Badewanne saßen, nachdem ich Ihnen eine Viertelstunde vorher den Bart abgenommen hatte? Bah, x ß cCOQ! Und Herr und Diener sahen sich an und lachten unwillkürlich. Doch des Herzogs Züge wrirden sofort »nieder ernst; er verabschiedete den Kammerdiener durch einet» Wink und ging wieder im Zimmer aus und ab. Mag denn die Vergangenheit begraben fein! ries er, plötzlich still stehend. Ja, die Ehre ist gerettet; der Name Sairnteuse itz und bleibt unbefleckt. Er unterbrach sich: die Tür öffnete sich, und Otto erschien mit einem Brief, der ans einer Silberplatte lag. Von der Frau Herzogin! tagte er mit einer Verbeugung. Der Herzog riß den Unischlag ab; der Brief bestand nur aus zwei Zeilen: „Martial, Du weißt jetzt alles, und ich — ich sterbe. Leb' wohl, ich liebte Dich. Manche." In zwei Sätzen war der Herzog in den Gemächern seiner Gemahlin. Die Tür ihres Schlafzimmers war verschlossen. Er sprengte sie auf. Zn spät! ,, _ , Herzogin Blanche war, Wie Maria»»ue, o.n Gift gestorben. Uber sie hatte sich eins zu verschassen gewusst, das sie mit Blitzesschnelle tötete. In vollen Kleidern auf ihrem Bette liegend, die Hände auf der Brust gefaltet, schien sie zu schlummern. Eine Träne glänzte in Martials Augen. Armes, unglücklichLs Weib! flüsterte er. Möge Gott- dir VeMihen, wie ich dir bein Verbrechen verzeihe, das du bereits lienieben so furchtbar gebüßt hast! Seit dem Tode der Herzogin Manche de Sairmense war etn Monat vergangen. . Der Herzog saß in seiner Bibliothek und las, als fein Kammerdiener Otto eintrat und ihm meldete, draußen warte ein Dienst- mann mit einen» zu eigenen Händen zu übergebenden Brief von Herr»» Maurice d'Eseorval. Ist es möglich! rief Martial aufspringend. Und hastig fügte tef hinzu: Laß den Dienstmann eintreten! Ein dicker Manu mit rotem Gesicht und roten» Bart- und Haupthaar trat ein und überreichte linkisch einen Brief. Der Herzog las: „Ich habe Sie gerettet, Herr Herzog, inbem ich den Angcschul- digten Mai nicht erkannte. Helfen Sie mir nun Ihrerseits! Ich brauche übermorgen vormittag 260000 J-ranken. Ich vertraue völlig auf Ihre Ehre und schreibe daher un- Ledeuklich diese Zeilen. Maurice d'Eseorval. Eine Minute lang ftanb Martial in Nachdenken versunken; dann eilte er an seinen Schreibtisch und schrieb, ohne zu bemerken, daß der Dienstmann leise herangetreten war und über seine Schulter hinweg las: , , , x Sehr geehrter Herr! Nicht übermorgen, sonder»» bereits heute Nachmittag! Mein Vermögen und mein Leben gehören Ihnen. Ich schulde sie Ihnen für den Edelmut, womit Sie sich zurück- zogen, als Sie unter Mais Lumpen erkannten Ihre»» alten Feind, jetzt Ihren ergebenen Freund Martial de Sairmeu»e. Er steckte bett Brief in einen Umschlag und übergab ihn nebst .einen» Geldstück den Dienstmann mit den Worte»»: Hier Ihre Antwort. Besorgen Sie sie schnell! Mer der Diettstmann rührte sich nicht voi» der Stelle; er steckte bei» Bries in die Tasche und riß darauf mit einer schnellen M-ewegung den Bart und die roten Haare ab. Leeoq! rief Martial, blaß wie der Tod werdend. Lewa — allerdings, Monseigneur, antwortete der junge Krimi- nalbeamte. Ich mußte eine Revanche habe»» — meine Zukunft King davon ab. Ich habe mir also — oh gewiß recht ungeschickt r- die Handschrift des Herrn d'Eseorval nachzuahmen erlaubt. Und da Martial schwieg, fuhr er fort, nur zu zeigen, daß er Mes wüßte: . Ich kann.übrigens Ihnen, Herr Herzog, versichern, da» »chs bei Eimeichimg der schriftlichen Bestätigung Ihrer Atriyesenheit ist der „Pfefferbüchse" zugleich die Beweise für Ihre völlige Unschuld an Gerichtsstelle hinterlegen werde. Und nach einer kurzen Pause: Da die J-rau Herzogin gestorben ist, so kommt eine Erwähnung der Vorgänge in der Borderie ja überhaupt nickst mehr in Frage. Acht Tage später erließ in der Tat Richter Segmüller eine Verfügung, daß der Herzog de Sairmense außer Verfolgung z»» setzen sei. Mn Mittsn. (Zu seinen» 300. Geburtstag, den 9. Dezember 1908.) In seinem Hymnus an? Milton hat Dcyden bei» englischen! Sänger neben Homer und Tante gestellt und ihm der Preis vor den beiden andern zuerkannt, weil er ihre Schönheiten in seinem Merke vereine. Die Nachwelt hat diesem überschwänglichen Lobredner nicht recht igtegeben; Miltotr steht uns nicht auf jenen seligen Höhe, aus der die größten Dichter aller Zeiten, ein Homer und Dante, Shakespeare rind Goethe unvergänglich strahlend herniederschauen. Sollte man feine Stellung in der Weltliteratur bestimmen, so wäre es zu den genialen, aber doch zeitlich begrenzten Talenten zu nennen, die ein letzter Erdenrest, cur ungünstiges Hemmnis der Entivicklung oder ein leiser Mangel der Begabung vvn der höchsten Bollendnug, der fleckenlosen Schönheit ausschlietzt. Sein Werk erscheint, wie daS Racrnes oder Lassos, doch als Menschen,verk, dem wir trotz der Erhabenheit seines übermenschlichen Heldentums, der Fülle reichster Poesie, ine Spuren der Endlichkeit und Zeitlichkeit aumerkeu. So wird uns bc» der Betrachtung von Miltons Kunst recht klar, wie viele Momente, welche günstige Konstellationen in geheimnisvollem Verein harmonisch znsammenwirken müssen, um der Welt ein „untadeliges Genie" zu schenken, wie gar leicht eine äußere Ablenkung, eine entgegenstehende Geistesströmung, ja ein einziger unrechter Tropsen der Blutmischung die Menschheit »nn einen ganz großen betrugen rann. Llls Milton zum Mann geworben war, hatte sich ein neues England erhoben, aus dem Chaos der religiösen Gähru»»gen- war nach der „großen Rebellion und der ruhmreichen Revolution' der finstre Geist des Puritanertumes erstanden, der noch heute dem englischen Bolkscharakter seine Prägung verleiht- Und Miltons Dichtung ward der erste, der erschütterndste Ausdruck dieser finstern, sinuenseindlichen Stimmung, dieser kriegerisch trotzigen, nüchternen Zeit. So gewaltig ist die Wandlung, die von den weichen, rir der antiken Heiterkeit der Reuaiftance sich machtvoll ausleoenden Dichtungen der Frühzeit Miltons zu der glühenden schmucklosen Strenge der Spätwerke führt, daß man sie nur aus der oazwlschen liegenden Acra der politischen Kämpfe, der umstür-zenden Vorgänge m Staat und Leben begreifen kann. Es ist, ,uie wenn man aus eriier südlich sonnigen, von melodischen Lüsten durchwehten sanft tat Licht sich breitenden Landschaft in ein starres zerklüftetes Hochgebirge träte, vvn braußenden Gießbächen durchstürmt, von majestätischen Gipfeln bekrönt und tiefen, düster, umschatteten Talern durck schnitten, grandios in seiner kahlen einsamen Pracht. ES waltet in der Entivicklung Miltons ein Bruch, den man bewundert und beklagt hat, je nachdem man vom ästhetischen oder rem memch- listen Standpunkt an die Frage heraiitrat. Seine Personlichteir ist'in den Zeiten des heroischen Leidens, des aufopferndei» idealen Wirkens für fein Volk und seine Anschauungen zu jener edlen Propheten- und Sehergestalt gesteigert worden, d»e als Muster der Lebensüberwindung und der stolzen Geistesmacht neben den Heroen der Römerzeit steht. Aber seine Poesie hat an Plast!fdjer Anschaulichkeit, an lyrischer Süße verloren; fte ist didaktlich ge- wordei», trocken und streng; sie empfangt ihre Schönheit nicht mehr aus dem eigensten Kunstwillen des Dichters, sondern ist gleichsam wider seinen Willen schöi», groß durch ben tzliiMruck einer erhabenen Persönlichkeit. Ein Leben, das als cm Idyll als ein lieblicher Morgentraum, wird, jäh aufgeschreckr durch Trompetengeschmetter und Kriegsgeschrei, zum rauhen Heldenlied, zum leidenschaftlich wilden Jdeenkampf und endet wieder »n. oich- terischer Zurückgezogenheit mit einer prophetisch rlagenoen eclegie, einem zornig wilden Sturmgesang des verbitterten Herzens. Der Dichter hat unter dem Staatsmann, dem Pamphletstten, dem Gelehrten, dem GlaubensNiauii gelitten; auch unter Milton ist etn Flügelroß der Phantasie erschossen worden! Ten»» ein gottbegnadeter Dichter war der mädcheiihafte zarte Jüngling. Ter milde lichte Geist des Platomsajen Idealismus hatte ihn berührt; aus Leben und Dichte,l ivollte er eine friede- volle Schönheit gestalten. Zur Vollendung feiner inneren Bil- tnirg ging et 1638 nach Italien und tränt mit vollen Zügen die reife südliche Schönheit, ahmte sogar in italienischen SonettA die zierliche Modepoesie der schwulstigen Akademiedichter nach. Noch tastete er umher, schloß sich bald an diese!!, bald an jenen. Stil an. Da rissen ben Verehrer hellenischer Bildung, der eben nach Griechenland aufbrechen wollte, den zum Berkünoer einet klaren Anmut Geweihten die Stürme und Erregungen der Henna! fort aus Italiens verklärte« Sphäre, ans ben holden Viftonen jungen Dichtercuhms. — 771 — . hielt es für iiiederträchtig," so hat er' später in der zweiten Schneede für das englische Volk geschrieben, „zu meinem Dergmigen schmahlrch im Auslände zu weilen, derweil meine Nntbürger zu Hanse für ihre Freiheit Knipsen." Ter sensible, rasch begeistcrie^idcaiist liess sich nun ans den hochgehenden Wogen des BoWaufruhrs tra^n und vergaß über politischen und häuslichen Konflisieu das Schönheitspriestertum, zn dem er sich vor Blem bernfc» gesuhlt hatte. Er widmete sich nun einer ausgc- Schiiten publizistischen Tätigkeit, indcnl er in englischen und la- tcinischen Flugschriften voll glänzender Beredsamkeit und fort- xe,tzender Glut Probleme und Zeitsvagen behandelte, die damals die Gemüter erhitzten. Fast unmittelbar vor Beginn des Krieges hatte er eine Ehe geschlossen,, die nach kurzer Zeit zu einem Zer- würfms der beiden Gatten rührte. Aus jenem Hefen Schmerz- Mützl heraus, schrieb nun Milton seine vier Schriften über die Ehescheidung, in denen er für eine Trennung der Ehe eintrat, falls das von ihm poetisch geschilderte Idealbild eines liebevoll -qnnonischen Ineinander- und yüreinandcrlebrn sich nicht verwirklichen lasse. Auch für eine Reform der Knabenerziehung trat der Dichter ein und bekämpfte, ähnlich wie mvderne Pädagogen, den eiuieitigesl sprachlichen linier richt, die BeLorzugung gram- «tatischer Studien, verlangte Anschauungsunterricht und eifrigere Pflege körperlicher Hebungen. Für die Abschaffung der Zensur, für Press- und Gewissensfreiheit trat er in der macht- und IW» ^iten Schrsit „Areopagitiea" mit der stolzen Forderung ein: «Gebt mrr die Freiheit zu erkennen, zu sprechen und meine ebr- 1W- Ueberzeuguiig geltend zu machen vor allen übrigen Frei- herten 1649 wurde er von Cromwell in den Staatsrat berufen «nd verfaßte als „Lateinischer Staatssekretär" die meisten Roten «nd Schriftstücke des Protektors an das Ausland, schrieb jene Streit- und Gegenfchristen, deren hohe geistige Ueberlegenheit, deren Gelehrsamkeit und sittliches Pathos alle Anschuldigungen der Gegner zu uichte machten. Ein Anhänger des Hingerichteten Königs, der Bischof Znpon von Exeter, hatte in einem vielgelesenen Buch „Eikon basilike, das K'ibniS seiner geheiligten Majestät in seiner Einsamkeit und Lina! , Karl I. als einen edlen tugendhaften Märtyrer hinge- stellt; gegen ihn richtete Milton die meisterhafte polemische W-iicht feines „ZSonoklasteS", in denk er dies falsche Bild des' Königs in stücke schlug. Noch leidenschaftlicher war seine lateinisch geschriebene „Schutzschrift für das englische Bolt", gegen die ge- lehrte. „königlich,e Verteidigung" des französischen Humanisten Scil- masius gerichtet. Der Staatssekretär tat mit dieser berühmtesten feiner Brvfaschriften feinem Lande nicht nur einen großen Dienst, er brachte ihm auch ein höchstes Opfer: das Licht seiner Augen. Er hat es in seiner Lebens, kizz« erzählt, daß die Aerztc ihm'die Erblii-dung vvransgesagt hätten, wenn er die Schntzschrist selbst Msarbeite. Aber er habe wie Achilles, der ein kurzes Leben mit ewigem Nachruhm einem langen iinbefungencn Leven int Lande der Väter Vvrgezvgen, das gefahrvollere, aber rühmliche Teil eines schmerzensreichen Daseins erwählt. Er nahm die Verteidigung seines Volkes auf sich und erblindete. Als nach Cromwells Tode die royalistische» Tendenzen immer stärker Wurden mnd schließlich zur Zurückberufung des Königs Karls II. führten, »lieb der blinde Seher seinen rupublikanischen Idealen getreu. Traurig und resigniert klingen nun seine mahnend zürnenden Worte: „Ich weiß wohl, das; die Sprache „der guten alten Sache" .« noch als eine Stimme in der Wüste gilt, daß ich nur zu Bäumen und Steinen spreche und gleich dem Pröpsten blos die Erde als Zuhörer habe — aber mag auch diese Schrift der letzte Hauch der sterbenden Freiheit sein, vielleicht wird Gott einst zaus diesen Steinen und dieser Erde Männer anserwecken, die die Freiheit wieder beleben und der Rückkehr nach Aegyptenlmrd Einhalt Inn." Die Restauration übertönte mit der tollen Schellenilingel ihrer ausgelassenen Lust die Stimme dieses Predigers in der Wüste. Nur durch ein Wunder entging er der losbrechenden Verfolgung, die alle Anhänger der Republik auf das Schasfott schleppte oder zur Flucht zwang. Einflußreiche Freunde müssen sich für ihn verwandt haben; Karl II. sagte: „Ich höre, er ist alt, arm «nd blind; damr ist er bestraft genug." Als die JndentnitÄsafte von 1660 seinen Namen unter den der Strafe Verfallenen nicht M s führte, war ihm ein neues Leben in bescheidener Zurückgezogen- ! heil geschenkt, das die schönsten Dichtungen aus seiner großen' Seele erblühen lassen sollte. „Arm, alt und blind" war Milton aus seinem Heldenkampf hervorgegangen; das kurze Glück, das er an der Seite seiner zweiten Gattin geftmden, hatte nur ein Jahr gedauert. Seine dritte Fran war ihm eine treue, besorgte Pflegerin, aber ihr ungebildet derbes Wesen stand seinem Herzen fern; seine Töchter aus erster Ehe waren zänkisch und unzufrieden; nur die jüngste, Dorothea, schrieb ihm ttieder, was er ihr diktierte. So hat er im Lehnstuhl seine letzten Jahre verbracht; von dem wüsten Triumpfgeschrei der unheiligen Rotte, die es nm ihn her schlimmer trieb dennie, von der wilden Liederlichkeit der Restauration, die oitf den Theatern tobte, badete er die Seele rein im feierlichen Orgelspiel. Und vor dem ganz nach innen gewandten Blick dieser kichtlosen Augen steigest die Gestalten einer höheren Welt empor; ins Ewige, ins Gcsiasiiose schweifen feine heiligen Visionen, und das „Verlorene Paradies" entsteht, de« lyrische Gesang eines über dem Lebe» schwebenden Propheten, das in reinen Regionen Verklärte Abbild irdischen Streikens, Sündigens uird Siegens. Mau kann dieses Werk nur mit Dantes göttlicher Komödie vergleichen K nnr den ehernen Terzinen des Floventiners gegenüber ent- hüllt sich der Zertstll dieses Epos, das in seiner einfachen Strenge, dem fo natürlich schlichten Aufbau eher aus dem Gemüt eines ganzen Volkes, als ans der Loeele eines Einzelnen entstanden