1908 Mittwoch den 9. September 0jW Lfljjii! W ■=?rf8 Wtt rsÄrfra! iinr l'SJ Der Dorfkömg. Roman von Karl Böttcher- Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Drin lag ein Fiebernder. — Die blinde Frau legte kühlende Tücher auf seine Stirn, doch das half nicht viel. Mit dein linken WvM schlug er um sich und der Stummel an der rechten Seite zuckte. Der Krankenpflegerin ward es angst. Sie beugte sich Über den Verwundeten und redete ifynt gut zu wie eine Mutter dem' kranken Kinde. Das schien ihil zü beruhigen. Der Atem' flog wicht mehr, die Glieder lagen schlaff. Er öffnete die Lippen, lallte unverständliches' Zeug'. . Unermüdlich legte die Janken Kompressen auf, bis ihr die alte, Welke Hand zitterte. „Mutter--bist du's?" »Ach Gott!" —--: „Nun wirds wieder hell. — — Wie die Mühle stampft!" Die alte Frau zuckte zusammen. —' „Bei Waterloo wars auch so — — nicht wahr, Elan?!" •= Die alte Frau fuhr auf. »Und zu Silvester hat die Totenglocke geheult!" Die alte Frau ächzte schwer und stierte mit den toten Augen püf den fieB entbot Krieger. Der fing jetzt an M singen: „Maikäfer flieg!'— Der Sohn, der ist int Krieg, Die Mutter war 'ne Schankm'amsell, Der Vater mahlt das weiße Mehl!" Dann lachte jemand gellend auf. Es war ein wahnsinniges Lachen. „Murle — Murle!" Der Kater sprang über den Tisch weg, der Janke in den Schoß.-- „Das ist er--Murle — das ist er!! — Den soll ich gesund Pflegen, — ihren Sohn,--der Schenkmamsell." Und wieder das Wahnsinnsgelächter. Plötzlich verstummte sie. — Sie duckte sich nieder. Das dlte, welke Gesicht verzerrte sich zu teuflischer Grimwasse. Sie schob sich ganz nahe ans Bett, zog die Decke zurück und tastete nach dem Verbände. - „Ja, — ich will dich gesund pflegen — — für die Schenkmamsell. --Das ist dein Blut, — — das will ich fließen lassen, 22 Jahre sind eine lange Zeit!"---- Ihre Finger krallten sich um den Verband, ihn herunter zu zerren.--- Da spürte sie seinen Herzschlag. Wie das lustig pochte, das mwntere Ding da drinnen. Wenn das aushörte, war er tot — — und die Schenkmamsell hatte keinen Syhn mehr. „Mutter — — bist du's?" lispelte der Kranke wieder. — Das stieß ihr ans Herz. Er hob seine Hand und senkte sie langsam nieder. Sie lag gerade auf ihrem Haupte. Das machte sie weich. — Sie weinte. — Da trat der Arzt herein. „Nun, Frau Janke! >. — Wie ich höre, 'S — ist der Patient in guten Hättden." — „In guten Händen? — —- Vielleicht!" — — „Hoffentlich bringen wir ihn durch. — Das wird Ihr Schaben' nicht sein, — sein Vater ist ein schwerreicher, Mann; der wir^ Ihnen lohnen!" „Der??? — Ja!" „Kennen Sie ihn denn?" „Etwas.--So —' — nur so!" — —e „Also nicht vergessen: .Dreistündlich das Pulver!" —; s-5 * * * Zwei Tage später. Am' Eiugang der Thontasgasse stand der Trödler Leuchtenberg und beobachtete dest großen, steifen Herrn, der mißtrauisch in die Gasse blickte. „Suchen Sie was, Herr?" — Der Fremde mißt den Trödler mit verächtlichem Blick, mit einem Hervscherblick. „Wohnt hier eine Frstu Janke?" „Seit langem, — seit langem, Herr! — Da hinten rechts, das grüne Häuschen." — — Kein Blick weiter trifft den Gesprächigen. Der Fremde geht mit langen, steifen Schritten die Gasse entlang. Bei jedem Schritte klirrt etwas. Das ist die schwere goldene Uhrkette, die an die Metallenen Knöpfe schlägt. IM „bilenden Haus" noch immer dasselbe Bild. Ein Bett und ein Kranker, ein Stuhl und darauf die Janken und der Kater daneben. Die Haustür geht, — einen Augenblick später die Stubenttst. Am' Bett steht ein großer, fremder Manit. „Otto!" — Das' war die trockene, hungrige Stimme des Dorfkönigs. — ■— Da wächst vor ihm im Halbdunkel eine Gestalt auf. Er taumelt.zurück und stützt sich schwer' auf die Bettstatt. „Guttermann!---Gu--tter — — mann!!" =5 Erst cüt Ruf--dann ein Schrei! Der Kranke stützt sich hoch, und vier Augeir starren auf bett alten Guttermann, zwei fiebrige uttb zwei tote. „Guttermann, was willst btt in meinem Hause?" Er antwortet nichts, — er sieht nichts. — — Nur trübe Schleier ziehen in wildem Rasen an ihm vorüber, und sie stoßen und drängen sich und formen sich zu Bildern. — Uttb jetzt ist's Schneetreiben, und jetzt eine Steinbrücke rind jetzt ein Weib, das ihm flucht, — — und jetzt erhebt sich eine wimmernde Stimme in seiner Seele.' Wer hat ihm' die Dotenglocke in die Seele gehängt?! Das jamMert und schreit und es drückt ihn in die Kniee, und er liegt vor seiner ersten Frau und vor seinem ältesten Sohne. Und die Kehle preßts heraus, wie sie sich auch sträubt: „Otto--das ist die Talfrau!"-- Der Kranke bäumt sich hoch. Er kennt seinen Stammbauuü — Nun sinkt er hinüber auf das Bett, auf ein großes, wollenes, gestricktes Tuch, das ihm die Jankeu untergeschoben hat. — Darauf stirbt er, „Das Tuch!!" — ,Der .Alte crkeunts. 562 — Darein hatte sie alles gepackt und mitgenommen. Die Freude, den Frieden — und nun auch noch den Jungen!"-- Nun hat er ihn doch, der mit bcu heißen Augen und den ehernen Kralle». * * * Der andere Morgen findet den alten Gutterniaun in einer Verwaltungsstelle des Straßburger Bahnhofes. „Sie meinen also, die Ucberführuug der Leiche meines Sohnes Wird teuer?" Der Beamte zuckte die Achseln. „Der Ziunsarg — der Holzsarg — der Transport; — — 200 Tälcrchen können zusammenkommcn!" — — Den Alten überlief ein Grausen. Die Gcizfalte vertiefte sich jäh zu einem scharfen Schlitz. * * * Der Dorfkönig war wieder im Waldtal. Aber daS war nicht nkchr der alte Dorfkönig. — Das Ueberlcgene, das Sichere hatte sich verfluchtet; selbst das Aufrechtgehen, das Uebcrgerade fiel ihm schwer. Manchmal sank er in sich zusammen. Erst durch einen Ruck richtete er sich wieder auf. Der Verlust seines Aeltesten und das Wiedersinden seiner verstoßenen Frau, — — das waren Schicksalsschläge, die selbst die steinerne Natur eines Guttermaün erschüttern konnten. Etwas war in ihm erwackk, was er schon langst verschüttet glaubte, verschüttet durch Gold und immer mehr Gold, — — etwas, das gewöhnliche Menschen wohl Gewissen nennen. Dieses Ding läßt sich nicht knebeln, nicht verschütten. Und wenn es auch gleich getötet erscheint — es lebt, es reckt sich, cs schiebt sich und dehnt sich bis es wieder Luft hat, und dann wehe dem, der es jahrzehntelang niedergczwungen und dem Schicksale und Jahre endlich die Kraft genommen, weiter mit ihm zu kämpfen! — — Dem sitzt es mitten im .Leib oder im Kopf, — er weis; cs selbst nicht —, es arbeitet, es ist tätig Tag und Nacht wie ein rastloses Maschinchen. Es spinnt und surrt, — und was cs spinnt und surrt, sind Gebauten. . Und solcher Gedanken hatte der Dorskönig jetzt gar viele, und sre huschten wie ein Weberschiffchen hin und her, durch sein ganzes Leben fuhren sie und nahmen immer neue Gedanken auf und alles solche, die ihm nicht gefielen. Gedanken?! — ha — die kann man töten! Versuchs nur. Guitermann versuchte cs. — Bei der Arbeit versuchte crs, am Geldschrank versuchte crs, beim Rotspohn versuchte crs. — Waren sie tot? Für Augenblicke--Also bloß betäubt. Es war eilt Elend! Zählte er Goldstücke, so klang cs zwischen durch: Die hast du dem Pfarrer abgeuommeu; — die hast du deut Sepp Mottl abgenommeu; die hast du bei beincnt Bankerott verdient vor zwanzig Jahren! — — — Saß er int Kontor vor den Rechnungsbüchcrn, so hüpften die Zahlen wild durcheinander und schrieen dazu: Wir sind nicht deine Sklaven wie deine Leute int Dorfe, wir wollen nicht geschnürt und beschnitten werden an Kraft und Lohn wie diese! Und blätterte er die Lieferscheine durch von all den tausend .Mehlsäcken, die an die Armeeverwaltung nach Straßburg ab- gtngen, so knisterte es unheimlich zwischen den Papieren: Am Sarge detnes Sohnes, im Hause deiner verstoßenen Frau hast du uns abgeschlossen; und andere rannten: Unser Gewicht ist schlecht und unser Kvrn ist Humps!"--— Da aber lachte er wild auf: „Für die Soldaten ist das gut!" MU seiner Familie kam er fast nicht mehr in Berührung. Er fürchtete sich vor ihren Blicken, die ihn einen Geizhals nannten, tret er;einem toten Jungen nicht in heimatlicher Erde die Ruhe gegönnt. Das große ParterreziMmcr war sein Reich. — Die Holzschleiferei war nun so weit fertig, daß die Maschinen .aufgestellt werden konnten. Baumeister Hennigs Arbeit war getan Am Tage seiner Abreise traf Hugo ein auf Befehl seines Vaters. Doch zwei Stunden später fuhr ihn Merlin schon wieder mrt deut Kvrbwägelchen den Berg hinaus. Kurz vorher trat er in das Mühlgut und suchte Irene. Hand in Hand standen sich die Geschwister gegenüber. —• „Dn kommst vom Vater?" e» ^eger! c , Das erste Mal. Ich sollte sofort von Vetchcuberg weg und hier in die Mühle cintreten. Aber ich habe Mderstanden. Ich lasse mich nicht herumwerfen wie einen Ball. — Einmal Landwirt, will ich cs bleiben. — Bis znm Frühjahr bleibe ich noch bei Jllgcu. Dann gehe ich nach Altengrün auf unsere Güter — — und dich nehme ich mit!" „Und das hat der Vater zugegeben?" „Nicht gleich, — bewahre! — Er hat furchtbar getobt, s aber ich bin um keinen Schritt zurückgewichen!" „Und was sagt die Mutter?" „Die weint, — — die war so gut zu mir, wie lange nicht!" „Die Mutter weint schon imitier, — seit — — seit — __i" Ihr war selbst das Weinen nahe. „Der a,rme Otto, — — er war immer für sich, — — f3 wenig zugänglich--bald wie der Vater--und nun — 's ist gräßlich!" Beide schwiegen eine Meile, in Gedanken bei dem toten Bruder. --Endlich fragte Hugo: „Wo ist Hennig?" „Auch fort, — heute früh." „Nach Meißen?" „Nein — nach Dresden." Irene hätte gern ihren Bruder aufgcfordert, den Baumeister in Dresden aufzusuchen, doch in der Scheu der ersten, jungen Liebe wagte sie cs nicht. „Ich bin Hennig eigentlich viel Dank schuldig, beim die Liebe und das Interesse zur Landwirtschaft hat er mir eilige» pflanzt." „Er ist ein guter Mensch, — — ich wünsch ihm alles Gute!" sagte Irene leise und mit bebenden Lippen. „Da braucht er nur dich zu bekommen, Irene, dann hat er alles Gute!" Die Schwester wandte sich ab, glühende Röte int Gesicht. — „Hugo, ich danke dir für dieses Wort!" Der junge Guttermann wechselte noch mit Elan ein paar Worte, dann ging es den Berg hinaus. „Na — Merlin, ich habe auch für Sie eine Handvoll Grüße mit!" „Haben Sie Magda getroffen?" „Freilich — — freilich. — — Sie befindet sich sehr wohl, — sie ist auch fleißig!" „Fleißig?" — r „Sie lernt Buchführung!" „Ja--- das kostet aber doch Geld." „Das — — ach, das wird schon bezahlt." . Hugo war ein wenig verlegen. Mer Merlin merkte das nicht, er war glücklich über sein Kind. — Nur der Zweck dieser Kenntnisse wollte ihm nicht einleuchten. „Wozu lernt sic denn Buchführung? — Wenn sic Glück hat und kriegt einen Mann, — — na aus der Mühle,-- so — — einen Kutscher oder einen Tagelöhner, — da braucht sie doch teilte Buchführung!" Sie waren gerade, in letzter Minute am Bahnhof angekommen. Hugo sprang noch in den Zug. Als er an Merlin, der noch mit dem Gespann draußen hielt, vorüberfuhr, rief er lachend hinaus: „Magda heiratet keinen Kutscher und auch keinen Tagelöhner!" (Fortsetzung folgt.) Amdetteid. Non M a r g a R a h l e. Nachdruck verboten. Die Familie befand sich in einem Freudentaumel. Ter Vater war versetzt! — endlich! Endlich sollte es nun fortgehen aus diesem kläglichen Neste, in dem man nun lange genug — ach, eine schier endlose Zeit geschmachtet hatte! Hinaus in die Welt, in die Großstadt, wo Genüsse aller Art winken. Stolz warf sich der Major in die Brust. Nun würde: er endlich einmal zeigen, was er konnte, wer er eigentlich war! Die höchste, die allerhöchste Zeit aber auch, sollte für seine Laufbahn, auf der er nur langsam und mühselig voran- geschritten lvar, noch Nutzen haben. Außerdem welch Hochs, geuuß, die nächsten Vorgesetzten nicht immer und immer auf dem Pelze zu haben! Der Schimmel des Obersten, der stets zu ungelegenster Stunde auftaucht, war ihm schon zum wahren Entsetzen geworden. Ganz anderer Art waren die Gedanken und Empfindungen von Mutter und Töchtern. Mit lebendigem Geist und wahrhaft beueidensivertem Borstelluugsvermögeii schwelgten sie in glänzenden Festen, und am düster um- wölkten Heiratshorizont zog blendend eine Schar leuchtender Sterne herauf. Nun iviirde doch endlich einmal 663 Wie immer muß sie lavieren, ausgleichen, harmlos tun. „Wenn du ein gutes Zeugnis nach Hause bringst," spricht sie zu dem Sextaner, „wird dir Vater vielleicht deinen Wunsch erfüllen und in den Herbstferien mit dir an die See reisen." „Ach, Mutter, da möchte ich doch noch zehntausendmal lieber nach Heudorf! Es war zu schön dort, und meine« Freunde schreiben mir alle, seit ich nicht mehr da bin, ist nichts mehr los." Er räuspert sich energisch, denn chie Stimme ist ihm bedenklich ins Wanken geraten. „Ja, ja, rückwärts und zu Fuß werde» wir noch alle wieder nach Heudorf wollen," knurrt der Major. „Heute wieder die ganze Generalität um mein Bataillon rum. Keinen Finger kann man rühren, ohne daß es nicht von zehn hohen Herren begutachtet wird. Und da war mir schon der eine armselige Schimmel in Heudorf zuviel. Der Mensch ist eine kurzsichtige, undankbare Kreatur! . . . Sitz' ordentlich!" herrscht er den Kleinen an, der mit steif von ihm abgewendeten Kopfe neben ihm sitzt. Erschrocken fährt Bubi zusammen und wirft einen scheuen Blick auf den Vater, der nun in ausgiebiger Weise über seinen Aerger zu reden beginnt. Dann tritt Stille ein. .Man ißt ohne Appetit; die selbstgezogenen Gemüse in der geschmähten, alten Garnison waren eben unübertrefflich gewesen. „Nach dem Ofen seh ich nicht hin," sagt da plötzlich Bubis liebes Stimmchen. Es ist wie ein ganz ferner Unterton von Tränen darin. Unwillkürlich richteten sich aller Augen auf das Prunk-- stück der Wohnung, einen wirklich geschmackvollen, mächtigen Majolikaofen, der beinahe beim Mieten der Etage ausschlaggebend gewesen war; hatte doch in Heudorf die Freude, „wenn man erst mal versetzt würde und andere als eiserne Oefen habe," eine große Rolle gespielt. „Aber es ist doch ein so wunderschöner Ofen, Bubi", sagt die Schwester verstäudnislos. „Nein, nach dem Ofen seh ich nicht hin!" wiederholt das Kind mit krampfhaft zur Seite gedrehtem Köpfchen. „Blödsinn!" läßt sich der Sextaner mit der ganzen Ueberlegenheit seiner neun Jahre vernehmen, „das sagt er nun schon immer, der Kaffer!" Man wird aufmerksam. „Möchtest du lieber hier sitzen?" fragt die Mutter, die dem Wärmespender den Rücken kehrt, liebevoll. Der Kleine nickt eifrig. „Ach !vas, der eigensinnige Bengel ivill nur seinen Dickkopf durchsetzen und ewig an Mutters Rockzipfel hängen!" poltert der Major, dein die schlechte Laune jegliches Verständnis zur Lösung von kindlichen Seelenproblemen be- nimmt. „Nein, Mutter soll mit mich tauschen, ich will ganz allein, drüben sitzen," erklärt das Kind, sein kleines Besteck und seinen Becher eilfertig zusammenraffend. „Sitzen geblieben!" befiehlt der Vater, „was ist das alles für ein Unsinn! Jetzt sagst bit sofort, warum b» nicht nach bei» Ofe» Hinsehen willst." Bubi zieht eilt weinerliches Mündchen. „Komm einmal her zu mir, Kerlchen," beschwichtigt die Mutter, mit einem flehenden Blick ans den gereizten; Gatten. — Eifriges Flüstern zwischen Mutter und Sohn. Endlich ist man so weit. „Niemand darf hören!" Ein verängstigter Blick t» die Runde, dann legt Bubi beide Aermchen um der Mutter Hals : „Wenn ich den Ofen anseh', merk' ich immer, daß ich nicht in Heudorf bin, dann denk' ich, ich muh hier—" er preßte seine kleine Faust gegen die Kehle —> „so schrecklich weinen!" flüstert Bubi laut, mit seinem süßen, klagenden Stimmchen. Alle haben Bubis Worte vernommen. Betroffen sieht man sich i» die Augen . . . Welch eine Tragödie in dem armen, kleine» Kinderherzen ! Und die großen Leiite — o, sie habe» ihn ja so liest, eine der Töchter eine „Partie" machen. Niedlich genug hatte sie ja der liebe Herrgott geschaffen. Wer hier — in dem Nest. . .! Auch die beiden nachgeborenen Buben von neun und fünf Jahre» jubelte» laut. Der Umzug, eine andere Stadt, eine andere Sexta, andere Spielgefährten — alles war von verführerischem Zauber. Nun war der Wechsel vollzogen. Mit gehobenen Gefühlen wandelte man durch die neuen Räume. Etwas ganz, ganz anderes doch als in Heudorf. — Freilich, gemütlich war's geweseu. Hier hallte der Schritt ordentlich wider und die Gardine» wollte» auch nicht passen. „Mutter, wo soll ich denn spielen?" „Auf der Straße." „Auf der steinerne» Straße zwischen de» hohen Häusern? Nee, Mutter, daun bleib' ich lieber oben." Jeden Tag dasselbe Lied, jeden Tag! Zärtlichen Vorstellungen und Bitte» folgen Drohungen, bis der kleine Mann heulend die viele» Treppe» hinabläuft. Die Hände auf bei» Rücken verschränkt, lehnt das Bübchen dann an der Hauswand. Melancholisch schaut es auf die gegenüberliegenden düster», himmelhohe» Gebäude und die vorbeiknarrende» Lastwagen. Eine halbe Stunde lang, wenn es hoch kommt, dann ist es wieder oben, keuchend, der zahllosen Stufen ungewohnt: „Mutter, mit wem soll ich beim spielen?" „Du bist unerträglich, Bubi," sagt die Mutter und näht fieberhaft an einem neuen Tenniskostüm für die Aelteste. — Sie ist von den Kavalleristen zum Turnier aufgefordert worden —. Ein armes Regiment freilich. Heiratspartien? — Wem Wohl der reiche Fabrikbesitzer in Heudorf jetzt den Hof macht? Er hatte sich doch wirklich auffallend um Hedi bemüht, aber sie ist militärfromm, leider! Wenn die Reue nur nicht nachkam . . . Die Mutter seufzt sorgenvoll. „Mutter, sag' mir doch, mit wem ich spielen soll?" wiederholt der Knirps weinerlich. „Muß man den» immer jemand zum Spiele» habe», Bubi? Du hast doch wahrhaftig Spielsachen genug!" —: Die Majori» wird böse. Es gehört die Geduld eines Engels dazu, um dieser täglich sich hundertfach wiederholenden Fragerei freundlich standzuhalten. „Mit meinem Wagen darf ich doch auf dem Krottwar nicht fahren, Mutter, der Schutzmann hat mir schon viermal weggejagt!" „M i ch heißt es, Bübi, lerne doch endlich richtig sprechen! Ein Junge, der bald in die Schule geht. Und nun mache endlich, daß du runter kommst!" „Wo soll ich den» spiele», Mutti?" — So fängt es wieder von vorn an. Ein ewiger Kreislauf, immer dasselbe. — Mittagsstunde. Der Große kommt aus der Schule heim. „Wieder eiiie Fünf im Französische», Mutter,-" klagt er. „Die Schule ist auch viel schwerer hier als t» Hendorf, und der Lehrer ist gar »icht »ett zu mir, Mutter, es ist ihm, scheint's, ganz egal, ob der Vater Fleischermeister oder Major ist." „Das ist ganz natürlich," beruhigt die Mutter, „in einer kleinen Stadt haben die Lehrer mehr Interesse für den einzelnen als in der Großstadt." „Wo sollen wir den» nun Räuber und Gendarm spielen, Mutter? Die Leute, die ringsum in den Parterres wohnen, schimpfen uns so aus, wenn wir ein bißchen Radau machen!" „Das Räuber- und Gendarmen-Spielen hört jetzt auf!" läßt sich zornig der Major aus dem Nebenzimmer vernehmen. „Setze dich hinter deine Bücher, das rate ich dir. Sitzen bleiben gibt's nicht! Marsch, an de» Tisch!" Schleunigst nehme» die Kinder ihre Plätze ein. Nur zu deutlich ist es der Stimme des Vaters anzuhören, daß heute nicht mit ihm zu spaßen ist. Mit finster gerunzelter Stirn löffelt er seine Suppe. Aengstlich sieht seine Frau nach ihm hin. Die tzeudorfer Zeiten sind i» erhöhtem Maße wiedergekehrt. Ihr Mann ist verstimmter denn je. Die ganze Familie leidet darunter. r — 564 — den kleinen Mann, aber sie gehen dahin und sehen und merken nicht, welch ein hoffnungsloser Kampf jeden Tag von neuem in diesem bedrängten Kindergemüt entbrennt, jeden Tag, bei jeder Mahlzeit . ■:. Und da lächelt man über Kinderleid . ,. '■< ---Das „Streitentleib". Aus den niännigfachen extravaganten Versuchen und den wunderlichen Neubelebungen alter Moden, durch die man eine neue Form der Damenrobe schaffen wollte, scheint sich allmählich ein sieghafter Stil herauszubilden, der von den Absonderlichkeiten der ersten Experimente einige übernimmt und int übrigen Anmut init Mast zu vereinigen sucht. Dieser neue Schnitt bildet ans einer Klombinierung von Prinzeßkleid und Tunika eilte lose und doch anschmiegsame Toilette, der Man den Namen „Sirenenkleid" immer häufiger beilegt. Die Schönen, die sich in diese wohlig hinfließenden Stoffe hüllen, haben wirklich etwas von dem rätselhaften Reiz 'jener Meerjungfrauen und Nymphen, denen Goethes Fischer zum Opfer fällt. Das Geheimins verführerischer Kleidung scheint hier gelöst, scheint hiev geoffenbart, das den Körper der Frau zugleich in gelöster Anmut und knapper Straffheit darstellt. Die Stoffe, die nttat dazu verwendet, sind natürlich sehr weich und schmiegsam, Liberty-Seide, Kaschmir und Velour-Chiffon. Die Farben atmen eine schmalzende hinswrbende Mattigkeit; ein blasses Olivgrün, ein Aschgrau, ein Helles Lila verbinden sich mit feiugetönten Nuancen des Blaus, die in ihrer ganzen Skala von Blaugrau bis zu Blauschwarz beliebt sind. Dem Leichten eint sich das Schwere, die spinnwebfeinen Gewänder erhalten eine Garnierung mit vollem Pelz. Während die Figur aus einem weiten Stoffgewoge heraus- wächst, sind Rocksaum' und Taillenabschluß durch diese Garnierung streng und starr akzentuiert. Sonst ist man mit allem Schmuck und Dekor sehr sparsam. Nur eine reiche Anwendung von Knöpfen betont ebenfalls in denr gleitenden Fluß der Gewandmassen die Strenge der Körperkonturen. Schintuckknöpfe iverden von oben bis unten an die ganze Robe gesetzt, erscheinen an den Seiten und ziehen sich die Aevmel entlang. Diese Knöpfe sind entweder mit einem zur Robe passenden Stoffe bezogen oder sie heben sich in kapriziösem Glanz grell von dem Fond ab. Der Schnitt der Aevmel fügt sich dem allgemeinen Stilgefühl des Sirenenkleides ein: er ist fließend und doch fest, knapp und zugleich lässig wogend. Die Schulterlinie gleitet ohne jede Unterbrechung mit straffer Betonung auf-den Avni über, während dann der Aermel in vollem breitem Fluß zum Handgelenk niederfällt. Zu diesen Roben trägt män lange, den .Formen des Kleides genau entsprechende und stach ihm gearbeitete Jackets, die im Gegensatz zu der Robe mit Dressen, Bändern und Garnierung aller Art reich besetzt sind. UM das Wunderliche und Eigenartige der schlank verschwebenden Silhouette, die dev Körper in solcher Toilette aufweist, noch zu Erhöhen, sind diese Jacketts mit großen Capuchons verbunden. — Elektrizität und Pslanzenwnchs. Der berühmte englische Forscher Oliver Lodge ist auf Grund einer .ausgedehnten, in Evesham angestellten Versuchsreihe zu dem äußerst bedeutsamen Ergebnis gelangt, daß unter unfern klimatischen Verhältnissen die künstliche Zufuhr von Elektrizität den Pflanzenwuchs beträchtlich fördert und den Ertrag der Ernten steigert. Dieser Gedanke ist in einer Schrift ^Elektrizität und Landwirtschaft" niedergelegt. Sir Oliver Lodge gibt zunächst einen Ueberblick über interessante Versuche, die bereits vor Jahrzehnten nach dieser Richtung unternommen worden sind. Vor etwa 30 Jahren hat ein schwedischer Gelehrter, Professor Lewström, unternommen, experimentell die Erscheinungen des Nordlichtes zu produzieren. Er verwandte dazu Vacuumröhrens die von hochgespannten Strömen durchflossen wurden. Einige dieser Versuche wurden in einem Treibhause angestellt, und es zeigte sich, daß die Nähe der elektrischen Entladungen einen fördernden Einfluß auf den Pflanzenwuchs übte. Dies schien gleichzeitig eine Erklärung dafür zu bieten, daß unter dem schwachen Sonnenlicht arktischer Gegenden ein reicher Blütenstand sich vorfindet, der möglicherweise auf elektrische Entladungen zurückzuführen wäre. Nicht allein die Färben der Blüten und Blätter sind auffallend frisch, sondern auch das Wachstum mancher Samen ist ein außerordentlich kräf- ckrges, sofern sie nicht durch den Frost abgetötet werden. Manche Getreidearten wie Roggen und Gerste geben überraschend hohe Erträgnisse, und auch der Graswuchs ist verhältnismäßig sehr stark. Lemström schrieb diese Erscheinungen der Elekrifierung der Luft zu. Nach seiner Theorie befindet sich die Pflanze in einem kontinuierlichen Zustande schwacher elektrischer Entladung, die an Intensität zunimmt, wenn die Bestrahlung durch die Sonne wächst. Was nun, die Experimente anlangt, die Sir Oliver Lodge mit seinem. Sohne Lionel in Gemeinschaft mit Neumann und Bomforh machte, so wurden sie in der Weise durchgeführt, daß das Versuchsfeld mit einem Netz von an Pfosten befestigten Leitungsdrähten überzogen wurde, durch die Spannungen; bis zu hunderttausend Volt geschickt werden konnten. Die; Wirkung solcher Ladungen macht sich dem Menschen, dep unterhalb der Leitungsdrähte steht, in Form eines Spannungsgefühls bemerkbar, ähnlich wie wenn man eist Spinnengewebe über das Gesicht zöge. Auch das Haar zeigt Neigung, sich zu sträuben. Im Jähre 1908 ergab sich bereits, daß der Ertrag eines elektrisierten Feldes, das mit Cana- dian-Weizen bestanden war, unter gleichen Bedingungen um 40 v. H. überwiegend war. Bei englischem Weizen betrug der Mehrertrag 30 v. H. Zudem war die Qualität des! „elektrisierten" Weizens nach Aussage der Müller eine erheblich bessere, so daß ein um 7y3 Proz. höherer Preis! erzielt werden konnte. Die Versuche des Jahres 1907 lieferten ganz ähnliche Resultate. Auch bei zahlreichen änderest Pflanzen würden wesentliche Steigerungen des Ertrages! festgestellt, so bei Erdbeeren um 25 v. H., Tomaten kamen unter dem Einfluß der Elektrizität früher zur Reife. Auch die Himbeere wird sehr im Wachstum gefördert. Sowohl Blätter wie Früchte gewinnen bei der neuen Behandlung ein charakteristisches Aussehen, das genau erkennen läßt, wo! sich an alten Stöcken zuerst der Einfluß der Elektrisierung geltend macht. * D a s „Zehnt e". Ein wegen seines Kinderreichtums bekannter Schauspieler — er war bereits neunfacher Vater — erzählte eines Morgens im Kreise seiner Kollegen, daß er soeben wieder „Zulage" bekommen habe, — aber zu Hause, in Gestalt eines Sprößlings. „Herzlichen Glückwunsch, Kollege," meinte ein anderer, „aber hatten Sie denn nicht schon neun?" —■ „Nun? Was macht das?" erwiderte der Vater, „als Schauspieler bin ich natürlich für ein recht volles Hans!" Literatur. — Graf Leo Tolstoi charakterisiert Raphael Loewertfeld int; Septemberheft von „Nord und Süd". Ein in eigenartiger Manier von Karl Jozsa ausgeführtes Bild von Tolstoi schmückt des Heft. Von Beruard Shaw, einem der markantesten Vertreter der englischen Literatur, zeichnet Friedrich Brie ein Bild.- JohaUnes Schlaf setzt sich temperamentvoll mit dem Monismus auseinander. Karl Bleibtreu vollendet seine Novelle „Romantische Liebe", die ein Charakterbild Napoleons gibt. Ludwig Geiger behandelt „Goethe im Verkehr". Das Heft bringt ferner eine Skizze „Ans der Art" von Philipp zu Eulenburg, die vor 24 Jahren' erschien und bett Fürsten als Künstler und Novellisten zeigt. — Ein Essay von Erich Felber zeichnet in großen Strichen die Persönlichkeit F. G. Waldmüllers uitb feine altertümliche Kunst. 8 Bilder illustrieren die Arbeit. — lieber Ruisdael schreibt Professor Schubring. 2 Bilder (Rembraitdt- gravüreu) erhöhen den Wert dieser Arbeit. Ein- und Ausfälle. Ein Steckenpferd frißt oftmals mehr als hundert Ackergäule. Einem Zuschauer ist keine Arbeit zu viel. Dreisilbiges Rätsel. Die erste, ein belastend Wort, Und trifft es dich, dann sag nur frei: „Was hilft mir nun ein andrer Ort! Mit meiner Ruh' ist's doch vorbei!" Die zweite stellet man uns aus Auf unser eigenes Verlangen; Doch wird das ganze Wort daraus, Ist mancher dran zu Grund gegangen. L a u t e r b a ch. e. K. Auslösung in nächster Nummer. j Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: 1. Gaeta, 2. Inn, 3. Erz, 4. Szisze, 5. Emmi, 6. Nürnberg, 7. Eule, 8. Ruhr. Gießener Anzeiger. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.