Donnerstag -en y. April m W 1908 — Nr. 57 Mw! s Mä UM ^Äsyl S6SIII r Kelmuth von Lonlen. Noma» von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Jetzt führte der Weg ganz schmal zwischen den grün stacheligen Tannenzweigen hindurch — noch drei Schritte und sie übersah die Hall«. Diese war leer. In ihren bunten Käfigen zwitscherten die Bogel, aus den Tonampeln wucherten die blauen und weißen Hängepflauzen, im Hintcrarund der Halle leuchteten die Alpenlandschaften durch die aufgcmalten Fensterrahmen — da standen die Bänke und Tische und in der Mitte die langgestreckte Ruhebank, nebeir dem mit Büchern bedeckten Tisch Rechts davon ein Schaukelstuhl, in welchem eine Stickerei lag, über die ein Buch gelegt war. Anne Marie stieg die Stufen hinan, sah sich in dein Raum um und um, sah hinaus auf die durch die Tannen gebildete Lichtung, den grünen Rasenplatz mit'den Blumenbeeten, deren Duft bis hierher wehte. Sie sah ganz geisterhaft blaß und elend aus, und das ironische Lächeln ging unter in einem sonderbaren Zucken der Lippen. Ohne viel zu zögern, nahm sie die weibliche Handarbeit und das Blich aus dem Schaukelstuhl und setzte sich selbst hinein. Sie lehnte den Kops zuriick, schloß die Augen, öffnet« sie wieder, und so kam nach und nach etwas wie träumend« Verwunderung über sie. Es war, als müsse sie sich immer wieder vergegenwärtigen, daß sie wirklich hier sei. Mit ernemmal fuhr sie auf. Schritte und Stimmen nahten. „Eine Dame?" — sagte Wilhelms Stimme fragend — „und hier, Marten?" „Ja, hier, dort ist sie, gnädiger Herr, der Kutscher sagt« mir, sie sei hierhergegangen." Aus den Tannen traten Wilhelm von der Haide und der alte Diener, dieser zog sich sofort zurück und Haide kam heran. Er hielt den Stvohhut in der Hand, der Sonnenschein lag auf seinem Gesickst. „Gnädige Frau" . . . begann er fragend und etwas verleg«, „ich habe wohl die Ehre . . ." „Natürlich kennen Sie mich nicht. Das dachte ich mir. Ich bin Anne Marie Troß." Er fuhr zurück — ganz verstört, fassungslos. Purpurglut überzog sein Gefielst und ebbte zurück, bis tödliche Blässe cm die Stelle trat. Er griff nach dem Geländer, als müsse er sich halten. Der so klare, stillheitere Mensch war eilte Beute schreckens voller Bewegung, seine Lippen formten ganz unwillkürlich ihren Vor- namen, aber er vermochte keinen Laut hervorzubringen. CtlvaS Gewaltiges schien ihn plötzlich gefaßt und seine Kraft gelähmt zu haben. Ihn so erschüttert zu sehen, schien die blasse Frau mit einer gewisseir Befriedigung zu erfüllen und ihr all die ins Schwanken gevomnieue Ruhe wieder zu geben. „Jawohl, Herr von Haid«, ich bin's, — eine etwas geisterhafte Auslage jener Anne Marie, deren Sie sich ivvhl noch erinnern, was!" Endlich sand er schwur atmend Worte: „Anne Marie! Liebe, liebe Baronin — Sie sind cs wirklich? Und Sie wieder hier in dieser alten Halle?" — er nahm ihrs Hand und führte sie in tiefer Bewegung ehrerbietig an die Lipp« — „das ist mir wirtlich — so überraschend — so — so" er suchte wieder vergeblich ein Wort, schob ihr ganz mechanisch einen bs- quemen Rohrstuhl hin und vermied es, sie anzusehen. Sie hingegen sah ihn voll und forschend an, während sie sich in den Sessel setzte. „Jawohl, Herr von Haid«, so seh« ich jetzt aus und ich sehr, der Anblick tut Ihrem guten Herzen weh. Sie hingegen sind j« frisch und blühend geworden — stark und kräftig — beinah robust. Ich wünsche Ihnen Glück! Wir machen die entgegen» gesetzten Ueberraschungen durch." Endlich war es ihm gelungen, Herr seiner großen Bewegung zu werden: sich mit der Hand auf die Tischplatte stützend, stand er vor ihr und wagte nun auch sie anzusehen, aber nicht lange . . . er hatte vielleicht doch nur zuviel wiedergefunden, was an vergangene Zeiten erinnerte. Bor ihm saß eine bleiche Frau mit kühlem Blick und herb geschlossenen Lippe», und von ihm war einst ein rosenwangiges, fröhliches Mädchen geschieden — und doch verschmolzen die beiden bereits in eins. Sie sah die dunkelblauen, gütige» Augen so bcivvffen und kummervoll auf sich gerichtet und zuckte die Achseln: „Ja. mein Freund, von dem kleinen Annchen ist nichts mehr übrig. Das hat das Leben weggefressen. Und nun ein Wort drüber, weshalb ich gekommen bin ... es gilt" — sie lächelte, eilt wenig — „es gilt, Ihnen Helmuth abspenstig machen. Himz dies ist meine offene Kriegserklärung." Nun fand er sich ganz wieder. Sich einen Stuhl herbeiziehenl» setzte er sich ihr gegenüber. „Meine teure, verehrte, gnädige Fran — weshalb Kriegserklärung ? Sie können sich doch denken, daß ich keine» sehnlicheren Wunsch habe, als diesen Riß geheilt zu sehen!" „Also, Sie haben doch iwch einen Wunsch . , . ich hab« Sie für einen völlig wunschlosen Mann gehalten." „Eben, da ich Sie vor mir sehe, gnädige Frau, möchte iih mich beinah auch dafür halte»," sagte er einfach und mit einer herzlichen Ritterlichkeit, die ihm gut stand. Sie neigte nur ein wenig das Haupt. „Also um bei der Sache zu bleiben — kommt Helmuth zn uns oder zu Ihnen?" „Darüber hat er mir nichts geschrieben, doch nehme ich an> er kommt zu Ihnen." „Sie würden das also befürworten?" „Sicherlich, in der Hoffnung, daß mich für mich ein häufiges Sehen abfällt. Wie nah« wir uns stehen, brauche ich wohl nicht erst zu sagen." „Oh, ich weiß es. Er könnte wohl noch Aergeres tun, als er getan hat, und würde doch in Ihnen seinen Fürsprecher finden." Sie hatte den Reithut abgenommen und strich sich mit dev Hand das Haar aus der Stirn — dies Haar, das einst in zwei dicken blonden Zöpfen über den Rücken gehangen hatte. Jetzt war es dunkler und die gesunde Nebcrfülle war geschwunden —> durch das bräunliche Mond aber zog sich hier und da ein vsrx 226 Fettiger Silberfaden. Sie fühlte feinen Blick, warm unb treu» herzig auch dies wehmütige Wiedersehen feiern unb lächelte wieder bitter, während sie sagte: „Ich säge gleich hinzu, daß Hclmuth bei uns nichts zu ü& tvärtigen hat als Schwesterliebe und Vergebung." Ein Schatten flog über des Mannes Helles, freundliches Gesicht. „Ich wünschte, ich dürste jetzt etivas sagen, gnädige Frau/' „Oh, tvas dürften Sie nicht sagen? Ich bitte also darum." „Halten Sie für den Bruder nicht zu viel Vergebung bereit!" „Sondern?" — fragte sie kühl. „Ein klein wenig — Verständnis." >,AH! — Äm Ende gar auch Bewunderung?" „Gewissermaßen ja — aber ich sage nur Verständnis," „Ist das ein Fehdehandschuh?" Er schwieg hierzu und sie richtete sich endlich ans ihrer lässigen Stellung auf und seufzte resigniert. „Ach nein," — sagte sie — „ich zanke mich nicht, dazu fehlt mir heute jede Lust. Ich lasse die Streitfrage auf sich ruhen und feiere eine stille Umschau. Wie ist hier doch alles so unverändert, von der Braunen Holzverschalung der Wände bis zu den Blumenampeln an der Decke und den„Vorspiegelungen falscher Tatsachen", wie Herr von Wahreudorf einst die beiden Landschaften in den Fensterrahmen nannte. Wissen Sie das noch? Nein. Sehen Sie, mein Gedächtnis ist besser. Alles uu= Verändert — nur die Krücken dort in der Ecke fehlen und jener braune Eckschrank birgt wohl auch keine Medikamente und Ge- snndheitsweine mehr für plötzliche Anfälle ohnmächtiger Schwäche .....denn Sie selbst sind verändert, das heißt, Sie sind gesund geworden. Ja, das Annchen von damals hätte nichts mehr zu pflegen, wenn sie jetzt käme" — sie lächelte matt — „keine Eis- kompressen mehr auf eine heiße Stirn, kein abscheulich riechender Baldriantee mehr, den niemand gern buchen mochte, nur Annchen! ■— Am Gartentor wurde die Eselequipage angebunden — und dann kam sie eilig gelaufen — benu sie war immer tu Sorge um ihren Patienten und immer froh, wem: sie etwas tun konnte — die Kissen rücken oder die Krücken holen oder Medizinen und Limonaden mischen, oder iuenit es heiß war und er Schmer zerr litt, die Fliegen wegtreiben, die ihn störten. Lang, lang ist's her! Nicht wahr?" Seine Erregung wuchs mit jedeut Wort, das sie sprach. Jetzt erhob er sich heftig. „Um Gottrswillen, Anne Marie, weshalb sagen Sie mir das alles so — in diesem Ton? — So, als spotteten Sie dessm, was mir, solange ich lebe, die liebsten, schönsten Erinnerungen sein iverbeit, die ich heilig halte, die mich mit eiviger Dankbarkeit M Ihre holde Güte erfüllen werden?" Sie zuckte die Achseln. „Weshalb soll ich es'nicht sagen? Daß es spöttisch geklungen hat, ist mir nicht bewußt. Kränken fann es Sie doch auch nicht, daß ich die Bilder heraufbeschwöre, Sie haben sich doch nichts vor- zuwersen? Sie handelten ja immer wie der weise, edle, überlegene Mann handeln soll. Sie opferten sich selbst." „Das sagen Sie!" — stammelte er tiefergriffen — „das haben Sie gewußt — erraten?" — Er nahm ihre Hand in seine beiden, küßte sie und streichelte sie dann ganz sanft— „wenn Sie meine Gefühle errieten, bann wissen Sie auch, daß ich meine Pflicht tat. Ein Krüppel — ein Siecher muß entsagen. Sie sollten mich loben. Also noch einmal, weshalb die Ironie?" Sie sah erst empor in sein herabgeneigtes, gerötetes Gesicht, bann herab auf seine Hand, die noch die ihre umschloß, und dann fragte sie immer in demselben trocken spöttischen Ton: „Als Sie sich selbst opferten, Wilhelm, kam Ihrer Selbstlosigkeit nie der Gedanke, daß Sie mich mit opferten? — Ihnen ist die Entsaguitg vorzüglich bekommen. Mir nicht. Wer von uns beiden heute der Krüppel und Sieche ist, steht noch in Frage." Dabei stand sie auf und ging, ohne ihn anzusehen, in den Hintergrund der Halle, wo sie vor einer BHrmenstellage stehen blieb und durch ihr Augenglas die Blüten einer, köstlichen Gloc- cinie musterte. Ihr Gesicht war kreideweiß und die Hand, die das Lorgnon hielt, zitterte, aber sie hielt sich kerzengerade und ihre Füge blieben unbeweglich. Hinter ihr blieb es still für eine, für zwei Minuten, dann hörte sie ein polterndes Geräusch, ein Stuhl, der im Wege stand, ward beiseite geschleudert und im nächsten Augenblick stand Wilhelm dicht neben ihr. Seine Stimme klang ganz verändert, er war wieder fassungslos: „Anne ! Wine! Sie hätten gelitten? Und um mich? Aber daZ kann ich ja gar nicht glauben, das ist ja nicht denkbar — ich, ein elender, hilfloser Kranker damals und Sie — in aller Ihrer jungen Kraft unb Anmut . ... mit dem ganzen schönen Leben vor sich, . . Sie ließ das Augenglas fallen unb wandte sich zu ihmr „Seid Ihr wirklich so blind?" — fragte sie jetzt ohne allen Sport mit müdem, trübem Lächeln, — „möglich. Ich will's glauben. Es ist ja nun auch alles langst vorbei und mir können drüber reden, wie es Alte tun, die in ferne Vergangenheit blicken. Siebzehn Jahre sind's her und siebzehn Jahre luar ich dazumal . . . rechnen Sie's zusammen. In 17 Jahren lernt man es ja wohl, ruhig und kühl über das zu reden, was einst iveh tat. Und da ich nun einmal hier bin, hätte ich Wohl Lust, mir einmal vom Herzen zu reden, was so lauge als stumme Last drauf gelegen hat, bis es ein Stück von mir selbst geworden luar. Wenn Sie diesen Wunsch umveiblich finden, so erinnern Sie sich daran, daß es eine herzlich alte Fran ist, die zu Ihnen spricht." „Liebe Anne Marie, bitte, reden Sie!" — bat er, seine Stimme schwankte vor Bewegung, er führte sie zur Ruhebank und beide setzten sich. (Fortsetzung folgt.) Aus der Geschichte der Luösvmana. Philosophische Fakultät. (Fortsetzung.) Die klassische Philologie, für die ältere Zeit die Philologie überhaupt, legte auch nach 1707 das Hauptgewicht noch aus das Latein und auch da mehr aus das moderne Latein, dessen sich die Studenten bedienen sollten, als ans die alten Autoren selbst, die mehr als Beispiel- sammluug als um ihrer selbst willen gelesen wurden. 1737 wurden die beiden Professuren der Poesie und Eloquenz vereinigt, die sich mit ihren gegenseitigen Ansprüchen doch oft nur im Wege gewesen waren. Einen wesentlichen Fortschritt bedeutete die Anzeige einer Geschichte der lateinischen Sprache, wohl besser Literatur, die 1749 zuerst erscheint. Und bald kam eine Reihe von Juterpretationskollegs dazu. Am 19. Juni 1772 erfolgte eine Verordnung, dahin gehend, daß jedes ©mefier eine Vorlesung über lateinischen Stil stattsinden solle. Aut 19. März 1777 wird verlangt, baß dieses Kolleg sechsstündig sein solle, von denen zwei — und das ist nicht ohne Bedeutung — zu praktischeu Ausarbeitungen und Uebuugen bestimmt waren. Daß 1787 sogar der Mediziner Baumer lateinische Stilübungen abhielt, ist bei der medizinischen Fakultät schon erwähnt. Inzwischen fing aber eine neue Zeil an sich bemerkbar zu machen, das rein Formelle wurde überwunden itub man ging daran, die Gesetze des äußeren und inneren Aufbaues der Schriftwerke zu studieren: aus der Eloquenz und Stilistik wurde Aefthetik und literarische Kritik. Horaz, Homer und andere wurden auch inhaltlich dem Hörer nahe zu bringen versucht. Und um die Wende des Jahrhunderts lvar dank der Bemühungen von Heyne und F. A. Wolf die Philologie zur klassischen Altertumswissenschaft erweitert. Das machte sich auch in Gießen bald bemerklich. Die Be- zeichmmg Professor poesiae et eloquentiae verschwand und am 16. Oktober 1809 wurde neben dem Latinisten ein Professor der griechischen Literatur und Archäologie angestellt, eine Bezeichnung, die hier zum ersten Male austrat. Und der, dem sie verliehen wurde, war Friedrich Gottlieb Weläer, der seine Studenten mit sich fortriß in der Begeisterung für all das Große, Edle und Schöne, was uns die Betrachtung antiker Kunst und Literatur bieten kann. Zu schade, daß bereits 1816 politische Kurzsichtigkeit ihn zwang, seine Schritte weiter zu lenken. Bereits am 25. März 1817 erfolgte die Stiftung des philologischen Seminars mit eigner Bibliothek und einem Fonds zu Prämien für Lösung von Preisausgaben. 1827 erhielt das Seminar neue Statuten, die Bibliothek wurde mit der Universitätsbibliothek vereinigt, als Preise wurden drei Medaillen verschiedener Größe gestiftet. 1857 erschienen sogar Abhandlungen von den Mitgliedern des Seminars. Zu Beginn des Sommer- semesters 1878 wurde dem Seminar, dem Vorbitde anderer Universitäten folgend, ein Proseminar angesügt. 1874 wurde die zweite philologische Professur, die im Lause des Jahrhunderts recht wechselvolle Schicksale gehabt hatte, definitiv Ordinariat. Noch tat Sommer 1839 hielt Osann ein lateinisches Disputatoriüm für Angehörige aller Fakultäten, aber bald ivar es damit vorbei. Es sand immer mehr eine Scheidung statt, so daß nur die Philologen von Fach Griechisch und Lateinisch trieben. Und diese Ausscheidung heterogener Elemente, insbesondere der Theologen, die nur nebenbei Philologie trieben, war ein Segen, da erst so die Philologie ore ihr gestellten Aufgaben, nicht gehemmt durch 227 Sie Bedürfnisse ihrer Mitläufer, wirklich lösen und von allen Studierenden ernste Vertiefung in die Probleme der Wissenschaft fordern konnte. Im Winter 1846/47 zeigte Prof. Otto an: lieber die lateinische Poesie des Mittelalters nebst Erklärung von Schmellers lateinischen Gedichten des 11. und 12. Jahrhunderts. Schade, daß er keine Nachfolger gefunden Hat. 1862 erschienen im Vorlesungsverzeichnisse zum ersten Male Uebungen in der Handschriftenkunde, 1870 römische Epigraphik, 1877 Uebungen im Erklären griechischer Inschriften. Uitb in unseren Tagen sehen wir gerade die Gießener Philologie mit in der ersten Reihe stehen bei der Lösung der neuen Aufgaben, die der klassischen Altertnms- wisseuschaft gestellt sind, und die in hohem Maße dem Leben unseres eigenen Volkes zugute kommen, es sei nur auf die vergleichende Religionswissenschaft und auf die Volkskunde hingcwiesen. Für die neueren Sprachen genügten zunächst noch die Sprachmeister. 1770 schwebten Verhandlungen' auch über Anstellung eines englischen Sprachmeisters. Seit 1772 gab der Professor der orientalischen Sprachen, Schulz, Anweisung in der englischen Sprache. 1775 wurde die italienische Sprachmeisterstelle eingezogen. Wenige Jahre vorher, im Mai 1764, war in der Person des San Severino de San- martino sogar ein Professor für dieses Fach ernannt worden. Er hatte es aber vorgezogen, sein Amt nie anzutreten. Nicht lange darauf, im Jahre 1797, brachte es auch ein französischer Sprachmeister zum Professor, allerdings mit dem Zusatz „immerwährender letzter". Das war der bekannte Franz Thomas Chastel, der die Ehrung sich durch die geschickte Vermittlung zwischen den französischen Truppen und der Stadt und Universitär Gießen redlich verdient hatte. Zur Gründung einer nensprachlichen Professur kam es 1823, damals als Extraordinariat; aber schon im folgenden Jahre wurde sie Ordinariat. 1870 begegnen wir einer Gesellschaft für neuere Sprachen. 1879 wurde ein neuphilologisches Seminar eingerichtet, dein seit 1900 zwei Lektoren, je ein geborener Franzose und Engländer beigegeben sind, um den Studierenden Gelegenheit zur Erwerbung der praktischen Sprachfertigkeit zu geben. Daneben trat 1889 ein rein wissenschaftlichen Zwecken dienendes Seminar, bis 1907 verbunden mit dem gerinauischen Serninar. Erst 1896 wurde von der neusprachlichen Professur das Englische abgetrennt und einem besonderen außerordentlichen Professor übertragen. Auch ein eigenes englisches Seminar ist 1907 geschaffen worden. Bereits im Winter 1841/42 hatte der da- malige Historiker Schmitthenner über die angelsächsischen Sprachdenkmäler gelesen. Neugriechisch wurde 1821 und 1828 gelesen, und im Winter 1824/25 erbot sich der Technolog B l u m h o f zum Unterricht in der schwedischen unb dänischen Sprache. Die Muttersprache formte sich an allen deutschen Universitäten erst sehr spät zur Geltung bringen, verhältnismäßig früh noch in Gießen. Schon 1726 kündigte der damalige Professor der Beredsamkeit Rhenius ein Kollegium für Bries- und Rebestil in beibeit Sprachen (natürlich für Lateinisch unb Deutsch) an, freilich allzu große Erwartungen wirb man an solche Unterweisung nicht knüpfen dürfen. Am 14. Oktober 1763 gründete der Professor der Eloquenz Bechtold, eine deutsche Gesellschaft, über deren Sitzungen im Gießener Wochenblatte ausführliche Berichte erschienen. Von 1771—1800 war Christian Heinrich Schmid Professor der Eloquenz und Poesie, der als der „Gießener Schmid" für lveite Kreise als Autorität auf dem Gebiete der Kritik und Aesthetik, mach für deutsche Dichtung, galt. Goethe und seinem Kreise konnte er mit seinen starren Regeln nicht genügen, aber die berechtigte Kritik, die dieser an ihm übte, hat inoderne Kreise oft auch das Gute und Verdienstliche übersehen lassen, was an ihm anzuerkennen ist. 1813 kündigte Klein deutsche oratorische Uebungen an. Das nächste Jahr brachte das erste Kolleg über das Nibelungenlied. Dann galt das Deutsche als eine der neueren Sprachen, die wohl einmal der Neuphilologe mit berücksichtigte, die aber int übrigen beit Privatdozenten überlassen blieb. Eine Professur basür erhielt erst Weiganb (a. o. Professor Dezember 1851, o. Professor September 1867). Ostern 1886 erfolgte dann bte Gründung eines germanischen Seminars, von Ostern 1889 bis Ostern 1907 zum germanisch-romanischen erweitert. Die Geschichte entwickelte sich allmählich von kritikloser Zusammenstellung von Notizenkrain zu wahrer kritisch prüfender und abivägender Wissenschaft. Eine ZeitlanL von 1809 bis gegen 1848, mußten die Studenten aller Fakultäten ein Kolleg über Geschichte, ebenso über Logik, Psychologie und Mathematik gekört haben. 1836 wurde Hinzug daß jeder, der das versäumt hatte, sich in diesen Fächern einer besonderen Prüfung zu unterziehen habe. Ties lvar das letzte Mal, daß der alte Gedanke, die philosophische Fakultät zu einem allgemein verbindlichen Kurse zu machen, wieder auflebte. Bereits 1817 kündigte Professor Dieffenbach eine Geschichte der europäischen Völkerkriege von 1812 bis zum neuesten Pariser Frieden 1815 an. Ebenfalls aktuell war, daß Hillebrand bereits int Winter 1848/49 sich als Thema wählte: Die Weltgeschichte und die Revolutionen, historisch-philosophisch betrachtet. 1875 wurde eilt zweiter Lehrstuhl der Geschichte errichtet. 1876 folgte die Begründung des historischen Seminars. 1904 wurde diesem eine Mteiluug für alte Geschichte angegliedert und für diese ein neuer außerordentlicher Professor berufen. Alte Geschichte war natürlich schon früher behandelt worden, namentlich auch von den klassischen Philologen. Im Winter 1870/71 finden wir z. B. zuerst das auch für unsere Gegend besonderes Interesse bietende Thema angezeigt: Die Ansiedelungen der Römer in den Rheinlanden mit Berücksichtigung der erhaltenen Monumente. Recht jung ist die Geographie als eigene Wissenschaft. Früher wurde sie in der Geschichte und Stattstik mit abgetan; denn das ist wohl für die Durchschnittsbehandlung der rechte Ausdruck. 1834 behandelte der Mathematiker Schmidt die physische Geographie. Als der bekannte For- schungsreisende Robert von Sch lagt ntweit sich 1864 hier niederließ und geographische Vorlesungen hielt, bekam er den Titel außerordentlicher Professor. Freilich las er seiner Reisen wegen nur mit großen Unterbrechungen. Wirkliches Heimatrecht bekam aber die Geographie erst 1891 durch Gründung einer wirklichen Professur (zunächst außerordentliche, seit 1903 ordentliche) und eines geographischen Institutes. Letzteres erhielt 1906 in bett Räumen ber alten Bibliothek ber" Neuzeit entsprechende Räume mit geräu- migen Zeichen- und Arbeitsjälen. (Schlug folgt.) Dstereier. In diesen Tagen sehen wir sie wieder in vielen Schaufenstern prangen, die Ostereier aus Glas und Porzellan, aus Pappe und Zucker.unb Schokolade, aus Metall, Holz und Korbgeflecht. Das wirkliche, natürliche Osterei sieht man dagegen selten, das hat sich in beit Schoß ber Familie zurückgezogen. In vielen Beziehungen vermag es ja seinen künstlichen Miteiern nicht das Wasser zu reichen; es wird von ihnen nun auch selten nicht an Pracht des äußeren Ge- wandes, so doch an Kostbarkeit des Inhalts übertroffen, dennoch aber ist es schade, daß der alte, hübsche Brauch, sich mit wirklichen Eiern zu beschenken, die man eigenhändig gefärbt, gemalt ober sonstwie ausgeputzt hatte, von dem ntoberneit Luxusbedürsnis in bett Hintergrund gedrängt wird. Früher, als mau sich nur mit Hühnereiern beschenkte, kannte mau die merkwürdtgsteit Verfahren, um ihr weißes Kleid in ein farbiges oder gar bunt gemustertes zu verwandeln, man pflegte sie selbst mit hübschen Mustern, mit Blumen und Gtrlanden zu bemalen, ober sie mit Hilfe von allerlei kleinen Tricks zu Tier- unb Menschenköpsen umzugestalten, was Gelegenheit zu manchem Scherz gab. Vielleicht sind jedoch einige Fingerzeige in dieser Richtung auch heute noch lvillkommen. Um z. B. einzelne Köpfe aus Eiern herzustellen, bläst man diese durch zwei sehr kleine Löcher je am spitzen und runden Ende aus. Bei einem Studenten köpf bildet der runde Teil das Gesicht, bas ziemlich bierfröhlich aussehen unb natürlich mit ein paar tüchtigen Schmissen versehen sein muß. Das obere spitze Ende des Eies verbirgt man unter einem schief aufgesetzten Cerevis. Für ein Babyköpfchen wird das runde Ende des Eies mit einem Puppenhäubchen bedeckt, ein paar blonde Löckchen und ein Kindergesicht gemalt und das spitze untere Ende durch ein Lätzchen verdeckt. Aehnlich lassen sich noch unzählige andere Köpfe Herstellen, und zwar müssen die Gesichter stets nur mit ein paar charakteristischen, auch wohl karikierenden Strichen hingeworfen, die Kopfbedeckung besonders genäht und dann aufgeklebt werden. Schließlich zieht man durch die beiden Löcher an bett entgegengesetzten Enden ein Bändchen und hängt die Eier daran ans. Künstlerischer und freilich auch weit schwieriger herzustellen sind z. B. zwei ober drei Silhouetten auf dem unteren Ende des — 228 'Brdaktion: P. Witiko. - Rotationsdruck «nd Verlag der Brüh^'ichm UuiversitälS-Buch. und Steindruckerei. R. Lang«, Dieben. Ihre Frau, jetzt sprechen @te'S nur aus", ermunterte ihn der Richter. „Wenn sie sich auf täglich sechs Küsse beschränkt ..." Und daun plötzlich, in einem Ausbruch der gequälten Seele, erzählte er: „Sie kennen den „soul-kiß"; seitdem dieser Seelenkuß entdeckt ist, ist mein Friede dahin. Meine Frau hat in den Zeitungen von dem Dauerkuß gelesen; er erregte ihre höchste Begeisterung. Sie hat ge- schtvoren, den Rekord.von 45 Sekunden um mindestens 20 zu schlagen. Und seitdem küßt sie mich zu viel, viel zu viel." „Das ist nur ein Betveis ihrer Liebe, die Sie ihr mit Ihrer Flucht schlecht vergalten", bemerkt der Richter tadelnd. „Aber sie küßt mich fortwährend; nicht einmal die Zeitung kann ich mehr lesen, wenn ich am Wend von der Arbeit heimkehre." Aber der Richter ist unerbittlich, „Für Ihre Schuld 'gibt es keine Milderungsgründe; wir werden Sie in Haft behalten, bis Sie tausend Dollar Kaution stellen." Der Angeklagte senkt den Kopf: „Meine g-rau ist fünfzig Jahre alt." In der gestrengen Miene des Richters hämmert schüchtern ein menschliches Begreifen. „Ahl" saat er kurz. „Bor mir hat sie schon zwei Gatten besessen." Und nun schlägt die Stimmung des Richters um. Man begreift die Schrecken des Seelcnkusfes. Horace M. Leedom aber wird freigesprochen. Das Gesetz normiert das Höchst- quantum der Dauerküsse auf täglich sechs. ipc. DasDuell mit dem Rasiermesser. In Belfast wurde ein Arbeiter namens Mackin zu einer Woche Gefängnis verurteilt unter der Beschuldigung, einen Schuhinacher nainenS Kacareaver) mit einem Rasiermesser verwundet zu haben. Tie Strafe wurde nur darcnn so gering ausgemeffen, weil es sich um ein DueN gehandelt habe! Di« beiden Männer waren über eine politische Frage in einem Barbierladen in Streit geraten. Mackin forderte den Andern daraufhin auf, einen Waffengang mit ihm anzutreten. Der Schuhmacher ließ sich dies nicht zweimal sagen, und so ergriffen denn die beiden Männer zwei Rasiermeffer und gingen aus einander los. Nachdem Kacareaver) zwei tiefe Schnittwunden an Gesicht und Kaub davongetragen hatte, gab er den Kampf auf und mußte stark blutend in das nächste Krankenhaus geschafft werden. Eies, während die Spitze durch eilt Kränzchen aus künstliche» Blümchen oder mit einem Schleifchen verziert rst. Zeichnerisch geschulte Hände werden zu den hier angegebenen Andeutungen eine Menge Variationen sinnen können. Vsrinisch^es« - In d er „R o m an f abr i k". Die Massenherstellung jener Abenteuerromane, in denen bald im modernen Gewände,' bald in der rasselnden Ritterrüstung eittschwun- dener Zeiten die Helden Verbrechen auf Verbrechen oder heroische Tat auf heroische Taten häufen, wo Liebe und Haß ui wüster Wildheit sich zerfleischen und damit.das Jpeu ber naiven Leser rühren und die aufwachsende ^ugeno zu wirrem Tatendrang aufstacheln, blüht heute noch lme m früheren Zeiten. Die Rezepte, nach denen drefe zweifelhafte Lesekoft bereitet wird, haben sich im Laufe dersichre ^ctum geändert, und die gestammelten Liebesansbruche, die donnernden Verwünschungen, die sürchterlichett Fluche und die herzbeklemmenden Drohungen sind noch die gleichen, Ivie sie schon in alten Zeiten die Leser)eele erschütterten. Paris florieren diese Romanunternehmungen aufs glänzendste, die alten Stoffe, die schon ost, ihre Zugkraft bewahrt haben, !verben immer von neuem wieder variiert, und der zerlumpte Verbrecher, der das Herz der Grasin lN wilder Liebe entflammen läßt, das arme Waschermadchen, das schließlich doch den großen Diplomaten heiratet, feiern ihre alten Triumphe. Der schlaue Romanunternehmer, der in Paris unter dem Namen „Pere tire ä la Ligne bekannt K, hat sich ein regelrechtes Bureau eingerichtet, wo alle Zeitungsberichte über grausige Mordtaten, über geheimnisvolle Verbrechen, Millionenunterschlagmigen, romanhafte Entführungen und blutige Ehetragödien sorglich gesammelt Und möglichst rasch und prompt zu den schönsten Romanen verarbeitet werden. Eine ganze Schar von armen, schlecht bezahlten Schreibern hat hier das Amt, die Geschehnisse durch phantastische Aufbauschungen und freie „dichterische Zutaten schmackhaft zu machen. Und die Elaborate dieser Mitarbeiter werden dann einer flüchtigen Durchsicht unter- Mgen, die Phantasie der Schreiber durch einige möglichst chcmerliche „Geheimnisse" aufgefrischt, die übliche Phra- eoloaie eingewoben und wenn dann ein schöner Titel ge- nnden und eine grausliche Umschlagszeichnung erfonneu ! ft, ist der Roman fertig. Mer auch die romantychen Ritter- aeschichten aus alter Zeit sind noch sehr begehrt und der Umsichtige Fabrikleiter hat alle Sorge, der Nachfrage zu genügen. Denn diese Rittergeschichten setzen doch immerhin ebte gewisse Kenntnis vergangener Zeit voraus und der Unternehmer, der etwas auf sich hält, wird es vermeiden, baß die beiden Ritter just auf einem Kartoffelacker ihren Strai. ausfechten — lange bevor die Kartoffel in Europa bekannt tvar. Selbst Dumas' Mitarbeiter ist solches Mißgeschick einmal widerfahren. Wer die Abfassung von Aben- feurerromanen setzt nicht nur eine wilde Phantasie voraus, sondern auch ein leidlich gutes Gedächtnis, ^.as Ntlovo Giornale erzählt, wie Ponson du Terail beim Schreiben seiner Schauerromane feinem Gedächtnis zu Hilfe kam. Alle Persönlichkeiten, die in der Dichtung vorkamen, wurden durch kleine Puppen symbolisiert, die vor ihm auf ocm Tische standen. Jedesmal, wenn der Dichter einen Held oder eine Heldin glücklich umgebracht hatte, verschwand di« Puppe in einem Kästchen, das neben dem L-ische hing, so daß er nicht darüber im Zweifel war, wen er m der Folge nicht mehr auftreten lassen durfte. Einmal allerdings widerftihr ihm doch ein Mißgeschick; er vergaß dw Puppe in den Kasten zu werfen und prompt trat der Held kurz nach seiner Ermordung wieder auf, um die Leser mit «euen wunderbaren Taten zu entzücken. * Amerikanische Eheidhlle. Bon dem Verderben, das der mit der Operette „Walzertraum" m Newyork eingezogene „soul-kiß", der Seelenkuß, angerichtet hat, weiß Luigi Barzini zu erzählen. Vor den Schranken des Gerichts hat Harare M. Leedom sich verteidigen müssen, weil er den Dauer küssen durch die Flucht sich zu entziehen suchte, ckls der Richter ihn fragte, gestand er unumwunden seine Schuld. „Es ist wahr," so sagte er mit einer Aufwallung schöner Reue, „ich habe mein Hans verlassen, ich habe meine Fran verlassen, ich bin entflohen. Aber ich bin bereit, zu meiner Familie Wrückzukehren, ich bin bereit mich zu fügen, wenn Meine grau . . ." Hier aber schwieg er zögernd. „Wenn »Etepetete. „Wollen Sie mich, bitte, der gnädig«» ftrau melden!" — „Bedauere außerordentlich, die GnadtgM kann nicht empsaiigen. Sie liegt im Bett und erwarteteine Erkältung!" "ulL »Beim Wort genommen. Student: Sie haben j» keine Uniform. Sind Sie denn auch Briefträger? Briefträger: Nein, ich bin bloß TlusHelfer — Student: So i Können Sie mir vielleicht mit zwanzig Mark aushelfen e » liebere he. „Das hat man nun davon, daß man eine Studierte geheiratet hat! Sieht man sie nur mal scharf an» dann hat man gleich ein Duell auf dem Vals. ZigarrenweiNheit. Zigarre« sind wie Menschen: so schwer za behandeln, so leickt^zu beurteilen Zigarren meist so, wie sie grauen beurteilen : nach der Außenseite; timen steckt oft der beste Tabak, aber lVegen des Deckblattes allein veckchmciht man sie sehr oft. Zigarren sind wie die Hausfrauen: sie taugen nicht viel, wenn sie immerfort ausgehen. $ Zigarren sind wie politische Reden: wenn man stea« bevtm- rechten Stelle in den Mund nimmt, so verbrennt man sich das Maul» Zigarren sind wie tugendhafte Frauen; sobald man mit ihnen die Grenzen überschreitet, hat man Unannehmlichkeiten. Magisches Quadrat. In die Felder nebenstehenden Quadrates sind die Buchstaben AEEEEIILNNRB-88 W 7j derart einzutragen, daß die wagerechten un» senkrechten Reiben gleichlautend folgendes bedeuten; 1. Ein Getränk. 2. Einen Vornamen. 8. Einen Fluß. 4. Tier mit kostbarem Pelz. Auslösung in nächster Nummer, Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Rheinlaudschaft.