w" Z88 MW ^KoI-g 9 Mi Ketwui h Von Loy len. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Was guckt ihr baut ?" — fragte Recknitz, „paß auf, Mietzchen, hu gibst!" „Anne erwartet Helmuth. Wir begreifen nicht, wo er so lange bleibt." „Wird schon kommen. Das war falsch, mein Kind, Treff sticht." „Ich habe, kein Treff, wie btt siehst." „Was? Donnerwetter, Trost, nun geht es uns aber schlecht. Die gute Farbe ist, wie mir scheint, in AnnchenS Hand!" Trost lachte plötzlich höhnisch auf. „Mit der ist tiberhaupt nicht gut Kirschen effeit" — er schlug Mit der flachen Hand auf dm Tisch, daß die Spielmarken auf- hüpften — „hier hast du den Salat!" —- schrie er und warf seiner Frau die Karten, die er in der Hand hatte, ins Gesicht. Tie bunten Matter fielen an ihr herab und glitten weit über den blankm Futzbvden hin. Recknitz und Marie Anne fuhren zusammen, faßten sich über schnell und schwiegen. Anne Marie blieb unbeweglich, als sei ttichts geschehen. Der Mick, mit dem sie ihren Mann streifte, zeigte weder Empfindlichkeit noch Schreck, nur ein fast mitleidiges Grübeln. Sie zog die Tischschublade auf, nahm ein neues Spiel heraus und ' reichte es schweigend ihrem Schwager, der sofort mischte und von neuem gab. Marie Anne sah unbehaglich aus und murmelte wieder: „Wo nur Helmuth bleibt." Jetzt wandte sich Troß höflich, als sei nichts Vorgefällen, zu ihr und sagte in seinem gewohnten, näselnden Ton: „Er hat sicherlich dienstliche Abhaltung, der liebe Hel- muth, ivir werden uns seinen Besuch zu morgen- sichern" — und dann genau so zuvorkommend zu seiner Frau gewandt — „liebe Anne, schicke doch morgen zu ihm und lasse um Rückantwort bitten. Wir dinieren dann später, so dah er auf jeden Fall zum Essm hier sein kann." „Gewiß," sagte sie ruhig. „Meine lieben TäMen, Coeur sticht," rief Recknitz, „ich spiele aus!" — „Aber erlaube mal," sagte Troß — „was sind denn das da siir Karten auf der Diele? Wer hat sie verloren? Wollen die Herrschaften mal nachzühlen!" Ävysen dachte zornig: Er ist ja total bezecht. Unerhört! ■— Tiefer Berdrust lenkte seine Gedanken ganz von sich ab, ja, er vergaß momentan, weshalb er gekommen war, schlug die Portiere zurück und trat ins Spielzimmer. „Guten Abend, da bin ich,," sagte er. „Ja wahrhaftig, er ist doch twch gekommen! Guten Abend!" Trost kam ihm mit gewohnter Höflichkeit entgegen, Reck- ttitz blieb sitzen und klopfte ihm freundlich auf den Arm, als er vvrbeikam, um, wie immer, Anne Marie die Hand und Marie Anne auf die Wange zu küssen. Tiefe faßte seine Hand mit etwas krampfhaftem Druck, das !var aber auch alles, was ihm verriet, daß irgend etwas die Gemüter beunruhigte. „Sollen wir in den Saal gehen?" — fragte die Hausfrau, „das Spiel geben wir nun doch- wohl auf und nehmen lieber gleich den Five v'clock?" „Ein vortrefflicher Gedanke, teure Anna," sagte Trost undj wandte sich dann, wie immer, etwas gönnerhaft zu seinem Schwager, „nun wie geht es, lieber Lohsen? — Immer noch das Musterhafte Borbild, dem alle jüngeren Kameraden nachstreben? Aeh? — Mer gehen wir doch, gehen wir!" — Sie traten in den Saal, Anne Marie klingelte und gleich darauf brachten zwei Diener einen kleinen, zierlich gedeckten; Teetisch hinein und stellten ihn gerade in die Mitte des' durch die bequemen Schaukelstühle gebildeten Platzes vor der riesigen Feuerstelle. Anne Marie entzündete die schlanke Flamme unter dem Kessel und ordnete die Tassen und Gläser. Sie verstand eilten vorzüglichen Tee zu bereiten und einen noch besseren Grog zu brauen ttnb zu beidem waren alle Zutaten vorhanden. Während sie einschenkte und Rum und Zucker mischte, reichte Troß eine Schachtel mit feinen, russischen Papiros seinen Schwägern herüber, wobei er tuieber in der überhüflichen Weise, die ihm' zur zweite» Natur geworben war, der Freude über dies trauliM „en famille" Ausdruck verlieh. In seinem tadellosen Dinerait-, ztlg mit den langen, spitzen Lackschuhen und den lichtgrauen- engzulaufenden Beinkleidern sah er, die Mode outrierend, fast aus wie ein Stutzer aus dem Jahre 1830. Tie schlaffest Augenlider hoben sich selten, sie bedeckten die Augäpfel biH zur Hälfte und darunter glitt der gleich-gültige Blick hin und her, bis plötzlich Mißtrauen und Wachsamkeit wie ein Funkei drin aufglimmten und sich blitzschnell zu argwöhnischer Feind-- seligkeit entzündeten. Einigemal streifte dieser Blick auch dest Rittmeister, welcher nahe am Fenster saß, aber ehe dieser sich dessen bewußt ward, verlosch der Funke und verlor sich in stumpfsinnige Apathie. Das Gespräch drehte sich um di« Jagden, deren der Hausherr zwei zu veranstalten gedachte/ eine Wald- und eine Feldjagd. Tie Damen nahmen an der Konversation gerade so viel teil, wie nötig war, nm nie eine Pause entstehen zu lassen. Troß führte das Gespräch an. Er zählte alle auf, die er einzulaben gedachte, und stellte die Zahl d-cv Treiben bereits fest. Recknitz stimmte allem bei, Lohsen hörte demi Geplanten zu, stutzte manchmal über die große Zahl der Gäste, enthielt sich aber jeder Kritik. „Tu wunderst dich, daß ich es etwas großartig geben will," sagte der Baron lächelnd — „ich habe meine Gründe dazu. Ich erwarte ziemlich hochgestellte Gäste, unter anderem die Gräfin Flavie Wendtleben, die uns die Ehre ihres Besuches geben will. Sagtest du etwas, liebe Anne? Nein, du sagtest wohl nichts, nicht wahr? — Tie Dame, die sich gegenwärtig in Schottland auf. hält, ist eine außerordentliche Jägerin. Ihr verdanke ich die glückliche Idee, in meinen Forsten den amerikanischen Wapitihirsch ein. zuführen, ein glänzend gelungenes Experiment, wie ich hoffe." Recknitz räusperte sich, Lohsen, betreten und verwirrt, wollte etwas sagen, aber Anne Maries Fußspitze berührte warnend seineil Stiefel. Er setzte sein Glas an die Lippen und trank schweigend. — 154 in lauschig. (Fortsetzung folgt.) Ich kenne doch Ich will un- schob ihm! die sind denn die „Sehr wohl!" versetzte er. Nach dem Abendessen begaben sich die Herren ins Billard- zimmer, die beiden Tarnen ' setzten sich wieder im' Jagdsaal an den Kamin und nahmen ihre Handarbeiten vor. , Troß kam mehreremal dazu oder lehnte an der Türe des Zimmers, in welchen- Recknitz und Lapsen spielten. Es war für niemand möglich, ein Wort zu sagen, welches nicht für seine Ohrenj bestimmt war. Tie mißtrauische Wachsamkeit seines Wesens wurde sogar Lohsen ausfällig, der jetzt ungeduldig das Ende des Spieles herbeiwünschte. Mit eincminal stand Anne Marie in der Titre und winkte ihnen. „Kvmmt!" — sagte sie fast atemlos, „kommt rasch." Sie öffnete eine Seitentür und ging voraus einen Korridor entlang, wobei sie sich mehreremal umsah, ob auch alle drei folgten, „Edmund Wurde durch den Jäger abgerufen — ein günstiger Zufall, um euch allein zu sprechen. Kommt!" Sie bog in einen zweiten Gang und öffnete eine Ture, durch welche sie alle in ein erleuchtetes Boudoir traten. Es war ihr Ankleidezimmer, ein großer Spiegeltisch, auf welchem eine Elfenbcingarnitur von Kämmen, Bürsten, Tosen, Flacons und Schalen stand und lag, ein Waschtisch mit zottigem Eisbär^- sell davor, Sessel und Hocker mit gelbroter, chinesischer Seide bezogen, und eine zierliche Ruhebank vor einem kleinen, Mit Meißner Figuren dekorierten Kamin machten dies Gemach sehr sie wieder hin. „Genug," sagte sie kurz. „Sie können gehen. Troß machte eine Bewegung, als ivolle er ihr so tote vorhin die Karten, jetzt das volle Glas ins Gesicht werfen, Lohsen streckte schon den Arm aus, den Schlag abzuwcnden, aber wieder ging eure Wandlung ohne Uebergang vor sich, lächelnd führte er das Glas I an die Lippen und nippte, sich dabei gegen Marie Anne verneigend: I „Auf Ihr spezielles Wohl, teure Schwägerin!" I In dem Augenblick suhr ein Windstost Funken aufwirbvlnd, int Schlot herab und rüttelte an den Fensterscheiben. Eine Regensalve folgte prasselnd. nr . „Tas Wetter wird intimer ungemütlicher, sagte Anne yjictne, „kannst du nicht über Nacht bleiben, Helinuth?" Ter crivachte lvie aus einem1 Traum und fuhr sich über die Stirn... er war so glücklich gewesen, vergessen zu können. Nun siel ihm wieder ein, weshalb er gekommen. Tie ganze, krasse Wirklichkeit stand vor ihm „Tanke. Ich kann nicht bleiben. Was ist mir das Wetter? Tas wäre noch schöner, ließe ich mich durch einige Regentropfen zurückschrecken." „Tü bist ein junger Recke," sagte Troß huldvoll, „aber ich beneide dich! nicht uM das Leben, welches du führst — ich bin auch ein schneidiger Offizier gewesen, aber flotter — flotter! Nicht so ewig hinter dem Tritldienst her, nicht so nur, Pflicht. Wozu denn auch? — Höre- aus mich, lieber Freund, deine Jugend geht hin und von der Welt hast du nichts gesehen. Nimm doch mal so'n Jahr Urlaub und versuche es mit dem Beruf des Globetrotters. Auch'ne fchöne Sache und so — so — hm — abschleifend." „Kann man ja machen," sagte Lohsen mit Galgenhumor — „kannst du mir einige nette Gegenden nennen, die noch keines Menschen Fuß betreten haben?" „Aeh, das tvill ich damit nicht sagen. Au contrairc, fange mal 'n bißchen mit Monte Carlo an." Er lehnte sich zurück und hielt nun einen förmlichen Vortrag- Zuerst sprach er leise und langsam, die Worte dehnend, dann allmählich rascher und rascher, bis seine Rede dahinfloß lvie ein Strom, der kein Ende nehmen wollte. Er schien von dem, was er sagte, selbst mit fortgerisseir, stellte kühne Behauptungen in übertriebenen Ausdrücken aus und verlor sich endlich ins Unbegrenzte. Frankreich, Italien, Griechenland und Konstantinopel folgten sich, dann fing er von Indien an, sprach Über den Buddhismus, über Religionen überhaupt, verglich die eine mit der anderen, sprach gut, und schwungvoll und nicht lohne Begeisterung, — aber unablässig — unablässig. Seine Zuhörer saßeir stumm und sahm auf bett Mann, dessen Schädel im Licht der Teckenlampen leuchtete und desseir geziert modischer Änzug in so sonderbarem Kontrast zum Gegenstände seines Vortrags stand. Anne Marie zog das ihr am! Rücken laug herabfallende Schleisenbanb durch die Finger und saß mit geschlossenen Augen, unsägliche Langelveile im Gesicht, wie jemand, der Längstbekanntes zum hundertstenmal atthören »Aß. Recknitz zog von Zeit ;u Zeit verstohlen die Taschenuhr und unterdrückte ein Gähnen, das ihm mächtig die Brust schwellte, seine Frau sah etwas ängstlich und beunruhigt aus und Ochsen nur saß scheinbar ganz Ohr, in Wirklichkeit sich dessen, was vvrging, gar nicht bewußt. Endlich erschien ein Tiener und meldete, es sei serviert. „Edniünd, es ist serviert," sagte Anne Marie, sich erhebend, „bitte, führe Mietze zu Tisch." verfälschten Grog." „Bitte, bediene dich," sagte sie gelassen und Rumflasche hin. „Bedienen? Bin ich ein Bedienter? Wozu Tie Unterhaltung ging, wie dies im Salon der Troß meist der Fall war, halblaut weiter und es war daher ausfallend, daß Troß unvermittelt mit lauter Stimme seine Frau anschrie: „Werd . sch nun meinen Grog bekommen ober nicht, Sapperment!" Es lvar als spräche eilt anderer aus ihm. „Er steht ja vor dir," sagte Lohsen ärgerlich. „Tas? Das Zeugs da? Zuckerwasser ist es. Meine Frau. Solche Schlempe trinke ich nicht. Kerls eigentlich da? Johann!" Ter Diener eilte ins Zimmer. Troß hielt thm sein Glav entgegen: „Rum!" — sagte er. Darauf goß ihm der Diener den braunen Likör ins Glas, bis es voll war. „Mehr!" — schrie Troß. „Herr Baron, es läuft über. . ." „Was geht Sie das an? Parieren!" — Anne Marie nahm dem Bedienten die Flasche ab und stellte Er brach mitten im Satz ab und das feindliche Glimnüit den matten, halbverschleierten Augen traf sie. „Oh, du!" — flüsterte er zornig, „ich wußte wohl, du würdest mich nicht zu Wort kommen lassen!" Tie Anschuldigung war so grotesk, daß alle sich ausahen und nur mit Mühe eilt Auflachen unterdrücken konnten. Man begab sich ins EßzirnMer, und hier an der wie immer wohlbesetzten Tafel war Troß ganz der artige, aufmerksame Wirt, als bett Man ihn zu sehen gewohnt war, und kam mit feinem! Wort auf all das zurück, was er eben in endloser Rede und mit solch einem Aufwand von Dringlichkeit vorgebracht hatte. Tie Baronin hatte ihren Bruder zu ihrer Linken. Sie sprach mit ihm über die Hochzeit, die er eben mitgemacht hatte, mimt sah, sie tat es nürl, um irgend eine Unterhaltung aufrecht zu halten. Mitten hinein sagte sie, den anderen unverständlich: . „Ich möchte dich sprechen, ehe du abreitest." Die neue perfekte- Humoristische Skizze von B. Her wi. (Nachdruck verboten.) Ich lvar tagelang in gehobener Stimmung feit dem Moment, wo ich sie gemietet hatte. Vorher hatte tch eine Zeit der Niedergeschlagenheit durchlebt; es war, als ob ein Löser Geist in meine Küchenregionen eingezogen Ware und darin umginge. c Von Zeit zu Zeit —- der Zwischenraum dauerte nie lauge — mußte ich dafür sorgen, daß die Luft rein wurde. Der Verbrauch von Ab- und Anmeldeformularen mehrte stch bedeutend, und der in der Nähe unserer Wohnung stehende Dienstmann nickte mir schon immer verständnisvoll zu, fast dankbar, da ich ihm recht häufige Beschäftigung verschaffte. Manche Straßen passierte ich mit eigentümlich fatalem Gefühle, ich war dort wie zu Hause in den Mietbureaus,, bei den hilfreichen Agentinnen, die ihr ganz vortreffliches, höchst empfehlenswertes Personal — das sie nicht einmal von Ansehen kennen — an den Mann oder vielmehr an die Frau zu Wringen versuchen. , Ich ging sogar zeitweise mit der Idee um, selbst em solches Bureau einzurichten, denn abgesehen voll dem ge- winnbringenden Geschäft hätte ich doch das erste AussucheN gehabt, — ob ich aber selbst dann mein Ideal gesundest hätte, ist allerdings auch noch fraglich. " Eines Tages kam es nun mir ins Haus, das Ideal. Es zog ziemlich heftig an der Glocke — das Ideal. Angetan war es mit einem hellkärierten Leinwandkleide, einem Umschlagetuch darüber, altmodisch, durchaus nicht an die Küchenfeen der Neuzeit erinnernd. Es trat sehr bestimmt auf, mit einer Empfehlung der Frau Exzellenz, der es nicht in die Versetzung nach „ober- wärts" folgen wollte. „ Nur mir hätte die Frau Exzellenz die Male „gegönnt . So bestellte die Male. Ich fragte der Ordnung wegen nach den Kochkünsten. Nun, das Repertoire, das sie mir ausrollte — ver- I Müssend wirkte es und bezwingend; wie hatte ich es denn •— 155 nur mit ihren Vorgängerinnen aushalten können, wo etwas derartiges existiert. „Ich koche „perfekt," wiederholte sie; „aber Weiße Häubchen, Madame, trage ich nicht, das sage ich gleich, das sieht so ammenähnlich aus." Dabei schüttelte sie energisch den grauen Kopf, dessen Scheitel von Pomade glänzte. Ich brach das heikle Thema ab und fragte zaghaft nach der Höhe des Lohnes, worauf ich eine Antwort erhielt, bei der sich meine Gesichtsmuskeln krampfhaft verzogen. Da gab es aber auch kein Rütteln, denn solche Perfekten haben das eben zu beanspruchen. Sie bemerkte mein Schwanken, da begann aber auch schon die Küchenschlange ihre Verführung bet mir. Wie sie es verstand, mir das Real Turtle Ragout, die getrüffelten Wachteln, die Gelees von Mandarinen zu beschreiben, wie sie mich mit dem Eis, das sie in hundert Arten zu bereiten wußte, köderte, wie die Krebssuppe es mir endlich antat... ich sah sie vor mir . . . seimig, mit feinen Klößen, hell ziegelrot... ich nahm mir vor, ganz heimlich, im stillen, ohne daß sie es merkte, einen Kursus bei ihr durchzumachen. Dafür konnte ich mir dann das Lehrgeld, das außer dem Hause sehr kostspielig ist, vom Lohne abrechnen . . . überdies erspare ich dann Köche und Konditoren, die nicht mehr in mein Haus zu kommen brauchten. Blitzschnell addierte und subtrahierte ich . . . da würde mir ja die Male eigentlich erstaunlich billig kommen . . . Ich stellte noch bescheiden einige Fragen — Reinmacherei — Putzen betreffend. Wie ein General-Feldmarschall, der die Uebergabe-Be- dingungen diktiert, sagte die Perfekte: „Das Speisezimmer übernehme ich, mein Kupfer, mein Messing, mein Blech, sonst nichts." Ob nicht die Messer und Gabeln — vielleicht mit dem Hausmädchen — ? Mich traf ein niederschmetternder Blick. Darauf ein kategorisches: „Ich möchte mein Zimmer sehen." Es überlief miet) eiskalt. Eiskalt war freilich das richtige Wort; der lange, schmale, unheizb'are Raum verursachte schon Frösteln bei der Besichtigung. „Kein Ofen!" stellte Male gleich fest. „Das Zimmerchen ist allerliebst," lobte ich, „nur ein bißchen warm, eben die Nähe der Küche, aber man kann ja das Fenster öffnen —" „Liebe ich nicht sehr —" sagte sie wegwerfend — „also warm — auch im Winter?" Jetzt war's Frühling. Ich log darauf los. „Sehr warm — ja wohl, liebe Male!" Was konnte bis zum Winter nicht alles passiert sein! Außerdem ging mir so etwas wie Wärmeflaschen und doppelte Betten durch den Kopf — Na, sie nahm Mietgeld — „Schon, um nicht ins Büroh zu geh'n, Madame, so'n Schklavenhandel mit öffentlicher Abfragerei gefällt mir nicht, man hat sich bis jetzt noch immer unter der Hand um mir gerissen —" Die Meinen behaupteten, ich wäre seit diesem Moment in sonderbar gehobener Stimmung gewesen. Ich beschäftigte mich in der Tat viel mit der neuen Ausgestaltung der Küche, damit die künftige Beherrscherin keine defekten Schüsseln, keine Schrubber ohne Borsten und nicht einmal den ausgefransten Holzkorb vorfinden sollte. Ich hatte fabelhaften Respekt vor ihr. Nach einigen Tagen zog sie ein mit Koffer, Kommode, Bettsack und Korb. Ich ordnete -an, daß einiges davon nach dem Boden geschafft werde. Das verbat sie sich dringend. „Ich muß mein mühsam Erworbenes unter Augen haben, ich habe jetzt so viel von Bodendiebstählen gehört — und wenn gar Feuer ausbricht —“ Meine Beruhigung, daß auch der Leute Sachen bei uns versichert seien, half nichts. „Wenn von Unsereins !vas brennt," meinte sie resolut, „so iuirb doch nichts von der Versicherung bezahlt." Es half also nichts — ich müßte verschiedenes umpacken und einen Schrank, sowie eine Truhe, die ich not- wendrg gebrauchte, nach dem Boden befördern. Dann führte ich sie in das Küchenparadies; auch die Spersekammer glänzte. Sie prüfte alles mit Kennerblicken. „Es fehlt sehr viel," tadelte sie. „Zum Beispiel, liebe Male?" „Zum Beispiel Soya und Tomatenextrakt zu den Suppen und Saueen, die bekommen dann erst die seine Kraft — auch Fleisch-Pepton sehe ich nicht, ist unentbehrlich in der Küche wie Salz —" „Hier ist Liebigs Fleisch-Extrakt, liebe Male." „Das versteht sich von selbst, gnädige Frau," kam es mitleidig heraus, „aber Pepton muß auch sein. Ist denn kein Kochwein da?" „Kochwein?" fragte ich. „Natürlich, gnädige Frau, Madeira, Burgunder, Mosel — ich war mal kurze Zeit wo, da nahm man Essig und Kognak zur Ox-tail-Suppe — natürlich blieb ich nicht — Sind Sie schon mit dem Menn für morgen einig, gnädige Frau?" Menu! O du mein Himmel! Erbsensuppe sollte es geben mit Bröckchen, dann gebratene Leber — es kam mir plötzlich wirklich ärmlich vor. Deshalb begann ich: „Erbsensuppe mit Croutons, Kalbsleber mit Kartoffelpüree und Salaten — " „Natürlich fiehnerbs," schaltete sie ein. »Ja, ja, gewiß, anx fines herbes," bejahte ich — „dann etwas Süßes, vielleicht eine Omelette —" „Ei," riefen die Kinder, die mir nachgekommen waren, „Omelettes mitten in der Woche — fein!" „Das ißt der JUnker wohl gern?" fragte Male herabs- lassend. „Junker?" lachte Otto. „Mama, warum sagt sie Junker?" Sie antwortete statt meiner: „So nennt man die kleinen Knaben ja immer in altadeligen Häusern." Wie um Entschuldigung bittend, fügte sie hinzu: „Ich bin eigentlich fast nie in bürgerlichen gewesen.-" Fast genierte ich mich in dem Augenblicke, daß wir nicht ein bißchen adelig sind. Bis dahin hatte ich den Mangel gar nicht so sehr empfunden. Am anderen Morgen trat ich in das Speisezimmer, als sie noch mit Aufräumen beschäftigt war. Auf den Flügel warf sie bitterböse Blicke. „Der gehört doch ins Musikzimmer," brummte sie. Mit meinem Mann hatte sie es gleich verdorben, denn! die „Pflaumenweichen" kamen „steinhart" auf den Tisch'. „Bewahre, nein, so etwas einfaches mache ich immer nach Gutdünken." „Wir werden Sonntag ein Mittagessen haben, Male," sagte ich nachher in der Küche zu ihr. „So, so, ein Diner," verbesserte sie. Zur Vorsicht fragte ich doch uoch mal, ob sie fünf bis sechs Gänge übernehmen könnte. „Gnädige Frau," antwortete sie, halb gleichgiliig, halb! anmaßend, „mein Ruhm steht fest bis zu Oberprüsidents; ich fühle mich nicht beleidigt, wenn Sie es mir nicht an- vertrauen, natürlich Hilfsköchin will ich nicht spielen." Wir besprachen darauf das Menu — nichts war ihr zu kostspielig. Später ging ich noch einmal in die Küche; ich wollte gern sehen, wie eine „Perfekte" die Omeletten macht, auch die fines herbes interessierten mich. Sie pflanzte sich breit vor dem Küchentisch auf und wehrte mir das Beobachten. „Ich liebe das nicht in meiner Küche," sagte sie mit rnalitiösem Tonfall. Betrübt ging ich hinaus, denn es ivar mir, als ob ich meine Kochkursns-FÜnsionen begraben hätte. Unser Mittagessen kam am ersten Tage eine halbe Stunde später auf den Tisch als gewöhnlich. Endlich war die Terrine erschienen. Ich hob den Deckel — o weh — denn ich merkte es sogleich und die anderen einen Augenblick später: die Erbsensuppe war angebrannt, dafür fehlten aber auch die besprochenen Croutons; die hatte Male einfach vergessen. Mann und Kinder sahen mich mitleidig an. Einer Vision gleich tauchte der hilfreiche Dienstmann von der Ecke auf. „Ja, ich bin es eben anders gewöhnt," meinte sie —i „so die simple Hausmannskost." Ach, nun liegt mir das Diner am Sonntag furchtbar in den Gliedern. 156 Wohin ist meine Glückseligkeit? Ein Stein lastet mir auf hem Herzen, denn Gesellschaften geben wir doch nur ein- oder zweimal im Jahre — und simple Hausmannskost haben wir täglich. Wie werde ich meine „Perfekte" wieder los?. * E i n e i u t e r e s s a n t e S a m m l u n g v o n l i t autsch e n S p r i ch w ö r t e r n, die ein Litauer, Lehrer Rezat, angelegt hat und die in anschaulichen prägnanten Sätzen und schlagenden Vergleichen Erfahrungen des Volkes zusammenfassen, wird von Dr. F. Tetzner veröffentlicht. Wir greifen aus der großen Zahl folgende Beispiele heraus: Schulden sind keine Wunden, heilen nicht zu. — Je größer Trunkenbold, je größer Glück, je krummer Holz, je besser Mück'. — Versprochen, aber dabei bleibts auch. — Erhöret läuten, aber er weiß nicht, in welcher Kirche. — Verschüttete Milch fressen alle Hunde. (Bgl. Was man erspart vom eignen Mund, das fressen Katz' und Hund.) — Ein reifer Apfel fällt auch ohne Wind ab, ein grüner muß vom Wind abgeschlagen werden. — Für Bosheit wird kein Geld gezahlt. — Ein stiller Mund ist Gottes Gabe. — Auf den letzten Sperling lauernd, kannst alle verlieren. — Es ist nicht Zeit, den Hund zu füttern, wenn der Wolf im Dorfe ist. — Der Topf lacht den Kessel aus und beide sind schwarz. — Ein ungerechter Groschen verzehrt zehn andere. — Langes Kleid, kurze Gedanken. — Ein kleiner Erdhügel kippt einen großen Wagen um. — Der Spreu fehlt nicht viel, sie schwimmt gleich nach oben. — Das Flick muß größer sein als das Loch. — Ein Stein, oft gerollt, bemoost nicht. C.K. Ein blinder Tänzer. Jeden Abend erntet in 'einem Londoner Variete ein Negerpaar mit seinen Tänzen Und Gesängen frenetischen Beifall. Die Frau tritt dann vor und verbeugt sich lächelnd. Die klaren klugen Augen des Mannes blicken suchend und prüfend über die klatschenden Hände und er horcht auf den Lärm, aber er kann nichts Men, denn er ist blind. So prächtig und geschickt die Tänze Walkers und seiner Frau sind, sie werden doch erst bewunderungswürdig durch den Umstand, daß der Mann tanzt, während tiefe lichtlose Dunkelheit ihn umhüllt. Vou Jugend 'auf lag eine ewige Tanzfreude in den flinken Beinen dieses Negers, der sich bald einen Ruf als geschickter Tänzer und lustiger Sänger erwarb. Da in Australien traf ihn plötzlich jein Schicksalsschlag, der ihm all sein Leben und all feine Freude zu vernichten schien; er wurde blind. Auf einmal wars ihm, als wenn alle Lichter im Theater jählings aus- aedreht wären und er ganz allein in tiefer Nacht auf der Bühne stände und aufhören sollte zu tanzen, was ihm Notwendiger schien als zu leben. Während er so in dem Dunkel feiner Verzweiflung grübelte und rang, so erzählen fenglische Blätter, da kam er auf den Einfall, von seiner plötzlichen Erblindung niemanden etwas zu sagen, denn wer würde noch etwas für einen blinden Mann geben? Er hatte ein Engagement nach London und während der Ueber- fahrt wußte er selbst seiner Frau seine Blindheit zu verbergen, so gut wußte er sich in dieser ewigen Nacht seiner Augen zurechtzufinden. Hatten doch seine Augen noch den gleichen Glanz wie früher, spielte doch noch immer das frische Lächeln um seine Lippen. Als er dann in London auftrat, Wußte seine Frau um das Geheimnis und sie half ihm, seine Blindheit bei seinem Auftreten zu verbergen. Wenn sie die Bühne betraten, führte sie ihn und raunte ihm auch Wohl sonst noch zu: „Hier ist eine Stufe" oder „Nicht so weit zurück." Da er genau wußte, wie die Musiker im Orchester saßen, so konnte er aus den Klängen der Instrumente einen Rückschluß auf seine eigene Stellung auf der Bühne machen Und fand sich so zurecht. Schwieg das Orchester, so hielt er sich so unbeweglich wie möglich. Achtzehn Monate tanzte er und sang und lachte er in dem leuchtenden Saal vor der fröhlichen Menge, selbst ewig im Dunkel befangen. Dann erst kam «es heraus, daß er blind war, und es war ihm selbst die größte Ueberraschung, daß ein blinder Tänzer noch mehr Geld wert ist, als ein sehender. Nun bildet der blinde, ehrwürdig aussehende Tänzer die Sensation des Londoner Varistss. * Staatlich pensionierte Räu b e r. Aus Konstantinopel wird uns berichtet: Die Briganten haben m der Türkei jetzt ihre guten Tage. So lange sie jung sind und kräftig, gehen sie ihrem lohnenden Beruf nach, terrorisieren die Gegend und erringen durch Fleiß und Umsicht eineu berühmten Namen. Das Volk leistet ihnen teils aus Bewunderung, teils aus Furcht, Beistand und Unterschlupf, die Polizei hütet sich, mit den verwegenen Gesellen in allzu nahe Berührung zu kommen, sie beschränkt sich lieber auf eine nur theoretische Verfolgung und so können die Briganten im allgemeinen nicht übtzr schlechte Zeiten klagen: Mer schließlich kommt man in die Jahre, man wird alt und! gebrechlich, das Wanderleben und das Hernmklettern in den Bergen beschwerlich und die Sehnsucht erwacht nach einem geruhsamen Lebensabend. Nach einigem Hin- und« Herhandeln einigt sich der Brigant dann mit den Behörden, er unterwirft sich, wird getreulich begnadigt, erhält die Erlaubnis, sich anzusiedeln und die Regierung zahlt ihm eine monatliche Pension aus, um den greisen Räuber vor Not zu schützen. Einer dieser Fälle hat sich jetzt wieder in Smyrna ereignet, wo der berüchtigte Wegelagerer Toa- itt Smyrna ereignet, wo der berüchtigte Wegelagerer Tcatiry sich angesiedelt hat und seine ordnungsgemäße Pension vom Staat bezieht. Allein Tcatiry ist eigentlich noch nicht „pensionsberechtigt", er ist durchaus kein alter Mann, sondern noch arbeitsfähig, und! da er gleich mit einer Anzahl Genossen in Smyrna erschien, haben die Mächte bei der Pforte Vorstellungen erhoben, Tcatiry soll ein anderer Wohnsitz angewiesen werden, wo es ihm nicht so leicht wird, seinen Beruf wieder anf- zunehmen. Wenig bekannt ist der Fall Mahmud Pehliwan> der nicht allzuweit zurückliegt. Mahmud Pehliwan nahm es mit seinem Beruf sehr ernst und verübte in der nächsten Umgebung von Konstantinopel eine lange Reihe von Raubanfällen, Erpressungen und Morden. Aber eines Tages tötete er unvorsichtigerweise einen Polizeibeamteu und damit war es mit der Eintracht mit den Behörden endgültig vorbei. Es gab eine heiße Jagd und Mahmud Pehliwan wurde schließlich erwischt. Man schleppte ihn nach Kon- stantinopel und stellte ihn vor Gericht, aber nach einer Sitzung des Kriminalgerichts, als man ihn im Gefangenenwagen zum Kerker zurückbringen wollte, sprang er plötzlich auf den Bock, schlug den Kutscher nieder und jagte im Galopp davon. In einer abgelegenen Gasse überließ er Pferd und Wagen ihrem Schicksal und entfloh. Er nahm seinen alten Beruf wieder auf, aber schließlich ward auch er des Handwerks müde und er reichte ein Gnadengesuch ein. Prompt wurde es ihm gewährt und er erhielt eine Stelle im Palast, die er wahrscheinlich noch heute versieht. Goldene Worte. Frei will ich sei» im Denken und Dichten, Handeln schränkt die Welt genug uns ein. Aus „Tasso". Pfleg' ja den Körper mit der Seele, Daß er den Geist dir nicht bestehle. Voin ersten Eindruck oit wird unser Sinn betört, Das Treffliche gefällt, tvemt man's auch zehnmal hört. Wer einmal lügt, muß ost zu lügen sich bequeme», Denn sieben Lüge» brauchts, Ut» eine z» beschöne». Silbenrätsel. a, bin, bmg, cag, chi. den, die, e, gen, gen», hall, ham, in, ca, lo, mas, mow, na, ni, ni. ni no pol, rach, re, renz, rous, ssau, so, ster, tar, ti, tü, u. 1. Ein Komponist. 2. Eine Stadt. 8. Eine Stadt. 4. Eine r «ndt. 5. Ein General. 6. Ein Slädtche». 7. Ein Vorname. 8. Eine Stadt. 9. Ein Komponist. 10. Ein Nagetier. 11. Ei» Schloß. 12. Ei» Philosoph. Die Anfangsbuchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen ergebe» je emen berühmten Alan». Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Meer, Messer. Redaktion: P. Witt ko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.