Donnerstag den 9. Januar 1908 Hfl AM Phbfog rafS-3 \Ax$Ä?ä UlFIWt Ä»h % U Kklmutß von Lonlen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) , , Wiede- schwieg sie und preßte beide Hände an die Stern, nach Atem ringend, und Loysen wartete geduldig bis sie fortfuhr: „Und dann der Sturz ins Nichts herunter! — Und so um nichts, — so ein schwarzer, böswilliger Zufall. Während ich noch glaubte, gefeit zu sein gegen alle Not und alles Unglück in meinem überschävmenden Glücksgefühl, faßt mich eine elende Influenza — ein nichtiges Unbehagen — eine lächerliche Nerveir- verstimmung. Ich spottete ihrer, übte, probte, strafte das wachsende Unwohlsein mit Verachtung und ward doch schließlich von dem heimtückischen Gespenst niedergeworfen. Ta lag ich nun in der kalten kleinen Kammer in heftigem Fieber, ganz von der Pflege meiner Muhme abhängig, halb wahnsinnig vor ungeduldiger Verzweiflung. Ehe ich ganz genesen war, erkrankte meine alte Verwandte und ich sah sie nicht mehr. Nun war ich ganz allein, zu schwach, um aufzustehen, in elender Verfassung. Eines Tages sagte mir die Aufwärterin meiner Muhme, diese sei gestorben. Dieser Schreck hatte bei mir einen schweren Rückfall zur Folge und als ich endlich genas, war meine Stimme vernichtet! — Nach Art dieser hinterlistigen Krankheit, hatte sie das überanstrengte Organ als Beute gefordert. Verzweiflung erfaßte mich,, ich wollte das verlorene Kleinod zurückzwingen. Fortwährend versuchte ich, der toten Kehle Töne zu entreißen und verschlimmerte damit ba§, Uebel. Der Arzt warnte, drohte, zuletzt erklärte er mir, ich hätte jede Aussicht, meine Singstinmie wicderzuerlangen, versck-eizt. Ich wollte es nicht glauben, fing an, dieses und jenes Mittel zu brauchen. Nichts half. Je mehr der Winter vorrückte, rauh und kalt, desto mehr mußte ich einsehen, daß alles vergeblich war. Was nun beginnen? Bis zum ersten Januar durfte ich in der kleinen Wohnung bleiben. Die Erben meiner Base, ein Neffe und eine Nichte, nahmen mit, was ihnen zufiel. In einer drei Tage vor ihrem Tode gemachten Aufzeichnung fand sich, daß sie mir das Bett, den Tisch und die Kommode vermacht hatte, welche das Mobiliar meines Gelasses ausmachten, auch hundert Taler in barem. Da mir das Geld mit scheelen Blicken ausgezahlt ward, hätte ich es den beeinträchtigten Erben am liebsten vor die Füße geworfen, aber damals hatte der Gedanke an den Hungertod noch Schrecken für mich. Auch lebte unverwüstlich ein Hoffnungsfunke in mir . . . ich hatte es noch nicht aufgegeben, die entflohene Nachtigall wieder einzufangen. Eine Zeitlang arbeitete ich für ein Weißwarengeschäft, aber ich vertrug das anhaltende Nähen nicht, ich war noch zu schwach. Ich dachte daran, mich als Dienstmädchen zu verdingen: . ich kann kochen, tvaschen, plätten, nähen — was kam jetzt dabei in Betracht, daß mir die Beschäftigungen einst zuwider waren? Während ich noch darüber nachdachle und die nötigen Formalitäten erwog, las ich eine Anzeige: Junge Person mit schlanker Figur findet Anstellung in der Handlung Fuchs und Gansel. Ich ging hin und ward angestettt, .Aus der rüngsten Patti ward ein lebender Keiderhalter. Man weiß mich als solche», sowie als Rechenmaschine zu schätzen, denn ich soll meine „Pflichten" tadellos erfüllen. Kein Automat könnte es besser ... ja, und sehen Sie, so kam er denn heute zum hmchertstenmal, der einzige Gedanke, den ich tagsüber noch fühle in diesem toten Hirn: Wozu lebst du eigentlich? Und lebst du denn überhaupt noch? Nein, du gehörst ja schon lange zu den Schattenwesen. Kehre doch zurück in dein Reich, da du hingehörst. Und ich ging!" Sie schwieg und lange sprach keines. Loysen zerkrümelte sein Brot und räusperte sich, sie starrte über ihn weg nach der Wand, wo auf einem gegen die braune Holztäfelung baumelnden Plakat mit roten Buchstaben stand: .„ff. Biere frisch vom Faß". Ihr Auge folgte stumpfsinnig den verschnörkelten Linien. „Na, also!" — sagte der Leutnant endlich, „vor allem danke ich Ihnen, daß Sie mir Ihr Vertrauen geschenkt haben und dann mal Kvpf hoch! Tos ist ja alles gar nicht so schlimm, wie es aussieU. So ’ne Stimme, wie Sie gehabt zu haben! scheinen, die ist doch nicht plötzlich futsch auf Nimmerwiederkehr. Nur abwarten! Wenn der Sommer kommt, entsteht sie wie der Phönix aus der Asche und bei Ihrem zweiten Debüt stifte ich Ihnen einen Lvrbecrkranz erster Güte!" Es war, als glitten seine zuversichtlichen Worte wie warme« Sonnenschein über ihr vergrämtes, vertrvtzies Gesicht. Ohne ihn anzusehen, aber weit tot geneigt, trank ihr Ohr den Labetrunk der zuversichtlichen Tröstung ein. „Wenn ich mir das sagen dürfte! . . . Aber es ist ja nicht möglich!" „Ja, wenn Sie sich freilich so wenig schonen und so leichtsinnig mit der geschätzten Gurgel umgehen . . . haben Sie denn gar nichts Warmes anzuziehen?" „Ich bin sehr abgehärtet", sagte sie kurz. „Tun Sie mir den einzigen Gefallen, Fräulein Becker, und suchen Sie sich in Ihrem Höllenbasar die wärmste Jacke aus, auf meine Rechnung. Seien Sie jetzt mal vernünftig. Wie?’ Sie sah ihn groß an. ., ,,r „Was fällt Ihnen ein? Geschenke nehme ich nicht. Ob ich verhungere oder erfriere, soll immer meine Privatangelegenheit b^Tabei schob sie den noch vor ihr stehenden Teller mit den erkalteten Fleischsttickcknn hestig zurück, stand auf, warf ihr altes Tuch um die Schultern und sagte kurz: „Adieu!" Im nächsten Augenblick war der grüne Friesvorhang hinter, ihr zusammengefallen. Ter Leutnant sah ärgerlich auf die im Luftzug bewegten Stoffalten. Ihr Stolz erschien ihm albern und theatralisch. Ueberhaupt doch eine vertrackte Person. Ihm war, als erwache er ans einem Traum, der ihn in ganz ungekonnte Regionen geführt hatte. Er klingelte nach dem Kellner, bezahlte und verließ eilig das Lokal, den Hut in die Stirn drückend. Draußen blies der eiskalte Wind, er atmete tief auf. Bon dem Mädchen war natürlich nichts mehr zu sehen. Auch 18 und die Kinder von deinem Helmuth. Marie Anne. dich grüßen, Helmi, und komm! Teine dich liebende alte Schwester werde, weiß der Himinel. Dabei befinde ich mich Wohl, wie der Usch in« Wasser. Das siehst du ein, nicht wahr, Wietze, daß ich nach dieser langen unfreiwilligen Bummelei doch nicht sogleich auch noch Urlaub für Schlesien nehmen kann. Das sähe mir gar nicht ähnlich. Also bitte, sei nicht böse. Nächstes Jahr hoffe ich den Rittmeister zu kriegen!, dann komme ich. Gan- bestimmt! — Was fällt denn denr alten Trauen ein? In seiner Hand wußte ich Hochwerth gern — aber so? Nein! — Ob denn die Rüstung nuferes Ahnherrn noch iin Vorsaal steht? Bitte, sieh doch, ob du das Ding für mich kansen kannst und laß es in meinem Zimmer bei euch ansstellen. Unsere Vorfahren waren bis ins graue Mittelalter zurück untadelig, ihr Andenken soll, sofern es in Eisen verkörpert ist, geehrt werden. Grüße Konrad ein Abenteuer, dachte er, es gibt deren eben von verschiedenen Sorten. Er nahm einen Wagen und fuhr ins Hotel. Den Wintergarten hatte er aufgegeben. Am nächsten Morgen gings in die Garnison zurück und am Geburtstag erklärte Tante KommandöSchen das neue Cave für „Prachtvoll". Leutnant Loysen an Marie Anne von Recknitz: Liebe Mietze! Schnurre nur nicht gar so vorwurfsvoll, du tveißt doch, wie lieb ich euch habe und wie sehr ich an Bardes hänge. Nächstes Jahr komme ich auch ganz gewiß auf langen Urlaub. Ties Jahr wird tvohl nicht genug dafür übrig bleiben. Momentan ' verbietet mir der Arzt eine längere Eisenbahnreise. Mso gehe I ich nur nach Berlin zu Trotzens. Wo soll ich diese vermaledeite dienstlose Zeit auch sonst verbringen. Hier in Klippingen auf keinen Fall, das hielte ich gar nicht aus. Also Berlin. Ter Arm heilt normal, aber die rechte Rippenseite hat bei dem Sturz auch noch einen Extraknax abgekriegt, und diesem sollen lange Eisenbahnrciscn unzuträglich sein. Glaube mir, ich käme jetzt lieber auss Land — aber Troß ist ja, wie cs scheint, .dies ■ Jahr mit Berlin verheiratet. ' Wie lange idi. .fü;c marvdc gelten Am 18. März. Anne Marie von Troß an den Oberleutnant von Loysenr Berlin, am 25. März. Lieber Helmuth! Ist es nötig, dir erst zu versichern!, daß du mir jeden Tag willkommen bist? Beruhige den Oberstabsarzt in Bezug auf die dich hier erwartende Pflege. Ich nehme es mit jedem Lazarettgehilfen auf. Verbände sind meine Spezialität. Sehr habe ich bedauert, deinen letzten Besuch bei uns verfehlt zu haben. Was führte dich nach Berlin? Anne Marie. Einen Tag nach Empfang dieses Briefes landete Loysen in Berlin. Er trug den linken Arm in der Schlinge, das war aber auch alles, was darauf hindeutete, daß er einem schweren Reitcrunglück mit knapper Not entgangen war. . (Fortsetzung folgt.) Icr KaupLgcwmn. Erzählung von B. Her w i. Nachdruck verboten. Ich habe eine ganz famose Fran schon eine ganze Weile, über zwanzig Jahre, da lernt man sie kennen. Gut ist sie, nicht zänkisch, häuslich und anspruchslos; sic schmort einen brillanten Sauerbraten, will nie Badereisen machen, gibt auch keine Klatschkafsees; sie wäre überhaupt vollkommen, wenn sie nicht eine Schwäche hätte. Was sage ich, Schwäche? . . . Nein! Einen Fehler, eine Leidenschaft . . . ein Laster . . . eine Sünde! Der Teufel sitzt ihr im Nacken und hat ferne Hande festgekrallt, er zieht sie da und dorthin und flüstert ihr ins Ohr rrnd läßt nicht mehr von ihr, nnd sie hat sich ihm ergeben — willenlos, bedingungslos, dem bösen, bösen Spielteufel ! Ja, dem Lotteriespielteusel! Ich bin nur ein kleiner Beamter mit festem Gehalt; wir haben keine Kinder — dararif pocht sie nun. Wenn sie eine Berlosungsliste sieht in der Zeitung, an den Anschlagssäulen, im Schaufenster, bei Bekannten — dann wird sie unruhig, dann wird sie wild. Anfangs ließ ich sie ruhig gewähren, aber dann wurde es zu toll. / ,. . „Bitte, bitte, lieber Alter, kaufe es mir, rrur noch dres eine Los... es sind ja ganz famose Chancen. Nur zehn Mark, das ist doch nicht zu teuer. Denke bloß, wenn wir Kinder hätten !" Mit diesen Argumenten kam sie häufig. Was —> glauben Sie wohl, kosten mich die Kinder, die ich nicht habe? Wieder einmal gab ich nach, und wenn ichs mcht getan hätte, wäre sie heimlich hingegangen und würde den letzten j Spargroschen geopfert haben. „Es ist nun einmal meine Passion," sagte Albertine — und so kaufte sie das Los und legte es zn den übrigen in die oberste Kommodenschublade. Darin stand ein verschlossenes Kästchen, angesüllt mit den bedruckten, ominösen/ kostspieligen Zettelchen: Braunschweiger, Mecklenburger/ Hamburger, Dresdener Pferdelotterie, Rotes Kreuz, Donn I bau . . . ohne Ende, ohne Ende. | Tie Ziehuugsterminc nahten heran, einer nach dem IV. Marie Anne von Recknitz an den Oberleutnant Helmuth von I Loysen: Liebes, gutes Brüderchen! Mit dem größten Bedauern erfüllt uns die Nachricht von dem Unfall, den bit erlitten. Die Kinder, namentlich dein Paten- fohn, waren ganz außer sich. Lilly kocht den ganzen freien Nachmittag Salben ans unmöglichsten Ingredienzen, um Onkel I tzelmis Arm wieder zusammenzuleinien. Gott sei Dank, daß I cs noch so ablief, es hätte dir Schlimmeres geschehen können, | als ein Armbruch. Hast du rechte Schmerzen? Geht die Heilung I gut von statten? Lieber Bruder, komm doch zn uns, sowie du kannst und darfst nnd ich pflege dich hier völlig ans. Es I ist wirklich schlimm für uns, daß dir Dobrau nnd Berlin so nahe sind nnd Bardes so weit liegt. Weißt bu, Böser, überhaupt noch, wie es in Schlesien aussieht? Ich werde schon eifersüchtig auf Anne Marie, die so viel mehr von dir sieht als ich. Früher kamst hu häufiger, bist du dir dessen bewrißt? Da war dir Bardes noch ganz die Heimat. Djaß es dir Heimat bleibe, darum bittet auch Konrad, und hat er nicht ein Recht, es zu fordern? — | Was unsere so früh verwaiste Kindheit Frohes und Liebes bot, I hier haben ivir es durch Kvnrads vormundschaftliche Güte genossen und ein lieberes Los, als das, als sein Weib hier bleiben zu dürfen, konnte mir nicht fallen. Ich weiß auch, du hängst I noch an ihm und wirst mich nicht umsonst einladen lassen- Biel Neues gibt es nicht zu berichten. Unser Kadett wird I in vier Wochen zum Osterfest ertvartet. Die Geschwister staunen I ihn immer an in feiner schmucken Uniform. Er macht dir keine | Schande und lernt fleißig. Möchte er. deinen und Vaters Namen | immer in Ehren tragen und dir so recht ähnlich werden. Unser I Heinzelmännchen soll dem Bruder nächstes Jahr ins Korps I folgen, der Heine Dicke ist ja noch mehr Soldat als Helmi. Lilly ist jungenhaft wild und unser Nesthäkchen Annchen ein süßer Fratz. Ach, lvenn Anne solch ein Kind hätte, wie dies, ihr Patchen! — Mein guter alter Brummbär ist gesund und frisch und von früh bis spät tätig. Einen schönen neuen Kuhstall | haben wir gebaut. In der Nachbarschaft hat sich mancherlei, verändert, doch ich fürchte, es interessiert dich nicht — vielleicht aber doch der ! Berkaus von Hochwerth. Graf Trauen! hat es an einen geadelten I Bankier, Baron Ellenheim, verkauft unb ist mit Komtesse Henny nach Brauustadt in eine Billa gezogen. Man sagt, seine Söhne | brauchten zu viel Gelb. Der Verkauf tat uns sehr leid. Wir vergessen boch nie, daß, Hochwerth unserem Urgroßvater Loysen gehört hat. _ Stehst bu noch mit Wilhelm von der Haibe in brieflichem Berkehr? Einst war ja die Freundschaft groß. Körperlich soll es ihn« leider recht schlecht gehen, aber pekuniär ist er nicht mehr ! in so großer Sorge. Tas Gut rentiert sich jetzt. Als er noch in ! Not lvar, hat ihn« Konrad freundschaftlich seine Hilfe als alter Freund und Nachbar angetragen, aber Haide lehnte freundlich ab. Er ist wohl ein selten liebenswürdiger Mensch, wenn auch etwas sonderbar pietistisch. Mich rufen Mamsell und Gärtner in die Wirtschaft. Laß 19 andern. Dann ging die Verlosuri gslistenwüt an. Tina war ganz verwirrt vor Aufregung und beging die größten Konfusionen. In der Marienburger Liste suchte sie nach Rostocker Losen, die Pferdegewinne in Dresden suchte sie beim Roten Kreuz; sie wußte nicht mehr aus uoch ein. Dabei konnte ich mit der Zeit endgültig feststellen, daß sie allüberall auf das herrlichste durchgefallen war. Ich wollte es uoch einnial mit Güte versuchen, setzte mich eines Abends hin und rechnete den Betrag der Los- einkänfe zusammen. Das Resultat erfüllte mich mit Schaudern. Ich sprach ihr von der Zukunft, wie ich nicht ruhig sterben könnte... sie wurde weich, versicherte mir mit Hand und Mund, den Spielteufel endlich von sich abzuschütteln. Ich war ebenfalls gerührt und dankbar und schenkte ihr in dieser Stimmung ein schönes Stück Leinwand, da ich bemerkt hatte, daß meine Oberhemden schon anfingen, recht schadhaft zu werden. Am anderen Tag, ich hatte gerade meinen Urlaub angetreten, gingen wir spazieren. Albertine war fröhlich, guter Laune, wie brave Menschen immer sind, die sich zu einem Entschluß durchgerungen haben. Plötzlich blieb sie vor einer Tür stehen. . . vor einer Tür mit einem großen, gelben Plakat: „M a st v i e h - Au s st e l lu n g". Darunter stand: „Mit großer Lotterie verbunden". Ihre Augen weiteten sich . . . abwechselnd wurde sie blaß und rot. . . Der Busen hob und senkte sich, scheu sah sie nnch von der Seite an. Ich erschrak — es schien doch wieder ein Anfall zu kommen. „Ueberwinde, Albertine," flüsterte ich, „überwinde, komm nebenan ins Cgsö, ich laß dir ein Eisbaiser geben; das wird dich beruhigen, komm, Alte, daß der Teufel dich nicht wieder umgarnt." Halb zog ich sie, halb folgte sie mir, wir saßen im Cafe, ich bei einer Tasse Bouillon, sie beim Eis. Sie war sehr still; ich suchte sie angenehm zu unterhalten, tadelte die Bouillon, die sie zu Hause so prachtvoll herzustellen verstand... sie genoß mechanisch die Erquickung, die sie sonst so sehr liebte, augenscheinlich in tiefe Gedanken verloren. Plötzlich stand sie auf und bat mich, sie für wenige Minuten zu entschuldigen, da sie in einem benachbarten Laden einen kleinen Einkauf erledigen wolle. Ich durchblätterte einige illustrierte Zeitungen und trank die dünne Brühe aus — da trat sie schon wieder herein mit geradezu friedlichem Gesichtsausdruck; es war, als ob sie von einer schweren Last befreit sei. Darauf zahlte ich und wir gingen heim. Sie raschelte viel an ihrer Kommode herum; weiter fiel mir nichts auf. In den nächsten Tagen war sie ungewöhnlich heiter — eines Morgens, kurz nachdem sie aufgestandeu war, kam sie an den Kaffeetisch und sank mir erregt in die Arme. „Friedrich," schluchzte sie, „verzeih', daß ich dich hinter- gangen, aber endlich ist doch das Glück bei uns eingekehrt, endlich . . . neulich im Casö, da kam es wie eine Ahndung über mich — Albertine sagt immer Ahndung — du weißt doch, die Mastvieh-Lotterie, ich lief schnell nebenan, kaufte ein Los . . . und nun hier . . . eben ... die Zeitung, sieh! — Hermann! gewonnen! Nummer 777, da stehts fett gedruckt: Ein Hauptgewinn! O das Glück, das unmenfchliche Glück!" Das stimmte nun wirklich; sie schleppte das Los herein. Richtig! Nummer 777 ...... Was halfs? Da durfte von Aerger nicht mehr die Rede sein, vielleicht ist daraus nun wirklich ein Posten Geld gefallen. Also so schnell wie inöglich hinaus uach dem Ausstellungsplatz, der ganz im Osten der Stadt lag — eine Stunde Omnibusfahrt. Tie Sache stimmte. Das Los wurde vorgezeigt: Nun-mer 777, ein Haupt-? gewinn. Im Triumph wurden wir nach dem Stall geführt. Dort stand er. . . der Hauptgewinn, groß, grau, zottig, mit starken, gewundenen Hörnern: Ein Zuchtziegenbock! Ich war sprachlos. Albertine auch — und das will viel sagen! Entsetzen lahmte unsere Zungen. Aber nur einen Augenblick, denn schon wurden uns Angebote gemacht. „Merzig Mark", sagte schüchtern ein Händler. Ein niederschmetternder Blick meiner Fran traf ihn, gleichzeitig ein Rippenstoß mich. „Komm, Friedrich," sprach sie, „wir nehmen ihn gleich mit uach .Haus." Sie träumte sich in diesem Augenblick Herdenbesitzerin. Eine Gepäckdroschke wurde geholt, der Bock an Händen und Füßen — ach nein, Verzeihung! nur an den Füßen, gebunden — aus das Verdeck geschleppt. Drei Mark fünfzig kostete die Droschkenfahrt. Die Kunde unseres „Glücks" verbreitete sich riesenschnell. Am anderen Tage lag von unserem Milchmann ein Gebot von achtzig Mark vor. Ich hätte es gern akzeptiert, aber Albertine saß mit denk Ziegenbock aus hohem Pferde und refüsierte stolz. Wir hatten für den vierbeinigen Logiergast keinen Raum, auch machte er viel Unruhe im Haus, von anderen Unannehmlichkeiten ganz zu schweigen. Eine gute Bekannte meiner Frau wollte zwar gehört haben, Ziegenmilch sei etwas sehr Gesundes — Ziegenmilch vom Bock —- wir gaben ihn aber doch in Pension an einen benachbarten Pferdestall ab und zahlten täglich 50 Pfg. Futterkosten. Rach etwa zehn Tagen kam der Besitzer des Pferdestalles in heller Verzweiflung und Empörung und kündete uns die schleunige Zurücksendnng des Ziegenbocks an, da er sich damit vergnüge, den edlen Rossen die Schwänze abzubeißen. Die Ziegenböcke scheinen das so an sich zu haben. Wir suchten lauge in der Nachbarschaft, bis wir ein Unterkommen für das eigentümliche Prachtexemplar in einer leeren Wageuremise fanden. Die Luft schien ihm aber da gar nicht zu bekommen, das Böcklein erkrankte, Hausmittel halfen nicht, und uns blieb nichts anderes übrig, als den gehörnten Patienten nach vierzehn Tagen in die Tierarzneischule zu befördern. „Ein bedenklicher Fall," so hieß es sofort. Der Zustand wurde täglich trauriger, „hoffnungslos", sagen die Aerzte: er hätte schlechtes Futter bekommen. Albertine ringt die Hände, aber auch das hilft ihr nichts . . . . das Hornvieh stirbt. O Tag des Herzeleids, Tag der Enttäuschung. Man gibt uns den Rat, den Zuchtbock ausstopfen zu lassen, um ihn nachher als Rarität zu verkaufen. Ich gehe zu einem Präparator, der die Kosten mit etwa fünfundzwanzig Mark beziffert, doch eine Erhöhung dieses Betrages als möglich hinstellt. Ich erteile ihm den Auftrag. Die genaue Rechnung beträgt dann fünfundneunzig Mark. Ich verweigere empört die Bezahlung. Der Mann verklagt mich; ich verliere den Prozeß; Kostenpunkt inklusive Gericht und Anwälte einhnndertund- fünfzig Mark. Inzwischen ist der Sommer ins Land gekommen. Ich lasse das unselige Tier auf den Boden bringen, damit wir's nicht täglich vor Augen haben. Wohlmeinende Freunde, die von unserem Unglück hören, trösten uns und sagen, daß solche Prachtexemplare, gut ausgestopft, gern gekauft werden! Der Herbst wäre! die richtige Saison dafür. Wir fassen frischen Mut und erlassen in den gelesensten Blättern eine Annonce. Das kostet wieder eine Menge Geld. — 20 begangenen dem Klatsch zuhören. Vermisste». — Wilhelin Busch bringt in einer „Autographeutafel deutscher Dichter" folgendes w-ehmütig-ironische Gedichtchen: Wir Kinder der Vergangenheit. Wer eine Erbschaft übernommen. Hat für die Schulden auszukommen, Tenn nicht umsonst ist der Genuß. Kein Leugnen gilt, kein Widerstreben, Wir müssen sterben, weil wir leben, So lautet der Gerichtsbeschluß. Redaktion: P. W i t t k o. — Rotationsdruck und Berlaa der B t ü b t 'leben Universitäts-Buck- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. Ergiinzimgsrätsel. Es war im Monat Februar Ta ging ick durch den — Ais ick so langsam iurbaß — Ein Vöglein hört ich —. „Ei", dacht' ick, „so zur Winterszeit k Ich kann das nicht —" Das Vöglein aber zwitschert laut: „Ich kühl' schon Frühlings-" Gießen. M. B. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nummer: Bernstein. Ein einziger Reflektant erscheint und steigt mit uns hinauf auf den Boden. Wir ziehen die leichte Decke ab, die das plastische Bild verhüllt. Wie eigentümlich lose die Wolle sitzt..... so flockig.....wie sie bei der leisesten Berührung sich zu heben und davon zu fliegen scheint! ..... eine graue Wolke umzieht uns. , Der Käufer ist Kenner. Schnell hat er geprüft und zuckt die Achseln. c . „Wertlos, ganz wertlos," sagte er, „der Ziegenbock hat die Motten!" Der Mann ist längst verschwunden. Wir beide stehen noch oben — hoffnungslos, betäubt. Bon denr offenen Dachfenster aus hat man den Hrmmel näher — in Albertines Augen, die sie zum Firmament hebt, ist ein ganz besonderer Ausdruck. Betet sie oder tut sie ein Gelübde? . . . und glaubst du, lieber Leser, daß sie von der Loswut kuriert ist? Aus Theodor Fontanes Apothekerzeit. Es war noch die Zeit, wo der 18jährige Theodor Fontaue Lehrling war in der Rosescheu Schwauen-Apotheke in der Spandauer Straße zu Berlin — also „junger Herr., wie tue „W ert« Provisors" die Lehrlinge nannten. Er hat in seinem biographischen Buche „Zwischen Zwanzig und Dreißig" allerlei. Heiteres aus, jener Zeit erzählt! nicht aber, wie er am 10 April 1838 Nachtdienst hatte und auf das häufige Klmgeln vom Sofa emes Nebenzimmerchens aus dem flüchtigen Schlafe ousgeschreckt wurde, um in der Apotheke eilige Rezepte zu erledigen, die durch em „Kuckloch" hereingereicht wurden. Diese Nachtrag war wirklich flüchtig genug; drum wurde sie in einem Schlafrock absolviert, der über dem Hemde fest zugehalteu werden mußte, wenn die Rezepte kamen, damit nur die Situation den Wartenden gegenüber mit Anstand durchzuführen wäre. Da klingelt es wieder einmal. Fontane stürzt eilig hinaus und erkennt einen ernsten Herrn, der wichtig und mit Würde sein Rezept überreicht. Der junge Lehrling prüft es und ermittelt eine Fiebermedlzln, die bittet) den Zusatz eines bestimmt bezeichneten Fruchtigstes versüßt werden sollte Theodor Fontane macht sich also an die Zubereitung, wahrend der Herr zur Eile mahnt und mit einer tiefen, ernsten Denkerfalte auf der Stirn die Manipulationen des mischenden und sorgsam abwägenden Apothekerlehrliugs verfolgt. Da greift dieser nach einer Flasche, deren abgekürzte lateinische Aufschrift wohl den richtigen Saft verrät, die aber — leer ist! Der stets Kissenhafte Fontane eröffnet nun dem ungeduldig Wartenden, er den vorgeschriebenen Zusatz unmöglich beimischen könne, wohl aber einen ganz ähnlichen, der denselben unschuldigen Dienst der Versüßung tun werde. Aber vergeblich. Ter Mann mit der tiefen Denker falte steht auf seinem Schein und stellt sich als der Universitätsprofessor Joh. Gust. Troyseu vor. Seine Frau habe ihm soeben das erste Kind geboren, läge un Fieber, und er wollte die Arznei genau nach Vorschrift. Fontaue beteuert nochmals, aber wiederum vergeblich die völlige Gleichgültigkeit von Himbeer-oder Kirschensirup: es bleibt also Nichts übrig, als den Schlafrock iwch fester zu fassen und die Spandauer Straße hinunter zu laufen, um in der Simonscheu Apotheke, dem Rathause gegenüber, den fehlenden Saft zu erbitten. Aber das Schicksal blieb unerbittlich: auch dort ist die Flasche mit der ominösen Inschrift leer, und der jugendliche Fontane, der doch schon als Lyriker und Balladendichter im „Berliner Figaro etabliert war, wie ers nennen würde, mußte wohl oder übel noch weiter rennen. Und immer int Schlafrock auf dem bloßen Hemde; in seinem wogenden Gange, mit dem vollen Lockenhaar und den großen, gütigen, klugen Augen! Atemlos fand er an der Ecke der Reuen König- und Georgenkirchstraße in der Jungschen Apotheke, wo er fast genau 10 Jahre später den „18. März" erleben sollte, den gewüitschten Trank — und die Medizin wurde noch heilkräftig fertig. Ter kleine Weltbürger, der in der Aprtlnacht seines Erscheinens auch Th. Fontane so viel Umstände machte, ist der jetzige Professor Gustav Troyseu in Halle. der feinen Freund bat. * _ «um Nachdenken. Zehn Dinge gibt es, weswegen noch niemals jemand traurig geweseu ist, nämlich dafür: jedermann wohlzutun; von niemand Schlechtes zusprechen; ön hvren vorm Verurteilen; zu denken vorm Sprechen; im Aerger zu schwelgen, dem Leidenden Freundlichkeit zu zeigen; um Verzeihung wegen iinreckiä in bitten: Mit jedem Geouio zu yaoen, keinen Glaiiben zu schenken; keinen Verleumder an« * Das Rauchen der Damen. Eine überraschende Neujahrsgabe bieten die Inhaber der führenden Newyorker Restaurants ihren weiblichen Gästen: die Erlaubnis, zu rauchen. Denn bisher war es in den vornehmen Gasthäusern Amerikas den Damen streng verboten, sich diesem Genuß hinzugeben, und ein unerbittlicher Ausweisungsbefehl war stets die Folge. Bei Delmonico, bei Sherry, in all den eleganten Räumen, wo die Newyorker 'Gesellschaft sich versammelt, wird man künftig die smarten Amerikanerinnen mit der rauchenden Zigarette zwischen den schlanken Fingern sehen, und die wenigen Wirte, die noä) Obstruktion treiben, werden mit der Zeit auch nachgeben müssen. Man beruft sich auf Paris und London, wo niemand sich über eine rauchende Dame entrüstet und behauptet, auch Amerika müsse mit der Zeit sortschreiten. * Raffiniert. „Aber Steffelbauer, könnt Ihr denn daK Trinken gar nicht lassen?" — „Na! . . . Wissen ©’, Herr Pfarrer, bat’ i’ au’ Rausch hab', komlma bei mir die guat'n Vvrsätz’ —i — und auf die freu' i’ ntii' halt scho' 'n ganz'u Tag!" Für die Frauen. * Praktische Unterröcke. Unter feine Kleider gehört auch ein feiner Unterrock, nämlich ein Seidenrock. Es werden aber schon viele Damen die traurige Erfahrung gemacht haben, daß selbst teuere und anscheinend gute Seide nach kurzem Tragen fadenscheinig wurde oder gleichzeitig auf mehreren Stellen Risse bekam. Der Rock ist eben zu sehr der Reibung durch das Kleid ausgesetzt und kann infolgedessen nicht lange hatten. Man wähle einen guten Lüster oder irgend einen beliebigen Stoss und verfertige davon einen glatten Unterrock. Nun mache man von demselben Stoff einen ziemlich hohen gezogenen Votant mit kleinen Säumchen. Dann verfertige man einen Bo ant aus guter Seide, benähe ihn mit zwei bis drei Rechen Samtbandchen. oder kleinen Spitzeueinsätzen. Beide Volants versehe man nut ziemlich dicht angenähten Druckknöpfen und befestige nun abwechselnd — je nach Toilette und Wetter — bald den einen, bald den anderen Volant. Der aus Seide verfertigte wird, da er breit ist, einen Seidenrock vollkommen ersetzen, und auch das „Rauschen" wird man bum Heben des Kleides erzielen. Abgesehen davon, daß em solcher Rock verhaltn mäßig lange hält, stellt er sich auch erheblich billiger als ein Rock ganz aus Seide. Mau kann natürlich alle möglichen Variationen ausführen, in farbigen Stoffen, Spitzen usw., je nach Geschmack und Phantasie. Lebensweisheiten. Lerne leiden, ohne — unleidlich zu sein. * Lege dich abends hin, um zit, schlafen, nicht um zu denken. Begnüge dich mit kleinen Erfolgen. Sei hilfsbereit, doch laß jeden das Lehrgeld selbst zahlen. Kränke nicht durch — teilnahmsvolle Worte. Vergolde das Schwert deines Feindes, um ihm die Schärfe zu nehmen. « Geh' nicht aiifs Meer, ehe du im Teiche schwimmen kannst. Mißtraue dein, der jedermanns Freund ist, und ebenso dem