m imhocff <*c» Dsnnerstag den 8. Oktober 1908 — Nr. 158 Kvimrnal-Roman von E. Gaborian. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Nun, wie sah er denn aus) dieser Betrunkene? begänn rr wieder. Es tont ein groher und dicker Papa, von recht gesunder Rote, mit grauem Backenbart, breitem Gesicht, kleinen Augen, breitgequetschter Nase, von recht dummem und gemütlichem Aussehen. Für wie alt haben Sie ihn gehalten? Vierzig bis fünfzig Jahre. Haben Sie eine Idee, was' er sein mag? Na, dieser Biedermann mit seiner Mütze und (enteilt grossen braunen Kragenmantel muß irgend ein kleiner Budiker oder ein Angestellter sein. Tiefes ziemlich genaue Signalement erhalten zu haben, lvar immerhin etwas wert; Leeoq wollte das Wachtgebäude betreten, als ihm plötzlich noch etwas anderes einfiel. Ich hoffe doch zum wenigsten, sagte er, das; dieser Trunkenbold nicht mit der Chnpin gesprochen hat. Ter Wachtmeister lachte laut auf und antwortete: Nanu? wie hätte er das wohl gekonnt? Die Alte tst doch in einem Gefängnis für sich! Oh, dies Frauenzimmer! Wissen Sie, es ist noch keine Stunde her, daß sie aufgehört hat, zu schreien rind zu schimpfen. Nein, in meinem ganzen Leben habe ich noch keine solchen Grenelwörter gehört, >vie sie uns an den Kopf warf. Man dachte, die Pflastersteine müßten rot darüber werden, sogar der Betrunkene war so verblüfft darüber, bafi er durch das Guckloch in ihrer Tür mit ihr sprach, und sie auffor- dcrtc, stille zu sein ... Ter junge Lccoq machte eine so fürchterliche Gebärde, datz der Wachtmeister mit Sprechen einhielt. Nun, was gibt's denn? stammelte er. Sie ärgern sich? Mt- rum? ,, Weil . . . antwortete Leeoq wütend, weil ... lind da er den wahren Grund seines Zornes nicht verraten wollte, so trat er in die Wachtstube ein, indent er sagte, er wolle den Gefangenen sehen. _ , . Allein geblieben, fing der Wachtmeister! setnerfctts an zu fluchen. , , „ ... Diese Fatzkes vom Kriminal sind im'mer dte>elben, knurrte er, alle miteinander. Sie fragen einen aus, man sagt ihnen alles, was sie wissen wollen, rind nachher, wenn man sie nm rrgeno etwas befragt, antworten sie einem: „Nichts!" oder „Wett . . . Fatzkes! Sie habcn's zu gut, und das macht sie hochnäsig. Keinen Wachtdienst, keine Uniform, freies Atisgrhcn. . . Aber wo ist er denn hingekommen? Tas Auge an das Guckloch gepreßt, das den Wachtleuten dazu dient, die Gefangenen zu beobachten, betrachtete Leeoq Mit verzehrenden Blickeit den Mörder. Er konnte sich wohl fragen, ob das wirklich derselbe Mann war, den er wenige Stunden zuvor in der „Pfefferbüchse" gesehen hatte, wie er, von allen Furien des Hasses entflammt, mit hocherhobener Stirn, mit funkeln- dem Auge in der Türöffnung gestanden rind die ganze Patrouille! mit seinem Revolver in Schach gehalten hatte. Jetzt verriet fein ganzes Aeußere die furchtbarste Niedergeschlagenheit, Verstörtheit, Verzweiflung. Er saß gerade dem Guckloch gegenüber auf einer grobge- zimmerten Bank, die Ellbogen auf die Knie, das Kinn auf di« Hand gestützt, mit starrem Auge und hängender Lippe. Neiit! flüsterte Leeoq, dieser Mann ist nicht das, lvonach er aiisfieht! Er hatte ihir beobachtet, er wollte auch mit ihm sprechen. Er trat ein; der Mann erhob bett Kopf, warf einen ausdruckslosen Blick auf ihn, sagte aber kein Wort. Nun? fragte der junge Polizist. Wie geht's? '' Ich. bin unschuldig! antwortete der Mann mit heiserer Stimm«. Das will ich gern hoffen . . . aber das ist Sache des Richters. Ich möchte nur mal hören, ob Sie nicht das Bedürfnis habeir, irgend was zu sich zu nehmen. Nein! ! Aber in derselben Sekunde änderte der Mörder seine Meinung! und fügte hinzu: „ . '' Immerhin, ich möchte ganz gevn 'nen Happen essen; dazu einen Schluck Wein. ' 1 Sie bekommen es! antwortete Leeoq. Er ging sofort hinaus rind lief in eine nahe Kneipe, nm einiges zum Essen zu besorgen. „ . Ter Mörder aß mit dem besten Appetit. Hierauf scheiikte er sich ein großes Glas Wein ein, leerte es langsam iind sagte: Der ist gut! Das tut wohl, wo's durchläuft k . Diese Befriedigung enttäuschte den jungen Beamten sehr. Er Hatte, um-d en Mann auf die Probe zu stellen, sich jenes fürchterlich« blaurote, trübe, dicke, übelriechende Getränk geben lassen, das an den Barrieren fabriziert wird, und er erwartete, daß dem ..tot- der zum mindesten davor ekeln würde. Aber ganz und gar nicht. -Uebrigens hatte et keine Zeit, lange darübet nachzudenken Ertt Rasselt: draußen verkündete die Ankunft des grünen Zellen- wagens der Polizeipräfektur. , . ... ^ r ,, Man mußte die Witwe Chnpin hmetutragen, so fürchterlich schrie sie und wehrte sich: hierauf wurde der Mörder aufgefordert, Platz zu nehmen. Lccoq dachte, daß er doch jetzt wenigstens irgend ein Mißbehagen zeigen würde, und er paßte scharf auf. Nichts « Ter Mann bestieg das abscheuliche Gefährt, als wäre es das natürlichste Ding von der Welt; er machte sich's sogar in seiner Zelle bequem, wie ein alter Gast, der damit Bescheid weiß und tue Stellung kennt, in welcher man sich ntn besten mit dem engen Raum abfindet. „ Ah, der Junge ist schlau! murmelte Leeoq enttäuscht. Aber in der Polizeipräfektur werden wir sehen! 12. Kapitel. Leeoq glaubte ein Mittel zu haben, wie dem Mörder ein Teil seines Geheimnisses entrissen werden könnte; er war überzeugt — ja, er Hütte seinen Kvpf darauf wetten mögen — datz der Mann in höheren Gesellschaftskreisen gelebt hatte. Daß_ c» demselben gelungen war, Appetit M heucheln, seinen Abscheu, vov. — 630 — einem ekelhaften Getränk zu überiviudcU, daß er, ohne zu zucken, in den Zellenwagen gestiegen war — bei diesem allem war nichts geradezu außerordentliches, wenn ein Mann im Spiel war, der mit starkem Willen begabt war, und dessen Energie die drohende Gefahr und die Hoffnung auf Rettung verzehnfachen mußte. Mer würde er dieselbe Selbstbeherrschung bewahren gegenüber den erniedrigenden Formalitäten bei der Einlieferung ins Untersuchungsgefängnis, Formalitäten, die in gewissen Fallen zu den empörendsten Verletzungen des Schamgefühls Iverden können, ja müssen? Nein, Lecoq konnte dies nicht annehnren. Nach langer Fahrt passierte endlich der schwere Wagen den Torbogen der Polizeipräfektur und hielt mitten in einem engen und finsteren Hof. Schon war Lceoq abgesprungen. Er öffnete die Tür der Zelle, worin der Mörder eingeschlosfen Ivar, indem er zu ihm sagte: Wir sind da. Steigen Sie aus! Es war keine Gefahr vorhanden, daß der Mörder entflöhe. Ein Gitter war hinter dem Margen wieder geschlossen worden, außerdem waren mindestens ein Dutzend Gefängniswärter und Polizisten neugierig herangetreten, um zu sehen, was für Gesindel in der Nacht eingebracht wäre. Sowie die Zelle aufgeschlossen war, kletterte der Mörder leichtfiißig heraus. Sein Gesichtsausdruck war abermals ein anderer geworden. Es lag darin nur noch die vollständige Gleichgültigkeit eines Menschen, der schon ganz andere Prüfungen durchgemacht hat. Ms sein Fuß das grünschwarze Pflaster des Hofes betrat, schien der Mann ein gewisses Wohlbehagen zu empfinden. Er sog mit vollen Lungen die Luft ein, daun schüttelte er sich kräftig, um die in der engen Zelle des „Sakatkorbes" steisgewor- denen Glieder Wiede« elastisch zu machen. Tann sah er sich um, und ein kaum wahrnehmbares Lächeln stieg auf seine Lippen. Man hätte darauf schwören mögen, der Ort loüfe ihm nicht fremd, er hätte diese roten geschwärzten Hausermauern, diese vergitterten Fenster, die dicken Türen, die Riegel, kurz den ganzen trübseligen Gefäugnisäpparat schon gekannt. Mein Gott! dachte Lecoq aufgeregt. Sollte er hier bekannt sein? Seine Unruhe verdoppelte sich, als er sah, wie der Mann, ohne ein Wort, ein Zeichen abzuwarten, auf eine der fünf oder sechs Türen zuschritt, die nach dem Hofe führten. Er ging geraden Wegs auf diejenige los, durch die er in der Tat eintreten mußte. War das ein Zufall? Es kam über immer merkivürdiger: nachdem der Mörder einen ziemlich dunkeln Korridor durchschritten hatte, wandte er sich gerade aus, bog dann nach links um die Ecke, ging durch das Wärterzimmer und trat in das Protokollzimmcr ein — alles ohne tzu zögern, wie ein alte« Gewohnheitsverbrecher, ein „Retourpferd", wie man in der! Rue de Jerusalem' sagt. Lecoq fühlte, wie ein kalter Schweiß ihn: übe« den Rücken rieselte. Der Mann, dachte er bei sich, ist schon hier gewesen; er weiß hier Bescheid. Tas Protokollzimmer war ein ziemlich großer Saal, von zu Reinen Fenstern mit verstaubten Scheiben schlecht erleuchtet, Bei: einem eisernen Ofen übermäßig erwärmt. Der Sekretär saß an seinem Pult und las in einer über das Wnlieferungsregister gebreiteten Zeitung. Drei oder vier Wärter saßen halbliegend auf Holzbänken. Diese Bänke, zwei Tische, ein paar schlechte Stühle bildeten die ganze Einrichtung. Als der Mörder und Lecoq cintraten, sah der Sekretär auf und sagte: i Aha! der Wagen ist angekomMei, Ja, antwortete der junge Polizist, und einen der von Herrn d'Escorval unterzeichneten Befehle hinreichend, setzte er hinzu: Da find die Papiere des' Burschen hier. Der Sekretär nahen das Papier, las cs und zitterte. Oh! rief er dann. Ein dreifacher Mord! Oh! Oh! Der Angeschuldigte stieg augenscheinlich in seiner Achtung. Tas war kein gewöhnlicher Gefangener, kein gemeiner Vagabund oder schäbiger Spitzbube. Der Untersuchungsrichter befiehlt, den Mann in eine Einzelzelle zu setzen, fuhr der Sekretär fort; auch müfsen ihm Neider gegeben Iverden, da die seinigen als Beweisstücke dienen sollen. Es soll schnell jemand dein Herrn Direktor Bescheid sagen; die andern Leute, die der Wagen gebracht hat, mögen warten. Ich werde inzwischen den Burschen nach allen Regeln ins Protokoll ein- Iragen. Der Direktor war ganz in der Nähe und trat bald ins Zimmer. Der Sekretär hatte ein Register zur Eintragung fertig» gemacht und fragte den Ingefchuldigten: Ihr Name? Mai. Ihre Vornamen? Ich habe keine. Was? Sie habet: keine Vornamen? Der Mörder schien zu überlegen; dann sagte er mürrisch: Es ist besser, ich sage Ihnen gleich, daß Sie sich mit Fragen keine Mühe geben; ich werde nur dem Richter antworten. Sie möchten mir eine FaRe legen, nicht wahr? Sehr freundlich! Mer ich kenne das! < Bedenken Sie, warf der Direktor ein, daß Sic Ihre Lage verschlimmern! Ganz und gar nicht! ... Ich bin unschuldig; Sic wollen; mich überrumpeln, ich verteidige mich. Ziehen Sie inir meinetwegen jetzt die Worte aus dem Bauch, wenn Äe können! Mer Sie täten besser, mir mein Geld wiederzugeben, das man mir auf der Wache aügcnomMen hat. 136 Franken und acht Sous! Ich werde sie brauchen, wenn ich hier loskonnne. Ich verlange, daß man sie ins Protokoll einträgt. Wo sind sie? Das Geld war nebst den anderen Sachen, die dem Gefangenen abgenommen waren, von dem Wachtmeister an Lecoq abgeliefert Wochen. Er legte alles miteinander auf einen Tisch und sagte: Hier sind Ihre 136 Franken acht Sous, außerdem Ihr Messer, Ihr Taschentuch und vier Zigarren. Tie lebhafteste Befriedigung spiegelte sich auf den Zügen des Mörders. Wollen Sie jetzt antworten? begann de« Sekretär von neuem. Mer der Direktor hatte begriffen, daß es nutzlos sei, in den Mann zu dringen; er winkte dem Sekretär zu, er solle stille sein und befahl dem Angeschuldigten: Ziehen Sie Ihre Stiefel aus. Wozu? fragte dieser. Für die Messung, antwortete der Sekretär, ich muß Ihre Körpergröße eintragen. Der Minder antwortete nicht, sondern setzte sich und zog seine plumpen Lederstiefel aus. Er ging barfuß in denselben. Sie ziehen sich also nur Sonntags Ihre Schuhe an? fragte Lecoq ihn. Woran sehen Sie das? Na, an den: Schurutz, woinit Ihre Füße bis zum Knöchel bedeckt find. Und wenn schon! sagte der Mann im frechsten Ton. Ist cs denn ein Verbrechen, wenn man keine Füße hat, wie eine Marquise? Dieses Verbrechen könnte man Jhi:en jedenfalls nicht vorwerfen, sagte der junge Polizist langsam. Denken Sie denn, ich sehe nicht trotz den: Schmutz, wie weiß und fein Ihre Füße find? Die Nägel sind gut gepflegt und mit der Feile geglättet. (Fortsetzung folgt.! Zcheffel als Maler. Anknüpfend an die beiden Aeußerungen Scheffels an Ignaz Huber, bald nach dem Erscheinen des Ekkehard: „Nach, Raturanlage und Neigung hätte ich Maler werden sollen", und an seinen Vetter, den Komponisten Heim, 1878: „Ms Gegengruß schicke ich zwei Zeichnungen von 1852. Hütte ich damals nicht aus Italien zurück müssen, so wäre ich jetzt ein tüchtiger Landschaftsmaler", spricht Ernst Boerschel int „Daheim" über Scheffel als Maler. Mau muß Scheffels Wesen kennen, das Rückschauende, Vergleichende in ihm, um diesen Stimmnngstoi: recht zu begreifen. Er hat oftmals in seiner grünen Mansardenstube in der Stephanienstraße zu Karlsruhe gesessen und den Erfolg seines Lebens nach allen Richtungen hin ab-, geschätzt, „ähnlich einem Handelsmann, der seine Rechnungsbücher abschließt". Wenn er dann immer wieder an die glückliche Zeit in Italien dachte, da er mit dem Malkasten und in unbesorgter Laune durch die Campagna schritt, wenn er ferner die Wanderungen überschaute, die ihn fast über jeden Steg seines schönen badischen Heimatlandes geführt hatten, so gehörte bei seiner fröhlichen Aufnahmefähigkeit für die Natur der Malertrieb wie von selbst zu ihm. Wir kennen die wundervollen, den Scheffelschen Stil merklich beflügelnden .Naturschilderungen im „Ekkehard", wir fühlen uns ergriffen von den Elegien der „Frau Aventiure", in denen er uns Naturstimmungen von keuschestem Reize malt: wir verstehen es, daß auch der Zeichenstist der Feder Nacheilen will. Das Gejühl kam ganz von innen heraus und! 631 saß darum so fest. Er wollte der dichterischen 'Gestaltung nachhelfen durch die bildliche, und es ist sicher, daß Scheffel beim Zeichnen seiner Bilder dieselbe aufrichtige Freude am Schaffen empfunden hat, wie beim Dichten. Wir sehen seine Zeichnungen und Bildchen, sofern sic nicht lediglich als Skizze oder bildliche Ergänzung eines Schriftwerks dienen solltm, sich meist zu heiteren Genrebildern eut- wickeln, in deren Form und Auffassung immer ein echt Scheffelscher Stimmungston mit anklingt. Eine gewisse Großzügigkeit sucht er nun in seinen Landschaftsskizzen zu erreichen. Er schließt sich dann gleichsam ein, um sich künstlerisch zu konzentrieren. Und er, dem Licht und Luft nicht nur im Leben, sondern auch in der Kunst alles waren, zieht dann die begrenzte Bergesschlucht und die enge Felsenlandschaft der weiten, durch Wald und Feld erheiterten Ebene vor. Die Landschaftsskizzen Scheffels wenigstens, die ich kenne, zeigen meistens Motive aus zerklüfteten Berg- nnd Felsrevieren. Die kluge, klare Frauenfeele seiner Mutter hatte wohl recht, als sie am Abend nach ihres Sohnes Abreise nach Italien an Schwanitz schrieb: „In Rom will er malen! — Was sagen Sie dazu? Ich meine, fein ihm von der Natur gegebener Pinsel sei die Feder. Was er mit der Feder malte, war immer das Beste und — ich denke, in Rom wird ihm das schon klar werden." . Das malerische Ergebnis in Italien, das der junge Scheffel im Mai 1853 bei seiner Rückkehr im Elternhause vorweisen • konnte, stach denn auch wesentlich ab von dem anderen Ergebnis dieser Reise. Neben der Mappe der Skizzenblätter lag im Reisekoffer das dicke Manuskript des „Trompeters von Säkkingen"! Und dennoch die Hoffnung auf die bildende Kunst nicht verloren, dennoch im späten Alter das wehmütige Befürchten, durch die störenden „Bleigewichte des Lebens" vielleicht ein schönes Ziel versäumt zu haben! Ein Gedanke, der zu Scheffels alemannisch knorriger und «lemauuisch treuer Persönlichkeit lebhaft und freundlich gehört. Acht Blatt der aus Italien heimgebrachten. Skizzen hat . Scheffel später photographieren lassen und in einer Mappe unter dem Titel „Landschaftsstudieu von I. B. Scheffel. Erinnerungsblätter für Freunde" vereinigt. Aber er hat schon lange vor der italienischen Reise gezeichnet. Seine ' Schwester Marie scheint ihm die erste Anregung dazu gegeben zu haben. Sie besaß in der Tat ein hervorragendes Wal- und Zeichentalent, war Schülerin des Galeriedirektors Fromme! und hat des Bruders künstlerische Regungen mit wecken und fördern helfen. Sie machten gemeinsame Ausflüge in die Karlsruher Umgebung, beteiligten sich dann «m Unterricht des Tiermalers Rudolf Kuntz und gingen durch die unaussprechliche Liebe, die die beiden Geschwister Verband, vollkommen in ihren gegenseitigen Interessen auf. Nus seinen Wanderungen hatte er stets sein Skizzeubnch bei sich. Es war für ihn Ausruhen, tvemt er die Natur, die in seinem Innern so volle Akkorde löste, mit seinem Stift anfs Papier bannen konnte. Anderer Stimmung wiederum waren die kleinen Sächelchen, die er mit ein paar Strichen den Vertrauten in die Briefe zeichnete. Da wollte er ganz bewußt ein Gefühl vermitteln. So tuschte er in den wundervollen Brief an Emma Heim vom Mürz 1860 ein geknicktes Veilchen, um damit die Trostlosigkeit seiner Stimmung auszudrücken, so zeichnete er „der stillen, holdseligen Schwarzwaldlieb" zu Anfang des Briefes vom 11. Mai 1858 eine schlanke, schwungvolle Initiale, auf der ein Vöglein luftig fein Lied singt. Diese kleinen Ueber- bringer von. Gefühl und Behagen sind der Weg zu seinen Genrebildchen, die nicht so zahlreich sind wie seine Land- schaftsskizzen, die aber dafür neben dem Maler Scheffel den Menschen Scheffel, mit seinem Herzen voll Frohsinn und Liebenswürdigkeit hervortreten lassen. Schließlich wollen wir Scheffels Aostümzeichnungen nicht vergessen, die besonders feine Mappe füllten, als er 1850 beim Bezirksgericht in Säkkingen als Dienstrevisor eintrat und er sich nun den Hauensteiner Schwarzwald mit den . einzigen Typen der Hoben zum kulturellen Jagdrevier erkor. Wer den „Trompeter von Säkkingen" liebgewonnen hat, sich an den „Säkkinger Episteln" und dem gediegenen Aufsätze „Aus dem Hauensteiner Schwarzwald" erfreut hat, wird das „Mannsbild" nnd das „Wibli" willkommen heißen. En Gäulchennel. De Lotze Hannkonroad kom vom Aecker ean läiß sich sei Fräichsteck uffdrah'(n). „Eß de Salme schun dogewäst?" frog he sei Frää. „Nee," goab säi em ze Audwurd; „Hai eß kee(n)er gewäst." „Asch woorde uff de Louis, der will mer sei Madche verdinge. Kennst de denn iwwerhääbt de Salme?" — „Nee," sähd he, „he eß jo noch nit dogewäse, vwwer he soll en reälle Geschäftsmann sei. Asch hun e Sture se brauche eau he Hot mer e Koorde geschrewwe, daß he ee brenge well." Die Frää besorkts Fräuhsteck, de Bauer mächt sich driwiver her; eu dere Zeit haudiert säi en de Kesch erim. — Noch ere kurze Zeit kloppt's a(n) de Stuwwediehr o(n) ean. eren kom ee Manu, der sreht: „San Säi de Lotz?" — „Jo, 's eß goud, daß Se komme, setze Se sich ean esse ean drinke med." Däi zwie esse e Zeitlang eau endlich frog de Hannkonroad, im de Hannel en die Reih se brenge: „Wär alh eß se da(n)?" — „Sechzeh Juhr!" sähd de Mann. — „Donnerwerrer, schun fit ald?" — „Dos eß doch kee Aell nid?" — „Eß säi dach) rohig." — „Wäi e Lamm." — „Asch gewwe vill druff, ivann se braat eß en de Hilde", sähd de Hannkonroad en schneit e fresch Steck Speck oab. De Mann guckt de Bauer grüß och) ean mecht bluß: „Hum!" Noch kurze Zeit sähd er: „Aber steifknochig eß se ean ihr Aerwed kann se gedohch), die Liese!" — „Also Liese hääßt fe!" — „Jo ! Säi eß daus ent Stall, soll asch se rennho(l)n?" — „Woß, ernt die Stuwwe! Nee, nochher will ich se fir- drabbe losse, de Fritz wird se jo oabgeschirrt ean befäuhlt hun?" — „Oabgeschirrt ean befäuhlt?" — „Jo, dos doht de Fritz; owwer esse Se doch." De Mann aß owwer nid. ean guckt sich im noch de Stuwwediehr. Dodebei macht er e Gesicht wäi ahner, der Zeh(n)weeh hodd ean lache will. — „Fritz befäuhlt se?" frog de Mann noch emol. — „Nadierlich, deß gehiert doch zoum .Hannel!" — „Wäisu, Hannel?" — „Asch denke, nt’r wolle'doch drimm hanneln, dodezon hu(n) Säi se doch rnedgebroocht ean sei uff er her- gererre?" — „Asch uff er hergererre? Dos vestiehn asch naut! Asch ftt(n) se Fouß häi!" — „Su, leßt se sich bemn nid reire? Eß se naß Fourer gewehnd? Asch fonren gärn naß." — „Su kimmt rn'rsch groad fir. Naa, ich danke sche(n)." De Bauer lacht, weil he den Manu nid vestann. Ent Stelle doocht he, daß er su en narrische Gäulshetmler noch ttet geseh hett. Ern selwe Aageblcck kloppt's a de Diehr ean noch en Mann kom crenn. „Wer vo(n) Auch eß de Lotz?" — „Des jei(rt) asch!" reff der Hannkonroad. „No, wäi eß, wo(l)n Säi de Sture hu(u)?" frog de Mann. — ,,Hu(n) Säi nach ee(n)?. Asch fa(n) häi schu(u) merr em Salme ent Haituel."- — „Asch fttt(lt) kee Salme nid!" sähd de Manu, nted dem der Hannkonroad gehannelt hott. „Wäi komme Säi da(n) zou're Sture?" — „Asch e Sture? Asch will mei(n) Madche bei auch vedinge." — De Hannkonroad letzt sich de lange Wähl uffs Sofa eau lacht, daß die Wenn zirren. „No," sähd he seletzd, „e greeßer Domhäät wäi bei dem Gäulsheunel Hulu) asch noch nit e(r)lebt; mt wolle mer ewwer o(n)fange ean Säi ho(l)nn 's Madche aus em Stall ean mache die Geschicht' med meine Frää oab!" K. H. VeNMiMtsr» * M e Ferdinand F ü r st von Bulgarien wurde, davon weiß ein Mitarbeiter des „Petit Journal" nähere Einzelheiten ztt berichten, die der verstorbene Stambulow, der vor deut Regierungsantritt des Fürsten Ferdinand,und auch dann noch mehrere Jahre lang mit fast diktatorhcyer Strenge die Regierung' führte, kurz nach seinem Sturze dem Jonrnalisteu erzählt hat. „Ich und einige Delegierten 632 der bulgarischen Nation", so schilderte der verbitterte, nicht unparteiische Stambuloto den Hergang, „waren nach der Abdankung des Prinzen von Battenberg von Sofia auf- gebrochen, um einen geeigneten Fürsten zu suchen. Man wollte uns einen Prinzen von Mingrelien geben, der sich mit dem Rangs eines russischen Werkzeugs begnügt hätte. Wir brauchten einen Herrscher, der durch seine Verbindungen, durch seine Verwandtschaft und durch seine persönlichen Beziehungen die Anbahnung guter diplomatischer Beziehungen mit den regierenden Könighäusern Europas gewährleistete. Es war'eine schwierige Frage. An wen sollten wir uns wenden? Wer wollte von uns Bulgaren etwas wissen, nachdem Rußland uns gewissermaßen für Europa mit Quarantäne belegt hatte? Wir trafen in Wien ein. Niemand wollte uns empfangen; wir verbrachten uitfere Abende in den Varietes und den Bierlokalen. Das waren freilich nicht die Orte, wo wir den weißen Naben finden konnten, der uns nottat. Eines Abends aber gingen wir in die Hofoper; in Begleitung eines Führers' aus dem Hotel. IN den Pausen erzählte uns der Begleiter, welche berühmten Persönlichkeiten der Vorstellung beiwohnten, und zeigte uns die einzelnen Damen und Herren. Er deutete auf einen jungen Herrn, der in einer Loge saß, und sagte: „Das ist der Prinz Ferdinand von Sachsen-Koburg, der Neffe des letzten Königs von Frankreich." Da sagte ich mir im stillen: „Koburg ist ein schöner Name, und die Familie des Königs von Frankreich ist eine gute Familie: vielleicht wäre dieser junge Mann etwas für uns." Ich sprach darüber mit meinen Kollegen und ivir beschlossen, dem Prinzen Ferdinand Bulgarien anzubieteu. Er nahm an, und so hab' ich ihn „zum König gemacht". Bei dieser Schilderung Stambulows darf sreilich nicht vergessen werden, daß sie vier oder fünf Tage nach der plötzlichen Entlassung des allmächtigen Ministerpräsidenten gegeben lvurde. Er unterbrach oft den Fluß seiner Erzählung mit dem bitteren Zwischenruf: „Und er hat mich fortgejagt". Dann führte er den Journalisten vor einen Glasschrank, in dein er die Geschenke des Fürsten aufbewahrte. Einige nahm er heraus, wog sie in der Hand und schätzte sie dabei ab: „dieses hier ist seine 1000 Fr. wert. . ., dieses hier kaum 10 Napoleons . . ." Und immer wieder glitt zwischen hindurch die bittere Bemerkung: „Und er hat mich fortgejagt." In diesem Augenblick enthüllte Stambulow sich so, Ivie er war. Der Firnis der Bildung fiel ab von ihm, und man sah den alten Barbaren, den Donaufischer, mit der ganzen Brutalität des Nomaden, der in Ziegenfelle gehüllt dahinlebt . . . * Raubmörder. Der bekannte Schriftsteller Paul Keller teilt iin neuesten Heft der von ihm herausgegebeuen Wochenschrift „Der Guckkasten" nachstehende selbsterlebte Geschichte mit: Auf einer Wanderung durch ein steierisches, einsames Tal setzte ich mich müde aus einen Stein am Wege. Ich war meilenweit von den nächsten menschlichen Behausungen entfernt. Da teilte sich plötzlich das dichte Gebüsch mir gegenüber. Drei Kerle erschienen, verwegene Gestalten. Zerknüllte Hüte, unzählig oft geflickte, schmutzige Kleider, verfilzte Bärte. In der blauroten Rechten trug jeder der Strolche eine mächtige Axt. Und die unheimlichen Gesellen blieben zehn Schritt von mir entfernt regungslos stehen und fixierten mich. „Mach deine Rechnung mit dem Himmel", dachte ich und dachte melancholisch an mein junges Sebett und an den Regenschirm, der meine einzige Waffe war, dachte daran, daß es noch nie erhört worden sei, daß ein Dichtersmann mit einem Regenschirm drei Strolche mit Aexten besiegt hätte. Die einzige Rettung war noch eilige Flucht. Vielleicht konnte ich trotz meiner müden, wunden Füße doch noch schneller laufen als diese drei Mordgesellen zusammen. Also erhob ich mich und ivollte fort. Da aber war mit Riesenschritten einer der Raubmörder an meiner Seite und packte mich mit eisernem Griff am Arm. Es versetzte mir den Atem, Ivie gelähmt war ich —--„Schauns, Euer Gnaden, Ihr Geldwatschkerl ham's verlorn!" Der Räuber zeigte auf den Stein, da ich gesessen hatte. Da lag wirklich mein Geldbeutel. Er war mir aus der Hosentasche gerutscht sanrt meinem gesamten Reisegeld. Ich erholte mich langsam von meiner vorherigen Angst und nunmehrigen Verblüffung, staminelte allerhand wirre Tankes- und Entschuldigungsworte, rechnete in der Eile 10 Prozent Finderlohn aus, da ich nicht weniger ehrlich ein wollte als die Raubmörder, und verrechnete mich dabei in der Verwirrung zu meinen Gunsten. Was soll ich sagen: Die Raubmörder lehnten die 20 Kronen mit einem unheimlichen, geradezu grausig anzusehenden Grinsen ab und nahmen jeder mir „10 Kretzer für an Enzian". *Das Mitleid der Hunde. Ein Kaufmann namens Romanow in Bialystock hatte seit 20 Jahren eine Hündin, die schließlich so altersschwach geworden war, daß er sich ihrer entledigen wollte. Romanow nahm die alte Hündin eines Tages aufs Feld und band sie dort an einem Pfahl fest, um sie verhungern zu lassen. Nach einigen Tagen kamen Leute vorüber, die die Hündin noch lebend antrafen. Als sie sich dem Tier näherten, fanden sie einen Hansen abgenagter Knochen vor ihm liegen. Eine Beobachtung ergab, daß andere Hunde ihrer gefesselten Gefährtin im Maule Futter angeschleppt brachten. * Geruch sinn der Schmetterlinge. Im letzten Frühjahr fanden ivir, so schreibt Prof. Jaeger in seinem bekannten Monatsblatt, int Gebirge die Puppe eines „Tannenpfeils" (eines größeren Nachtschmetterlings) und nahmen sie mit nach Stuttgart. Nach einigen Wochen kam eines Abends in unser beleuchtetes Schlafzimmer ein größerer Schmetterling hereingeflogen, ein Tanueupfeil. Als matt nachsah, war vott der Puppe, die im Zimmer daneben untergebracht worden war, nur noch die leere Hülle vorhanden. Der Schmetterling war ausgeschlüpft und fortgeflogen. Ohne Zweifel war es derselbe Schmetterling, der imfer Haus wieder aufsuchte. Es hatte ihm draußen in der Fremde scheints tticht allzugut gefallen. Darum kehrte er in die Nähe des Orts zurück, wo er das Licht der Welt erblickt hatte. Es ist ohne Zweifel der Geruch, der die Tiere an ihre Heimat bindet. Da in unserem Fall die eigentliche Heimat des Schmetterlings zu entfernt war, so mußte er sich eben mit seiner zweitett Heimat begttügen. * Ein Schildbürger st ückchen. In dem oberpfälzischen Marktort Massing gerieten nach dem Ausbruch eines Brandes zwei Feuerwehrleute in Streit, weil jeder die Prätnie für das zuerst herbeigebrachte Spritzengespanu verdienett ivollte. Zuerst prügelten sich die beiden Konkurrenten, dann entstand eine allgemeine Rauferei — und das Haus 5rannte inzwischen nieder. Literatur. — sA u f ein Jahrhundert des Weltruhms darf nunmehr der allbekannte Badeort Marieubad zurückblicken. Bor allem wird matt Goethes gedenken, der dort in der reizendeit Ulrike vott Levetzow seine letzte Liebe fand. Aber auch andere große Namen tauchen auf: Friedrich Hebbel schuf dort seinen; „Ghges", Richard Wagner den ersten Entwurf des „Lohengriu", und Friedrich Nietzsche hat manches später heiß umstrittene Problem tznerst durch die Einsamkeit der Marienbader Wälder getragen. Eine eingehende, schön illustrierte Würdigung des Badeortes. bringt in ihrer neuesten Nummer (Heft 2, Jahrgang 1908/09) die beliebte „Sonntags-Zeitung fürs Deutsche Haus". Eitt anderer Artikel unterrichtet über die Entstehung der Münze. Außerdem bringt die weitverbreitete Zeitschrift einen Romait von Hanns von Zobeltitz, Novellen und Gedichte, Kutistbeilagen, Bilder aus aller Welt, Vorlagen zur Anfertigung von Damen- und Kindergarderobe, Handarbeiten usw. Die Hausfrau findet vielfache Anregung und Ratschläge für Küche und Hans, Gesundheitspflege und Erziehung. ___________ Rätsel. Drei Buchstaben bilden mein ganzes Wort, Es ist ein kleiner, idyllischer Badeort. Doch stellst du noch ein Zeichen voran, Ztnn Tragen man es benutzen kann. Wenn matt es in and'rer Bedeutung nimmt Macht es den Empfänger oit mißgestimmt. R. R. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: H H S e a c 1 1 h Hellsehen Halseisen Scheideck h s e e e e n n k Redaktion: E. Anderson. - Notaliottsdruck und Verlag der Brühl'jchen Unwersstäts'Buch. und Slemdruckeret, N. Lange, Gieße«.