Samstag den 8. August EM ii!u S i MU John Darrows Tod. Roman von M e l v i n L. S e v e r h. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) 4. K'apitel- Nachdem wir Godins Geständnis gelesen hatten, sahen wir Maitlands Besuch mit besonderem Interesse entgegen. Wir wußten, daß er bei dieser neuen Wendung der Dinge sehr bald erscheinen würde, und so suchten wir, seines Kommens harrend, uns in Geduld zu fassen. „Die Nachricht von Ihrem Erfolg ist Ihnen vorausgeeilt," sagte Florence, sobald wir nach seinem Eintreten alle Platz genommen hatten. „Ich möchte Ihnen den ersten Glückwunsch sagen. Sie haben für mich getan, was kein anderer hätte tun können, und meine Dankesschuld ist so groß, daß ich sie nie abtragen kann. Der Gedanke, daß ich außer stände war, meines Vaters Wünsche zu erfüllen, daß ich nichts tun konnte, seinen Namen von den Flecken zu reinigen, die man darauf getvorfen hatte, lastete auf meinem Herzen tvie ein Bleigewicht. Sie haben mich von dieser Bürde befreit, und glauben Sie mir, Worte vermögen die Dankbarkeit, die ich empfinde, nicht auszudrücken. Sie müssen mir nun gestatten, die von meinem Vater bestimmte Sumine an Sie auszuzahlen und zu — zu —", sie zögerte, und Maitland ließ sie den Satz nicht vollenden. „Verzeihen Sie mir, Fräulein. Darrow," versetzte er, „aber ich kann keine Belohnung für das, das ich getan habe, annehmen. Es ist für mich nur ein Vergnügen gewesen, dies zu tun, und das Bewußtsein, Sie von allen peinlichen Möglichkeiten befreit zu sehen, die das Testament Ihres Vaters im Gefolge haben konnte, ist mehr als genügender Lohn. Glauben Sie mir noch etwas schuldig zu fein, so gewähren Sie mir vielleicht frennd- lichst eine Gunst?" „Es gibt nichts," sagte sie ernst, „um was Sie mich vergebens bitten würden, falls ich imstande bin, es zu gewähren." „Dann lassen Sie mich also bitten," versetzte er, „daß Sic nie wieder von Belohnung der Dienste reden, die ich Ihnen geleistet haben soll. Welchen Lohn Sie mir auch sollten bieten wollen, ich. könnte ihn nicht annehmen." Sie warf ihm einen raschen, prüfenden Blick zu, und ich bemerkte einen schmerzlichen Ausdruck auf ihrem Gesicht, aber Maitland hatte dafür keine Augen, denn in der Tat schien er es merkwürdig eilig zu haben, seiner gepreßten Seele Lust zu machen. „Und jetzt," fuhr er hastig fort, „darf ich mir nicht länger herausnehmen, Ihnen Vorschriften für Ihre Handlungen zu nlachen. Sie haben meine Wünsche so gewissenhaft erfüllt, Ihr Versprechen so treu gehalten, daß das,, was vielleicht eine unangenehme Verantwortlichkeit werden konnte, statt dessen zu einer Freude für mich geworden ist, deren Ende mich mit Bedauerst erfüllt. h Ich danke Ihnen für die Geduld, die Sie gezeigt, und di« Mühe, die Sie sich gegeben haben, mir alles leicht und arr-. genehm zu machen; und nun miiß ich gehen, da ich in diesen Sache doch noch vieles zu tun habe. Es mag lange Zeit dauern," fügte er, wie mir schien, mit kramphafter Bewegung hinzu, „ehe wir uns wieder treffen. Wir sind denselben Pfad! ge- wandelt —", aber er schien nicht weiter sprechen zu können, und eine Blässe überzog fein Antlitz, als er zugleich ihre und seine Hand sinken ließ. Mit Ansttengung fuhr er fort: „Ich — werde sehr — vermissen, — bitte um Entschuldigung, — ich —; W glanbe, es ist mir schlecht, — eine kleine Benomnienheit, — ick) glaube, ich gehe lieber in die frische Luft — ich werde — werde vermissen —■ verzeihen Sie, — ich bin nicht ganz Herr meiner Kräfte, leben Sie wohl, leben Sie wohl!" Damit stolperte er unsicher blindlings zur Tür und aus dem Hause hinaus, ohne weiter ein Wort zu reden. Jedenfalls sah er recht schlecht aus, und Florence war ebenso bleich wie er, als sie ihm wortlos nachblickte. Was mir bei dieser Unterredung als leise Ahnung aufge-, dämmert war, das machte meine gute, kluge Schwester mir durch ein langes Gespräch zur Gewißheit, das sie am Abend dieses Tages mit mir hatte. Sie fing scherzend an, indem sie wieder, von dem Zirkusbillett für mich sprach und mich lächelnd fragte, ob ich immer noch nicht wisse, wo die Elefanten ihre Riissel hätten. _ Als ich sie verständnislos anblickte, schüttelte sie den Kopf und ries: „Ach, ihr klugen Männer, von den Sternen und vom Lauf der Welten wißt ihr uns zu erzählen, aber was um euch her vvrgeht in nächster Nähe, davon habt ihr keine Ahnung! Siehst du cs denn wirklich nicht, daß die beiden Menschen einander lieben und nur aus falschem Stolz und Zurückhaltung nicht dazu kourmen können, es einander zu sägen?" . Mit solchen Worten machte meine Schwester mich sehend, und indem wir alles noch einmal besprochen, was in den letzten Wochen geschehen war, fing ich an, mich selbst über meine bisherige Blindheit zu wundern. Tas Endergebnis dieses Gesprächs aber Ivar ein hübscher kleiner Plan, den wir zusammen schmiedeten und den wir gleich an anderen Morgen ins Werk setzten. Ich schrieb einen Zettel an Maitland, auf dem ich ihm sagte, daß "er gestern freilich fortgegangen sei, als wenn er mein Haus nie wieder betreten wolle, daß aber ein inzwischen erfolgtes wichtiges Ereignis sein baldiges Kommen zu einer Notwendigkeit mache. Wenn er es vorzöge, mich allein zu treffen, so möge er int Lauf des Vormittags kommen, weil die Damen ausgegangen seien. Es dauerte keine Stunde, bis er bei mir war. Er sah auch jetzt noch schlecht aus und war furchtbar nervös, so daß ich ihn vergeblich zum Sitzen nötigte. Aufgeregt fragte er mich, was denn so Wichtiges geschehen sei, und zog die Stirn in finstere Falten, als ich zur Antwort gab: „Etwas ungeheuer Wichtiges, und zwar für. Sie selbst, Ihr Lebensglück hängt davon ab." „Mein Lebensglück?" brauste er auf. „Was verstehen Sie denn von meinem Lebensglück?" „Vielleicht mehr, als Sie denken," gab ich zur Antwort, indenr ich nahe vor ihn hintrat itnt> ihm die Hände auf die; Schultern legte: „Glauben Sie denn, ich wüßte nicht, daß Sie Florence Darrow lieben.?" — 490 — „Gut," rief er, „und Wenns so ist, was bann?" „Was dann?" eiferte ich. „Was dann? Zu ihr gehen sollen Sie wie ein Mann, ihr sagen, daß Sie sie Lieben, und ihre Hand van ihr fordern. Das würde ich tun, wenn ich liebte" ■— Aber er unterbrach mich, ehe ich zu Ende gesprochen hatte. „Sehen Sie, Doktor," fuhr er mich an, „ich liebe Florence Darrow und der Gedanke, das; sie nie die Meine werden kann, bringt mich um. Unterbrechen Sie mich nicht! Ich weist, was ich sage. Sie kann nie die Meine werden! Glauben Sie, ich würde um ihre Hand werben? Glauben Sie, ich würde schani- losen Handel treiben mit ihrer Dankbarkeit? Hat ihr nicht ihr Vater geboten, mich zu heiraten, tvenn ich sie zum Weib verlange? Hat sie uns beiden nicht erklärt, sie würde halten, was sic dem Vater gelobt hat, und würde ihr dadurch auch ein Los zuteil, schlimmer als der Tod? lind Sie wollen, ich soll mich durch solch ein Opfer bereichern? Schändlicher Gedanke! Mag die Liebe mir das Herz verbrennen, aber nie, nie soll sie wissen, löte ich sie liebe. Und hier, Doktor, versprechen Sic mir, daß Sie ihr niemals etwas von meiner Liebe sagen wollen — wahrhaftig, das müssen Sie!" Ich nahm eine feierliche Miene an und sagte: „Sie wird es nicht zuerst von mir hören, das verspreche ich Ihnen. Aber," fügte ich in verändertem Tone hinzu, „das ist auch gar nicht mehr nötig, denn Sie hat es bereits von Ihnen selbst gehört." „Was?" rief er zornig, aber das Wort erstarb ihm im Munde. Denn noch während des Sprechens war ich zur Tür des Nebenzimmers gegangen, wohin Florence durch Alice klüglich gelockt worden war. Sie hatte jedes Wort hören müssen, das ich mit Maitland gesprochen hatte; denn die Tür Ivar nur durch eine Portiere geschlossen, und als ich diese zurückschlug, stand Florence bleich und bebend, aber mit glückstrahlenden Augen auf der Schwelle. Einen Moment noch zauderte sie, dann aber stürzte sie auf Maitland zu und schlang mit dem Ausruf: „Georg, .Geliebter!" die Arme um seinen Hals. Und nun kann ich wohl schliesten, denn meine Erzählung ist aus, und ich höre jemand im Flur kommen, sicher zu mir. Es ist nur Harald, denke ich, und so kann ich wohl noch ein paar Worte schreiben, kamt vom unerwartet raschen Tode des Herrn Latour berichten, kaitn erzählen, wie Jeanette, — aber es geht nicht, denn ein übermütiger Mensch hat eine Hand vor meine Augen gelegt und sagt: „Rate!" Ich sehe gerade noch so viel durch die Finger, dast ich schreiben kann. Wieder heißt es: „Rate!" und so sage ich schlankweg: „Alice." Darauf, sollte man's glauben, küstt mich jemand und sagt: „Wirst du denn nie mit der Schreiberei fertig? Die Kinder lassen dir sagen, ob du nichts auch ein wenig Zeit für sie hast?" Was bleibt mir übrig? Ich must eben aufhören, und so sage ich als gehorsamer Ehemann: „Schon gut, ich will unter einer Bedingung aufhören. Ich habe mich gewundert, wo du in aller Welt wärest. Sage mir, was hast du getan? Ich habe mich eben in der Erinnerung in den ganzen Graus des Junggesellenlebens zurück versenkt." Mr einen Augenblick wird sie ernsthaft und sagt: „Ich war auf deut Friedhof bei Vaters Grabe und dann," — ihr Gesicht heitert sich auf durch ein strahlendes Lächeln — „dann bin ich in der Stadt gewesen, um eine Puppe zu kaufen für unsere kleine Jeanette. Aber du tust ja, als wäre ich ein ganzes Jahr fortgewesen." „Ja, liebe Jeanette," -erwidere ich; „mir ist's, als wär's so lange gewesen," und ich ziehe sie sacht nieder auf meinen Schoß und küsse sie immer und, immer wieder, um sie von der Wahrheit meiner Worte zu überzeugen. , Man sieht, ich habe seit meiner Junggesellenzeit etwas gelernt. Leihgestern. Altes und Neues zur Geschichte des Dorfes von L u d w i g S t r a ck. (Originalbeitrag der „Gieß. Fam.-Blätter".) Nachdruck verboten. III. Von der Einführung der Reformation bis zur Gründung der Pfarrei Leihgestern (15 74). Leihgestern stand vor der Reformation in kirchlicher Be- ziehung unter Triererischer Jurisdiktion. Der Trierische Archi- diakonat S. Lubentii zu Dietkirchen bei Limburg umfaßte sechs .Ruralkäpitel, darunter Wetzlar, zu welchem Schiffenberg und Leihgestern gehörten. In politischer Beziehung war Leihgestern eines der 14 Dörfer des Hüttenbergs, eines Gebietes südlich von Gießen, das in alter Zeit den Grafen von Gleiberg gehörte und seit 1333 von Nassau und Hessen gemeinschaftlich verwaltet wurde. Diese gemeinschaftliche Verwaltung hat sehr viel Streitigkeiten Znd Prozesse zur Iolge gehabt. . Erchlich wurde im Satire 1703 durch einen Vertrag zwischen Landgraf Ernst Ludwig von Hessen- Darmstadt und Graf Johann Ernst von Nassau-Saarbrücken der Hüttenberg geteilt. An Hessen kamen die sieben Dörfer Allen- dorf a. d. L., Annerod, Hansen, Kirchgöns, Langgöns, Leihgestern, Pohlgöns; an Nassau die übrigen, nämlich Dornholzhausen, Dutenhofen, Groß-Rechtenbach, Hochelheim, Hörnsheim, Lützel- linben und Niederkleen. Den Grafen Johann von Nassau sahen wir 1355 als Schiedsrichter zwischen Leihgestern und Schiffenberg auf seinem Schloß Gleiberg, ganz im Anfang hörten wir von der Gräfin Clemen- tia, der Stifterin des Augustinerklosters Schiffenberg. Sonst werden bis jetzt weder weltliche noch geistliche Obrigkeit erwähnt. Leihgestern und Schiffenberg heißt das Thema, von dem die vorreformatorische Geschichte des Dorfes handelt. Anders nach der Reformation. Die geistliche Behörde entspricht jetzt in ihrer Organisation ganz der weltlichen. Die Gemeinschaft Hüttenberg untersteht in kirchlicher wie politischer Beziehung dem Landgrasen von Hessen und dem Grafen von Nassau. In den Dörfern der Gemeinfchaft erscheinen jedesmal die beiden Superintendenten, der von Hessen und der von Nassau, und zwar meist mehrmals im Jahr. Ein förmlicher Wetteifer scheint sich in den ersten Jahrzehnten nach der Reformation zwischen beiden entwickelt zu haben. Philipp der Großmütige hat, wie in den Ländern, über die er allein herrschte, so auch im Hüttenberg der Reformation Eingang verschafft. Es geschah dies nach der Hornberger Synode 1526 und dem Religionsgespräch in Marburg 1529. Philipps Hofprediger Adam Kraft bereiste mit andern Männern ganz Hessen und führte die neue Kirchenordnung ein. Näheres über die Einführung der Reformation in Leihgestern wissen wir nicht. Die Deutsch-Ordenskommende war zur kirchlichen Versorgung der Gemeinde verpflichtet, hatte aber. offenbar nach der Reformation nicht mehr die nötigen Geistlichen. Deshalb kömmt sie mit deut Schulmeister von Großen-Linden dahin überein, daß dieser für jährlich 16 fl. zwei Wochenpredigten in Leihgestern hält. Darüber, wie sich das kirchliche Leben der Gemeinde in dieser Zeit int einzelnen gestaltet hat, wissen wir leider wenig. Wir erfahren nur aus einem Schreiben vom Jahre 1568, daß die Leihgesterner vor dieser Zeit Sonntags die Kirche in Großen- Linden besuchten. Die nächste urkundliche Nachricht haben wir vom Jahre 1564 in Gestalt der (Kirchen-) Kastenrechnung. Die „Junam" dieser bescheidenen Rechnung beträgt 31 fl. 22 alb. 1 h., die „Ausgifft" 37 fl. 24 alb. 1 h. Die Ausgabe übertrifft also die Einnahme um 6 fl. 2 alb. Die Einnahmen bestehen zum größten Teil aus Naturallieferungen (Korn, Hafer, Wachs, Oel), die bann in Geld umgesetzt werden. Der Haupt- ausgabeposten von 1564 sind 15 fl. 3 alb. 3 h. „vor 242 dielen zu benl in die kirch und 2 fl. vor ttehle (Nägel) an die benke"; ferner der Schreinerlohn voll 2 fl. 8 alb. Offenbar ist, diese Anschaffung auch noch ein Stück Reformation. Ent Posten fei noch erwähnt, der auch in den Rechnungen der folgenden Jahre immer wiederkehrt, nämlich 2 fl. „gen Linden in die schulen". In Großen-Linden existierte demnach schon eilte Volksschule, die auch von Leihgestern aus besucht wurde. In dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts nimmt Leihgestern einen ungeheuren Aufschwung. Die Gemeinde war wohlhabend, es hat aber auch, und dies ist die Hauptsache, nicht an den führenden Persönlichkeiten gefehlt, die in uneigennütziger Weise die Gemeindesache vertraten. Und zwar waren diese nicht etwa Beamte, Pfarrer ober Lehrer, sondern sämtlich Einheimische, mit einer Ausnahme Bauern, aber Leute,. die auch eine weite Reise, wie z. B. nach Marburg oder Weilburg nicht scheuten, wenn es die Interessen ihres Heimatsdorfes galt. Der Aufschwung der Gemeinde zeigt sich einesteils in ihrer Stellung zum Schiffenberg. Der Deutsch-Ordenskomthur wap eigentlich nur noch der Hüter von Wald und Feld. Die Kommende bewirtschaftete das Feld nicht mehr selbst, sondern es wurde verliehen. Den Ländereien in Leihgesterner Gemarkung, von denen die Schenkungsurkunden des 13. Jahrhunderts berichten. Begegnen wir wieder in Pachtverträgen des 16. Jahrhunderts.^ Die Pächter sind meist Leihgesterner Gemeindeglieder. Die Beamten des Schiffenbergs genießen kein Ansehen mehr. Ans dem Jahr 1568 wird folgender Fall erzählt: „Johann Leuberth, Schuhards Sohn, ein Schäfferjung von Leygestern wird mit 3 fl. bestraft, darum, daß er nach bemeldtem (dem Schiffenberger) Zinsmeister mit einem Dolchen werfen wollen und darnach auf ihn geschlagen hat." Wurde dem Zinsmeister auch nicht immer mit dem Dolche gedroht, so war doch sein Los kein beneidenswertes. Nicht der Schiffenberg hatte die Macht über Wald und Flur, sondern die Gemeinde. Vor allem aber interessiert uns die Selbständigmachung der Pfarrei Leihgestern, die nur unter schweren Opfern zu erlangen war, und von der wir jetzt hören werden. Leihgestern wird, hierauf ewig stolz sein können. 1568 wendet sich die Gemeinde an die hessische Obrigkeit um einen eigenen Pfarrer. Doch ergeben sich die mannigfachsten Schwierigkeiten. Es wird von Pfarrer Stockhausen aus Großen- Linden, einem um die Reformation im Hüttenberg hochverdienten Mann, auf eine Anfrage hin geltend gemacht, daß Leihgestern von. alters ein Fi.li.al von Linden sei. Die Ker- 491 Handlungen gehen hin und her. 1569 vergleicht man sich so, Has; der Pfarrer von Großen-Linden an jedeni Sonntag — Feiertage ausgenommen — in Leihgestern eine Predigt haltend solle, außerdem eine am Werktag. Hierfür bekommt er vonr Schifsenberg 40 fl. Die Sakramente jedoch sollen nur in Großen- Lindrn empfangen werden können. Hiermit gab man sich in Leihgestern aber nicht zufrieden. Bon Hessen und dem Pfarrer Stockhausen von Großen-Linden, der sich von Hessen allein abhängig fühlte, hatte man allerdings, wie die Erfahrung gelehrt hatte, wenig zu erwarten; letzterer schreibt z. B. „die von Leigestern, welche understehen, eine Hemmung und absvnderung zu machen mit hnlffe und rat der Nassauischen". So war es aber in der Tat. Graf Albrecht von Nassau nahm die Leihgesterner in Schutz. In einem Schreiben an seine Räte nennt er ihr Vorhaben christlich und billig und er befiehlt, solch christlich Werk zu befördern. Doch hierbei blieb es einstweilen. Als aber von der Kanzlei zu Marburg der Bescheid kam, daß der Komthur vom Schiffenberg Leihgestern der Pfarrei Großen-Linden ganz als Filial übergeben, aber die Ländereien im Werte von 4000 fl. behalten wolle, protestierten die Leihgesterner und sandten 1572 eine Bittschrift an den Landgrafen von Hessen und den Grasen von Nassau. Hier heißt es u. a.: „Es ist unser der ganzen gemein underthenigst und unuffhörige bitt. Euer fürstliche Gnaden und Euer Gnaden wollen als unsere angeborene landesfürsten und Hern die gnedige Versetzung thun, damitt unsere gemein, welche zott lob 400 Menschen, so die predig hören können, volkreich ist, nicht allein an leib und gittern (wie bisher ganz löblich beschehen) von allerlei Unglück und schaden beschützt, sondern auch (welches mer viel! hoher ehren) unser und unser weib und linder und gesind seelen mitt der geistlichen speiß des heilsamen Göttlichen Wortts versorgett werden mögen. Und also beim Commenthur zu Schiffenberg, daß er uns; einen füglichen Pfarhern, so unß wie vielmals yngerürtr alle sontag morgens eine und die Wochen über die ander predig nicht zu Schiffenberg noch zu Linden oder anderswo, sondern in unser Kirchen zu Leygestern, in welcher alles, so zum Gottesdienst nottwendig, vorhanden, halten und mitt dem hochwürdigen Sacramentt zu geburhlrchen Zeitten versehen könne, bestellen müsse, ernstlichens insehens haben und ordnen." Die Leihgesterner Angelegenheit wird auf dem Lollarer Amtstage in demselben Jahre verhandelt, dessen Protokoll im Darmstadter Archiv aufbewahrt wird./ Man kommt zu keinem entscheidenden Resultat. „Letztlich, heißt cs, ist denen von Leygestern untersagt worden, daß sie sontags die Pfarr zu Linden besuchen sollen bis uff weitere Vergleichung." Immer noch kein befriedigendes Resultat. . Schon vier Jahre lang hatte sich die Sache hingezogen. Doch in Leihgestern läßt mau nicht nach. In den zahlreichen Schriftstücken aus dieser Zeit heißt es gewöhnlich: „es ist der Leygesterner höchste beg-.er, Gottes Wortt zu haben". Es ist dies die glänzendste Zeit, die Leihgestern erlebt hat. Ohne Beamte steht die damals itod) kleine Gemeinde ganz für sich und erreicht das erstrebte Ziel, trotzdem die hessische Obrigkeit sich durchaus nicht geneigt zeigt.. Das Jahr 1574 bringt endlich den Pfarrer und die selbständige Pfarrei. Und da der Staat nicht bereit ist, irgendwelchen Zuschuß zur Pfarrei zu Ikeseru, so bringen die Leihgesterner die Mittel hierzu lelber auf. Es verpflichtet sich jeder Hausbesitzer zu einem hohen Geldbeitrag. Das Verzeichnis der einzelnen Beiträge ist uns erhalten geblieben. Es haben 67 Personen beigcsteuert und im ganzen ein Kapital von 750 Gulden aufgebracht. Die Zinsen dreies Kapitals bildeten mit den 40 fl. zu denen der Schiffenberg verpflichtet war, die Pfarrbesoldung. War diese auch bescheiden, so dürften die Leistungen der Leihgesterner • Einwohner nnd ehre Bemühungen um die Gründung der Pfarrei doch ihr Gegenstück suchen. Außer den Geldbeträgen stifteten sie noch 8 Achtel und 5 Westen Korn und 15 Mesten Weizen. Nach solchen Opfern von feiten der Gemeinde konnte die Reaierung nicht umhin, die Gründung der Pfarrei gut zu heißen. Die Zustimmung der Pfarrei Großen-Linden wurde dadurch erzielt, daß man sich bereit erklärte, ihr den Beichtgulden, den Leihgestern als Filiale zu geßeit hatte, auch weiterhin zu entrechten. Die Pfarrei wurde gegründet. Am Sonntag nach Ostern lo74 ist Samuel Wollenhaupt, seitheriger Schullehrer und Kaplan zu Großen-Linden, als Pfarrer in Leihgestern eingeführt worden. Er hat dort eine segensreiche Tätigkeit entfaltet und 25 Jahre lang gewirkt. Gestorben ist er am 15. März 1599. Sein Grabstein ist erhalten geblieben. Man hatte ihn in die Giebelmauer der alten Kirche-über dem Portal eingemauert; jetzt befindet er sich an der Ostwand des, neuen Kirchenschiffes unmittelbar lmks neben der Kanzel. Ich kann diese Glanzperiode Leihgesterner Kirchengeschichte nicht verlassen, ohne wenigstens zweier der Männer zu geben rett, die an den geschilderten Erfolgen ein Hauptverdienst haben.