1908 ■I I III Kelmuih von Loysen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Wirklich?" — fragte sie zögernd, dann griff sie zu, brockte sich die ganze Semmel in den Kaffee und löffelte diesen Brei hastig aus. In großen Stücken schluckte und schlang sie das Ganze herunter mit Heißhunger. Ihm schnürte dieser Anblick die Kehle zu. Weshalb ließ sich das dumme Geschöpf aber auch nicht ordentlich füttern? Bodenlos albern. Vielleicht gelang es aber doch noch, ihr etwas Fleisch beizubringen, man mußte es mir schlau anfangen. Brachte er sie zum Erzählen, so wurden ihre Gedanken abgelenkt und der hungernde Mensch sucht unbewußt Befriedigung. Also knüpfte er an das Gesagte: „Eine Anstellung nennen Sie das? — Na ja, aber so eine Art Martermühle scheint mir, oder wollen Sie behaupten, daß Ihnen diese Beschäftigung sehr angenehm ist?" Sie schob die geleerte Tasse zurück und zuckte die Achseln. „Ich suchte mir die Stellung selber aus, also muß ich zufrieden sein, aber ich gebe zu, daß ich leide. Entsetzlich sogar. Doch nicht durch die mechanische BeschästiguNg, noch weniger durch Hunger" — sie lachte bitter — „es gibt Schlimmeres!" Den Kopf mit dem zerzausten Haar in die mageren Hände stützend, starrte sie vor sich hin in die leere Tasse, nicht mehr mit dieser tödlichen, stumpfsinnigen Gleichgültigkeit wie bisher, sondern mit wilder Verzweiflung, die unter den belebenden Einflüssen von Wärme, Licht und Nahrung gleichsam aufgewacht und fühlbar geworden war. , Loysen ward es unbehaglich, aber sein menschenfreundliches Ziel vor Augen, sprach er teilnehmend weiter: „Gewiß mag es noch Schlimmeres geben. Sie haben wohl irgend ein scheußliches Pech gehabt im Leben? So mir nichts, dir nichts geht man doch nicht ins Wasser." „Pech. Jawohl. Das stimmt." „Haben Sie denn niemand, der Ihnen helfen könnte?" „Jawohl!" sagte sie ironisch — „ich hatte einen, der mir geholfen hätte .... und von dem haben Sie mich getrennt. Sie! — Und jetzt fragen Sie wehleidig: Haben Sie denn keinen Helfer! —'Ohne Sie wäre mir nun schon seit einer Stunde geholfen." ' „Tas meinte ich nicht. Ich meinte einen Freund, einen Verwandten, was weiß ich . . ." „Mir kann nur der Tod helfen. Mit Geld, wie Sie wohl denken, wäre mir schon gar nicht zu helfen. Keine Million könnte mir wiedergeben, was ich verlor — mein Leben, meine Seele, mein Bestes . . . einen Schatz, um den mich, hätte ich .ihn noch, Tausende beneiden würden! — Jawohl, solch ein elender, halber Mensch, das bin ich!" — Ihre Stimme versagte, mit zuckenden Händen strich sie sich das Haar aus dem blutleeren, elenden Gesicht. Lochens Unbehagen wuchs. Was meinte sie nur? dachte er und hätte am liebsten nicht weiter gefragt, aber sie sollte ja sprechin und die Gegenwart vergessen. „Sehen Sie, Fräulein, nun haben Sie so viel gesagt, daß ich doch wohl fragen darf: Was ist's denn? — Reden Sie sich's 'mal von der Leber 'runter, das ist viel besser, wie einen Kummer in sich hineinfresseu. Ich habe auch ein gewisses Recht auf Ihr Vertrauen. Sie tun mir aufrichtig leid, denn Sir sehen so gottserbärmlich elend und unglücklich aus." „Das weiß ich", sagte sie gleichgültig, „es kommt nicht drauf an. Wenn Sie aber wirklich Bedauern und Teilnahme für mich haben, so will ich Ihnen erzählen, löte ich so heruntergekommen bin." Hier brachte der Kellner das bestellte Essen. Loysen zog die Schüssel zu sich herüber und machte sich scheinbar eifrig ans Essen. In Wirklichkeit zerschnitt er das Fleisch nur: „Erzählen Sie doch!" bat er. Im Grunde interessierte ihn die vermutlich sehr fragwürdige Geschichte der armen Probiermamsell sehr wenig — er konnte sich die Stufenleiter so deutlich vorstellen/ die von leichtgläubiger Liebe zum Sprung ins Wasser führt — aber während sie ihm das vorjammert, ißt sie vielleicht unbewußt, was er ihr hinschieben wird. „Meine Geschichte läßt sich in vier Worten erzählen" —. begann sie und lachte dann wieder verzweifelt auf — „nur vier Worte sagen alles'! — Aber groß kann Ihre Teilnahme nicht sein, sonst merkten Sie es doch selber. Fällt Ihnen denn nichts an mir auf? Hören Sie mir denn nichts an? Muß ich es wirklich e rst sagen: Ich — verlor — meine — Stimme!" Darin, wie diese spröde, schwache Stimme im leidenschaftlichen Affekt in heiseres Fauchen umschlug, lag die Bestätigung des Gesagten. Loysen war sprachlos. Er fühlte sich erschüttert, ohne selbst recht zu wissen, weshalb. An so etwas hatte er gar nicht gedacht. Ganz verwirrt sah er sie an, die wieder mit toten Augeit des Leere stierte. Tann fragte er, töricht genug: „Ihre Singstimme? — Sind Sie denn Sängerin?" Sie verzog den blassen Mund in bitterer Selbstverhöhmmgr „Ich wars. Einen Abend lang! — Und dann wars ans," „Am Theater?" — „Ja." „Im Chor?" fragte er zögernd. Das armselige, dürftige Geschöpf im fadenscheinigen schwärzen Kleidchen sah ihn mit diesem freibigeit, hungrigen _ Gesicht plötzlich unsagbar hochmütig an. „Solistin!" — gab sie scharf zurück und das schmale Näschen reckte sich in die Höhe. Ganz unwillkürlich erhob er sich ein wenig auf seinem Sitz und neigte den Kopf: „Erlauben Sie, daß ich mich vorstelle, mein Fräulein. Leutnant von Loysen." „Mein Name ist Luise Becker. Mein Theateruame Wae Luisane." Sie sagte das wieder ganz gleichgültig, und et bat sie, ihm mehr zu erzählen. Dabei schob er ihr den Teller mit dem kleingeschnittenen Fleisch näher und näher. Sie beachtete es nicht, sondern sprach, oft vom rauhen, häßlichen Husten unter» brachen, weiter: „Es gibt eben Unglücksvögel in der Wslt, und ich bin deren einer. Mir scheint, ick passe nirgends hin — am Wenigsten 14 paßte ich in mein Elternhaus. Es war dort alles so eng, so eng, eingepreßt in althergebrachte, spießbürgerliche Formen und Begriffe von Recht und Unrecht, Welt und Bigotterie — und in mir brannte eine Flamme unstillbaren Sehnens nach Ruhm, Größe und Freiheit. Verwechseln Sie das nicht mit Abenteuerlust. Ich fühlte mich berufen, kraft meiner Stimme den ersten Platz unter beit musikalischen Großen der Gegenwart einzunehmen. Aber Vorurteile und engherzige Verständnislosigkeit waren die Mauern meines Gefängnisses. Zwar erteilte mir meine Mutter, die Tochter eines Kantors, vorzüglichen Musikunterricht und bildete meine Stimme schulgerecht aus — aber nur für Haus und Kirche, — meine Gabe hinaustragen auf den Markt der Eitelkeit, wie es mein Vater nannte, !var undenkbar. Tas Talent für mimische Darstellung, welches mir angeboren war, wurde, wenn bemerkt, aufs strengste gerügt. Ich paßte eben nicht in den Rahmen des Alltagslebens» das sich um häusliche Arbeit drehte. Meine Familie war glücklich dabei; ich nicht. Meine Schwester kochte, flickte und wusch — ich haßte diese Beschäftigungen. Eltern und Geschwistern hatten recht, wenn sie mir vorwarscn, ich sei immer verdrossen und unwillig, meinen Teil Arbeit im Haushalt zu verrichten, in welchem ein jeder zugreifen mußte. Weshalb ließen sie mich also nicht gehen? Sie brachten Geldopfer, die weit über ihre Mittel gingen, um mich sür den Beruf einer Volksschullehrerin ausbilden zu lassen — warum nicht für den Beruf, zu dem ich geboren war? — Auf die Bühne! Ter Gedanke verfolgte mich. Ich hatte hier in Berlin eine alte Verwandte, die Witwe eines Musikers. Gesehen hatte ich sie nie, aber sie war meine Pate und schickte mir jedes Jahr ein Weihnachtsgeschenk. An diese schrieb ich rückhaltslos und fragte sie, ob ich auf ihren Beistand rechnen dürfe. Schlimmeres konnte ja nicht geschehen, als daß sie meine Eltern von meiner Absicht benachrichtigte ■— Furcht kenne ich nicht. Sie verriet mich aber nicht, sondern lud mich ein, nach Berlin zu Lunmen, um mit ihr incTni Vorhaben zu besprechen. Dem Briefe war das Reisegeld beigefügt. War das ein Gluck, eine Seligkeit für mich! — Es gelang mir, meine wenigen Habseligkeiten, Kleider und Wäsche unbemerkt nach und nach an sie abzuschicken. Als das geschehen war, ging ich zu meinem Vater und teilte ihm meinen Entschluß, zur Bühne zu gehen, mit. Die nun folgende Szene mag unbeschrieben bleiben. Ich ließ alles über mich ergehen, schwieg und ging dann in mein Simmerchen, eine Schlafkammer, die ich mit den Schwestern teilte. Meine Mutter kam und beschwor mich unter Tränen, meine sündhafte Leidenschaft zu bekämpfen. Ich weiß nicht, ob sie annahm, ich werde es tun; sie ging dann und ich blieb wieder allein. Ich legte mich in Kleidern zu Bett und als die Schwestern herauf- kamen, stellte ich mich schlafend. Mitten in der Nacht stand ich unhörbar auf, nahm Hut und Mantel und eine Tasche, die ich im Hausflur verborgen hatte — uttib verließ auf Nimmerwieder- kehr das Elternhaus. Als ich verstohlen um mich blickend, vorsichtig, heimlich den Weg nach der Bahnstation einschlug, dachte ich bei mir: So zieh' ich aus, wenn! ich wiederkehre, wird es vielleicht in einem Wagen mit vier Pferden sein! — Sehr kindisch, nicht wahr? — aber ich sah darin das alles, was meinem Schritt Berechtigung verlieh. Nicht in den Augen meiner Familie, das weiß ich wohl. Für sie war ich eine Verlorene, ich mochte nun siegen oder unterliegen. Ich aber — siegte!" — Sie hielt inne und holte tief Atem, eine hochgradige Erregung war über sie gekommen!. In der schmächtigen Gestalt und in den kleinen, mageren Händen vibrierte eine fortwährende innere Unruhe und krankhafte Nervosität, aber zu gleicher Zeit lag auch eine sonderbare, stahlharte Kraft in jeder Bewegung. Vor ihr stand jetzt der Teller mit den Fleifchstückchen, die Gabel quer darüber gelegt. Er hoffte immer, die auf dem Tisch herumfahrende, zuckende Hand würde einmal danach greisen, aber sie war leiblicher Pein völlig entrückt. „Ja, ich siegte. Sehen Sie, das mußte ja auch so kommen. Was kümmerte mich Not und Entbehrung? Ich habe einen zähen Willen und kämpfte mich durch. Um ein Unterkommen brauchte ich nicht zu sorgen. Meine alte Verwandte nahm mich bei sich auf. Sie lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen, aber ein Nachtlager konnte sie mir bieten. Als sie meine Stimme gehört hatte, geriet sie in Aufregung und zweifelte nicht länger an meiner Zukunft. Sie half mir, so gut sie konnte, Fuß zu fassen. Unter den Musikern der Theaterkapelle hatte sie noch viele Bekannte, und so gelang es, eine maßgebende Persönlichkeit für meine Stimme zu interessieren. Ich durfte vor einem kleinen Kreise von Künstlern singen und eine einst berühmte Opernsängerin erbot sich freiwillig, mir Unterricht zu erteilen. Das war ein Glück. Sie lobte meine Vorbildung und machte sich ein Vergnügen Ham ns, da sie meinen maßlosen Ehrgeiz sah, mich auch in der Schauspielkunst zu fördern. Meine alte Verwandte, völlig sür meine Theaterlaufbahn gewonnen, versprach mich nach besten Kräften zu unterstützen. Ich nahm das alles hin als Darlehen. Keinen Augenblick zweifelte ich daran, daß ich es ihr in kurzem mit Zinsen würde zurückrstatten können. Immer mein Ziel vor öligen, habe ich nicht geruht noch gerastet, bis es mir gestattet wurde, als Solistin aufzutreten. Meine Stimme hatte beim Intendanten eben über alle mir noch etwa anhaftenden Unvollkommenheiten der Schulung gesiegt. ■ Ich errang Triumph, wonach andere mühevoll streben. Etwa ein Jahr nach meiner Flucht aus dem Elternhause sang ich hier im Opernhause die Margarete." Sie konnte nicht weiter. Wild und hastig hatte sie gesprochen, bis ihr ein würgendes Schluchzen Atem und Sprache nahm und ein Hustenanfall den ganzen Körper erschütterte. Ter Leutnant sah sie mitleidig an. Er hatte ein gutes Herz und das „arme häßliche Ting", tote er sie bei sich nannte, jammerte ihn. Sowie sie sich erholt hatte, fuhr sie ebenso leidenschaftlich fort: „Spotten Sie meiner nur — Ihnen, die Sie meine tote Nachtigall nie hörten, klingt es natürlich albern, wenn ich so sage: Mein Platz war aus der Höhe der Kunstwelt! Ich besaß alles, alles, was dazu eriorderlich ist, die Stimme, das Talent, die Schönheit! — Zu Fuß ging ich in das Opernhaus, dem: ich hatte nicht das Geld, um einen Wagen zu bezahlen — aber kbine Königin konnte sich stolzer fühlen. Ich wußte es, von dem Augenblick an, wo ich die Bühne betrat, war ich eine Herrscherin. Was anderen erst langsam kommt, das völlige Versenken in die Rolle, mir war's Natur. Als ich in dem historischen altdeutschen Kleide, welches ich mir geliehen hatte, aus der Kirche trat, war ich nicht „Fräulein Luisanne a. G.", als welche ich auf dem Zettel stand, sondern ich war Gretchen. Als ich auf der Büßerbank kniete in Verzweiflung und Grauen, verschmolz mein ganzes Sein so mit der Rolle, daß ich mich des Todes schuldig fühlte. Tie Zeitungskritik sprach denn auch schon am nächsten Tage mit Anerkennung vom Spiel der Debütantin, was aber meine Stimme betraf, so ward ich „die jüngste Patti" genannt. Begreifen Sie, was das für mich hieß? In denk elenden Verschlag, den ich bei meiner Muhme bewotzitte, habe ich laut gejauchzt und das Zeitungsblatt ans Herz gedrückt. Meine Bahn war frei!" . . . (Fortiel-ung folgt.) Waukriikunk. Bon Julie Jolowicz. lNachdruck verboten.) Das Kleid, das sich die Natur in seiner Heiiuat an- zieht, ist dem bäuerlichen Künstler, der Impuls sür sein Schaffen. Als geistiger Einfluß macht sich in der Hauptsache das religiöse Bekenntnis geltend. In evangelischen Gegenden beschränkt sich die Bauernkunst fast ausschließlich auf Pflanzen- und Tierdarstellungen, in katholischen dagegen legt der kirchliche Kult die Figurendarstellung nahe, und ein Bruchteil der künstlerischen Begabung findet Ausdruck und Betätigung int Hervorbringen von Weihegeschenken, Heiligenbildern, Kruzifixen und Marterln. Aber mag nun der kunstbegabte Bauer schaffen, was immer es sein mag, er hält sich an die konkrete Form, die abstrakte Linie ist ihm fremd, nicht recht begreiflich, und wo allzu sorglos zufassende Hände, allzu heißblütige hilfsbereite Köpfe bäuerlichen Kunstbestrebungen gewaltsam eine Neigung zur abstrakten Linie aufzwingen wollten, hat der Mißerfolg stets den Helfern Vorsicht gepredigt. Denn das unverstandene Neue wucherte wie ein krankhafter Fremdkörper im ge- sundeu Blute und brachte mißgestaltete Verzerrungen hervor, wo es an die Oberfläche trat. Der Bauer gibt seinen Kunsterzeugnissen gern einen Zweck, sie müssen irgendeiner Bestimmung dienlich sein und durch ihre Stutzbarkeit, die sie seinen Genossen, auch Wohl Fremden, begehrbar machen, auch ihm einen greifbaren Nutzen bringen. So ist reine Kunstausübung, nur um der Kunst willen, in ländlichen Bezirken kaum zu finden, dagegen oft eine große manuelle Kunstfertigkeit/ die richtig Erschautes und Gefühltes wahr und überzeugend zum Ausdruck bringen kann. Die enge Zusammengehörigkeit auf dem Lande hat es dabet wohl so gefügt, daß an Orten, wo einmal der Kunstsinn in einem Kopfe oder Herzen — 15 aufflackerte, die Flamme, stetig sich ausbreitend, weiter züngelte und noch, wenn die Bevölkerung aus ihren Aectern uno Wiesen nur kärglichen Ertrag erzielte, durch die Aussicht auf Gewinn genährt itnrcbe. So entstanden wohl die meisten kunstgewerblichen bäuerlichen Industrien. Aus dem Keime emporwachsend wie die Frucht ihres Ackers, tote der Baum auf ihrem Felde, wuchsen sie und breiteten sich über die einzelnen Orte und Bezirke aus, wurden gepflegt und langsam entwickelt. Sogar die äußere Form der Erzeugnisse wurde meist Tradition; das Material schrieb die Bodenbeschaffenheit vor. In erzreichen Gegenden fertigte man Zinngefäße, Tonerde legte die Herstellung von Vasen, Urnen und Töpfen nahe; wo beides mangelte, erblühte in kunstbegabten Landstrichen meist die Holzschneidekunst. In solchen Orten kann man am Fachwerk der Häuser, an Gerätschaften, Betten und allem bäuerlichen Hausrat den Spuren der Entwicklung ihrer Kleinindustrie nachgehen. Die Herrgottsschnitzer der Tiroler Berge haben Oesterreichs volkstümliche Achter zu poetischen Ehren gebracht; die kleinen Schnitzereien, die in der Schweiz, in der Gegend um Luzern herum, entstehen, sind recht bekannt, aber von anderen Gebieten in deutscher Sprache, die abseits vom Touristenstrom eine gleiche Künstindustrie pflegen, weiß man wenig. Und zu diesen stiefmütterlich behandelten gehören auch die Bezirke im Rhöngebirge, in denen die Holzschneidekunst gepflegt wird, und denen man erst neuestens einiges Interesse zuwendet. . . . Die Rhön hat weder Reichtum an Erzen noch Ton aufzuweisen, der Boden ist mager und trägt nur kärgliche Frucht. Die Bauern ernten wenig und ihren Gehöften ist der Stempel der Dürftigkeit aufgedrückt, mühselig erraffen sie ihren Unterhalt, sie sind verschlossen und trotzig und gegen Fremde wenig zugänglich. Schlecht gepflegte Straßen verbinden die kleinen Weiler, in denen sie sich zu fünf bis sechs Familien angesiedelt haben; selbst die größeren Dörfer, die meilenweit voneinander entfernt liegen, werden nicht vom Eisenbahnnetz berührt und man muß Stunden lang wandern oder im holprigen Postwagen über die Berge fahren, bis man ein Wirtshaus trifft, in dem man den einfachsten Imbiß haben kann. Bom nahen Fulda aus streuten die Geistlichen den Samen inbrünstiger Frömmigkeit über dieses arme Land, und die Bauern gaben jederzeit bereitwilligst ihren letzten Heller für den Schmuck ihrer bunten Kirchlein und die Marterln und Heiligenbilder am Wege. Ueber der Tür ihrer kleinen Häuser lächelt von Blumen umduftet die Jungfrau mit dem Jesuskuabeu im Arm, und in manchem der dürftigen Gärten steht, int Grün halb versteckt, die farbig leuchtende Figur des Schutzheiligen. Und das ist wohl das einzig Farbenfrohe in ihrer Umgebung, und darum hängen sie so fest daran, «u dem einzig Hellen, das sie mit der Lebensfreude verbindet. Die armen Bauern im Rhöngebirge sind sehr fromm. Vielleicht hätte sich ihr Kunstsinn auch damit begnügt, ihren lieben Heiligen Bildsäulen zu errichten, wenn ihnen nicht die Einflüsse von außen andere Wege gewiesen hätten. Und sie folgten dieser Weisung um so lieber, da sie ihnen keine Opfer auferlegte, sondern ihre schmalen Einkünfte vergrößerte. Diese Einwirkungen, die von Würzburg ausgingen, konzentrieren sich in der Holzschnitzschule zu Bischofsheim, einem kleinen Städtchen jenseits der daher. Grenze, in der die begabten Bauernkinder in der Kunst des Holzschneidens unterrichtet werden. Bischofsheim hat nur von der bayrischen Seite her Bahnverbindung, von der anderen Seite geht die Eisenbahnlinie bis Gersfeld, etwa eine Stunde hinter Fulda, von dort aus muß man sich der wackligen Postkutsche auvertrauen, wenn man die zweistündige Wanderung zu Fuß durchs Gebirge scheut. Einmal werden an einer Hilfspoststelle Briefschaften mitgenommen, dann hält die Kutsche mitten in einem Dorfe vor einer besorgniserregenden Schenke, der Rosselenker klettert vom Vock und verkündet eine halbe Stunde Aufenthalt. Und er verschwindet in der niederen Tür des Wirtshauses, aus dem allerhand wenig verlockende Düfte herausdringen auf die Dorfstraße. Da hineinzubringen schauderts mich; eine halbe Stunde in dem still stehenden Wagen zu verbringen, ist auch keine angenehme Aussicht. Wenig erfreut, fast mit einem leisen Anflug von Verstimmung über diese neue Beschwerlichkeit halte ich Umschau nach irgend etwas, das mich über die unerfreuliche halbe Stunde fortbringen könnte. Und mit aufleuchtender Freude sehe ich au einem Hänschen auf der gegenüberliegenden Seite der Straße mit unbeholfenen Buchstaben angemalt: Heinrich Mack, Bäcker, und darunter, ein wenig formvoller: Stefan Mack, Holzschneiderei. Und ich klettere erfrischten Mutes über das hohe Trittbrett auf den schmutzigen Weg hinunter, drüben die ausgetretene!'. Stufen hinauf, die zuerst in die Bäckerei führen. Durch den Einkauf von zwei Butterwecken erwerbe ich mir das Vertrauen des backkundigen Bauern und er geleitet mich auf meinen Wunsch in die Werkstatt des Bruders, beim Stefan selbst ist durch kein Rufen herbeizulocken. So beschaue ich mir denn die Sächelchen, die sauber, mit einem Tuche überdeckt, auf den Tisch gebreitet sind. Alles mit viel Wirklichkeitssinn und Formgefühl gebildete Kleinigkeiten; Tiere, Pflanzen, sogar die Holzschuhe der Bauern sind nachgebildet, zur Zierlichkeit des Spielerischen verkleinert. Aber es ist nichts da, was nicht zuerst mit körperlichen Augen gesehen wurde, keine Linie, kein Ornament. Und als ich wieder im Wagen sitze, der auf der Landstraße weiterkriecht, sinne ich kopfschüttelnd darüber nach, wie es einem in den Sinn kommen könne, der Kunstfertigkeit dieser bodenständigsten Bauern durch Aufpfropfung moderner Linearkunst neue Schwungkraft geben zu wollen. In der Holzschneideschule zu Bischofsheim teilt man dieses verwundernde Befremden. Da ist gar nichts, weder innen noch außen, was abstrakten Einflüsterungen geneigt schiene. Ein wenig abseits vom Städtchen liegt das Schulgebäude frei und weithin sichtbar zwischen Wiesen und Aeckern, von der Sonne prall beschienen oder vom Wind« umsaust, unabhängig und selbstgenügsam. Ein Würzburger Architekt leitet den Unterricht, indes der eigentliche, in Bischofsheim ansässige Lehrer auf Urlaubsreisen ist. Und er lächelt und schüttelt den Kvpf, da ich ihn um seine Meinung wegen der Pläne frage, die van de Velde mit den Holz- schnitzschulen der Rhön hege. „Nein", sagte er, „diese Modelle würden nur Unheil anrichten. Die abstrakte Sink, das geht unseren Bauernkindern nicht ein; was wir brauchen, das ist ein Zeichenunterricht, der die Jungen lehrt, das in der Natur Erschaute im Ornament ober in anderen Formen zu nutzen. Das Lebendige, das sie draußen sehen, das erfassen sie." Und mit dieser einzig möglichen künstlerische!! Belebung der Holzschnitzerei wurde auch schon begonnen. Unter den geschickten Fingern der Jungen formen sich die Blätter und Blüten, die Beeren und Trauben, die sie natürlichem Laube und natürlichen Früchten nachschufen. Die meisten der Lernenden stehen noch am Ausgang des Knabenalters, denn die Schulordnung enthält die Bestimmung, daß die Schüler bei der Aufnahme das 15. Lebensjahr noch nicht vollendet haben dürfen; drei Jahre müssen sie in der Anstalt verbringen, ehe ihnen ein Reifezeugnis ausgestellt wird, und so fällt ihr Aufenthalt dort gerade in die für ihre Ausbildung günstigste Lebenszeit, da sie schon für feinere Eindrücke und Eingebungen recht empfänglich sind und doch vollkommen unverbraucht. In den Grenzen ihrer Begabung kann man noch alles aus ihnen machen. Aber die Schranken sind ziemlich eng gesteckt: Pflanzen und Tiere . . . Tiere und Pflanzen ... In diesem Kreislauf werden sich immer ihre besten Leistungen finden. Besonders die Tiere, die sie im Stillstand beobachten können, gelingen ihnen. Die zarteren Pflanzen sind vielleicht schon zu fein geartet, bergen in ihrer Natur schon zu viel geheimnisvolle, mystische Tiefe und den Tieren im Laufe oder gar im Fluge zu folgen, fehlt ihrer Beobachtungsgabe die intellektuelle Beweglichkeit. Aber ein dicker Frosch, der in klebriger Trägheit lange vor sich hinglotzend int schweren, feuchten Grase sitzt oder eine Eule, die mit funkeln- den Augen starr vor sich hinbrütet, sind ihnen kostbare Modelle und nach denen formen sie auch liebevoll köstliche Abbilder. Auch die tvuchtigen Zweige oder Verästelungen scharf geformter Bäume rind Sträucher, ein wenig plumpe Beereir oder Blüten treffen sie gut. Ich sah einen der vorgeschrittenen Schüler an einem Bilderrahmen mit Verzerrungen dieser Art arbeiten und blieb überrascht stehen. „Ja," sagt mir der Lehrer, „das können sie, denn das sehen sie; sie sehen, wie sich so ein dünner Ast biegt, wie er sich ineinanderschlingt und iöie die Frucht schwer herniederhängt. Das ahnen sie auch gleichsam mit ihrem Bauerninstinkt, in beit sich künstlerische Feinfühligkeit mischt. Doch nordische Linienornamente ioerden ihnen immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben." Wenn den Holzschnitzern in der Rhön geholfen iverden soll, und dem arbeitsamen, mäßigen und so kärglich bedachten Wölkchen ist das von Herzen zu gönnen, so müßte es denn wohl in anderer Weise geschehen, als in der Zuweisung fremdblütiger Modelle. Die Rhönschnitzereien eignen sich in ihrer ruhevollen Lebendigkeit außerordentlich für die Ausschmückung von Möbeln, zur Dekoration von Speisesälen, für Türfüllungen oder zum Schmuck anderer großer Flächen. Aufträge würden mehr Nutzen als Modelle stiften. Wenn der Ehrgeiz erst auf- tzernttelt wäre, könnte unter den Händen dieser Holzschnitzer manches sehr Schöne erstehen; aber nie ist zu hoffen oder auch nur zu wünschen, daß ihre Begierde, sich hervorzutun, sie etwas wollen läßt, was vollständig außerhalb ihres Gesichts- und Empfindungskreises liegt. tterMeschtes. * M i l l i o n ä r a d r e s s e n. Ein findiger Berliner Kopf Hat einen neuen Erwerbszweig entdeckt. Er verkauft nämlich Millionäradressen, und zwar verkauft er sie zu ziemlich teuren Preisen. 7400 Stück aus ganz Deutschland für 100 Mr. Dafür bekommt man sie aber auch, wie er in den Tageszeitungen annonciert, zuverlässigst fix und fertig zum Aufkleben oder auf Kuverts geschrieben. Dieser Spezialkünstler findet in Berlin und Vororten 2269 Adressen von Leuten mit siebenstelligen Zahlen, die er schon für 30 Mk. abgibt. In der Provinz und im übrigen Deutschland gibt es weniger Millionäre, die Adressen sind infolgedessen billiger. In Schlesien, Pofen, Ost- und Westpreußen find es 704, in Hannover und Hessen-Nassau 466, in den Hansastädten, Schleswig-Holstein und Mecklenburg 450, in Bayern und Württemberg 844. Die Provinzen Brandenburg und Pommern müssen sich mit 456 Millionären begnügen, preußisch Sachsen, Anhalt und Braunschweig mit nur 349. Hingegen fliBt es im reichen Rheinland und Westfalen 939 dieser Glück- ichen, im Königreich Sachsen und Thüringen 615 und schließlich in Baden, Hessen und Elsaß-Lothringen 383. Nach einer oberflächlichen Schätzung besitzen die deutschen Millionäre ein Gesamtvermögen von ca. zwölf Milliarden Mark. * Die letz ten Tage eines zum Tode Verurteilten. Von den seelischen Martern und Qualen eines zum Tode Verurteilten wird uns aus New York berichtet: Vor drei Wochen war ein Mörder, Sawerio di Giovanni, zum Tode verurteilt ivorden mit der Anweisung, daß das Urteil im Laufe des folgenden Monats vollstreckt werden solle. Da der Verbrecher über Tag und Stunde seines Sterbens im Unklaren geblieben war, ergriff ihn eine wahnsinnige Angst, so daß er jede Stunde sich "in einem furchtbaren Paroxismus des Schreckens befand. Wenn sich Schritte seiner Zelle näherten, so sprang er von seinem Lager auf und lief heulend durch die Zelle; vor dem Wärter siel er in die Knie und stammelte wahnsinnige Gebete. Jedes leise Geräusch, jedes Rascheln an der Kerkertür brachte ihn in fieberhafte Erregung, denn immer glaubte er, daß er Mm Tode geholt iverden solle, und seine namenlose Angst brach in wilden Schreien, in gräßlichem Jammern und heulendem Winseln um Gnade durch. So blieb er mehrere Tage lang, ohne irgend ivelche Nahrung zu sich zu nehmen, nur gefoltert und gemartert von den Dämonen seines entsetzlichen Angstgefühls. Die Opiate, die ihm vom Gefäuguis- arzt zur Beruhigung gereicht ivurbeif, wirkten nur unvollkommen, aber bie Erschöpfung bemächtigte sich allmählich des wie von Furien gepeinigten Rasenden und er sank erschöpft in einer Ecke seiner Zelle zusammen, nur noch sinnlose Worte herausstoßend. Endlich nahte bie Qual ihrem Enbe. In einer hämmernden Morgenfrühe traten bie gefürchteten Diener ber Gerechtigkeit vor den zusammenge- vrochenen Mörder, der stumpfsinnig und blöde bie Verlesung bes Urteils anhörte. Nur als man ihn ergriff und auf ben elektrischen Stuhl schleppte, stieß er noch ein paar gellenbe Schreie aus. Dann ivar mit seinem Leben all seine Not auf immer geendet. Die amerikanischen Blätter, die diese Geschichte in den brennendsten Farben schildern, verbinden damit zugleich heftige Angriffe gegen ben Urteilsvollzug, der mit unerhörter Grausamkeit ber zu- biktierten Strafe noch eine entsetzliche seelische Folterung hinzufüge. ______ Medizinisches. Nasenatmung und Schnupfen b e kämpf» u g. Tie Schulärzte haben im Lause her letzten Jahre die gesundheitliche Bedeutung der Nasenatmung Betont und wiederholt gefordert, daß der Lehrer die Kinder darüber aufklärte. Gut durch die Nase zu atmen, ist für die Gesundheit wichtig. Tie Erfahrung lehrt, daß Kinder, die ständig mit offenem Munde atmen, nicht gesund sind. Tiefe Kinder müssen daher vom Schularzt untersucht werden, ebenso wiederholt solche, die einen chronischen Schnupfen oder Anlage zu Polypen in der Nase haben. Die Zuführung der zum Leben notwendigen Luft darf auf ihrem Wege nach den Lungen hin keine Einengung erfahren. Tie natürlichen Zuführungswege aber fütb die Nasenlöcher. Diese müssen also frei sein. Kinder, die durch den Mund atmen, pflegen auch nachts zu schnarchen. Durch das Atmen mit dem Munde trochtet die Kehle aus und eine Anlage zu Hals- und Kehlkopfleiden wird gefördert. Insbesondere sind, wie Tr. Ensch im „Zentralblatt für allgemeine Gesundheitspflege" ausführt, Ohrensluß und Schwerhörigkeit bei Kindern meist eine Folge des Mundatmens. In einzelnen Fällen konnte der Arzt sogar Taubheit auf jahrlange Mundatmung znrückführen. Ein hatnäckiger Schnupfen, wie ihn viele Menschen das ganze Jahr nicht los werden können, sollte niemals unterschätzt, sondern als eine immerhin bedenkliche Erscheinung angesehen werden, die sofortigen ärztlichen Rat erheischt. Tröltsch behauptet, daß bei Leuten im Alter von 20—30 Jahren unter dreien stets einer sei, der nicht normal höre. Im Säuglingsalter ist der Schnupfen stets energisch zu bekämpfen, Weit er die Grundlage zu vielen Hals- und Rachenkrankheiten im späteren Alter bildet. Goldene Worte. Wir leben in einer Welt, wo ein Narr viele Narren, aber ein weiser Mann nur wenig Weife macht. — Daß am Menschen nicht viel Sonderliches ist, beweist am besten die Weitläufigkeit der Jurisprudenz. * Lichtenberg. Standhaft und treu und treu und standhaft, Die machen ein recht tentsch Verwandschaft; Beständige Treuherzigkeit Und treuherzige Beständigkeit, Wann die kommen zur Einigkeit, So widerstehen sie aflem Leid. Fischar t. * Keuschheit ist Liebe zum Tode. M a i n l ä n d e r, * Da? Fehlen großer Laster ist die kleine Tugend gar vieler Leute. Petit-Senn. Charade. Mein Erstes ist in schönem Land gelegen. Mein Zweites findet man mit allen Wegen, Das Ganze wird gesucht am Meeresstrand Und ist als Schmuck den Damen wohlbekannt. Gießen M. B. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Zahlensp'els in voriger Nummer: 11 24 7 20 8 4 12 25 8 16 17 5 13 21 9 10 18 1 14 22 23 6 19 2 15 Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen it»mo>nfA't§-93u(fi- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen.