Samstag den 7. November « s Herr Lecoq. Krimiiial-Ziomau von E. Gabor tau. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) 28. Kapitel. Wenn eine Kriminaluutersuchuug ein Kampf zwischen der Gerichtsbehörde und dem Angeklagten ist, so luirb jedenfalls dieser Kampf mit sehr ungleichen Waffen geführt, und zwar liegt der Vorteil bei Weitem auf feiten der Behörden. Gewöhnlich endet denn auch der Kampf zu ihren Gunsten. Und doch trägt, trotz dem furchtbaren Mißverhältnis der Kräfte, zuweilen der von der Außenwelt aufs strengste abgeschlossene Angeklagte den Sieg davon. Wenn er ganz sicher ist, daß durchaus kein Beweis des Verbrechens vorliegt, wenn nicht etwa seine Vorstrafen gegen ihn zeugen, so kann er durch uubeirrtes grundsätzliches Leugnen, aller Anstrengungen der Justiz spotten. Dies war genau die Situation, deren sich Mai, der geheim- Nisvolle Mörder, erfreute. Segmüller und Leeoq gestanden es sich denn aitch mit schnrerzlichem Bedauern ein. Sie hatten hoffen können, ja müssen, daß Polyte Chupin oder dessen Frau ihnen die Lösung des Rätsels geben würden — diese Hoffnung war zu schänden geworden. Ich möchte wetten, rief plötzlich der Richter, aus seinem Nach- denken, auffahrend, ich möchte wetten, daß die beiden Leute etwas wissen, und wenn sie wollten. . . Sie werden nicht wollen. Aber warum nicht? Welches Interesse leitet sic dabei? Ah, um diese Frage dreht sich alles. Wer weiß, durch was für blendende Versprechungen man das Schweigen eines elenden Schurken wie Polhte Chupin erkauft hat! Auf was für eine Belohnung rechnet er, daß er sich durch sein Schweigen einer tatsächlichen Gefahr aussetzt? Lecoq antwortete nicht, aber man sah an seinen zusammcnge- Mgcnen Augenbrauen, daß. er mit Anspannung aller seiner Geisteskräfte nachdachte. Eine Frage, Herr Richter, sagte er endlich, setzt mich noch mehr in Verlegenheit, als alle anderen zusammen; wäre diese Frage gelöst, so hätten wir einen gewaltigen Schritt vorwärts getan. Und was ist das für eine Frage? Sie fragen sich, Herr Richter, was man dem Chupin versprochen hat? Ich nbev frage mich, wer ihm etwas versprochen hat. Wer? Offenbar der Komplize, der unfaßbare Mensch, von dem alle Jntriguen ausgehen, die uns umstricken. Gewiss! antwortete Lecoq. Ich erkenne auch hierin seine Hand. Aber welchen Kniff hatte ev sich diesmal ausgedacht? Daß er sich auf der Polizeiwache mit der Witwe Chupin verständigt hat — Nichts einfacher als das! Wir wissen ja, wie er es gemacht hat. Aber wie hat «er es angcsangen, mit Polyte in Verbindung zu kommen, der int Gefängnis so scharf überwacht ist? Lecoq sagte nicht alles, was er dachte; er schwächte im Go« genteil seine Ansicht ab, aber Segmüller verstand ihn und fuhr? von seinem Stuhl empor, indem er rief: _ Was sagen Sie mir da? Wie, Sie denken, einer von ben Gefängnisbeamten hat sich bestechen lassen? . Leeoq wiegte mit ziemlich zweideutigem' Ausdruck den Kopf. Endlich antwortete ev: Ich glaube nichts. Bor allen Dingen verdächtige ich niemand. Aber ich suche. Hat Chupin etwas vorher gewußt oder nicht? Ja, ganz gewiß! Das steht also für uns fest. Mm denn, so muß man, tiuü sich dies zu erklären, aunehmeu, daß er entweder Beziehungen zum Gefängnispersonal unterhält, oder daß er einen Besuch nst Sprechzimmer bekommen hat. Eine dritte Möglichkeit ließ sich allerdings kaum annehnre«. Segmüller war von denr Gedanken sichtlich stark beschäftigt. Er schien zwischen mehreren Entschlüssen su schwanken; plötzlich aber entschied er sich, stand auf, nahm seinen Hut und sagte: Ich will mir diese Ungewißheit vom Halse schaffen; kommen Sie, Herr Lecoq. Sie gingen hinaus und waren in zwei Minuten vor dem Nn- tersuchungsgefäugnis. Cs wurde gerade eben das Essen aus- geteilt; der Direktor hatte sich zur Ueberwachung dieses Dienstes ringefunden und ging im ersten Hofe mit Govool auf und ab. Sobald er den Richter bemerkte, eilte er ihm mit sichtlicher DienAp beflissenhrit entgegen. Ohne Zweifel, mein Herr, begann er, kommen Sie wegen! des Untersuchungsgesaugkuen Mai? Allerdings. Da von einem Angeklagten die Rebe war, so glaubte Gewvol keine Indiskretion zu begehen, titbent er sich ben Herren näherte. Ich unterhielt mich gerade mit Herrn Kriminalinspektor über ihn, fuhr der Direktor fort, und erzählte ihm, wie sehr ich Ursache habe, mit dem Betragen des Mannes zufrieden zu -seist, Wir brauchten ihm nicht nur nicht die Zwangsjacke wieder an- zulegen, sondern seine Stimmung ist sogar völlig umgeschlagen. Er ißt mit gutem Appetit, ist lustig wie ein Spatz und scherzt mit den Wärtern. Na, ja, rief der General; als er sah, daß man ihn erwischt hatte, kau: die Verzweiflung über Hut. Nachher hat er sich über legt, daß er wahrscheinlich seinen Kopf durchbrmgeu wird, daß das Leben im Zuchthaus immerhin ein Leben ist, rtnd daß außerdem aus dem Zuchthaus heraustemnten kauu. Der Richter und Lecoq hatten einen unrnhigen Blick ge* wechselt. Diese Lustigkeit des angcblichett Akrobatett gehörte vielleicht zu seiner Molle; vielleicht aber rührte sie daher, daß er bestimmt wußte, allen Nachforschungen eilt Schnippchen schlage« zu können, oder gar — wer konnte es wissen? — daher, daß er eine Nachricht von draußen empfangen hatte. Diese letztere Mutmaßung drängte sich unwillkürlich bcitt Geist des Untersuchungsrichters ans und er fragte: Sind Sie sicher, Herr Direktor, daß durchaus keine Mibi 698 IcituW Von draußen g-it fes» Gsfausenen de» Geheimzelten dringen Dieser Zweifel schien den würdigen Beamten wirklich tief zu kränken. Sein Gefängnis im Verdacht haben! Ebensogut konnte man ihn selber beargwöhnen. Er konnte sich nicht ent- hirlten, die Arn« MM Himmel emporzuheben, als wollte er ihn zum Zeugen einer so sinnlosen Lästerung anrufen. Ob ich dessen s icher bin? rief er. Haben Sie sich denn niemals die Gchcimzcllcn angesehen? Wissen Sie nicht, mit welchem Nebers Gß von Borsichtsmahregeln sie umgeben find: mit dreifachen Riegeln und Gittern, mit Holzverschlägen, um sogar das Licht abzufangen. Gar nicht zu rechnen, dass Tag und Nacht eine Schildwache vor den Fenstern auf und ab geht. Nicht einmal eine Schwalbe könnte zu den Gefangenen hincingelangen! Diese Beschreibung mutzte Vertrauen erwecken. Darüber bin ich also beruhigt, erklärte der Richter. Nun möchte ich noch, Herr Direktor, Auskunft über einen anderen Häftling, einen gewisse» Chu Pin, haben. Ach, ich weitz ... ein abscheulicher Taugenichts. Gcnrz recht. Ich wünsche zu wissen, ob er gestern irgend einen Besuch gehabt hat. 1 Ja, da müßte ich schon ins PvoLodttzimmer gehen, Herr Mchter, nm Ihnen mit einige» Sicherheit antworten zu können. .Das heißt —warten Sie —da sehe ich einen Gefangenenwärter, den Reinen da drüben, unter dem Torbogen, der kann uns Auf- Wutz geben. Heda, Ferran! Der angerufene Aufseher eilte herbei. Weitzt du, fragte der Direktor, ob der Chupin gestern im .Sprechzimmer gewesen ist? Jrnvohl, Herr Direktor, ich selbst habe ihn hingebracht. Segmüller lächelte beftiedigt; diese Antwort beseitigte jeden Verdacht gegen das Personal. Und wer besuchte ihn? fragte Lecoq eifrig. Nicht wahr, rin dicker Mann mit seh» rotem Gesicht, breitgedrückter Nase . . . Nä, entschuldigen Sie, es war 'ne Fran, seine Tante, wie man mir gesagt hat. , Ein Ausruf der Ueberraschnng entfuhr gleichzeitig dem Rechter und dem jungen Kriminalbeamten, und sie fragten wie aus einen; Munde: Me sah sie aus? Klein, riurdlich, hochblond. Sie machte den Eindruck einer recht braven Frau. Gut angezogen? — nä, das war sie nicht! Sollte das eine von unseren beiden Msrxißerinnen sein? rief Leroq. Gbvrol lachte laut 'auf tntb sagte: Aha! noch ’ne russische Prinzessin! Aber de» Richter schien an dem Spatz seh» ivenig Geschmack zir finden und sagte streng: , Sie vergessen sich, Herr Inspektor! Sie vergessen, daß die Späße, womit Sie Ihren Kameraden bedenken, auch mich treffen. Der General begriff, daß er zu weit gegangen war und hielt eine lange Entschuldigungsrede, wobei er aber Lecoq mit feinen giftigsten Blicken ansah. Segmüller schien nickst auf ihn zu hören. Er grüßte den .Direktor, winke Lecoq rnitzu kommen und sagte W ihm: GeheN Sie schnell Nach der Präfektur, und bringen Sie Heraus, wie und unter welchem Borwand diese Fran die Erlqutz- Visiärte zum Besuch bei Polyte sich verschafft hat. 29. Kapitel. Segmüller Halle sich sofort in sein Kabinett zurückbegeben. ,Er hatte die Festung nicht mit einem Handstreich nehmen können, also mutzte er sich wohl zu der planmätzigen Langsamkeit einer regelrechten Belagerung entschließen. lind er mutzte sofort darangehen, denn er suhlte, wie die Stunde» ihm entschwanden. Er wußte «echt wohl, daß durch die Zeit ein Verbrechen in immer größere Dunkelheit gehüllt wirb, die mit jeder» Tage schweres aufMhellen ist., Wie viel hatte er Noch zu tun! Zunächst den Mörder, die Witwe Chupin und Polyte mit dm Leichen der Opfer konfrontieren. Man erhält da- durch oft ganz überraschende Ergebnisse. Dann waren noch die Zeugen zu besragm: der Kutscher PaMlon, die Portierssrarr des Hauses in der Nus d« Bourgogne, in welches die beiden Frauen sich sür einen kurze:: Augenblick geflüchtet hatte», endlich! Frau Milne», feie Besitzerin des „Marienburger Gasthofes". Witzerdem ivar es unbedingt nötig, in kürzester Frist einige Anwohner de» Stadtgegend, wo die „Pfefferbüchse" lag, zu verhören, dazu etliche Kameraden Polhtes und die Eigentümer des „Regenbogens", wo feer Mörder und die Ermordeten an jenem Abend mehrere Stunden verweilt hatten. Man konnte Allerdings von jeder simelnen dieser Persönlichkeiten Mite große Aufklärung erwarten, aber sie. konnten doch bürd) eine Anden,- hing, eine Mutmaßung auf die richtige Spur leiten. Gvquek, der lächelnde Protokollführer, hatte bereits eilt, Dutzend Vorladungen von Personen, die der Richter ihm nannte, ausgefertigt, als endlich Lecoq wiedererschieu. Nun? rief Segmüller ihm entgegen. Die Frage war offenbar überflüssig, das Ergebnis des Ganges! stand zu deutlich auf dein Gesicht des jungen Beamten geschrieben. Nichts! antwortete er. Immer wieder nichts! Wie? man weiß nicht, wem man eine Karte gegeben hat, um Polyte Chupin im Untersuchungsgesaugnis besuche» zu können? O doch, Herr Richter, das weiß man ganz genau. Wir haben darin einen neuen Beweis vor uns, mit welcher höllischen! Geschicklichkeit der Komplize sich jeden Umstand zunutze zu mache» weiß. Die Erlaubniskarte lautet auf den Namen einer Schwester der Witwe Chupin, Rose Adelaide Pitavd, Grünkramhändlerin! auf Montmartre. Me Karte ist vor acht Tagen ausgefertigt worden, und zwar auf ein vom Polizeikommissar beglaubigtes Gesuch, worin es heißt, daß Frau Rose Pitard ihrm Nesfen lucgeii einer Familienangelegenheit sprechen müsse. Sollte etwa auch diese Tante mit im Komplott sein? sagte der Richter ganz überrascht. Lecoq schüttelte den Kopf. Das denke ich nicht, antwortete er. Jedenfalls war sie nicht dis gestrige Besucherin im Untersuchungsgefängnis. Die Beamte» auf der Präfektur erinnern sich noch ganz genau, wie die Schwester der Chupin aussah, außerdem haben wir ihr Signalement auf- gefnnden. Sie ist eine Frau von mehr als fünf Futz Größe, sehr brünett, sehr runzlig, mit einer Gesichtshaut, die von Regen, Wind und Sonne wie gegerbt ist, und sie ist etwa 60 Jahre alt. Die Besucherin von gestern aber war klein, blond, weiß, und anscheinend höchstens 45 Jahre alt. (Fortsetzung folgt.) Die Eingehsrenen Australiens und die Urgeschichte der Menschheit. Bericht über das Ergebnis einer dreijährigen Forschungsreise, gehalten in der „Gelellschast für Erd- und Völkerknnde voll Prof. M. Hermann Klaatsch (Breslau). Als im Jahrs 1856 im Neandertale bei Düsseldorf, zum erstenmal Reste deS alidiluvialischeu Menschen gefunden wurden, da entstand um diese Ueberreste ein Heftigeft Meinungsunterschied innerhalb der gelehrten Welt. Während die Einen die abweichenden Formen in der Schädelbildung entwicklungsgeschichtlich zu erklären versuchten z erblickten die Ander» darin nur pathologische Ber- änderungen ohne jede» wissenschaftlichen Wert. Leideft stellte sich Rudolf Virchow mit dem ganze» Geivicht seiner Autorität auf die Seite der Letzteren und vereitelte! damit die Ausbeutung der wichtigen Entdeckung für dift nächsten 40 Jahre. Erst dem ausgezeichneten englischen! Anatomen und Zoologen Huxley blieb es Vorbehalten^ die Bedeutung des Neandertalmenschen für die Cutwrck- lrnrgsgeschichte der Menschheit ins rechte Licht zu setzen.. Er konnte auf Grund neuer Funde überzeugend darum,, daß man es hier tatsächlich mit den Resten fossiler Menschen zu tun hat. Das Schädeldach erschien bei beträchtlicher Länge und Breite auffallend flach. Das Auffallendste waren jedoch mächtige Augenwülste, dis von der breiten, flachen Nase durch eine scharfe Einsenkung getrennt waren und! dem Gesichtsausdruck etwas Wildes, Tierisches verliehen. Nun mußte aber die hier gewonnene Erkenntnis über das Wesen der Urmenschen um so bedeutsamer erscheinen, als. sich zwischen dem Neandertalmenschen und den auf deft niedersten Stufe menschlicher Entwicklung stehenden Bewohnern unseres Planeten, den Australier», unverkennbare! Parallele nachtveiscn ließen. Der auf dem Gebiete deft Anthropologie rühmlichst bekannte Vortragende begab sich daher zu längerer Forschungsreise nach Australien, nrN dort die erwähnten Zusammenhänge am lebenden Material zu studieren, ehe die grausame Behandlung der Eingeborenen von seilen der Engländer dieses kostbare Studienmaterial völlig verschwinden läßt. Das Ergebnis der dreijährigen Reise war ein ungemein wertvolles sür die Erforschung der Stammesgeschichte des Menschen. Tie llebcrcmstim- nmng im Schädelbau zwischen Australier und Steinzeit- 699 Menschen wurde auf Mund zahlreichen Bergleichsmaterials nachgewiesen, so daß uns also ohne Zweifel in erfterent der Typus des fossilen Menschen lebend erhalten ist. Auch sonst wurden noch viele Spuren primären Entwicklungsgrades festgestellt. So zeigt die Nase der Australier unter der obere« Einsattlung eine zweite und damit deutlich den letzten Ueberrest der ehemaligen Schnauze (Schnauzen- falte). Im Gebiß des Australiers findet sich im Oberkiefer noch häufig der 4. Backenzahn, der beim heutigen Menschen schon längst der Rückbildung der Kiefernpartien zum Opfer gefallen ist, ein Schicksal, das bekanntlich auch schon seinem Nachbar, dem Weisheitszahn, droht. Die Füße zeigen nranchmal noch die ursprüngliche Handform, dienen sogar noch hier und da zum Greifen. Der Australier vermag heute noch, unbemerkt von dem Nahenden, feine Speere mit den Füßen sortzuschleppen. Die Jagd auf baumlebende Beuteltiere zwang ihn aber zum Ersteigen einzelstehender Bäume. Sie bedienen sich dazu von scher eines langen Zweigs der Rohrpalme, den sie um den Raum schlingen und an beiden Enden mit den Händen festhalten, während die Fiiße sich mit der Großzehe in die Unebenheiten der Rinde oder in geschlagene Stufen einstemmen. Dabei hat der Fuß seine ursprüngliche Meif- funktion im Laufe der Zeit immer mehr eingebüßt. Die Moß- zehe vermochte die Last des Körpers nur zu tragen, wenn sie in die Reihen der übrigen Zehen emrückte und sich durch Fußballen verstärkte. Das Haar der Australier zeigt die primäre Form des Menschenhaars, es ist gelockt. Ae Kchädelnähte sind, ebenso Ivie beim fossilen Menschen, offen, eine Erscheinung, die wir bekanntlich auch bei unfern Kindern feststellen können. Sein Gesichtsausdruck ist kindlich, wie sie geistig überhaupt auf kindlichem Niveau stehen. Die Lebensgewohnheiten dieses Volkes, die uns so vielerlei Beziehungen zu dem Leben des Urmenschen zu geben vermögen, bieten begreiflicherweise des Interessanten die Menge. Kannibalismus ist vorhanden, scheint aber nur in Liebe oder Achtung seinen Ursprung zu haben: Die Mutter verzehrt ihre gestorbenen Kinder und trägt die Knochen mit sich herum, während der gefangene Gegner verspeist wird, um seine Tapferkeit zu ehren und seins schätzenswerten Eigenschaften durch den Genuß seines Merenfetts auf sich zu übertragen. Als eine merkwürdige Parallele erscheint es, daß die heutigen Uraustralwr eine Ähnliche überraschende Fähigkeit besaßen, wie cs beim iDiluvialmenschen Europas der Fall war, charaktemstrsch die Zeichnung der umgebenden Tierwelt zu entwerfen und zwar längst vor ihrer Berührung mit den Europäern.^Ihre Werkzeuge und Waffen bemalen sie kunstvoll mit Farbe. Sie betätigen sich, wenn auch in primitivster Weise, nmfi- ntintif. Die Idee der Trennung von Leib und Seele ist ihnen längst geläufig und • veranlaßt sie, den Gestorbenen die Fingernägel zu verbrennen, damit sie nicht mehr ans der Erde herauskönnen. Manchmal mumifizieren sie durch Anstrocknen Leichen und bringen sie dabei in jene bekannte Hockerstellung, die den Bestattungen der fossilen Menschen eigentümlich war. ^hv Zusammenleben charakterisiert sich durch Hordenbildung mit komplizierter Gruppeneinteilung. Einzelne Individuen machen sich ihre grenzenlose Leichtgläubigkeit zu nutze, um als Zauberpriesterdoktoren für sich Gewinn daraus zu ziehen und oft unheilvollen Einfluß zu erlangen. Die Fülle der Probleme, die sich in diesem zwerstnnvigcn Portrage auftaten, fesselte die ungemein zahlreiche Zuhörer^ schäft bis zum letzten Augenblick. Prof. Klaatsch verstand xs in geradezu mustergültiger Weise, die Begriffe „wissenschaftlich" und „populär" zu verbinden. Hervorragende photographische Aufnahmen erhöhten als Lichtbilder die Wirkung des interessanten Bortrags. Das siebente Automobil.') Bon Karl Emil Schönfeld, Krakau'. Der Herr Polizeileutnant hatte den ganzen Vormittag in seinem Bureau gearbeitet. Nun ging er im Bewußtsein erfüllter Pflicht und weiser Mitregierung ank Wohle des Staates befriedigt heim. Sein Weg führte ihn durch die Verkehrsader der Provinzialhauptstadt. Wie es seine Gewohnheit war, übte er auch auf dem Heimweg sein ordnungsgewöhntes Auge. Was mußte er da sehen? Eine gröbliche Verletzung der polizeilichen Automobilvorschriften! Mt wenigen Schritten war er an der Stätte des Unheils angelangt. Er hatte richtig gesehen: sieben! Sieben Autodroschken hielten dort, indes die Bor- schrift nur eine höchste Zahl von sechs erlaubte. „Kutscher," sagte er in strengem Tone ,yt dem Chauffeur, der eilig einen Topf mit Mittagessen beiseite stellte, „Kutscher, kennen Sie die. Auffahrtsordnung für Automobil- droschken?" — „Jawohl, Herr Kommissar!" „Dann zählen Sie einmal die Droschken!" — „Sieben, Herr Kommissar!" «— „Ja, was tun Sie denn um des Himmels willen hier, wenn schon sechs Droschken dastehen?" — „Ich will eben nur mein Mittagbrot essen. Das ist schon der dritte Platz, auf dem die Zahl voll war, irgendwo muß ich doch mal essen!" „Kutscher," sagte der Leutnant, „vom Mittagbrot steht nichts in der Fahrpolizeiordnung, aber wohl, daß Sie mir Ihren Fahrschein geben müssen, wenn Sie die Ordnung übertreten. Also . . .!" und er streckte die Hand v erlang end aus. Wortlos gehorchte der Chauffeur, indes seine Kollegen neugierig näher kamen. „So, und jetzt führen Sie das Auto nach Hause!" gebot der Leutnant. — „Das darf ich nicht. Die Fahrpolizeiordnung verbietet mir, ohne Fahrschein ein Autorno oit zu führen!" Der Herr Kommissar nickte, schaute sich im Kreise um und sagte zu einem der andern Führer: „Sie aber haben den Fahrschein, führen Sie also die Droschke heim'" „Mein Fahrschein lautet nur auf mein Automobil, Herr Kommissar. Die Fahrpolizeiordnung verbietet es auch, mein Auto ohne Aufsicht zu lassen." Wieder nickte der Herr Kommissar. Man muh beiunr- tnert gestehen, daß er ein wenig verlegen schien und mit Anstrengung die Lösung der brennenden Frage suchte, tote dieses Aergerms, diese siebente Droschke, ans der Welt zu schassen sei. , . Natürlich hat ein findiger Polizernrann immer Gluck. Liebenswürdig und erfreut eilte der Kommissar pcvtzlrch einige Schritte vorwärts und begrüßte einen als Automobilsportsmann bekannten Fabrikbesitzer. Mt einigen Worten erklärte er ihm den Fall. „Nicht wahr," schloß er seine knappen und logischen Darlegungen, „Sie erwersen nur den Gefallen!" Der Sportsman» überblickte den Krers, r.achte ein höchst ernsthaftes Gesicht und sprach: „Ja. lieber Leutnant, das ist doch eine sehr riskante Geschichte. Sie kennen ja dach daL Hastpflichtgesetz? Na ja! Und nun. d«- vev- schiedener- Automobilsysteme! - Ich nähere es mjt! ffienn das Biest die Mucken kriegt, hat mrch dre Polizei am.Kragen. Neue Verlegenheit. Aber ein pfiffiger,Polizermann findet auf alle Fälle das Rechte. Wozu ist die Feuerwehr da? Es wurde an die Feuerwehr telephomerl, die auch alsbald einen Mann absandte, das ärgerliche siebente Automobil aus der Welt, d. h. vom Halteplatze zu schaffen. Als dieser Retter aus der Not auftauchte, gab der swiizei- leutnarlt noch die nötige» Anweisungen, daun fiel ihm Plötzlich seine Frau ein, die mit dem Mittagessen wartete; ersttzi sich erschrocken in das erste Automobil und fuhr: eckig davon. Der Feuerwehrmann kratzte sich hinter dem Ohr und sag e zu dem siebenten Chauffeur: „Na nu, Maimecken, war soll ich nu mit Sie machen — nu sind Sie ja nfs eenmal Nummer Sechse!"- dem Volk Paul Keller tzeraüsgegebemn „Gnakasim" mit Erlaubnis des Rose-Verlag, Berlin SW. 48. * Die Helden der Halle. Die Pariser „Hallen^ bilden ' noch immer, obgleich fünf Minuten vom Louvre und von den modernen Hotelpalasten der Rue ve gelegen, eine Welt für sich. I" ihnen erhält sich Muck CXnJ Volkstümliches bleiben die Sprache, die (Sitten, die Au- ! schaimngen des Volles so herrschend, als sei hier ein be- | sonderen Bezirk, von dem übrigen Paris getrennt. Sie bieten daher dem Beobachter das ganze Jahr unerschöpflichen Stofs, und Zeichner und Sittenschilderer haben sich hier oft ihre Vorwürfe geholt. Daß diese Hallen eine Stadt für sich sind, sieht man schon an ihrer Umgebung, an den ganz besonderen Industrien, Wirtshäusern, Erfrischungsräumen, mit denen sie alle benachbarten Straßen angefüllt haben. An den kleinen Hotels, wo Provinzler und Marktleute, für zwei Franken übernachten, au den gleichsam in die Mauern der Häuser gebauten Garküchen, die nur eine schmale Nische sind und in denen Kartoffelpuffer und heiße Würstchen gebraten und den Vorübergehenden angeboten werden. Die Hallen haben eine ganz bestimmte Bettlerzunft, die nur hier zu sehen ist, sie haben sozusagen eine eigene Fauna mit den Hunderten von Landhunden, die mit den Wagen der Lieferanten früh morgens in die Stadt kommen: sie haben ihre eigenen Verbrecher. Die „Apachen" des Hallenviertels genießen einen schlechten Ruf in Paris. Sie hausen in den verschiedenen Kneipen, die sich erst in der Nacht öffnen, und in die zuweilen auch blasierte Bummler aus der Stadt in Frack und Zylinder kommen, um Zwiebelsuppe zu essen und populäre Redensarten zu hören. Neben den schlimmen zeigen die Hallen aber auch die guten Seiten des Pariser Volkscharakiers: seine Genügsamkeit, seine rasche Begeiste- rnngsfähigkeit, seinen Sinn für dekorative Festlichkeiten. Daher hat auch die Neuzeit noch nicht die populären Feste chbgeschafft, deren Schauplatz die Hallen zuweilen sind und von denen eines in voriger Woche gefeiert wurde. Es handelte sich da besonders nm Wettkämpfe der körperlichen Kraft. Die „Starken der Hallen", das heißt die Lastträger, die die schweren Säcke und Kisten abladen, sind eine ganz besondere Zunft, und man kann sie auch des Vormittags zuweilen, iuenn sie unbeschäftigt smd, sich allerhand athletischen Wettübullgen hingeben sehen, die auch Sportsleuten Respekt einflößen könnten. Tie „Starken der Hallen" geben sich, '.nie die „Köln. Ztg." schreibt, nicht mit Kleinigkeiten ab. Bei dem letzten Wettkampf, der eine sehr große Zu- schauermeuge herbeigelockt hatte und der unter dem Vorsitz eines bestellten Preisgerichts ftattfand, handelte es sich darum, Lasten im Mindestgewicht von 250 Kilogramm möglichst weit zu tragen. Die starken Männer, beladen mit bepackten Kisten und Tragkörben, plagten sich redlich für die Bewunderung der Menge, und mancher Schweißtropfen floß auf den Boden. Dafür enttäuschten sie auch die allgemeine Erwartung nicht. Einer von ihnen, namens Rieaux, schleppte eine Last von 325 Kilogramm 56 Meter weit, ein anderer trug 250 Kilogramm 100 Meter weit. Ein anderer schleppte gar einen Tragkord, der mit 225 Kilogramm beladen. war, 23 Meter weit auf feinem Kopse. Alle Achtung vor diesem gediegenen Schädel! Er dürfte sich selbst auf einer oberbayrischen Kirmesrauferei bewähren. So lange es solche Männer in dem angeblich dekadenten Paris gibt, sollte man mit bett Redensarten von der Entartung der Franzosen zurückhalten. Das Volk spendete seinen Auser- tvählteu retchlichen Beifall. Es gleicht wohl darin dem Volk aller Länder, das in, erster Linie gediegene Muskeln, zweitens eine schöne Uniform und drittens allenfalls auch die großenMeifter bewundert, die es unter sich hat. Indessen schadet es den großen Geistertt nicht, wenn sie über gute Muskeln und noch weniger, ivenn sie über eine schöne Uniform verfügen. * Die gefährlichen Wolkenkratzer. Einer der bedeutendsten französischen Architekten, Augustin Rey, der auf Kosten der Regierung eine Studienreise nach den Vereinigten Staaten unternommen hat, äußerte sich in drastischer Weife über das architektonische Bild der Stadt Newyork. Er schreibt: Die Stadt Newyork sicht vom architektonischen Standpunkte genommen so lächerlich und unsinnig aus, daß man glauben müßte, sie wäre nach den Plänen eines Irrsinnigen gebaut. Die Wolkenkratzer, auf düe der Newyorker so stolz ist, sind überaus gefährlich. In 20 Jahren würde das Publikum verlangen, daß sie mindestens zur HAste abg^ragen werden, da die Verkehrssreiheit der, Bevölkerung ungemein behindert wird, zumal in 20 Jahren die Baukosten durch die vielen .Mieter amortisiert sein werden, wird daS Publikum energisch aus seiner Forderung bestehen bleiben, sodaß die unsinnigen Bauwerke auch wirklich geändert werden müssen. Die ungeheuere Perfonenzahl, die diese gigantischen Bauwerke behorbergen, muß notgedrungen Verkehrsstörungen im Gefolge haben, die heute schon biel zu häufig auf den Straßen Newyorks entstehen. Bei einer ausbrechcndeu Panik steht einem das Herz still vor Grauen in dem Gedanken, was sich nicht alles ereignen könnte. Es ist vollständig unmöglich, daß sämtliche Bewohner aus einem so riesigen Gebäude, ohne sich gegenseitig zul hindern, ins Freie gelängen. Auch an der enormen Hitze, die im Sommer üt den Straßen Newyorks herrscht, sind die Wolkenkratzer die Hauptschuldtragenden, ganz abgesehen davon, daß die niedriger gelegenen Stockwerke vollständig der Luft uud des Lichtes entbehren. Reh besuchte im Lause seiner Anwesenheit in Newyork viele Häuser, die von den unteren Volksschichten bewohnt wurden. Er sand hier zahllose Zimmer, durch deren Fenster niemals! das Licht der Sonne scheint und in denen seiner Schätzung nach mindestens eine Million Menschen wohnen. * Der verkaufte Hqrem. Eine echt marokka- nische Komödie berichtet ein englischer Korrespondent aus» Casablanea: Aus Fez ist die amüsante Nachricht hier ein- gelroffen, daß Mulai Hafid den Witusch ausgedrückt hat,, den Harem seines Bruders Abdul Asis in feinen Besitz zu. bringen. Dabei ist zu bedenken, daß in mohammedanischen Staaten der Harem mehr als ein Zeichen der Herrscher- Würde, denn als ein privater oder persönlicher Besitz des Sultans angesehen ivird. Noch komischer wirkt iitbeffeit die Versicherung von Personen, die sich der engsten Freundschaft mit 'Abdul Asis erfreuen, daß der Exsultan durchaus geneigt wäre, den Wünschen seines Bruders zu wMsahren-, Dabet braucht man jedoch keinen Augenblick auzuuehmen/ daß Abdul Asis so besonders erpicht oarans iv-äre, seinem; Bruder einen Gefallen zu erweisen; er will ihm bett Harem mehr ans finanziellen als aus freundschaftlichen Gründen abtreten. Bei den bescheidenen Hilfsquellen, die Abdul. Asis jetzt zu seiner Verfügung hat, hat er einige Schwierigkeiten, die große Zahl von Frauen zu unterhalten, die den Harem eines Sultans bilden. Er hatte in der Tat bereits daran gedacht, eine große Zahl der Insassinnen zu ver- kanfen, vor allem Cirkassierinnen, die ihm von einem französischen Juden in Tanger verkauft wurden, der den Titel eines Lieferanten für den kaiserlichen Harem mit scherisischev Vollmacht besaß. Diese Cirkassierinnen sind Frauen von erlesener Schönheit und außerordentlich großem Handels- Wert; denn Abdul Asis war ein besserer Kenner von dieser Art „Mare" als von Klavieren itnb Automobilen. Best dieser Sachlage ist Abdul Asis sehr geneigt, den Handel gegen bar Geld abzuschließen; man spricht sogar davon,- daß er dem Abschluß nahe ist. Gegenwärtig finb mehr als 200 Frauen in einem Hause in Casablanca, das der Regierung gehört, unb in bem auch ihr kaiserlicher Herr wohnt> untergebracht. Sie würben alle mit Ausnahme von etwa ein Dutzend Favoritinnen bes Abb ul Asis nach Fez verschickt werben, falls bas Geschäft wirklich-„perfekt" ivird. . . . * Hartes Geschick. Max: „Zwilling zu sein ist schrecklich!" — Schulkamerad: „Warum denn?" — „Ja, wenn Mama nicht weiß, ob ich oder Moritz irgend was getan haben, dann' verhaut sie uns beide." * Sein Büschen. Junge Dame: „Weißt dm Vetter, deine heutige Blässe ist sehr vorteilhaft für dich!." — Studios usl (der eineu Kater hat, geschmeichelt): „Findest du? — „Jawohl; dann kann man doch deinen Schnurrbart scheu. Wechselrätsel. Mit i Teil des menschliche» Körpers, mit r Kanton in der Schweiz. Mit d tuts Mancher zil viel, mit g wünscht es oft der Land- manu. Mit s ein Vogel, mit p GebronebSgegensiand. Mit d ist cs spitz und fein, mit g darfs fchoit gröber sein. Mit t Tiebier Italiens, mit f HöfliebkeitscwSdrnck. Mit d lobenswerte Eigeufchaft eines Menschen, mit s ein Tier, Mit « eine Zobl, mit t ei» VernemungSivort. Mit s ein Küchengerät, mit t tuts jeder Gläubige. Mit m eine Stadt, mit k erregt es Heiterkeit. Mit a 91ebenfluü der Donau, mit u ein Verbrechen. Mit b Nubestälte, mit u eine starbe. Tie Anfangsbnit staben der gefundenen Wörter ergeben den Namen einer preitstischen Provinz. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Nummer: AMSEL MIAU SAU E U L öiedakuom E, Anderion. - Rotationsdruck und Vertat» öe» Vrüdl'Ickev UnwrttnätS.Buch- und Stemdruckeret. R. Lauge. Gieße«,