M8 Donnerstag den 6. August UM John Darrows Tod. .Roman von Melvin L. Severy. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Man, Dieu! Wie nötig brauchte ich Geld ! Ich hatte damals meine Seele nm ein paar Silberlinge Verschachert. Es war die Ulte, alte Geschichte von der Versucherin, die nur im Paradiese ■neu war. Oh, wie habe ich sie geliebt! Aber Geld-, Veld, immer wieder Geld müßte sie haben; danach schrie sie jeden Tag. Konnte ich's ihr nicht schassen, so ließ, sie sich's von andern geben, und das machte mich toll. Könnte ich nur, sagte ich mir, diesen Preis erwerben! Das lohnte sich der Mühe, und kriegte ich ihn, dann war sie die Meine. Sofort machte ich mich an die Arbeit- Es war keine leichte Sache. Ich hätte wohl einen Mörder dingen können, aber daß er sich dann für seine Tat hängen ließ, ohne meinen Anteil daran zu enthüllen, war nicht gerade wahr-' scheinlich. Zu dieser Zeit traf ich zum erstenmal mit Latour in der Decaturstraße zusammen. Sofort kam mir der Gedanke, das sei der Mann, den ich brauchte, und fing an, ihn systematisch Meinem Willen zu unterjochen. Hierbei begünstigten mich die besonderen Umstände ungemein. Er war arm-, oder doch ohne -nennenswerte Mittel. Seine Tochter konnte-wohl etwas erwerben, über nicht genug, um die Not fernzuhalten. Dazu litt er am Krebs', ünd mehrere Aerzte hatten ihm versichert, er werde höchstens' cho-ch ein Jahr zu leben haben. So peinigte ihn eine fast wahnsinnige Furcht, seine Tochter würde nach seinem Tode notleiden. Und ich glaube, diese Furcht war auch der wahre Grund, weshalb er sich dem Spiel ergeben hatte; denn er hoffte, dadurch auf einmal reich zu werden. Natürlich war der Erfolg entgegengesetzt. Nun war mein Weg vvrgezeich.net. Zuerst wollte ich ihn die Tat selbst ausführen lassen, dann aber sagte ich mir im Hinblick auf die Ergebnisse von Chareots Forschungen (nach dieser Richtung, daß dieses Verfahren fast mit Sicherheit zur Entdeckung führen würde, da das hypnotische Medium nur so lange zuverlässig ist, als die Bedingungen, unter denen cs handelt, genau den suggerierten entsprechen. Eine unvorgesehene A-enderung dieser Bedingungen, und -es v-ersagt, enthüllt alles, und der ganze sorglich aufgerichtete Bau bricht zusammen. Als daher der Zeitpunkt herankam', auf den ich das Verbrechen festgesetzt hatte, brachte ich ihm ein Betäubungsmittel bei, entfernte ihn von seiner Wdhnung und hielt ihn so lange in bewußtlosem Zustande unter Verschluß, bis ich Herrn Darrow in einer weiterhin am gehörigen Orte mitgeteilten Weise ums Leben gebracht hatte. Sobald ich die Tat begangen und mir, wie ich mir schmeichelte, durch meine Anwesenheit bei der Untersuchung ein tadelloses Alibi verschafft hatte, brachte ich den tw-ch bewußtlosen Latour heimlich in seine Wohnung und wartete, bis er wieder seiner Sinne mächtig war. Daun fragte ich ihn, wie er in diesen Zustand komme, -und was er in Dorchester getan Habe. Natürlich wußte er von nichts. Allmählich brachte ich ihn nun durch meinen Einfluß dahin, daß er glaubte, den Mord an John Darrow begangen zu haben. Sein Interesse an Krebsleiden benutzte ich, ihn zur Bibliothek zü bringen. Ta ich grundsätzlich nie eine Gefahr laufe, die sich vermeiden läßt, so ließ ich mir die Bücher, die ich selbst haben wollte,- bestellen und v-eranlaßte ihn, da er mit beiden Händen schreiben konnte, mit seiner rechten Hand als Weltz, mit der linken als Rizzi zu unterzeichnen. Hierbei leiteten mich zwei Motive: einmal schuf ich mir gute Beweismittel gegen -ihn, während mein eigenes Risiko dabei geringer nmrde, und iod-ann konnte ich ihn so in eine Atmosphäre bringen, die ihn hypnotischen Einflüssen noch besser zugänglich machte. Nicht ein Wort vvn dem allem' sagte er zu seiner Tochter, die er mit unvergleichlicher Innigkeit liebt. Gerade diese große Zuneigung machte meinen Plan erst ausführbar. Als ich in ihm die Ueberzeugung geweckt hatte, er sei der Mörder, zeigte ich ihm Herrn Darrows merkwürdige Ankündigung, in der er deut Entdecker seines Mörders eine Belohnung Versprach. „Binnen einem Jahre," sagte ich zu ihm, „sterben Sie art Krebs, wenn Ihr Verbrechen nicht vorher entdeckt und gesühnt 'wird. Dann ist Jh-re Tochter völlig mittellos. Wieviel besser für Sie, Sie lassen mich- in einigen Monaten gegen Sie die Anklage auf Mord erheben. Dann gestehen Sie; ich- beanspruche und erlange die Belohnung und teile sie heimlich- mit Ihnen. Sie werden verurteilt, aber da bis zur Vollstreckung eine beträchtliche Zeit vergehen muß, so sterben Sie vorher an Krebs' und lassen Jeanette wohlversorgt zurück." Ich glaube, mein Einfluß auf ihn wär so groß, daß ich ihn' z-u allem vermocht hätte, auch wenn er auf keinen Gewinn daraus für sich, oder vielmehr für seine Tochter gerechnet hätte, aber unter den bestehenden günstigen Umständen war meine Aufgabe leicht. Dem Publikum ist zur Genüge bekannt, was sich lueitet begeben hat. Maitland befand sich im Nebenzimmer, belauschte unser Gespräch, ja, phonographierte unsere Wvrte und photographierte uns selbst. Ich habe mir immer etwas darauf zugute getan, mit einer Verbeugung anzuerkennen, daß drei Asse nicht so gut sind wie eine volle Hand, — so erkläre ich- mich für überwunden, wenn auch nicht für unterworfen. Einen besseren Tribut glaube ich dem Genius des Mannes', der mich geschlagen hat, nicht zahlen zu können. Die Vergeltung für meine Tat will ich aber selbst in die Hand nehmen. In meiner Eile, mit der ganzen Sache fertig zu werden und meine lange Reise nach einem unbekannten Lande anzutreten, hätte ich beinahe vergessen, die Art und Weise, wie ich nun Herrn Darrow ums Leben brachte, mitzuteilen. Keine Jnjektions-! spritze hatte damit etwas' zu tun. Ter ganze Plan ging mir beim Lesen jener verhängnisvollen Seite auf, der ich- Unvorsich? tiger mein Taumenzeich-en aufdrückte. Auf das einzelne brauche ich nicht einzugehen, denn ich weiß ja, daß Maitland schon alles bis aufs I-Tüpfelchen durchschaut hat. Die Daboia Russelir über Rüssels Viper ist eine von den bekanntesten und tödlichsten Giftschlangen Indiens. Mit einiger Mühe und geringem Risiko- tvußte ich mir ein Exemplar zu verschaffen. Am! Abend des Mordes lot ich die Viper in -ein Kästchen und ging mit ihr zum Wasser unweit der Darrowschen Besitzung. Hier schnitt ich mir einen Stock aus einem Erlenbusch spaltete ihn an einem Ende und klemmte die Schlange hinein, die sich zornig frei zu machen suchte und auf alles losbiß, was ihr zu nahe kam. Jetzt hatte ich- nichts weiter — 486 " 8‘n tuW, 'M beit Stab iriit' bet SHla'ngb durchs Fenster in das' ziemlich dunkle Zimmer zu stoßen uitb die Schlange in Herrn Darrows Nähe M bringen. Das tat ich und hütete mich habet, das Fenster mit meiner Person zu verdunkeln. Als ich bett Aufschrei meines Opfers hörte, zog ich den Stock zurück und bamit natürlich auch die Viper und entkam glücklich. Daß das Reptil Herrn Darrow unter dem Kinn biß, während er mit dem Rücken nach dem Fenster saß, toat bloßer Zufall, schien mir aber ein Äußerst günstiger Umstand, da es die Annahme eines Selbstmordes trott vornherein aufdrängen mußte. Ich war nicht gimz frei von der Furcht, man tnöchte das Zischen der Schlange gehört habett, weshalb ich bei der Untersuchung diese eilte Frage zu stellen toagte, deren Beantwortung mich völlig beruhigte. Der Hauptgrund für meine große Zurückhaltung bei der Untersuchung war der Wünsch, die Aufmerksamkeit von meinem verunstalteten Fuße und hinkenden Gange fernzuhalten. Den letzteren hatte ich bei meinem Eintritt möglichst verborgen, ich wußte aber, daß der erste. Schritt, den ich unbewußt täte, diese Angewohnheit verraten müßte. Vor Osborn oder Wien war mir nicht bange, aber Maitland hatte etwas an sich, das mich sofort auf meiner Hut sein ließ, und wie ich schon sagte, ich laufe keine Gefahr, die sich vermeiden läßt. Aus' diesem Grunde setzte ich mich sofort in den dunkelsten Winkel des Zimmers, bett ich finden konnte, und blieb dort während der Untersuchung. Ich hielt es für äußerst unwahrscheinlich, wenn auch nicht für ausgeschlossen, man würde einen Versuch machen, den Mörder mit Hunden auszuspüren; doch da es das Verfahreir war, das ich zu allererst eingeschlagen hätte, so schien es mir auf alle Fälle empi- fehlenswert, auch dieser Gefahr zu begegnen. Ich zog daher das Boot vom Lande, als hätte ich dies benutzt, dann watete ich eine halbe Meile etwa ant Strand entlang, indem ich den Stock, die Bretter usw. mit mir nahm- Da ich nur an Stellen ging, wo das Wässer mindestens sechs Zoll tief war, wußte ich, daß kein Hund meiner Fährte zu folgen vermochte. Als ich aus dem Wasser stieg, setzte ich mich auf einen Felsen, zog mir Strümpfe und Schuhe an und durchtränkte sie zugleich mit Terpentin; den Rest der Flasche leerte ich aus den Felsen, wo ich gesessen hatte. Ta mir bekannt war, daß Gefangene in dieser Weise entkommen waren, obwohl Bluthunde bis zu einer Entfernung von noch nicht zwanzig. Fuß ihrer Fährte gefolgt waren, fo. konnte ich sicher sein, meine Spuren gut verdeckt zu haben, und beeilte mich, der ersten Untersuchung beizuwohnen. Und jetzt bin ich am Ende angelangt. Ehe eines andern Menschen Auge dies liest, bin ich tot — über die Strafe dieser Welt hinaus und der in der nächsten gewärtig. Damit nicht jemand meine, ich glaubte nicht an eine nächste Welt, sonst hätte ich nicht so handeln können, so will ich hier nur erklären, die Furcht besitzt keine moralisch zügelnde Kraft. Alle Furcht ist selbstsüchtig, und Selbstsucht liegt auch allen Verbrechen zugrunde, meinen so gut tote den-übrigen. Niemanden lasse ich hinter mir, der mich betrauert, und nur eine Genugtuung bleibt mir, nämlich das Bewußtsein, daß ich als Künstler auf dem Gebiete der Verbrechen gelten werde. Ich ergreife nochmals diese Gelegenheit, dem Publikum ein, ich gestehe es, von Bedauern nicht ganz freies Lebewohl zu sagen. Noch stehe ich. auf der Höhe, die man Leben nennt; nur wenige Minuten, und ich bin hinabgesprungen jn die Finsternis, und dann — ist alles Geheimnis.".' ** ’ Schluß folgt. - Großmutters verlorner Zchuh. f , \ Von Margarete Todt in Gießen. - . f Nachdruck verboten. i, i , Großmutter hatte von dem Christkind ein Paar neue Winterschuhe bekommen, so ein Paar recht weiche warme Hausschuhe mit dicken Filzsohlen und am Ausschnitt Pelz- vesatzi Auf der Ofenbank standen sie, an dem wärmsten Plätzchen im Zimmer, das sonst Großmütterchen persönlich einzunehmen pflegt. Es waren ein Paar gar zu schone warme Schuhe! Schon hundertmal wohl hatte sie Großmütterchen cm- probiert und war darinnen in der großen Stube auf und ab marschiert. Zum hundertundeinstenmale nahm sie sie ivieder und zog einen davon an den rechten Fuß. Wie er doch so niedlich saß und so nett aussah, ordentlich elegant mit der Pelz- verbramung. Der andere wurde nochmals eingehend an bent Fenster in der Hellen Wintersonne.betrachtet. Sie waren von dunkelbraunem Tuch mit hellbeige Pelzverzie- rung. Vorsichtig wurde er wieder zurückgetraaen aus die Ofenbank, Es war der linke Schuh. Aber wo wär denn der rechte? Jä um' alles, wo lv'a'r denn der rechte Schuh hingekommen? Hier stand er doch auf der Ofenbank---. Unter der Bank vielleicht? — Nein! Neben der Bank? — Auch nicht! Wo war denn utjt des Himmels willen nur der Schuh hingekommen? „Hansel, Gretel, Lisbeth! kommt mol her — hot mer eins von och Herrgottssakramenter den Schauh fortgeschleppt?" Die Enkelkinder ließen ihr Spiel und kamen auf der Großmutter Rufen eiligst herbei. Mit großen Augen und offnen Mäulchen standen sie um sie her. Nein, sie hatten den Schuh nicht weggenommen. Ja, aber wo war denn der Schuh? Klein-Lisbeth betrachtete nebenher die Füße ihrer Puppe, die sie an einem Arm nachschleifte; die hatte noch nicht mal Strümpfe an, geschweige Schuhe. Die schon etwas größere Gretel meinte: „Großmottchch warscht ungezohn? Dann Hot se es Christkinnche Widder geholt!" „Hanne! Hanne!" rief Großmutter mit lauter unb’,: wenn sie, wie eben, ärgerlich war, spitzer Stimme durch das Haus. Auf diesen Ruf erschien ein zartes blondes Frauchen in Küchenschürze und nassen Händen unter der Tür. „Motterche, was is?" .* „Mei Schauh, Hänuche! Ich kann mein eene Schauh nett finne!" „Jo? Du host doch en in der Hand, Großmotterche."" „Jo jo — awer den anner such ich ewe." „Wo host denn dann hingestellt?" „Uff der Owebank staun er doch. Ich hott nur entöl de Rücke verwend un scho is er fort. Ich mecht nur wisse,, wo er hiegekomme is." „Hansel, Gretel, Lisbeth! Kommt mol her!" Hot vo och eens Großmottchens Schauh fortgeschleppt?"" ” Eiligst kamen die Kinder heran. Nein, keines hatte den Schuh weggenommen. „Hansel, hosten viellecht in den Hausgang getrage? Rieke, Rieke! Säih doch mol noch, ob drauße Großmotterche fei Schauh is. — Nee? Viellecht Hot en es Lisbethche der Kellertrepp enunner geworfe. Rieke, laf mol in de Keller, ob er do leiht. — Nee? Dau, läiwer Gott, wo is dann der Schauh? Viellecht is er mit de Kleeder in die Owerstubb getrage worde, odder gar mit Wäsch uff de Bode. Rieke, lauf mol euuff, ob er sich wohl owe sinne dud." Und Rieke lief Treppe auf, Treppe ab — nirgends war der Schuh. Der Herr des Hauses kam. „No, wos is denn häi los? Hannche, du gläuhst jo wäi en Karfunkelstee. im Oweloch> Wos hobt er dann?" „Ach Schorsch, Großmotterche ihr Schauh is fort nun läßt sich nirgens finne — „Ihr Schauh?" „Ja, der ene von de naue Schauh!" „Jo — wo hat sen dann hiegedoh?" ’ - A „Du läiwe Zeit, uff der Owebauk Hot er gestanne." „Unn is fort?" „Jo jo — ich sah's doch — spurlos verschwunne!" „Komisch! Hot en viellecht der Butz> des Väih eweg- geschleppt? Woeste de noch, er Hot mer auch emol mei Pantoffel bis in die Küch geschleppt. Wahrhaftig ja! Ja gewiß/ nur der Butz, der Racker, kann ihn weggeschleppt haben/" „Hansel, Gretel, Lisbeth, laast mol in den Gorre und' den Stoll, viellecht findern do —." Und fort stob die kleine Gesellschaft. „Großmotter, nu sei mer still unn alterier dich nett, der Schauh muß sich finne, dos wär doch noch scheener. Weit kann er nett sei!" tröstet die Schwiegertochter selber! ganz nervös. Doch Großmutter rannte aus der Stube in die Küche und aus der Küche in die Stube. Klipp, klapp — klipp, klapp ging das immer über die Steinfliesen im Flur, denn an dem linken Fuße trug sie einen Lederschuh mit festem Absatz--■.-- „Großmotterche, wos hoste dann nur für Schauhwerk d?" fragte Georg, ihr Sohn, dem der sonderbare Zweiklang' auffiel. „Aach, du grüße Zeit, ja häi, der Schauh, der gefauchte Schauh--." „Soll mer's dann gläwe!" sagte Großmütterchen. . — 487 — Wiesbaden. fOriginalbeiirag der „Gieß. Fain.-Blättcr".) Wer von Biebrich aus die von einer Doppel-Allee prächtiger Kastanienbäume durchzogene breite Landstraße hinaufwandert, die ihm zur Linken einen schönen Blick auf die in der Ferne schimmernde Fläche des Rheines gewährt, gelangt bald auf die Höhe, die sich in behaglicher Ebene etwa ein Biertelstündchen hinzieht, worauf in allmählicher Senkung der auf beiden Seiten von immer zahlreicher werdenden Billen umsäumte Weg zum Tale führt. Der Wanderer schaut hinab in einen ausgedehnten Kessel, in dem sich ein überaus freundliches Gemälde vor seinen Blicken entfaltet. Ein stattliches, glänzendes, von zahlreichen Türmen gekröntes Häusermeer ist in der Mitte gelagert, eine Menge von Landhäusern, von Gärten und Bäurn- gruppen umgeben, bilden seine Fortsetzung weit nach Osten hin, nördlich steigt ein im Rebenschmucke prangender Berg empor, der vielgenannte Neroberg?) von dessen Höhe ein Aussichtstempel und die mit 5 goldschimmernden Kuppeln überwölbte griechische Kapelle aus dem Waldesdunkel emporragen ; weites, fruchtbares Ackerland mit vielen Obstbäumen deckt die anderen Seiten. Es ist Wiesbaden, das alte MattiaknM. Keltischem) Ursprungs, wie schon der alte Name besagt, und schon den Römern bekannt, die dort ein Kastell anlegten, woran uns der Römerberg und die Heidenmauer erinnern, im neunten Jahrhundert unter seinem jetzigen Namen, der Wiesenbad bedeutet, in Schriften erwähnt, erwarb es sich erst seit dem 16. Jahrhundert seinen ausgebreiteten Ruf und darf sich jetzt rühmen, die erste Kurstadt der Welt zu sein. Das prachtvolle neue Kurhaus?) das mit dem durch zwei Springbrunnen gezierten Blumengarten, zu dessen beiden Längsseiten sich die stattlichen Kolonnaden hinziehen, dem Weiher und dem ausgedehnten Park ein herrliches, symmetrisches Ganze bildet, ist ohne Unterbrechung das ganze Jahr hindurch der Sammelpunkt von vielen Tausenden von Fremden. Seit dem am 30. Dezember 1871 erfolgten Schlüsse der Spielbank, die trotz ihrer bedeutenden Zuschüsse zur Pflege und Verschönerung Wiesbadens durch die üble Gesellschaft, die sie herbeizog, der gesunden Entwickelung der Stadt nicht sehr förderlich war, ist diese, mit dem Fahr 1866 von den Hemmnissen kläglicher Kleinstaatspolitik befreit, in so mächtigem, stets zunehmendem Aufblühen begriffen, wie es nur von wenigen andern Städten Deutschlands gesagt werden kann. Die Zahl der Einwohner ist seit jener Zeit von 20 000 auf 109 000 gestiegen; im Jahr 1790 zählte die Stadt nur 2000 Einwohner. Die günstigsten Umstände erhalten und erhöhen beständig ihre Anziehungskraft. Tausenden von Kranken gewährt sie Heilung oder Erleichterung, vortreffliche Schulen, die vorzüglich geleitete Landesbiolio- thek, vielseitige Pflege von Kunst und Wissenschaft, eilt ausgezeichnetes Theater und andere Schaustellungen, die mannigfaltigen Unterhaltungen, die das Kurhaus bietet, alles vereinigt sich hier, um Fremde anzulocken und ihnen Wiesbaden auch als dauernden Aufenthaltsort begehrenswert lieber die Ableitung deS Namens Neroberg war man lange int Zweifel. Die Form Neroberg ist erst int Anfang des neunzehnten Jahrhunderts aufgekommen, indem man ohne alle historische Grundlage an eine Anwesenheit Neros zu Wiesbaden oder irgend eine Beziehung des Berges zu ihm dachte. Näher lag die Ableitung von Nerthus (Hertha), der germanischen Erdgöttin; doch auch diese erscheint unhaltbar. Die volksmäßige Benennung ist Nersberg. Diese Form brachte man mit Nierstein und Nürnberger Hof (bei Wiesbaden) in Verbindung und glaubte darin die Wurzel von naru, enge zu erkennen. Andere vermuteten in Ners den Genetiv eines Personennamens. Andere endlich,gingen auf die Form Ersberg zurück, die sich in alten Aufzeichnungen findet, also der rückwärts gelegene Berg. Alle diese Deutungen sind zu verwerfen. Ein gelehrter Wiesbadener Forscher hat überzeugend nachgewiesm, daß Ersberg Hirschberg bedeutet. Das prothetische n kommt auch sonst nicht selten vor. 2) Matto war ein keltischer Personenname. 8) Vom Volk noch Häufig, wie früher gewöhnlich, der, Kür- saal genannt. So nennt man auch heute noch in Nieder-Jngel- heim die Gegend, wo der Palast Karls des Großen gestanden hatte, den „Saal". zü Machen. Hier pflegte der alte Kaiser Wilhelm jahrelang einige Wochen der Frühlingszeit zuzubringen, und auch unser jetziger Kaiser hat Wiesbaden bereits seine ganz besondere Gunst zugewandt. Wiesbaden ist eine völlig neue Stadt geworden; nur wenige Reste des alten Teils reden noch von früheren Zeiten; es bietet uns ein glänzendes Bild des modernen Städte?, baues und strahlt wie ein Juwel inmitten einer herrlichen Natur. Denn dieses reizende Wiesbaden mit seiner unendlichen Fülle von Dingen, die Geist und Herz erquicken, dis belehren, unterhalten und vergnügen und die in so reichem Maß und so mannigfaltig geboten werden, hat noch den unschätzbaren .Vorteil einer überaus bevorzugten Lage. Von den herrlichen Wäldern des Taunus umkränzt, liegt es au der Pforte einer der schönsten Gegenden unseres deutschen Vaterlandes. Bald nach Biebrich beginnt der Rhein seinen vollen Zauber zu entfalten, der ununterbrochen bis' ttach Koblenz immer neue Bilder höchster Anmut aufrollt; es ist wie ein ungeheurer, von einem mächtigen Strome durchflossener Garten. Und wie leicht und bequem sind alle einzelnen Punkte zu erreichen, mit der Bahn oder aus dem Dampfer, auch Kähne sollte man öfter benutzen! Monatelang kann man jeden Tag einem andern Ziele zustreben und ist des Abends ivieder in seinem gemütlichen Heim. Wie wenige aber wissen von diesem Vorteil Gebrauch zu machen! Die meisten unternehmen ein- oder höchstens zweimal eine Rhein fahrt, gewöhnlich nach dem Niederwald und' kehren damt schleunigst ttach dem glänzenden Wiesbaden zurück. Sie kümmern sich nicht um den Rochusberg, der dem Niederwald gegenüberliegt, einer der reizvollsten Aussichtspunkte des gangen Rheinlaudes ist, eine höchst sehenswerte, in reinem gotischen Stile gebaute Kirche besitzt, sowie ein Hotel, das sich zu längerem Aufenthalt vorzüglich eignet.. Wie manche versäumen auch Aßmannshausen, das bereits im Gebirg, att der andern Seite des Niederwaldes liegt, in höchst romantischer Sage, die um so wirkungsvoller ist, als der Rhein hier, zwischen Bergen eingeengt, wild daher-, brattst, während er bei Rüdesheim ein seeartiges Aussehen hat. In diesem Aßmannshausen mit seinen traulichen? Veranden und seinen trefflichen Weinen an einem schönen Sommerabend zu weilen, ist ein köstlicher Genuß. Wir wollen heute auf ein ganz besonders anheimelndes Plätzchen in Aßmannshausen aufmerksam machen, das, inmitten des Dorfes gelegen, doch den Blick auf den Rhein zuläßt. Es ist die seit dem 7. Juni auf ein Wierteljahlr geöffnete Straußwirtschaft des Schlossermeisters Eger, Lorcher Straße Nr. 121. Behaglich sitzt man hinter dem Hause in einem freundlich angelegten Gürten, in dessen langer Laube und den beiden niedlichen, mit durchbrochenem Mauerwerk kunstvoll hergestellteu Pavillons man sich an den vorzüglichen Aßmannshauser weißen und roten Weinen erquickt. Hiev lernt der Fremde echtes rheinisches Leben kennen, mit dem er sich vertraut machen muß; denn Wiesbaden ist eite rheinische Stadt, die ihren Lebensatem nicht nur aus ihren Quellen, sondern auch aus den Rheingatter Bergen schöpft. Rheinluft, Weinduft, Zwei Worte so schön, O laßt uns ziehn Zu den rheinischen Höhn! Da wächst mit den Reben Die Freude, die Lust, Da atmet so wonnig Und selig die Brust. Rheinluft, Weinduft, . O neu Paradies! Umsonst uns der Engel Aus Eden verstieß. r. Und quält uns die Sorge, So trinken wir Wein, Und Freude durchglüht uns Ant herrlichen Rhein. 488 Rheinlust, Weinduft, Zwei Worte so schön, O laßt uns ziehn Zu den rheinischen Höh'n! August A in m a n n. VerWkssh-«s. * D i e L e r n f ä h i g k e i t u n d das G e d ä ch t n i s d e s Kindes. Seit alters ist die Ansicht verbreitet, daßimKindes- alter die Fähigkeit, Neues zu erlernen und das so neu Erworbene im Gedächtnis zu behalten, besonders ausgebildet sei. Diese Meinung bedarf aber, wie Professor Äroos von der Gießener Universität in einem seiner Bücher ausführt, in gewisser Hinsicht einer Korrektur. Man kann nach Ebbinghaus die Lernfähigkeit mehrerer Menschen experimentell vergleichen, wenn man die Anzahl von Wiederholungen feststellt, die bei jeden: einzelnen nötig sind, um eine Reihe von sinnlos aneinander gereihten Silben auswendig zu lernen. Sechs solcher Silben werden meist gleich behalten; bei 10 Silben braucht man schon 3—7, bei 12 bereits 14—16 und bei 16 Silben durchschnittlich 30 Wiederholungen. Es hat sich nun gezeigt, daß beim Kinde die Fähigkeit zu lernen nur gering ausgebildet ist, daß erst vom 10. Jahre an eine Steigerung der Lernfähigkeit eintritt, dann in der Ueber- gangszeit eine Stockung sich'bemerkbar macht und von da bis etwa zum 25. Lebensjahre wieder ein Wachstum wahrnehmbar ist. Allerdings muß man, wie auch Groos hervorhebt, dabei bedenken, daß derartige Versuche insosern mit Vorsicht zu bewerten sind, als das Kind beim Neulernen derartiger sinnlos aneinander gereihter Silben ohne alles Interesse ist, während beim Erwachsenen schon das des Experiments, das mit ihm angcstellt wird, helfend und fördernd wirkt. Bekannt ist ja, daß Kinder ein Gedicht, an dem sie Freude haben, oft in erstaunlich kurzer Zeit auswendig lernen. Die Fähigkeit des Behaltens oder das Gedächtnis kann experimentell so geprüft werden, daß man die gelernte Silbenreihe nach einiger Zeit wieder abhört und nun die geringe Anzahl von Wiederholungen, die jetzt zum Auswendiglernen nötig sind, mit der beim ersten Male aufgewandten vergleicht. Hier hat sich nun gezeigt, daß in bezug auf das Gedächtnis das Kind dem halberwachsenen und erwachsenen Menschen gegenüber im Vorteil ist. Die durchschnittlichen Gedächtnisleistungen von Primanern und Sekundanern standen nach Wesselys Untersuchungen denen der Tertianer und Quartaner, in deren Alter ein Maximum des Behaltens vorhanden ist, in bezug auf Gedichte bedeutend nach, ja, sie waren schlechter als die der durchschnittlich im 10. Lebensjahre stehenden Quintaner. Lateinische Vokabeln wurden nach einem andern Versuch am besten von Quartanern behalten. Aus alledem geht hervor, daß der Erwachsene das Kind in bezug auf das mit Willenskraft verbundene Lernen übertrifft, daß aber die Fähigkeit, das einmal Erworbene zu behalten, im Kindesalter größer ist als bei Jünglingen und Erwachsenen, und dies Ergebnis steht ganz im Einklang mit den Erfahrungen des täglichen Lebens. — Der Einfluß des Waldes auf das Klima und die Menge der Niederschläge wurde in früheren Zeiten und wird auch noch jetzt in Laienkreisen sehr hoch eiugeschützt. Genaue Untersuchungen sind durch namhafte Gelehrte und Fachmänner in den letzten Jahren hierüber angestellt worden und haben zu überraschenden Resultaten geführt, die geeignet sind, jene allgemeine Ansicht in wesentlichen Punkten zu modifizieren, ja teilweise sogar als irrig zu erweisen. Prozessor Dr. A. Schwappach von der Kgl. Forstakademie Eberswalde nimmt zu dieser Frage Stellung in einem rllustrierten Aufsatze über Wald- und Forstwirtschaft, den Hans Kraemer in seinem Monumentalwerke „Der Mensch und die Erde" (Deutsches Verlagshaus Boug u. Co., Berlin W. 50, — Lieferung 60 Pfg.) in der sich durch Gediegenheit des Textes und glänzenden Illustrierung auszeichnenden Abterlnng „Der Mensch und die Pflanzen" veröffentlicht. Profepor Schwappach gibt in seinem alle Erscheinungen der Wald- Und Forstwirtschaft auf der ganzen Erde erschöpfenden Vertrage nicht nur eine Geschichte jenes Glarrbens an den Einfluß des Waldes auf Temperatur, Regenmenge, Feuchtigkeit, Verhütung von Ueberschwemmungen, Gesundheitszustand usw., sondern stellt auch auf Grund der modernen Forschrrngen, unter sorgfältiger Berücksichtigung aller in Betracht kommenden Faktoren die Wahrheit fest — eine Untersuchung, die bei. der speziellen Vorliebe des Deutschen für den Wald von allgemeinstem Interesse ist. * Zeitbild. Schriftsteller: „Nee, die Novelle ist zu ge-- pfeffert — die muß ich unter weiblichem Pseudonym erscheinen' lassen!" * Aus der Schule. Lehrer: „Herakles starb also durch das vergiftete Gewand des Zentauren Nessus, und darum spricht man noch heute von....?" — Schüler: „Von Gefahr im Anzüge." Für die Frauen. Professor Karl Widmer, Die Frau des Rokoko. Mit 8 Kunstbeilagen (aus der Sammluug „Die Frau", Band 18). Friedrich Rothbarth, Leipzig. — Eine reizende Darstellung des Rokoko, das hier mit all seiner liebenswürdigen und graziösen Liederlichkeit wieder lebendig vor uns aussteigt und Menschen zeigt, die die Kunst des savoir vivre noch auszuüben verstehen. Wer dem Rokoko gerecht werden will, muß es von der Seite nehmen, wo se'in Wesen und seine Stärke liegt, von der ästhetischen. Das Rokoko ist der letzte Trieb jener aristokratisch-ästhetischen Kultur, die mit der Renaissance beginnt und mit der großen Revolntion endet. Auf die schöpferisch-ästhetische Epoche der Renaissance war das Rokoko als die Epoche des ästhetischen Genießens gefolgt. Mit der Dekadenz begann auch die Herrschaft der Frau. In einer Gesellschaft, der alles zum Spiel und Genuß geworden ist, führt die Frau das Szepter über das Leben und Wer die Menschen, — in ihr hat sxch der Geist des Rokoko verkörpert, ber Geist des ästhetisch-raffinierten Sinnengenusses. So hat der Verfasser dieser Schrift die Frau des Rokoko zu würdigen versucht — vom Standpunkt des Aesthetikers, ohne moralisierende und ohne apologetische Absichten, als das echte Kind ihres Milieu. Int Zusammenhang mit diesem Milieu verfolgt er in einer Reihe geschlossener StimmnngSbilder ihre geistige und sinnliche Erscheinung durch die wichtigsten Momente ihres Lebens — die Momente, die in ihrem Leben die wichtigsten sind. Wer dieses Milieu versteht, der wird auch die Frau des Rokoko nicht gerecht werden können. Ist doch keine Frau so viel gescholten, aber aiH so viel gepriesen worden, wie die Frau des galanten Zeitalters. Aber auch von keiner gilt das Wort mehr: Ihr wird viel verziehen, denn sie hat viel geliebt. Ausgewählte Reproduktionen zeitgenössischer Gemälde beschwören noch einmal das glänzende Leben dieses Zeitalters herauf: ein Leben voll Jntriguen und Galanterien, aber auch voll Kultur und raffinierten Gennsses. An- und Einsichten. Am Ende hängen wir doch ab Von Kreaturen, die wir machten. Dieweil ich bin, muß ich auch tätig fein. Goethe (Faust). Aufgabe. Baud — Lende — Korn •— Erle — Wand — Born —: Hand — Lust - Wette — Fisch - Gau — Gebet - Gols — Aller — Hast — Gold — Boot — Korb — Falle — Huld. In dieser Ausgabe ist in jedem Worte ein Buchstabe durch einen anderen zu ersetzen, so daß andere Worte entstehen. Tie neuen Buchstaben ergeben ein Sprichwort. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Zahlen-Nätsels in voriger Nummer: 1) Zange, 2) Ems, 3) Prag, 4) Petroleum, 5) Eder, x i 6) Löwe, 7) Jttmann, 8) Neun. Zeppelin. Redaktion: P. Witiko. Rotationsdruck und Verlag bet Brüh l'schev Nnlversitäts-Buch- und Sleindruckerei, R. Lange, Dießen,