M8 W W «I W ilffi ijQend ÄM jEMMsDM- ■#xi ZU John Darrows Tod. Roman von Melvin L. Severy. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wahrend Maitland sich so beschäftigte, tat ich mein möglichstes, Florences Aufmerksamkeit vom Leichnam. ihres Vaters abzulenken, der mit Rücksicht auf die Untersuchung noch nicht von seinem Platz hatte entfernt werden dürfen. So oft sie ihn anschaute, erschien in ihrem Gesicht derselbe gespannte und düstere Ausdruck, der mich schon früher beunruhigt hatte. Ich Ivar froh, als Maitland mit dem Fenster fertig war und anfing, Chemikalien, die ich ihm gebracht hatte, in unserer Nähe zu mischen: denn sie folgte itn» fchlbar allen seinen Bewegungen, als hinge ihr Dasein davon ab, daß ihr nichts entginge. Fetzt tauchte Maitland ein unbeschrie-- henes Papier in seine chemische Mischung und legte das Blatt dann zum Trocknen in den Behälter seines Mikroskops. „Hier habe ich etwas," sagte er, „das ich ebensosehr zu photographieren wünsche wie dieses Zimmer und die größeren Gegenstände darin," und er spießte eine unscheinbare zusammenge- knüllte Masse mit einer Nadel an die Wand und glättete sie, um sic so zu photographieren. „Wissen Sie, was das ist?" fragte er. >,Jch habe keine Ahnung," antwortete ich. „Unter dem Vergrößerungsglase sieht man cs deutlich genug," fuhr er fort, indem er es unter seinem Mikroskop zurechtlegte. „Wollen Sie es einmal betrachten, Fräulein Darrow?" Florence hatte kaum ihr Auge dem Glase genähert, als sie ausrief: „O, das ist ein Stückchen dünne Borke von einem Erlenzweig!" Auf Maitlands Gesicht malte sich ein drollig erstaunter Ausdruck. „Würden Sie mir Nicht sagen," fragte er neugierig, „wie Sie das so schnell heraus- gefunden haben?" Sie zögerte einen Augenblick und gab dann die sachgemäße Auskunft: „Die Erken sind mir wohlbekannt; wo unser Boot liegt, steht eine ganze Menge." „Sie sind eine scharfe Beobachterin," versetzte er, während er das präparierte Papier aus dem Behälter nahm und die Borke darauf ausbreitete, um einen blauen Abdruck zu erhalten. „Es ist da noch etwas auf dem Sims, das ich leider nicht mit fortnehmen kann," fuhr er fort, „und mit dessen Photographie ich mich begnügen muß. Es handelt sich um eine gebogene Linie, die in der noch frischen Farbe sich gebildet hat und so aussieht, als wäre ein kurzes Stück Schnur oder eigentlich Gummi — denn von dem Gewebe einer Schnur läßt sich nicht das geringste wahrnehmen — darauf gekommen und hastig wieder entfernt worden . . . Doch sehen Sie, da kommen Osborn und Allen und haben ein so schlaues Gesicht aufgesteckt, als wollten sie einen Beweis für die Existenz der vierten Dimension erbringen. Jetzt werden wir hören, daß die Selbstmordtheorie zweifellos ist, — wenigstens nach ihrer Meinung. Was sie aber auch vorbringen mögen, vergessen Sic nicht, daß foir unsere Weisheit für uns behalten." lDie beiden Polizisten waren allein. Herr Godin hatte offenbar vorgezogen, selbständig vorzugehen. Darüber verwunderte ich mich gar nicht; denn daß er beim Zusammenarbeiten mit den beiden nichts zu gewinnen hatte, lag auf der Hand. „Wir habens raus," war das erste, was OSborn sagte, sobald er seinen Gruß entboten hatte. „Wirklich?" erwiderte Mait-' land mit recht zweideutigem. Tone: „Sic haltens für Selbstmord, vermute ich?" „Das ist allerdings unsere Ansicht," erwiderte der andere. „Wir hatten schon gestern abend kaum noch Zweifel, aber einiges, wie der Beweggrund zum Beispiel, war uns nicht ganz klar; jetzt ist uns aber alles so hell wie das Sonnenlicht." „Und was sagt Herr Godin?" Herr Osborn brach in lautes Gelächter aus. „Na, das ist nicht schlecht. Was sagt Herr Godin? Allen, hören Sie nur, er will wissen, was „Monsieur" sagt," und das Paar fing an, unbändig zu lachen. „Sie kennen osfenbav Herrn Godin nicht," fuhr er, zu Maitlaiid gewendet, fort. „Der hälts fester wie 'ne Champagncrflaschc, und der Pfropfenzieher, der aus Godin ein Wort 'rauskriegt, imiß erst noch erfunden werden. Sie haben gesehen, wie er gestern abend hier Notizen gemacht hat. Nun, ich sag Ihnen, wär das wirklich ein Mord, was es nicht ist, so würden Sie von Herrn Godin nichts mehr zu sehen und zu hören kriegen, bis er eines schönen Tages vielleicht auf der anderen Halbkugel auftauchte mit dem Schuldigew in Handfesseln hinter sich. Das ist 'n Adovdskerl, der Godin. Was er denkt? Ja, der weiß, was er denkt, aber außer ihnl kein zweiter auf dem ganzen Erdenrund. Ich sage bloß, Allen, pumpen Sie mal den Godin aus zur Aufklärung dieses Herrn!" Und wieder brach das Paar in ein langes und herzhaftes Lachen aus. — „Gut," sagte Maitland, „da tvir also Herrn Godins Meinung nicht erfahren können, so werden wir uns damit bescheiden; müssen, die von mitteilsameren Leuten zu hören. Schießen 'Sie also los mit Ihrer Selbstmordtheorie!" „Ich denke," sagte Osborm, indem er seine Stimme etwas mäßigte, „es wäre besser, Sie ersuchten Fräulein Darrow, sich auf einige Augenblicke zurückzuzieheu, da manche Einzelheiten für sie peinlich sein dürften." Diese Worte waren nur für Maitland bestimmt, aber der Polizist, der gewohnt war, im Freien zu sprechen, redete immer noch so laut, daß wir ihn alle verstanden. „Ich bin Ihnen für Ihre Rücksicht verbunden," sagt« Florence, „möchte aber lieber dableiben. Es gibt nichts, >vas mit dieser Angelegenheit zusammenhängt, das ich nicht hören könnte öder nicht wissen sollte. Bitte, reden Sie!" Nur zu. bereit, seinen Triumph zu verkünden, ließ Osborn sich nicht länger nötigen. „Wir waren sicher," fing er an, „daß Selbstmord vorlag, waren aber in Verlegenheit wegen emer Erklärung, warum Herr Darrow den Anschein eines Mordes erwecken wollte. Natürlich dachten wir daran, daß er seiner Tochter die Schande zu ersparen wünschte, die eine solche Tat über sie bringen mußte, aber da dem wieder das schreckliche Aufsehen gegcn- überstand, das von einem Mord unzertrennlich ist, so schien dieser Beweggrund nicht hinreichend zu sein; iuir sahen uns also nach einem triftigeren um — und haben ihn gefunden." „Ah, das wird interessant," bemerkte Maitland. Osborn warf einen verstohlenen Blick auf Florence und fuhr I dann fort: „Wir brachten in Erfahrung, daß gewisse Kapital- I anlagen Herrn Darrows unglücklich gewesen ivaren; ferner hatte 414 tt sich in elektrischen und Zuckerwerten stark engagiert, und als der letzte Krach kam, mußte er schwer bluten. Und das war noch nicht alles; er hat auch noch auf andere Weise ein gut Stück Geld verloren — das Genauere darüber konnte ich von meinem Gewährsmann nicht erfahren — und alle diese Verluste zusammen ließen einen baldigen Bankerott unausbleiblich erscheinen. Unter solchen Umstanden hat schon nmnch anderer Selbstnwrd begangen, um dem finanziellen Ruin zu entgehen. Aber hier war eine Tochter vorhanden, die, wie gesagt, vor der Miß- achtung, welche ihr der Selbstmord des Vaters zugezogen hätte, bewahrt bleiben und vor allem nicht mittellos zurnckgelassen werden sollte. Die Gläubiger rissen selbstverständlich seine liegenden Güter an sich, und sie konnte betteln gehen. Nur ein Ausweg schien übrig zu bleiben, nämlich eine Lebensversicherung zugunsten der Tochter. Wir fragen bei den Versicherungsgesellschaften an und erkundeten, das; Herr Darrow vor kaum vier Wochen bei verschiedenen Gesellschaften Versicherungen int Gesamtbeträge von beinahe fiinfzigtausend Dollars abgeschlossen hat, während er bis dahin nur mit zweitausend Dollars versichert gewesen war. Warum diese plötzliche ungeheuere (Steigerung? Offenbar doch, um die Tochter sicherzustellen, wenn seine Tat sie seiner eigenen Fürsorge beraubt haben würde. Und nun sehen wir auch klar, warum sein Selbstmord als Mord erscheinen sollte. Er war noch keinen Monat versichert und sah seinen unmittelbaren finanziellen Zusammenbruch vor Augen. Sein Tod mußte also sofort eintreten, und doch war nach unseren Gesetzen, wenn er vor Zahlung seiner zweiten Jahres Prämie Hand an sich legte, die Versicherungsgesellschaft von jeder Verpflichtung zur Zahlung der Versicherungssumme entbunden, so das; der, zu dessen Gunsten die Versicherung abgeschlossen war, gänzlich leer ausging. Damit haben wir nun einen völlig hinreichenden Beweggrund, und der ganze Fall liegt so klar, wie man nur wünschen kann. Natürlich wäre die Lösung noch vollständiger, könnten wir die zum Selbstmord benutzte Waffe finden, aber auch so kann im Lichte der von uns ermittelten Tatsachen kein Zweifel bestehen, daß John Darrow sich selbst das Leben genommen hat mit der Absicht und zu dem Zwecke, die ich eben entwickelt habe." „Bei meiner Seele," rief Maitland, „das haben Sie schön ausgeklügelt, meine Herren! Haben Sie auch die Abschriften der verschiedenen Versicherungsscheine genau durchgelefen?" „Wozu?" versetzte Osborn. „Wir erfuhren von den Beamten der Gesellschaften, was wir brauchten, und haben unsere Zeit nicht mit überflüssigen Dingen vergeuden wollen." Ein langgezvgencs „hm m" war alles, was Maitland hierauf zu erwidern Hatte. „Wir bedauern," sagte Osborn, sich an Florence wendend, „daß lvir, indem wir unserer Pflicht gemäß der Sache auf den Grund gingen. Sie um das Bersicherungsgcld bringe;: mußten, das Ihr Vater Ihnen wollte zukommen lassen." Florence verbeugte sich, und ein schwaches rätselhaftes Lächeln spielte einen Augenblick auf ihren Lippen; sie antwortete aber nichts weiter, und da auch weder Maitland, noch ich zu fernerer Unterhaltung anregten, so boten die beiden Polizisten guten Morgen und entfernten sich schweigend. „Ich möchte ein paar Fragen an Sie richten," sagte Maitland zu Florence, sobald sich die Tür hinter Osborn und seinem Begleiter geschlossen hatte, „und ich bitte Sie, im Auge zu behalten, daß meine Nachforschungen, wenn sie auch sehr persönlicher Natur zu sein scheinen, doch nur das eine Ziel verfolgen — dw Lösung dieses geheimnisvollen Rätsels." „Sie haben mir schon gute Beweise von Ihrem zielgerechten Vorgehen" in dieser Richtung gegeben," versetzte sie. „Nur zu gern werde ich Ihnen ,ede Auskunft erteilen, die ich zu geben vermag. Bis dieser Meuchelmörder aufgesunden und meines Vaters guter Name von Dem. darauf geworfenen Schatten befreit ist, wird mein Dasein völlig inhaltsleer, nein, schlimmer als das, es wird eine unaufhörliche Qual sein; denn ich weiß, der Geist meines Vaters kann — falls die Abgeschiedenen die Macht besitzen, auf diese Erde zurückzukehren — unter dem Drucke dieser beschämenden Anklage unmöglich Ruhe findeu." Während sic diese Worte sprach, brach der gewaltige Kummer, den sie bisher so gut verhehlt hatte, auf «inen Augenblick hervor, und ihre ganze Gestalt bebte unter dem Eindruck des übermäßigen Schmerzes. Im nächsten Augenblick aber hatte sie ihre frühere Fassung wiedergewonnen und sagte "®ie sehen, ich habe alle Veranlassung, so viel Licht, als ich vermag, zur Aufhellung des Dunkels beizutragcn." „Dann, beantworten Sie, bitte, meine Fragen ganz objektiv und ohne sich iMend welche Gedanken darüber zu machen, warum t chhe stelle. Wie alt war Ihr Vater?"■ „Zweiundsechzig Jahve." „War er ein Trinker?" „Rein." „Hat er Karten gespielt?" „Ja." „Poker?" „Ja, und noch verschiedene andere Spiele." „War er ebenso interessiert dafür wie für Krocket?" „Nein, Kwcket ging ihm über alles außer Schach"- „Spielen Sie Schach?" „Ja, ich habe viel mit ihm gespielt." „Wie war sein Spiel?" „Ich verstehe Sie nicht. Er spielte gut; mein Vater liebte es ni-