Zamttag dm 6- 1908 — M. 88 WH kh^- • N Pfingstgrutz! Nun laßt der Sorgen letzten Rest Hinaus in alle Winde fliegen: Das lieblichste, das froh'ste Fest Kommt lächelnd heut' heraufgestiegen! Wie Mägdelein in lichtem Kleid ilnd grünem Kranz, steh'n doll Verlangen An allen Pforten, weit und breit, Die Maien schon, es zu empfangen! . . . Der Teppich, den die Sonne wob. Lockt farbig leuchtend uns zur Halde. . . Die Lerche jauchzt des Schöpfers Lob! . . . Von Lenzfanfaren schallt's im Walde! Des Vvlkleins letzter, der Pirol Selbst kam nun heim vom fernen Borde And schmettert mifs Geratemohl Sein Schelmenlied in die Akkorde! ... Wie Märchenflüstern raunt und rauscht Es durch die Wipfel, stolz und edel, . . . Das Reh am klaren Waldbach lauscht, In Träumen stehn die Farnenwedel. . . Und sehnsuchtssüßer' Lenzeshauch Weckt immer neue Lebensfülle: Da sprengt zuletzt die Rose auch Boll Lust des Kelches strenge Hülle! Symbol der Liebe, sei gegrüßt, Du bist das rechte Himmelszeichen! Wo bii in keuscher Glut erglühst, Muß Groll und Hader bald entweichen! Du kündest stumm und doch beredt Der Liebe hehre Tröstersendung, Und wenn dein Duft die Welt durchweht, Ahnt sie die Tage der Vollendung! Die Tage, da der alte Zwist Nicht jäh mehr sträubt die Löwenmähne, Nicht mehr der Pharisäer List Ausstreut des Hasses Drachenzähne! . . . Und ob noch fern ihr goldner Schein, Noch ivird des Kampfes Wogen schäumen: Laßt Pfingsten uns der Hoffnung weih'n Und von der Zukunft Rosen träumen! . . . | Drei Pfingsten. Von Hermann S e y f f e r t. (Nachdruck verboten.) „Ani heil'aen PfingstfesUnorgen, Bei Festesglockenklang, Bei Sonnenschein und Blumen, Bei lust'ger Vöglein Sang — Da schwang mit Himmelszauber Die Lieb es fee den Stab Und schwor aus sel'gen Welten Das Glück auf uns herab. . . Der heilige Abend des Sommerfestes senkte sich mit ' feine» lichtdurchtränkteu Dämmerschatten ans die lustfrohe, jubilierende Welt. Die Sonne mit ihrer lebenweckende,r Strahlenglut hatte nun auch das letzte Blatt und Blüten- knospchen erschlossen, das grüne und buntglitzernde Feier-- kleid der Natur war fertig, und nun durfte die göttliche ; ^Nersterln zur Ruhe gehen, langsam, fast unmerklich schei- dend, mit goldigem Gruß die Erde überlächelnd.' l „Morgen in aller Frühe bin ich wieder da, mit leuchten- • dem Prangen und herrlicher Freude, dann ist Pfingsten, i U)r Menschenkinder, das liebliche, wunderselige Fest der ■ -Ausgießung des heiligen Geistes in eure Herzen,, das : Lwiumphfest der geschmückten Natur. -Und ihr alle werdet ' Aminen zu Paaren und in Scharen, geschmückt mit Rosen unb Maien, und tanzen, jauchzen und frohlocken: O schöne . Psingstenzeit!" „Und die Felder und Wälder verstanden diesen Sonnen- - uß, daß sie blühen sollten zum Fest so schön sie nur immer unten, und )o berauschend duften, wie die Milliarden ckutenbuschel es nur vermochten; und auch die lustigen rillen und die gefiederten Sänger wußten schon, daß ,ur morgen und auch für den nächsten Tag noch galt, -n- den feinen Flüglein und den süßen Kehlen eine Fest- ; nuijik zu machen. Und als nun die Dämmerung immer goldiger ward :d der saphirblaue Himmel allmählich ermattete mit seiner ollen Farbe, als die zwitschernden Schwalben in ellip- sichen Bogen ihren Flug erhoben, die Häuser umkreisten und so scyalkhaft pfeilschnell an den geöffneten Fenstern rorbeischwirrten. . . als die Stimmung des Pfingstfeier. oends herniederflutete aus überirdischen Auen/ ungesehen, oer empfunden von jeglichem Geschöpf... als dann die -locken anfingen zu läuten, so großartig in ihrer metallenen marmorne, so seltsam friedenweich tönend und hallend . . . a standen fie Beide hinter der weißen Mnllgardine, welche . bciS, Erkerfensterchen da im Eckhaus am Markt so lauschig i verhüllt... eng umschlungen, Brust an Brust und Mund ; auf Mund. i Sie hatten den ersten langen Liebeskuß getauscht, und als nun von allen Türmen gleiehsain auch ihnen zur Weihe des jungen, überselig geschlossenen Herzensbnndes 350 die feierlichen Glocken läuteten, schluchzte sie an seinem Halse und konnte sich nicht fassen — vor Glück. Immer nachgiebiger wurden die Glocken, nur zuweilen noch ein kräftiger oder ein leiser Puls, dann wiegten sie sich lautlos ein, um morgen von neuem in ihrer Klangfülle sich zu regen. Nun schaute sic auch wieder auf zu ihm, ttnb dem Jüngling, dessen Nacken sie umfing, war eS, als hielte er ein Märchen in seinem Arm. Wie war es möglich, daß er ein ganzes Jahr lang Tag fiir Tag die Schönheit dieses Mädchens bewundern konnte, ohne einmal seinem Verlangen, diese Schönheit sein eigen nennen zu dürfen, Ausdruck zu verleihen? Er hatte nie mit Mädchen keck gesprochen. Wenn man aber gemeint hatte, er sei ein Tropf, so waren doch alle im Irrtum. Genug, der „hübsche Tropf" blieb für sich und betete im Stillen die Tochter seines Hauswirtes an. War doch keine der andern von der Natur Bevorzugten so anspruchslos und selbstvergessen, so ungekünstelt zuvorkommend und liebreich als Mariandel tzeier, das einzige Töchterchen der Buchbindersleute aui Fischmarkt. Ach, diese Buchbindersleut' am Fischmarrt. Wenn sie bedauerten, daß nicht alle Zöglinge der städtischen Schulen, iinb es gab bereit drei, nur zu ihnen kämen, um ihren Riesenbedarf an allen möglichen Materialien zu kaufen, dann war das ein ehrliches Bedauern. Doch die Konkurrenten hatten keinen so zugkräftigen Magneten wie Mariandel, die immer flott neben Vater und Mutter Bleistifte und Stahlfedern, Schreibhefte und Gummistückchen hervorholte, um sie den kichernden und ulkenden Schülern mit einer Grazie zu verkaufen, die so unwiderstehlich wirkte, daß mancher reiche Bauernbursche vor lauter Verliebtheit sein ganzes Taschengeld nur in Federhaltern oder Löschpapieren bei Mariandel Heier anlegte. Sie selbst aber ließ sich immer guten Muts „poussieren", und die Eltern lächelten dazu, wenn ihr Schatz meinte: „Ach, die dummen Jungen, wie machen sie uns so reich durch mich!" Keiner voit all' den Buben, und darunter verstand sie auch die längsten „Herren" Primaner, konnte ihr Respekt einflößen, alle wurden von ihr ausgelacht und bekamen lange Nasen. Und auch als Mariandel konfirmiert ward und bald eine junge Dam: war, und die Architekten, die jungen Lehrer, Apotheker und Kaufleute um sie im Haus und auf der Promenade, im Theater und Konzert scharwenzelten, war sie liebenswürdig gegen jeden, aber ihr kleines Herz pochte nur noch immer für sich allein. Da meldete sich eines Tages Besuch an. Der Sohn eines Schulfreundes vom Vater. Auf dem pädagogischen Seminar sollte er noch einen tüchtigen Kursus nehmen. Und zu Pfingsten war's, als er kam. „Geh, Mariandl," sagte die Mutter, „und hol' ihn von der Bahn ab — Vater kann nicht, er muß noch die Gesangbücher vergolden für den Nachmittagsgottesdienst." Und Mariandel zog ihr cremefarbenes Zephhrkleid an mit der blauen Hüftschleife, setzte den Sonnenstrohhut auf die Locken und tänzelte ihres Weges. Da die Schüler in den Ferien waren, so blieb sie auf der Straße fast unbehelligt von Begrüßungen. Und was den Besuch anbelangte, so war ihr nicht anders zu Sinn, als eile sie nach dem Wochenmarkt, um Gemüse und Eier einzuholen. Der erste Blick aber aus seinem Auge brachte sie in Verwirrung. So etwas hatte sie noch nicht gesehen wie diesen Kopf, diesen überlegenen Ausdruck. Er grüßte stumm und sie hatte nur genickt. Und unterwegs? Ihre Stimtne vibrierte bei jeder dummen Antwort, die sie auf seine Fragen gab und sie hätte vor Scham vergehen mögen über ihr, linkisches Wesen. Der Kofferträger hinter ihnen drohte, einige Male mit beut Finger — kannte er doch Fräulein Heier schon seit ihrer ersten Kindheit. Und dann mußte sie gar erröten, doch sobald sie sich umweudete, ihre Erregung vor dem Begleiter zu verbergen, dann drohte Wieder der Dienstmann so eigentümlich lächelnd ... . Droben im blauen Azur trillerte die Lerche — so weit das Auge blickte über die Felder rings, durch die sie gehen mußten, klare, flirrende Sonnenluft, hin uttb wieder von einem leichten Südwest gefächelt. . . ein wonniger, balsamischer Pfingstmorgen! Mariandel war auf diesem Rückwege eine andere geworden. Sie wußte plötzlich, was Liebe • ist, sie wußte. daß diese Liebe sich dehne, wie draußen der weite Himmek und sie wußte auch, wem diese Liebe gelte. Und Gerold, der einen Kursus der Pädagogik vorhatte? Ans dem geschlossenett Pestalozzi hatte er ein Blättchen weiß Papier, und unter dem Schatten eines blühenden Lmdeubaumes in Mariandels Vaters Garten schrieb er Verse darauf: „Am heil'geu Pfingstfestmorgen Bei Festesglockettklang, Bei Sonnenschein und Blumen Und lust'ger Vöglein Sang, Da schwang mit Himmelszauber Die Liebesfee den Stab, Und schwor ans sel'gen Welten Das Glück auf uns herab — —" . „ Und als er eben das letzte Wort „gedichtet" und sie selbst vor ihm stand, ganz plötzlich, die ihm Herz und Kops vertauscht hatte, da sprang er empor und--steckte die Verse tu die Tasche — — * Gut volles Jahr dauerte die Seelengual der beiden. Gerold Franke blieb im Hanse. Er speiste mit der Familie und verbrachte auch seine Mußestunden in ihrer Gesellschaft. Im übrigen aber arbeitete er so fleißig, daß für die Liebe eigentlich nichts übrig blieb. Mariandel indessen ioar es, obwohl sie sich unglücklich fühlte, daß er ihr seine Liebe nicht gestand, als sei nun alle Tage Sonntag. Ihre Herzbeklemmungen hinderten nicht, daß sie mit dem Kanarienvogel um die Wette sang und nur eins verriet äußerlich die eigentliche Verfassung ihrer Seele: daß sie den Schülern im Laden die dicksten Faber stifte um fünf Pfennige halb verschenkte und noch so manchen anderen Mißgriff machte, der zwar die Eltern nicht reicher machte, wohl aber den Zuspruch. So verging der schöne Sommer, der Herbst zog ins Land, Weihnachten brannte der Tannenbaum, aber Gerold war nicht dabei, — — Ostern schneite es — — dann aber kam Pfingsten, das Fest der Maien, der Rosen und der ersten Liebe — — und Gerold und Mariandel küßten sich das Jawort von den Lippen.-- * Wieder ist es Pfingsten--auch die Natur hat ihre Launen wie die Menschen. Die weißen Gardinen sind ganz geschlossen. Das Fenster auch. In den Korbsessel auf der Estrade, dem heiligen, liebegeweihten Boden, wo sic vor sieben Jahren mit ihm eng umschlungen gestanden hatte, da drückt sich Mariandels Kopf und Oberleib und die verschränkten Arme hinein. Wie sie weint--herzzerbrechend — trostlos-- es rinnen die schweren Tränen uttb die Augen sind so rot, so feurig brennend--- um ihn! Draußen tost der Wind und wenn auch der Laudmaun seinem Schöpfer für den srnchtbaren Regen dankt. . . dem verlassenen Mädchen bedeutet auch dieses segenvolle Hiin- melswasser nur Tränen — — Verlassen! Mit seinem Ernst, seiner heitern, stolzen Würde sie, seine Brant, verlassen ... für immer . . .? So hat sie ihr Herz gefragt Pfingsten um Pfingsten. . . nun ist es das siebente Mal seit jenem Abend nnd er hat noch keine Antwort gegeben. . . „Ich komnte wieder zu dir, du mein Liebstes . . . harre nur und bleib mir treu . . ." das waren seine letzten Worte gewesen und. dann ist er hinausgedampft in die Welt, sein Gluck zu machen . . . nicht als Pädagoge, nicht um. nach Amt und Würden zu trachten, sondern als „Streber", aber als ein ehrlicher, wie er selbst gesagt hatte. Reichtümer wolle er erringen, um damit ein Stift zu gründen für arme Leute und um seinem Mariandel ein schönes Haus zu bauen. . . War das nicht alles ehrlich und gut. .. ? Und doch „Das Glück ist rasch vergänglich Und bricht wie Glas so bald. Und Treuwort liegt gebrochen Und Eidschwur ist verhallt —" Gerold selbst hatte das einmal auf einen Zettel geschrie-- 6eit, den sie dann zufällig gefunden, ebenso wie den andern, wo er von der Liebesfee sang, die das Glück auf sie Beide herabbeschworen habe. . . Wie beseligten sie diese Verse, welche Angst bereiteten ihr die vom „gebrochenen Treuwort"! Mariandels Vater war schon drei Jahre tot, um Ostern war er gestorben. Nun lag auch die Mutter schwerkrank 351 danieder. Und draußen kein prangender Sommer, Unwetter, Regen. Welch' ein unwirtliches Pfingsten! Dumpf und zerrissen klangen diesmal die Glocken, kein Sonnengold und nirgend Stimmung für den Feiertag. Mariandel horcht. . ., es ist die Mutter, sie ächzt im Traum. Großer Gott, wenn er auch sie von ihrer Seite rnft. . . Dann ist sie ganz allein. Zwar der kleine Buch- binderladen geht immer noch so flott wie früher, aber so allein. . . wie trostlos, wie schaurig öde; und leuchtete die Pfingstsonne noch so schön!--- Mutter schläft ruhig ■— die Glocken schwingen aus, Mariandel kniet vor dem Bilde des Geliebten, flicht einen Kranz aus Birkeureis und weißen Trauerroseu um den Kops mit ben sinnenden, träumerischen Augen, dein ernsten Mund, der so fest ihre Lippen küssen konnte . . . und betet in Andacht und Liebe . . . Da teilt sich her Wolkenslot und ein Heller, glitzernder Sonnenstrahl spielt in dem dunkelbraunen Scheitelhaar der Jungfrau. Ein zweiter Strahl gesellt sich hinzu und sonnt den üppigen, runden Nacken Mariandels. Die Sehnsucht überwältigt sie, sie breitet die Arme aus, es ist ihr, als müsse sie im Wahn ihn ans liebewarme Herz drücken ■— denn „ist es doch Pfingsten, mein seliges, trauriges Pfingsten . . . '" ■* „Mariandel —!!" „Gerold — mein Gerold!!" Sie hatte ihn gar nicht gehört. So leise, daß nicht einmal die alten Fugen knackten, war er heraufgeschlichen, hatte die Tür anfgeklingt, sie geräuschlos in ihren Angeln gedreht und dann ihren Namen gerufen. Seine Stimme lvar's lvieder — alles Andere war anders — o welch ein brauner, bärtiger Geselle! „Mariandel, hast du mich noch lieb?" Sie küßte ihm die Anttvort auf die furchenreiche Stirn. „Komm, Gerold, ganz sacht, die Mutter wacht sonst auf, da fetz dich — in! den Sessel auf die Estrade . . ." Und er ließ sich führen von der kleinen, weichen Hand, und ehe er sich's versah, schwang sie sich auf seinen Schoß, barg ihr Gesicht an seiner Brust und weinte — „Marianhel sagte Gerold, ernst und niedergeschlagen, „ich hab alles verloren, all mein Geld und meine Hoffnungen sind dahin. Ich habe Reichtümer sammeln wollen und ich mußte sie verlieren — deshalb blieb ich fern. Diesmal zum Fest hielts mich aber nicht mehr in der Fremde, ich mußte dich lviedersehen, dich, mein Mädchen. Deine Mutter. . . horch, sie ruft nach dir, komm, wir wollen zu ihr in die Kammer gehen . . . darf sie uns segnen, Mariandel?" „Gerold — ?" 7,Ja, ich weiß ja nicht, ivir lieben uns, wie nur zwei Menschen sich lieben können, aber —" . „Aber — ?" „Bin ich dir denn auch recht mit nichts Anderem, als meinen zwei Händen. . ." „Kannst du Stahlfedern und Hefte verkaufen, Gerold? Und Bleistifte, Tinte und Papier? Ja, nun dann tu' es und bleib nur bei mit ... zu essen werden wir dann schon haben . . . und Mutter ioird gewiß vor lauter Glück wieder gesund und frisch . . ." Und sie wurde es wirklich! Schon am ilächsten Tage feierten die drei Lentchen ein Pfingstfest, wie es keiner von-ihnen sich geträumt hatte. Das war ihr drittes seliges Pfingsten. Das erste hatten sie sich's nicht zu sagen getraut, das zweite brachte ihnen die Offenbarung der Herzen und nach sieben Jahren steckten sie die goldenen Ringe an, um sie schon nach drei Wochen zu tauschen vor Priester und Altar. Und als zum vierten Male die Pfingstglockeu läuteten, da lugte hinter der weißen Mullgardine am Erkerfenster des Fischmarkthauscs zwischen Gerolds und Mariandels Köpfen noch ein ganz klein niedliches Puppengesichtchen hervor und lachte jedesmal, wenn ein Sonnenstrahl vor seinen Aeuglein aufhellte. Und die Großmutter lächelte dazu und freute sich und tat ihr Bestes noch lange. Pfingsten und Wanderlust. Pfingsten ist das eigentliche Wauderfest. „Wie die Wolken dort wandern Am himmlischen Zelt — So steht auch mein Sinn In die lveite, weite Welt!" Bei den Notdlaudstecken wurden um die Zeit der Pfiugsteu die „Things" abgehalten, sowie die Gauversamm- lungen bei den alten Germaueu. Hoffeste und Turniere des Mittelalters, zu betten die Teilnehmer und Zuschauer oft aus Weiter Ferne herbeiströmten, wurden mit Vorliebe auf die Pfiugstfeiertage, die dainals aus drei hohen Festtagen be- stattdeu, verlegt. Der berühntte Sängerkrieg auf der Wartburg, deu Wagners Tannhäuser behandelt, fand zu Pfiugsten statt. Goethe läßt in seinem „Reinecke Fuchs" den Tierkönig „Nobel, den Löwen" auch ztt Pfingsteit seine Vasallen an den Hof rufen. Für alle fahrenden Leute !var Pfingsten von jeher das Fest der Feste, vom Rittersniann, der König Arthurs Tafelruude aufsuchte, dein Minnesänaer, dem fahrenden Schüler und Bettelstudeuten bis zum Handwerks- burscheu und umherziehenden Gaukler herab. Noch jetzt setzen sich die grünen Wagen, welche ambulante Karussells, Menagerien, Wachsfiguren - Kabinette, Zirkusse, Puppentheater, Panoramen, Riesendamen, wisde Männer u. dgl. m. in ihrem Innern beherbergen, zur Pfingstzeit in lebhafteste Bewegung. Welcher Jubel, wenn sie im Städtchen ihren Einzug halten und auf der daneben liegenden häufig so be- naunten „Pfingstwiese" ihre Zelte aufschlagen. Während der Festtage des „Pfingstschießens" hoffen ihre Führer auf reiche Ernte. Sie sind noch ein letzter Ueberrest des fahreu- den Volkes, das in vergangenen Jahrhunderten um diese Zeit die Landstraßen füllte. Der Zeiten Brauch hat sich geändert; doch der Wandertrieb in der Menschenbrust ist derselbe geblieben. „O wandern, o wandern ! Du freie Burschenlust! Da ivehet Gottes Odem So frisch in die Brust!" Dieses Wort gilt auch noch heute. Wollte aber jemand, dem Rate des Sängers folgend, es halten, wie dieser es in den folgenden Zeilen vörschlägt: „Und find' ich keine Herberg', So lieg' ich zur Nacht Wohl unter freiem Himmel, Die Sterne halten Wacht. Im Winde, die Linde, Sie rauscht mich ein gemach. Es küsset am Morgen Das Frührot mich tvach —" so würde er manche Unzuträglichkeiteu davon haben. Unsere Pfiugstreiseuden werden sicherlich die Spruugfedervetten eines guten Hotels der Linde und den Sternen des Dichters vorziehen. Trotzdem beherrscht auch noch in unseren Sagen' die Stimmung des Wandersanges Emanuel Geibels die Herzen der Jugend. . Der Dichter selbst gesteht es wehmutsvoll, daß er das Lied in seinen Jugendtagen dichtete, „berauscht vont Maienscheine", als er noch ein fröhlicher Student war zu Bonn am Rheine. Wanderlust und Jugendlust sind Zwillingsgeschwister. Die Welt im Maienglanz berauscht das junge Herz, weil sie ein Abbild der eigenen Jugendblüte darstellt. Es liegt ein Schimmer der Verklärung über der Natur, der selbst die dürftigste Landschaft verschönt. So vermag der Jugendschmelz dem unscheinbarsten Menschengebilde Reiz zu verleihen. Schon längst sind die Blätter an Bäumen und Sträuchern entfaltet, mächtig schießt die Saat in die Halme. Welcher Farbenton, welches leuchtend zarte Grün liegt über Wäldern und Saaten! Nur zur Zeit des reifen Lenzes finden wir in der Natur dieses eniznckeNbe Hellgrün. So ist die Gestalt des Menschen in seiner Jugendblüte. Die Formen sind entwickelt, doch teilt und schlank, die Farben srisch und rosig. Hoch geschwellt brausen die Wasser durchs Land, ihre Rinnsale bis zum Rande füllend. Stoch hat die dörrende Glut des Hochsommers ihren ungestümen Lauf nicht umgewandelt in einen träge schleichenden. So sind die Adern der Jugend geschwellt von frischem, freudig und übermütig brausendem Lebensblut. Ter blaue Himmel spiegelt sich in den klaren Gewässern — 352 der Erde. So trägt das junge Menschenherz eitlen Himmel schöner Hoffnung, goldener Zuversicht und reicher Liebe, der sich im leuchtenden Blicke des Auges verrät. „O Jugendzeit, o du rosige Zeit, Das Leben im Tal und auf Höh'n! Wo die Welt so offen, das Herz so weit — O Jugend/ wie bist du so schön!" Sang und Klang erfüllen die Lüfte. Vom Summen der Bienen und Küfer bis zum Schlage der Amseln und Drosseln, dem Lerchentriller, dem Finkenrufe, dem neckischen Kuckucksschrei, dem Pirolrufe und dem Flöten der Nachtigall. So tönen die mannigfaltigen Stimmen in der jungen Menschenbrust. Bald keck und wohlgemut, neckend, herausfordernd, aufjubelnd und jauchzend und hinschmelzend in seligem Liebessehnen. „Da singet und jauchzet Das Herz zum Himmelszelt: Wie bist du doch so schön, O du iveite, weite Welt!" Das Blütenmeer der Natur zur Pfiugstenzeit ist ebenfalls ein Abbild der an Hoffnungsblüten überreichen, jungen Menschenbrust. Wohin das Auge schaut in Wald und Feld, Wiese, Garten und Park, überall die jungen, lachenden Kinder Floras. Maiglöckchen duften wohl noch int Waldesgrunde; der Wiesenteppich ist von der Hand der Natur aufs bunteste bestickt worden. Da heben aus dem saftigen Grün goldgelbe Dotterblumen und Löwenzahnblüten, lichtblaue Vergißmeinnicht, zartrosa Fleischnelken ihre Köpfchen empor. Der Flieder duftet noch in schweren blauen und weißen Dolden, der Goldregen schüttelt seine vollen Blütentrauben von den Zweigen, wie manches junge Menschenhaupt die üppigen Goldlocken schüttelt. Daneben hebt die weißrötliche, frühe Rose, „Mädchenerröten" genannt, schüchtern ihr anmutiges Köpfchen. In den Gartenbeeten prahlt duftlos die mächtige, prächtige Pöonie, einem jungen, auf äußere, materielle Vorzüge protzenden Menschenkinde zu vergleichen. Rot- und Weißdorn tragen ihr Festgewand, der Faulbaum erfüllt die Luft mit dem süßen Duft seiner weißen Trauben. Die Roßkastanie aber streckt zwischen ihrem reichen jungen Laube die Blütenrispen hervor, so daß sie einem reich geschmückten Lichterbaum gleicht. Auch die Dornensträucher der Landstraße sind lieblich mit Heckenrosen geziert. Der Dichter singt: „Was zagst du, Herz, in diesen Tagen, Wo selbst die Dornen Rosen tragen?" Aber das junge Menschenherz zagt nicht in diesen Tagen. Die Rosen der Jugend blühen auch auf den Wangen und in den Herzen derer, die das Leben hinaus auf die Landstraße des rauhen Daseinskampfes wirft, und lassen die verborgenen Dornen übersehen, wenn die wilden Rosen so lieblich an den Seiten des staubigen Weges locken. Die Jugend kennt nur äußere, zufällige Armut, im Innern fühlt sie sich reich. Sie ist auch reich in jedem Gewände/das sie trägt. Gehört ihr doch die Zukunft! Die Zeit der berauschenden Blütenfülle gleicht der Zeit der Kraftfülle und dem Ueberschwang an Gefühlen im jugendlichen Menschenherzen. Der erfahrene Gärtner iveiß, daß die Bäume zugrunde gehen müßten, wenn alle Frühjahrsblüten zn Früchten würden. So verlöschen auch in der jungen Menschenbrust unzählige Hoffnungssterne, ohne sich zu erfüllen. Es kann nicht anders sein; der Mensch kann nur ein bestimmtes Maß ertragen. Aber so iuettig wir der Natur zürnen, daß sie uns reiche Blütenfülle beschert, so wenig wird der Weise die Fülle der Triebe, die seine jugendliche Seele reich macht, beklagen, wenn sich auch nur ein kleiner Teil von ihnen zur Frucht entwickeln konnte. Das Volkslied sagt: „Jed's Jahr kommt der Frühling, Ist der Winter vorbei; Der Mensch aber hat nur Einen einzigen Mai." Das Menschenherz kann nur eine Jugend tragen. Doch die Wiederkehr des holden Pfingstfestes bringt auch den Reiferen und Aelteren ein Stückchen Jugend mit, läßt sie wenigstens tageweise in ihrem Zauberreiche verweilen. Die Erinnerung wird neu belebt, die Mitfreude int Hinblick auf Kinder und Enkel gleicht fast der eigenen, einst gefühlten Begeisterung. Die höchste Gabe des Pfingstfestes ist an kein Lebensalter des Menschen gebunden. Sie hat ihren Ur- { sprung nicht in der vergänglichen Natur, der bei aller Pracht und Herrlichkeit doch nur Symbol des Ewigen ist Die Ausgießung des heiligen Geistes erstreckt sich über alle Menschen, die ihm die Herzen öffnen. Er ist der Tröster, der sie in alle Wahrheit leiten ivird. Zwei pfingst-prekrütsel. . Auch zum Pfingstfeste bieten wir Räiiclsreundeit Unterhaltungen Mir legen ihnen diesmal zivei Aufgaben vor, die beide zn losen sind, wenn em Preis beansprucht wirb. Als spätesten Termin für Einsendung der £ojimgen bestimmen wir mit Rücksicht ernt die Doppelarbeit den 4. Juli. Unter den Bücherpreisen befindet sich dicsnm, kein Kinderbuch, dagegen ein großes und schönes Werk enw Fülle von Tondichtiiiigen für Klavier und Gesang enthalt. Wer Interessent dasür ist, möge daS bei der au die Re- damon der Gießener Familic-nblätterzu adressierenden Lösung bemerken, ' J 1 Preisrätsel. Aus jedem der nachstehenden neun Zitate ist ein Wort zu entnehmen. Tie neun Worte (in derselben Reihenfolge) ergeben int Zusammenhänge eine zweizeilige gereimte Bauernregel Siir Pfingsten: 1. Der Mann, der daS Wenn nnb daS Aber erdacht, Hat sicher aus Häckerling Gold schoii gemacht. sG. A. Bürger, Der Kaiser und der Abt.s 2. Das Recht ist ein gemeines Gut, Es liegt in jedem Erdensohne, Es quillt in uns wie Herzensblut. „ m m [ß. Uhland, Nachrnf.j 3. Mem Vater, mein Vater, ,et;t saßt er mich an l Erlkönig hat mir ein Leids getan 1 , 13. W. v. Goethe, Erlkönig.! 4. Laß nur zu deines Herzens Toren Der Pfingsten vollen Segen ein Getrost, und bu wirst neugeboren Aus Geist und Feuerflammen sein! IE. (Seibel, Frohe Botschaft.! 5. Ihr seht, der Regen regnet ewig fort. IA. v. Chamisso, Der Szekler Landtag.! 6. Tas Neiie wirb, das Alte muß veralten. sA. v. Chamisso, Mahnung.I 7. Wird euch auch das Auge trüber, Keine Träne bringt euch Spott. ITH. Körner, Bnndeslied vor der Schlacht.! 8. Die Bliime verblüht. Die Frucht muß treiben. IFr. v. Schiller, Tas Lied von der Glocke.j 9. Sei, Licht, mir gesegnet! IFr. v. Schiller, Ter Flüchtling.! 2. Preis-Rösselsprung. der gibt Zun- rci- her die von bau- fahr- so In- hier alten len druck isl's genb gen M'g als zend wenn Ge- und spricht Er- in Wit; Fen- sich schön Aus- einer munt- er männ= ob den Miillt- UN- nicht'. götzt genb res rer die das wie In- Lauf- gen In- Alter Cchran- qe- wär er Lachen der bahn zwuu- genb und feit Auflösung des Versteck-Rätsels in voriger Nummer: l. Kleist; 2. Schlegel; 3. Herder; 4. Wieland; 5. Henau? 6. Schiller; 7. Grün; 8. Kinkel; 9. Ptaten; 10. Ebers; 11. Gerok; 12. Herne; 13. Rückert; 14, Uhland; 15. Klopstock; 16. Kerner: 17. Lessing. ^daktion: P.Wittko. - Rotationsdruck und Verlag der B rÜ h l'jchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.