M8 D IT a K । s IUI WWüOiÄ Si 5 filsr'MSS«6#®?* V-SrfW «K MWW 'Ä ■lii‘r?-">:,,'?‘ ’ F MS MDAsi MMW WMW» Keünuih von LoAen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Sie stand etwas ernüchtert auf und raffte den schleppenden Saum ihres weißen Neides. Es berührte sie fast schmerzlich, daß ihre Herzensergießungen diesen plötzlichen Abschluß fanden. Sie hatte auf Wind und Wetter schon lange nicht mehr geachtet. Ter Weg durchs Dickicht war schmal und naß und im Vorbeigehen spritzten ihnen die Aeste Tropfen ins Gesicht. Edel- traut ging voraus. Loysen hatte seinen Rock wieder ungezogen und folgte ihr. Einmal strich er ihr mit der Hand prüfend an der Schulter herab. „Ihr Neid ist wirklich nicht mehr feucht," sagte er, „aber die Füße werden Sie sich naß machen." „Wenn's weiter nichts ist! Ich bin im Leben viel barfuß gelaufen itnb oft im Regen naß geworden." Sie kamen auf den breiten Weg. Er war mit abgebrochenen dürren Zweigen und abgerissenen Blättern bedeckt. An der Seite schoß noch das Regenwasser hin. Plötzlich blieben beide stehen. Rings um sie her ging eine Welt funkelnden Glanzes auf. Tie Sonne sandte einen Licht- stveisen durch das Gewölk — gleich geschmolzenem Gold und Silber leuchteten die Wdlkeusttume und der Wald erstrahlte im Tiamanienschmuck der zahllosen Regentropfen. Zu gleicher Zeit begann sich int Osten eine farbige Himmelsbrücke aufzubauen, ein mächtiger Regenbogen, dessen Farbenpracht mit jeder Sekunde zunahm — ein Gürtel aus funkelnden Edelsteinen. Im Herzen des Mädchens brachte die Verwandlung der regengrauen, trüben Natur in ein Zaubermarchen ganz unvermittelt den Umschwung — die Kiwspen. sprangen und der Frühling zog ein mit jubelndem Brausen, sie sah sich wie verzückt rings um und dann in die Augen ihres Begleiters; der Funke zündete und ohne ein Wort zu sagen, mit einem leisen Jauchzen warf sie sich in seine Arme. Sie fühlte sich fest umschlossen. „Meine Edel!" sagte er und daun küßte er sie auf die Lippe» und als sie sich mit einem Ruck zu befreien strebte, statt sie loszugeben, auch noch auf das Haar, auf die Augen, auf den Hals. Sie wehrte ihm nicht mehr —- sie war viel zu erschrocken über dies Nene, Fremde, das an sie herantrat, über diese maßlose Glückseligkeit im eigenen Herzen und bte zitternde Verwirrung angesichts eines Menschen, der doch ihr altbekannter Freund war. Gesprochen wurde so gut wie gar nicht. Sie gingen weiter, fein Arm lag um ihre Gestalt, über besonders nasse Stellen hob er sie herüber. Von Zeit zu Zeit blieben sie stehen und küßten sich —■ und seine Küsse ließen sie erschauern. Sie hatte geglaubt, etwas Lieberes gebe es nicht, als Wilhelms warmer, herzlicher Morgenkuß — und, jetzt dachte sie gar nicht mal an Wilhelm und sie wußte, daß sie das, was sie hier empfand, noch nie gekannt und erlebt hatte, und dachte immer wieder mit Verwundern: Was macht er nur aus mir? Ich kenne mich ja selbst nicht mehr. Sie kamen an der Bank vorbei, auf der sie dantals ge-i sessen hatten, als er ihr sein Vorleben beichtete. Ihre Micke gingen achtlos darüber hin, sie hatten das beide total tret*; gessen. Sie standen, neue Menschen in einem neuen Leben. Einmal blieb sie wieder stehen in ihrer großen Verivirrung und sah ihn an, und was da in seinem Gesicht antwortete, war ihr auch so wunderbar und beseligend, daß sie zaghaft fragte: „Bist denn du auch so glücklich?" „Ja, durch dich." „Durch mich! — Und ich durch dich . . . Wir! — Was ist das für ein Wort! Das habe ich ja noch nie gekannt. Nicht du und ich oder er und ich, sondern wir!" Weiter kam sie nicht. Seiner Sorge um eine etwaige Erkältung für sie war es zu danken, daß sie doch schließlich aus dem Park herauskamen. — Ach, wie sah der Platz aus, wo vordem die Gesellschaft gesessen! Der Sturm hatte starke Aeste von den alten Eichen und Linden geworfen, Stühle und Bänke, vergessenes und zerbrochenes Eßgeschirr, Neiderfetzen und Papier lagen hier durcheinander. Die Gesellschaft hatte sich vom Unwetter völlig überraschen lassen. Aber da oben schimmerte schon Licht hinter den Saale, fenstern, und abgerissene Musikklänge zeigten an, daß man sich schnell getröstet hal>e und zum Tänzchen übergegaugen sei. An den überlaufenden Bassins der Springbrunnen vorbei,- über die durchweichten Gartenwege führte er sie nach dem stattlichen Portal. Tie Haustür stand weit offen, in der Tür lehnte eine Gestalt, ausspähend, die Hand über die Augen. Es war Anne Marie. Sie zitterte vor Unruhe. „Endlich!" rief sie. „Endlich! — Schnell, kommt schnell! In mein Zimmer — aber schnell!" Fast lausend ging sie voran, die Treppe hinauf, den laugen Gang hinab und beide folgten und traten in das erleuchtete, behagliche Gemach. Jetzt erst wandte sich Anne Marie um, sie war ganz blaß vor sorgender Erregung. „Kind — Kind! Sie sind doch unbeschädigt? — Kem Baum fiel auf Sie — kein Blitz. . ." Ihre Hände glitten tastend über das durchfeuchtete, dünne Kleid. Sie griff ein weißes, weiches Tuch auf und legte es Edeltrant um die Schultern. „So! — Und nun die Füße! Setzen Sie sich, bitte, schnell, so — haben Sie doch Erbarmen mit mir, nie im Leben verwände ich's, brächte ich Sie Wilhelm krank zurück!" Sie drückte die Geblendete und völlig Willenlose in einen Sessel. Loysen stand verstummt. Er hatte diese Schwester noch nie haltlos, in nervöser, unruhiger Bangigkeit gesehen. _ Ohne sich um ihn zu kümmern, kniete sie vor Edeltraut hin und zog ihr mit der Behendigkeit der geübten Kranken^ Pflegerin die durchnäßten gelben Schuhe und die Strümpfe von den Mißen, diese in ein wollenes Tuch hüllend und 282 leicht mit sich um. Bankier- in der noch kehrte dicken gerade Loysen, der abgewandt im Fenster stand, „Ich werde jetzt Hinuntestgehen und dem baron unser Hochwerth abkaufen... ich bin Stimmung dazu." frottierend. Sie erntete weder Tank noch Widerspruch. Edeh- traut achtete kaum auf das, was ihr geschah, Loysen aber fühlte plötzlich lang, lang vergessenen, knabenhaften liebermut in sich aufsteigen. „Na, erlaube mal, Anne, es schickt sich ja einfach nicht, das; ich im Zimmer bleibe. Was fällt dir denn ein?" „Aber so geh doch," sagte sie hastig, „geh hinunter zur Gesellschaft. Und das; du es weißt: Edeltraut befindet sich schon seit einer Stunde hier, bei mir, weil ihr nicht wohl war. Tas wissen sic alle. Verstanden? Ucber deinen Verbleib Auskunft zu geben, überlasse ich dir." Während sie so sprach, hatte sie schon ihrer Pflegebefohlenen trockene Fußbekleidung angelegt und strich nur feinem Batistttuch über das weiße Kleid. elementarer Macht Bahn, so daß sie betäubt verstummte und nur ulstlnktw empfand, daß fortan kein Gluck für sie sei als in seiner Nahe. 1 1 ' uia 1,1 ^5 F'i Nothaide, ließ Anne Marie plötzlich halten. ■ FBe /"ch emyenVorschlag zu machen," sagte sie. „Stergt hier aus und geht den Feldweg nach dem Garten Ich fahre voraus, um Wilhelm •— vorzubereiten." $ wünschten sie sich Lieberes? Wagen, Pferde, Menschen entschwanden ihren Blickerr und sie gingen, sich wie Kinder an den Händen haltend, den schmalen Pfad zwischen jungem" 2^ent und Mais hin. Roter Mohn, weiße Kamillen und blaue Kornblumen samnten ihren Weg ein. (Schluß folgt.) _ Nachdruck verboten. Em Revolutionär. beS Shakespeare'schen Julius Cäsar: „Laßt nachts öui'' J“»' s.nnt hatten Köpfen und die h \’be« ®afftlr'.S dort hat einen hohlen Blick; er dentt zu viel,, die Leute sind gefährlich" kennzeichnet mit einem genialen Blick den Typus des Verschwörers und Jntri-- fn’FF's ■■ rF Fsw schlimmen Plänen innerlich verzehrt Ut der Augen die Unruhe seiner Seele verrät. Unter den Mannern, die die große Bewegung der französischen Revolution ins Werk setzten, ist Robespierrc der Cassius, der un- % Mensch mit der gefurchten tolirn, der Hagern Zähigkeit ffFJrSl bohlen Blick, der eigentliche Grübler und Theoretiker. F'b besitzt mchts von der genialen Größe Mirabea.ls, liichts von Feuer Dantons, nichts von der liebens- ^stijEe Desnwnlins, auch nichts von der be- (F,‘„n^en Salnt-Justs oder der geschäftlichen Tüchtigkeit ,T9erln eckigen Figur, die durch konvul- Nvisch^. Kopf-, und L>chulterzucknngen nervös hin- und hergeschüttelt wird, den niedrigen Gesichtszügen, der grünlich bleichen Haut- farbe erscheint er wie eine verkümmerte Provinzkreatur, dem die peinlich korrekte, aber unmoderne Kleidung, die sorgfältig gepuderten Haare, der blaue Bratenrock, der pedantisch steife Gang etwas Lächerliches geben wurden, lucmt man nicht Angst vor ihni hätte. Tenn die enge kräftige Stirn läßt einen eisernen, nie ermüdenden Willen ahnen, m der aufgeworfenen Nase liegt ein Zug des Stolzes und verolendeten Selbstgefühls und aus den beständig entzündeten geröteten Augen fährt ein heimtückisch haßerfülltes <5dten ist ein Mensch wohl so verschiedenartig beurteilt wor- den, wie der Advokat aus Arras, der allmählich zum Diktator Frankreichs emporsteigen sollte, als Robespierrc, dessen 150. Mburtsrag auf den heutigen 6. Mai fällt. Napoleon, den Frau von Stael den „Robespierre zu Pferde" genaiint haben soll, hat in seinem „Msmorial auf St. Helena von ihm geschrieben: „Er war unbestechlich und unfähig, den Tod eines Menschen zu befehlen oder zu verursachen aus persönlicher Feindschaft oder dem Wunsch, sich zu bereichern. Er war ein Fanatiker, ein Monstrum, aber er^ glaubte nur nach dem Gesetze zu handeln und er hinterließ bei seinem -lode auch nicht eineu Son." Seine eigenen Zeit- genossm hielten seine intellektuellen Fähigkeiten für sehr bescheiden; Roederer hat ihn direkt dumm genannt. „Der ist so unfähig, daß er nicht einmal ein Ei.kochen kann", meinte Danton 1792 von UM. Um Berwallungsangelegenheiten, um Einzelheiten bekümmerte er sich wenig. Sein Sinn lebte ganz in abstrakten Theorien und allgemeinen ^deen. Barere, der lange mit ihm zusammen gc- aroeitet Hatz kennzeichnet das richtig mit den Worten: „Er tat sich etwas darauf zu Gute, in der hohen Religion seiner Gedankenpflüge M bleiben, vielleicht.um dadurch sein Ungeschick für alle praktischen Hmge zu verbergen " Doch hat Mirabeau schon 1791 einen Schlussel zu der mtselhaften Wirkung und Macht des Mannes gegeben, als er von dem viel und schlecht redenden Mitglied der Nationalversammlung sagte: „Der wird's weit bringen, denn n Staubt alles das, was er sagt." Dieser fast bis zum Wahnsinn gesteigerte Glauben an sich selbst uiid die Wahrheit seiner Anschauungen, diese starre Festigkeit eines von bem eignen Dämon wge-rtffenen Willens verliehen ihm inmitten einer frivolen und skeptischen, von Egoismus und Leidenschaften erfüllten Masse den Heiligenschein des „Unbestechlichen", des „Tugendhaften", des „Gerechten", ließen ihn zu einer Popularität gelangen, „die keine ^uzen hatte", und erhoben ihn zu dem „eigensten Wesen der Republik , der Verkörperung des Bvlkswillcns, der Gerechtigkeit und Freiheit. Doch über die innersten Antriebe seiner Politik und seiner Taten wird nur ein spärliches Licht verbreitet, so daß ganze Strecken seiner Laufbahn unb seines Schicksals fast im Dunkeln liegen Wohl hat sich fern Leben in der sichtbarsten Oeffenllich- keit abgespielt, aber bie zeitgenössischen Berichte sind durch Liebe !!std Haß entstellt und gefälscht; ixe unter seinem Namen vev- offeutlichten Memoiren sind unecht; seine intime Korrespondenz ist gekommen. Ter Legenbenbildung war die weiteste Möglichkeit geboten, zu schalten und zu walten. So entstand R”'.Gestalt des puritanischen Asketen, der im Glanze seiner Macht die enge Sllibe eines Hinterhauses bewohnte und bei keinem Wirt, dem Tischlernreister Dustlay, speiste, der sich zur Anne Marie stutzte unb erhob sich von den Küicen. „Ist bas dein Ernst?" fragte sie. Jetzt aber war auch Edeltraut aufgesprungen, tat ein paar schnelle Schritte auf Loysen zu und war im nächsten Augenblick von seinem Arm umfnngen. „Ich denke, es ist mein Ernst. Sich uns an, merkst du uns nichts an?" Baronin Trc'ß erblaßte. Tiefe Herzenserschütterungen hatten bei ihr diese Folge und erschütternd war die Rückwirkung dieses verkörperten Glückes auf ihr eigenes Schicksal. Auch vor ihr öffneten sich eben langsam, feierlich die Pforten eines Glückes, das Pflicht geworden. „Seid ihr — verlobt?" fragte sie, zwischen jedem Wort nach Atem ringend. Edeltrant stand, ganz glühende, strahlende Seligkeit, stumm iah Loysen auf den blonden Köpf herab, in seinen Augen funkelte es wieder. „Verlobt? — Ja, das weiß ich nicht. Ich fürchte, nein, wir sind durchaus nicht, verlobt. Wenigstens habe ich ihr auch nicht die geringste Liebeserklärung, geschweige denn einen Heiratsantrag gemacht. Ich kann nicht dafür, sie wollte cs Nicht — und ich versprach es. . . ich habe mein Versprechen gehalten, wie, Edeltrant?" XXX. Am nächsten Morgen fuhren sic alle drei nach Rothaide. Am Abend vorher war unter Recknitzens brüderlichem Rat unb Beistand der Kauf von Hochwerth so ziemlich abgeschlossen worden und am Morgen hatte Loysen den Geschwistern seine Verlobung mit Edeltrant von der Haide mitgeteilt. . , ^arjc Annens Freiidentränen flössen und Recknitz hatte sogleich den besten Wagen und die neuen Füchse bestellt, um das Brautpaar würdig nach Rothaide zu bringen. Es schien selbst- verstandlich, daß Anne Marie, die das Mädchen hergebracht hatte, als Ehrendame mitfuhr. „ utlb feine Schwester sprachen während der Fahrt von yochwerth, von allem, was sie durch den Vater über den ein- strgen Familiensitz wußten, von der herrlichen Lage und der Ichonen Nachbarschaft mit Rothaide. Edeltrant saß ganz still da. Loysen sah, daß ihr das notwendig war, nm mit sich ganz ins Klare zu kommen, und ließ sie in Ruhe. Nur von Zeit zu Zeit sah er sie an und begegnete ihrem wie aus der Tiefe auf- tauchenden Blick. In der Tat — sie stand noch immer in staunendem Bangen vor der Wandlling ihres Lebens. Da war sie denn nun also und so war sie, die Liebe! Ihre Erinnerung ging unmer wieder scheii unb zaghaft zu dem Augenblick zurück, da er sie unter den demanischimmernden Bäumen und dem verklärten Himmelszelt geküßt — ihre Seele wachgeküßt hatte. Diese Küsse waren ja Ketten, die ihr ganzes ferneres Leben an diesen Mann banden, sie ihrer Freiheit, ihrer Heimat, ihrer Arbeit und ihrer Lebensweise beraubten — und der Ge- danke hatte keine Schrecken inehv für sie. Im Gegenteil. Schreckvoll wäre es, ginge er und ließe sie allein. Tas Wunderbarste war, daß ste plötzlich Wilhelm verstehen konnte. Das war beinahe das Schönste. Es war wie eine Erlösung aus schmach- Vv.ler. Knechtschaft bet Selbstsucht. Die beiden lieben sich. . . und M hat blind und verständnislos daneben gestanden, hat Qr ■’<„ ■ .^™.u 511 Füßen geworfen und sie angefleht; u\b.rc’eVQuoI! ~ Sage Ja! - So würde sie 6aBF' $tUte J'e ?d,ou damals auf eine Lebenserfahrung d,e ihr am eigenen Herzen gelehrt, was J Edeltrant hatte ihr fimfundzwmizigstes Jahr die Schwesterliebe zu kennen, und deshalb brach sich ;etzt das so lange verkannte Gefühl mit 283 Totenfeier Franklins einen schwarzen Anzug borgen mußte und mit Diogenes an Armut und Zufriedenheit wetteiferte. So schreitet er, ein ärmlich düsterer Unheilsmann, durch die meisten der Dramen, die ihn als demokratischen Demagogen und Kämpfer für die Freiheit schildern. Die Gottschall, tzamerling, Griepen- kerl und Genfichen haben ihn mit einer solchen phantastisch düstern Gloriole umgeben, am meisten Karl Bleibtreu in seinem Revolutionsdrama, während er nur in des genialen Hessen Georg Büchner „Dantons Tod" dem genial leichtlebigen Helden gegenüber als der kleinlich mittelmäßige, geschwätzige Philister erscheint. Louis Blanc feierte unter dem Einfluß des Jahres 1848 in Robespierre den Heros und Märtyrer der Revolution, den ahnenden Propheten des Sozialismus, und sein begeistertster Lobredner, 'Eryeste Hamel, schrieb eine der langatmigsten „Rettungen" von mehr als 2000 Seiten, die je geschrieben worden sind. Michelet nannte ihn eine „Shakespeares würdige tragische Figur". Shbel hat in ihm den starren. Doktrinär gesehen, den verbissenen Idealisten, der die Lesefrüchte einer eilfertig zusammengerafften Bildung durchaus in die Wirklichkeit umsetzen wollte; einer seiner neuesten Beurteiler erblickt in ihm die Personifizierung des französischen Mittelstandes, der in seiner Gestalt zur Herrschaft gelangte, eine beschränkte, aber ehrliche Natur mit kleinlichen Mitteln und engem Horizonte. All das war Robespierre nicht: nicht das teuflische Ungeheuer mit dem Basiliskenblick und nicht der im Herzen gutmütige, mißbrauchte und irre geleitete Menschenfreund; nicht der tiefsinnige Staatsmann und Weltbeglücker, aber auch nicht der einfältige Vielredner und unpolitische Wirrkopf. Aber doch von dem allen etwas, eine vielgestaltig zwiespältige Persönlichkeit, nach dem echt Grabbe'schen Wort „aus Löwenknochen und aus Eselsohren zusammengewürfelt". Er war „tugendhaft", weil in diesem berechneten, vertrockneten Gemüt für ein wärniercs Fühlen, für Leidenschaften kein Raum war; er war sicher und zielbewußt, weil seine Begriffe von Gesetzlichkeit, Humanität, Religion so unverrückbar und einseitig in ihm fest standen, daß ihn kein Zweifel beschleichen konnte. Tie Unfehlbarkeit seiner Meinung und die Bortrefflichkeit seines Wollens standen ihm so klar vor der Seele, daß jede abweichende Ansicht todeswürdiges Verbrechen, jeder Gegner ein Verräter, ein Lasterhafter war. Dazu kam ein ständig wachsendes Mißtrauen gegen jeden, das fast in Verfolgungswahn ausartete, ein keinen andern neben sich ertragender Ehrgeiz, der allein einen Grund für die sonst sinnlose Vernichtung Dantons bietet, eine Charakterstärke und Energie des Willens, die stets bis zum Uebermaß angespannt war. Und mit diesen Eigenschaften verband sich eine starke Einbildungskraft, die in dem geqirälten Schwung seiner Reden bisweilen durchbricht, eine zeitweilige Sorglosigkeit, die aus seiner Unfähigkeit herkam, die Sachlage klar zu übersehen, eine leicht gerührte Schwärmerei für ®ott, Tugend, Glück, eine große Angst vor Gewaltsamkeiten und Tumulten, die ihn stets an allen Schreckenstagen ängstlich zu Hanse gebannt hielt und ihn vor jeder physischen Gefahr erheben machte. Der Mann, dessen Federstrich viele Tausende der Guillotine überlieferte, wagte nicht eine Pistole in die Hand zu nehmen und der unbeugsame Systematiker, der mit allen Mitteln einer Schreckensherrschaft seine Ideen durchzusetzen strebte, war im Augenblick der höchsten Gefahr nicht dazu zu bewegen, einen ungesetzlichen Aufruf gegen den Konvent zu unterschreiben. Sein Schicksal, sein Emporsteigen und sein kurzer Sieg erklären sich allein aus seiner Zeit, ans der Revolution. Die wild aufgewühlten Wellen jener stürmischen Epoche trugen ihn langsam empor; in einem stilleren Jahrhundert, in einer nicht so ganz aus ihren Fugen gerissenen Gesellschaft wäre er vielleicht als ein wunderlicher Sonderling der Provinz, wie sie später Balzac geschildert hat, gestorben. Denn recht durchschnittlich waren seine Anfänge, ganz gewöhnlich und alltäglich seine ersten Erfolge und seine Leistungen. Als armer kleiner Advokat hatte er begonnen, von Stipendien unb der Gunst großer Gönner war er abhängig gewesen. Das einzige, was ihn aus der korrupten Gesellschaft heranshob, war seine Ehrlichkeit, sein Eintreten für die Armen, obwohl er auch hier den Wunsch verriet, vor allem Aufsehen zu erregen. Daneben hatte er, wie jeder gute Bürger, seine Steckenpferde, sammelte Blumen und hielt sich Vögel, wie er ja auch noch zuletzt am Tage vor seinem Sturz auf die Mai- käfcrjagd ausgezogen ist, machte den Honoratiorentöchtern von Arras den Hof und „vcrnachläsfigte über den Wissenschaften nicht die Musen". Er schrieb Abhandlungen für die Akademie von Arras, deren Mitglied er war, und machte Gedichtchen für die „Rosengesellschaft", einen Verein, dessen poetischen Spielen er eifrig huldigte. Mit Politik hat er sich bis zu feiltet Wahl in die Ständeversammlung vom Mai 1789 kaum beschäftigt; wohl aber machten die Werke Rousseaus einen großen Eindruck auf ihn, wie ans seinen eigenen Abhandlungen hervorgeht, und bildeten früh in ihm die Grundlagen seiner Weltanschauung heraus, deren Prinzipien er dann mit so viel Hartnäckigkeit auf einen Staat und auf ein Volk angewendet hat. Man hat mit Recht gesagt, daß Robespierre das Stück aufgeführt habe, das Rousseau ersonnen; er hat die,Ideen des großen Genfers in die Wirklich- keit zu übertragen gesucht. Was der „contrat social" theoretisch aussührt von dem Staat als dem Gesamtwillen aller, von der unbedingten Unterordnung des Einzelnen unter die Allgemeinheit, von der absoluten Demokratie, die fich doch in unbeschränkten Despotismus auflöst, das hat der „Aristides" der Revolution in feiner Politischen Laufbahn praktisch verteidigt und gepredigt. Was der savoyische Vikar in der „Neuen Heloise" mit so schöner Begeisterung als sein Glanbensbekcnntnis vorträgt, die Verehrung eines höchsten Wesens und die Anbetung einer sittlichen Weltorduung, das hat der Oberpriester der am 7. Mai 1794 anbefohlenen Staatsreligion bei dem Feste des höchsten Wesens in feierlicher Rede allem Volke vorgetragen. Immerhin war cs auch das Große in Robespierre Politik, daß er nicht nur wie feine revolutionären Vorgänger eine äußere Macht zu erwerben strebte, sondern nach einer Herrschaft über die Geister verlangte, das Volk durch eine Umformung der fittlichen und religiösen Gewalten zu einer republikanischen freien Staatsform erst vorbilden und erziehen wollte. Zunächst waren die parlamentarischen Leistungen Robespierre in der Stände- und Nationalversammlung recht gering. Aber durch sein Eintreten für die Rechte des Volkes, seinen offen zur Schau getragenen Biedersinn, die zwar schwerfällige, aber verständliche Ausdrucksform seiner Reden, durch seine peinlich genaue Erfüllung aller Pflichten erwarb'er sich allmählich eine ungeheure Beliebtheit, besonders unter den Mittel- und Kleinbürgern. Als er daher äm 27. Juli 1793, genau ein Jahr vor seinem Sturz, nach Marats Ermordung in den Wohlfahrtsausschuß eintrat, war er bald der mächtigste Mann und die führende Persönlichkeit. Tie gemäßigte Partei sah in ihm einen auf dem Boden des Gesetzes und der Ordnung stehenden Politiker, die Jakobiner erkannten ihn als den energischsten Fichrer in der siegreichen Partei an, die Klerikalen aber „begrüßten ihn als Retter, da er sich gegen die Anhänger der atheistischen Vernunftsreligion wandte, und dem Volke wieder einen Gott und einen Glauben schenkte. Nachdem noch Tanwn, der einzige, der als ernsthafter Nebenbuhler in Betracht kam, aus dem Wege geräumt war, fühlte sich. Robes- pierre als unumschränkter Gebieter, da er im Konvent jederzeit die Mehrheit für sich hatte und die beiden ausführenden Ausschüsse in seiner Hand waren. Ob der ehemalige Advokat die Alleinherrschaft, die Diktatur damals ernstlich erstrebte, wissen wir nicht; jedenfalls vermied er den Schein eines solchen Ehrgeizes nicht mehr, obwohl er sonst so vorsichtig gewesen ist. Er warf sich ganz den Jakobinern in die Arme und entfremdete sich so die gemäßigte Partei. Eine unbegreifliche Sorglosigkeit erfaßte ihn; von seiner Macht und Größe geblendet verlor er völlig den Blick für den Ernst der Situation. Er schritt ahnungslos dem Abgründe entgegen und verrannte sich ganz in seinen eigensinnig unüberlegten Plan, eine Reihe verhaßter Gegner im Konvent zu vernichten, während diese den Kampf auf Leben und Tod richtig erkannt hatten und entschlossen waren, mit allen Mitteln um ihre Existenz zu ringen. So ward der allmächtige Mann durch die Ungunst der Verhältnisse und eigene Unklugheit innerhalb weniger Stunden zum gestürzten Tyrannen, den man im Konvent mit Hohn und Spott überschrie, bis er in ohnmächtiger Wut zu- fammenbrach. Die Kopflosigkeit, die Unfähigkeit, in einer verzweifelten Situation sich aufzurafsen, lähmten auch nach seiner ungesetzlichen Gefangennahme und Äechtung jede Entschließung. Er weigerte sich, das Gefängnis zu verlassen, als ihn seine Freunde noch einmal zur Tat aufriefen. Von feiner Unschuld überzeugt, glaubte er, daß das Volk, das ihn soeben noch vergöttert und angebetet hatte, ihn befreien u. zn glänzender Genugtuung als Vater des Vaterlandes krönen werde. Als er sich dann endlich aufs Stadthaus hat schleppen lassen, wo der Aufstand organisiert wird, fveigert er sich, lange kostbare Stunden hindurch, die Proklamation an die Menge zu unterzeichnen. Als er endlich die Feder ansetzt, ist es zu spät. Ein Pistolenschuß zerschmettert ihm die Kinnlade und notdürftig verbunden wird er am nächsten Tage ans das Schafott geschleppt, wo er als letzter von 22 Gefährten beim Jubel desselben rasenden Pöbels, der ihm noch gestern zu- gejanchzt hatte, unter dem Beil der Guillotine endet. Dr. P. L. Aus dem Zoologische» Garte» in Frankfurt a. M. Auch in diesem Jahre wurde durch den wissen- schafilichen Direktor die Tierversteigerung in Antwerpen besucht und für den Garten eine Anzahl von Seltenheiten erworben. Bor allem verdient der prachtvolle Mandschuren- oder Grünschnabel-Kranich hervorgehoben zu werden, wohl die schönste und kostbarste Kranichart, die man so oft auf den reizvollen Erzeugnisfen des japanischen Kleinkimstgewerbes abgebildet findet. Die Heimat des schönen Vogels ist Ost-Sibirien und die Mandschurei, in Japan ist er lediglich seit alten Zeiten als Hausgenosse eingeführt und dort gewissermaßen zum Na- tionalticr geworden. Andere in Antwerpen erworbene Tiere des Gartens sind der braune Pelikan, der stolze und edle Weißkopsseeadler aus Amerika, vor allem aber die schönste und wertvollste Art aus der Affengattung der Meerkatzen, die Brazza, mit brennendroter _ Stiruzeichnung und weißem, auf die Brust übergehenden Kinnbart. Das Vogelhaus weist eine Kollektion der farbenprächtigen, großschnäbeligen Pfefferfresser oder Tukane auf. Im Reptilienhause ist die seltene prächtige Assala-Rieseuschlange (Python febae) eingetroffen, ferner riesige Teju- unb Waran-Eidechsen, eine Kollektion dalmatinischer Schlangen und als Zierde der Kiwkodilsammlung der merkwürdige, langschnauzige Gavial. Auch die Kreuzotter und ihre gehörnte Verwandte, die Sandotter, ist wieder ausgestellt. Im Jnsekten- haus sind schon manche prachtvollen, exotischen Schmetterlinge den Puppen entschlüpft. Direktor Stiehl schenkte dem Garten rin Albino-Frettchen und Direktor Weller einen jungen Rehbock. * Von, russischen Studentenproletariat tveiß die „Petersbnrglaja Gazeta" traurige Sachen zu erzählen. In der Tomsker Universität hängt eine Anzeige aus, laut welcher ein Student seine Dienste als Schneider anbietet; ein anderer preist sich als Coiffeur an. In der ersten Annonce heißt cs: „Ich nähe nicht schlechter als eine beliebige Schneiderin, jedenfalls aber sorgfältiger"; die andere Annonce lautet: „Ich schneide das Haar und rasiere um die Hälfte billiger als die Coiffeure. Für die Gute der Arbeit bürge ich; ich bitte daher die Kommilitonen, meine Dienste in Anspruch nehmen gu wollen . .." Am schwarzen Brett der Moskauer Universität fand sich im Winter folgender Anschlag: „Der Aufmerksamkeit der Hausbesitzer empfohlen! Ein Student der Medizin füllt gegen mäßige Bezahlung die Eiskeller mit Schnee. Ich bitte die Kameraden, mir solche Beschäftigung nachzuweisen." Das russische Studentenproletariat schwillt von Jahr zu Jahr mehr an, obwohl, wie das oben erwähnte Blatt meint, die „Gesellschaft" alles tut, um den armen Studenten ihre Lage zu erleichtern: die Reichskontrolle nimmt für gewisse Arbeiten die Dienste von Studenten in Anspruch; dasselbe tun die Stadtverwaltungen, die Versicherungsgesellschaften, die Eisenbahnen usw. Viele Studenten finden in den Zeitungs- redaktioncn Beschäftigung, und viele andere verdienen sich ein paar Pfennige als Statisten in den Prionttheatcrn. * Eine Million für einen Augenarzt. Der deutschamerikanische Kohlengrubenbesitzer John Markle, der beim Empfang des Prinzen Heinrich in Amerika einer der Vorsitzenden des Festausschusses war, ist von einem schweren Augenleiden befallen worden. Die amerikanischen Augeilarzte konnten ihm bisher nicht helfen, und er fürchtet sein Ailgenlicht für immer zll verlieren. Er hat sich daher entschlossen, eine Reise nach Europa anzlltreten, um die berühmtesten Augenärzte der alten Welt in Verkitt, Paris und Wieil um Rat zu fragell. Er will demjenigen Augenarzt, der ihn, völlige Heilling verschafft, 250,000' Dollars = 1,000,000 Mark zahlen. * Fünfzehntausend Pfund Zuckerwerk — Bonbon und Pralines — hat das Vereinigte Staaten- Provialltschiff „Culgoa" der amerikanischen Schlachtschiff- und Kreuzerflotte des Admirals Evans ilach Magdalena- Bai gebracht, um in dell Mannschaftsmessen beit Bestand an Süßigkeiten wieder aufzufüllen, der während der Um= seglung von Mittel- uild Südanlerika stark in Anspruch genommen war. Süßigkeiten gelten bei den militärärztlichen Autoritäten in der Union als bestes Vorbcugungsmittel gegen die Trunksucht, die beim Heere und in der Flotte der Vereinigten Staaten noch stark grassiert. Besonders für die Tropen wird der Genuß von Schokolade und Zucker sehr empfohlen. Vor zwei Jahren, als die Besatzung an regulären weißen Truppen auf den Philippinen noch größer war, kam seitens des Washingtoner Armee- komnlissariats einmal eine Sendung von süilfzigtallsend Pfuild „Candy" zur Verschiffung nach Manila. * „Das ideale Weib". Allerlei Winke und guige- meinte Ratschläge mögen heiratslustige Herren schöpfen aus einer Enquete, die amerikanifche Blätter veranstaltet haben und deren Zweck ist, gewissermaßen durch Stimmenmehrheit festzu- stellen, wodurch man leicht und sicher die ideale Gattin und Lebensgefährtin erkennen kann. Eine große Anzahl von zufriedenen und von schwergeprüften Ehemännern haben ihre Erfahrungen und Beobachtungen in den Dienst der Oeffentlich- keit gestellt, und ihre Aeußerungen verraten, daß nicht Geld oder Liebe allein, sondern auch vor allein die Farbe der Augen und des Haares sür das Glück entscheidend sein. Ein glücklicher Familienvater rät allen Junggesellen, ihr Lebensschicksal mit dem einer blondhaarigen Frau zu verknüpfen, denn die blondhaarigen seien die besten, treuesten und liebevollsten Lebensgefährtinnen. Aber andere wenden sich mit aller Energie gegen diese Auffassung und beschuldigen die Blonden „unverbesserlicher Koketterie^; sie seien die „schlimmsten Herzensbrecherinnen". Andererseits scheinen auch die Schwa», haarigen auf starkes Mißtrauen zu stoßen, denn einige Gatten verraten: „sie sind zu temperamentvoll, man kann nicht gemütlich nut ihnen leben". Die Mischung zwischen beiden aber so versichert em „Erfahrener", sei das „ideale Weib": die Blonde mit dunklen Augen, oder die Schwarze mit blauen Augen. Er selbst aber nennt diesen Typus einen Ausnahmsfall, und daraus vielleicht auch erklärt es sich, daß das „ideale Wckb" so selten gefunden wird und daß trotz aller Warnungen die leichtsinnige äugend mit nur Blonden oder Brünetten ihr Glück aufs Spiel setzt. c am en der Sternbilder. Die popnlär- naturwtssenschaftltchc Monatsschrift „Kosmos" schreibt: Wann und von wem zum ersten Male Gruppen von Sternen zu Sternbildern zusammengefaßt wurden, ist unbekannt. Soviel steht fest, daß zuerst hervorragende, in bie Augen fallende Sterne mit Namen belegt wurden W,