IKJITÜ MUW f '■ Herr Lecoq. Ksriminal-Roman von E. Gaborkaü. Nachdnick verboten. (Fortsetzung.) Donnerwetter, murmelte der Unteroffizier, der hat ja überallher einen Fetzen. Merkwürdig ist das jedenfalls. Aufgefordert, seine Aussagen sich gewissenhaft zu überlegen, verdoppelte der wackere Soldat seine Aufmerksamkeit. Schließlich sagte er: Meiner Seel, ich möchte meine Tressen wetten, daß er nie» Wals Soldat gewesen ist. Es muß ein Zivilist sein, der sich zur Feier des Faschingssonntags aus Ulk so verkleidet hat. Woran sehen Sie das? Hm, ich habe das mehr so im Gefühl, als daß ich es erklären könnte. Ich erkenne es an seinen Haaren, seinen Nägeln, seinem ganzen Aeußern, an einem gewissen „Ich weiß nicht was", kurz, an allem und an nichts. Doch halt! Der arme Teufel wußte ja nicht einmal mit seiner Fußbekleidung Bescheid, er hat die Gamaschen auf der verkehrten Seite zugeschnürt. Nach diesem Zeugnis, das Lecoqs erste Beobachtung bestätigte, war kein Zweifel mehr möglich. Indessen, fragte der Kommissar hartnäckig weiter, wenn dieses Individuum ein Zivilist ist, wie hat er sich dann die Sachen beschafft? Kann er sie sich von Leuten Ihrer Kompagnie geliehen haben? Zur Not — ja! man kann sich das aber schwer vorstellen. Ist es zum wenigsten möglich, sich darüber' Gewißheit zu verschaffen? Oh, sehr leicht! Ich brauche nur nach der Kaserne zu laufen und einen Kleiderappell anzusetzen. Schön! Das Mittel ist gut. Aber Lecoq hakte sich ein ebenso gutes und schneller anzuwendendes ausgedacht. Ein Wort, Feldwebel! sagte er. Werden nicht von Zeit zu Zeit die außer Gebrauch gesetzten Sachen von Regimentswegen öffentlich versteigert? Gewiß, jedes Jahr mindestens einmal nach der großen Musterung. lind versieht man nicht die auf diese Weise zum Verkauf gebrachten Kleider mit einem bestimmten Zeichen? Aber natürlich! Also, sehen Sie doch, bitte, nach, ob sich nicht in der Uniform des Unglücklichen diese Zeichen nachweisen lassen. Ter Untcrofsizier schlug .den Mantelkragen um, untersuchte den Hosenbund und sagte: Sie haben recht, es sind abgesetzte Sachen. Das Auge des jungen Polizisten glänzte, aber es war nur ein flüchtiger Blitz. So muß also, bemerkte er, der arme Teufel sein Kostüm gekauft haben. Wo? Unbedingt im Temple, bei einem jener reichen Kaufleute, die einen großen Handel mit Militäreffekten betreiben. Es gibt deren pur fünf oder sechs: ich werde von einem, zum anderen gehen, und der, bei dem die Uniform gekauft ist, wich ganz gewiß seine Ware an irgend einem Zeichen erkennen. Und damit haben ivir auch was rechtes! brummte Gövrol. Ter Zwischenfall war erledigt. Der Feldwebel empfing M seiner großen Befriedigung die Ermächtigung, sich zurückzuziehech wobei ihm jedoch gesagt wurde, daß höchstwahrscheinlich der Unter-« suchungsrichter seines Zeugnisses bedürfen würde. Mau mußte nunmehr den falschen Soldaten durchsuchen. Der Kommissar übernahm dieses Geschäft in eigner Person; er hoffte stark, es würde dabei die Identität des Unbekannten auf irgend eine Weise zutage treten. Er suchte und diktierte zugleich einem' Beamten das Protokoll, d. h. die bis ins kleinste genaue Beschreibung jedes von ihm gefundenen Gegenstandes. Jil der rechten Hosentasche fand er: Rauchtabak, eine Holz» pfeife und Zündhölzer. In der linken Tasche: ein sehr abgegriffenes ledernes Geld» täschchen, mit sieben Franken und sechzig Centimes, und eilt ziemlich sauberes leinenes Taschentuch, jedoch ohne Zeichen. Und sonst nichts. Der Kommissar war unangenehm' enttäuscht; als er jedoch das Geldtäschchen hin» und herdrehte, entdeckte er eine Abteilung desselben, die ihm entgangen war, weil eine lederne Doppelfalte sie verbarg. In diesem Behältnis befand sich ein sorgfältig zu» sammcngeknifftes Papier. Er entfaltete es und las laut das folgende Briefchen: Mein lieber Gustave! Morgen, Sonntag abend, vergiß nicht, unseren Verabredungen gemäß, auf den Ball im „Regenbogen" zu gehen. Wenn Du kein Geld mehr hast, sprich bei mir vor; ich hinterlasse welches bei meinem Hausmann, der es Dir zustellen wird. Sei um acht Uhr dort draußen. Sollte ich .noch nicht da feilt, so werde ich doch sehr bald erscheinen. Alles geht gut Lacheneur. Ach, wie wenig enthielt dieser Brief! Also der Tote hieß Gustave, er stand in Beziehungen zu Lacheneur, der ihm für eine gewisse Angelegenheit Geld vorstreckte. Außerdem hätten sie sich einige Stunden vor dem Morde im „Regenbogen" getroffen. Tas war wenig, sehr wenig. Immerhin war es doch etwas; es war ein Indizium, und in undurchdringlicher Finsternis genügt zuweilen als Leitsignal ein ganz schwacher Lichtschimmer Lacheneur! brummte Gsvrol. Diesen Namen sprach der arme Teufel in seinem Todeskampf aus! Ganz richtig! bekräftigte der alte Absinth. Er wollte sich sogar au ihm rächen. Er beschuldigte ihn, er hätte ihn in eilte Schlinge gelockt. Unglücklicherweise schnitt der letzte Seufzer ihm das Wort ab. — Lecoq schwieg. Der Polizeikommissar hatte ihm den Brief hingereicht, und er studierte denselben mit eindringlichster Aufmerksamkeit. Das Papier war ordinär, die Tinte blau. In einer der Ecken war ein halbverwischter Stempel, von welchem man nur noch das Wort „Beaumarchais" erkennen konnten. Für Lecoq war das genug. —' 622 Tiefer Brief, dachte er, ist ganz gewiß iit einem Kaffeehaus des Boulevard Beaumarchais geschrieben worden'. In welchem? Tas werde ich herausbringen, denn dieser Lachcneur m u ß auf- gefunden werden. Während die Beamten Von der Polizeipräfektur um den Kommissar herumstanden und berieten, begannen die Aerzte ihre peinliche Aufgabe. Mit Hilfe des diensteifrigen alten Absinth hatten sie den Leichnam' des falschen Soldaten entkleidet und prüsten nun, über ihren „Gegenstand" geneigt, wie Mediziner in der Anatomie, mit aufgekrempelten Hemdärmeln die Beschaffenheit und den Bau des Körpers. Ter jüngere bon den beiden Aerzten hätte sich gerne mit den pach feiner Meinung lächerlichen und gänzlich überflüssigen Formalitäten möglichst schnell abgefunden, aber der Alte hatte von dem Beruf eines gerichtlichen Sachverständigen eine zu hohe Meinung, um auch mir die geringste Kleinigkeit außer Acht zu lassen. Mit der peinlichsten Genauigkeit notierte er also die Körpergröße des Toten, dessen mutmaßliches Alter, Farbe und Länge der Haare, sowie die Entwicklung des Muskelsystems. Hierauf gingen sie zur Prüfung der Wunde über. Lecog hatte ganz richtig gesehen. Tie Doktoren stellten eine Zertrümmerung der unteren Schädelhälfte fest. Diese konnte, so erklärten sie, pur durch 'einen Schlag mit einem Werkzeug von großer Oberfläche oder durch einen Stoß des' Kopfes gegen einen sehr harten Körper von ziemlich bedeutender Ausdehnung hervorgebracht sein. Es war aber durchaus keine Waffe aufgefunden worden außer dem Revolver, dessen Kolbest nicht stark genug ivitr, um eilte derartige Wunde zu verursachest. Daraus ging also mit unabweisbarer Bestimmtheit hervor, daß zwischen dem Mörder und dem falschen Soldaten eilt Kampf Leib an Leib stattgefunden, und daß ersterer, feinen Gegner am Halse packend, dessen Schädel gegen die Wand gestoßen und so zerschmettert hatte. Das Vorhandensein sehr zahlreicher ganz kleiner Abschürfungen am Halse gab diesen Schlußfolgerungen die allergrößte Wahrscheinlichkeit. Eine andere Verletzung wurde nicht gefunden, feine_ Beule, keine Kratzwunde, nichts ! Daraus ging klar hervor, daß dieser tödlich erbitterte Kamps außerordentlich kurz gewesen sein mußte. Er hatte sich zwischen dem Augenblick, wo die Patrouille einen Schrei gehört und dem', wo Lecoq durch die Oeffnung im Fensterladen das Opfer hatte Hinfinken sehen, abgespielt. Die Untersuchung der beiden anderen Individuen erforderte Noch größere Vorsicht als die des Soldaten. Man hatte sie in ihrer Lage gelassen, da Mn aus dieser wertvolle Schlüsse mußte ziehen können. Diese Lage war so, daß unzweifelhaft der Tod augen- blicftich erfolgt sein mußte. Alle beide lagen auf dem Wicken, die Beine weit von sich gestreckt, die Hände offen. Keine krampfartigen Verzerrungen der Muskeln, keine Spur von entern Kampfe; sie waren wie vom Blitz getroffen hingesallen. Dxr Gesichtsausdruck des einen wie des anderen zeigte ein Mf die Höhe getriMnes Entsetzen. Man konnte daraus schließen, haß die letzte Empfindung ihres Daseins nicht Zorn und Haß, fonddru Schreck gewesen war. • Ich habe allen Grund zu glauben, sagte der ältere Arzt, daß sse durch, irgend eistest ganz unerwarteten Anblick vor Schreck drsMrt tvaren. Diesen Ausdruck höchster Furcht, den ich an synHl bemerkte, habe ich bisher! nur ein einzigesmal gesehen, nämlich M einer alten FrM, die vor Entsetzen gestorben war, als eine Nachbarin, die sich zum Scherz als Gespenst verkleidet hatte, plötzlich in ihr Zimmer trat. Lecoq schlürfte sozusagen diese Auseinandersetzungen des Arztes in sich eist; er suchte diese Erklärung mit seinen eigenen unbestimmten Vermutungen zu vereinbaren. Mer wer konnten die Menschen sein, die von einer solchen Furcht ergriffen waren? Würden auch sie, wie bet andere, das Geheimnis ihrer Identität bewahren? Ter erste, den die Aerzte Untersuchten, hatte das fünfzigste Jahr überschritten. Seine Haare waren spärlich und schon mit weißen Fäden untermischt; sein ganzer Bart war abrasiert, mit Ausnahme eines dichten und struppigen roten Busches unter seinem weit vorspringenden Kinn. Er war elend gekleidet; seine Hosen hingest in Fransest über die ausgetretenen Stiefel; feine schwarz- tzoollene Bluse war mit Flecken übersät. Ter Mann war, zufolge der Erklärung des alten Doktors, durch einen aus unmittelbarer Nähe abgefeuertest Schuß getötet; die Größe der kreisrunden Wunde, das Fehlen von Blut an ihren Rändem; das bloßliegende, vom Pulver geschwärzte, verbrannte Fleisch, bewiesen dies mit mathematischer Sicherheit. . Mie außerordentliche Verschiedenheit der Schußwunden, je uach- beut die Waffe aus größerer oder geringerer Entfernung abgefeuert ist, sprang ist die Augen, als die Aerzte mit der Leichenschau .Hess letzten Unglücklich^ begannen. Die, Kstgel, die ihm den Tod, gebracht, mußte mindestens einen Meter von ihm entfernt ab- geschosfen fein; die Wunde hatte daher nichts von dem entsetzlichen Aussehen der anderen. Dieses Individuum war mindestens 15 Jahre jünger als seist Kamerad, klein, gedrungen und auffallend häßlich. Sein vollkommen bartloses Gesicht war von Blatternarben zerfressen. Seiner Kleidung Nach war er einer von den gefährlichen Bummlerst, die sich bei den Barrieren herumtteibcn. Er trug eine dunkel- und hellgrau gemusterte Hose und eine offene Bluse mit Umlegekragen. Seine Halbstiefel waren gewichst gewesen. Die kleine Mütze aus Wachsleinwand paßte zu feinest geölten und sorgfältig in die Stirn gekämmten Haaren und zu seiner in einen großen Knoten geschlungenen Krawatte. Weiteres ging aus der Untersuchung der Aerzte und aus der Visitierung der Polizeibeamteu nicht hervor. Vergebens kehrte man die Taschen der beiden Männer um; sie enthielten nichts, was einen Anhaltspunkt für die Feststellung ihrer Persönlichkeiten, ihrer Namen, ihres Berufes hätte bieten können. Nichts! leist noch so unbestimmtes Kennzeichen, keinen Brief, keine Adresse, keinen Fetzen Papier. Nichts! nicht einmal einen jener kteinenj Gegenstände zum täglichen Gebrauch, wie einen Tabaksbeutel, eist Messer, eine Pfeife, die zuweilen zur Erkennung führen können. Tabak in einer Papierdütc, Taschentücher ohne Zeichen, Zigarettcn- schachteln — das war alles, was man fand. Ter ältere von beiden hatte 67 Franken lose in der Hosentasche, der andere trug zwei Louis bei sich. Selten hatte die Polizei ftch einem so schweren Fall mit so wenig Anhaltspunkten gegenübergesehen. Wgesehen von der Tat selbst, die durch die drei Opfer nur zu klar begrenzt war, wußte sie gar nichts, weder von den Umständen noch vom Beweggrund, und die in weiter Ferne sich zeigenden Wahrscheinlichkeiten machten das Tunke! nur noch dichtest anstatt es auszuklären. Der Mörder war verhaftet, aber wenn er bei seinem Schweigen beharrte, wie sollte man ihm seinen Nanien vorhalten? Er beteuerte seine Unfchuld; wie konnte man ihn mit den Beweisest seiner Schuld erdrücken? Ueber die Opfer wußte man überhaupt nichts ; und das eine derselben hatte sich selber angeklagt! Ein unerklärlicher Einfluß band der Witwe Chupin die Zunge. Zwei Frauen, von denen die eine einen Ohrring im Werte von 5000 Franken verlieren konnte, waren bei dem Streit zugegen gewesen, dann aber verschwunden. Ein Komplize war entwischt, nachdem' er zwei Handlungen von unerhörter Kühnheit gewagt hatte. Und alle diese Leute: der Mörder, die Frauen, die Wirtin, der Komplize und die Opfer waren in gleicher Weise verdächtig; seltsam, von ihnen allen war anzunehmen, daß sie lischt das wären, wonach sie aussahen. , . Der Kommissur zählte mit ziemlich trauriger Stimme noch einmal alle seine Eindrücke auf. Vielleicht dachte est diese Geschichte würde ihm auf der Präfektur ehte unangenehme Viertelstunde bereiten. Vorwärts! sagte er endlich. Tie drei Individuen müßen nach der Morgue gebracht werden. Dort werden sie ohne Zweifel er- kamtt werden. Und nachdenklich setzte er hinzu: „ Wenst vielleicht einer von den Toten Lacheneur wäre! Das ist nicht sehr wahrscheinlich, bemerkte Lecoq. Der falsche Soldat, der die beiden anderen überlebte, hatte seine beiden Gesellen fallen sehen. Wenn er Lacheneur für tot hielt, so würde er nicht von Rache gesprochen haben. r Gßvrol, der seit zwei Stunden mit offenbarer Absichtlichkeit sich abseits gehalten hatte, trat aN die andern Heran. Er war nicht der Mann, selbst dem Augenschein gegenüber von seiner Meinung abzugehen, und sagte daher: Wenst der Herr Kommissar mir glauben will, so schließt er sich meiner Meinung ast, die denn doch ein bißchen mehr auf Tatsachen beruht, als die Träumereien des Herrn Lecoq. Ein Rüdergcrafsel vor der Tür der Schenke unterbrach ihn, und einen Augenblick später trat der Uittersuchungsrichter eist. (Fortsetzung folgt.) Wie die Mei zu einer Verfassung kam/) Stambul, Ende August 1908. Die Türkei und eine Verfassung — noch vor wenigen Wochen schien sich das gerade fo zusammenzureimen wie ein Gorilla und eine Bartbinde I Wer nun haben wir die Konstitution — und Westeuropa ist baff. Westeuropa ist *j~ Mit Erlaubnis des Rose-Verlag, G. m. b. H., Berlin SW. 48, entnehmen wir diese Geschichte dem von Paul Kelter heraüsgegebenen „Guckkasten", illustrierte Wochenschrift für Humor, Kunst und Lehen, * — 623 — immer baff, Wenn mal was Vernünftiges passiert. Und man weiß dort gar nicht, weshalb es auf einmal so kam. Die Guckkästen, die sich Tageszeitungen nennen, geben ganz falsche Bilder von der Geschichte. Sie dürfen oft gar nicht die Wahrheit erzählen, weil sie politische Verwickelungen fürchten. Die Zeitung aber, die sich „Guckkasten" nennt, sagt die Wahrheit, und wenn darob die Welt unterginge oder der „Verantwortliche" fünf Mark Strafe zahlen müßte. Also!!! Es war am 15. des Monat Ramasan, da saß der Sultan auf feinem Diwan und seufzte. Ein Druck auf einen Knopf rief den Großwesir herbei. Der seufzte auch, neigte die Stirn bis zum Fußboden und sprach: „Allah! il Allah! Der Liebling des Propheten und Beherrscher aller Gläubigen macht ja ein so langes Gesicht!" „Ja, tote kann man es kürzer machet:, ivenn man kein Geld hat!" sagte der Sultan bekümmert. „Und kein Deibel pumpt mehr, und nun geht in der Wirtschaft alles drunter und drüber. Mein Ditoan braucht einen neuen Bezug uub müßte auch aufgepolstert werden. Seit Wochen kommt niemand im Palast zu einem ruhigen Nachtschlaf, weil der Hofkammerjägermeister streikt; er will erst sein rückständiges Gehalt oder wenigstens täglich die horrenden -Auslagen ersetzt haben. Und die Weiber, die Weiber! Die sanfte Zgina will sich töten, wenn ich ihr nicht ein Grammophon kaufe, die feurige Suleika will mir die Augen aus- kratzen, wenn sie kein Automobil bekommt, die märchen- kundige Scheheresade erzählt mir immerfort, sie hätte nichts Gescheites anzuziehen, und so geht das die ganze Reihe durch. . . . Und weißt du auch, daß die Russen, Engländer und Italiener Vorhaben, mir alle Gelder zu kündigen, mein Land zu parzellieren und meinen Freund Wilhelm mit der letzten Hypothek ausfallen zu lassen? Schufti Pascha, du mußt Rat schaffen!" Schufti Pascha kraute sich den Bart: „Die Schatzkammern sind leer, die Steuern den Giaurs verpfändet. Mer man könttte mal an Rothschild telegraphieren." „Das habe ich bereits getan," sprach der Sultan dumpf, „und ihm eingehend meine Not geschildert. Und weißt du, was der Hebräer geantwortet hat?" Er reichte dem Großwesir ein Telegramm; darin stand nur das eine Wort: „Nebbich!" „Da müssen !vir nach dem Rat des „Kalauer Anzeigers" wieder mal das Goldene Horn versilbern", meinte der Großwesir. „Das gehört jetzt den Engländern!" erwiderte der Sultan verlegen. „Ich tat's, während du aus Urlaub warst." Abermals kraute Schufti Pascha sich den Bart. „Vielleicht kommen wir aus der Patsche, o Sonne des Weltalls, wenn wir Konkurs ansagen und fünf Prozent bieten?" „Dein Rat wäre gut," lächelte der Sultan ironisch, >,toenn ich nur wüßte, wer mir die fünf Prozent borgt!" Nun war Schufti Pascha mit seiner Weisheit zu Ende. -,,O Herr" bat er, „laß mir eine Frist von zwei Tagen. -Ich will zu Allah beten, daß er mich erleuchte." * Strahlenden Antlitzes erschien der Großwesir zwei Tage später zum Vortrag beim Sirltau. „Großmächtiger Herrscher," begann er, .Mlahu ekber! Allah hat uns einen Weg gewiesen. Ich chatte mir den Kops darüber zerbrochen, weshalb wir so kreditlos sind, während die anderen Länder, die auch bloß Schulden haben, lustig weiterpumpen können. Es kam mir der Gedanke, es zu machen wie die listigen fränkischen Kaufleute, die in Fällen, wenn ihnen die Pleite droht, zu erforschen suchen, was die geheime öffentliche Meinung über sie sagt, d. h. die Auskunfteien zu befragen. Ich ließ also durch einen Vertrauten, Jussus beit Kukuruz, über dich, o Herrscher, eine telegraphische Auskunft eiu- holen bei der größten Auskunftei der Welt — hier ist sie!" Der Sultan las: „Jussus ben Kukuruz, Galata. Angefragter gilt als kranker Mann, jedenfalls von sehr ungewisser Konstitution, daher Regierungsdauer zweifelhaft. Kreditgewährung unratsam. Ohne Obligo. Schimmel- pseng." „So eine Gemeinheit!" sagte der Sultan. „Aber was mache ich damit?" „O Herrscher, du mußt dir eben eine bessere undi festere Konstitution beilegen, am besten nach europäischem Muster." " „Konstitution? Was ist das?^ „Das ist ein Haufen Leute, die mit dem Kopfe nicken, wenn der Sultan Geld verlangt! Dann hat sozusagen das gesamte Land ja gesagt, und das stärkt den Kredit des Herrschers." „Wenn sie aber nicht mit dem Kopfe nicken?" fragte zweifelnd der Sultan. ),O Liebling des Propheten, sei unbesorgt! Soweit Hai Allah die Regierenden noch immer erleuchtet, daß sie wenigstens Geld kriegen, soviel sie wollen."- * Am anderen Tage war die Verfassung publiziert. Ein Freudentaumel herrschte im ganzen osmanischen Reiche, am meisten bei uns in Stambul. Die Studenten brachten dem Sultan einen Fackelzug und sangen „Heil dir im Siegerkranz" auf türkisch. Die Staatsrente stieg im Handumdrehen um 73/4 Prozent, und Rothschild annonciert egal weg in allen türkischen Blättern: „Streng reell und diskret Geld für Kavaliere." Der Sultan verlieh dem .Großwesir den Medschidje-Orden erster Klasse mit dem Roßschweif und schenkte ihm eine seiner Odalisken, die lauge strohblonde Zoraide, die er wegen ihres furchtbaren Mundwerks nicht ausstehen konnte. Schufti Pascha betrachtet? diese Blume des Harems und schenkte in einem Großmutsanfall der Holden die Freiheit, und sie ging in ihre frühere Stellung zurück, nämlich als Schenkmädchen in die Bolssche Likörstube zu Pera, wo ich allabendlich nach den Geboten des Koran einen Dattelschnaps trinke. Dort hat sie mir vertraulich und wahrheitsgetreu erzählt, was zwischen dem Sultan und dem Großwesir vorgegangen war, und ich habe es gewissenhaft für den „Guckkasten" niedergeschrieben. Gaues Es feudi. Neunzig Tage Einzelhaft. (Erlebnisse eines Mitgliedes der ersten Duma.) Das Schicksal der ersten Duma ist bekannt. Ein großer Teil der Parlamentarier zog sich nach deren Auflösung in die Hauptstadt des finnischen Gouvernements Wiborg zurück und erließ am 23. Juli 1906 von dort aus das historische Manifest an die russische Nation. Bald daraus wurde gegen die Unterzeichner des Wiborger Aufrufes Anklage erhoben und die „Besten Rußlands", die kurz zuvor von der Presse, der Gesellschaft und auch dem Zaren begrüßt worden waren, Professoren, Advokaten, Aerzte, Gutsbesitzer, wanderten auf drei Monate in das Gefängnis. Diese ©träfe ist nunmehr verbüßt. In der Wochenschrift „Allgemeine Zeitung" (München) schildert einer dieser Wiborger, Alexander N. von Nutzen, seine Erlebnisse int Gefängnis. Wir entnehmen dem schon wegen seines politischen Hintergrundes' interessanten Bericht folgende bezeichnende Einzelheiten: Nach dem Reglement erwacht das Gefängnis um 53/4 Uhr morgens, aber in Rußland ist die Wirklichkeit immer ein wenig milder als das Gesetz, so daß wir uns täglich um etwa 20 Minuten verspäteten. Nach dem Glockenzeichen öffnet sich die Tür, und ein Sträfling erscheint, um die notwendigste Hilfe beim Aufräumen der Zellen zu leisten. Darauf fege ich den Boden rein, zu welchem Zweck mir eine kleine Bürste zur Verfügung steht, die großen Bürsten waren den Arrestanten abgenommen worden, weil man sich mit ihrer Hilfe verschiedene Gegenstände durch die Fenster hinüberreichen konnte. Auf diese Weise war man gezwungen, die Diele auf den Knien liegend zu säubern Das Fenster der Zelle blieb den ganzen Tag, d. h. von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, geöffnet. Um diese Zeit erschien der Aufseher und verschloß es mit einem Schlüssel, In der Folge erhielt ich die Erlaubnis, das Fenster Tag — 624 — und Nacht offen zu halten, was mir in der heißen Zeit große Erleichterung verschaffte. Unsere Besuche konnten wir nur hinter einem doppelten Witter mit einem Zwischenraum von etwa 30 Zeutimetern empfangen und zwar nicht länger als eine halbe Stunde. Diese Besuche, welche sich alle drei Wochen wiederholten, waren für mich sehr deprimierend. Man war gezwungen, die Unterhaltung alle Augenblicke zu unterbrechen, was sehr auf die Nerven wirkte. Nach jedem Wiedersehen kehrte ich sehr angegriffen in meine Zelle zurück. Zugelafsen wurden nur die allernächsten Verwandten, meine Frau war die einzige, die ich sah. Auch unsere Nächsten litten unter diesen Zusammenkünften, ihrer Kürze und der obwaltenden Verhältnisse wegen, ganz abgesehen davon, daß sie oft stundenlang warten mußten, bis die Reihe an sie kam. Meine Haft war eine strenge Einzelhaft. Den größten Teil meiner Gefährten habe ich nicht ein einziges Mal int Gefängnis gesehen, einige von ihnen bekam ich gelegentlich des Besuchsempfanges zu Gesicht. Mit den anderen politischen Gefangenen kam ich nur auf den Spaziergängen zusammen und konnte mit ihnen einige Phrasen auf den Treppen oder vor den Türen der Zellen austauschen, natürlich ' bei Gefahr einer Strafe. Ihre gute Laune und ihre Festigkeit entzückten mich geradezu; denn ihr Schicksal war 'im Vergleich zu dem meinen wirklich entsetzlich. Aeußerlich lebten sie ebenso wie ich, sie genossen sogar als Untersuchungsgefangene das Privilegium, tagsüber im Bette liegen zu dürfen, während meine Pritsche am Morgen anf- zgehoben wurde, dafür waren es aber Leute, die Jahrelang warten mußten, bis sie gerichtet wurden, Leute, die im besten Falle die administrative Verschickung nach dem fernen Worden erwarten durften — für Handlungen, die in anderen Ländern kaum als ein Verbrechen angesehen werden. Ihr immer ruhiges Aussehen, der liebenswürdige Gruß, mit dem sie sich an mich wandteit, erfüllte mein Herz mit Bewunderung, die ständigen Gedanken an ihre Selben bildeten jedoch das Schwerste, was ich im Gefängnis durchzuinachen hatte. Die Einzelhaft ist,' wie einer meiner Gefährten nach unserer Befreiung sagte, ein zwangsweises Nachdenken; der Verbrecher bleibt allein mit seinem Verbrechen. Auch ich habe natürlich die Tat, die mich ins Gefängnis gebracht, überdacht. Ich begabt mich meiner Freiheit zu "stner Zeit, da unter dem Ansturm der Mehrheit der dritten Duma die Minister des Krieges, der Marine, der Wege- komunikation und der Volksaufklärung wankten. Man erwartete, daß unsere Nachfolger, die Glieder der dritten Duma, in der Praxis wenigstens, einen Teil des parlamentarischen Prinzips — daß ein Minister, dem das Vertrauen der Mehrheit fehlt, nicht am Ruder bleiben kann — auweuden würden. Also führt der von unseren Nachfolgern gewählte Weg, der dem unserigen diametral zuwiderläuft, sicherer zur Erreichung praktischer Resultate? Heute wissen wir, daß ein Konflikt mit der Duma das beste Mittel für einen russischen Minister ist, feine Stellung zu festigen, und in dem Augenblicke, wo ich diese Zeilen niederschreibe, wird ganz Petersburg durch die alarmierendsten Gerüchte über die nächsten Schicksale der russischen Konstitution in Aufregung versetzt. Wir haben keine prak- jischen Resultate erzielt, aber die politische Lage hatten mir richtiger bewertet. Wir begriffen, daß das Wesen der konstitutionellen Staatsform nicht durch den Umfang der Rechte eines Volkes charakterisiert wird, sondern durch das Be- wiißtsein, daß das dem Volke überlassene sein Recht ist, Und als solches Sanktion besitzt. Das von uns dem Volke angegebene Verteidiguugsmittel war vielleicht unpraktisch, aber enthob deshalb in keiner Weise das Volk der Pflicht, feine Rechte zu verteidigen, und uns des Zwanges, das Volk auf diese seine Pflicht aufmerksam zu machen. Vermischtes. * Entgleiste P hras e n. In einem normannischen Städtchen starb vor einigen Tagen ein Pariser Professor, der dort Sommeraufenthalt genommen hatte. Das Lokalblatt widmete dem Gelehrten einen Nekrolog, der also begann: „Der berühmte Gelehrte X. hat unserer Stadt eine große Ehre erwiesen: er hat Paris verlassen und ist bei uns gestorben." Den „Gaulois" erinnert dieser schöne Nachruf — mutatis mutandis — au jenen Chemiker, der in Gegenwart des Bürgerkönigs Ludwig Philipp ein interessantes Experiment machte und feine Erläuterung mit den Worten begann: „Die beiden Gase werden jetzt die hohe Ehre haben, sich vor Eurer Majestät zu verbinden." * Das Heiratsalter. Das französische Ministerium hat jüngst Statistiken über das Heiratsalter veröffentlicht, aus denen hervorgeht, daß in Deutschland Witz in Frankreich die meisten Ehen ziemlich spät geschlossen werden, nämlich mit 29 Jahren. Noch um ein Jahr später werden in Dänemark und Schweden die Ehen im Durchschnitt geschlossen. Das Volk, bei dem die Brautleute am jüngsten sind, sind nach dieser Statistik die Serben, für die der Durchschnitt 24 Jahre beträgt. * Verschärfte Gefahr. Sie: „Sei nur recht vorsichtig, baß du keine Gräten in den 8)als kriegst, Männchen. Erst neulich ist eine Frau auf diese Weise ums Leben gekommen/ und zwar ganz in der Nachbarschaft." * D i e w a h r e Ku it st. Ella: „Wollen wir die Neue „Modenzeitung" einmal durchsehen?" — Hedda: „Ach, jetzt nicht, die Nehmen wir diesen Abend mit ins Sinfoniekonzert! Literatur. — Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte vorn Mittelalter bis zur Neuzeit. Erster Band. Mit über 450 Text-Illustrationen und 50 bis 60 meist doppelseitigen farbigen und schwarzen Beilagen, bestehend aus den seltensten und schönsten Dokumenten zur Sittengeschichte seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Umschlagzeichnung von Heinrich Kleh. Komplett in 20 zehntägigen Lieferungen ä 1 Mk., Verlag von Albert Langen in München. Sie erung 1 dieses mit Spannung erwarteten Prachtwerkes ist soeben erschienen und macht den allerbesten Eindruck. Die moderne Siteratur besaß bisher keine Sittengeschichte der Zeit seit dem ausgehenden Mittelalter. Nun sind aber die sittlichen Anschauungen und Satzungen die bedeutsamsten Erscheinungen jeder Epoche. Denn das Geschlechtsleben offenbart in seinen tausenderlei Ausstrahlungen nicht nur ein wichtiges Gesetz des Sehens, fonberit das Gesetz des Lebens überhaupt. Darum ist die Geschichte des jeweiligen sittlichen Gebarens in den verschiedenen Entwicklungsstadten der Kultur der Hauptbestandteil der gesamten Menschheitsgeschichte. Also war ein solches Werk ein direktes Bedürfnis und daß es gerade Eduard Fitchs ist, der es iius gibt, ist besonders erfreulich. Es dürfte keinen zweiten Autor ut der deutschen Literatur geben, der einer solchen Aufgabe mehr gewachsen wäre als er. Sein wissenschaftliches Rüstzeug garantiert die gediegensten Resultate. Sein Stil ist geistreich und fesselnd, sein timstlerischer Sinn untrüglich, und seine Bilderwahl trifft immer das Interessanteste unb Charakteristische ans der Fülle des Verfügbaren. In per Auswahl der Bilder hat Fuchs auch diesmal Glanzendes geleistet und der Verlag hat keine Kosten gescheut, das Werk zu einem typographischen Meisterwerk zu gestalten. An- und Einsichten. Ein gerechtes Urteil über einen Feldherrn, der eine Ent- scheidungsschlacht verlor, gehört beinahe zn den Unmöglichkeiten, weil ihm säst alle unberechenbaren Eingriffe des Znsalls zugerechnct werden. L. Feuerbach. Rätsel. Wer mich nicht hat, den höret man Gar oftmals darum klagen, Und wer mich hat, der suchet mich Wohl schleunigst zu verjagcu. . Auflösung in nächster Nummer i - Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: N e ck - a r ° st e i n - a ch. Redaktion: E, Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UntvrrsitätZ-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.