Samstag den 5. September 0ivi9 riii »Ha Ilio t88Wffl WW^Kf Der Dorfkönig. Roman Von Karl Böttcher -Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Am selben Abend saß Baunteister Hennig in seiner Lattenlaube, mißmutig und finsteren Angesichtes. — Irene kam hinzu Und setzte sich neben Hennig. — Sie hatte rotgeweinte Augen und bemühte sich, die drängenden Tränen zu unterdrücken. Als ihr Nachbar noch immer schwieg, sagte sie ärgerlich: „Sv sagen Sie doch ein Wort!--Sie haben doch keinen Grund, schlechte Laune zu haben!" — Das erzürnte ihn. , „Ich keinen Grund?! — Glauben Sie, mir paßt das, hier, tn diesem Winkel zu sitzen und Quadersteine aufzubauen, während Deutschlands Jugend ins Feld zieht zu Kampf und Ehren?!" Irene Guttermann blickte Hennig von der Seite an, beschämt und bittend. Ihr erschien jetzt der Krieg und ihres Bruders Auszug in ganz anderem Lichte.1 Im Herrenhause drüben, bei dem schimpfenden Alten und der jaiümernden Mutter war ihr nur das' Traurige des Feldzuges bewußt geworden, nun sah sie auch das Ideale leuchten. Sie fragte ihn: „Sie grünten sich, daß Sie nicht Soldat sind?" — Er nickte. Darauf quoll heftig in ihr ein Gefühl empor; sie preßte dje Worte heraus: „Ich bin so froh---so froh!" „Worüber sind Sie froh?" „Das sag ich--das kann ich nicht sagen!" „Ich bitte Sie darum!" Irene stand verlegen auf und ging rückwärts in kleinen Schritten nach der Gartentür. Eine Glutwelle überflutete ihr Gesicht.--„Weil Sie dableiben —■; Sie!!" Und dazu nickte sie, und ihre Augen glänzten.--Einen Augenblick später war sie iw Wirtschaftshof verschwunden.-- In Sachsens Hauptstadt herrschte unbeschreibliche Begeisterung. Die Bahnhöfe waren überfüllt von jungen Kriegern, und immer neue Massen brachten die Eisenbahnzüge. Hugo Guttermann, der neunzehnjährige Jüngling, hatte ohne weiteres die Landwirtschaft liegen lassen, dem Bauer Jllgen aber in das Gesicht gelacht, als der ihm verbieten wollte, nach Dresden zU gehen. „Ein deutscher Mann — und in diesen Tagen Rüben bauen, das gibt es ja gar nicht!" Mit Mazda wanderte er durch Dresdens Straßen. Oft wurden sie eingekeilt int Menschenstrom, sie warteten geduldig. Die Begeisterung, die als Funke in Hugos Herzen glimmte, ward mit jeder Stunde mehr angefacht bis zur lodernden Flamme, und zuletzt hatte er nur iwch einen Wunsch: Du mußt mit in den Krieg! Aber über das „Wie" wußte er keinen Rat. — Sie standen an den alten Kasernen, die gegenüber der Brühl- Wen Terrasse lagen und betrachteten das geschäftiae Treiben in । den Höfen, bewunderten die ungeheure Menge Kriegsmaterial, | die in langen Zügen aus den Depots geschleppt wurde — und dieser Anblick schürte nur noch Hugos Kriegslust. Da trat ein junger Leutnant aus einer der Baracken und schritt an ihnen vorüber. Kainn vorbei, hemmte er seinen Schritt rind blickte Hugo an. „Guttermann — bist du es ?" „Borgers — — du??" Die beiden schüttelten'sich die Hände, ehrliche Freude des Wiedersehens auf den jungen Gesichtern. Zu Mazda gewandt, sagte Hugo: „Mein Freund Borgers, vom Pennal her!" — und zu dem jungen Offizier: „Wie ich dich beneide!" „Mach doch mit, — solche, wie dir — — sind immer willkommen !" Mazda zuckte zusammen. Hugo jedoch klammerte sich an die Worte Borgers. „Kannst du mir dazu helfen?" „Wenn auch nicht das direkt; denn was ist ein Leutnant mit einem' Bie'vwvchensiatent int großen Kriegsapparat?! — Aber raten kann sich dir: Gehe über den Hof — dort in das Regimdntsbureau und m'elde dich als Freiwilliger! — Und nun Gott befohlen! Vielleicht sehen wir uns in heißer Schlacht wieder!"--- Einen Augenblick noch stand Hugo überlegend da, dann reckte er sich auf, drückte Magdas Hand, und mit großen schnellen Schritten ging er über den Kasernenhof. Mazda rief, — bat, —n lief ihm nach, — doch Hugo achtete' nicht darauf und verschwand drüben im Hause. Um Magdas Mund zuckte es bedenklich; ein elendes Gefühl des Verlassenseins überkam sie. — Sie wandte sich zum Gehen und warf noch einen letzten Blick hinüber nach deut Kasernentor. Öö man Hugo gleich dort behalten wurde. — Bei diesem Gedanken stiegen wieder die Tränen hoch, r—t Aber inan behielt Hugo nicht gleich dort; denn als sie einen allere letzten Blick noch nach bent Regimeutsbuveau schickte, trat er eben aus der Tür. Das war aber nicht derselbe Hugo wie vorhin. Der ging jetzt geduckt und langsam. „Sie hätten genug und könnten mich nicht gebrauchen!" Das meinte Mazda auch, und diese Mitteilung erfüllte sie voll und ganz, so daß sie von Hugos weiteren Erzählungen nicht mehr viel hörte. Jetzt erst war sie so recht begeistert für das Vaterland. 7. Kapitel. Bei Weißenburg tobte der Kampf. Weitab vom eigentlichen Schlachtfelds schlichen durch das Gestrüpp vier deutsche Krieger. ES war eine Gefechtspätrouille der Königsgrenadiere des Generals von Kirchbach, Den anderen voraus bewegte sich, kriechend und huschend, der Führer der Patrouille. Das Gewehr am Riemen um den Hals gehängt, den Körper auf beide Hände gestützt, so. spähte er hinter einem Ginsterbusch in das nahe Gehölz, 554 -< Es crschicil ihm dort nicht geheuer. — Schemenhaft huschte id an der buschigen Lisieve hin. Er griff nach dein Feldstecher lind suchte den Wald!rand ab. — , „Aha — also doch!" — Er zählte: „zwei — drei! — Nein — der dritte ist cüt Stamm, — also zwei!" Allem Anschein nach eine feindliche Patrouille. Die roten Pumphosen erkannte er deutlich durch das Glas, die Franzmänner dagegen schienen ihn und seine Leute noch nicht bemerkt zu haben. Die Regeln der Jnstruktionsstunde über Patrouillendienst fielen ihnt ein: Biel sehen und nicht sehen lassen! , Demnach noch ein Stück hinan, oder nein, besser, er schickte gleich Meldung zurück: denn: eine ausführliche Meldung, die zu spät kommt, hat weniger Wert, wie eine kurze zur rechten Zeit. „Flinzcr!" „Herr Unteroffizier?" Der Gefreite kroch heran. „Sie kriechen zurück und melden: Meldung von GesechtK- patwuille Guttermann. — Am Ostrande des vorliegenden Waldes feindliche Patrouille, zwei Mann stark. — Rote Hosen, — blauen Wasfenrock, Tschako. — Ich beobachte weiter. — 4,15 nachmittags." Der Gefreite wiederholte die Meldung, dann kroch er rückwärts, langsani und mit Bedacht. Kaum daß sich ein Grasbüschel regte. Otto Guttermann lauschte. — Die heiße Luft lag dick über der Heide. — Eine schillernde Libelle gaukelte vorbei. Otto Guttermann barg sich tief im Grase, das Gewehr auf dem Unterarm. Schlafähnliche Ermattung überkam ihn. Die Augen mechanisch nach dem Waldrande gerichtet, sah er doch ganz andere Bilder: Heimatsbilder. Jut Waldwinkel lag er int Grase, die Vogelflinte in der Hand. Mar das nicht Stampfen und Summen von Vaters Mühle, ganz fern? Nein, — das war der Krieg und sein Lärm, der nur vernommen und abgetönt herüberklang. Otto Guttermann träumte mit wachen Augen. Die hohen Föhren drüben sind der Habschtswald mit den unzähligen Ktähen- neflern; — die Straße ganz in der Ferne, die wie ein weißer Faden sich hinzieht, ist die Bergstraße. Dieser Frieden hier — dieser Frieden! Das Gras wiegt friedlich sein Haupt vorm warmen Sonnenschein, die große, struppige Hummel dort auf dem Weidenröschen brummt so friedlich! — Die Bergstraße herein muß doch jeden Augenblick Merlin kommen mrt dem KvrbWägelchen. — Er hats so weg, mit der Peitsche zu knallen. Richtig, da ist er, der scharfe Peitschenknall — und dahinter hep em langgezogener hohler Pfiff und ein Aufschrei. „Herr Unteroffizier!" „Merlin?" „Herr Unteroffizier!" — — Jäh strömt die Gegenwart ihm nach dem Herzen. Er greift nach dem Kopf. — Da fitzt ein Helm und nicht die blaue Gymna- siastemnütze, er blickte nach dem Arm, da liegt schwer das Gewehr und nicht die Vogelflinte, — und der ihn da hinten ries, war nicht Merlin, — das war der Soldat Heinze. „Herr Unteroffizier,--der Gefreite Flinzer ist erschossen!" „Verdammt! Haben Sie die Meldung gehört von vorhin?" „Jawohl, Herr Unteroffizier!" «So kriechen Sie zurück und melden dasselbe. — Nehmen Sie Flmzern die Patronen ab, wenn Sie vorbei krieche»!" „Alle?" „Fünf behält er, falls er noch lebt!" Soldat Heinze kwch zurück. Verflogen der Traum, zerstört der Friede! . Gehölz saß einer mit ehernen Krallen und heißem Blick, einer, der weiß, was er will: und findet, was er sucht. — Das ist der Tod. Uiid iM Grase liegt einer, nein zwei, — eigentlich bm, doch der dritte hat nichts mehr zu sagen, denn er gehört schon dem drüben mit den ehernen Krallen. — Aber die zweie,, die fürchten ihn nicht, die sind aus deutschem Holze, die wollen ihn fangen, den knöchernen Gesellen. Leise, leise rutschen sie vorwärts, immer auf dem Bauche, Zoll um Zoll, den Gewehrriemen zwischen den Bahnen — Und das ist gut; man könnte sonst das Wutknirschen der Zahne hören, und der int Gehölz mit den ehernen Krallen und dem heißen Blick, — der soll gar nichts hören. - ... ‘)et Peitschenknall und wieder das langgezogene, d.inne Pfeilen, und drüben am Waldrande macht einer einen Luftsprung. Mit ausgebreiteten Armen fällt er dumpf klatschend nach vorn über. Das Bajonett spießt in den weichen Wäld- boden und der Kvlben gabelt als Totenmäl in die Luft. „Der hats weg!" murmelt der Schütze neben Guttermann. — Otto schaut ihn von der Seite an und sieht, wie sein Antlitz kalk, bleich wird und er sein Haupt auf den Arm legt. „Was ist Ihnen?" „Ich kann das nicht mehr ansehen--! Den hab ich erschossen — — nnd ich dacht gerade an seine Braut — — und ich hab auch eine zu Hause!" Guttermann machte „hm — —!" — — Ihm war so trocken in der Ktzhle. Es konnte sein, daß dies vom Pulverdampse kam, der in dünnen Schaden ruckweise sich über die Heide hinzog. (Fortsetzung folgt.) Will's Gott. Erzählung von B. Herwi- (Nachdruck verboten.) Ich mache nicht gern Zukunftspläne. Wenil ich mich aber doch dazu verleiten lasse, dann pflege ich immer, wie es so viele meiner lieben Mitmenschen auch tun, das be°i dinguugsweise „Will's Gott" entweder laut hinzuzufetzen oder es ganz leise im stillen, dicht hinter dem Plan odep der Hoffnung einzuschieben. Es ist dieses „Will's Gott" bet manchen nicht von der Religiosität diktiert, sondern wohl so eine Art .Versicherung, die man mit dem Geschicke ab- schließt; durch Bescheidenheit und Demut glaubt man es' um so eher für sich zu gewinnen, als man sich bedingungslos seinem Walten, das ja durch göttlichen Willen regiert wird, überläßt. Man kommt dabei zwar um ein gut Teil der Vorfreude, die sich ein lveniger vorsichtiges Gemüt nicht entgehen läßt, aber man wird auch wiederum durch ein Fehlschlagen dep Hoffnungen nie so zur Verzweiflung gebracht, wie diejenigen,^ die sich nicht das Hintertürchen beim lieben Gott offen gelassen haben. Wenn nun etwas besonders Gutes in Aussicht steht, danu wird man um so eher verlockt, seine Gedanken um die bevorstehende Freude zu ranken, Vorbereitungen zu treffen, Entwürfe zu veranstalten, und so ertappte ich mich denn manchmal im stillen, wenn ich an der Näharbeit säst oder spazieren ging im Wald rind Feld, daß ich an den schönen Tag dachte, an dem vor fünfundzwanzig Jahren unsere innige Liebe ihre Weihe erhielt. „Wann ist denn nun eigentlich Ihre Silberhochzeit?" hatten die Freunde gefragt. „Will's Gott, im November." „Ach, wirklich so nahe, und Sie werden sie sestlich begehen?" „Gewiß," sagte ich laut und verschluckte meinen kleinen Bedingungssatz. „Da wird wohl Ihr lieber Sohu nach Hause kommen?, Der ist doch schon mehrere Jahre von der Heimat entfernt^ nicht wahr?" „Vier Jahre haben wir unseren Rudolf nicht gesehen^ unfern Einzigen." Meine Gedanken lenken sich vom Gespräch ab, sie eilen weit fort, über das Weltmeer, wohin ihn fein Hang, fremde Menschen und Länder kennen zu lernen, geführt. „Er kann nicht kommen," sagte ich leise und resigniert^ „es ist zu weit, und jetzt ist in Rio große Geschäftszeit, ei? ift des Chefs rechte Hand, der kann ihn nicht entbehren." „Sehen Sie nur, wie stolz meine Tuna das sagt," neckte mich mein Mann, der gerade ins Zimmer getreten war, „ja, meine Frau hat etwas heldenhaft Ernstes in ihrem Charakter, eine Entsagungskraft, um die eine römische Mutter sie hätte beneiden können." Nun kamen mir wirklich die Tränen. „Rudolf," sagte ich bittend, aber der böse Mann liest nicht ab. - „Wißt ihr was?" verklagte er mich bei den Freunden, „sie forscht jetzt überall umher, wie man am schnellsten aus Südamerika kommen könnte, und sieht die Schiffs», listen nach, ivie lange die Dampfer gehen. Verteidige dich nicht, Tünchen, du bist erkannt, am liebsten führe sie selbst hinüber zu ihrem Herzblatt und ließe sich von ihm diü Silbermyrte aufs Haupt drücken." I X ü f l d r s C 9 V 6 S !' b L v d D h 9 T di hl R in in li di ui m E bi p> in 9' d> Li Z ti w ei so fd so Ni iti in bc »- 555 — Die Silbermyrte! Nein, an den herrlichen Frauenschmuck durfte ich nicht denken. Wer sollte sie mir wohl ins Haar flechten? Ja, wenn wir einsame Eltern eine Tochter hätten, wenn unsere süße Hedwig uns nicht so früh genommen wäre. Wie lange schlummert sie schon unter den Tannen! Zehnmal hat der Winterschnee seitdem auf dem kleinen Grabe geruht, jetzt wäre sie zwanzig, wohl selbst schon glückliche Braut ... es sollte nicht sein. Dort ihr Bild über meinem Schreibtische und daneben das unseres Jungen. Wie ähnlich es ist, wie die Augen leuchten unb der Mund lächelt! Wie hübsch er ist, o, das sagten die Mädchen schon von ihm, als er noch achtzehn Jahre alt war; mit keinem plauderten und tanzten sie so gern, wie mit ihm, und manche Träne ward ihm nachgeweint. „Der wird sein Glück schon in der Welt machen," sagten die Freunde tröstend, als er uns verließ, und „Will's Gott" setzte ich aus tiefstem Herzen hinzu und schickte Stoßgebete zu den Hohen. Froh und lebendig lauteten seine Berichte, mit wie scharfen Farben schilderte er die Eindrücke der neuen Welt, berichtete er von den Sitten des Landes, mit wie warmen Worten erzählte er von der Stellung, die er gefunden, von dem freundlichen Chef, der eleganten Häuslichkeit und der allerliebsten Tochter Ellen. Er müßte ihr Lehrer im Deutschen werden, schrieb er nach einiger Zeit, und neulich hat er sogar ihr Bild geschickt, dort das holde Mädchengesicht mit den großen, sehnsuchtsvollen Augen. „Da gibt's doch gleich was zu kombinieren, nicht wahr, Tünchen?" neckte mein Mann. „Das wäre eine Frau für den Jungen, meinst du doch?" „Wie Gott will," sagte ich leise, „er ist ja dazu überhaupt viel zu jung." „Nun, ich war auch nicht älter," scherzte der große Rudolf, „aber sag' mal, Tünchen," fuhr er fort, „was meinst du, wollen wir nicht zu „unserem Tage" ein bißchen in die Welt fahren?" „Laß uns hier bleiben," bat ich, „hier in dem alten, lieben Hause, das ich vor einem Vierteljahrhundert an deiner Hand betrat, in dessen Mauern ich soviel Freud unb Leid erlebt, laß mich draußen unsere heilige Stätte aufsuchen, laß mich au dem Tage umgeben sein von den Erinnerungen an die Kinder." Ich hing laut weinend an seinem Halse. „Wie du willst, mein Tünchen," sagte mein Mann tiefbewegt. „Dann wollen ivir ein einsames, glückliches Jubelpaar sein, nicht wahr?" „Will's Gott," sagte ich, Atem holend. „Nein, diesmal wirklich- Ivie du willst," fügte Rudolk hinzu, der immer das letzte Wort haben mußte. * * * Ein herrlicher Morgen war angebrochen. Ich hatte mich in aller Frühe leise erhoben und war in den Garten gegangen. Die Morgensonne sandte ihre Strahlen durch das lichte Gezweig von Busch und Bausch. Milde war die Luft, windlos und stille; in den Bäuinen ein leises, süßes Zirpen der Vögelchen, die uns auch im Herbst noch getreu geblieben; die weiten Rasenplätze grün wie im Sommer. Selige Stille um mich her und selige Stille im Herzen wandelte ich wie schwebend die breiten Gartensteige entlang; ein neugieriges Rotkehlchen hüpfte über den Kiesweg und sah mich an, als wollte es fragen: „Wieso bist du heute schon da, ist denn etwas Besonderes geschehen? Du siehst ja so feierlich aus!" Ja, feierlich war mir auch zu Mute, nicht wunschlos, aber friedevoll und dankbar. Leise summte ich vor mich hin: „Bis hierher hat uns Gott geführt," vud wortlos sandte ich meinen Dank zum Höchsten empor. Mein Mann erschien auf der Terrasse, er sah so sonderbar erregt aus und winkte mir, hinanfzukömmen. War es ihm unlieb, daß ich so früh davongelaufen war? — Mer er wußte ja von meiner Vorliebe für solche stille Morgenandacht, nun, und unterdessen konnte er ja nach Herzenslust unseren kleinen Salon schmücken, ich hatte ja die heimlichen Konferenzen mit dem Gärtner dennoch gemerkt. Ich folgte feinem Winke und eilte die Treppe hinauf. Da ruhte ich geborgen an der Brust des teuren Mannes. „Mein S-ilberbräutchen," sagte er bewegt, „wie konntest du es mit dem alten, griesgrämigen Menschen so lange aushalten?" Ich schloß ihm den Mund. „Das wird heute ein guter Tag werden, Tnnchen, nicht wahr?" „Will's Gott," sagte ich feierlich und lächelte doch über meine Zauberformel. „Kannst du eine große Freude vertragen, Frauchen?" fragte mein Gatte und führte mich langsam ins Zimmer. Was war das? Tränen in seinen guten, treuen Augen, und wie ihm der Mund bebt und wie ihm die Hände zittern! „Rudolf!" schrie ich auf und Preßte die Hände aus meine wogende Brust, „Rudolf, kann es denn sein, kann es denn wirklich sein?" Er antwortete nichts, seine Blicke zeigten nach meinem Zimmer, die Tür war halb offen, die Blumen dufteten, ich stürze hin zur Tür, reiße sie weit auf — „Mutter!" tönt es da jauchzend aus einem bewegten Herzen, liebevoll, sehnsüchtig, und gebreitete Arme strecken sich mir entgegen. „Mein Sohn, mein Rudolf!" schrie ich auf, vor meinen Angen flimmert und leuchtet es, ich habe ihn, ich halte ihn, ich ruhe an seinem treuen Kindesherzen, ich fühle seine warmen Lippen auf Stirn und Wangen, ich werde nicht ohnmächtig, nein, ich meine und lache in einem Atem, und er, der geliebte Mann, steht dabei nud weidet sich an unserer heiligen Freude und putzt immer wieder und wieder seine Brille. Und dann sitze ich an meinem alten lieben Watz am Fenster, umgeben von Blumen, und mein Rudolf hält mich umfangen, und ich streiche ihm über die gebräunte Stirn und das dunkelblonde volle Haar. „Bist du da?" fragte ich immer wieder, „bist du wirklich da, und gerade heute?" „Mutter," begann er dann innig, „weißt du noch, Ivie ich als Knabe immer hier bei dir faß, und wie ich dich, wenn du fort gewesen warst, beim Nachhansekommen immer fragte: „Hast du mir auch was mitgebracht?" Diesmal ist es umgekehrt, geliebte Mutter, ich bin fort von dir gewesen, lange, lange Zeit, aber es ist zum Guten gewesen, denn ich habe draußen in der Welt mein Glück gefunden, und diesmal habe ich — dir etwas mitgebracht, etlvas Liebes und Schönes, etwas, wonach du dich lange gesehnt hast, das dir aber weiter keiner in der großen Welt bringen konnte, als eben ich allein . . ." Er war aufgestanden und ich hing an seinen Bewegungen und dann ging er an die Nebentür, und der Vater trippelte hin und her und ließ die Brillengläser nicht mehr aus den Händen; mir war's, als sähe ich alles durch einen Schleier, als sei es nicht Wirklichkeit, sondern ein schöner, wonniger Traum, und da war er schon wieder, an seinem 9Irm ein zartes, süßes Mädchen mit großen, dunklen Augen int blassen, ängstlichen Gesichtchen, und er brachte sie mir und sagte mit zuckender Lippe: „Hier, Mutter, bringe ich dir eine Tochter, habe sie lieb, meine Ellen, meine holde, geliebte Braut." „Meine Mutter", sagte sie in fremdem und doch so lieb bekanntem Laut. Ich ließ sie nicht aus beit Arnten unter Küssen uitb Weinen, bis endlich bet Schwiegerpapa auch bringettb seinen Anteil haben wollte; er meinte, er käme bei allem zu kurz ttnb er verdiente doch wenigstens ein bißchen Dank, daß er so schön zur Ueberraschuitg beigetragen. 656 ■— Heine — Lena u. „Siehst du, wie aufmerksam der Junge ist," scherzte er, „nur damit liebe Tochterchände dem Mütterchen an ihrem Ehrentage die Silbevmhrte ins Haar flechten können, hat er das Kind mitgebracht. Nun versuche auch dein Heil, liebe Ellen," fügte er hinzu und reichte ihr den kleinen Zweig. Ich beugte mein Haupt, und meine neue, geliebte Tochter schlang das Diadem um den Scheitel. Dann saßen wir beisammen, und Ellens Vater, der mit den beiden gefahren war, kam dazu, und bald wußten wir, daß unser Sohn geborgen war tut fremden Lande, und wie sie ihn so lieb hatten, daß.sie ihm ihr Teuerstes anvertrauten. „Darf ich bei dir bleiben, während Rudolf und Papa ihre Reise machen?" fragte mich das liebliche Mädchen. „Ach, könnte ich dich für immer behalten," flüsterte ich. „Aber im Frühjahr," setzte sie aufleuchtenden Blickes hinzu, „wenn wir heiraten, dann kommt ihr zu mtS, nicht wahr, liebe Mutter?" Und sie kiißte mir die Hand und sah mich so sehnsüchtig bittend an. „Will's Gott," sagte ich ernst und feierlich. Und ich hoffe, er wird nichts dagegen haben — im Frühjahr wollen wir hinüber fahren. Air- und Einsichten. Eine kleine Zahl von Büchern durch und durch zu kennen, so daß inan sie nur in die Hand zu nehmen braucht, um ein Nach- einpfmden der Genüsse ungezählter Lesestunde» zu habe», das ist edler und befriedigender als ein ganzer Kops voN vager Erinner- nngeii an tausend Büchertitel ruid Dichternamen. Hermann Hesse. Bnchstaben-Einschieb-Rätsel. Es sind 9 Wörter zu suchen von der unter a) angegebenen Bedeutung Seht man diese Wörter (je 3 Buchstaben) zweimal nebeneinander und schiebt einen Buchstaben dazwischen ein, so entstehen zwei neue Wörter von den unter b) und c) angegebenen B^eutungen. Die eingeschobeneil 9 Buchstaben ergeben zusammen- gestellt den Namen einer berühmten Verlagsbuchhandlung. lBei- spiel: Ode — m — ode — a) Ode (zweimal); b) Odem; <-) Modest 1. a) Wärmegrad, b) Teil des Baumes, c) Farbe; 2. a) Zur»!, b) Blutgefäß, e. Blume; 3. a) Waffe, b) Markgraf, c) märchenhafter Riese; 4. a) lateinischer Gruß, b) französisches Vorwort; c) lateinische Warnung; 5. a) Gemahlin des Aegir, b) Schriftsteller, c) Hebewerk; 6‘ lerI* 9J]a6' b) ehemal. Erzherzog; c) Schatz und 7. a) Niederländ. Maler, b) spartanische Heeresabteilung, c) Gott; 8, a) englische Insel, b) Stammvater der Menschheit, c) rnsstsche Stadt; 9. a) türkischer Name für Dnjeper, b) Gebrauch, c) Negerstamm tu Westafrika. hb. Auflösung in nächster Nummer. Austösung des Quadrat-Rätsels in voriger Nummer; Reue Kalender. Als Jubilar Pocht diesmal der „Münchener Kalen, rf* ^ahr 1909" an die Türen seiner Freunde, die sem erstes Erschetrieit vor 25 Jahren begrüßt, und die ein Viertel lahrhunderr ihm Treue gehalten haben. Freilich — als er vor drei Lustren' bte gewohnten Gleise der Kalenderliteratur zu ver- ME »Nb außer dem Ka endarium lediglich mehr Wappen- uns»' Wappenbeschrerbungen zu bringen begann, da mögen manche zwei- sFud den Kopf geschüttelt haben in der Meinung, daß ein solches Kalenderunternehmen kaum eure Zukunft verspreche Doch—k der „Münchener Kalender" hat nicht bloß seinen Platz in der Kalenderltteratur mit Ehren behauptet, er hat sich Tausends' Freunde m den weitesten Kreisen erworben; er ist einern^ artzges deutsches Wappenwerk und nt Tausenden Familien estr' tiebes Schmuckstück ihres Heuns geworden. Das verdankt er aber vor allem dem einmütigen Zusammenwirken des ausae-i zeichneten Professors Otto Hupp, der die künstlerisch-heraldische Ausstattung und des Kgl, Preußischen Geh. Kanzleirats Gustav i>1« -^faffung des Textes übernommen, und —: laft no. least — der Verlagsanstalt vorm. G. I. Manz die ihm regelmäßig eine typographisch vorzügliche, tadellose Aus- gestaltung zu verleihen verstanden hat. So zeigt denn der neue to8 1Y09 ?uf seinem Titelblatte ein offenes, von' Soinen behütetes Portal und zwischen dessen Säulen, von geflügelten' Engeln gehalten, das von einem stilisierten Lorbeerkranze umgebene Münchener Stadtivappen, während unten sich der Aus- blm tu eine von einer Gebirgskette abgeschlossene Landschaft ^öffnet. An Jnhlalt bringt der neue Jahrgang zunächst daA üs^elt- < ^rrzoge von Sachsen-Meiningen und dann,- dNouatstafeln, die Stammwappen der Ge- schlechter Feilitzsch, Juelich, Landschad von Steinach, Lehndorfs Leuchtenberg, Manteuffel, Polheim, Schafsgotsch, Spanheim, Vel- denz, Beltheim und Wolckensteiu mit erläuternden Texten. Dusch' ^ubilaumchahrgang umfaßt nunmehr dieses eigenartige' deutsche Wappeiiwerk tm ganzen die Stammwappen von 13 deut- "nd von 183 deutschen Fürsten- und Grafeu- geschlechterm ^ätttt^t^ in meisterhafter Blasonmerung dargestellt ntt,r fachmännischen Erläuterungen versehen. Mit dem großen st auch der „Kleine Münchener Kalender 1909" erschienen und auch er wird wieder vielen ein lieber, treuer Begleiter fein. VsrMkschßs», * Die Witwenfahne. Während in Europa die Sitte es übernommen hat, mit dem üblichen Trauerjahr die Zeit des äußeren Schmerzes zu bemessen, mit dem die Witwe den verstorbenen Mann betrauert, liachdem die Stämme des französischen Kiongogebietes nicht die Zeit, sondern den Wind zum Richter ihres Leides. Wenn der Gatte stirbt, hißt die Frau vor ihrem Hause eine Fahne an einer langen Stange. So lange der Stoff der Flagge intakt bleibt, darf sie sich nicht verheiraten. In dem' Augenblick aber, da der Wind oder der Sturni und Mtterungs- nnflüsse das Tuch ein wenig zerfasert, gewinnt sie das Recht, einem anderen Manne die Hand zum neuen Bunde zu reichem v'ür die Eingeborenen gibt sich in denk Schicksal der Flagge der Wille der , Götter kund und nie hat man es erlebt, daß eine ällzu Verliebte cs gewagt hätte, der natürlichen Zerstörung der Fahne nachzuhelfen. Furchtbare Strafen wären ihr Los. Nicht selten fügt es das Schicksal, daß ein frischer Sturmwind bereits Zu,, per ersten Trauernacht die neue Fahne zerfetzt; dann ists der Gotter Wille, daß sie ohne dem Toten nachzutrauern über ihre Zukunft entscheidet. Andere dagegen, weniger Glückliche, finden rm Wind und im Sturme keine Bundesgenossen und müssen oft lahrelang „trauern", ehe die Fahne beit ersten Riß zeigt. * Die Herstellung neuer Ohren. Der Verlust pon Nase und Ohren wird niemals gern empfunden, kann aber durch Unglücksfälle leicht Vorkommen. Unsere Chi- rurgen sind bestrebt, diesen kosmetischen Fehler nach Kräften Au beseitigen, da die Anwendung einfacher Ersatzstücke, wie sie die Bandagisten Hersteller nicht befriedigen kann. Während Nian es inbezug auf Nasen schon zu einer großen Vollkommenheit gebracht hat, war von einem vollständigen Ersatz, eines verloren gegangenen Ohres noch nichts bekannt. Um so erfreulicher ist die Mitteilung von Professor Dr. Schmie- in der „Berl. Klin. Wochenschrift", dem es gelungen ist, ein Ohr, das durch einen Sandwagen abgefahren worden war, wieder herzustellen. Der Ersatz, war um so schwerer, Ech i>as, Knorpelgerüst nicht mehr vorhanden war. Als Ersatz für letzteres benutzte er den Knorpelteil des rechten, Rippenbogens, aus dem eine ohrmuschelförmige knorpelige Scheibe herausgeschnitten wurde. Diese hüllte er In einen großen Hautlappen von unterhalb des Schlüssel- »eins ein und brachte das Ende mit dem knorpeligen Stück an den richtigen Platz, wo das neue Ohr sitzen sollte. Bei leichter Rechtsneigung des Kopfes und bei über den Kopf g-schlnugenem Arm ließ sich das leicht machen. Als das neue hr angeheilt war, wurde der .Hautlappen vollständig ab- geschnttten. Wie aus den Abbildungen hervorgeht, ist das Resultat em sehr befriedigendes, und es besteht auch die Hoffnung, daß das kosmetische Ergebnis in einem ähnlichen Falle noch ein besseres sein wird, da die Verwendung des in meser Weise herbeigeholten Knorpels für ein neues Ohr noch nicht bekannt war und sich die Methode bei weiteren Erfahrungen naturgemäß vervollkommnet. H o B E L E L I 8 E I B S E N N o R M. A B P E U Redaktion: B. W l t t k o. Rotationsdruck und Verlas der B r ü h l 'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.