M8 Mittwoch -en 5. August wi SM 5Ti. G I (LSS&n' W/^UWv*T- ÄBg i \f ^8 s MMSM WMMW WDMMÄi WüsjA-1 < John Darrows Tod. Wman von Melvin L. Severy. (Nachdruck verboten,) (Fortsetzung.) 3. Kstpitel. Am Morgen nach den eben berichteten Ereignissen traute ichsvreinen Augen kaum, als mir beim ersten Blick auf die Zeitung Rn unseren Prozeß betreffender Artikel auffiel. Es dauerte einige Augenblicke, bis ich meine Kräfte so weit sammelte, um Florence, Alice und Jeanette, die meine Erregung benierkt hatten und mich mit Ungeduld anschauten, die Nachricht laut vorlesen zu können. Die Mitteilung lautete: Heute morgen um i/25 Uhr fand man Godin tot in seiner Zelle Nr. 26 im Gefängnis an der Charlesstraße. Die Art seines Todes wäre vielleicht noch ein Geheimnis, hätte er nicht ciu schriftliches Geständnis seines Verbrechens und seines' Selbstmords hinterlassen. Dieses verfaßte er gestern nachmittag und labend, da man, ihm auf sein Borgeben, er müsse wichtige Erklärungen für die Gerichtssitzung am nächsten Tage aufsetzen, Licht Lewährt hatte. , Das Geständnis lautet wörtlich-: Ich bin bei einer Jagd zur Strecke gebracht worden, bei der ich selbst die Hunde auf meine Fährte setzte. Ich war nie dafür, leinen vollwertigen Gegner herauszufordern. Hätte ich nur mit gewöhnlichen Detektivs zu tun gehabt, so behaupte ich kühn, ich wäre als Gewinner und Sieger hervvrgegangen. Ich muß meine Niederlage eher den außergewöhnlichen zu meiner Entlarvung verwendeten Hilfsmitteln, als eignen Schnitzern zuschreiben. Das ist zwar ein schwacher Trost, aber es ist immerhin ein Trost, denn war immer mein Stolz, ein Künstler in meiner Art zu sein. Da ich , es vorziehe, einem weiteren Kreuzverhör zu entgehen, so Nehme ich, diese Gelegenheit wahr, das, was ich bekannt zu geben für gut finde, der Mitwelt mitzuteilen. Ist das getan, so werde ich essigsaures Bleioxyd zu mir nehmen und dem erwartungsvollen Publikum Lebewohl sagen. Um manchen Leuten die Verwunderung darüber zu ersparen, wie ich zu diesem Gifte kam, und um zu verhüten, daß die Gefängniswärter in Verdacht kommen, diene zur Erklärung, daß sich in der westlichen Ecke meiner Zelle ein kleines Stück bleiernes Wasserleitungsrohr befindet. Da heute Sonntag war, erhielt ich zum Frühstück Bohnen und Schwarzbrot. Ich bat um etwas Essig zu meinen Bohnen. Man brachte mir ein kleines Fläschchen, und ich konnte ohne Schwierigkeit eine erhebliche Menge Essig zurück- behalteu, die ich, sobald sich Gelegenheit bot, auf das Bleirohr änwandte, so daß ich nun über genügend efsigsaurcs Bleioxyd verfüge, um ein Dutzend Menschen umzuoringen. Diese Todesart ist freilich keine sonderlich angenehme, ich ziehe sie aber der einzigen anderen, die mir sonst, winken würde, vor. So viel hiervon. — Ich bin in Marseilles geboren, und mein rechter Name ist Jean Fauchet. Mein Vater bestimmte mich zur Priestsrlausbahn und ließ mir eine gute Ausbildung in einem Pariser Kvlleg zuteil werden. Seine Hoffnung sollte ihn jedoch täuschen. Im Kolleg fand ich Geschmack am Spiel, und ein Jahr, uachdeui ich die Reifeprüfung bestanden hatte, befand ich mich in Monte Carlo. Hier geriet ich mit einem Spielgenossen in Streit und erschlug ihn. Dies machte meinen ferneren Aufenthalt in Frankreich gefährlich, und ich nahm die erste Gelegenheit wahr, mich nach Amerika einzuschiffen. ' Mein vertrauter Umgang mit Verbrechern lehrte mich natürlich, auch ihre Wege und Mittel kennen, und so wurde ich Detektiv. Dieser Beruf und gewerbsmäßiges Spiel erwarben mir hinfort die Mittel zum Lebensunterhalt. Ich schlug mich so mehrere Jahre in Newhork, Boston und Philadelphia durch und wurde auch inzwischen ■ naturalisierter Bürger der Vereinigten Staaten. , Als der Aufstand auf Kuba ausbrach, konnte ich meine Neigung zu einem abenteuerlichen Leben nicht länger zügeln und beteiligte mich an einem von Newhork ausgehenden Freibeuterzuge. Das tat ich nicht etwa aus Liebe zur kubanischen Sache, sondern einzig wegen der damit verbundenen Aufregung. Ms ich, beim, ersten Zusammentreffen mit dem Feinde ein schweres Geschoß in Händen hielt, ließ ich es aus Ungeschick auf meinen linken Fuß fallen, der dadurch zerschmettert wurde und in der- Folge verunstaltet blieb. Das' machte cs mir fortan fast unmöglich, meine Identität zu verbergen. Drei Monate später nähmest mich die, Spanier gefangen und führten mich als politischen Verbrecher in ihr, Vaterland. Eine Scheinuntersuchung wurde mir zugestanden, nicht etwa um meine Schuld oder Unschuld festzu-, stellen, sondern nur nm zwischen Kerker und Schafott zu wählen. Es wäre für mich weit besser gewesen, sie hätten sich für das letztere, als für den ersteren entschieden. Als politischen Missetäter verurteilte man mich zur Eiit-- kerkerung in Ceuta, einem Hafenort in Marokko, Gibraltar gegenüber und am Abhang des alten Berges Äbyla, der mit dem Felsen von Gibraltar die beiden „Säulen des Herkules" bildet. Es ist fast uneinnehmbar und wird von Spanien benutzt, wie Sibirien von Rußland: nur ist es weit, weit schrecklicher. Die Stadt wurde im Jahre 945 erbaut, und nirgends auf Erden finden sich Wohl jetzt noch so viel Einrichtungen, die zur Peinigung der Gefangenen dienen sollen. Weh dem, der nach Ceuta verschickt wird! Die Stadt ist klein: zur Sicherung gegen einen Ueberfall haben sie die Mauern mit einer Kette von Befestigungswerkest vepseheu, und die schwarzen Verließe unter diesen Forts bilden die Kerker. Sie liegen reihenweise und sind bis fünfzig oder sechzig Fuß tief in den Granit gehauen. Durch enge Oeffnungen in dem Steinboden der Forts gelangt man hinein, und eilt geradezu unerträglich übler und fauliger Geruch entsteigt diesen Löchern. Manche "diese Verließe fassen dreißig oder vierzig Mann- Mich sperrte man in eine Einzelzelle. Niemals hatte ich mein Leben übermäßig hoch geschätzt ober mich gescheut, es in die Schanze zu schlagen, aber jetzt erstarrte mir das Herz, als ich das Entsetzliche meiner Lage erkannte. Ein' Steinkasten von etwa acht Fuß im Geviert — Wenn ich auf dem Boden lag, konnte ich mit ansgestreckten Händen und Füß-u sämtliche Wände berühren — hatte auf einer Seite eine Oeffnung, durch die ich mich eben mit meinem Körper zwängen konnte, und durch diesen Spalt 482 hatte man mich in das völlig finstere Steinloch gestoßen; ein Schmied kam hinterdrein und schweißte meine Fesseln zusammen. Eine Kette, an der ein schweres Gewicht hing, wurde um meinen Knöchel befestigt und ein eisernes Band um meinen Leib. Dieses Band hing durch eine Kette mit einem tief in den Fesseln gelassenen Ring zusammen. Als diese schauerlichen Vorbereitungen beendet waren, verließ mich der Schmied, und ein Maurer schloß den Spalt, durch den ich hiueingekommen war, bis auf einen handbreiten Schlitz, itnt die Luft und die dürftigen Nahrungsmittel, die man mir reichen durfte, durchzulassen. Worte vermögen die Gefühle, die ein Mensch in solcher Lage empfindet, nicht wiederzugeben. Sein einziger Rettungsgedanke ist Erkrankung infolge der Finsternis, des Dunstes, der Entbehrung, des gräßlichen Schmutzes. Er sagt sich: „Wie lange, Gott, wie lange?" Stundenlang lag ich regungslos da — wie lauge weiß ich nicht; Tag und Nacht sind in den Kerkern von Ceuta eins. Tann sing ich an zu denken. Konnte ich entrinnen? Ich fühlte, sehr bald würde ich allen Scharfsinns, ja aller Denkkraft bar sein, und ich sagte mir: „Soll überhaupt etwas getan werden, so muß cs sofort gescheheu." ES dauerte eine geraume Zeit, bis ich ein Mittel fand, wie ich vielleicht anders als durch ein Wunder entkommen könnte. Ich versuchte, ruhig alles denkbare zu erwägen, kam aber immer wieder zu demselben entsetzlichen Schlüsse: Ich muß hier verfaulen, wenn mir sticht Hilfe von außen kommt. Dies schien unmöglich, und alles Gräßliche eines elenden Verkommens starrte mir ins Auge. Alle zwei oder drei Tage kam ein Wärter zu deut Schlitz itnb reichte ein Gefäß mit Wasser und ein paar Brotkrusten hindurch. Einmal versuchte ich mit ihm zu reden, aber er lachte mir ins Gesicht nnd wandte sich ab. Endlich verfiel ich aus einen Plan, der allein Rettung zu bieten schien. In meiner Studienzeit war ich mit Charcot bekannt gewesen und hatte sogar bei seinen ersten hypnotischen Versuchen mitwirken dürfen. Die Sache interessierte mich, und ich verfolgte sie angelegentlich, bis ich selbst einer von den Wissenden wurde. Es gelang mir damals, fast alle meine Bekannten zu hypnotisieren, konnte ich sie lange genug behandeln. Ich beschloß, einen Versuch zu machen, ob ich dieser Kunst noch mächtig sei, und womöglich meinen Wärter meinem hypnotischen Einfluß und Willen zu unterwerfen. Aber wie sollte ich ihn lange genug in Hör- und Sehweite festhalten, um ihn bearbeiten zu können? Auf sein Erbarmen zu bauen, war offenbar verfehlt; seine Habsucht mußte ich erregen, das schien das einzige Mittel, an ihn zu kommen. Wie aber sollte ich dies ohne einen Heller in der Tasche anfangeu? Ich versuchte es auf folgende Weise: Wenn ich seinen Schritt hörte, kroch ich zu dem Schlitz und murmelte in zusammenhanglosen Worten etwas von einem vergrabenen Schatz. Bei dem Worte „Schatz" sah ich ihn beim schwachen Schimmer des Lichtes, das er bei sich trug, halt machen und horchen, ich tat aber, als bemerkte ich seine Anwesenheit nicht, und murmelte weiter vor mich hin von Schiffe kapern uni) große Beute vergraben. Mein Plan gelang vortrefflich. Der Wärter kam zu der engen Oeff- nung und rief mich zu sich. . Als ich herangetreten war, sragte er mich, welches Verbrechen mich hergebracht hätte, und ich machte, ihm weis, ich sei Schmuggler und Seeräuber gewesen. Nun fragte er, wo der Schatz, von dem ich gesprochen hätte, vergraben sei. Meine Antwort — ich besinne mich genau auf meine Worte — lieferte ihn völlig in meine Hände. Ich sagte: „Wir haben ihn bei Fez vergraben, — Schatz? Von'm Schatz weiß ich Nichts." Aus die vielen Fragen, die er weiter stellte, erwiderte ich nur mit abgebrochenen Worten, unterließ aber nicht, bei seinem nächsten. Besuch wieder von großen Reichtümern zu faseln. So fesselte ich ihn lange genug, um auf ihn einzuwirken, und in weniger als einem Monat war er meinem Willen völlig unterworfen. Ich versuchte verschiedentlich meine Macht über ihn; jede Delikatesse, die ich wünschte, mußte er mir bringen. So gewann ich meine verlorene Körperkraft zum Teil tvieder. Als ich dachte, nun sei die Zeit zu meiner Entweichung gekommen, veranlaßte ich ihn, um Mitternacht das Mauerwerk von meinem Kerkereingang wegzubrechen, während ich mit seiner Hilfe die Fesseln durchfeilte und die Kleidung anlegte, die er mir gebracht hatte. Als ich heil aus meinem Steingrab heraus war, mauerten wir es tvieder zu, dann machten wir uns auf, beit vorgeblichen Schatz zu holen. Wir gelangten mühelos nach Algier, denn mein Begleiter hatte Geld, und von dort fuhren wir über Gibraltar nach England. Aus der Fahrt ist mein Genosse über Bord gefallen und ertrunken, — wie das zusammenhing, toill ich hier nicht nieberschreiben. Jedenfalls war ich nun wieder völlig frei. Aon England segelte ich nach Newyork, kam aber hier ohne Drittel nvd in schlechtem Gesundheitszustand an. Da es in New- hork nicht vorwärts ging, begab ich mich nach Boston, tvo ich wieder als Detektiv und daneben als gewerbsmäßiger Spieler mein Leben fristete. Damals las ich John Darrows merkwürdige Ankündigung, ivonach er int Falle feines Mordes dem Entdecker des Täters eine hohe Belohnung znsicherte. (Fortsetzung folgt.) Neisebrrese. Bon Dr. A. Z. (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl."). III. Gporto. Die Bai von Biscaha ist nns gnädig gewesen. Auch am berüchtigten Kap Finisterre sind wir ohne Sturm und Nebel vorbei gekommen, und etwa bei 42 Gr. n. Br. genießen wir .zum erstenmal wieder sommerliche Wärme. Ein strahlender Sommermorgcn begrüßt uns auch, als wir uns am 8. April beim Erwachen in LeixveS, dem Hafen von Oporto, finden. Im Grund einer kleinen, romantischen Bai, durch hoch aufgeworfene Dämme gegen die mächtige Brandung geschützt, präsentiert sich Leixves als eine Art Miniaturhasen; die vier anwesenden großen Dampfer füllen ihn fast vollkommen aus. Im Hintergrund erhebt sich terrassenförmig ein malerischer Strand, und mit stillem Entzücken gewahrt das Auge hier wieder die erste südliche Vegetation. Bald drängt sich am Fallrepp Boot an Boot.' Braune, verwegen aussehende Gestalten bieten mit viel Geschrei ihre Dienste an, und nachdem man nach langem Handeln einig geworden, geht es ans Land. — •— Wie köstlich wohl tut einem nach dem langen kalten Winter die brennende Sonne, wie weidet sich das Auge an dieser Fülle gleißenden Lichts! Ich sühle zunächst nichts als echten sommerlichen Sonnenbrand, ich sehe nichts als satte Farben, und am liebsten legte ich mich unter die zerlumpten Kavaliere, die mit köstlicher Grandezza ihren Tag im Sand des Strandes verträumen, und feierte eine stille Orgie in Licht und Wärme. Allmählich verdichtet sich der Eindruck und ich sehe, daß das tiefe Grün echten, großen, saftigen Palmen gehört, daß luftig rot und weiß in ihrem Schatten ruht das luftig leicht gebaute Häuschen der warmen Zone, und hier die zerfallene Mauer, dort die mit tausend Flicken besetzte Wäsche singen einem nach langen Jahren wieder einmal das lustige Lied von der sorglosen Schlamperei der Kinder des Südens. Da sind sie auch schon in Person: dunkeläugig und zerlumpt, srech und prachtvoll schmutzig stürzt sich die Straßenjugend auf Touristen. Ein hingeworfenes Kupferstück und man ist sest- gekeilt in eine wilde, schreiende und sich balgende Masse, und nur eilt gewaltsamer Sprung rettet einem aus diesem geräuschvollen Idyll wieder zurück in die Kultur — auf die elektrische Bahn. Sie führt in halbstündiger Fahrt zunächst die platanen- bestandene Strandpromenade entlang, dann einbiegend in das romantische Tal des Duoro. Wir passieren einen mit üppigen Anlagen geschmückten Platz, die Straße wird belebter: Am Fluß stehen grvße Warenschuppen, am Bergeshang die elektrische Zentrale und eine Reihe industrieller Anlagen, und bald sind wir mitten brin im bergigen Opporto, der durch ihren feurigen Wein berühmten, zweitgrößten Stadt Portugals. Am rechten Duoro-User streckt sie sich weit, im wahren Sinne des Wortes an die Berghänge geklebt, und ihre steilen, winkligen Straßen erhalten durch eine seltsame Mischung von großstädtischem Trubel und ländlichem Idyll ein außerordentlich charakteristisches- pittoreskes Gepräge. Die steilen, gepslasterten Hänge bieten beut stolzen Pferd und dem modernen Äuto kein dankbares Feld, und so hat sich das ehrwürdig brave Rindvieh hier eine durchaus dominierende Stellung im Lastfuhrwerk gewahrt. So wie über den Hauptverkehrsadern Berlins ein dichter Benzindunst liegt, so riecht hier die ganze Stadt nach ländlichem Kuhmist. Behäbig- breit tretend ziehen die schön gehörnten Stiere, in ein oft kunstvoll geschnitztes, aber tierquälerisches Joch gespannt, die primitiven zweirädrigen Karren. Zwei-, vier- und sechsspännig bringen sie die zu Schisf angelangteit Waren hinauf in die Stadt, führen sie den im oberen Duorotal gewachsenen Wein dem Hafen zu. In Hemdärmeln, bunter Weste und Zipfelmütze träumt der Führer daneben her. Sein ruhiger, selbstverständlicher Stolz scheint zu sagen: Ich gehöre hierher, so gut wie meine Ahnen, die vor hundert Jahren hier ihre Ochsen trieben. Hier ist mein Feld und ich werde es behaupten trotz elektrischer Bahn, trotz Taxameter und Automobil. Es ist in der Tat von eigenartigem Reiz dieses Straßenbildbas Külturtypen von Jahrhundertsbisferenz im bichtesten Gewirr vereint, und meiner alten Gewohnheit folgend klebe ich lange träumend an ihm fest. Rur ungern raffe ich mich auf, um die Stadt weiter im Detail zu studieren'. Der schlanke Turm der „igrega dos clerigos" gibt einen weiten Ueberblick über die Hügel der Stadt und das untere Duoro-Tal; weit im Westen winkt uns in bläulichen Dunst gehüllt die liebe See einen vertrauten Gruß. Die Börse, mit einem bemerkenswerten maurischen Prunksaal, der noch im Bau begriffene Bahnhof mit großartiger Tunnelanlage, eine andere eingerichtete, geräumige Markt- — '483 Ijrfte reden von OPortos Bedentung als Handelsstadt. An mehreren stolzen Kirchen gehe ich vorüber, man ist von Antwerpen noch etwas mit Heiligenbildern übersättigt. Die Bevölkerung ist übrigens stark antiklerikal, und ein mit uns reisender Benediktiner- pater wollte mich nicht an Land begleiten, weil einige Wochen vorher einer seiner Confratres mit Steinwürfen empfangen worden war. . Ein steiniger Weg, während dessen man bte liebe Sonne beinahe hätte verwünschen können, führt zum Domo-User. Steil fällt der Hang zu unfern Füßen ab, wie Kletten klammern sich an ihn die Keinen, schiefwinkligen Häuschen, tief unten walzt sich der Fluß und wie weiße Schmetterlinge gleiten auf ihm bte Segelboote. Zwei Riesenbrücken von kühner Eisenkonstruktion verbinden beide Ufer. Sie mögen Meisterwerke der Technik sein, mir stören sie zu sehr das landschaftliche Bild, und mehr als auf sie sehe ich zur Seite des hohen Straßendammes auf ein liebliches Gärtchen, in dem ein großer Orangenbaum seine dunklen Blätter schattend neigt über die klagenden Reste eines stark zerfallenen römischen Brunnens. Da hätte ich mich glücklich wieder zum Idyll zurückgesuttden, und um es eifersüchtig sestzuhalten, mache ich Schluß mit Besichtigen, flüchte mich in eine kleine Kneipe und lasse mir echtesten Portwein reichen. Wie Purpur leuchtet er im Glas, und nach dem ersten, noch mehr nach dem zweiten, und immer noch mehr nach dem dritten Glas verschwindet die Erinnerung an Brücken, Börse nnd alles Moderne. Liebevoll finden meine Gedanken den Weg zurück zu fleißigen Ochsen und ihren bunt gekleideten Führern, zu Palmen und Sonne und dem fröhlichen Proletariat des Südens. Als ich am Spätnachnrittag wieder_ zum Hafen fahre, wecken die zerlumpten Gesellen am Strand wieder meinen Neid und finden mein volles Verständnis. Ich bin überzeugt, wenn ich ein Kind Oportos wäre, ich läge auch den ganzen Tag im Sand, ich wäre Anarchist und würfe Bomben auf die Eisenbahn, die Elektrische, auf die Brücken und alles, was mit dem eisernen Tritt des Fortschritts mein Idyll zerstört. , Vinho de Porto, wie warst bu schön, wie bist du gefährlich! F u n ch a l b. Madeira, 11. April 1908. Das Gedächtnis. Eine Rätselfrage, mit deren Lösung sich die größten Denker und Naturforscher aller Zeiten vergebens abgemüht haben! In neuerer und neuester Zeit haben die Physiologen sich mehr nnd mehr mit rein experimentellen Forschungen beschäftigt, die allesamt darauf hinzielten, eine genauere Einsicht in bett Ban, die Struktur des Gehirns, itt die Funktionen seiner Einzelteile zu gewinnen. Vielfach sind diese mit ebenso bewundernswertem Scharfsinn wie unermüdlicher Ausdauer eingeleiteten und angeordtieten Ver- snche von überraschenden Erfolgen gekrönt worden. Aber den Schleier zu lüften, der bisher das Gedächtnisproblem verhüllte, war trotzdem nnd alledem noch feinem Sterblichen beschieden. Wird der neneste Versuch, bett ein gedankenreicher Forscher nnd ein unbefangen beobachtender Arzt untcr- nommen, um hinter das so sorgfältig von der Natur selbst gehütete Geheimnis zu gelangen, uns der Lösung erheblich näherbringen? Diese Frage drangt sich dem Leser der Festrede auf, die Geheimrat Th. Ziehen, der Vertreter der Psychiatrie und der Nervenkrankheiten ntt der Berliner Hochschule, ant Stiftitngstage der Kaiser Wilhelm-Akademie gehalten hat. „Das Gedächtnis", so lautet das einfache, inhaltschwere Thema seiner, um es gleich vorweg zit sagen, ungewöhnlich anregenden Abhandlung, in welcher der Vortragende einen knappen Heberblick über die geschichtliche Entwicklung des gestellten Problems gibt, um hieran den gegenwärtig durch die physiologische Forschung gewonnenen Stand der Frage scharf zit präzisieren. In dem mehr ge- schichtlichen Teil seiner Darstelluitg gibt sich Herr Ziehen als ein überaus kundiger Führer auf abseits von der wissenschaftlichen Heerstraße gelegenen Gebieten. Er zeigt sich gleich gut bewandert in den Werken der antiken Philosophie nnd Dichter, wie in den Schriften der Kirchenväter, der mittelalterlichen Scholastiker nnb der bahnbrechenden Denker der neueren Zeit. Aber er ist nicht bloß ein die Ansichten der Vergangenheit nachregistrierender Archivar sozusagen, sondern auch ein scharfsinniger Kritiker, dem es an mehr als einer Stelle gelingen konnte, überraschende Auffassungsgleichheiten zwischen den Weisen aus alter Zeit und den Forschern in unserer unmittelbaren Gegenwart anfzndecken. Mit lebhaftem Interesse folgt der Leser diesen Gedankengängen des Vortragenden. Hngleich bedeutungsvoller ist indessen der eigentlich naturwissenschaftliche Teil der dlbhandlnng. Herr Ziehen! verfährt bei der Verfolgung seines Themas nach vergleichenden anatomischen und vergleichenden physiologischen Methoden. In welchen Tierfamilien treten zuerst Erscheinungen nachweisbar auf, die auf ein Vorhandensein von Funktionen schließen lassen, die matt als „Gedächtnis" gelten lassen muß? So gelangt er, die Reihen auswärts durchmusternd, bis hinan ztr dem menschlichen Gehirn und zu beit in ber Großhirnrinde gelegenen „Erinnerungs- felbern", für deren Annahme auch die anatomischen Tatsachen sprechen. Es gibt verschiedene Empfindlings--nnd Erinnerungsfelber. Durch gehäufte Erregungen der be- treffenden Nervenelemente, durch „Hebung" schleifen sich diese Bahnen gewissermaßen aus, sie werden für die betreffende Erregung besonders leitungsfähig, sozusagen „äb- gestimmt". Hieraus erklärt sich dann auch physiologisch das Wiedererkenneii". An die Hnversehrtheit der Großhirnrinde und der in ihr vorhandenen „Erinnerungselemente" ist somit das Wiedererkennen gebunden. Man wird demnach vielleicht nicht mehr von einer einheitlichen Funktion „Gedächtnis" reden dürfen, sondern von verschieden fungierenden Erinnerungsfeldern, deren pezielle Lage allerdings genau bisher noch nicht ermittelt werden konnte. „Unsere latenten Erinnerungsbilder," so drückt sich Herr Ziehen wörtlich aus, „sind uns nicht als psychische Prozesse, sondern lediglich als materielle Ver- änderungen gegeben." Mit der Annahme „unbewußter"- psychischer Prozesse hat sich für die Klärung des Gedächt- nisproblems nichts anfangen lassen, während die Lehre von der „materiellen" Natur der lebenden Erinnerungsbilder überall fördernd und aufklärend gewirkt hat. Wenn aber Herr Ziehen noch einen weiteren Schritt wagt, und die Frage auswirft, ob das Gedächtnis der höheren Tiere wirklich so grundsätzlich verschieden sei von den Nachwirkungserscheinungen, die wir auch auf den niederen Stufen des organischen Lebens und sogar allenthalben auch im anorganischen Leben beobachten, so möchten wir unseres bescheidenen Teiles in dieser Verähnlichung gewisser Funktionen unseres Zentralnervenorganes mit rein physikalischen, das heißt nach Gesetzen der Statik erklärbaren und auch wirklich erklärten Erscheinungen eine fatale Begriffsverwechselung vermuten. Doch sei dem wie immer. Der Ziehensche Vortrag ist seinem erkenntnistheoretischen Inhalte nach von hervorragender Bedeutung. Er ist im Verlag von Ang. Hirschwald-Berlin erschienen. Vermachtes. * Die Gefahren des Schnürens. Die Reformbewegung auf dem Gebiete der Franenkleidung hat auch in den wenigen Ländern, wo sie überhaupt so weit Fuß fassen konnte, daß inan im Gesaintbild der Damenwelt ab und zu ein sogenanntes „Reformkleid" bemerkt, erwiesen, daß in der Praxis die Mode der Hygiene überlegen ist. Man mag sagen: leider! Denn wenn auch über die ^age ber Schädlichkeit des Korsetts viel gestritten worden ist, durste diese doch kaum zu bezweifeln sein. Nach einer Zusammenstellung der neueren Ansichten darüber, die in der allgemeinen Wiener Medizinischen Zeitnng erschienen ift, wird vor allem in vielen Fällen die Bleichsucht aus em srnh- zeitiges Tragen des Korsetts zurückznfuhren sem. Matz- gebliche Autoren vertreten diese Ansicht, wenn auch gewiß nicht jeder Fall daraus erklärt werden darf. Daß min- destens sehr häufig durch das Schnüren Chlorose erzeugt wird, erhält dadurch eine Stütze, daß sie bei Mannern überhaupt eine seltene Erscheinung ist, ferner daß M Zapan, wo trotz aller europäischen Tendenzen das Korsett nicht akzeptiert worden ist, die Bleichsucht saft niemals austritt mit Ausnahme der Fälle, wo Japanerinnen vollständige europäische Kleidung angenommen haben. Die nächste Wrr- knng des Korsetts ist eine Behinderung der Zwerchfell- 484 bewegungen und damit der Zwerchfellfunktionen. Die Röntgenuntersuchung hat starke Verschiebungen des Zwerchfells nach oben uachgewiesen. Weit schlimmer ist der anhaltende Druck des Schnürleibs auf die Bauchorgane, der sehr bald eine Verschiebung der Eingeweide aus ihrer natürlichen Lage zur Folge hat. Auch kommt es, wie Dr. Groedel beobachtet hat, häufig zur Entstehung einer „chronischen Schnürfurche". Auch am Magen selbst tritt eine solche Schnürfurche, ähnlich wie an der Leber, auf und soll die Entstehung eines runden Magengeschwürs begünstigen. Häufig bewirkt, wie von französischen Aerzten betont wird, das starke Schnüren die Entstehung des sogenannten Sanduhrmagens. Guillenot äußert darüber: „Diese Zusammendrückung kann beim Manne durch die Weste oder den Gürtel bewirkt werden; aber sie findet sich ungleich häufiger bei der Fran, wo das Korsett fast immer die Schuld daran trägt." Von besonderem Interesse sind die Mitteilungen von Dennig, der in Württemberg über die Lageveründe- rung des Magens zahlreiche Untersuchungen angestellt hat, die fast durchweg dasselbe ursächliche Moment erkennen ließen. Er sagt darüber: „Es ist in Württemberg nicht selten, daß die Reitrleider mit einem schmalen Riemen zusammengehalten werden, und die Nachfrage bei den von mir Untersuchten ergab, daß von den 406 männlichen Personen, bei denen eine normale Lage des Magens nachgewiesen wurde, nur 16 einen Riemen trugen, während von den 172, die ausgesprochene Gastrophose hatten, 79, also nahezu die Hälfte, die Hosen mit einem um den Körper geschlungenen Riemen oder Strick festhielten." Bon den 1173 untersuchten weiblichen Personen bestand bei 884, d. h. bei 75 v. H., ausgesprochene Gastrophose. Gesundheitspflege. Bei längeren Sommerreisen tritt durch die veränderte; Lebensweise manchmal Stuhlverstopsung auf. Man greife nicht sofort zu einem Abführmittel, sondern suche die Verstopfung zunächst durch Regulierung der Diät zu beseitigen, trinke morgens nüchtern ein Glas frisches Quellwasser oder eines unserer einheimischen Mineralwasser, dem man mit Vorteil den Saft einer Zitrone zusetzen kann. Auch den Tag über trinke mian öfters halbbecherweise frisches Wasser, nehme zum Frühstück reichlich frische Butter und Honig, bevorzuge zum Mittagstisch Gemüse oder Salat mit reichlich Oel, halte sich, wenn erhältlich, an frisches Obst oder verzehre während der Wanderung gedörrte Zwetschgen, nehme zum Abendbrot kräftiges Bauernbrot, mit Butter und Milch, süße oder gestandene. Führt dies binnen 24 Stunden nicht zum Ziele, so muß die Oeffnung durch ein Abführmittel herbeigeführt werden, da Klistiere auf Touren nicht anwendbar sind. Steht eine Zitrone zur Verfügung, so presse man deren Saft aus, gebe einen gehäuften Kaffeelöffel von kohlensaurer Magnesia in ein Glas Wasser, rühre tüchtig um und füge einen Eßlöffel Zitronensaft hinzu und trinke diese Magnesiabrause. Das Mittel wirkt gelinde nach einigen Stunden. Unter Umständen kann auch die kohlensaure Magnesia allein in Wasser verrührt den Dienst leisten. Hat man es nicht zur Verfügung, so kann man wohl in jedem Dorfe Brustpulver oder Sennesblätter bekommen. Von dem Brustpulver nehme mau abends ein bis zwei gehäufte Kaffeelöffel in ein bis zwei Eßlöffel Wasser oder Milch verrührt und trinke etwas Flüssigkeit nach. Von den Sennesblättern nimmt man 1 Eßlöffel voll in eine Tasse, die man mit Wasser auffüllt, läßt das über Nacht stehen, gießt am andern Morgen die Flüssigkeit von den Blättern ab, und trinkt sie. Auch ein Glas Bitterwasser morgens getrunken ist zu empfehlen. Am besten schließt man dann eine Wanderung an; Eisen- bahnfahrt kann mit störenden Umständen verknüpft sein. Ein spezielles Abführmittel als Ailsrüstungsgegenstand rnit- zuführen, ist bei der leichten Beschaffbarkeit eines solchen nicht notwendig; wer Neigung zu Verstopfung hat, möge die Pille oder Pastille, die sich ihm als vorteilhaft erwiesen hat, mitnehmen. Dr. G. — Frisches Obst als Abendbrot. Ein treffliches Abendbrot an heißen Sommertagen bildet der einfache Genuß von frischem oder gekochtem Obst mit trockenem Brot. Eine solche Mahlzeit mundet ausgezeichnet, sättigt vollkommen, ohne den Magen zu überlasten, stillt auch das Durstgefühl und wirkt in hygienischer Beziehung vorzüglich auf die gesamten Lebensfunktionen ein. Lebt man in solcher Weife längere Zeit diät, besonders auch auf Reisen unb in der Sommerfrische, so fördert man ungemein seine Gesundheit und wird die guten Wirkungen schon nach kurzer Zeit au sich verspüren. Der Genuß von viel Obst ohne jede Zuspeise, wie Brot, Senunel oder Zwieback, ist nicht zu empfehlen; man kaue stets Brot oder dergleichen dazwischen und erleichtere dadurch dem Magen seine Arbeit, zumal dieser, wie der ganze Mensch selbst, gar gn gern auch einmal ausspannt und sich erholen uni) kräftigen will. Mir die Hausfrau. — Man verwende niemals rohen Essig. Der Essig spielt in jeder Küche eine nicht unbedeutende Rolle. Zu vielen Speisen, die säuerlich schmecken müssen, wird er gebraucht, und wenn auch alle Aerzte, und zwar mit vollem Recht, den Essig verbieten, da er der Blutbildung entgegenwirkt, so wird er doch kaum aus der Küche 31t entfernen sein. Jedenfalls sollte man aber den Essig niemals in rohem Zustand verwenden, sondern nur gehörig abgekocht, am besten mit etwas Wasser verdünnt und mit etwas Zucker, Zwiebeln und Kräutern, so daß er gleich gebrauchsfertig ist. Der Essig muß vollständig aufkochen und dann wieder erkalten. In dieser Weise erreicht man einen viel milderen Geschmack der Speisen als bei Gebrauch von rohem Essig. Blutarme und bleichsüchtige Menschen sollten trotzdem den Essig ganz meiden itnb nur mit Zitronensaft säuern. Musik. ’’** Das Marschheft der „Musik für Alle" ist soeben erschienen. Neben modernen Märschen finden wir dort auch eine Reihe älterer Märsche. Aus der Marschliteratur der österreichischen Lande finden wir den Radetzky-Marsch von Johann Strauß Vater. Der fortreißende, kriegerische Räkoczy-Marsch kann als die Marseillaise der Ungarn bezeichnet werden. Ans der Reihe der preußischen Armeemärsche sind prägnante Proben, die am sinnfültigsten die Eigenart dieser Gattung darstellen, zunc Abdruck gelangt. Es sind dies der Hohenfriedberger Marsch- Marsch (I.) Bataillon Garde 1805, ferner der famose Finnlündische Reiterei-Marsch und der kräftige Torgauer, welch letzterer auffallend musikalische Verwandtschaft mit klassischen Themen bekundet. Die Klassiker sind auch nicht vergessen. Ein Marsch für Blasinstrumente von Haydn weist eine überraschende Aehnlich- keit mit preußischen Armeemärschen auf, während der wundervolle Rokoko-Marsch aus Mozarts komischer Oper „Figaros Hochzeit" uns die Vielseitigkeit des unsterblichen Meisters dartut. Zum Schluffe kommt noch ein Wiener Meister zu Wort. Es ist dies Schubert mit seinem heiteren, gemütvollen Militär-Marsch. Goldene Worte. Gehst du furchtsam und zart mit deinen Leiden um, so stechen sie heißer wie Breuncssel, wenn man sie bloß leise berührt. Aber gleich ihnen verletzen sie wenig, wenn du sie herzhaft und derb handhabst. Jean Paul. Zahlenrätfel. 1) ein Werkzeug 5 2 1 3 4. 2) „ Badeort 4 7 6. 3) eine Stadt 9 8 2 3. 4) eilt Brennstoff 9 4 10 8 11 12 4 14 7. 5) „ Fluß 4 15 4 8. 6) „ Tier 12 10 17 4. 7) „ KauihauS 13 10 10 7 2 1 1. 8) eine Zahl 1 4 14 1. Tie Anfangsbuchstaben von oben nach unten gelesen ergeben den Olmnen eines jetzt viel genannten Mannes. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der dreisilbigen Charade in voriger Nummer: S ch wabenland. Redaktion: P. Witiko. — Rolalionsdruct und Verlag bei Brüh lachen Universitäts-Buch- und Steindruckeretz R. Lange, Gieße?.