MütsoH den 5. Februar 1908 imilsg Kelmuiß von LoVlen. Ronian von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) XI. Marie Anne war natürlich sehr neugierig, zu erfahren, wie der Besuch in Rothaide verlaufen war, und hatte gern gründlich gefragt, aber ihr Gatte hatte sie gebeten, die zarte Angelegenheit nicht durch unnützes Geschwätz zu stören, und so hielt sie ihre Zunge im Zaum. Bei Recknitz stand cs schon lange fest, daß „der Junge" mal niemand anders wie „dies prächtige Mädel" heiraten dürfe. Loysen erzählte freiwillig viel von den Eindrücken, die er in dem idyllischen Torfe erhalten, wie srisch und stark er Wilhelm gefunden, wie unverändert die Großmutter, wie altvertraut die Gartenhalle und Wilhelms Zimmer, liebet Edeltraut ^hätte er gerne auch gesprochen, aber die Gewißheit, daß seine Schwester voll Spannung hierauf warte, machte ihn befangen. Er richtete endlich ihre Grüße aus und fügte hinzu, sie s.i sehr „nett und liebenswürdig" gewesen. Sinn mußte Marie Anne doch noch beipflichten: „Und sie soll so enorm tätig in der Wirtschaft sein, Haide hat eine große Hilfe an ihr." ' „Tas scheint so." „Tu sahst sie nun ganz erwachsen wieder." „Ja." „Hattest dn sie dir so gedacht?" „Ja." „Findest du sie hüb—," ein warnendes Stirnrunzeln des bärtigen Hausherrn schnitt ihr das Wort in der Hälfte ab. Loysen sah auf. „Wolltest du hübsch sagen? Nein, das ist sie eigentlich nicht int landläufigen Sinn, Wilhelm hat viel regelmäßigere Züge — aber niemand würde wünschen, daß sie anders aussähe wie sie gerade aussieht. Mir hat sie außerordentlich — gefallen." Marie Anne schwieg. Loysen erwartete mit innerer Ungeduld den Sonntag. Am liebsten wäre er täglich hingeritten. Inzwischen lief er mit Recknitz in der Wirtschaft hemm, spielte mit den Kindern Krocket und Reifen, ritt nach Lobwitz und Braunstadt, um seine innere Unruhe zu beschwichtigen. Am Samstag früh kam ihm die Idee, wenigstens in der Richtung von Rothaide zu reiten. Er ließ den Rappen ausgreifeii, und es freute ihn, wie der so die Wegstrecken eine um die andere hinter sich ließ und mit der Schnelligkeit des Adlers schon mitten in den grünenden Wiesen von Rothaide war. Nun ritt Loysen kreuz und quer drauf los, auf die Gefahr hin, gepfändet zu werden, hier einen Feldweg herauf, dort einen Fußpfad hinunter, immer scharf um sich spähend, denn es könnte doch fein, es begegnete ihm jemand, dem Grliße an die Herrschaft mitzngeben natürlich wäre. Mit einem Male sah er an einer Feld fläche, auf welcher unzählige Männer und Frauen arbeiteten, eine Tarne zu Pferd. Tas Pferd, eine kleine braune Stute von kräftigen Formens stand regungslos, die Reiterin, eine Hand auf die Croupe stemmend, wandte sich halb im Sattel um und sah auf das Feld, ©ie trug ein kurzes, erdfarbenes Kleid und einen kleinen runden Loden-- hut von gleicher Farbe. Ter gelbe Flechtenkranz blickte darunter vor und schimmerte int Sonnenglanz. .-Glück über Glück!" — dachte Loysen erfreut und fetzte Fra Diavolo in Trab. Im weichen Boden verklangen die Hufschläge, fo kam er ziemlich nah heran, ehe ihn Edeltraut bemerkte. „Oh!" — rief sie überrafcht — „wie kommen Sie hierher? Wollten Sie unsere Felder inspizirlN? — Versteh n Sie etwas davon? — dann hätte ich die größte Lust, Ihnen Rothaide mal zu zeigen!" „Das täten Sie? Aber das ist wirklich zu liebenswürdig!" „Ja, sehen Sie, wenn Sie so einen Begriff hatten von unseren Feldern, und wo sie liegen, und was sie tragen, und wie die Wiesen stehen, und wo die Schäferei ist, die ein Vorwerk bildet — wie könnten Sie dann mit Wilhelm darüber sprechen! Es wäre ihm eine J-rende mehr, die durch Ihre Besuche erwächst." „Ich verlange ja nichts Besseres." „O bitte, dann gedulden Sie sich noch zehn Minuten" — sie sah zur Sonne empor — „ja bann kommt meine Ablösung in Gestalt des alten Meiner!. Wissen Sie noch von ihm? Er war schon Vaters Inspektor — jetzt ist er recht kränklich und man muß ihn schonen. Sehen Sie, die Leute verziehen die jungen Zucker- rübenpflanzen, wissen Sie, was das ist?" „Ich habe wohl fcfynt von verzogenen Kindern gehört, vott verzogenen Rüben aber noch nie — es muß sehr angenehm feilt, von Ihnen verzogen zu werden, Fräulein Edeltraut." „Ich hoffe es! Aber nun muffen Sie wirklich ein bißchen aufpaffen. Was sehen Sie mein Pferd so an? Gefällt es Ihnen? Es heißt J-enella und ist fünfjährig. Eigene Zucht, ganz einfacher Landschlag, aber hübsch." „Ich habe durchaus nicht Ihr Pferd bewundert, sondern Ihre Zügelführung, aber nun, da Sie mich fragen, kann ich sagen, daß ich Fräulein Fenella famos finde. Da ist Draht tritt und gute Rasse." „Freut mich. Nun hören Sie, mit diesem Rübenanbau bin ich schrecklich unvorsichtig gewesen, ich habe sie viel zu früh säen lassen. Es war ein gewagtes Experiment, aber ich hoffe, es ist geglückt. Wir hatten keine Nachtfröste, seit sie keimten. Sie stehen riesig. Jetzt müssen die überflüssigen entfernt werden, das ist das Verziehen. Nun gilt es aufpaffen, und das besorgt außer mir jener Mann in Schmierstiefeln, mein Vorarbeiter. Tas dumme Weibervolk reißt sonst die K'raftpslanzen mit den Schwächlingen aus." „Sehen Sie, das war schon sehr interessant," sagte Loysen ernsthaft, und sie nickte einverstanden. Doch plötzlich umschattete sich die klare Stirn. „Sie fragen gar nicht, wie es Wilhelm geht," sagte sie vorwurfsvoll — „er hat nämlich keine sehr gute Nacht gehabt. Ich hätte Sie sonst gleich gebeten, ihn aufzusuchen, aber es ist besser, er bleibt heute ganz ruhig." ..... IW" TOPTV..... — 78 Jetzt kaut der erwartete Inspektor, bekam einige Anweisungen i »— dann wandte Edeltrant ihre Braune und sie ritten durch all ! die srühlingsfrohen Fluren, von Feld zii Feld, durch Wiesen und Busch. Das Terrain hob und senkte sich in sanften Linien, wodurch die einfache Landschaft einen gewissen poetischen Reiz erhielt. Blühende Kirsch-- und Pflaumenalleen leuchteten überall. Loyfen sah mit tiesinnerer Befriedigung, daß „seine Aus- crivählte" eine tadellose Reiterin war. Sie saß leicht und korrekt int Sattel, ohne sich dessen bewußt zu sein, ihr Wille beherrschte das ost mutwillige junge Tier, welches durch die ungewohnte Gesellschaft des weit ausgreifenden Rappen erregt, oft unruhige Seitenspriiuge machte. Sie sprach lebhaft und achtete nicht auf ihr Pferd, und doch ward jede Unart mechanisch korrigiert und in Grenzen gehalten. Welch' eine Offiziersfrau würde sie abgeben! — Gr sah sich schon an ihrer Seite durch die Fluren von Klippingen und die Moorhaide von Tobrau, die er so liebte, hingaloppieren, die schlanke Frau auf schlankem Rassepferd, lebhaft, verständnisvoll, ein treuer Kamerad seines Berufslebens. Tie Vorstellung berauschte ihn förmlich. „Reiten Sic intimer so allein?" — fragte er, nachdem beide, um einen Umweg zu sparen, über eine die Wiese abgrenzende Weißdornhecke gesetzt hatten. „Ja, denken Sie, daß ich mir ime Komtesse Henny einen kleinen Groom in roter Jacke halten kann? Tas wäre nebenbei entsetzlich unbequem." '„Kennen Sie die kleine Komtesse?" — fragte er rasch, „sind Sie befreundet?" — „O nein, ich habe weder Zeit noch Begabung für Frennd- schaften. In die Nachbarschaft komme ich so gut tuie gar nicht, früher fuhr Großmama mit mir nach Bardes und Lobwitz zu den Empfangstagen und so lernte ich die Nachbarn kennen, aber ich kann Ihnen nicht sagen, wie froh ich jedesmal war, wenn der Wagen wieder vor unserer Tür hielt. Wilhelm kann das Fahren schlecht vertragen, früher gar nicht, uni) was soll ich irgendwo ohne ihn! Sehen Sie, das ist nun unsere Schäferei, dies Gehöft mit, den alten Pappeln herum. Hier ist auch die Jnspektorwvhnnng, Auf dem Rothaider Hof bin ich Inspektor!" — Tie mandelweißen Zähne schimmerten zwischen den frischroten Lippen. „Ter Teich dort links von den Häusern ist die Schafswäsche. Tort übe ich mich, wenn es warm wird, in Geduld. Sehen Sie, dort oberhalb wird die Herde einzeln zwischen den Sittern auf das Sprungbrett getrieben, eines nach dem andern plumpst in das Wasser und muß den Teich zwischen Leiterzäunen in seiner ganzen Länge durchschwimmen. Tie Schafwäfchcr waten ihnen entgegen, fassen sie auf und rumpeln sie ab. Soll alles ordentlich zugehen, muß gut aufgepaßt werden, und ost sitze ich, um es besser übersehen zu können, zwei Stunden auf Fenellas Rücken, im kümmerlichen Schatten jener großen Kopfweide." „Alle Hochachtung," sagte Loysen, „aber ist das nicht oft etwas reichlich langweilig?" „Ich bin so glücklich, Langeweile nicht zu kennen, sogar nicht, während so und so viel hundert graue Schafe weißgewaschen werden! — So, nun blicken Sie in den Hof und beachten Sie den gegenüberliegenden Stall, Wilhelm hat ihn bauen lassen. Ein guter Ban, nicht wahr? — Jetzt aber möchte ich Jhneit attch itoch unser Dickicht zeigen, dort drüben das Wäldchen, Birken, viel Dornstrauch unb junge Fichten, ein kleines Wässerchen rinnt hindurch in den Teich. Da hatteit wir die kühne Idee, eine Fasanerie anzulegen, sie lieben das Terrain — aber die Fuchse haben sie erhascht und die Nachbarn haben sie uns weggeschossen." „Tas ist stark! — welche Nachbarn?" „Tort drüben grenzen wir an Hochwerth." Er wandte sich im Sattel der Richtung zn. „Das habe ich nicht gewußt! Das interessiert mich." „Tie Ellenheims stammen ja wohl aus Berlin, kennen Sie sie?" „Bitte sehr, nein," wehrte er, „und mit Nachbarn, die so wenig fair waren, Ihnen die Fasanen abzuschießen, will ich auch nicht bekannt werden, obwohl ich sie neulich in Lobwitz sah. Ich rntereffiere mich für Hochwerth, weil es das einzige Gut ist, von dem ich weiß, daß meine Vorfahren es einmal besessen haben." „Ach! Weiß Wilhelm das? Nein? Dann müssen Sie es »Hut erzählen. Es rückt Sie ihm noch näher — wer kann wissen, ob nicht etnmal ein Haide eine Loysen geheiratet hat?" „Oder umgekehrt," schaltete er ernsthaft ein, aber seine Augen lächelten sie an. „Oder umgekehrt," sagte sie ganz unbefangen, „dann wären Sie ja mtt Wilhelm verwandt." „Und mit Ihnen, Base Edeltraut!" „Und mit mir, Herr Vetter, aber das ist Nebensache!" „Erlauben Sie mir, das als Hauptsache zu betrachten?" „Gewiß nicht. Wilhelm kommt zuerst." Sie sagte das ganz heiter und freundlich, und machte ihn dann wieder auf alles atifmerksam, was sie ringsum sahen. Er bekam wirklich einen Ueberblick und war, als sie endlich auf Umwegen dem Gntshof znritten, wirklich ganz orientiert über Lage und Besehafsenheit der Felder. Weiter hatte sie nichts bezweckt. Bor dem Torf wollte er sich verabschieden, aber sie bat ihn, doch noch $u bleiben, ohne Bügeltrunk sollte er nicht nach Bardes zurück. Das kam alles wieder so natürlich und selbstverständlich heraus, daß er bei sich dachte: sie ist wirklich entzückend. Sie ritten nebeneinander die breite Torfgasse herab, Gänse schnatterten und Hühner flatterten, überall fah man junges, gelbes, pnsseliges Geflügel, auf dem Wasser des Tvrftümpels schwimmend, in die Hofpforten flüchtend, hier und da schob ein Köter bellend hervor, verstummte aber regelmäßig auf den Anruf des Schloßsräuleins. Sie kannte jeden Hund im Torf persönlich und das Alter und den Namen jedes Kindes. (Fortsetzung folgt.) Der Ma!er der deutschen Memstadt. (Zu Spitz Wegs 100. Geburtstag, 5. Februar 1908.) Karl Spitzweg, dessen 100. Geburtstag am 5. Februar in den Herzen die Erinnerung an den liebenswürdigen Maler deutscher Kleinstädterei wieder wachruft, war ein echtes Münchener Kind. Gar nicht weit von der Stelle, auf der der alte Peter, Münchens ehrsames Wahrzeichen, steht, hat auch sein Geburtshaus gestanden, und der still zufriedene, behag- liche Geist echt bayrischer Gemütlichkeit hat über feinem Leben wie über seiner Kunst gewaltet. Der Vater wollte nichts wissen von des Sohnes Neigungen zur Kunst; er ließ ihn Apotheker werden, uttd in der Münchener Hofapotheke hat der junge Spitzweg Lehr- und Provisorjahre verbracht. Man sagt bekanntlich den ehrsamen Herren Pillendrehern nach, daß sie einen besondern Vogel im Kopf hätten, und des Schnurrigen, Kuriosen und Kautzigen schwirrte wohl genug unter den Fläschchen und Mixturen herum, früher noch mehr denn jetzt. Die beiden großen Apothekerlehrlinge der modernen Literatur, Ibsen und Fontane, haben hinaus verlangt aus der engen Welt des Ladens; Spitzweg wußte seinem Berufe die besten Seiten abzugewinnen. Lange Jahre hat er Hintern: Ladentische gestanden, bis zum achtundzwanzigsten, bis der Vater starb und ihm die Frei- heitsstuitde schlug, die verschiviegetten Wünsche seines Innern ans Licht zu bringen. Das Behutsame, sein Ab wägende, sorgsam Machende, mit dem der Apotheker seine köstlichen und heilsamen Tränklein bereitet, ist ihm auch in feiner späteren Malarbeit eigen geblieben. Da hantierte er mig und doch im Innern seelenverguügt in feiner w liehen Werkstätte herum, strichelte und kratzte wied aus, bis endlich aus all den sonderbaren Prozeduren, unter Schimpfen und Stöhnen endlich ein solch buntes blankes Wunderding von einem Bild fertig war, das dem grämlichen Meister selbst ein befriedigtes Lächeln ablockte. Gern ist der Maler Spitzweg immer wieder eingekehrt in dies krause und absonderliche Milieu seiner Jugendjahre, bei der altertünrlicheit Architektur des alten Hauses, bei dem gemütlichen Herrn Prinzipal und dem gewichtigen Provisor, bei den alten Bauern, den Dienstmädchen mit dicken Backen und den kleinen pausbäckigen Kindern, die als Künden aus- und eingehen, bei den Stelzbeinen und alten Mütterchen, die nachdenklich verträumt auf der Bank sitzen und warten. Als Spitzweg seine Malerlausbahn begann, da hatte er schon sein Stoffgebiet gewählt und manche Skizze, manches sauber ausgeführte Blatt gezeichnet; er schloß sich aber nun an die alte Münchener Tradition an, die schon seit langem neben der offiziellen idealen Malerei blühte und gerade damals in Bürkels kräftiger Kunst sich Geltung verschaffte. Es waren das die Dillis, Wagenbauer, der Tiermaler Domenico Qttaglio mit seinen feinen Architek- tuven, der bisweilen so köstliche hnnwrvolle Peter Heß und Adam, der Soldatenschilderer. Sie alle hatten noch vom Rokoko gelernt, von seiner hellen, luftigen Harmonie; sie studiertest an den alten Niederländern die Delikatesse farbiger Wirkung und die Feinheit des Pinselstrichs. Spitzwegs besonderer Lehrer war Ednard Schleich, mit dem er zum Studium der Natur auszog und von dem er die gesättigt, warme Beleuchtung der Landschaft lernte. Mit Schleich hat er auch 1851 eine Studienreise nach Paris, London und Antwerpen gemacht; über am liebsten wanderte er doch durch die! 79 Keinen Städtchen, in denen sein Ange so viele entzückende Motive und eine ganze runde Welt des Schönen zu finden wußte, nach Nördlingen oder Dinkelsbühl, nach Meersburg oder Landsberg, vor allein nach dem lieblichen Wunder Rothenburg n. d. T., kurz überall dahin, wo man mich heute noch ein etwas von seinem Geiste walten und sich regen sieht, und saß dann still in seinem Atelier, drei Stiegen hoch, Ivo die alten Giebel miteinander Zwiesprach halten und von wo man das weite Land und die blauenden. Berge sehen kann, malte fleißig und unermüdlich vor sich hin, schwer von seinen eigenen Leistungen befriedigt, stets bereit, mit dem Messer dreinzufahren und auszumerzen und von vorn anzufangen, und doch ein Bild nach dem andern sich zur Freude schaffend und den Vielen, die ihn liebten und ehrten. So hat er gemalt, bis er nicht weit entfernt war von dem Alter seines erlauchten Malerpatrons Tizian, und dann hat ihm der Tod den Pinsel aus der Hand genommen . . . Spitzweg war kein originaler großer Künstler, der ein neues Empfinden, ja nur eine eigenartige Note in die Kunst gebracht Hätte. An Ursprünglichkeit des Gefühls, an Stärke und Fülle der Phantasie überragen ihn Schwind Und Richter, von denen beiden er mancherlei gelernt hat. Besonders oem Freunde Schwind ist er in manchen romantischen. Nachtszenen, in Serenaden und Märcheustimmungen gefolgt. Das Romantische lockte ihn nicht, nicht zog's ahn zum Schweifen in ferne Traumlande, noch nach den dämmernden Fernen der Vergangenheit. Wo er alte Einsiedel und Mönche, Hexenspuk nnb Nympheutänze gibt, ist es nicht der Dust einer wundersamen Waldstimmung, das Phantastische einer Vision, sondern das Behaglich-Irdische, Traulich-Versteckte einer eng umschränkten Existenz. In Spitzweg hat sich jene Einkehr der Romantik in der Wirklichkeit vollzogen, die schon Jean Paul in der Literatur vorweg genommen hatte. Es ist jene Uebergaugszeit von Romantik zu Realismus, zu deren reizvollsten Vertretern er gehört. Der Umschlvnng vollzog sich zuerst auf den: Gebiete der Literatur, da das biedermeierische Element stärker vordrang. Die Dichter ließen ab von der unendlich weiten Wanderung nach der blauen Blume; sie blieben bei ihren Rosenstöcken im Hausgarteu. Von den Wundern der Vergangenheit, der Legende und Sage, von all den traumhaften Verzückungen einer übersteigerten Phantasie wandten sie sich der Umgebung zu, dem Leben und sahen sie in dem bunten Glanz ihrer romantischen Brillen wunderlich gefärbt. So hat E. T. - A. Hoffmann gespenstisch-unheimlichen Spuk rings um sich wie einen Schwarm Fledermäuse ausflatteru sehen, bis noch zuletzt fein Blick, aus des Vetters Eckfenster schauend, gesundete. Brentano sah die Wirklichkeit in dein Zerrspiegel philiströser Dummheit, und Eichendorfs wurde ■ gemütlich, still verträumten Idylle. Aber sie alle reizte noch das Skurrile in der Erscheinung; die Originale und Querköpfe, die sonderbaren Käuze und wunderlichen Heiligen waren ihre Leute. Und andere folgten ihnen. Weisslog, ein Schüler Hofmanns, schilderte seine braven Organisten und Dorfschullehrer, denen das große bunte Schnupftuch aus der Tasche hängt, und die in Bachs rind Schillers Welten schweben, während die Schuljugend tausend Possen treibt. In Schwaben, in den Gedichten Moerickcs wch in den Novellen von Hermann Kurz, traten die alten Herren Dorfpastoren aus, in liefe Lektüre eines erbaulichen Buches verloren, während um sie die Hühner gackern und die Levkojen blühen, dann die Liebespärchen, „als der Großvater die Großmutter nahm", die zwischen den bunten Kugeln des Gärtchens schüchtern feurige Blicke tauschen oder sich ehrsam linkisch um den Hals fallen, während der Postillon zum Wfchied bläst. Stifter malte mit seinen fdit gestrichelten Worten die etwas mürrisch gravitätischen jungen Herren mit den bunten Westen und den blasierten Mienen/das Ehepaar beim Spaziergang oder einem harmlos spießbürgerlichen Spaß, Edmund Hoefer suchte sich die alten Stadtsoldaten mit ihrer bärbeißigen Jovialität für feine Geschichten aus, Karl von Holter das lustige Völkchen der Fahrenden in seiner grotesken Mischung von Glanz und Schein, Elend und Humor, Auerbach gab feine etwas geleckten Bäuerinnen; Franz Trautmann, ein engerer Landsmann und Gefinnungsgenosse unseres Spitzwegs, schuf feine mittelalterlich verschnörkelten Ritter-, Räuber-, Mönchs- und Abenteuer-Geschichten. Die Meister des Realismus, ein Raabe und Gottfried Keller haben dann diesen Stoffkreisen eine Kassische Prägung verliehen, und überallhin durch die Welt der Dachstübchen und Sonderlinge geleuchtet. Wir haben so ausführlich bei diesen literarischen Anregern Spitzwegs verweilt, weil es galt, die Atmosphäre zu bestimmen, aus der er herauswuchs, die Einflüsse zu kennzeichnen, die ihn zu seinen Stoffen führten. In ihm lebt jene spezifisch münchnerische Kulturstimmung, die etwa W. H. Riehl in seinen Schriften geschildert hat, da München noch viel von der Kleinstadt hatte nnb ein künstlerisches Leben sich, noch in wunberlich vertrackten Formen, eben zu regen begann. So begegneten sich seine persönlichen Eindrücke, fein eigenstes Empfinden mit den Kunstteilbenzen der Zeit. Die Genremalerei, die die Kunst der Romantiker und Nazarener ablöste, ist ja die Parallelerscheinung zu dieser Seite unserer Literatur. Spitzweg nahm nur Gegenstände zu Inhalten seiner Bilder, die überall behandelt wurdens er aber wußte sie innerlicher zu gestalten und mit einem echten Hauch des Lebens, einem über alles Kleinliche hinwegtragenden Zug des Mihrendeit und Ewigen zu durchdringen. Schon sein erstes Bild ist dafür Beweis: „Der arme Poet", der 1837 auf der Kunstausstellung sogleich das größte Aufsehen erregte und heute in der Münchener Reuen Pinakothek ist. Wie da der hungrige Dichter im Bett liegt in der kalten Dachkammer, in die es hereinregnet, unter dem roten Schirm, und Verse skandiert, das könnte Holteis „Lorbeerbaum und Bettelstab" illustrieren ober eine Posse von Nestroh; aber es ist weder sentimental noch zynisch gegeben, sondern mit einer humorvollen schlichten Güte, die trotz alles Keinlichen Beiwerkes, aus dieser malerisch reizenden Enge ausstrahlt. Mit einem Wort: Das Süget ist malerisch gesehen und gestaltet. Das ist es, was Spitzweg über seine Zeitgenossen so hoch hinaushebt nnb seine Bilder noch heute mit Heller Freude unb reinem Genießen anschauen läßt. Nicht die Inhalte machen die Welt Spitzwegs auch nicht die strickenden nnb lesenden Mönche, die Ed. Grützner bis zum Ueberdruß wiederholt hat, nicht die knickebeinigen Bürgersoldaten, die schon Heß gemalt hatte, nicht die Freuden und Leiden des Philisters, an denen sich die Düsseldorfer nicht minder ergötzten. Was aus feinen Bildern uns entgegenlächelt wie ein Gesicht aus guter alter Zeit, das ist bie verklärende Wärme eines reichen Gemüts, die in Farben und Formen ausgedrückt ist. Dieser Geist strahlt aus der säubern blanken Nettigkeit des Ganzen, aus dem bunten putzigen, überlegt „gekläubelten" Kolorit, aus dem eigensinnig krausen, drollig zierlichen Spiel und Gewirr der Linien, ruht in der spitzen fernen Art, wie die Figürchen und Gestalten in dem Raum gesetzt sind, luie sie sich aus der Natur, aus der Gasse herausheben, liegt in dem traulich gehaltenen Tönen, in denen die efeuumsponnenen alten Gemäuer, die Türme, die freundlichen Dächer und Stadtsilhouetten warm und weich gebettet sind, in dem hellblau lachenden Himmel mit den weißen Schäfchen-Wolken, dem heitern Rahmen aller Spitzwegschen Bilder, der das neutrale Braun der Landschaft mit all seinen bunten Tönen und hellen Lichtern zrir Einheit zusammenfaßt. Spitzwegs Kunst ist nicht nur eine Freude für die Herzen, sondern auch ein Fest für die Augen. Vom Zerch- nerischen, das er zunächst für die „Fliegenden Blätter" mit ergötzlichem .Humor deö Striches übte, entfernte er sich immer mehr; immer wärmer und leuchtender ivurden seine Farben, immer lockerer und leichter seine Harmonien, immer delikater die farbigen Akkorde. Unleugbar hat französische Kunst auf ihn gewirkt; noch stärker freilich der Kolorismus der alten Holländer. Für das farbenreiche Bukett seiner Bilder geben BroMvers kostbar leuchtende, warm flimmernde Farbensinfonien am ehesten ein Vorbild. Die Süße und der Wohllaut seiner Farben, die im Sonnenlicht spielende Helligkeit eines Waldinnern, die lockere Gelöstheit des Auftrags ist ihm dennoch im letzten beit Franzosen, vor allem Diaz, dann ben Meistern von Barbizon, wie Tau- bigny, übermittelt worden. Der beste Beweis für die Veränderung feiner Palette durch die französische Reise ist fein herrliches „Frauenbad von Dieppe", das in seinem ganzen Oeuvre vereinzelt steht. Wie hier von den seiusteii Nuancen des Gell', Grün und Weiß sich einzelne Töne von Blaurot und Rosa pikant abheben, das ist von einer an Corot ober Cliintreuil geinakmeiideii Feinheit. Spitzweg kennt überhaupt nicht die neutralen Sone, die berühmte „braune Sauce", die zu jener Zeit als Einheitston herrschte. Die Schatten hellt er durch rote Lichter, durch hellgrüne, blaugraue Nüancen auf; mit kecken Farbenspritzern und Tupfen belebt er die Hintergründe durch rote, grüne, gelbe Flecke und stimmt die Farben auf das feinste zueinander. Am 80 liebsten aber schwelgt er in vollen, starker! Akzenten, irr Preußischblau oder Violett, in aparten Rüancen von Ocker und Grün, und in seiner Leidenschaft für nrelodisch weiche Farben wird seine Süße sogar zur Süßlichkeit, wenn er sich in Skalen des Rosa ergeht, von einem milchigen Erdbeertorr Lis zu Lachsfarben und Pfirsichrosa. An seinen Sonderlingen und Hagestolzen gefallen ihm vor allem ihre hellblauen und blaugrünen Röcke, die gelben und mattgrauen Hosen, die apfelgrünen Westen, die dunkelroten und orangefarbenen Schnupftücher. So erhalten seine Brider alle etwas Geschmäcklerisches, Delikates, geben eine vollendete farbige Sinfonie. Ja bisweilen steigert sich das sogar zu einem juwelenhaften,. unruhigen Leuchteir und Schimmern, das die enge Älltagswelt in die Märchenluft von Tausend und eine Nacht taucht. Und dann mag cs wohl geschehen durch das Wunder der Kunst, daß plötzlich der Philister zu einem verwtmschenen Prinzen wird und der Maler der Kleinstadt zu einem seltsam mächtigen Zauberer. . . FMeudverenrs. Diakonus Benndorf hielt in der 2. Tiözesanversammlung in Jena einen Vortrag über „Jugendvereine",, der uns jetzt (im Verlage von A. W. Zickseldt in -Osterwieck a. H. erschienen) gedruckt vorliegt. Wir empfehlen seine Lektüre allen ernsten Freunden unserer schulentlassenen Jugend; denn die in ihm dargebotenen Gedanken über die Jugendfürsorge verdienen weitesten Wirkungsbereich, und allenthalben gilt es, Kräfte für das Liebeswerk zu werben. Nur einige Hauptgedanken seien aus diesem gehaltreichen Vortrage hervorgehoben. Möglichst in jed er Gemein de sollte ein „I u g e n d v e r e i n" — man nenne ihn auf oent Lande getrost mit H. Sohnrey „Burschenverein" — bestehen! Wer soll solche "Vereine gründen? Nur der ist dazu fähig, der mit der Jugend jung und ein ganzer Mensch sein kann, wer zumal unbeirrte, glaubensvolle Liebe zur Jugend hat. Wo Pfarrer und Lehrer die Sache an greifen — auch die andern Gemeindeglieder sind zum Zugreifen fähig und verpflichtet, aber sie tun es oft nicht —, da muffen sie den pastoralen und lehrhaften Ton draußen lassen. Jeder Schablone sollte sorgsültig aus- aewichen werden: die Hauptsache ist, daß durch persönlichen Einfluß Persönlichkeiten gebildet werden, die wissen, was sie wollen und wollen, was sie müssen, daß die Fugend durch vorbildlichen Umgang in ihren Gesinnungen gefestigt und veredelt und zu bewußtem Anstand erzogen werde. Der Sache ist es nach Diakonus Benndorf sicher dienlicher, wenn die Vereinigungen weniger in den Dienst der Kirche als in den der sozialen Gemeinde gestellt werden. Die Jugend hat Anspruch aus Freude und Kurzweil, nur muß ihnen die Geringschätzung niederer Vergnüg ungen eingeimpft werden, damit sie später zu vollwertigen Männern erwachsen können, die in einem tätigen Leben dessen edelsten Inhalt erblicken. Was B. in dem von ihm begründeten „Fugendbunde" an Belehrung und Unterhaltung bietet, kann hier nicht besprochen werden: aber sicher ist es wohl bedacht und in der Praxis leicht zu verwirklichen. Wir meinen, daß dieser Vortrag zu jenen gehört, die wieder und wieder gehalten werden müssen! ______ VerrnitzÄMs. „* Ist Tabak für Frauen schädlicher als für Männer? Diese Frage »ruß nach den neuesten Ergebnissen der medizinischen Forschung mit einem entschiedenen Ja beantwortet werden. Zwei französische Aerzte haben der „Socü'ts de bwlogic" die Ergebnisse ihrer Untersuchungen hierüber mitgeteilt, die sie Wnächst 'an Meerschweinchen und Kaninchen angestellt haben. Tiere, die mit Tabakslange oder Tabaksrnnch behandelt Wurden, brachten regelmäßig tote Junge zur Welt. An dieses experimentelle Ergebnis schloß sich eine statistische Untersuchung über die Arbeiter n. Arbeiterinnen der Tabaksabriten, deren Ergebnis Ivar, daß beiden Arbertcrmnen solü-er Fabriken Frühgeburten äußerst häufig und rhre Ktnuer gewöhnlich schwächlich sind und in frühem- Alter sterben, te-ie beiden Forscher ziehen hieraus den Schluß, daß das Rauchen der. Frauen durchaus zu verwerfen ist, dem man auch aus andern Gründen nur bechrmmen kann. Welt". Sammlung wissenschaftlich-genleinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 185. Bändchen.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. Mit 37 Tafeln und 3 Textbildern. (IV u. 140 S.) 8. In Leinwand geb. 1.25 Mk. — So unmittelbar wirksam Shakespeares Dramen auch heute noch sind, so scheint ein tieferes Verständnis seines Schaffens doch nur möglich aus einer Kenntnis des Kulturlebens des Zeitalters der Königin Elisabeth und der eigenartigen Verhältnisse der damaligen Bühne heraus, die s» außerordentlich weit von dem entfernt liegen, was wir Heutigen unter Bühnenkunst verstehen. Die Siepersch« Schrift versucht diesen Anforderungen gerecht zu werden, indem sie zunächst ein Gesamtbild des politischen und wirtschaftlichen Aufschwungs Englands zur Zeit der jungfräulichen Königin gibt und sodann zeigt, wie Lyrik, Epos und Drama einen immer günstigeren Boden für ihre Ent- faltung finden. So ist alles vorbereitet für die Tätigkeit des größten Dramatikers, den die neuere Zeit kennt, dessen Lebensbild, wie es sich ans den Sonetten und Dramen ergibt, nunmehr von dem Verfasser gezeichnet werden kann. Daran schließt sich die Chronologie der Shakespeareschen Dramen und eine Darstellung der vier Perioden seines dichterischen Schaffens an. Als Abschluß versucht Sieper eine Gesamt- Würdigung von Shakespeare als Dichter, indem er die Eigenart und die ethische Wirkung des Shakespeareschen Dramas zeigt. Tie zum Schluß angegebenen Hilfsmittel zum Studium des Dichters und der Anhang über die Shake- speare-Baeou-Frage bilden eure wertvolle Ergänzung des frisck und anschaulich geschriebenen Büchleins, dem verschiedene Shakespeare-Bilder, darunter auch das erst In jüngerer Zeit entdeckte Graftonportrüt, beigegeben sind. Wen» die Sonne unterging. Wie flolbtiev Sonnenschein am Maientag, So sonnig standest du in meinem Leben, Tu schenktest mir des Glückes Zauberqnell Und ließest wundersam mein Herz erbeben. Wir schritten fröhlich durch die grüne Flur, Aus deinen Augen strahlten (teilte Sonnen, Uns war des Lebens graues Alltagskleid Vom Glückeszauber rosig übersponnen. Tann kam der Tag, da unser Glück zerrann, Da uns nicht mehr verband ein traut Verstehen, Ta unsres Glückes Sonne unterging!-- Und nimmer werden wir ihr Leuchten sehen! — Clara Schobeß. Goldene Worte. Was ihr den Geist der Zeiten heißt, Tas ist im Grund der Herren eig'ner Geist. Was man nicht weiß, das eben brauchte man, Und ivas man weiß, kann man nicht brauchen. Wie sich Verdienst und Glück verketten, Tas fällt den Toren niemals ein; Wenn sie den Stein der Weisen hätten, Der Weise mangelte dem Stein. Tie Menschen fürchtet nur, wer sie nickst kennt, Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen. Goethe. Zahleurätsel. i 9 10 2 2 4 Stadt. i 2 10 7 9 10 Stoff. 3 4 5 8 Name. 4 7 9 4 Over. 5 1 2 4 8 7 4 Name. 6 7 9 9 10 5 Tier. 7 2 4 5 Nebenfluß. 8 10 7 10 5 Musikinstrument. 9 1 8 8 4 5 Geldstück. 10 1 2 der gefundenen Göttin. Die Anfangsbuchstaben Wörter ergeben Vor- und Zunamen eines Dichters. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummerr Der ist arm, den Sorge grau macht. CitSVKr'rfches. —Shakespeare und feine Zeit. Von Professor Dr. Ernst Step er in München. („Aus Nakttr und Geistes- I Richtige RätseWsungen gingen uns zu von: Gg. Arnold H. in Leihgestern, Weißbinderuteister Johs. Bender in Rodheim art der Bieber, ferner mehrere aus Gießen, Wiesest, Großen-Linden, Homberg, Ruppertsburg, Bad-Nauheim und Lieh. Redaktion: P. Witt ko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen.