E M We), M W- Tflb <908 — Nr. 70 IM Wirket, so lange es Tag ist. Roman von Maximilian Böttcher. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Marthas Gesicht, das dem Fragesteller noch immer abgewendet war, hatte sich zum Ausdruck grenzenloser Qual verzerrt. Aber wieder faßte sie sich rasch und antwortete scheinbar gleichmütig: „Mutter muß wohl ausgeglitten sein. Vielleicht lag auf einer Stufe ein Kirschenstein oder eine Obstschale, und unten der Boden des Flurs, auf den fie auffchlug, ist mit Steinplatten gelegt — dn kennst ihn ja. Ich hatte gerade int Garten zu tun. Als ich aus Vaters und Wilhelms Hilferufe herbeikam, war schon alles vorüber." „Seit drei Jahren schon lebt Wilhelm hier bei euch?" fragte Heinz, und gleichsam erklärend setzte er hinzu: „Pfarrer Reichardt hat mir von ihm gesprochen." „Ach so," erwiderte Martha und zog die Schultern hoch. Heinz hatte sich aus seiner gebückten Stellung aufgerichtet und sah mit besorgtem Blick auf die noch immer neben ihrem Korbe Knieende nieder. „Und diese langen drei Jahre über hat dein Bruder nichts getan, keine Arbeit, keinen Verdienst gesucht, hat er seinem Vater, oder richtiger dir, zur Last gelegen?" „Weshalb fragst du? Reichardt hat es dir doch offenbar schon erzählt," versetzte das Mädchen in einem Ton, gegen dessen dumpfen Schmerz trotzige Auflehnung vergeblich anzukämpfen suchte. „Reichardt hat mir nur andeutungsweise. . ." „Nun ja, es ist so. . ." unterbrach Martha heftig. „Wil- helm arbeitet nicht. Er lungert herum, wenn du willst. Und ier trägt ungesunde Ideen unter die Leute. Aber. . ." fügte sie leise hinzu, „ich bin seine Schwester und habe ihn lieb — trotz alledem." Sie war mit dem Aussuchen der angeschlagenen Birnen fertig, erhob sich und las jetzt auch die im Grase verstreuten Früchte zusammen. Doch ihre Bewegungen waren mechanisch, und ihr Blick irrte wieder und wieder unruhig ins Leere. Heinz Vollraths Züge hatten den Ausdruck der Bitterkeit angenommen. „Allerdings ein Mustermensch, dein Bruder, der die Arbeit scheut — nnt> vom Schweiße eines schwachen Weibes lebt," stieß er höhnisch hervor. „Ich bin nicht schwach," antwortete Martha in zähem Eigensinn. „Wenn deinem Vater einst," fuhr Heinz fort, „jemand die Befürchtung aussprach, daß aus Wilhelm nichts Vernünftiges werden möchte, pflegte er fcharf zu erwidern: „Meine Wirtschaft ernährt nur einen Faulenzer, und der bin ich selber". Hat er sich geändert, oder hat er nicht mehr die Kraft, einen Tagedieb mit dem Stock vom Hose zu treiben?" Ganz gegen seinen Willen hatte ihn der Zorn übermannt, aber das erging ihm leicht so, wenn er einen braven Menschen um eines Unwürdigen willen leiden sah. Und nichts vor allem konnte ihn heißer empören, nichts erschien ihm verächtlicher, als die egoistische Ausbeutung des Weibes durch den Mann. Martha hatte sich aufgerichtet, mit einer raschen Bewegung ihr Kleid geglättet und den schweren Korb vom Boden aufgehoben. Mit der freien Hand strich sie sich eine Strähne widerspenstigen Haares aus der Stirn. „Ich kann dir auf alles das nicht antworten," sagte sie mit einem seltsam müden Tonfall. „Und dann ... es ist Zeit zur Abendmelke ... die Mädchen sind noch auf dem Felde . . ." Sie stand regungslos auf ihrem Fleck und streifte Heinz mit einem forschenden Blick, als erwarte sie noch ein letztes Wort von ihm. „Martha," sagte Heinz mit leiser Eindringlichkeit, nahm des Mädchens Hand und hielt sie eine Weile mit festem Truck mit» schlossen. In Marthas Antlitz zuckte es, und sie versuchte ihm ihre Hand zu entziehen. „Martha," sagte Heinz noch einmal, und tiefe Innigkeit klang durch seine Stimme, „ich wollte dir nicht wehe tun, gewiß nicht. Ich sah nur, wie schwer du zu leiden hast, und ich weiß nicht, was ich darum geben möchte, wenn ich dir dein Leben leichter machen könnte." Da perlten, trotz allen Tagegenwehrens, zwei große Tränen aus Marthas Augen. Sie stellte den Korb ins Gras zurück und strich sich wieder mit der Hand über daS blonde Haar, auf das die Strahlen der sich langsam zur Rüste neigenden Sonne fielen. „Tu mußt Wilhelm nicht verurteilen," sprach sie: „er ist nicht, schlecht, ich weiß, daß er nicht schlecht ist. Ich hab' sogar schon immer gedacht, du könntest ihn vielleicht wieder zu einem brauchbaren Menschen machen, wenn du dir die Mühe gäbst, Einfluß auf ihn zu gewinnen. Ihr wart doch früher so gute Freunde. . Es ist ja schrecklich, daß Wilhelm dahinlebt, zu nichts und nichts nütze," fuhr sie nach einer kleinen Pause fort: „aber er hat wohl Vaters Blut, und die Eltern haben ihn so sehr verwöhnt in seiner Jugend und ihm allen Willen gelassen. Da ist er haltlos und schwach geworden. Zu vernünftiger, ordentlicher Arbeit fühlt er nicht die Kraft und möchte sich doch irgendwie betätigen. Er ist ein Phantast. Einmal, gleich nach Mutters Tode, har ep eine Stellung gehabt, eine leichte, angenehme Stellung auf Fichtenhöhe, bei dem neuen Besitzer, dem Kommerzienrat Friedheim, als Verwalter des Gutshofs, und er hat da auch zwei Monate lang ganz redlich feine Schuldigkeit getan und sich auch wohl gefühlt, wic's schien. Doch Friedheim hat eine bildschöne Tochter, und Wilhelm Ivar unvernünftig genug, sich wie toll in sic zu vergaffen. Weil er's aber schließlich wagte, sic mit Liebesanträgen zu verfolgen, wurde er Knall und Fall entlassen. Erst von da an ist's überhaupt so schlimm mit ihm geworden, erst von da an hat er begonnen, seine dummen Ideen unter die Scutc^ zu tragen. Und wenn er auch nicht darüber spricht, das Fräulein M»m Schloß sitzt ihm noch immer im Kops, und er trcib's mit ihretwillen noch mal zum Unglück, wenn d u nicht imstande bist» ihn auf vernünftige Gedanken zu bringen," 278 Mit bent Ausdruck bittenden Vertrauens richtete Martha ihre Niigen voll auf Heinz Vollraths Antlitz. Ter hatte den Blick 31t Boden gesenkt und nagte an seiner Unterlippe. „Luise! . . . Liese! . . . Martha! .... Martha! . . ." rie' ebeu vom Bartikvwschen Gehöft her eilte laute Stimme, erging sich, als keine Antwort erfolgte, in heftigen Flüchen und trompetete dann wieder, „Martha! . . . Martha!" Die so stürmisch Begehrte rührte sich nicht. Noch immer sah sie mit dem Ausdruck heißen, vertrauenden Flehens den Jugendfreund an. Ta wurde auch schon die Tur des hohen Staketenzaunes aufgerissen, der Hof und Garten schied, und immer noch rufend und fluchend erschien der alte Bartikow unter dem großen Ho- lunderbaum, dessen Zweige den Torbogen wie mit einer grünen Laube überwölbten. Bartikow war von untersetztem, gedrungenem Körperbau, breitschultrig. In die großen, hellfarbigen Augen, die niedrige Stirn fast ganz verdeckend, hing wirres, störrisches, grauweißes Haar, wie ein bereiftes Strohdach über die Fettster eines alten nord- deutschen Bauernhauses hängt. Eine Kopfbedeckung trug Bartikow nicht; seine Kleidung war städtisch, von feinem Tuch und Schnitt, aber zerdrückt und lüderlich; einen Kragen hatte er nicht um, und seine Füße steckten in bunten, mit zierlichen Blumen bestickten Hausschuhen; — es sah aus, als wäre er so, wie er da ging und stand, eben mit deut Ausschlafen eines gehörigen Rausches fertig geworden. Auch im Zorn waren seine Bewegungen schwerfällig und alles in allem machte er den Eindruck eines Mannes, der inmitten der sechzig steht, während er doch in Wirklichkeit kaum erst die Mitte der Fünfzig überschritten hatte. Als er Heinz Vollraths ansichtig wurde, stutzte er einen Moment. Dann, ohne ihn weiter zu beachten, polterte er, wenn auch mit etwas vermindertem Stimmaufwand, weiter: „Mas ist denn das für • 'ne Wirtschaft eigentlich? Ihr wißt doch, daß ich meinen Kaffee verlange, wenn ich von meiner Mittagsruh' aussteh'. Wo steckt beim überhaupt die Liese?" „Sie ist mit ins Heu," erwiderte Martha mit gelassener Kürze, fast unfreundlich. „Mas hat die ins Heu zu gehen? Die ist zu meiner Bedienung da. Hol der Deibel das Heu, wenn ich meine Bedienung nicht haben soll." Er stand noch immer unter dem Torbogen und schickte fctzt einen hochmütigen, beinahe herausfordernden Blick zu Heinz hinüber, gleich als wollte er sagen: „Na, mein Bürschchen, du weißt wohl nicht, was deine Schuldigkeit mir gegenüber ist?" Heinz fühlte sich nicht im geringsten verletzt durch diesen merkwürdigen Empfang. Er wußte von früher her, daß dem alten Bartikew ein grenzenloser Dünkel im Nacken saß, ein Dünkel, der es nun und nimsniermehr zuließ, daß er dem jüngeren zuerst die Hand bot. Welch ein Abstand auch zwischen ihm, dem größten Grundbesitzer von Fichtenwalde, der trotz seiner Schulden auf semen zweihundert Morgen Land wie ein kleiner Fürst saß, und dem „Kramersohn", dem „Studierten", bett der Staat durchfüttern mußte! Heinz wußte: ;o lange dem Alten noch ein Stein an seinem Haus, em Halm auf seinen Feldern gehörte, würde sein Dünkel nicht in die Brüche gehen. Und um Marthas willen trat er heran, lüftete den Hut und sagte: „Guten Tag, Herr Bartikow." Ter nahm gnädig die ihm hingestreckte Hand und fragte: „Na, Mund wieder daheim?" Ohne eine Antwort abzu- warten, winkte er seiner Tochter mit dem Kopse und brummte dabei: „Nun möcht' ich aber endlich meinen Kaffee," nickte Heinz herab- chssend zu und trat auf das Gehöft, aus dessen Stallungen das Blöken der Kühe tönte. Martha nahm ihre beiden Körbe auf, grüßte Heinz noch einmal mit den Augen, wobei aus ihrem Blick eine Bitte um Verzeihung für ihres Vaters Betragen sprach, und folgte dann dem Borangegangenen mit raschen Schritten. — ---— — dlls Heinz Vollrath ein Viertelstündchen später die Tors- strnße betrat — er wollte noch einmal ins Pfarrhaus, fich um Rerchardt zu kümmern —, sah er seine Mutter vor der Tür ihres ^adeus stehen und sehnsüchtig nach seinen Fenstern spähen. Er ging zu ihr hinüber und fetzte sich mit ihr auf die kleine Bank, die lindeuuberwölbt vor seinem niedrigen Elternhaus stand. Ten Fahrdamm daher kam eben, eine große Staubwolke aufwtrbelud, eine bunt glänzende Kavalkade; zwölf bis vieo- zehit Retter tn roten Rücken, tackledernen Stulpenstiefeln und brnchgezterten -lagdmützen; in der ersten Reihe eine Dame in hellgrauem, fast weißem Tnchkleid; und in gemessenent Abstand hinter dem Trupp von Herrenreitern, die fast durchweg den Eiu- druck von Offizieren machten, Pigneure und Jäger, die großen Jagdhörner über den Schultern, und begleitet von einer buntscheckigen, wohl vierzig bis stinfzig Köpfe starken Meute. „Aha," brummte Frau Vollrath, „die vom Schloß haben heute wieder Parsorcehetze gehabt, oder wie sie das Ding nennen." , , ®am.e, in hellgrauem Kleid galoppierte eben an, rief lachend über die Schulter weg eine Bemerkung zurück, und sogleich sprengte em auffallend großer, sehr hagerer Herr ihr nach, ohne daß cs ihr gelungen wäre, so rasch, wie er es wohl wünschen mochte, an ihre Seite zu kommen. Als die Dame am Vollrathscheu Hause vorübergaloppierte, durchzuckte es Hemz wie ein elektrischer Schlag; denn er erkannte in ihr das schöne Fräulein Friedheim, das auf der gestrigen Fahrt von Fuchsendorf nach Fichtenwalde seine Coupsgenossin gewesen war. Heinz folgte der pfeilschnell vorüberhuschenden Gestalt mit trunkenen Augen; und wieder war es ihm, als hätte sich plötzlich in seinem Herzen ein Licht entzündet, das mit großer, brennender Flamme sein ganzes Inneres erfüllte. „Der . . . der Hvpfenstock, der dem Fräulein da nachreitet auf Kinern hochbeinigen Fuchs, ist unser neuer Forstmeister, Baron von Bannemann," sagte Frau Bollrath in ihrer derb-drastischen Weise. „Auch so einer, der die armen Leute am liebsten mit Hunden aus der Heide jagen möchte, wenn sie eine Hucke voll Holz oder einen Kvvb voll Beeren sammeln. Dabei hat er selber nichts wie Schulden über Schulden. Na, er wird wohl denken. Wenn er erst das Fräulein Friedheim geheiratet hat, dann wird sie der Kommerzienrat schon bezahlen müssen." „Ist er denn mit dem Fräulein verlobt?" fragte Heinz mit tonloser, beklemmender Stimme. „Noch nicht, aber es soll ganz nahe daran sein. Jedenfalls vergeht kaum ein Tag, wo er nicht oben ist auf 'm Schloß." Eben zog der Haupttrupp der Jagdreiter in dem gemächlichen Tempo der Heimkehr vorüber. „Ter da ganz hinten, der Kleine mit dem großen Schnurrbart — eben dreht er sich nach den Hunden um — das ist der Kommerzienrat," kommentierte Frau Vollrath weiter. „Hat er noch mehr Kinder, oder nur die eine Tochter?" fragte Heinz, nur um etwas zu sagen. „Einen Sohn noch... so von sechzehn, siebzehn Jahren." „Hm —Heinz blickte der bunten Kavalkade nach. Zu ihren beiden Seiten, immer durch den dicken Sand der Sommerwege, lief ein großer Haufe barfüßiger und ärmlich gekleideter Kinder, die. nicht müde wurden, den Reitertrupp mit lautem Zuruf zu umjubeln, gleich als käme er aus siegreich bestandenem Feldzuge heim. Doch sah und hörte Heinz das alles wie durch einen dicken Nebel; seine Gedanken waren bei der schlanken Gestalt der schönen Amazone, die ihm Herz und Sinne wie mit einem Zauberbann umstrickt hielt. Viertes Kapitel. Tie Wochen gingen hin. Ter Herbst verlor feine bunten Farben, und über den, von rauhen Winden kahlgefegten, grauen Bäumen hing meist ein trüber sonnenloser Himmel, düster und nebelschwer. In den Nächten schliff schon der Winter seine scharfen Eispfeile, und mit um so bangerer Sorge sahen die Aermsten in Fichtenwalde und Schöuaue seinem Nahen entgegen, als Forstmeister von Bmtnemnnn, dem Lesehvlzsammler, Beeren- undPilz- ucher von jeher Dornen im Auge gewesen waren, eine kategorische Bekanntmachung erlassen hatte, mit welcher er das Betreten der einer Oberaufsicht unterstellten Forsten ein für allemal bei Pfändung und Strafe verbot. Die Leute, betten — so weit sie zurückdenken konnten — der Wald immer offen gestanden hatte, die durch jahrzehntelang Ge- wöhnung dahin gekommen waren, ihn gleichsam als eine Domäne des Nebenerwerbes zu.betrachten, empfanden des neuen Forstmeisters Verfügung als eine ganz unnötige Härte. Dazu waren nicht wenige in den beiden Dörfern, für die es in der Zeit, da die Feldarbeit ruhen mußte, keine andere Beschäftigung als Besenbinden, Körbeflechten und Anfertigung kleiner Holz- chnitzereien gab, die im Winter auf den Wald als auf ihre einzige Berdienstguelle unbedingt angewiesen waren. Diese klagten Heinz, bei dem — wie sie wußten — jeder für seine Beschwerden ein offenes Ohr fand, in bitterett Worten ihre Not; und Heinz ging eines Tages auf die Oberförsterei, um Herrn von Bannemann um Aufhebung des strengen Verbotes zu bitten, das die Existenz von mehr als zwanzig Familien seines Sprengels geradezu in Frage stellt. (Fortsetzung folgt.) 279 Kelmuih von Lonsen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ter Regen trommelte, mit Hagel vermischt, hart auf das Lach und floß am Eingang als graue Gardine herab. „Tun Sie mir jetzt den Gefallen und ziehen Sie Ihren Rock selbst an!" sagte Edeltraut hart. „Finden Sie mich shocking, so in der Weste?" „Ich sehe Sie ja gar nicht an, aber ich weiß nicht, wes^- halb ich Ihren Rock halten soll." Ta war etwas in ihrem Ton, was seine Lebensgeister mehr hob, als niederdrückte. „Wenn ich gewußt hätte, daß Sie so unartig sind," sagte rr heiter, „wäre ich bei Fräulein Ada geblieben!" „Tas wäre auch das beste gewesen." Er überlegte, was nun tun, wie sie dahin bringen, daß sie ihm freiwillig, von ihrem Kümmer um Wilhelm sprach. Es entstand eine Pause. Endlich war Edeltraut diejenige, hie das Schweigen brach. „Schön ist sie," sagte sie. „Wer?" fragte er verwundert. „Tiefe Hütte? Das ist Geschmackssache." „Fräulein von Valois." Er lachte. „Ja, die!" versetzte er etwas ärgerlich. „Und das war sie schon, als ich mich vor neunzehn Jahren in sie verliebte. Sie ist ein Unikum guter Konservierung." Edeltraut sah sich um, ihre Augen öffneten sich in ungläubigem Staunen. „Bor neunzehn Jahren waren Sie vierzehn Jahre alt!" „Ganz recht. Ich habe eben sehr früh angefangen. Was sie betraf, so sagte sie schon damals, daß sie nun bald aufhören werde, Bälle zu besuchen. Uebrigens eine gräßliche Person mit ihrem Afrikakultus. Man wird sie ja nicht wieder los. Heute gerade habe ich sie wohl zehnmal dorthin gewünscht, wo der Pfeffer wächst, und ihr die besten Worte gegeben, sich in den Schatten zurückzuziehen — aber es war umsonst. Na, aber nun ist sic fort und ich stehe Ihnen endlich allein gegenüber und möchte fragen: Edeltraut, was denken Sie eigentlich? Bitte, sehen Sie mich doch einmal an und sagen Sie mir Ihre Gedanken." . „Ich weiß nicht, was ich denke!" Das war wahr. Sic sagte es ganz tonlos und starrte in den Regen und mit offenen Augen in die Blitze und dann trat sie plötzlich vor, daß ihr die Tropfen auf das dünne, jveiße Gewand klatschten, und hob beide Arme hoch empor, als wolle sie mit diesen den Regen aufsangen oder eine Engelsbotschaft grüßend umfangen. Der Mann sah ihr zuerst betroffen zu. Tie auf den Fußspitzen^ schwebende Gestalt mit den auswärts gestreckten Armen war die Verkörperung frohen Aufschwunges und dabei so ahnungslos der treibenden Kraft ihres Tuns, daß die fast theatralische Stellung den Reiz des Unbewußten behielt. " Ob ihm eine Ahnung dessen dämmerte, was in ihr vorging, oder ob er nur dem richtigen Instinkt folgte — er trat neben fie, nahm den Rock, der nun doch wieder herabgefallen war, vom Boden und legte ihn ihr zum drittenmal um. Sie ließ es geschehen. Auch als er sie aus dem Bereich der Regentropfen zog und dabei etwas schatt, erwiderte sie nichts. Ihre Seele war in Verwirrung und siechte sich umsonst zurecht zu sinden. „Liebe Edeltraut," sagte Loysen nun herzlich in brüderlichem Ton, „Sie geben mir, seit ich Sie wiedersah, Rätsel aus. Weshalb? Weshalb vertrauen Sie mir nicht an, was Sie drückt?" Cfr snhsrte fie zur Bank im Hintergrund der Hütte und er fuhr fort, während sie sich setzten: „Daß dies der Fall ist, sehe ich ja. Wozu bin ich dcnn da, wenn nicht um Ihre Kümmernisse und Freuden zu teilen? Soll ich Ihnen ein wenig entgegenkommen? Vielleicht denken Sie, cs sei nicht erlaubt, über anderer Leute Geheimnisse zu reden, aber ich ahne solche. Ich verlange auch gar nicht, daß Sie mir hierüber etwas erzählen sollen — was ich allein wissen möchte, ist, was Sie innerlich durchgemacht haben, seit es Ihnen klar wurde, daß sich Wilhelm und Anne einst nahegestanden haben." Sie sah ihn unverwandt an, ihre Hand lag in der seinen und sie ließ es geschehen, daß er den schützenden Rock, wenn er von ihrer Schulter glitt, heraufzog und dort scsthiclt. Seine. Worte und der Ton seiner Stimme taten ihr unbeschreiblich wohl. Es war) als lege eine linde Hand heilenden Balsam auf ihr wundes Empfinden. Tie Tränen schossen ihr in die Augen, sie kämpfte sic herunter und sagte mit einem kurzen Ausschluchzen: „Alles will ich Ihnen sagen, alles. Helmuth, ich bin nun nial so, ich muß immer mit der Wahrheit heraus. — Ich schwieg bisher, weil ich glaubte. Sie hätten ja doch nur noch ein geteiltes Interesse für mich. Ich glaubte, ich hätte den Freund verloren, wie ich den Bruder verloren habe ... den Bruder, der mir alles war." „Und weshalb, um Himmelswillen, glaubten Sie, den Freund verloren zu haben?" Nun lvurde sie feuerrot und verlegen. „Werden Sie mich auslachen? Ich glaubte, Sie wären hier, um — um Ihrer Jugendliebe wegen. . . Ada Valois. Sie hatte cs mir gesagt." Er mußte wieder lachen. „Edeltraut, Sie sind doch sonst eigentlich gescheit!" sagte er. Sein Herz hämmerte und seine Pulse flogen, aber das durfte sie nicht merken. Jetzt noch nicht. Er kannte sie doch — ein verfrühtes Wort und mit Entsetzen hätte sie sich abgewandt und wäre, jeden Wetters spottend, davongelausen — wie vorhin. Seine Brauen zogen sich zusammen bei der Erinnerung. „Sagen Sie mir doch, Edeltraut, weshalb ließen Sie denn vorhin den Grasen Trauen stehen und rissen vor ihm aus? Ja, das taten Sic. Ich habe alles beobachtet." „Ter — dem — habe ich einmal vor vielen Jahren einen — Korb gegeben . . . ." „Armer Kerl!" „Was? Sic bemitleiden ihn? Wer hieß ihn sich den holen! Aber es ist indiskret, daß ich Ihnen davon rede." „Nein, das ist es nicht. Ta ich nicht die mindeste Absicht habe, „mein Interesse" zwischen Ihnen und der schönen Konserve zu teilen, sondern ausschließlich Ihr Freund zu sein wünsche, bitte ich um unbedingtes Vertrauen. Sie wollten also damals Gustav Trauen überhaupt nicht heiraten — Sie wollen überhaupt nicht heiraten?" „Nein!" „Sie lvürden natürlich auch mich abweisen, lvenn ich Ihnen einen schönen, formvollendeten Heivatsantrag stellte." Sie lächelte ein wenig, so ganz verirauensficher und ruhig. „T a s fiele Ihnen ja doch zum Glück im Leben nicht ein — bitte, versprechen Sie cs mir. . Es würde unsere Freundschaft zerstören," „Ich verspreche. Ihnen keinen Heiratsantrag zu machen. — Sind Sic nun beruhigt? — Werde ich nun endlich zu hören bekommen, was Ihr Herz beschwert hat, seit Sie mir den letzten Brief schrieben, der noch so ganz die alte, freudige Edeltraut war?" Sie rückte näher und begann zu sprechen, erst zögernd, dann immer schneller, leise, unaufhaltsani. Es war eine so namenlose Erleichterung, alles Weh, alle Enttäuschung, alle Selbstvorwürfe diesem treuen Freunde ausschütten zu können, ihm so ganz genau zu berichten, wie die trauervolle Erkenntnis künftiger Verödung und Einsamkeit ihres Lebens über sie gekommen sei, wie sie jenes unfaßbare Ettoas, das sie sortan von Wilhelm trennte, zu erkennen und zu besiegen strebte, wie sie gelitten und heimlich geweint um ihr verlorenes Königreich und sich selbst deswegen des krassesten Undankes angellagt hatte. Sie saß fest an ihn geschmiegt, den Köpf an seine Schulter gelehnt, ihre Hand noch in der seinen. Es war so köstlich, Verständnis und hier und da ein Wort des Trostes zu finden — Verständnis, Trost und brüderliche Liebkosung, wie sie dies bis jetzt bei Wilhelm gefunden hatte. So pflegte sie neben dem zu sitzen in schrankenlosem Einvernehmen, im Gefühl sicherer Geborgenheit. Ter Regen hatte aufgehört, aber cs troff uoch von allen Zweigen und wie in Rcbeldunst war die nächste Aussicht gehtillt. Weit in der Ferne verhallte der Tonner und nur Äit fahles Aufleuchten kündete noch von Zeit zu Zeit, in welche Richtung sich das Wetter verzogen hatte. Edeltraut schwieg endlich. Ihr war zu Mut, als sei eine Last nach der andern von ihr abgesallen. Ein Gefühl mrbegrenzter Dankbarkeit ■ gegen den mitfühlenden Freund an ihrer Seite erfüllte sie. Sie hatte mögen uoch lange so dasitzen und empfand es wie eine Dissonanz, daß er plötzlich ausspmng, an den Eingang trat und hastig sagte: „Es hat aufgehört zu regnen. Wir können gehen." „Glauben Sie, daß man uns vermißt?" „O nein," versetzte er ohnehin, „dafür wird Anne sorgen, daß sich ivenigstens nicniaud wundert." „Also gehen wir." (Fortsetzung folgt.) 280 Literatur. — Ein Buch, das jeden Menschen angehen soll, ist heute kaum denkbar: es müßte alle Seiten irdischen Daseins und Wirkens berühren und in schlichter Fassung die tiefsten Fragen mit Klarheit darlegen. Es müßte handeln von dem Werte der menschlichen Tätigkeit, von den Reizen des Lebens, von dem Geltungsbereich menschlicher Urteile, von dem, was wir Wahrheit, Schönheit, Freiheit nennen; es müßte zeigen, welchem Zwang der Einzelne den Gesamtheiten gegenüber unterworfen ist, und wie er den Fesseln, die Natnr nnd Umstände nm ihn schlingen, zn entgehen sucht; es müßte uns Hinweisen auf das, was Ehrfurcht gebietet, mag es sichtbar oder unsichtbar, faßbar oder nur geahnt erscheinen, in uns oder außer uns wohnen. Es müßte von allem Endlichen sprechen, das innerhalb von Zeit und Raumgrenzen Hcgr, und über alle Grenzen ins Unbedingte hinaus weisen, kurz die Rätsel des Alls so gut wie die Geheimnisse des Seelenlebens zu enthüllen wenigstens versuchen. Dabei müßte es die klare Schreibweise Schopenhauers mit der knappen Fassung Emersons verbinden und ein dem gegenwärtigen Stande der Erkenntnis entsprechendes Weltbild zeichnen. Es müßte schließlich nicht überreden, nicht Hofmeistern, nicht Parteigänger suchen, sondern nur betrachten, dulden, ohne Leidenschaft und Vorliebe fein. Ein solches Werk, eine Art Naturphilosophie dürfen wir wohl in dem Buche von S. Philipp begrüßen, das unter dem Titel;,U eber uns Mensche n" im Berlage von E. 8t. Seemann in Leipzig erschienen ist. Es wirft tausend Probleme auf und regt zum Nachdenken an, reizt auch wohl zum Widerspruch. Sein Inhalt gemahnt nicht selten an das vor zwanzig Jahren erschienene Buch über Rembrandt als Erzieher, doch erscheint es nicht so wirr und kraus und vermeidet die gesuchten Geist- reicheleien des ehemals so viel gelesenen Werkes; es ist einfach, klar und sein Geistesgehalt ist bei allem Reichtum sehr uber- Mtlich geordnet. Ebbes vo dr Provinz Gberhesse. Von Jean S ch w ö b e l in Weitershain. (Originalpoem der „Gieß. Fmn.-Bl.") Nachdruck verboten. Wann aich so for dr Landkort stih enn mir mei Hesseland besieh, do suhl aich stolz mich enn dr Brost: E Hess se sei, daos iS e Lost. Tein Heffelänche kimmt kes gleich, doas iS die Perl vorn deutsche Reich. En drei Provinze wirds getrennt, aich rväiß sogoar, wäi mr se nennt: doas Starkenburg, doas es die erscht, — enn do muht nach is Landesferscht. Enn Rheinhesse, doas es die zwut, Doas iveast als klarier Brrb aich schick. Doch die drett, däi harr ich bat vergeasse, Doas es die schirrst, mei Oberhesse, nm sich dr Vrigelsberk erhebt, »vrr int doas schi Boad N a u h e t m seht. En die Wearrera so schieh rmd räch, wu der Surre (Boden) eas so gnot enn gläch. Wir die Mai-Weserboh dutchsaust, enn wu die Lahn bai Gäise brarrst. Wrr iner dar schine Tro achte hott, töu e jeder hott schri vo gehortt vo de Schesemotze Mordschwernnt, vo de Biberröck grü, bloh en tut, wu mancher stolz sein Kill noch trat, wn mer on laibe (Sooft noch gläbt, eil wu off Berg en Toahlesgrond die Lost so re es en gesond. Off doas Steck Land sei aich verseasse, doas is die Provinz Oberhesse. Die Frankforter, bat sas em schuh, deas Säi vo is guot Wasser hu. Das schmeckt wäi Lämchesmelch so fei en schmegt besser wäi doas aus dem Mai'. Des Bugelsberger Rendvieh eS berühmt en aller Welt geweß. Es sieht fochsrut eit eaß hübsch klee enn es e Proacht nur oseseh. Enn deaß mir ach beim Fortschritt sei. beweist däi Talsach schu allei, deaß die Provinz beleucht soll wern niet elektrisch Licht vo Nah en Fern. Bei L i ß b e r g hu ses projektiert, nmi mer so lest ,enn wäi mer hiert. Wann daos gerät en es wird was draus, dann sei mir off iS Lebtcwg Haus. Enn iväis häi kimmt ach östersch vor, daß e Oberhess kimmt beis Militär. Kreuz Bataillon en Schockschmernut däi trete en eam Parademarsch tut, denn däi hn Knoche wäi e (Saut, sei diensteifrig eint gar uit faul. Ee General täot mir et; soage ganz schmeichelhaft eit niet Äehoage: der Oberhess grüß oower klee es der best Soldat in der Armee. Enn oberhessische Sängerbund — paßt aacht, was aich nch tu jetzt kund — den solls eit aller Kürz ez gäwe. Was muß mer nit noch all erteivel E is so weit schu en der Reih enn soll schu hurtig fertig sei. Wann he Hot sei erscht Brmdesfest, wünsch aich em Wettet off des best. Doch wann des Bnndeslaid se senge, das, muß off die Provinz ausklinge, so ähnlich wäi aich etz Hai will, wetnS naut gefällt kann scheige stell: O Bugelsbetk, o Weretra, was gebtS do Frücht, was gebts do Ha! Trim sei mer stolz, grüß eit ach kl ei, daß mit ans Oberhesse seil Die ganz Provinz soll lewe hoch ernt ach is Forscht, do Großherzog! Vermischtes. • Das Rauchen der Damen. Die englische Frauenzeitschrift „The Ladies Field" stellt die außerordentliche Zunahme des Rauchens bei den Damen fest. Besonders in Paris rauchen fast alle Damen nach dem Essen, auch wenn das Diner nicht in engerem Kreise stattfindet, und niemand findet das noch irgendwie merkwürdig oder auffallend. Zn den notwendigen Kleinigkeiten, die eine elegante Dame immer bei sich führt, gehört ein Zigarettenetui und ein Feuerzeug und zwar wird mit diesen Dingen ein ungeheurer Luxus getrieben, da Feuerzeug und Etui Meisterwerke der Juwelier- kunst sein müssen. * Der Orientierte. Vater: „Sag' mal, Paul, habt iHv denn in der Schule sexuelle Aufklärimg?" — Das Söhnchen; „Jawohl, Vater, wat willst denn wissen?" Redaktion: P. Witiko. — Rotationsdruck und Verlag der B r ü h l 'scheu Un!versitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. Die Landwirtschaft en Oekouomie, däi bloiht hüt wai sost itirgends nih. Häi wem die beste Sätti gemeint; die Metzger sah, se wem de best. Die Sn ui, vo do säl jeder kennte Däi hätte wenigstens Prozende. En Ochse wern ach häi gezuoge, däi finit de schwerste Mann getroage. Enn Gaise wem e ter viel geschwächt. Enn wann se do wem hie gebraucht, ernt mer tut se nach dem Schlachthaus lare, Uit sich manchmal die Lahnbrück bäige. Ernt wann se dann einiS Schlachthaus komme enn sei geschlacht enn auSgenonnne, bann kann die Woage, fitts verzeihe, ßoar manchmal nit de Ochs ausweihe. Guot Ttinkwasset daos is ach da, fa besserst!) es in Afrika, enn watsch nit gläbt enn zweisilt dro, bet sreg emol en Frankfort o. Charade (viersilbig). Das Städtchen liegt im Monbeirschein Bei lichtet Sterne Gesimkel, Der letzte Wanderet eilt allein Durch bet Erste n dämui'tiges Dunkel. Die Jagd ist an und das Hifthorn schallt, Hell klingt das Gebell von den Meuten, Da bricht der Keiler aus dichtem Wald Und droft dem Hund mit dein Zweiten. Die Drehorgel geht ohne Rast und Ruh' Für das Ganze in winnnemben Klängen, Die Schusterjungen pfeifen dazu, — Hört' auf mit diesen Gesängen! Gießen. _ Rudolf L. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: gelabt, gelobt, gelebt.