1808 Mr. 2 J8| [8 BI M iiuiüi [■JJf »Ql wO-t-a.-. Wir beabsichiigen, von diesem Jahre ab reaelmäßig ein Inhaltsverzeichnis jedem Jahrgänge unserer Fawilienblätler anznfngen nnd empfehlen unseren Beziehern, die einzelnen Nummern der Fam licnbliiltcr zu sammeln, zumal wir sirtan auch Original-Einbanddecken für jede» kommenden Jahrgang an treue Leser unserer Nuterhaltungsbeilage zu liefern beabsichtigen. Kelmuii) von LöA'en. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Loyseu lachte. Sein Lachen hatte einen herzerfrischend Hellen Klang. Schnadewitz, der eigentlich nur gekommen war, um dies Lachen zu hören, brumnite mir noch halblaiit vor sich Hinz „Rekrutendrillen, Reitübungen, Fusidienst, Wafsenübungen, Tnr- nen, Voltigieren, Jnstrnktionsstunden — na, und zur Abwechslung Jnstrnktionsstunden, Voltigieren, Turnen, Wafsenübungen, Fnst- -dienst, Reitübuirgen und Rekrutendrilleu." „Ja, siehst du, lieber Schiradewih, so darfst du nur nun nicht kommen. Mir macht das alles riesiges Vergnügen." Schnadewitz wurde grob und hitzig. „Weil du ein verrücktes Huhn bist!" — schrie er — „Pardon ! Aber cs ist doch einfach Blech, deine Behauptung!" „Immer hübsch ruhig, Alter, und keine nnparlamentarischen Ausdrücke," lachte Lohsen — „es ist so wie ich sage. Ich bin nun einmal so beschaffen. Seit Generationen fliesst Soldatcn- blut in unseren Adern. Ich will dir etwas Komisches beichten: Ich hatte damals in Berlin immer Heimweh nach dem Regiment. Aber du musst mich nicht auslachen." " „Fällt mir • ja gar nicht ein," brummte Schnadewitz. Er fuhr sich mit dem Handrücken ganz schnell über die Augen und senkte dann seine spitze Nase in ■ das grosse Glas, welches ihm Lohsen voll Rotwein geschenkt habe. ,Das Zengs ist ja ganz rahmig, schauderhaft", räsonierte er. . Nun wusste sein Kamerad, das; dieser sonderbare Mensch über irgend etivaS gerührt war. Dann wurde er immer unhöflich. Er trank auch ganz rnhig weiter, den imaginären Schimmel mit herunterschluckend. „Reden wir mal von was anderem," sagte er, „ich kam, um dich zu fragen, ob wir morgen nachulittag einige Besuche in der Nachbarschaft zusammen machen wollen." „Natürlich ■— das heisst nein. Ich fahre morgen früh nach Berlin. Urlaub bekommen." „Schoil wieder mal? Na, ich frage nichts." „Würde dir auch wenig helfen. Tiefstes Geheimnis." „Steckt wohl ein Frauenzimmer dahinter?" „Del stimmt!" — sagte Lohsen heiter, um seine Mundwinkel zuckte es. „Das gute Kommandöschen!" „Nimm dich nur in acht," warnte Schnadewitz, „daß dich nicht mal eine dingfest macht. Nachher sitzt du da — Ueber- haupt, wie kann man nur so hinter den Weibern her sein! — Es taugt doch eine immer weniger wie die andre." „Alter Weiberfeind! — Und wo nimmst du eigentlich die ©tim her, mir das zu sagen? Etwa weil ich der Komtesse Waldheim den Hof mache? Oder weil ich alle jungen Mädchen nett finde?" „So! — Und wer steht denn dort?" — Er streckte seinen langen Arm aus, an dem der lueige Uniformärmel Falten warf und zeigte in die Zimmerecke, wo ebeil die Sonnenstrahlen anfingen, mit blau nnd rotem Gefnnkel zwischen den Glasplatten der Moraständer zu wirtschaften. Ueber Lohsens Stirn flog leichte Röte bis unter das blonde, kurzgewellte Haar. „Ach last doch!" — wehrte er ab. „Ich lasse cs ja, aber ich bewundere dich." „Zu bewundern ist da wenig." „Ebeil darum. Es ist schon schlimm, genug, wenn man mal 'reinsiel, aber der Tatsache auch noch ein Monument setzen, das ist —■ nun das ist ebeil mal wieder eine deiner Ueberraschungen." Er sah beit Freund scharf an. Der war aufgesprungen und hatte mit einem Zug die Stores an den Fenstern zusammengezogen, dast das Diamantgesilnkel drüben verblich. Dabei sprach er ärgerlich: „Um deinem faulen Witz Nahrung zu geben, habe ich dich nicht in jede Episode eingeweiht. Wäre mir jenes Bild nicht völlig gleichgültig geworden, so stünde es sicherlich nicht mehr dort. Uebrigens ist cs ganz heilsam, sich geschehener Dummheiten zu erinnern, das schützt vor Wiederholung." Der andere zwinkerdc mit den Augen, heimliche, ehrliche Befriedigung erfüllte ihn; aber weit entfernt, sich das merken zu lassen, höhnte er. sich erhebend: „Denn is ja jut! Verzeihen Sie man bloß» dast ich überhaupt jeboren bin. Hierher, Filou, Kanaille! — Gehen wir frühstücken!" „Nehmt mich mit!" — rief Lohsen, schon wieder ganz frohgemut. II. Am nächsten Vormittag war Lohsen in Berlin und klingelte atl einer Entreetür, zu welcher eine Treppe aus geschliffenem Granit emporführte, die mit Teppichläufern belegt war. In den Nischen am Treppenabsatz leuchteten Meiste Steinsigureu, und graste Blattpflanzen füllten die Ecken. An der Treppe lief ein Bronzegitter herauf und die Wände waren mit Arabesken auf rotem Grnilde bemalt. Man konnte sich nach diesem Aufgang das Interieur der Wohnung schon vorstellen. Es blieb den« Klingelnden vorläufig verschlossen. Ein Diener in Livree meldete, Herr und Frau Baronin wären auf einige Tage verreist, Ob der Herr Leutnant hier zu wohnen wünsche? „Bewahre. Wohne im Kaiserhof." Der Diener verbeugte sich und Lohsen ging die Treppe ivieder herunter. Dabei sah er nach der Uhr. Zwölf. Da es nun mit dem Lunch bei seiner Schwester nichts wird, konnte er ja gleich besorgen, was er zu besorgen hat, nachher ist er für den Rest seines Urlaubes ein freier Mann. Aergerlich ist dieses — 6 Verfehlen freilich. Arme Marie Wie ihm wenigstens ein Geschäft nennen können. Ob er zu Gerson geht? — Aber wie weit kam man da mit beit bewilligten fünfzig Mark? —- Er hatte keine Ahnung rind fürchtete, sich dort lächerlich zu machen. Unwillkürlich blieb er stehen und blickte die Straste suchend herauf und herab. Aber ernst und grau schlossen sich die Häuser «neinander, ohne jedes Geflimmer und den bunten Kram hinter Schaufenstern. Aber gerade der Trvstschen Wohnung gegenüber sah man in eine Querstraße hinein, in welcher sich Laden an Laden reihte. Wie er schärfer, die Hand über den Augen, hinsah, leuchtete ihm in riesengroßen Goldbuchstaben die Firma: Fuchs und Gansel, TamenGnfektion, entgegen. Ja, dachte er, warum denn nicht? Ansehen kann man ja mal, wie so 'ne Gelegenheit in der Nähe aussieht. Er ging nun in die Straste und musterte die Schaufenster des Riesenbasars. Hinter den großen Scheiben standen Jacketts und Kvstüme, drall über Drahtgestelle gezogen. Eine elegante, aber kopflose Gesellschaft. Nach kurzem Zögern trat er plötzlich entschlossen durch die mittlere Glastür, bereit Flügel leise fauchend hinter ihm wieder zusammenfielen. In dem Magazin drängte sich eine große Menge von Käufern um die langen Ladentische. Gleich ' fleißigen Ameisen schleppten diensteifrige Kommis große Wareuballen herbei, die sie ausrollten, aufbauschten und anpriesen. Ter Leutnant wurde von zwei solchen Jünglingen überfallen und auf das Stichwort „Cape" ohne Verzug an den Fahrstuhl geführt und in die oberen Regionen heraufbefördert. Hier empfing ihn eine Dame von geschmeidigster Liebenswürdigkeit und führte ihn in die Mäntelabteilung. Die an endlosen Stellagen hängenden Kleidungsstücke bildeten förmliche Gasfen, durch welche er hin und her geführt wurde, wobei die liebenswürdige Direktrice sich mit allem belud, wovon sie annahm, dast es in Frage kommen könne. Seine Einwände liest sie unbeachtet. Sie ruhte nicht eher, bis sie etwa dreißig Mäntel und Jacketts, von denen nach ihrer wortreichen Versicherung ein jedes ein Wunder der Schöpfung war, ausgestapelt hatte. Mit der inständigen Bitte, sich vorläufig einmal dies anzusehen, schob sie ihm einen S.sscl hin und bat ihn, Platz zu nehmen, da sie ihm das Gewünschte nun vorführen werde. Seine erregte Versicherung, das alles sei gar nicht das Gewünschte, er wünsche ein Cape zu kaufen, ward mit verbindlichem „Augenblicklich!" beschwichtigt. Ihm .war schon ganz dumm zu Mut. Tas t rotzte ja entsetzlich zu werden, und weist der Himmel, was sie ihn hier schließlich zu kaufen zwingen würden im Geist sah er Tante Kvmmandöschei schon in einem rosenroten Theatermantel mit Silberbesatz durch die Gassen von. Klippingen wandeln. Indessen winkte die Geschmeidige eine Probiermamsell herbei und alle die Jacken und Mäntel wnr. en ihm an dieser lebendigen Gliederpuppe vorgeführt. Diese entledigte sich ihrer Aufgabe mit mechanischer Behendigkeit. In jede der istig Jacken glitt die aalschlanke Gestalt blitzschnell hinein, die rechte Hand schloß die Knöpfe, die linke gab dem Ganzen einen zurechtziehenden Ruck, während sich die Figur langsam im Kreise drehte, — dann drei Schritte vor, drei Schritte zurück und schon streifte sie das Futteral ab, um ins nächste zu gleiten. Jeoer Mantel, jeder Kragen ward um die Schultern geworfen, einigemal hin und her gc- schwenkt, von vorn und von hintc. präsentiert und beiseite geworfen. Keine Maschine hätte das prompter und lautloser besorgen können, während sich die Direktrice in blumenreichen Kommentaren erging, die sie wie eine Girlande von Stück zu Stück wob. Ter schneidige Kürassier saß überwältigt, klein geworden von so unerschöpflicher Redseligkeit und lies; alles über sich ergehen, innerlich das ganze Unternehmen Verwünscheno. Hätte er nur dem ganzen Treiben ein Ende machen können! Aber sein Protest verhallte in» Wortschwall der beflissenen Dame. Sie wollte ihm entschieden erst mit der Reichhaltigkeit ihres Warenlagers imponieren, ehe sie sich entschloß, ihm das Gewünschte vorzulegen., Helle Jacken, dunkle Jacken, kurze Mäntel, lange Mäntel passierten Revue, blaue, rote, grüne und schottische Umhänge marschierten auf, winzige Tändelkragen mit Schwan- und Spitzenbesatz ober steif durch überreiche Goldstickerei auf weißem oder blauem Atlasgrund — cs nahm kein Ende, und schließlich begann 'ihm die Probiermamsell leid zu tun. Mein Himmel, dachte er, ist das ein Brot! Tie Person muß ja verrückt werden. Er sah dem stummen, gleichgültigen Geschöpf zum erstenmal ins Gesicht. Richtig, dachte er weiter, sie ist bereits verrückt, ober bin ich es, weil mir's ioie ein Mühlrad tut Kopfe herumgeht? — Kann sein, aber mir sieht dieser Unglücksvogel gerade so aus, als sei er längst gestorben. Tie Augen sind ja tot, einfach tot. Menschliches Mitleid ergriff ihn und als jetzt endlich die gewünschten schwarzen, soliden Capes ins Treffen geführt wurden, war er mit seiner Wahl schnell fertig. Sein diktatorisches: „Halt! — das da!" — brachte die drehende Maschine zum Stillstand. Die Direktrice flö.ele: „Der Herr Leutnant haben einen außerordentlichen Geschmack!" Loysen erhob sich und betrachtete eine Weile völlig verständnislos das von der Direitrice sorgsam zusammengelegte, schmelz- besetzte Ding. Er schämte sich einzugestehm, dast er doch im Grunde nichts davon verstand, klemmte sein Einglas ins Auge und heuchelte kritische Ueberlegmrg. Dann ging er hinter der vorantünzelnden Dame durch die weitläufigen Lagerräume nach der Treppe. Dabei gab er seilte Anweisungen, ihm den Einkauf ins Hotel zu schicken. Die Probiermamsell war, wie er bemerkte, schon wieder in voller Tätigkeit. Sie stand in einen köstlichen Theatermantel gehüllt vor zwei auf einem Tivan sitzenden Damen, welche die sich langsam Trehcnde ditrch langstielige Lorgnons betrachteten. Die eine gähnte: „Gefällt dir's? Mir nicht. Lassen wir uns erst doch alle anderen zeigen." „Alle Wetter!" dachte Loysen, halb belustigt, halb erschrocken — „was muß das für ein Berufsleben sein! Ich danke!" Er bezahlte an der Kasse und eilte dann ins Freie, wie ein der Hast Entlassener. Ach! Gut, daß das abgemacht war. Er prustete. Eine perfide Luft da drinnen. Natürlich hatten sie ihn auch betrogen. Sechzig Mark war so ein elender Lappin doch nicht wert. Auf jeden Fall bleiben die zehn Mark über das Budget seine stille Beisteuer. Nun. ging er daran, Freunde aufzufuchen und sich in einem Offizicrkasino ein wenig feiern zu lassen. Man dinierte lange und der Abend wurde im Zirkus verbracht. Es war gegen Morgen, als er in sein Hotel kam und in seinem Zimmer einen großen weißen Karton gewahrte, welcher geduldig auf sein Er- scheinen gewartet hatte. Richtig, — das war ja jenes entsetzliche Ting. Der nächste Tag verging nicht minder schnell und angenehm. Die lustige kleine Komtesse war zu Hause getoefen, die Mama hatte ihn zum Gabelfrühstück eingeladen und er hatte das Geschwätz der Kleinen riesig nett gesunden. Nachher ein Bummel im Tiergarten mit seinen allerbesten Freunden und die Verabredung, abends zusammen. in den Wintergarten zu gehen. Um sechs Uhr erschien Loysen daher wieder int Hotel, nut Zivil cmzuziehcn. Es war auch eine seiner Eigentümlichkeiten, daß ihm dies zu tun immer unangenehm war, anstatt dccß ihm 'die damit verbundene größere Bequemlichkeit und Ungeniertheit verlockend erschienen wäre. Nachdem er sich so, grau in grau, im Spiegel betrachtete, blickte ec in feinen Koffer und überlegte, wie er das gekaufte Cape unterbringen könne. Zugleich erfaßte ihn bäugliäM Neugierde. Wie sieht es eigentlich aus? — Es war doch ein verwünscht sorgloser Kauf gewesen. Den Karton öffnend, zog er das Mäntelchen aus dem Seidenpapier und hielt es prüfend in die Luft. Ob es wohl so das richtige ist? Je länger er es ansah, desto zweifelhafter wurde er. Prima ff war es nicht, trotz des Geglitzers. Ihm ward beklommen zu Simt und ein Entschluß reifte. Sosort hinsahren und noch nachträglich etwaigen Umtausch bedingen. Ob die Leute darauf eingehen werden? Es war ja schon bezahlt. Und dann — ihn schauderte. Wieder dort hinein? Stoch einmal der Superl'.eocnswürdigen in die Hände fallen oder, was fast noch gräßlicher loar, jenes elende Mädel mit den toten Augen sich im Streife drehen sehen? Das hat ihm schon ohnehin diese Nacht Albdrücken bereitet. lFortiekung folgt.) Wenn wir Kiauc« H-r schien . . . Ein Berliner Blatt hat unlängst an eine Reihe hervorragender Frauen des In- und Auslandes die Frage gerichtet: „Was würden die Frauen tun, wenn sie zur Herrschaft gelangten?" Auf diese Frage ging eine Reihe interessanter Antworten ein, von denen wir hier mehrere wiedergeben. Carmen Sy Iva, die Königin Elisabeth von Rumänien, bekannt als Schriftstellerin und Menschenfreundin, meint: Ich denke, Semiramis, die große Katharina, Elisabeth von England, Maria Theresia und noch mehrere andere haben gezeigt, wie Frauen herrschen. Carmen Burgos, Professorin der Literatur au verschiedenen Madrider Instituten, Mitglied der Genossenschaft spanischer Dramatiker und der Gesellschaft spanischer 7 Schriftsteller und Künstler, eine bedeutende Schriftstellerin, schreibt: „Sie kennen doch sicher die schnurrige Geschichte von jenem biederen Droschkenkutscher, der von der Stadt- behörde auf seine Ehrlichkeit geprüft werden sollte. Der Richter fragte ihn: „Hören Sie mal, guter Freund, wenn Sie eines Abends beim Ausspannen zufällig in Ihrem Wagen eine Handtasche mit 50000 Mk., die jemand dort vergessen, fänden, was würden Sie tun?" Der Rosselenker riß die Augen groß auf und, ohne sich lange zu besinnen, öffnete er den Mund und sprach: „50 000 Märker sagen S'? Donner und Doria, wenn ich die fänd', da würd' ich gar nichts mehr tun!" Auf Ihre Anfrage kann ich ungefähr dieselbe Antwort geben. Wenn die Frauen zur Herrschaft kämen, würden sie gar nichts mehr tun. Das wäre nämlich ein Beweis daftir, daß die Zivilisation so weit vorgeschritten wäre, daß den Frauen nichts mehr zu tun übrig bliebe, es sei denn, sich in ihr, Hand in Hand mit den Männern, zu sonnen. Aber wie weit entfernt liegt dieses künftige goldene Zeitalter!" Ida B o h - E d, die bekannte Romanschriftstellerin, schreibt: Die klugen Frauen würden viel besser regieren, als die klügsten Männer. Die dummen Frauen würden noch viel mehr Verkehrtheiten begehen als die dümmsten Männer. Helene Lange, wohl mit die bedeutendste Führerin der Frauenbildungsbewegung im Deutschen Reiche, Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins, des Berliner Lehrerinnenvereins, faßt ihre Meinung in folgenden Sätzen zusammen: „Was die Frauen tun würden, wenn sie „zur Herrschaft" gelangten, d. h. in die Stellung einrückten, die jetzt die Männer innehaben, vermag ich nicht zu sagen; ich persönlich würde sofort „Männerrechtlerin" werden, da ich in der Herrschaft des neuen Geschlechts über das andere niemals ein Kulturideal sehen würde, sondern nur in einer gemeinsamen Arbeit an allen Kulturaufgaben, bei der weder von Herrschaft auf der einen, noch von Unterordnung auf der anderen Seite die Rede ist. Ellen Key, die bekannte schwedische Rcfornrerin auf dem Gebiete der Philanthropie, schreibt: Wenn ich zur Herrschaft käme, mürbe ich — mit einigen Ausnahmen — alle Schulen vernichten. Ich würde eine ganze Generation von Kindern frei herumlaufen lassen, um, von der Tradition des heutigen Elends ganz befreit, eine neue Generation von Eltern und Lehrern zu erziehen und so zu erziehen, daß sie wiederum durch ihre Tätigkeit eine neue Menschheit schaffen sollten! Alle Reformen sind nichts als oberflächliche Spielereien, ehe die M e n s ch e n - Neuschaffung die Aufgabe wird, nicht eine Aufgabe unter vielen andern. Und wäre ich — nicht Weltherrscheriu, wie es zu der oben genannte« Aufgabe nötig wäre, — sondern nur Königin eines Landes, würde ich meinen ganzen Einfluß daran setzen, die Mütter zu veranlassen, ihre Aufgabe als die größte künstlerische Leistung und das wichtigste Amt des Staates zu betrachten. Ich würde den mütterlichen Wetteifer wachrusen durch das Bewußtsein, daß Zustände zu ändern nichts hilft: die Menschen verwandeln ist alles. Und dieses kann nur durch Auslese und durch Erziehung geschehen. Frau Marie Stritt, die bekannte Begründerin der Rechtsschutzvereiniguug für Frauen und in der deutschen Frauenbewegung hervorragend tätig, führt in ihrer Antwort aus: Die Frage „Was würden die Frauen tun, wenn sie zur Herrschaft gelangten?" geht, da sie sich nicht auf die einzelne Frau, sondern auf das weibliche Geschlecht im allgemeinen bezieht, dessen Hebung und Befreiung die moderne Frauenbewegung anstrebt, von einer falschen Voraussetzung aus; denn nicht auf die Herrschaft des einen Geschlechtes Über das andere, wie sie unsere bisherige patriarchalische Gesellschaftsordnung — nur umgekehrt — darstellt, sondern auf die Abschaffung einer Herrschaft, auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau zielt die Frauenbewegung ab. Eine Antwort erübrigt sich also umsomehr, als sie — und damit zugleich eine unbewußte Kritik der bisherigen Zustände — eigentlich schon durch die Formulierung der Frage gegeben ist und danach nur lauten könnte: Die Frau en würden,zur HerrschuftüberdieMän. n er gelaugt, erstere genau so mißbrauchen, wie die Männer ihre Herrschaft über die Frauen in Staat und Gesellschaft bisher zu ihrem Vorteil und zum Nachteil der Frauen mißbraucht haben. Was die „Herrschaft" d.er einzelnen Frau, d. h. das natürliche Uebergewicht einer stärkeren Individualität, über den einzelnen Mann und über ihre Umgebung, betrifft, so wird die Frage in jedem einzelnen Fall individuell beant- wortet werden müssen. Im allgemeinen läßt sich aber wohl voraussetzen, daß das Uebergewicht einer nicht bloß stärkeren, sondern and) vornehmeren Individualität denen, die mit ihr in Berührung kommen, zum Heile fein wird, während der Druck, den eine brutale Kraftnatur mit gemeiner Gesinnung auf ihren Kreis ausübt, diesen nur unheilvoll beeinflussen tarnt. Das gilt aber ebenso vom Mann wie von der Frau. Der findige Telegraphist. Der italienische Journalist Barzini, der den Fürsten Borghese . auf der Automobil-Wettfahrt Peking-Paris begleitete, berichtet eine lustige Anekdote über die Findigkeit eines Telegraphisten der alten Hauptstadt Nischnij-Now- gorod. Die Telegraphenstangen in ar en den Reisenden in vielen Gegenden die einzigen Wegweiser und die Tele- gravhenätnter ihre einzige Verbindung mit der übrigen Welt, und von jedem Amte aus telegraphierte Barzini die nettesten Daten der Fahrt. Dies hatte er auch bei Ankunft in Nischnij-Nowgorod getan und sich nach Erledigung dieser Amtspflicht zu einem Bankett begeben, das zu Ehren der Reisenden veranstaltet wurde. Doch hören wir Barzini selbst: Während des Banketts wurde ich abgerufen. „Sie haben ein Telegramm abgesandt?" fragte der behandschuhte Kellner. — „Jawohl, vor zwei Stunden." — „Das Telegraphettamt läßt sagen, daß es das Telegramm nicht befördern könne . . . Wenn Sie telephonieren wollen?" — Ich eilte ans Telephon. Meine Depesche konnte nicht befördert werden, weil sie nicht russisch geschrieben mar! Seit Nischnij-Udinsk hatte ich diese reizende llngeheuer- lichkeit nicht mehr gehört! Zum Gluck waren die einflußreichsten Männer der Stadt zur Stelle; sie telephonierten, eilten auf das Telegraphenamt und kehrten triumphierend zurück: Das Telegramm war abgegangen. „Jeder macht es sich so bequem wie möglich!" sagte man mir zur Erklärung. „Das Amt fand, die Depesche fei zu lang . . .!" Mitternacht war vorüber, als an die Tür meines Hotelzimmers geklopft wurde. „Wer ist da?" — „Sie haben ein Telegramm aufgegeben?" Wütend sprang ich aus dem Bett und eilte an die Tür, um zu öffnen. „Ja", schrie ich bett Oberkellner an, dem ich mich gegenüber sand; „es ist vier Stunden her, daß ick) es aufgegeben habe. Vier Stunden!" — „Beruhigen Sie sich", "erwiderte er sanften Tones, „Ihr Telegramm ist abgegattgen und wird vielleicht schon angekommen sein. Nur wünscht das Telegraphenamt eine kleine Auf- klärtmg ..." — „Welche?" — „Es fragt an, ob die Worte von oben nach unten, eins unter dem anderen, gelesen werden oder wagerecht von links nach rechts." Ich war wie vom Donner gerührt; ich sank auf einen Stuhl und sagte mit kraftloser Stimme: „Ich habe nicht chinesisch telegraphiert. Ebensowenig japanisch. Ich schwöre es Ihnen. Ich habe in einer europäischen Sprache geschrieben. Nur das Chinesische und Japanische schreibt mau von oben nach unten. Und man lieft es von oben nach unten!" — „Sehr schön, sehr schön. Ich telephoniere sofort. Also von links nach rechts?" — „Wenn Sie es aber doch schon abgeschickt haben? Wie habett Sie es beim abgeschickt?" — „Wie? Bon oben nach unten, Herr!" Spvachecke des aügeneeinest deutscher! Sprachvereins. Es geht auch so'l Daß es auch im kanbncmnischen Leben ohne die Fremdwörter geht, beweist, was Ludwig Schalter (öhiltgart) kürzlich iw der PapierzeMnig veröffentlichte: 8 Eine kleine Auswahl der Fremdwörter, die in meinem Geschäft seit vielen Jahren vollständig »erinieben werde»: Abgabe, Folio — Seile Tratte, Ri- — Debet = Soll Nieste, Wechsel Credlt — Haben Spesen — Unfoften Tebitoreii debitieren — Schuldner — belasten avtsiereu — ankündigen Creditoren — Gläubiger offerieren — anbieten creditieren — erkennen, Offert es — Slugebot gutschrelbeil Komuttssion — Älu'trag Utensilien — Gerät- schasten Ordre-Buch — Tlttftrag- buch Konto — Rechnung Numero — Nummer Jminobilien- — Grundstück- No. Nr. Konto Rechnung Katalog — Preisliste, Joiirnal — Tagebuch Bilanz — Verzeichnis Cafsa ■= Kasse Abschluß Faktura — Rechnung Inventur — Älutiiahnte Emballage — Packullg ?letiva — Besitztetle retournieren = zurück- schicken Passiva — Verbind- lichkeiten Retottr- — RücksenEffekten — Wert- Seudung dung paptere Retour-Nota = Rücktech- Coupons — Zinsscheine nung Seouto = Abzug Credit-Nota = Gutschrifts- Annoncen — Anzeigetl Anzeige Abonnenten — Bezieher Nieambio — Rückwechsel itstv. usw. Noch nie hat sich ein Nachteil gezeigt! Jeder Lehrling begreif ans das erste fDinl, was eme Sckiilduer-Rechnung isst während ich ihin das Verständnis sür sogenannte Fachansdrücke ivte Te- bitoren'Konto niw. erst nach nnd nach beibringen kann. Es gibt ja freilich fionflente, ivelche meinen: „Transport von Journal Folio 7 oni Crediloren-Conto Folio 99" sei deutlicher, jedenfalls „kanstnännisch gebildeter" als: „Uebertrag ans Tagebuch Seile 7 aui Gläubiger-Rechnung S. 99". Solchen Leuten ist nicht zu raten und nicht zu Helten. Wenn aber die Mehrzahl der deiitschen Kaufleute GeschästS- bucher mit dem Alpdruck: Folio, Debet, Credu, Cassa, Journal nicht mehr kauften, wenn sie Konzept, Kanzlei, kopieren itiiu. nach der amtlichen deulschen Rechtschreibung mit K und alle Wörter nv.f gieren" mit le schrieben, wenn Briete, Preislisten, Verkau's- bedingungen u!w. in guteni Deutsch abgekgßt würden, daun wäre bald vieles gebessert. VeS°Mis«h»tSS, * Der vergrabeile Schatz im Teetopf. Eilte angenehme Ueberraschnng erlebte dieser Tage ein Farmer in New- Milsord im Staate Connecticut, namens T. I. Jones. Er war damit beschäftigt, auf seinem Felde einen Graben aufzuwerfen und war bereits ziemlich tief mit seinem Werkzeug in das Erdreich eingedrungen, als er auf einen harten Gegenstand stieß. Er vermutete zuerst einen Stein, war jedoch sehr erstaunt, als er statt dessen einen alten, mit verrostetem Draht sorgsam verschnürten Teetopf fand. Er löste die Verschnürung und fand den Topf zu seiner Freude bis an den Rand mit Goldstücken gefüllt, die das nette Sünlmchen von 12 000 Mk. repräsentieren. Nach dem zum Verschluß verwendeten Draht nnd den Jahrgängen der Münzen zu schließen, muß der Topf mindestens 15 Jahre in seinem Versteck gelegen haben. * Was kosten die Zigarrenkisten? Zigarren werden je nach il>rer Qualität und je nach ihrer Größe in ganz reizenden Kistchen verpackt; es gibt vielerlei Formate, die sich bei, geschickter Verarbeitung und Verkleidung zu allerlei praktischen Zwecken benutzen lassen. Die Jungen zerteilen auch vielfach die Kistchen und benutzen die einzelnen Brettchen für Laubsägearbeiten. In den Läden bekommt man leere Zigarrenkisten für 5 bis 10 Pfennig zu kaufen; aber ihr Wert ist, ivas wenige wissen, doch beträchtlich höher, denn die Selbstherstellung eines kleinen Kistchens kostet 17 bis 42 Pfg. Früher verwendete man nur amerikanisches Zedernholz, jetzt auch in großen Mengen Eschen- oder Pappelholz, das wie Zedernhvlz gefärbt und gemasert, oft auch mit echter Zeder fonrniert wird. Die Brettchen werden nicht aus großen Blöcken gesägt, sondern ganz wie Four- niere mit Messern abgefchnitten, so daß keinerlei Abfall entsteht. Alles besorgt die Maschine, auch das Zusammennageln, das, Bekleben usw. Zwei zusammengehörige Maschinen liefern täglich 10 000 Kistchen. In den Vereinigten Staaten werden jährlich für 2y2 Millionen Mark Zigarrenkisten fabriziert, in der ganzen Welt etwa für 7 bis 8 Millionen. Bei jeder bessere» Zigarre muß man Vs bis Vü Pfennige sür die Kistenverpacknng mitbezahlen. — Eine Theaterku n ft -Ausstellung soll nm. 1. April 1908 in Paris eröffnet werden, Ter Plan geht aus von Georges Verger. .Eine retrospektive Abteilung wird aui die ältesten Periöden der Theaterknnst zurückreichen, während die moderne Abteilung das 16. Jahrhundert und die iolgenden Epochen bis zur Gegenwart umfaßt. Aus dem 16. Jahrhundert wird man die Tckorationsskizzeu der berühmten „Calanderta" des Kardinals Bibbiena, die m Bologna aufgeführt wurde, sehen; die Skizzen werden letzt in der Biblioihek von Bologna' auibewährt, und dte italienische Regierung hat sich bereit erklärt, sie iür die Ausstellung zu leihen. Besonders reich wird die Theaterkuust des 18. Jahrhunderts vertreten fein. Unter diesen Gegenständen befinden sich eine Anzahl kleine Dekorationen, die Servandom im Auilrage des Kardinals Fleur» iür ein kleines Theater zur Belustigung des Dauphins Ludwig XV entworfen hatte. Der italienische Sammler Sambon, der auch eine Anzahl von Antiken, die aus das Theater Bezug haben, zur Veriüguug stellt, gibt wertvolles Material zur Geschichte der italienischen Komödien im 18, Jahrhundert. Die Porzeltanrnanitiaktur von Cevres stellt eine ganze Serie von Theaterporträts und -Szenen aus. Auch das Ausland wird reich vertreten sein. Ein hischen Freude. Der Zauber schwand — so wie er war gekoinmen, Und alt' der strahlend Helte Weihnachtsschinuner Er weicht dem alten, trauten Arbeitszimmer, — Christkindlem hat die Sachen weggeiiomnten. Und wieder flog es in sein Himmelshaus, Tort schauts zum Sternenienstercken heraus — Und ist beglückt, sieht eS die lieben Kleinen Brav lernen, spielen lind ob sie nicht weinen, Und merkt sich, iveim sie gut und iroh und fromm, Daß es im nächsten Jahre wiederkomm'. Indessen hat nach alter, weiser Art Tas Festtagsfpielzeug Atüttcrlcin verwahrt. Hoch aus dem Boden ist der dunkle Raum, Der birgt der Kinder holden Wethnachtstraum; Wenn sie ein Blickeben dorthin wenden können, Tie Augen itnd die runden Bäckchen brennen, „Tort steht ja ivohl mein keines Pnpvenbett. . . Und da der Kaufmannsladen, schmuck und nett t Tcmeben ist vielleicht der Puppenschrank, Und wo ist meine Küche, lieb und blank?" Tas; alles gar so grau tind dicht verwahrt, Ist nicht nach kleiner emsiger Kinderart. Mein Mädel faß! mich ivichtig an dem Kragen: „Lieb Multicben, Du mußt dem Christkind sagen; Es möchte doch mein schönes Puppenbaus Ein bischen gucken lassen nur heraus I" — Verständnisvoll küss' ich den Kiiiderimmd — „(Sin bischen Freude, o, wie tst'S gesund! „Ein bischen Sonnenschein aus grauen Wolkenmasfen, „Ein bischen Glück, — wer möcht' es nicht ersassen!" Gieß en. • A. B. Goldene Worte. Daß das Laster sich oft als der Befreier des Geistes erwiesen hat, ist eine der demütigendsten, aber gleichzeitig eine der unumstößlichsten Tatsachen der Geschichte. Leck». Ter Künstler mu6 die Natur zwingen, durch seinen Kopf trnd durch jein Herz zu gehen. , Delacroix. Liebe schwärmt auf allen Wegen, Treue wohnt für sich allein, Liebe kommt euch rasch entgegen, Aiisgesucht will Treue sein. Goethe, Ein liebeleeres Menschenleben Ist wte ein Quell, versiegt im Sand, Weil es den Weg zlun Aleer nicht sand, Wohin die Quelle!! alle streben. Bodenstedt, * Die Menschen kann inan leicht verachten, aber nicht ihre Achtung entbehren, ' ______ K, Detlef. Rätsel. Die erste führen Bilden aus. Die andere zernagt die Mails. Tas Ganze nehmen sicherlich Tagsüber durch das- weite Land Wohl Millioiien in die Hand Und machen schleimig einen Strich. N. W Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Geographischen Silbenrätsels in voriger Nummerr Gibroltor, I(fe, Fichslädt, Szi-et, E»rin«See, Nema, Epiiinb Betlftnl», Feffon, Aijii®, Mandschurei, Israel. Gießen er-Familie ii blaetter. Redaktion: P. Witt ko. — Rotationsdruck trnd Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»?.