DonneMag dm 3. Dezember TM' ft N W W Herr Lscoq. Kriminal-Roman von E. Gabor! an, Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Am Abend jenes Tages sitze ich in der Wachtstube der Zitadelle auf fixer Pritsche, da kommt mit einemmal ein Offizier auf mich zu und sagt: Zwrporal Bavois, Sie werden heute nacht die Wache, im Gefängnis des Herrn d'Escorval übernehmen und ihn keinen Augenblick aus dem Auge verlieren. Verstanden? Zu Befehl! sage ich ziemlich brummig, denn ich wußte, daß der Boron «in Freund „des Andern" war, und deshalb machte der Befehl mir natürlich nicht viel Vergnügen. Aber plötzlich setzte der Offizier leise hinzu: Sie werden ihm helfen, daß er aus dem Loch herauskommt. Es ist für di« Sache des Kaisers. Wir könne» uns doch auf Sie verlassen? Selbstverständlich! sage ich sofort. Also gut, gehen Sie auf Ihren Posten. Sie haben eine harte Arbeit vor sich: alles Nötige finden Sie schon dort. Ohne weiter ein Wort zu sagen, gehe ich mit dem Offizier in den Turm. Der Baron hatte schon zwei Feilen erhalten, die Marquis Martial ihm durch das Guckfenster der Tür hineinge- tvorfen. In einem anstoßenden Raum lagen die Stricke, die lvir nötig hatten: die Enden waren unter der Verbindungstür durch- geschoben, so daß wir sie mit leichter Mühe zu uns hereinziehen Sonnten. Leider unterließen wir es, dies gleich zu tun, aus Furcht, «s könnte noch eine Untersuchung des Zimmers stattfinden. Aber es kam niemand: nur einmal glaubten wir, im Nebenraum ein Geräusch zu Höven; wir dachten es sei eine Ratte und beruhigten uns dabei. , , , „ In eilt paar Stunden hatte ich das Doppelgrtter durchgefetlh und nun begann der schwierig« Teil der Aufgabe. Das Fenster lag mehr als vierzig Fuß über dem Fuß des Turmes; dieser selbst war unmittelbar am Rand des Felsens erbaut, und es war kaum so viel Platz vorhanden, um festen Fuß fassen zu können. Wer ausglitt, war verloren: denn der Felsen fiel beinahe fenkrecht m einer Höhe von ungefähr achtzig Fuß ab. Indessen, mit Hilfe von zwei langen und starken Stricken, wie wir sie hatten, konnte man das Wagnis schon unternehmen. Bis zum Fuß des Turmes ging alles gut Dann stieß ich ein Stemmeisen, das wir ebensalls hatten, in eine Felsenritze, band dem Baron d'Escorval das Ende des langen «tricks unter den Armen um di« Brust und begann, ihn in die ^.iefe hmabzu» lassen, indem ich mich selbst gegen den Turm stutzte und den Strick über das Stemmeisen gleiten ließ. Der Bavo» konnte kaum zwölf bis fünfzehn Fuß von dem gefährlichen Wege zurückgelegt haben — da spüre rch plötzlich, wie die Last leicht wird, ein furchtbarer Aufschrei: der Strick war gerissen, der Baron in den Abgrund gestürzt. Einen Augenblick war ich wie betäubt, dann beugte ich mich Mer den Rand vor; unten hörte ich Stöhne» — also mußte der Baron, trotz seinem entsetzlichen Sturze, doch noch leben. Dann drang Stimmengemnrmel zu mir herauf; ich wußte, daß die Gattin des Barons und sein Sohn Maurice, nebst dem Abbä Midon, dem Pfarrer des Dorfes Sairmeuse, und einigen anderen Freunden auf uns warteten. Endlich sah ich, wie ein paar Laternen angezündet wurden und sich unten hin und her bt* wegten. Ich selber war in keiner beneidenswerten Lag«. Fing matt mich, so war mir ein Kriegsgericht sicher, und selbstverständlich wäre ich erschossen worden. Ich mußte also versuchen, hinunter« zu kommen. Aber inie? Ich zog das Ende des Strickes an mich, befühlte es und bemerkte mit Grausen, daß eine glatte Schnittfläche vorhanden war! Ick untersuchte den oben gebliebenen Teil des Strickes und entdeckte noch fünf ander« Einschnitte. Nun konnte ich mir das Geräusch im Nebenzimmer erklären: ein Schurke mußte sich eingeschlichen haben, um an dem Baron einen niedertvächtigen Vcord zu begehen. Ich knüpfte die verschiedenen Bruchstücke des großen Stricks aneinander, wickelte ihn mir um den Leib und klomm an dem kleineren Teil, das am Fenstergitter befestigt geblieben war, wieder nach dem Turmzimmec hinauf. Dann knüpfte ich die beiden Stricke aneinander, befestigte sie aber nicht mit einem Knoten an dem Eisengitter, sondern wgte sie so herum, daß die beiden Enden herabhingen. An diesen ließ ich mich wieder auf das schmale Plätzchen am Fuß des Turms hinunter; dort brauchte ich nur an dem einen Ende zu ziehen, und ich hatte meinen schönen langen Strick wieder, der vollkommen ausreichte, um von dem vermaledeiten Felsen herunterzukommen. Ein paar Minuten später toar ich unten auf sicherem Grunde. Wunderbarerweise war der Baron d'Escorval am Kopfe völlig unverletzt geblieben: es waren zwar mehrere Rippen gebrochen, und das Fleisch seines Leibes war vom Aufprall auf die scharfen Felszacken furchtbar zerfetzt, aber es war doch eine, freilich schwache, Hoffnung vorhanden, ihn am Leben zu erhalten. So erklärte der treu« Abbö Midon, der ichon seit vielen Jahren die ganz« Gegend mit ärztlicher Hilfe versah. Das Wesentliche war, bett Baron an einen sicheren Ort zu transportieren, wo er ohne Furcht vor Entdeckung die nötige Pflege erhalten konnte. Die piemow- lesische Grenze war zwar nahe, aber doch zu weit für einen so schwer Verwundeten. , , ... Zum Glück besann der Abbß sich auf einen braven Bauern, der nur etwa eine Stunde entfernt wohnte. Es mußte versucht werden, den Verwundeten dorthin zu bringen; und wirklich, der Bawn überstand den Transport, und damit war die schlimmM Besorgnis beseitigt. Der alte Bauer nahm ihn auf, obgleich er schon einem anderen Flüch tling Herberge gegeben hatte, nämlich dem jungen Jean Lacheneur, dem Bruder Mariannens, der durch einen Degenstich schwer verwundet Ivar. Zwei Stunden später überschritten wir die Grenze; auf der Bahre lag einer der früheren kaiserlichen Offiziere, die bet bet Flucht mitgewirkt hatten. Man hatte ihm den Kopf mit blutigen Binden umwickelt, und wir ringen absichtlich so, daß wir von allen Leuten der Gegend gesehen werden mußten, natürlich, um di« Verfolger auf eine falsche Spur zu bringen. Kaum waren 758 tetr drüben über der Grenze, so stand der Offizier von der Bahre nuf und verliest uns mit seinen Kameraden. Die Bahre zerschlugen wir in kleine Stiickc und warfen diese in den Abgrund. Dann wanbcrtcn ivir nach Piemont hinein. Wir — das will sagen: der junge Maurice d'Escorval, Marianne und ich. Ein menschenfreundlicher Arzt vermittelte dem jungen Paar, daß es durch einen Dorfpriester getraut wurde, und dann verbargen wir uns in Turin. Es folgtest ejn paar schlimme Monate; wir hatten nur wenig Geld und mußten sehr auf der Hut sein, denn die sardinische Regierung würde uns sofort all die befreundete französische ansgeliefert haben, wenn wir entdeckt worden wären. Dazu die Ungewißheit, für Maurice um seinen Vater, für Marianne um ihren Bruder. Und Marianne fühlte sich Mutter! Das entschied endlich Maurice, seine junge Frau auf Schleichwegen wieder über die Grenze zu bringen. Man konnte ihr auf keinen Fall etwas anhaben, und sie war jedenfalls in der Heimat besser aufgehoben, zumal, da sie von einem Verwandten, der im Aufstand mit gefangen genommen und später erschossen worden war, ein ansehnliches Bauerngut, die Bor- derie, ererbt hatte. Wir kamen glücklich bei dem Hause an, wo der Baron lag, aber Abba Midon, der ihn immer noch pflegte, wollte nicht gestatten, dast sein Sohn ihn sähe. Der Zustand war immer noch sehr gefährlich. Er verlangte, dast wir sofort wieder über dis Grenze gingen, nur Marianne sollte da bleiben und ihre Erbschaft in Besitz nehmen. Wir .mußten also wieder flüchten; aber ehe ivir gingen, kam Jean Lacheneur, der von seiner Wunde wieder genesen war, Aum jungen d'Escorval und sagte: Was? So ohne weiteres gehen Sie wieder aus deut Lande? Ohne sich an dem Schurken zu rachen, der Ihren Vater ermordet hat? Wissen Sie denn nicht, das; der Marquis Martial de Sairmeuse den Strick durchgeschnitten hatte? Denn wer soll es sonst getan haben? Wäre ich an Ihrer Stelle, der Stutzer müßte mit vor die Klinge. Und gerade heute wäre eine so schöne Gelegenheit, Ihre Hcvausfordcrimg anzubringen: um diese Stunde must der junge Herr Martial mit Fräulein de Courtomienx getraut sein, und heute abend werden hunderte von Gästen zur H-ochzeitsfeier anwesend feilt. Wie wäicks, wenn ich mit einem Bries von Ihnen unter die Festversammlung träte und denn jungen Eheinann sagte: Da lies, wenn du den Mut hast, und gib Rechenschaft, meint du ein Mann bist! Maurice folgte der Rede des Wütenden; ein Brief, der den Marquis in den stärksten Ausdrücken zum Zweikampf forderte, wurde Jean Lacheneur mitgegeben, und am Abend machten wir uns nach Schloß Sairmeuse auf den Weg. Ich wollte nämlich Jean nicht allein lassen. Marquis Martial kam sofort zu uns heraus, als Jean ihn rufen liest; er las den Brief, wurde totenbleich und packte Jean am Arm, indem er rief: Kommen Sie mit und sehen und hören Sie selbst. Nicht ich bin der Schuldige, aber ich weist jetzt nur Ku gut, wer den Bubenstreich verübt hat. Ich war ihm in später Nachtstunde in der Zitadelle von Montaignac begegnet; ich cv- kanntc ihn, aber ich wußte nicht, was er vorhatte. Erst jetzt erfahre ich, was vorgefallen ist. Kommen Sie! Damit packte er Jean am Arm und zog ihn mit nach dem Ballsaal. Niemals werde ich die Szene vergessen. Die Hunderte von festlich geschmückten Menschen, die vielen Kerzen, die rauschende Musik. Der Marquis hatte den ganzen Saal durchschritten und blieb endlich vor seinem Schwiegervater, dein Herrn de Courtomienx, stehen, auf ein Zeichen von ihm schwieg plötzlich die Musik; int« suftiö und neugierig drängten die Festgäste sich um ihn herum. Da begann er mit lautschallender Stimme: Meine Damen uwd Herren,.ich bin es der Ehre meines Namens schuldig. Ihnen von einem soeben empfangenen Brief Kenntnis Kn geben! . Und er las die Beschuldignug und die Herausforderung des ttmgcn d'Escorval vor. Als er geendigt hatte, ballte er den Brief zusammen und warf ihn. den; Marquis de Courtomicux in das erdfahl gewordene Gesicht, indem er rief: Das für dich. Beträtet, der es gewagt hatte, den alten Namen L-airmeuse durch die Verbindung mit dem deinigen zu besudeln! Und zu Jean Lacheneur sich wendend, setzte er hinzu: . sagen Sie Herrn d'Escorval, dast ich morgen zur rechten Zeit an dem . von ihm bestimmten Ort mich einfinden werde. Damit verliest er, ohne sich um einen Menschen zu bekümmern, den Saal. Alle Anwesenden waren wie betäubt; cs herrschte Me Totenstille. Zuerst faßte sich die Neuvermählte. Mit einein Lächeln, dasihr eine übermenschliche Willensanstceugnng gekostet haben mußte, wandte sie sich zu bett Nächststehenden und sagte: E-s muß cm plötzliches Unwohlsein, eine augenblickliche Blut- watlung sein. Aber wir wollen uns dadurch nicht stören lassen. Die Musik soll weiter spielen! Wirklich begannen die Musikanten auf ihren Wink einem Walzer, aber kaum waren die ersten Töne erklungen, so eilten! und drängten all die Hunderte von Gästen dem Ausgang zu. Es war, als flöhen sie aus einem von der Pest befallenen Hause. Am nächsten Morgen fand Marquis Martial sich wirtlich auf dem bestimmtet! Platz ein; aber kaum hatten Maurice d'Es- covval und er die Klingen gekreuzt, btt brachen aus den nahen! Gebüschen ei» Dutzend Soldaten hervor. Wir mußten fliehen, ja, wir wären ergriffen tvorden, wenn nicht der Marquis den Unteroffizier, der die Abteilung führte, zwei Minuten lang hätte auf- zuhalten gewußt. Mir glaubten damals freilich, dies sei nur Verstellung von ihm gewesen, er habe, um das Duell zu verhindern, selbst die Soldaten, die zu der von seinem Vater be- fehligten Garnison von Montaignac gehörten, in den Hinterhalt gelegt. Nachher haben wir erfahren, dast auch dieser Srhurken- streich vom Marquis de Courtomienx ausgegangen toar. Jean Lacheneur schlug sich in die Milder, die er mit seiner Büchse durchstreifte; er hatte dem Verräter Chupi», der seinen Vater aufs Schafott geliefert, dem Marquis de Courtomicux und dem Herzog de Sairmeuse blutige Rache geschworen. Maurice d'Escorval und ich aber gingen wieder nach Piemont hinüber. Nur ganz selten erhielten wir eine Nachricht aus der Heimat. Doch erfuhren >vir, das; Marianne sich in ihrer neuen Besitzung, der Borderie, niedergelassen batte. Es war ihr gelungen, ihren! Zustand vor den Augen der Neugierigen zu verbergen, und als dann ihre schwere Stunde nahte, war der menschenfreundliche piemontesische Arzt, der ihre Trauung vermittelt hatte, zu ihn gekommen und hatte ihr Beistand geleistet. Vierzehn Tage daraus verliest er die Borderie und i.ahm ihr Kind mit sich. Und dieses Kind lebt noch? fragte Leeoq. Das kann ich nicht sagen, versetzte der Korporal nachdenklich. Herr Maurice d'Escorval hat cs viele Jahre lang suchen lassen. Der Arzt war ganz kurz daraus gcstorbeu, und ivir konnten niemals! erfahren, wem er den Knaben anvertraut hatte. Und dieser Knabe hiest Gustave, nicht wahr? rief Leeoq schnell. - Nein, ganz gewiß nicht, er war auf den Namen Maurice getauft worden, Ivie sein Vater. Und dvir bessere Nachricht aus der Heimat.Der Marquis Martial Sairmeuse hatte sich Marianne wieder genähert; er sprach nicht mehr von Liebe, aber er hatte den Wunsch, zu beweise», daß auf ihm fein Makel ruhte, dast er an deut Betrat gegen den alten Baron d'Escorval keinen Anteil gehabt hatte. Er erbot sich, durchzusetzen, dast ein neues Verfahren vor einem ordentlichen Gericht gegen den Baron eröffnet werden sollte, wobei dieser freies Geleit erhielte. Uebrigens war an einer Freisprechung nicht zu zweifeln. Der gegen bett Abbo Midon erlassene Steckbrief wurde zurückgenommen und ich wegen! meiner Desertion begnadigt. (Fortsetzung folgt.) Wshm steuert Indien? Das Ziel, das Herr Msisionsm.pektor Frohnmeher mit feinem Vertrag über dieses Thema • - bergt, die Notiz irr Nr. 277, 2. Bl. — verfolgte, war das, einzuführerr in das Verständnis der modernen indischen Bewegung. Bis vor ungefähr 20 I ihren herrschte im gesamte» indischen Volksleben völlige Stagnation. Am bejten sind die damaligen Vsrhältnisie gekennzeichnet in den Schlagworten „Undurchdringliche Reserve der indischer! Welt", ,.Macht der Gewohnheit", „Apathie des Hindu", „Unfähigkeit zur Tat". Dre Ursache zu alle dem ist in dem indischen Kastenwesen — „Kastemmwesen" — zu suchen. Das K aste u- lv e f e tt verhinderte das Zustandekommen jeglichen Nativ nal- aefühls, des Bewußtseins der Einheit intb Zusammengehörigkeit des gesamten Volkes. Es verhinderte die Regelung der wirtschaftlichen Verhältnisse des indischen Volkes. Aller. .Handel und Verkehr, und jedes Gewerbe war lokal begrenzt, auf eine Karte beschränkt. Es verhinderte endlich das Aufkommen eines neuen sittlichen Ideals. Sittlich feilt, das hieß: den Ordnungen der Karte nachleben, nitb diese Forderung hatte im Gefolge all das Frauen- und Witweu- elend, die Kinderheiraten, die Mißachtung der den unteren Kasten Angehörigen oder bei- außerhalb der Kasten Stehenden. 759 So stand es in Indien bis vor ungefähr, 20 Zähren. Heute ist dieser Vulgärhindnismus untergraben, und das indische Volksleben ist in Fl ins gekommen- Man kann von einer uatioMlen Bewegung in Indien reden; im wirtschaftlichen Leben sucht man neue Wege zu gehen, und vor allem: ein neues sittliches Gewissen ist erwacht. Man schämt sich des alten Aberglaubens und sucht ihn durch symbolische Umdeutung abzuschwächen. Die Kritik ist erwacht; mau gibt alte Ideale preis und nimmt neue Ideale an. (Selbstverständlich ist das cum grano salis zu verstehen. Die alten Anschauungen bestehen noch rieben den modernen I..een weiter. Wir stehen eben erst in dem Anfang dieser Entwicklung.) Die. Ursache dieser neuen Bewegung ist das Ein- dringen der abendländisch-christlichen Kultur nach Indien. ES ist etwas in die indische Geschichte eingetreten: der „gebildete Hindu", und der ist der Träger der. modernen irdischen Bewegung. Das ist ja nun etwas Erfreuliches; zugleich liegen aber auch hier die Ursachen der unerfreulichen Begleiterscheinungen eben dieser Bewegung, der revolutionären Tendenzen des modernen Hinduismus. England hat die abendländische Bildung und Kultur nach Indien , getragen. Der „gebildete Hindu" hat sich diese angeeignet, möchte aber auch zugleich seinen .Hinduismus retten. Das führt zu inneren Widersprüchen; denn Hinduismus und abendländische Kultur sind unvereinbare Gegensätze, Ivie wir noch genauer sehen werden. Man hat aus englischer Seite den Fehler begangen, indem man den Intellekt gebildet hat, nicht aber den Charakter. Der Hindu hat sich, — im Innersten doch unverstandene Schlagworte der abendlän- disthen Bildung angeeignet, die eine große Konfusion in seinem Denken anrichten. Ein Beispiel: Bis vor ungefähr 20 Jahren hat das einzelne Individuum überhaupt keine Bedeutung gehabt. Der Einzelne kam nur in Betracht als Glied einer Kaste. Nun hört der „gebildete Hindu" von der großen Schätzung der einzelnen Persönlichkeit, wie sie in der demokratisch-liberalen Regierungsform in England zum Ausdruck kommt, und er fordert eine gleiche Regierungssorm für sich; das ist für einen Kenner der indischen Verhältnisse barer Unsinn. Da nun England diese unsinnigen Forderungen nicht erfüllen kann, so werben die Antragsteller zu Agitatoren, die durch heimliche Wühlerarbeit und durch offene Anfrage Englands Stellung in Indien zu erschüttern suchen. — Eins ist nun sehr interessant, und für die irdischen Verhältnisse zugleich äußerst charakteristisch. Die Leiter der englandfeindlicheu Bttve- wegung sind die Brohmanen, die Mitglieder der obersten Kaste, der Priester-Kaste. — Brohmanentum und demokratisch-liberale Regierungsform sind nun im Prinzip die denkbar größten Gegensätze; denn das Brohmanentum hat seither seine Aufgabe darin gesehen, jede freiheitliche Bewegung zu unterdrücken und hat in feiner Abgeschlossenheit die' übrigen Kasten geknechtet, wo und wie es nur konnte. Diese Abgeschlossenheit den übrigen Kasten gegenüber ivill das Brohmanentum nun auf keinen Fall aufgeben, und deshalb die Feindschaft gegen England, d. h. gegen die abendländische Kultur. Denn das Brohmmrentum hat mit seinem Spürsinn herausgemerkt, daß ihm mit dem Eindringen der abendländischen Kultur ein Totfeind erwachsen ist, daß nämlich diese auf christlichem Boden erwachsene Kultur untrennbar verbunden ist mit dein Christentum, und es kann keinen größeren Vorwurf gegen das Christen- tum erheben als den: „Ihr wollt alles gleich machen". Eben das christliche Prinzip der freien Persönlichkeit paßt ihm ganz und gar nicht. Es ivill nicht die Gleichheit, es ivill 'seinen Nimbus, den es bei den übrigen Kasten hat, nicht verlieren. Ans Haß gegen das Christentum treiot das Brohmanentuin dieses falsche. Spiel, redet es m der Oeffentlichkeit voil einem demokratis ch - liberalen Regiment, fordert es zum Aufruhr gegen Englano aus, um England ans Indien zu vertreiben. Die Folgen wurden sein: Unterdrückung jeden Funkens von Kerheit, Vermch- tung der modernen Kasten unter die Priestertaste., ist der Äauptgrustd der revolutionären, englandsemdlrchen Stimmung in Indien. Ein Nebengrund, der aber dem gegenüber kaum, in Betracht kommt,'ist der Gl.geilstitz zwischen dem englischen , und indischen Volkscharatter Der Hiiidn hat ebensowenig Verständnis für daS^ cnwgtsche, tatkräftige und zielbewusste Wesen des Engländern, w,e dieser «t« das Weichliche und Träumerische des irdischen woirs- charäkters. Aber das ist, tote schon gesagt, bei weitem nicht von der Bedeutung, tote die v rher angegebenen Ursachen für die englandfeindliche, d. h. christentumöfeindliche Stim- mung der tiidischeil Agitatoren. Das tont schon deshalb gar nicht so hoch eingeschätzt werden, weil die englische Regierung in Indien sich die größte Mühe gibt, deut indischen Volke gerecht zu werden. Die in der deutschen öffentlichen Meinung' erhobenen Vorwürfe, daß England das indische Volk Ausbeute' und aussauge, bestehen nicht zu Recht. Das ist nicht der Fall. Eitgland bringt für Indien Opfer über Opfer, und Indien sollte England ewig dankbar fein. Aber statt dessen treibt es dieses falsche Spiel, und giebt es sich der Hoffnung hin, England aus Indien vertreiben zu könnest; denn die anfänglichen Mißerfolge der englischen Waffen im Burenkrieg haben den Respekt vor der englischen militärischen Macht erschüttert, und der Sieg der Japaner, die man als rasse- unb wesensverwaudt glaubt, über die Russen hat falsche Hoffnungen unter bett Hinbus erweckt, und man glaubt, gleiche Erfolge erringen zu können, wie die tatkräftigen Japaner. So folgen Unruhen auf Unruhen. Was wird der Ausgang sein? Ein Hindu hat vor kurzer Zeit geschrieben: „Wenn die Briten Indien verlassen, datm wird das Ende Anarchie sein, dann ist unfer Land ruiniert." Und er dürfte Recht haben. Die alten Zustände würden lviederkehren, und auch das neu erwachte geistige Leben würde spurlos im Sande verlaufen. Man würde denselben Weg gehen, den man in der indischen Geschichte schon so oft gegangen ist, daß matt die neuen Jaeen in den Brahmanismus ausnehmen mürbe, ohne daß der dadurch stark verändert würde. Auch die christlichen Ideen würben so mit dem Brahmanismus verschmolzen und dantik ihres Einflusses beraubt. Soll es in Indien wirklich zu einer Nen- gestaltung der sozialen Verhältnisse kommen, tmd soll ivirk- lich eine nationale Einheit zustande gebracht werben,, daun kann das nur so geschehen, daß zuvor der Brahmanismus übertvunden Mrd durch das Christentum, wenn an Stelle der Kaste die Genteinschaft freier Persönlichkeiten getreten ist. Und diese Arbeit zu leisten, das ist die sittliche Aufgabe Englands Indien gegenüber, und es gelten für England die'Worte des edlen Sir Herbert Edwards: „Solange das Christentum noch nicht die Herrschaft in Indien angetreten hat, 'solange dürfen wir Indien nicht verlassen." Sattste in. Die ZMtteMMg ür der Schule. Von einem außerordentlich interessanten pädagogischen Versuche, der in der Polytechnischen Schule in Los Angelos tu Kalifornien mit dem glücklichsten Erfolge angestellt wurde und sofort bei einer Reihe amerikanischer Lehranstalten praktische Nachahmung gefunden hat, berichtet Bertha H Smith im letzten Heft des Atlantic Momrtyly. Es handelt sich darum, Ordnung, Betragen und Disziplin der Schuler dem Urteil und gewissermaßen der Oberaufsicht der gesamten Schülerschaft zu unterstellen, um damit ihren Stolz uitb schon in früher Zeit ihr eigenes Verantwortlccyken.sgefuhl 'n wecken und zu stärken. Ein Sck)uljuugenstreich war _ber Ausgangspunkt des interessanten Resormversuches. Mr Hof der Polytechnischen Schule von ros Angelos liegt aus einer Anhöhe, an bereut Fuße ein kleiner Mckchhof sich beftndet. In der Pause belustigten sich einige Knaben bannt, vom Hofe aus große Steine den Hügel hinabzuwersen, wobei das Dach des unten liegenden kleinen Baulverkes zerstört wurde. Der Eigentümer, ein armer Bauer, beschwerte ft et), bei d nn Direktor, der nun die Schüler versammelte unb ihnen vorschlug, eilte KomwUsion aus ihrer Mitte zu wählen, die darüber beschließen sollle, in welcher Weise der schaben geteilt unb die Schuldigen bestraft Werden sollten. Der Gedanke des Schulleiters wurde mir Euchustasntw.' ansgc nommen, jede. Klasse ioählle ztvei Vertreter, die dann zu- sammentrateu und beschlossen, eine Sammlung zu veranstaltet!, um dein Bauer den Schaden zu ersetzen uno um die Schuldigen mit dem zeitweiligen Ausschluß von den allaemeiuen Sportsspielen zu bestrafen. Der günstige Erfolg dieses ersten Versuches veranlaßte den Direktor, die Wahl eines ständigen Anssichtskvmitees anzuregen, dessem. Urtett alle Schüler anheimgegeben wurden, die üege.n die Schuldisziplin verstoßen ober sonst durch ihr Betragen Tadel verdient hatten Damit fiel die Uebenvachung der Schüler wahrend der Pansen und Erholungssttmden fort, denn dasKmintee übernahm die Aufsicht uno die Bestrafung all Mer ^ >1« Ausschreitungen, die ut einer Schule, in der tute gifutibe 760 Jugend beisammen ist, nie völlig schwinden werden. Die Autorität des Lehrers beschränkte sich auf die Unterrichtsstunden, unb Werin ein Schüler durch sein Benehmen Au- K erregte, so pflegte der Lehrer selbst den Schuldigen t Komitee zur Aburteilung zu überweisen. Da in den meisteir amerikanischen Schulen Genieinsamkeitserziehung herrscht, beschloß man darairf, diese „Selbstregierung" auch auf die Schülerinneir auszudehnen, und so bildeten sich zwei Komitees, ein Knaben- und ein Mädchen-Komitee, die die Aufsicht über die Schülerschaft übernahmen. Alle sechs Monate wurde ein neuer Präsident und eine neue Präsidentirr gewählt, denen als Ratgeber je zwei Vertreter jeder Kia se zur Seite standen. Es ist bernerkenswert, mit welchem Ernste die Zöglinge an ihre neuen Rechte und Pflichten heran- traten; selbst die unverbesserlichsten Störenfriede wurden in dem Augenblick, als sie zu Mitgliedern des Komitees gewühlt wurden, zrr strengen nnd unparteiischen Richtern, die eifrig bemüht schienen, die Würde ihres Amtes zu wahren. J.r dieser Hinsicht hat die neue Einrichtung aus die Charakterbildung der Schüler eilten außerordentlich günstigen Einfluß gezeigt und das Berantwortlichkeitsgefühl gefestigt. Die Amerikaner betrachten es als eine ideale Vorbereitung für den künftigen Bürger, denen so der Fnitdamentalsatz des amerikanischen Staatslebens von frühauf lebendig zum Bewußtsein gebracht wird, jenen Satz, nachdem „das Volk vom Volle durch das Volk" regiert werden soll. Die Schüler selbst fügen sich widerspruchslos der „öffentlichen Meinung" ihrer Gefährten, und sie nehmett die verhängte Strafe als gerecht hin, wo früher durch die Strafgewalt erwachsener Vorgesetzter nicht selten heimliche Verbitterung und Trotz auf» keimten. Bezeichnend für den guten Einfluß dieser recht streng gehandhabten Schülerjustiz ist es, daß während der vier Jahre, in denen dies System in Los Angelos in Anwendung ist, nicht ein einziges Mal Beschwerden an den Direktor gelangten, der als höchste Berufungsinstanz sich das Recht vvrb halte.! hat. die Ur eile des K mi e s nötigenfalls zu korrigieren. Selbst die strengsten von dem Schürergericht verhängten Strafen wurden von dem Betroffenen widerspruchslos hingenommen. Ter Urheber dieser „Celbst- regierung" in der Schule, Professor John A. Francis, hat daher auch bald die Genugtuung erleben können, sein System auch bei anderen Unterrichtsanstalten eingesührt zu sehen. Die übrigen Schulen von Los Angelos find feinem Beispiel gefolgt, St. Louis und Philadelphia folgten, und allem Anschein nach wird die Selbstverwaltung der Schüler in kurzer Zeit in ganz Amerika zur Regel werden. * Das Wunder des marokkanischen Prätendenten. Der Werglaube der marokkanischen Bevölkerung hat neue Nahrung erhalten durch eine vermeintliche Wundertat des von den Franzosen in Gewahrsam gehaltenen Prätendenten Mulai Mohammed, der unter den orthodoxen Marokkanern viele Anhänger besitzt nnd dessen Frei.assung besonders nach diesem jüngsten Geschehnis leicht neue Wirren auf das schwergeprüfte Land herabbeschwiren k.uitte. Vor einigen Tagen empfing Mulai Mohammed den Besuch seines Bruders Mulai Zin, der als Scheris von einer Ehrenwache einheimischer Soldaten geleitet wurde. Der französische Polizist, der vor dem Hanse Mulai Mohammeds Wache hielt, glaubte an einem gewaltsamen Besreiungsversuch und eilte schleunigst fort, um nach wenigen Minuten mit einer Schar von Polizeibeamten und Truppen wiederznkehrew Allein die Polizei fand die Brüder in harmloser Unterhaltung. Als Mulai Mohammed erfuhr, welche Ursache der Wafsenlärm hatte, machte er dem Wachtposten Vorwürfe und in seinem Aerger sprach er den Wunsch aus, Allah möge diesem törichten Polizeimann die Augenkraft rauben, mit der er offenbar doch nichts Vernünftiges anzufangen wisse. Am nächsten Tage sand der unglückliche Polizist, auf den der Fluch Mulai Mohammeds liefen Eindruck gemacht hatte, beim Erwachen, daß er das Gesicht verloren hatte: er war vollkommen blind. Die Kunde von diesem Ereignis ging rasch vond Mnnd zu Mund, und die Eingeborenen erblicken in ihm ein Wunder, das die göttliche Kraft des wirklich orthodoxen Sultans von Marokko beglaubigt. Dies Gerücht ist nm so gefährlicher, als Mulai Hafid unter den Strenggläubigen sehr viele Gegner hat, die ihm sein freundschaftliches Benehmen gegen Fremde nicht verzeihen können, ihm vorwerfen, daß er Abdul Asis' Spuren folge und verstimmt darüber sind, daß er die alten Minister seines Bruders nicht alle entlassen hat. Der Erblindete wurde von einer Anzahl europäischer Aerzte untersucht, die zu dem Schlüsse kamen» daß hier ein Fall von Autosuggestion vorliege, dessen Wirkung sich ohnehin durch die schwachen Augen und durch die Neigung zum Erblinden erklärt. Doch für die abergläubisch« Bevölkerung liegt eine solche Erklärung naturgemäß außerhalb des Bereiches ihres Verständnisses, und das Gerücht von der Wundertat Mulai Mohammeds eilt durch das ganz.e Land. Neue Vücher. (Besprechung erfolgt nach Auswahl. Eine Verpflichtung zur Besprechung unb _ zur Aufbewahrung unverlangt eingesandter Bücher wird nicht übernommen.) Eng elhv rns Ro maub i b lio the k. (24. Jahrgang.) Die Schuldige. Von Richard V o ß. 2 Bde. — Die Billa des Gerechten. Von Rudolf Hirschberg-Jnra. — Ein r i t t e r l i ch e r B it s ch k l e p p e r. Von E. W. H o r n u n g. Ausi dem Ettglischeu. — Paradiesvogel. Von Paul Oskar H ö ck e r. 2 Bände. — Der gesegnete Tag. Von Alfred E h r e tt c r o n - M ii l l e r. Aus dein Dänischen. — Der Wegweiser. Von Anselma Heine. — Rebekka vomSounen- bachhof. Von Kate Douglas Wiggin. Aus dem Englischen. 2 Bände. — D e r rv t e Fa d e n. Von Georg Wasner. — Ein verlorener Posten und andere Geschichten. Von B. M. Croker. Aus dem Englischen. — Die Macht der Vergangenheit. Von Daniel Lesuenr. Aus beut Französischen. 2 Bände. — Die Befreiten. Von Hermann: S t e g e m a n n. — Liliput, der Schicksals motor. Von Lloyd Osbonrne. Aus dem Englischen. — Der rote Kersien. Bon Richard. S ko w ro nn e k. 2 Bände. — DaS anvertraute Gut und andere Geschichten. Von Bret Harte. Aus dem Englischen. — Die Dachprinzeß. Voch Hermine Villiuger. — Mary am Gittertor. Von B, M. Croker. Aus dem Englischen. 2 Bände. —Schwesterir. Von Paul Bourget. Aus dem Französischen. — I m Taifun. Von Joseph Conrad. Aus dem Englischen. — T i e Kinder des Herrn von Harthausen. Von Hans »ort Zabeltitz. 2 Bände. Sämtlich bei Engelhorn in Stuttgart, R. M in los, Ueber allen Göttern ist Ruh . . . eine monistische Studie. Berlin, F. Tümmler. D. Vorwerk, Im Heer der Heimatlosen, Werdegang eines Fremdenlegionärs. Der Mensch und die Erde, herausgeg. von H. Kra e- me r. Lief. 61—65. Berlin, Bong u. Co. Pastorin Breithanptö Kochbuch. Frankfurt a. d. O. Trvwitzsch u. So km. F. Titus, Und der Kaiser sprach . . zur deutschen Krisis. Leipzig, O. Wigand. Tr. G. v. S cha u e n b u r g, Der süddeutsche Weinbauer. Lahr, M. Schauenburg. W. O st w a l b , Schule ber Elektrizität nach G. Clanbe. Leipzig, Dr. M. Klinkharbt. Hessischer Kalender für 1909, Darmstadt, H. Hohmann. Königspromertade. Man darf die einzelnen Wörter unb Silben nur in ber Weise miteinander verbinden, da» mau — wie der König au* beut Scbaeh. breit — stets von einem Reib aus am em benachbartes übergeht» Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nuntmert Uiiredtt leiden, schmeichelt großen Seelen. mar chet mors wer sich des sprö den rem kei er schwe ernst des nur iels ne tont dem nur mü mei der rauscki wahr born heil des he blei chet tief ter steck ver Auslösung tn nächster Nummer. Redaktion; E- Anderson. — ytotatiouaöcud mit Verlag 6ei Blüht'scher- Uuwetfuäto - Bach» unb ©teuibnidcret, 8t. Lange, Giepert