J908 W rniil ZIW uML^ OflW 8 NU iW Ab Herr Lecoq. Kriminal-Roman von E. Gaboriau. Nachdruck verboten, (Fortsetzung.) Nach einer guten' Weile wurde indessen der alte Absinth müde, die Feder über trag' Papier huschen zu sehen. Ihm war unwohl nach der schlaflosen Nacht, sein Kopf brannte und seine Glieder schlotterten vor Kälte. Außerdem waren ihm die Beine ganz steif geworden. Er fing also an, in den Schränken herumzustöbern, und entdeckte schließlich — o Glück! — eine zu drei Vierteln volle Flasche Branntwein. Er zauderte eine Sekunde lang, aber dann tzoß er sich ein Großes' Glas vM ein und stürzte cs auf einen Zug hinunter. Wollen Sie auch einen? fragte er darauf seinen Kameraden. Berühmt ist der Schnaps ja gerade nicht, aber einerlei, er löst einem doch die Glieder und zerstreut ein bißchen. Lecoq dankte; er brauchte keine Zerstreuung. Er hatte alle Mäste seiner Intelligenz aufgebotcu. Es kam darauf an, daß auf das bloße Lesen des Berichtes hin der Untersuchungsrichter sagen sollte: Holt mir mal den Burschen her, der das ausgesetzt hat. Seine ganze Zukunft bei der Polizei stand auf dem Spiel. Er gab sich deshalb die größte Mühe, kurz, klar und deutlich zu sein. Zunächst berichtete er, wie ihm über die Person des Mörders Verdacht gekommen, wie dieser gewachsen wäre, und sich befestigt hätte. Tann führte er einzeln alle Beweisstücke auf, die er in diesem Augenblick vor sich liegen hatte. Tiese waren: die von dem Balken abgelesenen braunen Wollflocken, die kostbare Ohrbommel, die Abdrücke der verschiedenen im Garten aufgefundenen Fußspuren, die der Witwe Chupin gehörende Schürze mit den umgedrehten Taschen. Ferner der Revolver des Mörders, von dessen fünf Schüssen drei noch nicht entladen waren. Tie Masse hatte zwar keine Verzierungen, war aber außerordentlich schön und sorgfältig gearbeitet: auf dem Kolben trug sic den Namen eines der ersten Londoner Waffenfabrikanteu: „Stephen, 14 Skinnerstreet". Lecoq ahnte wohl, daß er noch andere und vielleicht sehr wertvolle Indizien beibringen könnte, wenn er die Leichen durchsuche, aber dieses wagte er nicht. Er war noch zu unbedeutend ckls Polizeimann, um einen solchen Schritt unternehmen zu dürfen. Uebrigens begriff er, daß Gsvrol, der über seine Schnitzer wütend sein mußte, unfehlbar darüber schreien würde, Lecoq habe die Lage der Leichname geändert und dadurch den Gerichtsärzten unmöglich gemacht, Schlüsse daraus zu ziehen. Er machte sich auch nicht allzuviel daraus, und überlas seinen Rapport noch einmal, als der alte Absinth, der ans der Türschwelle ein Pfeifchen rauchte, ihn anrief. Was Neues? antwortete Lecoq. Da kommt Govrol nebst zwei Kiollegen, und sie haben den Mom'missar und zwei Herren bei sich. In der lsät kgm der Polizeikommissar, recht nachdenklich über diesen dreifachen Mord, der seinen Bezirk mit Blut besudelt hatte, aber doch nicht übermäßig beunruhigt. Warum hätte er sich auch aufregen sollen? Gsvrol, der in diesen Dingen Autorität !oar, hatte ihn gleich beruhigt, als er ihn hatte wecken müssen. Es handelt sich, so hatte er ihm gesagt, bloß um eine Schlägerei unter dem Gesindel, das in der „Pfefferbüchse" verkehrt. Wenn alle diese schlechten Kerle sich untereinander abmurksen, so käme das nur unserer Ruhe zu statten. Er fügte hinzu, der Mörder sei verhaftet, imb hinter Schloß und Riegel gesetzt; der Fall sei also durchaus nicht dringlich. Ter Kommissar sah daher nichts Unrechtes dabei, wenn er bett Tag abwartete, um sein Verfahren zu beginnen. Am Morgen hatte er den Mörder aufgesucht, dann die Ge- 'richtsbehörde benachrichtigt, und kant jetzt, ohne allzugroße Eile, begleitet von zwei Aerzten, die der Kaiserliche Staatsanwalt mit der Untersuchung beauftragt hatte, auf den Schauplatz des Ver« brechens. Er hatte auch einen Feldwebel vom 53. Linienregiment bei sich; da einer der Toten Uniform trug und auf den Mantel- knöpfen die Regimentsnummer 53 stand, so sollte der Feldwebel womöglich feststellen, ob der junge Mann zu feinem Regiment gehöre, dessen Käfernen sich in den Forts befanden. Noch weniger als der Kommissar beunruhigte sich der Kriminalinspektor um die Sache. Er kam pfeifeird und mit deut Spazierstock, den er niemals aus der Hand ließ, Lufthiebe schlagend, im Voraus sich schon über das Fiasko des Uebereifrigen amüsierend, der etwas hatte ausrichten wollen, wo er selber nichts bemerkt hatte. Sobald et in Rufweite war, interpellierte er beim auch schon den alten Absinth, der auf seine Türschwelle zurückgekehrt war und regelmäßige Rauchwolken aus seiner Pfeife hervorstieß, im übrigen fo unbeweglich, daß man ihn mit einer rauchenden! Sphinx hätte vergleichen können. Na, Alter? rief Gsvrol, habt ihr uns eilt recht schönes Melodrama zu erzählen, so ein recht schwarzes und recht geheimnis« volles? Ich habe nichts zu erzählen, antwortete der Biedermann, ohne seinen schwarzgerauchteit Pfeifenstummel aus den Lippen zu nehmen, ich bin bunt in, das ist ja bekannt. . . . Aber Herr Lecoq könnte Ihnen wohl allerlei erzählen, worauf Sie ikicht gerechnet haben. Der Titel „Herr", womit der alte Kriminalschutzmann feilten; Kollegen bedachte, mißfiel Gsvrol so sehr, daß er sich stellte, als verstände er nicht. Wer, was? fragte er. Von wem sprichst du? Na, von meinem Kollegen, der gerade dabei ist, seinen Bericht fertig zu machen, von Herrn Lecoq. Ah, ah! brummte der Inspektor, dem diese Worte äugen« scheinlich unangenehm waren. Äh! Ev hat was entdeckt . Ten Braten, den die anderen nicht gerochen hatten! Jawohl, General, das stimmt! Durch diesen einen Satz machte sich der alte Absinth seinen Vorgesetzten zum Feinde, Aber Lecoq hatte es ihm angetan. Er ging fortan mit ihm durch Tick und Dünn. _> Ra, man wird ja sehen! murmelte der Inspektor. List 618 — Heimen nahm er sich bor, auf den jungen Burschen ein wachsames Auge zu haben, denn durch einen Erfolg konnte ihm in diesem ein Nebenbuhler erwachsen. Er sagte nichts weiter. Die länderen Herren waren herangekommcn, und er trat zur Seite, Inn den Polizeikommissar vorbeizulassen'. Dieser Kommissar war kein Neuling. Er war in den schönen Tagen der Epi-Sis und der Quatre-Billards im Faubourg du Tumple Friedensrichter gewesen; trotzdem konnte er eine Bc- jvegung des Grauens nicht bemeistern, als er das Erdgeschoß der >,Pfefferbüchse" betrat. Der Feldwebel vom 53., der hinter ihm ging, ein alter Kriegsinann mit Medaillen und Ehrenzeichen, wurde von der Szene noch mehr angegriffen. Er wurde so bleich wie die vor ihm liegenden Leichen und mußte sich gegen die Wand lehnen. Nur die beiden Acrzte bewahrten stoische Gleichgültigkeit. Lccoq war aufgestanden, seinen Rapport in der Hand; er hatte seine Verbeugung gemacht rind wartete in ehrerbietiger Hal- tur:g, bis mmt ihn befragen würde. Sie haben jedenfalls eine scheußliche Nacht verbracht, sagte der Kommissar freundlich, und zwar ohne Zweck für die Ge- xechtigkeit, denn alle Nachforschungen waren überflüssig. Ich glaube doch, antwortete der junge Beamte mit Aufgebot aller Diplomatie, ich glaube doch, meine Zeit nicht verloren zu haben. Ich hielt darauf, den Instruktionen meines Vorgesetzten nachTukommen; ich habe also gesucht und recht Vieles gefunden. Ich habe zum Beispiel die Gewißheit gewonnen, daß der Mörder einen Freund, wenn nicht einen Komplizen hatte, von dem ich beinahe eine Personalbeschreibung liefern könnte: Er muß von Mittlerem Alter sein, als Kopfbedeckung, wenn ich nicht irre, ^eine weiche Mühe tragen, sein Ueberzieher muß aus dunkelbraunem, flockigem Wollstoff bestehen; seine Stiefel. . . Donnerwetter! rief Gsvrol aus; und ich. . . Er schwieg plötzlich still, wie ein Mann, dem das Temperament .mit dein Verstände durchgegangen ist, und der gerne seine Worte wieder znrücknehmen möchte. Und Sie? fragte ihn der Kommissar. Was wollen Sie lagen? Er wap wütend, aber zu Weit gegangen', um noch zurück- Ktikönn.en. Der Inspektor entschloß sich daher zum Erzählen: Tie Sache verhalt sich folgendermaßen. Heute früh, vor einer Stunde, während ich auf Sie, Herr Kvnrmissar, wartete, stand ich Vor der Polizeiwache, an der Barriere d'Jtalie, wohin der Mörder gebracht ist. Da sehe ich in der Ferne einen Menschen herankommen, dessen Aeußeres nicht ganz ohne Uebereinstimmung Wit der von Lecog gegebenen Beschreibung ist. Dieser Menschs schien mir fürchterlich betrunken zu sein; er schwankte, strauchelte, schob sich an den Häuserwänden entlang. Trotzdem versuchte fer, den Fahrdamm zu überschreiten, aber in der Mitte desselben fiel er hin pstd lag so da, daß er unfehlbar überfahren werden Wußte. Lecog drehte den Kbps zur Seite; man sollte nicht in seinen Augen lesen, daß er den Zusammenhang begriff. Als ich das sah, fuhr Gsvrol fort, rief ich zwei Schutzleute heran und bat fie, mir zu Helsen, um den Unglücklichen aufzuhebcn. Wir gehen auf ihn zu, er scheint schon eingeschlafen zu sein; Wir rütteln ihn'. Er setzt sich aufrecht, wir sagen ihm, er könne Nicht da liegen bleiben — aber da packt ihn auf einmal anscheinend eine fürchterliche Wut, er schimpft und droht, er versucht uns zu schlagen. Und, meiner Seel! wir bringen ihn auf die Wgche, damit er wenigstens in Sicherheit seinen Rausch ausschlafe. Und Sie haben ihn mit dem Mördep zusammengesperrt? fragte Lecog. Natürlich. Du weißt doch, daß auf der WNche an der Barriere d'Jtalie nur zwei Arrestantenzellen sind, eine für die Männer, eine für die Weiber. Folglich . . Ter Kommissar dachte nach. Ei, das ist ärgerlich, murmelte er. Und nichts dagegen zu wachen! , Oh bitte, doch! widersprach Gsvrol. Ich kann einen von meinen Leuten nach der Wache schicken und Befehl geben, den falschen Trunkenbold festzuhalten. Der junge Polizist tvagte ihn mit einet- Handbcwegüng zu .unterbrechen. Verlorene Mühe! sagte er kalt. Wenn dieser Mensch der -Komplize ist, so können Sie unbesorgt sein: er ist nüchtern geworden und jetzt schon weit! . Also — was tun? fragte der Inspektor mit möglichst ironischer Miene. Könnte man vielleicht die Meinung des. . . Herrn Zecoq kennen lernen? Ich.. denke, der. Zufall bot uns eine prachtvolle Gelegenheit; wir haben sie nicht zu ergreifen gewußt, und das Einfachste ist, nicht lange darüber zu trauern, sondern abziiwarten, ob sich eine andere bietet. Trotzdem bestand Gsvrol darauf, einen seiner Leute heim- zuschicken; sobald dieser fort war, mußte Lecog mit der Vorlesung seines Berichtes beginnen. Er las ihn mit großer Schnelligkeit herunter, er wollte die wichtigen Umstände absichtlich nicht hervorheben, sondern seine geheimen Gedanken für das Protokoll des Untersuchungsrichters auffparen. Aber die Logik seiner Ausführungen war so stark, daß er jeden Augenblick durch beistimmende Aeußerungen des Polizeikommissars und durch ein „Sehr gut!" der Aerzte unterbrochen wurde. Nur Gsvrol, der die Opposition vertrat, zuckte die Achseln, daß man hätte denken können, er würde sie sich ansrenken; dabei wurde er ganz grün vor Eifersucht. Als der Bericht verlesen war, sagte der Kvmmissar zu Lccog r Ich glaube, junger Mann, Sie allein haben richtig gesehen. Ich habe mich geirrt. Aber nach Jhreir Ausführungen sehe ich die Haltung des Mörders, während ich ihn vor einem kurzen Augenblick verhören wollte, mit ganz anderen Augen an. Er weigerte sich nämlich, mir zu antworten — oh! und mit welcher Hartnäckigkeit! Er war nicht einmal dazu zu bringen, mir seinen, Namen zu sagen. Er schwieg einen Augenblick, als ob er sich in seinem Gedächtnis noch einmal alle Umstände vergegenwärtigte. Dann fügte er nachdenklichen Tones hinzu: Ich möchte darauf schwören, wir stehen hier vor einem jener geheimnisvollen Verbrechen, deren Beweggründe von menschlichem Scharfsinn nicht zu durchdringen sind, vor einem jener dunklen Fälle, die die Gerechtigkeit niemals aufklären wird. Lecog verbarg ein schlaues Lächeln. Er dachte bei sich selbst: Oh, wir tverben ja sehen! 9. Kapitel. Ich möchte Sie bitten, meine Herren, sagte der Kvmmissar zu den Merzten, Ihre Untersuchung bei jenem Ermordeten zu' beginnen, der die militärische Uniform trägt. Ich möchte den Feldwebel hier, den ich nur zugezogen habe, um nröglicherweis« die Identität festtzustellen, gerne so bald tote tunlich in seine Kaserne zurückkehren lassen. Tie beiden Aerzte nickten zum Zeichen des Einverständnisses, hoben mit Hilfe des alten Absinth und eines anderen Schutzmanns den Leichnam auf und legten ihn auf zwei aneinander geschoben« Tische. Tie Lage des Körpers brauchten sie nicht zu untersuchen; da diese keine Aufklärung geben konnte, denn der Unglückliche, der bei Ankunft der Patrouille noch geröchelt hatte, war vor deut Verscheiden an einen anderen Platz gebracht worden. Treten Sie näher, Feldwebel! befahl der Polizeikommissar, und sehen Sie sich den Mann ganz genau an. Ter alte Soldat gehorchte mit sichtlichem Widerwillen. Was ist das für eine Uniform, die er trägt? fuhr der Kommissar fort. Es ist die Uniform des 53. Linienregiments, zweites Bataillon, Schützenkompagnie. Kennen Sie ihn? Ganz und gar nicht. Wissen Sie bestimmt, daß er nicht zu Ihrem Regiment gehört? Das kann ich nicht behaupten; es sind Rekruten da, die ich niemals gesehen habe. Aber ich kann versichern, daß er niemals dem zweiten Bataillon angehört hat, bei welchem ich stehe, und erst recht nicht der Schützenkompagnie, deren Feldwebel ich bin. Lecog, der sich bis dahin abseits gehalten hatte, trat vor und sagte: Es wäre vielleicht gut, sich das Nummerzeichcn anznschen, das die Sachen des Mannes tragen müssen. Die Idee ist gut, sagte der Feldwebel zustimmend. Hier ist zunächst sein Käppi; es ist mit der Nummer 3129 gezeichnet. Die anderen Kleidungsstücke wurden ebenfalls untersucht, und es stellte sich heraus, daß jedes mit einer anderen Nummer gestempelt war. (Fortsetzung folgt.)' Sven hedim Entdeckungen in Tibet. Sven Hedin setzt im Septemberheft von Harpers Monthly Magazine den Bericht über seine Entdeckungen in Tibet fort. An die Erforschung des „heiligest Sees"' Manasarowar schloß sich ein mehrwöchentlicher Aufenthalt, dann aber, nachdem noch eine Reihe von Lamaklöstern ausgesucht lvar, bricht Sven Hedin auf zur Erforschung 619 wonnenen w i so ziehen sie daher und suchen hier einen Abglanz der Unsterblichkeit, ehe sie in das Tal des Todes eingehen. Stiert Hedin sieht auf dem Wege zwei junge Lamas aus Khan; sie'gehen nicht wie gewöhnliche Pilger, mit ihrem Leibe selbst scheinen sie die Strecke zu messen, die sie vor dem Ziele ihrer sehnsüchtigen Inbrunst trennen. Lang aus- gestreckt liegen sie auf der Erde, über dem Kopf falten sie die Hände und beten, machen dann ein Zeichen in die Erde, stehen auf, schreiten bis zu diesem Zeichen, iverfen sich nieder und beten wieder. Aus diese Weise währt die Umkreisung des Berges gegen zwanzig Tage, und diese beiden Lama wollten, zweimal die Reise zurücklegen. Der eine wollte nach Ableistung seiner Pilgerpflicht heimkehren; der zweite aber, ein junger Mensch von kaum zwanzig Jahren, wird den Rest seines Lebens in einer dunklen Grotte an den Ufern des oberen Tsangpo verbringen. Denn bei den Gläubigen gilt diese Selbstaufopferung, dieses Leben in Dunkelheit, Abgeschlossenheit und Einsamkeit als verdienstvollster Weg zur Seligkeit. Im feierlichen Zuge werden diese freiwilligen Dulder nach der Höhle geführt, bis auf eine kleine schmale Oeffnung wird die Höhle dann verschlossen, und tiUtägftdjj kommt ein rotgekleideter Mönch, um durch dey schmalen Spalt dem Einsiedler eine Schüssel mit Speise^ zu reichen. Der Mann, der da drinnen hockt, wird nie mehr das Sonnenlicht sehen, er ist für die Menschheit gestorben. „Wir standen draußen und ich fragte einen Lamapriester, ob er uns sprechen hören könne. Er antwortete: „O nein, er kann weoer hören noch sehen; er ist Tag und Nacht in tiefste Meditation versunken." Nur daran, daß am nächsten Tage die in den Spalt geschobene Speise verschwunden ist, weiß man, daß er noch lebt. An dem Tage aber, wo die Schüssel unberührt sein wird, wird man wissen: er ist gestorben. 'Diese Selbstaufopferung aber ist keineswegs eine Ausnahmeerscheinung; sehr oft findet man Stätten, wo weltabgewandte Einsiedler in ewiger Nacht und ewigem Schweigen ihren heiligen Betrachtungen nachhängen und den Tod erwarten. Jrt Singet z. B. hat ein Lama in dieser Weise 69 Jahre gelebt. Er mußte, wie alle Lamas, in sitzender Stellung sterben und damit der Todeskampf ihm hierin! nichts anhabe, nimmt er schon bei her Einmauerung ein kleines Holzgestell mit in die Höhle, das ihn in der Stunde des Todeskampfes stützen soll. . . . Als einen der Herrlichstert Genüsse schildert Sven Hedin die Kirchenmusik der Tibetaner. Die menschliche Stimme steht hier im Mittelpunkte; hell und klar ertönen die jungen frischen Stimmen, abep durch schwere dunkle weiche Draperien sind sie aller Schärfe, ja man möchte fast sagen, aller Wirklichkeit entkleidet; inj weiten Wogen hallen dann die Klänge durch die gewölbten Galerien der großen Tempelbauten und einen sich zu ergreifenden Chorgesängen, zu wundersamen Hymnen von Frieden, Liebe und Sehnsucht. Dazwischen aber tönt gedämpft der melancholische Klang der Baßpfeifen oder das rhythmische Klingen von Cymbeln, bisweilen erheben die! Flöten ihre Stimmen zu lauten hellen schrillen Melodien und von bett Wänden des Tempelhofes und den Dächern hallt dröhnend der dumpfe Schlag der Trommeln wieder. Dann aber wieder überwindet die Menschenstimme das! Chaos, in weiten ergreifenden Akkorden steigt der Chorgesang auf, „er trägt empor und fort von bett. Selben dieser Erde. . . ____________ Vevmrsehtes. * Die Verteilung der Körpergröße in Europa. Ter französische Anthropologe I. Deniker hat eine ettropäische Rasseiikarte herausgegeben, die, wie wir einer Besprechung des Globus entnehmen, die Verteilung der Körpergröße der verschiedenen europäischen Völker, einschließlich des Kaukasus, übersichtlich zeigt. Die Kleinen (es handelt sich wesentlich um Rekrttten) rechnet Deniker von 1520 bis 1649 mm, unter denen die ganz Kleinen bis 1599 mm reichen. Von 1650 bis 1672 mm rechnet er die Mittelgroßen und darüber hinaus bis zu 1782 mm die Großen. Ueberschauen wir nun nach diesem Schema die Verteilung der Körpergröße der Bevölkerung Europas, so springt sofort itts Auge, daß wir die Großen nametttlich un Norden und Nordwesten zu suchen haben. Großbritannien, Irland (ausgenommen zwei Heilte Gebiete int Westen), Skandinavien (ohne die von Lappen bewohnten Gegenden), Holland, Norddeutschland (soiveit dafür das Material vorliegt), Finnland, die baltischen Provinzen Rußlands haben eine große Bevölkerung, die Deniker als nordische Rasse bezeichnet. Ein zweiter Kern von Großen findet sich im Südosten unseres Erdteils; er umfaßt Dalmatien, Bosnien, Serbien, einen Teil von Mazedonien und zieht sich in die Mpeu- länder hinein bis Salzburg, Tirol und Südbayern. Das ist Denikers adriatische Rasse. Außerdem ist noch der Kaukasus, von großen Völkern bewohnt. Die mittlere Körpergröße herrscht int nordöstlichen Frankreich, der romanischen Schweiz, Belgien, Südholland, wird aber in Elsaß-Loth- ringen, Nordhollaud und wahrscheinlich in Westdeutschland von Großen flankiert. Auch Mitteldeutschland gehört tit das Gebiet der Mittelgroßen. Der scharfe Gegensatz, der sich zwischen Großen und Kleinen aufweist, tritt nirgends stärker in die Augen, als wenn man die drei südeuropatschert Halbinseln betrachtet. Während da die Balkanhalbinsel durch Große und ganz Große hervorragt, finden wir in Italien/ namentlich im Süden, und auch in Spanien die Kleine«! und ganz kleinen vertreten. Dabei läßt sich aber auch trt den Mittelmeerländern eine Zone mittelgroßer Menschen erkennen, meistens bruchstücksweise unter den Kleinen, und diese bezeichnet Deniker als atlanto-mediterrane Rasse. D«S Hauptverbreitung der Kleinen liegt aber tm Osten Europas, in Rußland, Polen, .Ungarn. Von deutschen Ladern zahlt niederrauschte in die Täler, und ich dachte att die mannigfachen Veränderungen, die er erfahren muß, ehe in einem immerwährenden Crescendo fein Gesang aus klingt in die rauschende Musik des Ozeans, zwischen den Klippen von Karachi, wo die großen Schiffe liegen und ihre Waren aus- itttb einladen. . . . Ich stand da und bewunderte Alexander von Mazedonien, der, als er vor 22 Jahrhunderten den Indus überschritt, eine ferne Vorstellung hatte von der Quelle dieses Flusses, und ich genoß das Bewußtsein, der erste Europäer zu sein, der seinen Fuß an die Quelle des Jndiis setzte." Von hier aus wird die Reise in nordöstlicher Richtung bis etwa zum 32. Breitegrad durch völlig un- bekanutes Gebiet fortgesetzt. Dann wendet sich die kleine Karawane nach Westsüdwest und erreicht schließlich am 26. September Gartok, wo Sven Hedin wieder zu dein zurückgelassenen Haupttrupp seiner Expedition stößt. Ein außerordentlich reichhaltiges kartographisches. Material ist gewonnen, allein die Notizen des Forschers füllen 4900 Seiten, wichtige astronomische Punkte sind festgestellt, eine reichhaltige Sammlung interessanten geologischen Materials ist gewonnen und Hunderte von Photographien und Zeichnungen bilden eilte ergänzende Veranschaulichung der gewonnenen wissenschaftlichen Resultate. Sven Hedin selbst spricht davon, daß das Schicksal ihn bei diesem Zug durch Tibet besonders begünstigt habe; „obgleich diese Reise nicht zwei Jahre währte, sind ihre geographischen Resultate doch reichhaltiger und wichtiger als die während seiner letzten Reise (1899^1902) gewonnenen, und sie übertreffen auch .das Ergebnis aller früheren Expeditionen durch Tibet. Als einen der größten Eindrücke von dieser wechselvollen Fahrt durch das Land der Lamas schildert der Forscher einen Marsch um den heiligen Kallas, den heiligen Berg, den die Tibetaner auch den Kang Rinipoche nennen. Nach dem Glauben der Hindus lebt hier auf dem Gipfel des Berges Siwa in seinem Paradiese und nur hin und wieder steigen die Götter zu den Ufern des Manasarowar-Sees hernieder, um in der Gestalt weißer Schwäne über die silbernen Fluten dahinzugleiten. Durch alle Täler, über alle Pässe der Nach- barschaft ziehen alljährlich Tausende von ehrfürchtigen schweigsamen Pilgern, in tiefes weltabgewandtes Sinnen versunken, zu dieser heiligen Stätte. Männer, Frauen mit ihren Kindern, das Greisenalter neben der Jugend, der büßende Verbrecher neben dem meditierenden Geistlichen, der Quellen des Indus. Nach langwierigen' umständlichen Verhandlungen mit den Behörden von Barkha, tritt er mit nur fünf Mann und sechs Pferden die Reise an. Es ist ein abenteuerlicher und hindernisreicher Ritt, der mitten durch ein völlig unerforschtes Land führt; aber auch diesmal überwindet die Zähigkeit des Reisenden alle Schwierig- keiten, und endlich kommt auch der Abend, an dem die Reisenden am „Singi-kabop" — am „Munde, an dem die Indus hervorkommt", — von den Pferden steigen. Den Tibetanern gilt der Ort als heilig, hohe Steinmonumente sind aufgetürmt und auf einer felsigen Plattform erhebt sich ein kunstvoll ausgehauenes Götterbild. „Man kann sich vorstellen, mit welchen dankbaren und frohen Gefühlen ich hier stand und die Quellen des Indus vor mir sah, wie sie hier aus dem Berge hervorsprangen. Ich stand da und blickte auf den bescheidenen kleinen Bach, wie er da her- 620 das Königreich Sachsen zn denen der Kleinen. Den östlichen Kleinen stellt Demker die westlichen gegenüber (Südfrankreich) und die südlichen in Süditalien, Sizilien, Korsika, Sardinien. Sie repräsentieren die ibero-insulare Rasse. * Eine lustige Geschichte erzählt der „Reichenh. Grenzb": Stand da ein Landmann aus dem Zsärwinkel vor einem Hutgeschäft in München und schaut mit halb scheuen, halb begehrlichen Blicken auf die ausgestellten Waren, besonders auf die zahlreichen Panamahütö. Bald gesellte sich ein Münchener dazu, dem die gesunde Farbe des Jsarwinklers und seine treuherzigen blauen Augen gefallen, und sie unterhalten sich über die hohen Hutpreise. „Js a net schlecht," sagte der Agrarier kopfuickend, „bei uns dahoani hamma dös Stroh umsonst und da kost' der Bund 75 Pfennig." Er wird nun darüber aufgeklärt, daß das ein ganz anderes Stroh sei als das feinste bayerische. Und allmählich erwacht in ihm die Lust, sich solch ein Staatsding zuzulegen, aber es schien ihm nicht geheuer, in ein so großes Geschäft zu gehen. Der Münchener erbietet sich natürlich, ihn zu begleiten, und beide landen dann auch schließlich beim Lager der Panamahüte. „Zoagens mir amol die billigsten von beite Dinger!" Er besieht sich die Imitation zu 4 Mark, dann die „billigsten Echten" zu 8 Mark usw., die man einrollen und in die Tasche stecken kann. Das gefällt ihm alles sehr gut, aber als er hört, daß so ein Hut mindestens 16 Mark kostet, betrachtet er ihn voir allen Seiten und gibt ihn endlich zurück, der Hut wäre noch gar nicht fertig. „Wieso?" fragte der verdutzte Verkäufer den etwas hastig gewordenen Kunden. „Der Huat muß rechts und links zwo« Löcher ha'm, damit der Ochs die Hörndln durchstecken kann, der wo 16 Mark für den Strohhut zahlt!" Sprachs und ging Pfiffig lächelnd aus dem Laden. * Wie Frauen demonstrieren. Die Frauenkundgebungen, wie sie in England an der Tagesordnung smd, nehmen mitunter eigentümliche Formen an. So fand vor längerer Zeit in Rußlanc, eine Kundgebung gegen das Korsett statt. Auf einem langen Wagen wurden zwei Frauen hernmgefahren, deren nackte Oberkörper die natürliche und die durch das Korsett verunstaltete Form der Büste zeigten. Die eine war ein schönes junges Mädchen, das nie im Leben ein Kvrsett getragen hatte; die andere eine durch das Korsett entstellte und vorzeitig gealterte Frau. Gleichzeitig wurden Bilder verteilt, die die Wirkung des Korsetts in ähnlicher Weise darstellten. — Gegen eine andere weniger verwerfliche Torheit protestierten die Frauen in Alambama. Dort hatten sich die jungen Mädchen angöwöbnt, beim Radfahren männliche Kleidung zu tragen. — Um ihnen das zu verleiden, steckten die Frauen, der Stadt eine Negerin in Männerkleidung und zwar eine knallrote Bluse und blaue Hose mit weißen Streifen. Dann wurde die Negerin auf ein Rad gesetzt mit dem Auftrag, hinter allen jungen Mädchen herzufahren, die in Männerkleidung auf dem Rade fuhren. Das half, denn die entsetzliche Kleidung der Negerin wirkte so abschreckend, daß die jungen Mädchen überhaupt alle Lust am Radfahren verloren. — Solche Kundgebungen sind durchaus kein Vorrecht der Frauen. In einer ungarischen Stadt haben kürzlich die Männer eine erfolgreiche Kundgebung veranstaltet. Der Grund dazu war, daß die Frauen Pompadours in die Theater mitzunehmen pflegten, die das Opernglas, das Taschentuch und das Konfekt enthielten. Die Pompadours wurden an die Lehnen der Sitze gehängt und dann ivurde während der Vorstellung lustig daraus Konfekt geknabbert. Eines Abends aber hatten sich auch alle Männer ihr „Pompadour" mitgebracht. Es war von ziemlich großem Format und enthielt reichliche Eßvorräte, sowie Schnupf- und Kautabak. Während der Vorstellung wurde dann das Abendbrot verzehrt und lustig Tabak gekaut und geschnupft! Seit dieser Zeit waren die Frauen Dom. Mißbrauch des Pompadours geheilt. * Die nackten Heiligen des Himalaja. Es ist bereits viel erzählt worden von den Mahatmas, jenen buddhistischen Heiligen, die auf deu Höhen des Himalaja in unzugänglichen Höhlen wohnen. Doch war bisher noch niemand bis zu ihnen vorgedrungen, so daß ein Bericht der Hindustan Review von besonderem Interesse sein wird, da hier vier kühne Reisende ihre Begegnung mit, diesen Einsiedlern schildern. Sie waren in eine unwirtliche und unzugängliche Höhe emporgestiegen; man hat ihnen die ungefähre Richtung angegeben, in der sie gehen sollten, über lange fanden sie nichts. „Da endlich! Auf einem steinernen Felsen lag in gebückter Haltung in dem ungewiß zitternden Licht der bleichen Sterne ein schöner alter ehrwürdiger Mann. Sein langes weißes Haar und sein herabfließender Bark waren von den herabfallenden Schneeflocken bedeckt; sein steiniges Lager mußte ganz mit Eis! überzogen sein. Unbeweglich, erstarrt, mitten in der romantischen Umgebung, in der heiligen Stille dieser feierlichen! Stunde erlaubte ihm seiu ruhiges Hiugegebensein au die beseligeuden Visionen anderer Welten nicht, auf unsere Gegenwart zu achten. Wir sahen ihn atmen, aber die Verehrung, die wir für den Heiligen empfanden, erlaubte nichts sich ihm zu nähern und ihn ztt berühren. Die halbe Stunde^ die wir bei ihm standen, öffnete er nicht einmal seine fest geschlossenen Augen. Nicht weit von der Stelle, wo der! alte Mann lag, konnte inan einen anderen jüngeren Mann! sehen, ausgestreckt auf die gefrorene Erde. Hinter diesem wurde ein dritter Büßer sichtbar; er lag auf seinen Händen und Füßen in solcher Weise, daß sein Rücken den Boden nicht berührte, sein Kopf war weit zurückgesuukeu und das Gesicht blickte starr und verzückt nach oben. Nichts! beschützte diese in heilige Beschauung versunkenen Büßer! vor dem wildheuleuden Eiswind und deut unaufhaltsam! fallenden Schnee, sie waren völlig bloß und hatten nicht einen Faden ernt Leibe, während wir iu unseren dicken Flanellröcken und -Mänteln eine grimmige Erstarrung in den Gliedern fühlten und es vor Kälte kaum aushalterk konnten. . Literarisches. =i Pflanzen als Zerstörer des menschlich e n B e s i tz st a n d e s. Wenn auch nicht iu dem llmfange, wie die Schädiger aus dem Tierreich, so fügen doch auch! die pflanzlichen Organismen dem Menschen in seinen: Besitzstände vielfach großen Schaden zu. Die Umfriediguugeü der Grundstücke und die Balken des Hauses werden von den verschiedensten Pilzen bedroht. Die Tapeten der Zimmer, Möbel und allerlei Eßwaren verschimmeln, eingemachte Früchte geraten in Gärungen, Fleischvorräte und! Fische fallen Fäulnisbakterien anheim. Alle diese verschiedenen und oft voll empfindlichen Folgeerscheinungen begleiteten Schädigungen von menschlichen Besitztümern durch Pflanzen zieht Regierungsrat Dr. Otto Appel von der Kars. Biologischen Anstalt zu Dahlem in den Kreis ferner Untersuchungen, die er in dem von Hans Kraemer heransgege- benen Monumentalwerke „Der Mensch und die Erde" (Deutsches Verlagshaiis Bong & Co., Berlin W., Lieferung 60Pfg.) veröffentlicht. „Die Pflanze als Kulturfeind" betitelt sich, dieser wichtige Abschnitt, der wiederuni sowohl in der leicht faßlichen Klarheit des bedeutungsvollen Textes, wie auch in dem staunenswerten Reichtum der Illustrierung alle die Vorzüge aufweist, durch die das großartige Werk sich seinen unbestrittenen Platz! an der Spitze aller derartigen! Publikationen errungen hat. Gleichzeitig bildet der Beitrag von Regierungsrat Appel die Ueberleitung zu der Besprechung der pflanzlichen Mikroorganisn:en in ihrem Verhältnis zum Menschen — ein Kapitel, das zu den wichtigsten der gesamten Menschheitsgeschichte überhaupt zählt. An- und Einsichten. Mit wilder Narrheit will ich lieber kämpfen, Sils mit der Dummheit, die geregelt ist, Jos. Freiherr v. Slusfenberg. Rätsel. Tas Erste ist ein Wassergeist, Genannt in deutschen Sagen; Das Zweite ist ein Bodenmaß, Biel wert in unfern Tagen. Das Dritte zeigt sich überall, Bald roh, bald kunstbehauen. Das Vierte, Rus des Trauernden, Ist auch als Dorf zu schauen. DaS Ganze ist ein Städtchen schön, An Eins und Zwei gelegen, Dem Flusse, dessen Wogewall Dem Rheine eilt entgegen. A. Slmmann. Auslösung in nächster Rnnnner. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: - Tonne — Tenne — Tanne. NedaktiomL Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Blühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R, Lange, Gießen.