M8 Donnerstag den 5. September ÄM-11 £ffl WAMMs w Der Dorfkönig. Romän von Karl Böttcher- Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Just zu derselben Stunde stand Hugo GutterMann, der Zweitälteste des Dorfkönigs, vor Herrn Jllgen und sagte fest und bestimmt: „Ich bitte mir aus, Her« Jllgen, daß Sie mich mit „Sie" ansprechen und mit „Herr"! — Das kann ich meinem Alter, Meiner Mlduug und meine« zukiinftigen Stellung nach chrdern!" Der Bauer Jllgen, de« verrufenste Grobian in ganz Rcichen- berg, machte ganz kleine Augen. Wer ihn nicht kannte, konnte meinen, das käme von dem schlechten Tabak, den er rauchte. In Wahrheit waren es abe« der verhaltene Zorn und die schäumende Wut, die in ihm' brodelten. — Doch der drohenden Haltung Hugos gegenüber duckte er sich, denn er war, wie rohe und grobe Menschen fast imMer, feige. Sv versuchte er es mit Hohn: „Haben de« gnädige Herr sonst noch einen Wunsch?" Der junge Mann trat einen Schritt auf ihn zu, und Jllgen wich zweie zurück. Dann sagte de« Großbauer: „Jhr^ Bater hat mir mitgeteilt, ich solle Sie ansehen wie den einfachsten Knecht!" „Der Arbeit nach, ja. — Vorläufig will ich Knechtesarbeit verrichten, um zu lernen, — verstanden?!! — Nur um zu lernen. ■— Sollten Sie aber von mörgen an auch nur im geringsten vergessen, mir die Achtung entgegenzubringen, die ich fordere, so sollen Sie mich kennen lernen.--Das schreiben Sie sich gefälligst hinter die Ohren!" Jllgen stand jetzt in der hintersten Ecke de« großen Bauernstube, während Hugo hocherhobenen Hauptes hinausschritt. Die folgenden Tage kümmerte er sich wenig um den Großbauern. — Fröhlich verrichtete er seine Arbeit, die ihm mit jedem Tage Mehr Freude schaffte. — Die frische Landluft, der kräftige Erdgeruch taten ihm wohl, und wollte je ein Gefühl des' Bedauerns wegen seines verfallenen Studiums auftauchen, so gedachte er an die Worte des Baumeisters Hennig, daß er als selbständiger Landwirt noch genug studieren könne. Jetzt freilich hatte er dazu nicht Zeit und nicht einmal Lust: denn wenn er abends sein Stübchen betrat, war er todmüde, und die Hand voll Schlaf, die ihm bis zum frühen Morgen blieb, reichte gerade aus zur Kräftigung seines Körpers. Hugo fühlte srch außerordentlich wohl und zufrieden, und aus dieser Ruhe vermochte ihn auch ein Brief seines Vaters nicht aufzustöreu, in welchem der Dorfkönig ihnr in tvenig zarter Weise über sein Verhalten gegen Nlgen Vorhaltungen machte. , Hugo hatte nie harmoniert mit feinem Vater, besten Habgier und Kleinlichkeit ihm von Grund auf zuwider waren, besten Härte und Utcheugsamkeit er nun 19 Jahre ertragen hatte, ^sn ihm lebte das leichte Blut der Mutter in des Wortes guter Bedeutung. — Als er den Brief zu Ende gelesen, trat er an tue Kerze und verbrannte bedächtig daI Papier. Eine EntgegnuM I oder Entschuldigung schrieb cti nicht; denn dies wäre gleichbedeutend gewesen mit völligem Bruch mit dem Vater, — und das wollte er aus begreiflichen Gründen vermeiden. Den zweiten Sonntag, den er in Reichenberg bei Jllgen wa«, verwandte er zu einem Ausflug nach Dresden. Am frühen Morges wanderte er übe« das historische Spitz,haus in den Lößnitzgrund unti dann im Elbtal entlang in die Residenz. Seine Sehnsucht war die Gemäldesammlung. Da jedoch de« Zwinger erst um- elf Uh« geöffnet würde, benützte er die übrige Zeit zu einem Besuche der katholischen Kirche. Das Gewaltig-JMposante des Baues, das Mystisch-Zeremonielle des Gottesdienstes, die weihevolle Musik und auch de« süßlich-wohlige Weihrauchduft machten auf ihir tiefen Eindruck. — Mit scheuer Ehrfurcht durchschritt er die Hallen und lauschte auf die Predigt des Priesters. Sie regte ihn an zuM Denken. Der Geweihte hatte in seiner Predigt die Frage aufgeworfen: Wer ivar Jesu Lieblingsjünger? — und in seiner Ausführung beleuchtete er, daß nicht Johannes, sondern Judas Jschariot, der Verräter, sein Lieblingsjünger gewesen sei: denn jener sei auf geWdem, rechtem Wege gewandelt, dieser jedoch auf falschem. Jesus aber komMe zu den verlorenen Schafen, sie zu suchen und an sein Herz ziu ziehen. — Wer sich in Not, in HerzenSüot befinde, wer zu ringen habe mit dem Bösen, d. h. mit de« Lust an Welt und Sinnenreiz, der sei Jesu Lieblingsjünger, dem reiche er die Hand, selbst wenn er schon versunken sei.--Diese Darlegung gefiel Hugo — sie klang ihm echt christlich. Nach Verlassen der Hoskirche bestieg er die Brühlsche Terrasse und wanderte, das Gehörte überdenkend, aM Geländer entlang. —< Beinahe hätte er ein junges Mädchen angerempelt, das, auf bett Eisenzaun gelehnt, in das bunte Treiben am Elbqimi blickte. Der junge Guttermann lüftete den Hut zur Entschuldigung. Das Mädchen wandte ein wenig den Kdpf, und ihn schauten zwei Augen an, die er wohl kannte, und als sich der Mund zu einend kleinen, huschenden Lächeln öffnete, blitzten ihnt zwei Reihen reizender Pcrlenzähnchen entgegen, — und den Mund — den hatte er auch schon geküßt. , Die jungen Menschenkinder fattben in der Begrüßungssreud« nicht Worte. Hand in Hand standen sie sich gegenüber, glückstrahlenden Auges. Wie im stillen Einverständnis verließen sie die belebte Terrafsch schritten um das Belvedere und in einsamere Straßen. „Ich kanns nicht fassen. — Du, Mazda?!" — sagte Hugh leise und glücklich. Er hielt noch immer ihre Hand. — Sie schritten dahin tote zwei glückliche Kinder. „Seit vorgestern!--Onkel ist hie« bei der Pferdebahn --und du — —? — Solch ein Glück!!" Und im Rausche der Freude umfingen sie sich und küßteN sich und lachten, und nach jedeut Küß sagte Hngo: „Seit Neu, jahr--seit Neujahr!!" , , Nun wanderten sie, noch immer schweigsam unb still trt ihrem Glück, vor nach dem Altmarkt und die Wilsdruffer Straße entlang. Hugo sah und hörte uickts von all bent Lärm und all ber residenzlichen Pracht. Die Tresdneriunen in ihrem ersten prunkenden Frühlingsstaate imponieRten ihm nicht; — sein Mähq 550 — ffie'n in dem Weiften gestärkten Kleidchen, in dem kleinem billigen Strohhütchen dünkte ihm tausendmal schöner. So ist sie, die erste, die jugendliche Liebe. Sie erfüllt den Menschen mit ihrer ganzen Heiligkeit nnd macht ihn zufrieden und gut. Hugo ging mit Magda, bU1 sie auf der Ämmonstrafte in ein großes, dunkles Haus einbogen. Als ob das so sein müsste, trat der junge Guttermänn mit Magda in das Stübchen der Tante, nnd als ob das so sein müßte, hieß ihn die Tante fast feierlich willkommen. „Das ist Hngo Guttermänn!" sagte Magda. Da zag die Tante schon ihre Hand zurück. — Ihre Augen wurden groft nnd starr. — In der Frau stürzte etwas zusammen: Das Bild tron einem! Millionärssohn. — Der hatte also auch zwei Hände; — und die waren härt und sahen aus nach Arbeit, ■--nnd der hatte auch zwei Augen — und die blickten so gut und glückstrahlend. Tante Merlin schüttelte den Kopf, — so hatte sie sich einen Millionärssohn nicht vorgestellt, — sondern wie einen Prinzen und in prächtiger Kleidung und von vielen Dienern umgeben. •— Magda ward jetzt erst lebendig, ihr Temperament brach durch. Unter Lachen nnd Necken schaffte sie in Küche und Stube. Das ging alles so flink von der Hand, und doch blieb noch Zeit für einen verstohlenen Kuft für Hngo. — Hugo mußte mit zu Mittag essen und blieb auch noch am Nachmittag. Ani Abend, da schon die Dämmerung sich senkte, verlieft er endlich Merlins. Magda begleitete ihn. Sie gingen durch das Ostragehege. — Bei Uebigan ließen sie sich übersetzen — und nun erst kam es den jungen Menschenkindern zum Bewußtsein, daß ja Magda wieder heim müsse. — Sie lachten herzlich, in ihrer Verliebtheit die Gegenwart ganz vergessen zu haben. Nun müßten sie wieder zurück zur Elbe wandern, die Fähre brachte sie wieder über den Fluft und das Ostragehege sah ginn' zweitenmal das glückliche Pärchen. Nach einer Stunde standen sie wieder auf der Ämmonstrafte und erst mir Mitternacht lag Hugo in seiner Kammer nnd träumte von blitzenden Augen und blinkenden Zähnen, von weichen Händchen und lockenden Lippen. — Zur gleichen Stunde erwachte in Dresden auf ber_ Ämmonstrafte Tante Merlin. Sie rüttelte ihren Mann, den Pferdebahnkutscher, wach: „Du — Merlin, — — wie groß ist eine Million?" — — „Wenn ich eine hab, kannst sie dir mal anschaun!" 6. Kapitel. . Pfingsten war Otto Guttermänn, des Dorfkönigs Nettester flrei Tage tm Herrenhaus der Talmühle auf Urlaub gewesen.' Doch dar? war nun auch schon wieder vier Wochen her. Baumeister Hennig steckte tüchtig in der Arbeit. Schandfleck im grünen Bergesyang war immer größer ä?b'd^en, und mit ihm wuchs buch die Holzschleiferei an der Talmuhte. Ter notige Quaderbau, fast burgähnlich aufgeführt, schien die Muhle erdrücken zu wollen. Sie klebte an dem Bau- Werl wie ein Schwalbennest am Hause. Aber dem Dorfkönig ge- vx m ,ev iD11r zufrieden mit Hennig, wenn ihm auch dessen freniid- liche Behandlung der Arbeiter mißfiel. Guttermänn hatte das Gefühl, als hätte der Baumeister ihm besonderes Gluck ins Haus gebracht. - Der Alte war ein Menscken- kenuer nnd feiner Beobachter. Seines zweiten Sohnes kampflose Einwilligung, Landwirt zu werden, Ebenes plötzliche Bereitwilligkeit, Mamsell zu spielen, zuletzt die billige Pension Erikas, — all das, — so suhlte er mit Recht, — war Hennigs Beeinflussung zu verdanken. r 1 ?Ee schon die zweite Hälfte begonnen, nnd die Hundstage bracytcn schwere Wetterwolken mit furchtbaren Gebirqs- gewittern über das stille Waldtal. Es war der Juli 1870. _ L» be» versteckten Winkeln des politischen Himmels hatte •" W o^öraut und leise gegrollt, und Herzog Gramonts sö lvanzo, ischen Kammer am 6. Juli war das Wetter-- Echten, dem bmb genug das furchtbare Gewitter folgen sollte — A? ^?vt —.so groß, sein Schreck! . E deutschen Lande, — Europa, — die Welt — sie hielten den Atem an in diesen Tagen. ' «oeber Deutsche fühlte: Man will uns demütigen. k - Avrgänge bestärkten dies Gefühl, und der Drei- männerbund in Berlin: Bismarck, Roon und Moltke wußte, was hcks Volk aynte: Ein volkermordender Krieg ist unvermeidlich. — JsN das Waldtal drang wenig von diesen Kriegsgerüchtelk iä J”sraeu •’"? '.-id) beschäftigt, als daß ihn pas Treiben der Welt interessiert hätte. Mühlwinkel war ihre Welt — .Giitterniänn ihr König. Sie kaicken nicht heraus. Und als am Morgen des 16. Juli der Kutscher Merlin aus dem Städtchen das Extrablatt mitbrachte: Krieg — mobil' da hielt man das Ganze für einen schlechten Witz. Der alte Elan saß iM Mühlhof auf einem Wurzelstock, das Extrablatt in der Hand. — Immer wieder las er die wenigen Worte nnd nickte dabei vor sich hin. — „Wieder ein Krieg und wieder ein Napoleon — und kein Blücher!"--- Was wußte der Greis von einem Moltke und einem Roon?! Scit Jahrzehnten war er nicht aus seinem Waldwinkel gekommen, seit zehn Jahren hatte er kein Zeituugsblatt gesehen. In seinen Zügen malte sich Hoffnungslosigkeit, das Wort Krieg ohne Blücher schnitt ihm ins Herz.-- Im Herrenhaus, unten im großen Zimmer, saft Guttermänn und neben ihm seine Frau. Sie blickten stumm zu Boden. „Es kann nicht sein! — Schon längst gehen die Gerüchte, bald stärker, bald schwächer auftretend — und allemäl blinder Alarm!" sagte der Alte. „Und wenn cs doch so wäre?" — "2? dann ..." — Er zog die Schultern hoch. „Muß Otto mit?" Wieder ein Achselzucken. „Du weißt, — ich habe nichts übrig für die Gelüste der Großen, — aber Otto rettet hier nichts!" Die Mutter knickte plötzlich in sich zusammen, und trockenes Schluchzen erschütterte sie. — „Mein Junge, mein großer Junge' — Guttermänn — kauf ihn los —--; biete dem Staate eine — Million!" „Weib! — — Glaubst du, — mir fällt das Geld im Schlafe einen Pfennig!" schrie er hart und brutal, nnd die Geldfalten zu beiden Seiten der Nase wurden zum scharfen Schnitt. Das Naive des Vorschlages fiel ihm nicht auf, nur die Zumutung, Geld zu opfern, empörte ihn. . Draußen fuhr ein Wägelchen vor. Neben dem Kutscher saß ein Postbote. Der überreichte dem Dorfkönig zweierlei: Eine Depesche und ein großes, weißes Blatt. Guttermänn las zunächst das Telegramm. „Letzten Abschiedsgruß seinen Lieben Otto Gutteruiann!" ■ 1 Wortlos überreichte er das Papier seiner Fran, und wortlos ichriit er mit dem großen, weißen Blatt auf den Hof. In einem mit Drahtgitter versehenen Kasten, der am Hause hing, befestigte er in seiner Eigenschaft als Gemeindevorstand den großen Bogen. Nun war es Wahrheit geworden. Ein jeder konnte es lesen; in großen schwarzen Lettern dand es geschrieben: Mobilmachung! • und darunter die ersten Mobilmachungstage genau nach dem Datum angegeben. Unheimliche Stille lag am Nachmittag über dem Waldtale. AM Mittag waren sie fortgegmtgcii, die Sieben, die aus dem Dorfe wehrpflichtig waren. . Pis 3'U dem steinernen Brückenkopf durften die Angehörigen nntgehen, dort wurde der letzte Händedruck, der letzte Kuß ge- tauscht, — dann aber fuhr Guttermänn dazwischen mit rohem regelten und trieb die Zurückgebliebenen zur Arbeit. Das war sein Abschiedsgruß für die jungen Kämpfer! (Fortsetzung folgt.) Amd md Arbeit. Von L. Nadolla. Wer kennt nicht die Plage der Mütter mit den „nii- ruhigettt Kleinen! Bald hier, bald dort, immer da, wo sie am meisten „im Wege" sind. Es ist zum Entsetzen. „Geh da fort!" „Laß das feinl" ertönt in einem fort die Mahnung der „geplagten" Mutter. Schließlich wird sie nervös, ärgerlich, dann gibt es eine Katastrophe. Geschrei! Klage beim '.Vater; „Der Junge ist doch zu ungezogen." N.it nichten, verehrte Mutter! Der Junge be- r e ch t i g t zu den a l l e r b e st en Hofs n u n g e n. Er zeigt eine unbezwingbare.Wägung, sich zu betätigen. Die kannst du ihm selbst mit dem Stock nicht ausprügeln. Und das ist ein Glück. Seine Kräfte regen sich; sie verlangen Anwendung, sie schreien nach Uebung. Nach welcher, ob vernünftig oder unvernünftig, ob dir angenehm oder zum ob nützend oder zerstörend, das kann freilich der Zunsjahrige .nicht beurteilen; das ist ihm sehr gleichgültig. 651 vor Eine Erinnerung aus dem Jahre W- (Original-Beitrag der „Gieß. Fam.-Bl."). Versammlung wurde in Ermangelung von abschafsungsbedürftigeit Einrichtungen, um nicht ganz unverrichteter Dinge auseinander zu gehen, einstimmig beschlossen: „Die ABC-Bücher sind abgeschafft und die Strickschule wird aufgehoben." Nach diesem west- erschüttcrndcn Ereignis mochte mau nicht auseinandergehen, ohne zuvor, einem Zuge der Zeit folgend, dem Bürgermeister eine so gl Katzenmusik dargebracht zu haben. Mit Kroppendeckeln, altem Blechgeschirr und allen möglichen zum Hervorbringen von unharmonischem^ Lärm geeigneten Geräten bewaffnet zogen die : Netter des Vaterlandes vor die Wohnung ihres ahnungsloses Bürgermeisters, wo alsbald ein wüster Lärm in Szene gesetzt wurde. Da .wurde sehr bald, wie wcht anders zu erwarten Kind! „Willst du gleich alles auflesen!" Er denkt ja gar! nicht daran. Die Sache gewinnt aber ein ganz anderes Gesicht, wenn ich ihm noch eine Zeitung gebe und sage: „Sieh! hier, jetzt pflückst du lauter kleine Schäfchen ab (oder wenn er eine Gänseherde kennt, nennen wir es Gänschen) und bringst sie alle in diesen Stall (eine Zigarrenkiste oder eine: Pappschachtel), und die anderen, die da schon liegen, die? bringst du in den Stall hier (noch eine zweite Schachtel) usiv." Das begreift der kleine Mann, die Augen leuchten/ und er geht an die Arbeit. Ich wette, für eine halbe Stun.de hat Mama den artigsten Jungen und eine aufgeräumte Stube dazu. Der Junge hat keine Schelte bekommen, hak ein lustiges Spiel und eine Anregung für seine Phantasie obendrein. Ein anderer ist auf Papas Schreibtisch geraten; tief ist er in die Tinte gefahren, und hat vielleicht gerade denj Klebstoff beim Wickel, um ihn mit strahlendem Gesicht an den dort lagernden Papieren anzuwenden. Pst! Nicht schelten, oder gar auf die Finger klopfen! Nein, sondern: „Ei, Fritzchen, nicht dort schreiben! Komm her, hier wollen wir schreiben! Ein Bleistift, mehrere Blatt Papier find' zur Hand, und das übrige ergibt sich von selbst. Soll es; durchaus der Klebstoff sein, dann auch gut; auf ein Fläschchen Klebstoff für 10 Pf. und eine mehr oder mindiep ' schmutzige Schürze kommt es schließlich nicht an. Der Fungy. wird auf den Fußboden genommen, mehrere ausgebreitetef: Zeitungen oder ein großer Bogen Packpapier verhindern, daß der Fußboden" leidet, und nun kann das Vergnügen losgehen. Stückchen an Stückchen reihen sich bald zu einer Kette zusammen, oder wie man das Produkt der kindlichen Handfertigkeit sonst nennen Ivill. Nach diesen beiden Stichproben wird sich die findige Phantasie der Leserinnen das übrige ausmalen und die lästigen „Unarten" der Kleinen in fröhliches Spiel ober gar in anregende Beschäftigung umwandeln können. Nach der Eigenart des Kindes ausgewähltes Spielzeug wird das übrige tun. Kleine Aufträge,, dies oder jenes herbeizuholen, an diesen oder jenen Platz zu stellen, bilden eine stets will- kommene Abwechslung im Spiel. Eins sei noch zu erwähnen gestattet. Man gebe niemals allgemein gefaßte Aufträge, wie: „Geh hin und spiel!" oder: „Räum deine Sachen weg!" oder, wenn die Kinder größer sind: „Hilf mir ein wenig!" Daraus wissen dis Kleinen nichts zu machen. Die Anregungen müssen bestimmt sein und Einzelheiten treffen. .Helft den Kindern beim Spiel, gebt ihnen dauernd Anregung und Beschäftigung, dann bedarf es kaum eines Verbots. Ter Bürgermeister Schutz von H. — ich sehe ihn noch lebhaft meinem geistigen Auge stehen, den Mann mit dem feisten, glattrasierten Gesicht und mit dem ortsüblichen kurzen blauen Kittel angetan — war ein Koufusionarius und stand mit der Logik aus gespanntem Fuße. Er ließ den Redestrom mächtig stießen bei allen passenden und auch unpassenden Gelegenheiten; seine Worte ließen aber sehr oft ein tieferes Denken vermissen. Er war aber sonst ein guter Mann und erfreute sich ob scincst Wohlwollens und seiner Uneigennützigkeit der allgemeinen Liebe seiner Mitbürger. Da kam nun das böse Jahr 1848 mit seinen Schrecken und Aufregungen, und vorbei !var es mit der Beliebtheit unseres Dorfoberhauptes, wie das damals den meisten Bürgermeistern so erging. ' Das Bestehende sollte abgeschafst werden, das Alte sollte fallen, neues Leben sollte aus den Ruinen erblüh». Nach dem Vorbilde der Neuerer in der nahen Stadt ging mau auch in H, daran, sich hiermit zu befassen. In einer erregten Volks- Deinenr Betätigungstrieb Richtung und Ziel zu geben, das ist deine Sache; das ist Erziehung. Erziehung durch Arbeit, oder wie man es zu nennen beliebt, durch produktives Schaffen, ist in der Gegenwart das wichtigste, weil grund- legende Erziehungsproblem, das die besten Köpfe und- die besten Federn der pädagogischen Welt beschäftigt. Es ist das pädagogische Problem der Zukunft schlechthin. Dies Problem zu lösen, ist freilich nicht der Zweck dieser Zeilen, sie sollen nur ein Beitrag dazu sein. Langeweile ist die schrecklichste Plage, aber auch die größte Gefahr; das wissen wir alle. Absolute Untätigkeit ist die schwerste Fornr der Kerkerstrafe und hat bisher die allermeisten zum Stumpfsinn, ja zum Wahnsinn getrieben. Ob es angeborenen Stumpfsinn gibt, ist eine offene Frage; in der Mehrzahl der Fälle aber ist er anerzogen, und zwar ohne Zweifel schon in den ersten Jahren der Kindheit. „D a s d a r f st d u n i ch t", „D a s s o l l st d u u i ch t"; das sind die täglich rasselnden Ketten, mit denen der kindliche Frohsinn, aber auch die kindliche Schaffe n s l u st in Fesseln geschlagen werden, nicht bloß ,in der Familie, nein, auch in der Schirle; leider spielt das fürchterliche „Es ist verboten..." auch im öffentlichen und staatsbürgerlichen Leben eine unheilvolle Rolle. Was soll denn aber in der Kinderstube an die Stelle des Verbots treten? Die Arbeit. Bei den Kleinsten Arbeit? Nun gut, nennen tvir's Beschäftigung oder meinetwegen auch Spiel. Man hat von einer Zerstörungssucht der Kinder gesprochen. Die Tatsache, die diesem häßlichen Wort zugrunde liegt, fei zugegeben; die Kinder zerstören tatsächlich viel; aber der Name ist grundfalsch. Schaffenstrieb ist es, die Lust, sich zu betätigen. Schlägt nicht schon das Kleinchen mit der leeren Milchflasche auf den Wagenrand, daß die Scherben fliegen? Aber wo man eingesehen hat, daß ein Verbot zwecklos ist, wie bei dem bewußten Kleinchen, da hat alte Erziehungsweisheit auf Ersatz gesonnen; man hat ihm die bekannte Klapper in die Hand gegeben. Darin haben wir den Schlüssel zu dem ganzen Erziehungsproblem: Die Neigungen des Kindes darf man nicht unterdrücken, sondern muß sie lenken und fördern. Freilich ist das Verbot bequemer und leichter als Anleitung und Förderung, dafür aber in den allermeisten Fällen völlig wirkungslos und sehr oft verderblich. Den Neigungen des Kindes Rech- nung zu tragen und sie zu benutzen zu zweckdienlicher Beschäftigung ist ungleich schwieriger und erfordert unausgesetztes Beobachten und Nachsinuen. Der Erfolg aber wird dich, verehrte Mutter, beglücken: du erziehst dir nicht nur ein fröhliches und lebhaftes, ein geschicktes und geistig regsames, sondern auch ein anhängliches und dankbares Kind. Wer denkt nicht hierbei sofort an jene unglücklichen Menschen, die nach schweren Verirrungen von ihren Eltern sagen: „Sie hatten kein Verständnis für meine Neigungen; sie hatten nur Strenge für mich und stießen mich von sich." Wie aber ist der Schaffenstrieb des Kindes zu nützen und zu fördern? Ja, das kann dir, sehr geschätzte Mutter, im einzelnen niemand anders sagen, als dein Kind. Karl ist anders veranlagt als Fritz, und Lotte neigt zu anderen Dingen als Liese. Auch die häuslichen Verhältnisse int allgemeinen, die der Wohnung im besonderen, üben einen entscheidenden Einfluß aus. lieber die Beschäftigung der älteren Kinder braucht kaum ein Wort verloren zu werden. Wenn überhaupt der Gedanke einer dauernden Beschäftigung der Kinder zum feftcit Grundsatz geworden ist, so drängt sich da eine Fülle von praktischer, lernender oder spielender Betätigung ganz von selbst auf. Schwieriger jedoch liegt die Sache bei beit Kleinsten. Es ist zwar unmöglich, auf bie tausenderlei Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens einzugehen; aber an einigen Stichproben soll doch gezeigt werden, wie eine richtige Leitung des in sogenannten „Unarten" sich äußernden Schaffenstriebes bet Kleinsten möglich ist. Da hat bas zweijährige Karlchen soeben eine Zeitung in hundert Fetzen zerrissen und diese in der Stube nmhergestreut, die Mama soeben aufgeräumt hat. M ist fürchterlich! .Solch ein W,artiges 552 war, im oberen' Stock der Bürgerin eisterlvohnung ein Fenster üufgerissen und mit zorngerötetem Antlitz begann das würdige Oberhaupt mit mächtiger, den Lärm übertönenden Stimme seine Philippika: „H . . . .Heimer, ich begreife nicht, wie ihr euch unterstehen könnt, mir, der ich euer Wohl immer im Auge gehabt habe, auf so gemeine Weise euere Mißachtung zu bekuuden. Ich verbitte mir . . Hier wurde er durch einen der Tumultanten unterbrochen mit dem Zurufe: „Was willste dann, willst« vielleicht noch was heraushawc? Komm emal herunner, ich geb dir e Patsch!" Darauf replizierte unser immer schlagfertiger, nie um eine Antwort verlegener Schulz: „Und ich sag euch, H . . . . Heimer, ich komm noch nct enunner, und lvenn ihr mir zwei gebt!" Wenn man auch an Ueberraschungcn gewöhnt war, auf eine so drastische Antwort war doch niemand gefaßt. Der Lärm verstummte plötzlich; sie hatten ihren wackeren Bürgermeister wieder erkannt, dem im Grunde des Herzens nienrand grollen konnte. Das Ende vom Liede war ein jäher Umschlag der Stimmung. Man wollte ein Unrecht sühnen und so gingen die in ihrer Mehrzahl doch wohlgesinnten Bürger von H. erst und zwar etwas beschämt auseinander, nachdem sie ihrem Bürgermeister eilt kräftiges Hoch ausgebracht hatten. —- Vier Jahrzehnte und noch ein Lustrum sind inzwischen ins Land gegangen seit dem Tage, an dem ich den biederen Alten zum letztenmal sah. Es war im Cafe Ströbel, wo er gleich vielett anderen Landbewohnern von Distinktion Einkehr zu halten pflegte, wenn ihn die Geschäfte in die Stadt riefen. Aeltere Leute werden sich seiner noch lebhaft erinnern. Nun deckt ihn schott lange der Rasen. Ihm war das seltene Glück beschieden gewesen, zur Würde eines Urgroßvaters emporzusteigen und zwar zu einer Zeit, wo sein Vater in seltener Rüstigkeit das 90. Lebens- lahr überschritten hatte. S. ... * Wenn der Kaiser selbst Briefe schreibt, so betreffen sie entweder eine gewisse Staatsaktion, sie sind politisch wichtig, oder sie sind vertraulich im persönlichen Sinne. Eigenhändige Miefe versendet der Monarch nur an andere Monarchen oder an F-amilienglieder, selten an gute Freunde. Irr den beiden letzten Fällen werden die Briefe der Post anvertraut. Offizielle Staatsschreiben aber übergibt man besonderen Briefträgern, kaiserlichen Kurieren, die die Briefe nie aus der Hand geben dürfen und deshalb die Reise bis zum Adressaten selbst machen, diesem auch eigenhändig den Mief ausliefern müssen. Die „feierlichsten" Handschreiben betreffen stets einen Regierungsantritt und kommen naturgemäß im Leben eines Monarchen nur einmal vor, selbstverständlich aber in mehrfacher Anzahl, entsprechend der Anzahl der Monarchen, die von dem Regierungsantritt in Kenntnis gesetzt werden sollen. Die Ueberbringer solcher Handschreiben sind zumeist besondere Diplomaten oder Generale, die mit einigen Begleitern eine ganze Sondermission darstellen. Die Kuriere des Kaisers, die anderweite offizielle Staatsschreiben zu überbringen haben, sind nicht etwa untergeordnete Beamte, Diener oder Soldaten, sondern Offiziere des reitenden Feldjägerkorps. Als Briefpapier bevorzugt der Kaiser rauhes, hellbraunes Büttenpapier von 28 x 37 Zentimetern Größe oder glatte Elfenbeinkartons, die beide nur mit dem kaiserlichen Wappen oder der Krone verziert sind. * Wenn der Mann herrscht. Wenn die europäischen Frauenrechtlerinnen einmal all ihre Wünsche erfüllt sehen und mit ihrer Zeit gar nichts mehr anzufangen wissen, dann bietet sich ihnen noch ein weites Betätigungsfeld auf den Salomoninseln. Denn dort hat der betrogene Ehemann ohne weiteres das Recht, seine ungetreue „bessere Hälfte" aufzuessen. Aehnliche Gesetze gelten in Indien; denn dort heißt es für die Frau: „Du sollst auf Erden keinen anderen Gott haben als deinen Herrn und Gebieter, deinen Mann!" Ferner: „Wenn der Mann lacht, soll die Frau auch lachen; wenn der Mann weint, soll die Frau auch weinen!" — „Wenn der Mann fortgeht, soll die Frau -fasten, sich auf die Erde legen und ihr Aeußeres vernachlässigen !" — „Wenn der Mann seine Frau schlägt, so soll sie ihm die Hände küssen und um .Verzeihung bitten, weil jte seinen Zorn erregt hat." Und zum Schluß: „Wenn die Frau untreu ist, so darf der Mann sie kreuzigen, verbrennen oder sie in Stücke schneiden . . . ." * Ueber ein rührendes Beispiel von Gatten liebe wird uns aus Los Angeles berichtet: Der General David Wardwell, der für hervorragende Dienste im Bürgerkriege große Auszeichnungen erhalten hatte,' hat seine Frau, die an Lepra erkrankt ist, aus dem Hospital der Stadt entführt und hält sich mit ihr in Mexiko verborgen, um gemeinsam mit ihr zu leben. Wie die Beamten des Krankenhauses erklären, haben beide gedroht, Selbstmord zu begehen, falls man sie mit Gewalt verhindern wollte, den Rest ihres Lebens in treuer Gemeinschaft zu verbringen, und sie haben sich auch bereit erklärt, sich von aller Welt streng isolieren zu lassen. Mrs. Wardwell hinterließ ihrer Pflegerin folgende Zeilen: „Wir werden in Mexiko nicht belästigt werden. Dort war es, wo wir uns verheiratet haben, und dort wird uns erlaubt werden, gemeinsam zu sterben." „Es ist das Beste, was geschehen konnte," sagte einer der Krankenhausbeamten; „sie ist die Ehefrau dieses Mannes, und er hat den Wunsch, sie zu pflegen und wie ein Held und ein Soldat mit ihr zu sterben." Die Liebesgeschichte des alten Paares ist in ganz Kalifornien berühmt, und die zärtliche Aufopferung des Generals für seine Frau, als untrügliche Zeichen auftraten, daß die furchtbare Krank- heit sie ergriffen hatte, wurde überall im Lande bekannt, so daß alle mit größter Teilnahme von ihm sprachen. Literatur. — Die Schönheit, eine Monatsschrift stir Schönheitkultur, herausgegeben von Karl Vanselow, Berlin, Verlag der Schönheit. Heft 2 des 6. Jahrganges. — Das soeben erschienene 2. Helt des 6. Jahrganges bringt wieder eine Fülle interessanter Aufsätze sowie wohlgelungener Abbildungen (Skulpturen, Zeicb- nungen, Aktmünahmen, Landschaften usw.) und einzelne Gedichte. An größeren Aussätzen bringt das Hest zunächst die Fortsetzung der eingehenden und fesselnd geschriebenen Kulturgeschichte des Tanzes von Karl Neurath, die sich diesmal wie auch int 1. He!t mit dem Tanz int Zeitalter der Renaissance beschäftigt, wobei der Verfasser sinnvolle Anregungen zu einer Reform des Tanzes gibt; sodann eine eingehende Würdigung des genialen Bildhauers F. Lepke von Dr. O. Adler, der mehrere Abbildungen der vor- züglichsteu Werke des Künstlers beigegeben sind, von denen der „Sintflut-Brunnen" und ganz besonders „Wiedersehen", mit seiner meisterhast gegebenen Stimmung die hervorragende Künstlerschast Lepkes beweisen. Von den übrigen Aussätzen erwähnen wir noch „Erinnerungen an Teneriffa" von P. Haken Holz, „Körperschönheit und Kultur" von Dr. Brink m a n n und „Stille Bruderschaft" von Dr. S ch e f f l e r. Auch das Beiblatt enthält viel des Interessanten, wie „Die Unruhe des Fußes in der Malerei" von M. T h i e l e r t u. a. — h. An- und Einsichten. Arzt sein heißt der Stärkere^iein. Pros. Sehweninger. Ein sogenannter Mann von festen Grundsätzen ist geivöhnlieh nur ein Mensch, dessen äußere Lage glücklicherweise stets mit seinen Neigungen übereinstimmt. * Kotzebue. Pedanten machen selbst aus ihrer Liebe eine psychologische Studie. Sie stehen, sozusagen, immer aus dem Katheder, und selbst ihr Herz doziert. * Das Konservierungsmittel so mancher Liebe ist die Furcht vor dem Nachsolger. Quadrat-Rätsel. Aus den folgenden Buchstaben sollen Wörter der angegebenen Bedeutung gebildet werden. Sind die richtigen Wörter gesunden, so ergeben die Anfangs- und Endbuchstaben von oben nach unten gelesen die Namen zweier deutscher Dichter: ABBEEEEEEHHIILLMNNOOPRSSÜ. Werkzeug, weiblicher Vorname, nord. Dichter, Oper, Pflanze. Auslösung in nächster Nummer Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummerr Das höchste Glück hat feine ßicber. Redaktion; P. Wtt 1 lo. — Rotationsdruck und Verlag der Brüh l'scher UniversitätS-Buch- und Steindruckeret, R. Lange. Gieße».