Rk.86 1908 Mittwoch den 3. Juni Bilf am W W kW t8 Wirket, so lange es Tag ist. Roman von Maximilian Böttcher., (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Fünfzehntes Kapitel. Am Sonntag nach der Sommersonnenwende bestieg Heinz zum erstenmal wieder die Künzel. „Es ist eine Verrücktheit", hatte Tr. Schröder gebrummt, „eine Woche wenigstens sollten Sie sich noch Ruhe und Erholung gönnen!" Aber Heinz vermochte das Verlangen, endlich seine Gemeinde wieder vor sich zu sehen, nicht länger zu zügeln. Tie liebe, altertümliche Dorfkirche, von treu Ergebenen mit Blumen und Tannengirlanden geschinückt, war bis auf den letzten Platz gefüllt. In der Schlvßloge saß zwischen Isabella . und Werner der Kommerzienrat. Daß Heinz in der Unterredung, die er wenige Tage vorher mit ihn: gehabt hatte, unerschütterlich auf seinem Entschluß beharrte, Isabella dürfe ihm keine Mitgift in die Ehe bringen und müsse sich deshalb noch längere Zeit hindurch prüfen, ob sie auch imstande sein würde, sich in das Los einer Pfarrersfrau zu schicken, hatte ihn stutzig gemacht und mit Sorge erfüllt. War der junge Geistliche nicht etwa ein Eiferer, ein fanatischer Asket, an dessen Seite Isa ein ödes, freudloses Leben bevorstand? Ein selbstloser, grundehrlicher Mensch war er gewiß. Wie hätte er ihn sonst bitten können, daß auch er, als Vater, seine Tochter wieder und wieder auf alle Gefahren und Widrigkeiten, denen sie entgegen ginge, Hinweisen möchte! Wäre es nicht vielleicht am besten, der Verwöhnten die Sache auszureden, — wenn's nicht anders glückte, List oder Gewalt anzuwenden, um sie von ihrer Liebe zu Vollrath abzubringen? . . . Ueber das Wort der Schrift: „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch beleidigen und verfolgen", predigte Heinz. Obwohl es sonst nicht seine Sache war, seine persönlichen Angelegenheiten in den Kreis seiner Kanzelbetrachtung zu ziehen, so wußte er wohl, weshalb er es beute dennoch tat. Nicht allein Isabella, nein, seine ganze Gemeinde verwunderte und entrüstete sich darüber, daß er Wilhelm Bartikow — auf denr der Verdacht aller ruhte — unbehelligt laufen ließ, ja, daß er sich einer gegen diesen von Amtswegen einge- leiteten Strafverfolgung geradezu widersetzt hatte. Etwas von der Wärme, die von Heinz Vollraths Predigt ausging, strömte über des Kvmmerzienrats Herz: Tie Worte rissen ihn hin, zwangen ihn, Bewunderung zu empfinden für den, der sich zu solcher Höhe des Denkens und Handelns auf- geschwungen. Es kam ihm in den Sinn, daß Werner neulich gesagt hatte: „Den Wert oder Unwert des Menschen erkennt man am besten an der Fülle oder dem Nichts dessen, was er seiner Mitwelt Gutes getan hat." Ein seltener Mann, dem es gelungen war, sich in weniger denn einem Jahr die Anhänglichkeit und Liebe Hunderter zu erwerben. Ein herrlicher Mensch, gewiß, aber wohl schwerlich ein passender Gatte für seinen verhätschelten Liebling, seine Jsa- bell.-- Die Tage gingen ihren gleichmäßigen Gang. Heinz genas durch der: Willen zur Arbeit, die nach Win rief an allen Ecken und Enden. Die Shmpathien, die ihm Wilhelm Bartikows Attentat eingetragen hatten, kamen seinem Arbeiterverein im reichsten Maße zugute. Fast in jeder wöchentlichen Vevsaminlung meldete sich beim Sekretariat, dem ein invalider Aufseher der Schönauer Glashütte Vorstand, eine Anzahl neuer Mitglieder. Auch die Einrichtung der Abendschule wurde im wesentlichen mit Freuden begrüßt, wenn es ja auch wohlhabenderen Fichtenwäldern nicht recht in den Kram Paßte, daß sie ihre Sprößlinge nun auch noch außer den vormittäglichen Unterrichtsstunden neben den Kindern ihrer Tagelöhner sitzen lassen sollten. Aber keiner wagte es/ Bollrath durch eine Absage vor den Kopf zu stoßen, und schließlich fühlten sich dadurch, daß die „Prinzessin vom Schloß" eine der Klassen leitete, die meisten einigermaßen versöhnt. Heinz indessen war mit Isabellas Tätigkeit nicht sonderlich zufrieden. Er merkte bald: cs ging ihr hier wie in allem andere»/ das sie früher unter seinen Augen angefangen hatte. Sie hatte den Willen, etwas zu vollbringen; aber die Kraft versagte ihr regelmäßig schon nach dem ersten Anlauf. Ja, diestnal gewann er sogar den Eindruck, als ob sie nicht einmal den guten Willen besäße, als ob sie das Amt in der Abendschule nur übernommen hätte, um ihm einen Gefallen zu erweisen. Er begriff sie nicht/ oder er begriff sie nur zu gut und wollte sich doch nicht zufrieden geben mit dem Resultat der Erkenntnis, die er von ihrem Charakter erlangte. Er sah sie mit den Augen des Liebenden, hob sie auf den Thron und umhing sie in seiner Phantasie mit dem Purpurmantel und der Krone aller Tugenden. Es durfte nicht sein, daß sie nur ein Luxusgeschöpf war, nur dazu da, durch ihre Schönheit Männerherzen zu betören, mit leichtem Sinn des Lebens Honigseim zu naschen. Es mußte ihr gelingen, auf irgend einem Gebiet des uner'messenen Arbeitsfeldes, das der ivilligen Frau offen stand, etwas zu leisten, Befriedigung zu empfinden am Werk, am Wirken. Denn sonst ... er hätte nichts mit ihr anzufangen gewußt, weder draußen im Leben, noch drinnen in seiner Seele; denn sonst... bei Gott, sie wäre für ihn verloren gewesen. lind er wurde nicht müde, alle Wärme seines Herzens über sic auszuströmen, allen seinen Geist über sie zu ergießen. Ob eS ihr denn nicht Freude bereitete, die ihr anvertrauten Kinder auf Stunden hinwegzutäuschen über den Kampf ums Dasein, in den sie allzufrüh gezogen würden, fragte er sie einmal. Ob sie sich nicht vorstellen könne, wie diese Kinder, die sie durch spielende Lehre und belehrendes Spiel froh und glücklich gemacht^ habe, Sonnenschein hineintrügen in freudlose Heimstätten, auf die harten, wettergebräunten Gesichter ihrer Eltern einen Abglanz des Lichts zauberten, ' das in ihren eigenen Augen und Herzen brannte? Ob es denn ftir eine Frau überhaupt etwas Reizvolleres gäbe als die Kindesnatur zu studieren, das Wachstum des jungen Gemütes mit Aufmerksam- 342 — ’Jeit und Hingabe zu beobachten, alle schlechten Keime zu ersticken und allen guten Trieben zu freier Entfaltung zu verhelfen? Den Blick gesenkt, hörte Isabella ihn an. Dann plötzlich, mit dem süßen Lächeln, dein so schwer zu widerstehen war, nahm sie Bollrats Hand, küßte sie und sagte: „Später, Liebster, später, wenn ich erst eine Weile deine Frau bin, will ich dir in all deinem idealen Streben eine brave und fleißige Gehülfin sein. Vorläufig aber mußt du noch eine Weile Geduld mit mir haben. Ich bin eine viel zu glückliche Braut, um mich für etwas anderes interessieren zu können als für meinen Bräutigam. Vorläufig gibts kein reizvolleres Studium für mich als das Mienenspiel deines lieben Gesichts und der Glanz deiner Hellen Augen." Zärtlich schmiegte sie sich an ihn und bat mit Blick und Stimme: „Küsse mich doch, du; ich vergehe ja vor .Sehnsucht nach deinen Küssen." — — Wieder und wieder kamen Stunden, in denen er, ihrer Nähe entrückt, sich mit ruhig überlegendem Verstände sagte: „Es ist zwecklos. Sie kann sich nicht lösen von ihrer Natur. Sieh zu, daß du _ ein Ende machst, um ihret- und um deinetwillen, je eher je besser!" Sobald er sie jedoch — meist noch an demselben, gewiß aber am nächsten Tage — wiedersah, stand die Hoffnung von neuem in seiner Seele auf, alle quälenden Gedanken und Zweifel überstrahlend. Isabella „bewies" ihm dann, wie sie sich in tausend Dingen „zur Sparsamkeit erzog", sie blieb daheim, während der Kommerzienrat zu geselligen Vergnügungen in die Nachbarschaft fuhr, sie ließ sich, ein Unwohlsein vorschützend, mitunter selbst vor den Gästen im eigenen Hause nicht blicken, und sic nähte nnd stickte an ihren Kleidern mit dem emsigen Fleiß eines mäßig bemittelten Bürgertöchterleins. In ihrem Wesen gegen Heinz mischte sich oft die nach Anerkennung dürstende Schmiegsamkeit eines Kindes mit der Ergebenheit einer Magd. Wo sich nur eine Gelegenheit dazu bot, erhaschte sie seine Hand und küßte sie. Heinz erinnerte sich dann wohl der hochmütigen Miene, die sie ihm beim ersten Zusammentreffen gezeigt hatte, und er dachte auch daran, wie sie allen anderen, noch so vernehmen Herren ihrer Bekanntschaft immer mit Herablassung und Unnahbarkeit begegnete. Und er hoffte: Hat die Liebe es vermocht, ihren, Stolz so ganz in Demut zu verwandeln (eine Demut, die ihn oft bitter beschämte), warum sollte sie dann nicht fähig sein, noch weitere Wunder an ihrer Seele zu vollbringen? Die Rätsel, die ihm ihr Charakter wieder und wieder zu lösen gab, bestrickten ihn immer von neuem, bestrickten ihn fast noch tiefer als ihre Schönheit, die nicht aufhörte, die Wirkung eines berauschenden Zaubertranres auf ihn auszuüben. Und in mancher bangen Stunde, in der Seligkeit und Verzweiflung in seiner Brust stritten, gestand er sich: „Es ist unmöglich. Du kannst dich nie wieder von ihr losreißen. Du bist ihr verfallen. Sie muß dein werden, und ginge es gleich um Tod und Leben!" Ost, mitten aus demütigem Haschen nach Anerkennung und zärtlichem Liebeswerben heraus, quälte ihn Isabella mit ihrer Eifersucht auf Martha Bartikow, einer Eifersucht, die alle Zeit in ihr wach zu fein, ihr nie ganz Ruhe zu lassen schien. „Hast du deine Jugendfreundin heut schon gesehen?" — „Was macht deine Jugendfreundin?" fragte sie ihn fast bei jedem Alleinsein mit einem spöttischen Anklang in der Stimme. Doch nicht immer verbarg sic die Glut, die sie verzehrte, unter dem Schleier überlegener Ironie; oft, wie in jener Stunde, in der sie an seinem Krankenbett gestanden, loderte die Flamme ihrer Eifersucht wieder Hell empor. „Sage mir", rang es sich dann wohl von ihren Lippen, während sie seine Hand mit festem Druck umspannte, „sage mir, hast du deine Jugendfreundin — vor Jahren . . . als du Student warst vielleicht — nicht einmal geküßt? Nicht ein einziges Mal? Ich will es wissen. Ich bitte dich, gestehe es mir. Schwöre mir, daß du sie nie geküßt hast!" Oder: „Du hast mir damals, als du krank warst, gesagt, du hättest das Mädchen gern wie eine Schwester. Ist es auch so? Liebst du sie auch nicht? Aber ich will auch nicht, daß du sie gern Hast wie eine Schwester. Ich will es nicht, hörst du? In deinem Herzen soll für kein Weib Platz sein außer für mich allein!" „Auch für meine Mutter nicht? "fragte Heinz, indem er sein Erschrecken über ihren rücksichtslosen, leidenschaftlichen Egoismus hinter einem Lächeln zu verbergen suchte. Isabella zog die Brauen zusainmen; in der Tiefe ihrer Augen wär ein dunkles Glühen. „Wenn ich Macht über dich hätte, unendliche, wenn ich dein Empfinden lenken könnte nach meinen Wünschen, so dürftest du auch deine Mutter nicht lieb haben. Niemand dürftest du lieb haben, nur mich." Gar zu gern hätte Heinz für seine Abendschule, für die ihm an weiblichen Gehülfinnen neben Isabella nur das heiratslustige Fräulein Reichardt und zwei nicht allzu finge Töchter eines benachbarten Gutsbesitzers zur Verfügung standen, Martha Bartikow gcwoniieu; aber Isabella widersetzte sich seinem Wunsche mit all ihrer eigensinnigen Entschiedenheit. „Ich will nicht mit deiner Jugendfreundin in Konkurrenz treten , trotzte sie. „Du und andere haben mir zu oft gesagt, daß sie mit Kindern umzugehen weiß, wie keine zweite, daß sie überhaupt ein Ausbund aller Tugenden und Fähigkeiten ist Ich mag mich nicht von ihr in den Schatten stellen lassen, und du sollst nicht fortwähvend Gelegenheit haben, sie und mich zu vergleichen." Und Heinz fügte sich. Isabellas Macht über ihn war schon zu groß. Er liebte ihr Lächeln zu sehr, sah sie zu gern heiter und glücklich, als daß er sie, wo es sich irgend vermeiden ließ, hätte erzürnen und betrüben können. Aber er schämte sich seiner Schwäche. War es eines Mannes würdig, ein Weib solche Macht über seinen Willen gewinnen zu lassen, daß er das Wohl der guten Sache ihrem Froh- und Glücklichsein hintansetzte? Wohin wollte seine Leidenschaft ihn noch führen? . . . Zn Martha Bartikow, gegen die er immer ein Gefühl der Beklemmung, fast des Schuldbewußtseins, auf dem Herzen trug, sagte er einmal: „Ich hätte auch dich gern gebeten, an meiner Abendschule tätig zu sein, wenn du nicht so sehr mit Arbeit überladen wärest, daß du ohnehin tom keine freie Stunde mehr hast." „Ich hätte dir die Bitte auch abschlagen müssen", versetzte Martha ganz kurz angebunden und mit so kalter Gleichgültigkeit, daß es ihm wehe tat. Was Isabella aber hatte verhüten ivollen: daß Heinz zwischen ihr und Martha Bartikow Vergleiche anstellte, das trat dennoch ein, wenn auch nicht auf dem engbegrenzten Gebiete der Wirklichkeit, so doch auf dem unbegrenzten der Phantasie, das für Vergleiche oft sehr viel gefährlicher und verhängnisvoller ist. Von Stunde zu Stunde befriedigte ihn Isabellas Art, mit den Kindern umzugehen, weniger unb weniger; er merkte ihr au, daß ihr die Abendschule langweiliger wurde von Tag zu Tag, und das; sie sich mit keinem Schritt mehr darum bemüht hätte, hätte sie nicht Furcht gehabt, durch eine Absage ein gut Teil seiner Achtung und Wertschätzung zu verlieren. Und da ihm auch die Tätigkeit der drei anderen Damen wenig Freude bereitete — Fräulein Reichardt war zwar mit großer Routine, aber mit wenig Liebe zur Sache tätig, und die beiden Gutsbesitzerstöchter schienen die Stunden lediglich als eine Art „edlen Zeitvertreibes" zu betrachten —, so drängte sich ihm die Vorstellung: wie so viel schöner und besser würde das Werk gedeihen, wenn Martha Bartikow ihm ihre Kräfte liehe, geradezu auf. Und es war nur natürlich, daß seine Phantasie, von Enttäuschung und Schmerz bewegt, ihn Marthas Wirken in hellerem Licht sehen ließ, als es ihm wohl erschienen wäre, wenn er nicht auf ihre Hülfe hätte Verzicht leisten müssen. (Fortsetzung folgt.) Unsere schule.') Nach einem Vortrag von Lehrer Brink in Kreuzofen. Schon unser Altmeister Goethe läßt Faust über die Schule also klagen: In diesen Mauern, diesen Hallen Will es mir keineswegs gefallen. Es ist ein gar beschränkter Raum, Man sieht nichts Grünes, keinen Bauin, Und in den Sälen, auf den Bänkeri Vergeht mir Hören, Seh'n und Denken. Aehnliche Klagelante drängen sich auch heute noch Millionen deutscher Kinder auf die Lippen während ihrer Schulzeit und werben zu aufatmenden Gottlobrufen, wenn sich die Schultür zum letztenmale hinter ihnen geschlossen hat und sie nicht mehr bei der ewigen Bücherpaukerei zu sitzen brauchen. Ist nicht das Konferenz- uird Prüfungs- thema: „Was hat der Lehrer zu tun, um seinen Kindern die Schule lieb zu machen?" die schwerste Anklage gegen unsere heutige Schule? Ich weise weiter hin auf die Not, *) Der Aussatz, der uns von einem hochangesehenen Arzte au§ dem benachbarten Preußischen mit d-er Bitte um Nachdruck zuging, entstammt der „Lehrerztq. für Ost- und Westpreußen" und darf umso mehr Beachtung bei allen Ettern beanspruchen, als et von einem tüchtigen und vernünftigen Praktiker geschrieben 343 mit welcher die jetzt ins Leben gerufenen Fortbildungsschulen zu kämpfen haben. Die Schüler wollen sich dort doch durchaus nicht mehr um ihre früheren Lehrer sammeln. Die Ursache ist in dem System begründet, unter und in dem die heutige Schule arbeitet. Auch unser Kaiser muß diese Schulnot am eigenen Leibe und Geiste empfunden haben, sonst hätte er nicht gleich bei Beginn seiner Regierung eine Schulkonferenz angeordnet, um eine Neustellung der Bildungsfaktoren vorzunehmen. Doch was ist herausge- kommen? Leider wenig! Das alte System, wenn auch nicht ganz das alte Berechtigungswesen, ist geblieben. Man raunt sich heute in die Ohren, daß die Berichterstattung über jene Kvnferenzarbeiten dem Kaiser einseitig ge- macht worden ist, so daß keine andere Entscheidung möglich gewesen ist. Wie es in den höheren Schulen geblieben ist, mit um so größerer Selbstverständlichkeit mußte in der Volksschule alles beim alten bleiben. Man wetterte auf den toten Verbalismus und rief nach Vertiefung. Die Vertiefung kam, doch der Verbalismus blieb auch. Man tadelte das Lesebuch und gab dann den Schülern ein solches mit Bildern und schönem Ueberschrif- tenaufputz in die Hände, vergaß aber dabei, daß nicht der Aufputz, sondern das Kleid allein den Körper erwärme, der Aufputz meist aber Blendwerk sei. Man klagte, daß die Schüler im Rechnen nichts leisteten, und drängte den umfangreichen Arbeitsstoff auf zwei, ja auch auf ein kleines Heftchen zusammen und gab sie Schülern und Lehrern in die Hand. Aber beide entdeckten bald mit Schrecken, daß daS Merkchen unbrauchbar war und nur noch mehr Verwirrung anstiftete. Es hieß: die Sozialdemokratie nähme gewaltig überhand, die Schule müsse sie dämpfen; sie erziehe nicht mehr zu Patriotismus! Da rückte der Geschichtsunterricht in den Prüfungen an die dritte Stelle, und die Ergänzungen zum Seminarlesebuch wurden in den Schulschrank gestellt. Trotz der Vertiefung der alte Jammer über Mangel an Religiosität, trotz der umgeänderten Lesebücher kein merklicher Fortschritt im Gebrauch der deutschen Sprache. Trotz der Rechenbücher die alte Rechennot. Trotz der Höherbewertung des Geschichtsunterrichts noch meist erschreckende Unkenntnis vaterländischer Einrichtungen und Unkenntnis. So ist es denn nicht zu verwunderns daß die Rufe nach Umgestaltung des UnterRchtsbetriebes in unfern Schulen nicht verstummen wollen. Aber tote im Mittel- alter die Reformer als Ketzer verschrieen und verfehmt waren, so meist auch noch heute. Man mißtraut ihnen, matt feindet sie an, daß mancher den Mut verloren hat, noch weiter gegen alles Verkehrte anzukämpfen und weiter für daS Wohl der Schule zu denken und zu sorgen. Unser so sehr bedächtiger Konservativismus ist schuld daran, daß gesunde Gedanken, welche schon unsere ersten Pädagogen wie Comenius und Pestalozzi ausgesprochen haben, noch immer nicht zur Tat in unseren Schulen geworden sind. Wir müssen uns beinahe vor dem heidnischen Japan schämen, welches das Gute der europäischen Kultur so schnell übernahm, dabei nicht zugrunde ging, sondern zn ungeahnter Blüte und Ruhm emporstieg. Wenn ich ein Urteil über meine eigene Schularbeit mir erlauben darf, so komme auch ich zu einem wenig schmeichelhaften Resultat. Im Religionswissen und int Lesen und Schreiben fällt die Zensur höchstens genügend aus. Im Rechnen und den übrigen Unterrichtsgegenständen kann der Durchschnitt ehrlich kein volles genügend erhalten. Ich muß mein Urteil weiter in das betrübende Bekenntnis zusammen- sassen, daß wir Lehrer in den ersten Jahren mit unseren Schülern alle Arbeit unter Hochdruck leisten müssen, daß dieser Zustand erlahmend und oft vernichtend auf die Kräfte der Schüler für die folgende Zeit gewirkt hat, daß dann oft eine Gleichgültigkeit, ja ein Widerwille gegen jede Aufnahme neuen Lehrstoffes entstanden !var. Daß diese an den Ergebnissen meiner eigenen Schularbeit geübte Kritik nicht auf gesunde Zustände schließen läßt, ist einleuchtend. Nicht nach dem Kinde wird bei der Schularbeit gefragt. sondern nach dein Lehrstoffe. Man fragt nicht: Kann das Kind das alles schon aufnehmen und geistig verdauen und assimilieren? kann das Gebotene auch freudig ausgenommen werden? sondern es heißt einfach: Hier stehts im Lehrplan, und Du, Lehrer, hast es unter allen Umständen zu leisten, oder ich steige dir aufs Fell, dann wird es schon gehen. Ich war seinerzeit mit andern Kollegen zu einer Konferenz zur Begutachtung unseres jetzigen Lehrplans für L a n d s ch u l e n berufen. Auf dieser Konferenz sind nun drei hochwichtige Bemerkungen gefallen, die verdienen aufbetoahrt zu werden und die schlagend die von mir gekennzeichnete Lage unserer jetzigen Schule beweisen. Als ich gegen die Aufnahme der Kain- und Sündflutgeschichte auf der Unterstufe in den Lehrplan Einwände machte, da hieß es: Aber wo bleibt das System? Also nicht hieß es: Haben unsere Kinder auch wirklich davon einen Gewinn? Schaden nicht etwa diese blutigen Erzählungen den unschuldigen Kinderseelen? Nein, von solchen Gedanken ließ man sich nicht leiten, sondern befürwortete die Geschichten mit dem theologischen System der Sündenentstehung, ihrem Wachstum und Fortgang und dem endlich folgenden Strafgerichte Gottes. Wenn Kinderseelen sich daran ärgern, so gibt das keinen genügenden Ausschlag; wenn aber ein System bei den Kleinen nicht schon ganz ausgebaut wird, fällt das ganze Haus zusammen! Meine Vorstellungen fanden dann schließlich doch Gehör. Ich bat ferner, den Lesestoff auf der Unterstufe nicht zu erweitern und mit dem Schreiblesen nicht vor den Sommerferien zu beginnen. Da bekam ich zur Antwort: Aber was wird der Schulrat dazu sagen, wenn wir so spät anfangen und auch nicht einen Schritt weiter gehen! So wurde die große Druckschrift bis zu den Dehnungszeichen auch für das erste Jahr vorgeschrieben, und die Fibel sollte den Anfängern schon nach vier Wochen in die Hand gegeben werden. Ich war ferner gegen die Aufnahme der Katechismusstücke auf der Unterstufe. Da leistete sich einer der Unfern die Erklärung: Die Kinder müssen nicht nur Luthers Text, sondern auch die Erklärungen lernen, denn sonst weiß ich nicht, wie ich die Religionsstunden auszufüllen habe! Armer Lehrer! Arme Schüler! Goethe hat recht: „Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fort! Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage!" So liegt nun einmal die Sache. Man kann sich das Kind ohne Buch gar nicht vorstellen. Eine Schule, die nicht unter Zwang und Gewalt arbeitet, ist ein Unding. Wie freudig und willig sind doch die Kleinen zu uns gekommen! Brot, Brot! leuchtete es sehnsuchtsvoll aus ihren Augen entgegen. Aber statt dessen gab man ihnen die harten unverdaulichen Kieselsteine der Fibel und des Katechismus und die bitteren Knackmandeln des Rechnens. Schon nach mehrwöchentlicher Arbeit war ihre Lebensfreude und ihre Natürlichkeit dahin. Ihr Mund will sich nicht mehr auftun, ihr Körper sich nicht mehr erheben. Sie scheinen vollständig zusammengeklappt zu sein, obgleich keines noch die Rute gekostet hat. Die Kleinen verlangen nicht mehr nach Beschäftigung; immerwährendes Bitten, Mahnen und Drohen muß sie an ihre aufgegebenen Arbeiten drängen. Alle warten sehnsüchtig auf den Schluß der Stunden, um mit Hurra, Wenns erlaubt wäre, nach Hause zu stürmen. ' Und nun dieser Jantmer, diese Tortur unserer Kinder mit dem amtlich vorgeschriebenen Kopflautieren, dem Analy- sieren und Synthetisieren der Sätze und Wörter, die Qualen beim Schreibeil des n, m, r, o, a! Nichts will in den Kopf und in den Griffen trotz der verdammten Einfachheit und Aehnlichkeit der zu malenden Buchstaben. Seit Jahrzehnten ist inan das so gewöhnt, so muß es natürlich auch weiter bleiben. Wers anders versucht oder sogar treibt, verstößt gegen die offiziellen Vorschriften und muß schon eine ganz besonders gute Note bei seinen Vorgesetzten haben, wenn man seine Weise noch duldet. Noch schlimmer als im Schreiblesen ist die Not im Rechnen auf der Unterstufe. Wieviel tausendmal werden dieselben Hebungen im Zahlenkreise von 1—10, von 1—20 344 und von 1—100 durchgedrillt, und doch gehts nicht trotz d'er Rechenmaschine, trotz der Striche, Punkte, Kreuze, Stäbchen, und wie all die anderen Veranschaulichungsmittelchen heißen. Den meisten Kindern ist das Rechnen geradezu eine Tortur, wie sie im Mittelalter nicht schlimmer die sog. Daumenschrauben und Mundbirnen bei ihren Opfern hervorbringett konnten. Einsichtige Lehrer quälen ihre Schüler erst damit garnicht ab, um ihnen nicht allen Lebensmut zu rauben, lassen sie sitzen und erfahren später die Freude, wie der Verstand wirklich erst mit den Jahren kommt und wie aus manchem Saulus ein Paulus geworden ist. Müssen unsere Schüler nun diese Qualen schon in den ersten Jahren so voll und ganz durchkosten? Muß es zu einem Minimum in der Lebensfreude schon so früh kommen? Gibts keinen Weg aus diesem Labyrinth? Sehen wir uns doch einmal andere Verhältnisse an und stellen Betrachtungen daran an. Wir werden dann wohl auch auf den richtigen Weg für unsere Arbeit kommen. Im Heerwesen hat man ein Versuchsbataillon und eine Versuchsschießschule, wo alle Erfindungen und Erneuerungen für den Krieg auf ihre Brauchbarkeit sorgfältig geprüft und beim Bestehen der Probe ungesäumt im Heere eingeführt werden. Zur Bekämpfung von ansteckenden Krankheiten und sonstigen Seuchen sind Bersuchslabora- torien eingerichtet. Um die B e d i n g u n g e n d e s P f l a n - zen- und Tierlebens genau kennen zu lernen, und dadurch der Landwirtschaft zu nützen und sie zu noch größerer Rentabilität zu bringen, sind Versuchswirtschaften geschaffen worden. Jährlich werden große Prämien ausgesetzt für die Aufzucht guter Pferde, seiner Rinder und fetter Schweine. Aber unser Menschenerziehungswesen kennt keine Versuchsschulen und keine Prämien für besondere Leistungen auf dem Gebiete der Schule. Da ist jegliche persönliche Freiheit ausgeschlossen. Das ganze Erziehungswesen ist Staatsmonopol. Man sagt: die Kinder dürfen nicht zu Versuchsobjekten verwendet werden, sondern müssen von Anfang an zielbewußt fürs Leben und für die Ewigkeit vorbereitet werden. Das ist schön und gut. Wir haben dagegen nichts einzuwenden und sind mit der Zielangabe vollständig einverstanden. Auch wir haben dasselbe Ziel im Auge. Doch ist der Anfangsweg, den tvir einschlagen wollen, ein anderer, ein besserer, weil er allein gegründet sein soll auf die natürliche Entwickelung der geistigen Kräfte unserer Kinder und auf dem Grunde deutschen Volkstums. Die Verdächtigungen, wir wollten die Kinder zu Versuchsobjekten machen, weisen wir zurück, und halten unseren Gegnern den Balken entgegen, der auf ihrem Erziehungs- wege liegt, der sie hindert, das gesteckte hohe Ziel zu erreichen. Wir wollen unseren Kindern nicht alles und alles Können und Wissen der Großen, dazu unter unnatürlichen Zwangsmitteln, bieten. Wir wollen nicht den Himmel stürmen mit dem toten Maulbraucher der Katechismus- und anderer religiösen Stücke, sondern sie leiten, daß sie sich selbst für den Himmel entscheiden ohne das gesetzmäßige: Du sollst. Wir wollen den Kindern das Schulleben nicht verbittern mit Schreiben, Lesen, Rechnen, Stubenhocken, sondern ihre Lebensfreude und Arbeitstrieb erhöhen, ihre Gesundheit kräftigen und fürs Leben stählen. Wir wollen sie die fürs Leben notwendigen Fertigkeiten in einem späteren Lebensalter, da sie geistig reifer geworden sind, lehren, wo sie diese mit Freuden und in einer viel schnelleren Zeit als jetzt bewältigen werden, dazu ohne Einbuße an geistiger und körperlicher Gesundheit. Dann werden unsere Kinder auch die Wissenschaften, welche unsere Schule ihnen gibt, mit Lust und Fleiß treiben, um sich zum Kampf für dresev Leben allseitig zu rüsten. Nur so wird die Erziehungsarbeit Segen schaffen bei den Kindern, für die Eltern, für unser großes schönes Vaterland. Schluß folgt. Vermischtes- 0. K. Der Marsch durch das Feuer. Eine seit, same und aufregende religiöse Zeremonie wurde kürzlich in der Nähe von Madras von fanatischen Brahmanen, die zur Sekte der Soivrastas gehörten, unter den Augen von Tausenden von Hindus und einiger englischer Beamter ausgeführt. Es war ein religiöses Fest, das „der Marsch durch das Feuer" genannt wird und das Brahma und Wischnu, den Göttern des Wassers und des Feuers, gewidmet ist. Ain Tage vor der Zerernonie hoben 40 Soivrastas, die sich seit einem Monat durch strenges Fasten und ständige Gebete auf diese Prüfung vorbereitet hatten, einen 7 Meter langen und 6 Nieter tiefen Graben aiis. Die Grube wurde mit Steinkohle gefüllt und beim Sonnenaufgang des festlichen Tages angezündet. Während nun die Glut sich immer mehr entfachte, veranstalteten die 40 Fanatiker eine lange Prozession, bei der sie merkwürdige Götterbilder trugen. Zu Mittag stand der Herd in voller Glut, so daß die Eisengitter, die ihn umgaben, daniit nicht andere Fanatiker sich in den Ofen stürzen könnten, weißglühend geworden waren. Da sahen die Zuschauer, im Innersten erregt, langsamen Schrittes die 40 Soivrastas herannahcn. Mit langen Tuniken von Ockerfarbe bekleidet schritten sie fest und sicher über die glühende Grube hin, einen religiösen Hymnus singend, dessen Refrain „(So- vinda I Govinda!" unaufhörlich über ihre Lippen kam. Dreimal schritten sie hinüber, ohne daß sic sichtbare Brandwunden davon trugen, dann ordneten sie sich in einem Kreise um einen ungeheuren Papierdrachcn, der ein Götterbild zu dem blauen Himmel emportrug. Nach dem Glauben der Hindus sind die 40 Soivrastas fortan für ihre ganze Existenz geheiligt. In dem uns vorliegenden Bericht wird ausdrücklich hervorgehoben, daß die englischen Behörden Augenzeugen dieser merkivürdigen Zeremonie waren. Frnhlirrgsgritß. Motto: lieber dein Leben, kunuuerschwer, Fliegt doch hcinckich ein Leuchten her. .. Der Frühling kommt durch's weite Land gegangen, Und wo er wandert, sproßt und grünt die Welt — Er ruft die Veilchen wach im moos'gcn Grunde, Die Blumenkinder all' in Wald und Feld, Die Birken schmückt er zart mit grünem Schleier, Den Buchenwald mit lichtem Blätterkleid — Nun träumt die Welt in holder Jugendschöne Entgegen goldner Maienblütezeit. Der Frühling kommt durch's weite Land gegangen, Und wo er wandert, leuchtet Sonnenschein, Erklingen jauchzend frohe Jubellieder Wie Trostesworte dir in's Herz hinein. — Nach Wintersnacht ein goldner Frühlingsmorgenl Hell klingt's und singt's hinein in Leid und Gram — Ein schimmernd Leuchten schinückt das ärmste Leben Und Hoffnungssterne strahlen wundersam ... Clara Schobcß. BuchstaScu-Taufch-Rätfel. Folgendes stellt ein eiustrophiges Gedicht mit Ueberschrist und Verfasser dar; nur ist für jeden richtige» Buchstaben der zweite darausfolgende gesetzt. (Giltig sind die 26 deutschen Buchstaben; z. B. statt a = b, statt b — e, statt e — ?, u. s. w., wenn der dritte im Alphabet folgende Buchstabe gemeint ist.) inj z f x h m z q i (kwnjiwnhm miggiq) xnj nxy snhmy, isxe xnj jbnl qjgj, xnj xtqq szw jnsjs yti jwbjwgjs, ijw xnj rny lqtwnj zrljgj, lwzr rzxe xnj ss ijw qnjgj xyjwgis! hb. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Kranich. Redaktion: V. Wittko. Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieren.