Msuiag den 5. Kedruar - Kelmuih von Lsvlen. Roma» von U r s u l a Zöge v o n M anteuffe (. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Großmama läßt Bitte»!" — sagte sie. Man ging nun über den Vorsaal nach,demi großen, mit ast- modischer Gemütlichkeit eingerichteten Familienzimmer. Auf dem Gange, als Wilhelm einige Schritte voraus war, fragte Edeltraut den Gast leise: „War ihm ganz wohl?" — . Ter hätte gerne bejahend geantwortet, aber die Ehrlichkeit liest cs nicht zu. Ein klein wenig schüttelte er den Kopf, aber er lächelte dazu, wie um sie zu heruhigen. Sie sah zu Boden und ihm ivar als höre er einen leisen Seufzer. Am runden, reichbefctzte» Kaffeetisch Wurde er vou „Gvoß- mamacheu" begrüßt, einer kleinen rundlichen Tarne in grauem Lustrekleide mit blendender Tüllhaube, alles in allem, appetitlich mrzuschauen, Wie aus dem Ei geschält. Das War Frau von Dahlen, die bei der Heirat ihrer Tochter mit ins Haus gezogen war. Neber Küche und Keller hinaus gingen ihre Lehensinteressen nicht, und ein vollkommen delikates Omelette erschien ihr immer der beste Tröster in aller Not. Wenn sie sich je in der Nachbarschaft zeigte, unterhielt sie die Hausfrauen über die besten Tvrten- rezepte. Welche sie alle auswendig kannte. Sie kam aber selten heraus, und die mit int Dorfe lebende Schullehrerswitwe, welche gegen Abend zu einem Plauderstündchen bei ihr vorzufprechen und die i TagesNeuigkeiten auszukramen pflegt«, befriedigte ihre geselligen Bedürfnisse vollkommen. Sie liebte ihre Enkelkinder und sorgte für deren leibliche Bedürfnisse auf das Sorgsamste, aber sic erschienen ihr Wie höher organisierte Wesen, deren Unterhaltung sie kopfschüttelnd mit anhörte. Tic trieben, „obwohl sie doch längst der Schule entwachsen Waren", Wie sie kläglich sagte, immer noch die Sachen, mit denen man als Kind geplagt Worden war, Literatur und Malerei und neuerdings sogar Astronomie! Während der Gast dem trefflichen Kuchen, dem Kaffee und Rheinwein Wacker zusprach, erzählte er nun aus Bardes, wo, wie die Großmutter beifällig einschaltete, die beste Butter gemacht wurde. Er richtete die Grüße der Recknitzens aus und erzählte von Neffen und Nichten. Edeltraut fragte oft dazwischen, sie wollte wissen, Wie groß die Kinder jetzt wären, bie sie sehr lange nicht gesehen hatte, und ob Helmuth noch so hübsch sei. Er war entschiede» der hübscheste von den Kindern, sagte sie ganz unbefangen, zum erstenmal ruhte ihr Blick voll und forschend auf Loysens Gesicht — „er sah Ihnen sehr ähnlich, nur daß er dunkel war, nicht so blond." Loysen Wurde fast verlegen. Was sollte er zu dieser freund- lichcn, ruhigen Feststellung seiner körperlichen Vorzüge sage»?. Ihm fiel gar kein Scherz ein, geschweige denn ei» Gegenkompli- ment. Es wäre ihm wie eine Beleidigung dieser vollkommenen Natürlichkeit erschienen. Dann kam die Rede auf sein Regiment. Nun Wurde er ganz lebendig und er hatte aufmerksame Zuhörer, sogar die Großmutter, deren Manu in diesein Regiment gestanden, konnte nicht genug erfahren, obwohl sie deshalb nicht versäumte, unermüdlich Kaffee, Zucker, Sahne und Kuchen anzubietcit. Wilhelm sah fröhlich aus und Edcltrauts Gesicht Würbe immer freundlicher, ihr Blick immer zutraulicher. Mittendrin Ward die Türe geöffnet und der alte Diener Martens meldete: „Ter Viehhändler ist draußen." Wilhelm erhob sich. Das ging immer mühsam, aber er tat es mit Nichtachtung etwaiger Schmerzen. Edeltraut war anfge- fprungen. „Bitte, last mich!" rief sie, „du wirft dir doch diese kostbare Stunde nicht verkürzen!" „Nein, mein Liebchen, ich muß den Mann selber sprechens Entschuldige mich auf ein Kurzes, lieber Helmuth. Ich lasse Geschäftsleute ungern warten." Damit ging er hinaus. Loysen ivar auch aufgestanden und trat an das Fenster, um nach einer Wolke zu sehen, welche über den Wirtschaftsgebäude» ausstieg, als er sich umwandte, stand Edeltraut dicht vor ihm. „Bitte!" flüsterte sie schnell, „jetzt ist er nicht da. Wie finden Sie ihn? — Aufrichtig!" „Wilhelm? — Ich finde, er sicht vorzüglich aus und hat sich in diesen Jahren ganz erstaunlich erholt. Ich bin voll Freude darüber, denn ich hatte es gar nicht zu Hoffen gewagt, und niemand hatte es mir geschrieben. Es must ganz allmählich gekommen feilt." lieber ihr Gesicht iglinig es wie Freudenglanz. „Wirklich? Ist cs wirklich so? Ich weist das ja nicht, und bin immer so voll Sorge nm ihn und denke, daß es nie, nie besser wird!" Fran von Dahlen hatte mit der Zuckerdose und dem Kuchenkorb geschäftig das Zimmer verlassen, und so sah sich Loysen plötzlich mit dem Mädchen allein, um das er zu werben gedachte. Ja, sie saßen sich auf den zwei, im tiefen Fenster gegenüberstehende» Mauerbäirkchett so nah, daß sich die Kniee fast berührten. Ihre blauen Augen — ganz Wilhelms Augen — sahen ihn erwartungsvoll an, groß, gradaus und zutraulich wie Kinderaugen. Jede Spur von errötender Verlegenheit war verschwunden. „Gnädiges Fräulein müssen aber doch bemerken, daß cs viel besser um ihn steht. Früher ging er, wenn überhaupt, dann nur an Krücken." „Ja, ja. das ist wahr. Tas war schon seit zwei Jahre» nicht mehr nötig. Aber Schmerzenszeiten kommen doch immer wieder." „Aber nicht mehr von so langer Tauer Wie früher, nicht wahr?" Sie sann nach. „Nein," sagte sie dann, „cs ist so, sie sind, wenn ich zurück- denke, doch kürzer und kürzer geworden, nur daß man sich dessen, wenn cs da ist, nicht bewußt wird, da erscheint cs endlos, und der Mut sinkt sie sah ihn nachdenklich forschend an und schüttelte dann den Kopf — „wenn Sie nur wüßten, was auch nur eine Stunde Schmerzensfolter besagen will. Man meint. 74 es sc, tiit Tag drüber hingegangen, man meint, es nicht mehr aushalten zu können..." . _ ' „Sie, gnädiges Fräulein? — Sic litten solche Lchmerzcn? fragte er bestürzt. , „ , „Nicht ich, Wilhelm natürlich," rief sie etwas ungeduldig. „Sie sagten das so —" ,Berni er leidet, leide ich mit — vielleicht mehr noch als er. Ich kenne seine Qualen, und das, was er dabei empfindet, so genau, daß ich ost denke, cs gibt eine Uebcrtragung von Seele zu Seele, aber auch von Nerv zu Nerv." _ „Und dabei sehen gnädiges Fräulein so gar nicht nervös „Ich? Nein, ich bin blanke, robuste Gesundheit und das ist auch nötig. Ich habe tüchtig zu tun, müssen Sie wissen." „Ich weis; es. Ich bewundere Sie." „Mich? Ach! —" nun lachte sie ihn an und zwilchen den hellroten Lippen schimmerten Zähne vorn reinsten Elfenbeinweiß. Die sah er heute zum erstenmal, denn noch nie hatte sie ihn au gelacht. Auch das noch! — dachte cr, denn cr war ein großer Verehrer schöner Zähne. m Ihre Gedanken waren schon wieder von sich zum Bruder geglitten. „ , . „Was ihm auch immer wieder Hilst," sagte sie, „ist seine doch ursprünglich urgesimde Konstitution. Tas sieht maii schon an seiner blühenden Farbe." „Ich habe gedacht, tr sei von Geburt an mit diesem Leiden behaftet gewesen." „Tachten Sie wirklich?" sragte sie lebhaft, „vH nein, es war ein Unglück. Er ist ein so schönes, gesundes Kind gewesen, sagt Großmutter. Als er ein Jahr alt ivar, lieb ihn seine gewissenlose Wärterin ans der Treppe sallen und hat das verheimlicht. Sie hatte es leicht, denn die Eltern waren verreist und Groß- mutter lag mit einer schweren Grippe zu Bett. Tie Wärterin sagte, das Kind kriege Zähne und schriee deshalb Tag und Nacht, und die Grobmutter mich wohl ganz arglos gewesen sein. Und so kam das Unglück — malen Sie es sich nur aus! — Tras unglückliche Kind — es hatte sich so entsetzlich innerlich verletzt, der Hüftknochen war verrenkt und gebrochen, und cs blieb ohne Hilfe, ohne Pslege, bis die Mutter wiederkehrte — und da war es zu spat, etwas zu tun. Erst viel später hat die Person gestanden. Tas Scheusal! Und nun denken Sie sich — sie wurde entlassen, bekam keinen Dienst wieder, geriet in Not — und wahrhastig, Wilhelm unterstützt sie noch heutigen Tages! — Tas sieht ihm Ähnlich, nicht? Aber das Geld mich er selber schicken—- niemals habe ich einen Federstrich sür ihn dabei getan. Und wenn er nicht schreiben konnte, so musste cs eben bleiben. Ich konnte Nicht — nein, ich tonte nicht!" Er hätte fast ihre Hand genommen und beschwichtigend gestreichelt. „Wie begreislich!" sagte er nur. Ihr Bericht hatte ihn selber erschüttert und es freute ihn so, sie mit dieser ganz freundschaftlichen, schrankeukoseu Ossenheit reden zu hören. Seine Gedanken gingen zurück zu früheren Begegnungen und er fragte unwillkürlich: „Wie kam es wohl, gnädiges Fräulein, das; ich früher fo sehr, sehr selten Gelegenheit hatte. Sie zu sehen, geschweige denn mit Ihnen zu sprechen!" Ta wurde sie wieder dunkelrot. „Ach, daran müssen Sie mich nicht erinnern," sagte sie bittend, -,ich war ein recht dummes Mädchen damals." „Nur ein wenig schüchtern, denk' ich, weil so wenig an Besucher gewöhnt. Wie? —" „Ich? Schüchtern! Nein! Tas bin ich wohl nie gewesen. Aber ich will Ihnen doch b-ien, ich war eifersüchtig." „Eifersüchtig!" — „Ja. Auf Sie. Ich wollte Wilhelms Liebe nicht mit Ihnen teilen. Ich fühlte es, und er machte ja auch gar kein Hehl daraus, wie teuer Sie ihm waren, und das machte mich unglücklich. Es war häßlich von mir, aber ich litt ja ganz allein darunter, ich hoffe, er hat es nie bemerkt, es hätte ihn doppelt betrübt und ich hoffe, daß ich mich genügend beherrschen konnte, um bei Ihrer Begrüßung nicht unartig zu fein, aber es ist wahr, daß ich diesen Begegnungen aus dem Wege ging, so oft ich konnte, beim meine Seele war mit Bitterkeit gegen Sie erfüllt." Sie holte tief Atem und strich sich das weiche, Helle Haar «us der Stirn, aus der noch immer ein rosiger Schimmer lag. Loysen saß wortlos. „Tas war eine Beichte," fuhr sie dann fort, „nun wissen Sie, welch ein egoistisches Geschöpf ich war — denn wenn ich Wilhelm damals schon so geliebt Hütte, wie ich ihn jetzt liebe, so wäre jede Freude, die er hatte, mein Glück gewesen, und ich wäre jedem, der ihn liebte, verstand und aufsuchte, dankbar gewesen. Ja dankbar!" fügte sie hinzu und hielt ihm die Hand hin — „sehen Sie, ich habe lange gefürchtet, Sie hätten mich damals in meiner ganzen häßlichen Mißgunst durchschaut und wären deshalb jahrelang nicht wiedergekommen — und Wilhelm müßte also meinetwegen darben. Tas hat mich eigentlich zur Vernunft gebracht. Als ich Sie heute sah, da schämte ich mich noch in der Erinnerung. Wir wollen nun gute Freunde sein, nicht wahr, und Sie sagen nicht mehr gnädiges Fräulein zu mir, sondern einfach, wie früher, Fräulein Edeltraut!" Die gairze Zeit ruhte ihre Hand in der seinen und sahen ihn ihre offenen, furchtlosen Augen herzlich an. Er war förmlich verwirrt über dies unerwartete Entgegenkommen. „Ich danke Ihnen, Fräulein Edeltraut!" war alles, was er sagen konnte. Ihm war, als rücke er seinem Ziel ganz ohne sein Zutun mit Riesenschritten näher. Ta er ihre Hand nicht freigab, zog sie dieselbe unbesangen zurück. „Und nun!" — sagte sie lebhaft, „bekennen auch Sie! -ä weshalb sind Sie all die Jahre nicht gekommen?" Die Frage wirkte wie ein Schreck. Er fand nicht gleich eine Antwort, dann dachte er ernsthaft nach und sagte, einem unabweisbaren Impuls folgend: „Eines Tages sage ich es Ihnen." Tie Türe ging auf und Wilhelm blickte ins Zimmer. „Bitte, kommt doch zu mir herüber," ries er — „da ist cs genMlicher!" — „Ich muß in den Hof," sagte Edeltraut, „Meiuert wartet und die Mamsell auch" Als Loysen endlich fortritt, wurde er einmütig gebeten, doch den Sonntag hier zu verbringen — den ganzen Sonntag. „Ta kommt kein Viehhändler," sagte Wilhelm lächlnd, „und weder Inspektor iwch Mamsell werden zu Störenfrieden genußreicher Unterhaltungen." . Edeltraut fütterte den Rappen mit Zucker und erging sich im Preise feiner Sckchnheit. Als der Reiter durch den Torweg entschwand, standen die Geschwister Arm in Arm vor dem Hanse und sahen ihm nach ' „Nun, Edel, was sagst du zu ihm?" — „Vorläufig noch nicht viel, außer, daß er mir nicht unsympathisch ist und so a u s s i e h t, als berge er innere Seelenwerte. Welcher Art? Finde ich sie heraus, Bruder, fo sage ich gern: Ich fei, gewährt mit die Bitte, in eurem Bunde die dritte!" — (Fortsctung folgt.) LungenMinnastik. Von Hans Hein. Nachdruck verboten. Im Volksmunde heißt Atmen soviel wie leben. So hört man: „Er hat den letzten Atemzug getan"; „Er hat das: Atmen vergessen". Man spricht vom ersten und letzten Atemzug als dem Bringer und Zerstörer des Lebens. Jede durch Krankheit oder äußere Störung verursachte Beschwerde des Atmens empfindet man als peinigenden Schmerz, selbst heftige Gemütsbewegungen können den Atem stocken machen. Diese vornehmste alter Lebensbedingungen wird jedoch von vielen Menschen recht oberflächlich erfüllt, von manchen verkehrt und von anderen geradezu gesundheitswidrig. Zwar könnte mau dieser Behauptung scheinbar entgegentreten, wenn man sagt, daß der Naturinstinkt diese notwendige Tätigkeit von'selbst regeln werde, und tatsächlich geschieht das ja auch bet den Naturvölkern. Wir aber sind Kulturmenschen, zahlreichen naturwidrigen Gewohnheiten und Einflüssen unterworfen, die wir bekämpfen können und müssen. Haben schon viele Kinder und Erwachsene die üble Gewohnheit, die Speisen mangelhaft zu kauen, nicht genügend zu zermalmen, nicht ausreichend zu entspeicheln, um eine gute Verdauung herbeizuführen, so ist noch weit mehr das Uebel verbreitet, die Lunge auf schmale Kost zu setzen, weil zu wenig für frische Luft gesorgt und die Atemgymnastik vernachlässigt wird. Speise, Trank und Schlaf, die zum Leben unentbehrlich sind, lassen sich immer noch länger entbehren als der in der Atmosphäre enthaltene, das Blut auffrischende Sauerstoff. Die Lungenspeise, Luft, ist das unbedingt Nötigste aller Nahrungsmittel. Der Sauerstoff/ (ungefähr'21 Proz. mit 79 Proz, Stickstoff gemengt, welcher nur zur Verdünnung des ersteren dient — ein überall sich gleichbleibendes Verhältnis), strömt durch die Luftröhre in die Haargefäße der Lungenbläschen, gibt dem Blute etwas ab, und dieses entledigt sich nun der überschüssigen Kvhlen- 75 fällte durch Respiration nach außen, so daß die ausgestoßene Lust jetzt nur 15,4 Proz. Sauerstoff, dagegen 4,3 Proz. Kohlensäure enthält. Der erwachsene Mensch nimmt in 24 Stunden etwa 750 Gramm Sauerstoff auf und gibt dafür 800 Gramm Kohlensäure ah. Das durch den Kreislauf in die Venen abfließende, kohlensäurebeladene, dunkelrote Blut Itrmnt aus der rechten Herzkammer in die aus 2 elastischen, -chwammigen Säcken bestehende Lunge, gibt hier Kvhlen- äure an die Lust ab, tauscht dafür Sauerstoff ein, färbt sich lochrot und sucht nun durch die Arterien die linke Herzhälfte auf re. Die Zahl der Lungenbläschen ist auf 1800 Millionen berechnet worden. Täglich werden von einem Menschen gegen 9000 Liter Luft verbraucht. Durch die Ver- hrennung wird Wärme entwickelt, Arbeit geleistet, das Leben erhalten. Demnach erhellt, daß kräftiges, tiefes Aus- und Einatmen besonders für Kinder und alle, die sitzende Lebensweise führen, von der allergrößten Wichtigkeit ist. Bei den sich viel im Freien Bewegenden und körperlich Tätigen ordnen sich Blutkreislauf und Gasaustausch einigermaßen von selbst. Mr erstere ist darum eine methodische Lungengymnastik nötig. Diese vermag Reisen, Höhenklimas, Seeoder Waldluft, Winteraufenthalt im Süden, Jnhalations- «pparate und Zeitopfer zur Not überflüssig zu niachen, da alles in der Erholungszeit, auf Spaziergängen besorgt werden kann. Reine, frische Luft ist das allen solchen Menschen unbedingt Nötige. Ein gesundes Blut-, Muskel- und Nerven- leben muß erstrebt werden, weil körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sonst behindert sind, weil man dann Krankheiten der Atem- und Verdauungswerkzeuge vorbeugen und beginnende beseitigen kann, weil sie das sicherste Mittel find, um angeborener Schwächezustände und krankhafter Anlagen Herr zu werden. Dann gelingt aber auch alles Lehren und Lernen besser. Wer die Notwendigkeit der Lungengymnastik einzusehen gelernt hat, der wird derselben nicht mehr passiv oder gar gegnerisch gegenüberstehen, sondern ein Förderer derselben werden. Wie soll nun das Tiesatmen betrieben werden? Vor allem dürfen wir nicht durch den Mund, sondern müssen durch die Nase — den von der Natur uns verordneten Respirator, welcher am besten das allmähliche, gedehnte, tief eindringende Atmen vermittelt, Luft zu schöpfen uns angelegen sein lassen. Der Mund kann diese Tätigkeit nur stoßweise und unvollkommen ausführen. Anhaltendes Mundatmen trocknet die Rachenhöhle und Kehle aus und läßt manche Unreinlichkeiten em. Niemand wende ein: „Ich muß durch den Mund atmen, ich kann sonst nicht genug Luft bekommen". Wenn wir uns ernstlich bemühen, nur durch die Nase zu atmen, so gelingt es uns auch oder es muß in der Nase eine abnorme Bildung (z. B. Wucherung, Polypen rc.) vorhanden sein. Wer trotz ernsthafter Bemühungen mit dem Nasenatmen nicht auskommt, der hat alle Ursachen, sein Riechorgan einer spezialistischen Untersuchung zu unterwerfen. Mütter sollten ihre Kleinen von Haus «us an Nasenatmen und Schlafen mit geschlossenen Lippen gewöhnen und absolut nicht dulden, daß Säuglinge im Wickelkissen das Kinn der Brust sehr nahe bringen; denn dadurch werden die unglücklichen Kinder geradezu zum Luft- ichnappen gedrängt. Nur nebenbei sei daran erinnert, daß das Mundaufhalten im Schweigen („Maulaffen feil bieten") nicht als Kennzeichen von Geist und Witz angesehen wird und den Zügen gewiß nicht erhöhte Anmut verleiht. Die Züge gestalten sich angenehmer, wenn mit geschlossenen Lippen zugehört, zugesehen, gelächelt wird. Lungengymnastik soll womöglich im Freien, bei ungünstigem Wetter in gut gelüfteten Räumen bei offenem Fenster vor sich gehen. Das Eindringen von Winterkälte schadet dem gesunden, nicht erhitzten Körper keineswegs, sondern härtet ab und kräftigt. In einigen Erziehungsanstalten leitet der Lehrer die Atemübungen mit dem Taktstock. Die Tugend fährt gut dabei, die Brustkörbe erweitern sich, die Westen und Mieder werden zu eng, das Muskelfleisch wird strammer, die bleichen Gesichter werden farbenfrischer und runder, leichte Krankheitsanlagen der Lungen und Bronchien verschwinden. Wo Lungenertoeiterung (Emphysem) vorliegt, muß die Uebung entweder unterbleiben oder nach Vorschrift des Arztes geschehen, der vielleicht bestimmt, den Akzent auf die Ausatmung zu legen. Jeder Erzieher, der mit seinen Kindern Atemgymnastik treiben will, geht sicherer, wenn er zuerst diesen eine Belehrung darüber erteilt, sie auffordert, bei den Eltern Erlaubnis einzuholen und nur Kinder mit solcher zuläßt. Sicherlich wird sich auch ein Arzt finden, welcher, um der Sache toillen, zu seiner eigenen Belehrung, wie auch um ängstlichen voreingenommenen Eltern gegenüber einen Rückhalt zu haben, die Wirkung der Hebungen untersucht. Am besten eignen sich die Morgen- und späteren Nach- mittagsstunden für die Hebungen. Anfänglich sollen täglich etwa 2 Kurse mit je 20—30 Atmungen stattfinden, später mehr, bis zum Doppelten steigend. Nach jeder tiefen, kräftigen Einatmuim — bei aufrechter, militärischer Haltung, ohne daß die Schultern sich heben, damit das Zwerchfell betätigt wird und ohne gewaltsames Pressen — tritt eine kleine Pause ein, damit die erngeströmte Luft, sich gehörig verteilen kann, dann folgt langsame, gründliche Lustentleerung. Einzelne Kinder sträuben sich und ermüden anfangs, manche befällt auch wohl Gähnkrampf, das alles ist jedoch mit seltenen Ausnahmen (in denen der Arzt entscheidet) schon nach wenigen Wochen beseitigt. In unserer Zeit, wo die Maschine immer weitere Gebiete erobert und tausende und abertausende Arbeiter und Arbeiterinnen aller Lebensalter zu einseitiger, meist brust- einengender Tätigkeit verdammt und viele einen frühen Tod erreichen, kann die Notwendigkeit und Wichtigkeit einer bruststärkenden Lungengymnastik für Jung und Alt nicht oft und nicht stark genug betont werden. Stur dadurch vermögen wir den Großstadtkindern einigermaßen zu geben, was die Landkinder fast von selbst bekommen, eine gesunde, kräftige Lunge. Nur dann vermag das jetzige und kommende Geschlecht die großen Errungenschaften auf allen Gebieten menschlichen Denkens und Arbeitens gehörig mrszunutzeu und weiter miszubauen. Aus den Erinnerungen von Adolf wilbrandt. Adolf Wilbrandt, der Siebzigjährige, hat uns ein neues Buch geschenkt, in dem er einkehrt in die goldenen Tage seiner Jugend. „Aus der Werdezeit" heißt es und führt uns vom frühen Dichten und Träumen der Kinderjahre über die Wirren und Gärungen der Jünglingszeit bis zur beginnenden Reise, da der Rostocker in Wien sich dauernd niederließ zu segensvoller Tätigkeit. Die übermütigste, tollste Zeit seiner sich regenden dichterisch genialen Kräfte verlebte er in Gemeinschaft mit Heyse und in der Sphäre der damals blühenden „Münchener Dichterschule". „Paul Heyse strahlte damals in einer ersten Blüte, die kaum mehr zu überbieten war; eben achtundzwanzig alt und schon von Ruhm und Erfolg gekrönt, in einer jungen Ehe voll Liebe, Eintracht und Glück, schön, gesund, rastlos fruchtbar, und mit Mutterwitz und Humor so reich ausgerüstet, daß er auch Berge von Unglück überstiegen hätte. Sein von langem, schön fallendem Haar umflossener Kvpf war ein Dichterkopf; und wie die vor- driugenden Augen leuchteten, so tönte sein Tenor, so flutete seine Rede, in der jeder, der Ohren hatte, den Poeten hörte. Auf spaßhafte dramatische Weise lernte ich ihn kennen: ich hatte ihn noch nicht (oder einen Augenblick) gesehen und sprach mit seiner Frau, während er nebenan tief in Arbeit steckte; da hörten wir seine Tür zum Vorplatz aufgehen, eine fremde Stimme, und dann Paul Heyses kraftvoll herzlichen Tenor: „Ah! Wie freu' ich mich, dich 'mal wiederzusehn! — Ich hab' gar keine Zeit!" Diese beiden Sätze, so unmittelbar nacheinander gesprochen — und gleich herzlich beide — ei das ist genial, dachte ich. So spricht kein Mensch und so sollte jeder sprechen!" Auch Geibel stand Wilbrandt damals nahe und bald verband beide miteinander das brüderliche Du. „Geibel wirkte im Umgang nicht durch Geist, Beredsamkeit, Witz oder Humor, sondern durch etwas, das freilich auch leicht zu parodieren war, eine gutmütige, aber beinahe feierliche Würde, die ihn auf der Stelle von der Menge schied. Alles war Würde an ihm, der Gang, der Charakterkopf, der schön geformte, mächtige Schnurrbart, der wohltönende, bedächtig redende Baß . . . Man konnte ihn einen Priester der Dichtkunst nennen. Sluch wenn er in I guter Stunde und guter Gesellschaft schön improvisierte — ich habe ihn einige Male mit Bewunderung gehört — hatte er etwas Priesterliches.; er schaute mit tiefem Blick in 78 sei» halbgefülltes Glas, als holte er aus' dein pyihischeu Wein seine (Mauten und Reime, und ließ sie dann erklingen. Uebrigens konnte er auch für einett Priester des Bacchus gelten, so innig gut stand er mit diesem Gott. Sein Weinkeller war wie ein Tempel, aus dein er sich die göttliche Freude holte; „er ist vielleicht weniger auf seme Gedichte als aitf seine Weine stolz", schrieb ich einmal an eine Freundin, „und es ist auch fraglich, ob die einen oder die andern schöner sind. Getbel, der sonst em selt- samer Hypochonder ist, lebt dann bei Nacht erst auf, und mit seiner roten Kappe, vor dein Glas Champagner, nimmt er sich um Mitternacht aus wie eilt auferstandener Troubadour aus dem Mittelalter/' Den unglücklichen großen Lyriker Heinrich Lenthold lernte der junge Dichter ebenfalls kennen. Seiner Schweizer Heimat entflohen, lebte der Schöpfer des „Hannibal" von dem kümmerliche,t Ertrag seiner ' schwerflüssig langsamen Schriftstellerei, Uebersetz- ungen, Aufsätze, Zeitungsbriefe, in Sorge und Not. „Ich halt' meine Kommode immer fest verschlossen",, sagte er tvohl mit seinem aufrechten bitteren Humor, „nicht damit mir nichts gestohlen wird, sondern damit meine Wirtrn nicht sieht, daß garnichts drin ist." „Eine hohe Prachtgestalt mit ausdrucksvollem Kopf, die mau nur tu alte Gewänder zu stecken brauchte, um einen Schweizer Hellebardier von Granfon oder Marten ans ihm zu machen, ein weinfroher Gesell, ein guter Kamerad gefiel und gclvauu er auch noch durch das, was eigentlich komisch und be- vder wenigstens seine llebersetzungen laut ertönen zu hören, frerndend war: die naive Bedürftigkeit, seine Dichtungen sie vorzutragen, ivo es irgend anging. Er wirkte dann durch die Harmonie des Ganzen, das vollsaftig Schwer- Mische in Erscheinung, Stimme und Sprache, das charaktervoll Ungeschlachte, das in seinen großartig rauhen Alpen- kehllanten, in seinem steinewälzenden Sturzbachvortrag erklang, den doch eine Seele mit Herzenslanten füllte." Vermisöhtrs. * Die männliche Tochter. Eine drollige Szene spielte sich auf dem Standesamte in Dünkirchen ab. Frl. Leys, eine hübsche Brünette von zwanzig Jahren, hatte sich verlobt, und die Mutter begab sich ,auf das Standesamt, nm die erforderlichen Papiere zu beschaffen und das Aufgebot für die Tochter za bestellen. Sie erfahr von dem Beaniten, daß sie gar keine Tochter habe, sondern daß unter dem angegebenen Datum für das Ehepaar Leys ein Sohn eingetragen fei. Kein Beteuern der Frau half, der Beamte verweigerte die Schriftstücke auszuhäudigen und blieb, dabei, daß es sich um eineu Sohn handle. Nach vielem Hin und Her klärte sich die Sache auf: die Vornamen des neugeborenen Mädchens waren mit Ganden Arsdne angegeben worden, und der Beamte hatte, da er diese als männliche Vornamen auffaßte, einen Sohn in das Geburtsregister eingetrageu. Trotz alledem wurde der Mutter erklärt, daß ihr Kind in den Büchern der Behörde ein Sohn fei, und daß deswegen das Aufgebot nicht erfolgen könne. Nun muß das Brautpaar noch einige Wochen mit der Hochzeit warten, bis die erforderliche Richtigstellung des Geburtsregisters von der Behörde bewilligt ist. Um die Ironie des Schicksals voll zu machen, erhielt die glückliche Braut wenige Tage später ein Schreiben von der Militärbehörde, in bem Monsieur Arsone Leys aufgefordert wird, sich au einem der nächsten Tage zur Aushebung für den Militärdienst zu stellen. C. K. Eine lebende M o d e a u s st e l lu n g. In London wird dieser Tage eine Modeausstellung eröffnet, die ihre besondere Unziehungskraft durch eine Boudoir- szene erhalten soll. Durch sie soll den eleganten Damen die beste Art und Weise anschaulich gemacht werden, auf die man alle Stadien and Handreichungen der Toilette durchmacht. Ein Raum der Ausstellung ist als elegantes Boudoir eingerichtet mit einem Toilettentisch, der alle nur erdenklichen Werkzeuge und Materialien enthält, die zunl Ankleiden notwendig find. Die Vorstellung wird natürlich nur vor Damen stattfinden. Zweimal am Tage; werden hier drei oder vier Damen an sich den ganzen Prozeß einer Toilette vornehmen lassen. Sie kommen vom Bad und übergeben sich dem Kammermädchen, die sie zn einer bestimmten Gelegenheit ankleiden. Eine Damd macht ihre Toilette für eine Vorstellung bei Hofe, eine an- dere für einen Jagdansflug, die dritte für einen Ball, die vierte für eine Spazierfahrt. Jede dieser Toiletten geht in verschiedener Weise vor sich. Französische Ankleidefrauen, die in allen Handreichungen und Finessen erfahren sind, sind engagiert und werden die praktischste und bequemste Form des Ankleidens vorführen. Besondere Haarkünstler vollenden, wenn die ganze Ankleideszene vorüber ist, die Toilette durch eine künstlerisch ausgeführte Frisur. Einige der hervorragendsten Damen der englischen Gesellschaft, darunter eine Gräfin, haben sich bereit erklärt, diese Prozedur des sashionablen Ankleidens an sich vornehmen zu lassen. Die Zuschauerinnen sitzen um das Boudoir herum und haben ausgiebige Gelegenheit, mondäne Damen in den intimsten Einzelheiten ihrer Toilette zu belauschen und diesein vorbildlichen Beispiele selbst nachzueifern. LLterar'lsches. — Heinrich Stümcke, Modern es Theater. Eindrücke und Studien. (Deutsche Bücherei, Band 82/83.) 186 Seiten, 60 Pfg. Berlin, Verlag Deutsche Bücherei. SW. 68, Kochstr. 73.' Der Chefredakteur von „Bühne und Welt" bietet in diesen Essays eine Einführung in das Verständnis der bemerkenswerten Werke, die in den letzten Jahren über die deutsche Bühne gegangen sind. Ausführlich werden unter anderen Hauptmann, Schnitzler, Hugo von Hoffmannsthal, Sudermann, Rudolf Herzog, ferner Strindberg, Heyer- manns, Shaw, Dreyer, Holz, Beer-Hofmaun und Wedekind besprochen, auch Shakespeare, Ibsen, die Moskauer und Eleonore Düse werden berücksichtigt. Der denkende Schauspieler und Regisseur, Theater- und ßiteraturfreunb kann sich hier übet die Bestrebungen des modernen Theaters orientieren und luirb das Büchlein nicht oh,le Belehrnng lesen. _____________ Ratschläge. Frost. Bei Nasenrote habe ich mit Bleiwasser gekühlt und bann Borax in Orangeblütemvasser aufgelöst ;ur Anwendung gebracht. Bei Jucken in den Händen habe ich die Hände mcht an beit heißen Ofen gehalten, sondern immer an bet Wasserleitung mit kaltem Wasser abgefpält. Sofort horte baS Jacken und Brennen aut Hermann Klie, Kassel. Goldene Worte. Früher, da ich unersahreii lind bescheidner ivar als heute, Halten meine höchste Achtung Andre Leute. Später trai ich au? der,Weide Außer mir noch mehre Kälber, Und nun schätz' ich, sozusagen, Erst mich selber. Wilhelm Busch. Bilderrätsel. soiiwyi Auslösung .in nächster Nummer. Auslösung des Rätsels in voriger Nummer: Talar. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jeden Universitäts-Buch- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen.