Donnerstag den 2. April Kelmuiß von ^on'en. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 9hm kehrte sie in ihr Zimmer zurück und traf ihre Borbe- reitungen. Die Tür klinkte sie ein, aber schloß nicht ab. Dann öffnete sie ihren Schreibtisch und nahm einen an Loysen begonnenen Brief heraus, las ihn sorgfältig durch und fügte ihm noch einige Zeilen bei, in denen sie ihm die plötzliche Erkrankung des Vaters mitteilte. Diesen Bries, unbeendet wie er war, lief; sie auf dem Schreibtisch liegen, als sei sie mitten im Schreiben gestört worden. Dann vertauschte sie ihr Kleid gegen einen bequemen Hausrock und zog die Nadeln aus ihren Haaren. Darauf schob sie sich die Sofakissen zurecht und legte eine Decke hin. Es ist ja natürlich, das; sie nicht zu Bett geht, man könnte sie doch rufen .... der Vater ist im Verlöschen, darüber war sie sich ganz klar geworden, aber es regte sie so wenig auf, wie alles, tvas sic tat. Seit dem Abend war ihr schon, als spräche und handle jemand anders für sie, — ihr Selbst hatte sich gleichsam in sich zurückgezogen und lebte nur noch in dem einen Gedanken: für ihn! —■ Das war die Triebfeder all dessen, was sie ganz auto- matenhaft und doch so wohlüberlegt tat. Nicht länger kamen ihr Anfälle von Todesangst oder Verzweiflung, kein Grauen beschlich sie. Sie war ganz ruhig, nur sehr eilig hatte sw cs. Jeder Augenblick ward ausgenützt und keine Minute müßig verträumt, kein Blick aus den offenen Fenstern nach dem blaß schimmernden Osten, in die graue Morgendämmerung, die vom harzigen Duft des jungen Mrlenlaubcs erfüllt war. Nur ein kurzes Ueüer- legen, ob es möglich sei, sie von unten zu beobachten. Nein — Und wenn auch ? Was kam daraus an? Sie tat nichts Ungewöhnliche-. Nun sah sie nach der Uhr, es war fast halb vier. Eile ist not, denn sie weiß ziemlich genau, wieviel Zeit sie braucht, um zum Ende zu gelangen. Mit einem Schlüsselchen, welches sie am Halse trug, öffnete sie das Mittelschränkchen des großen, alt- modischen Schreibtisches aus gemasertem Birkenholz. In dem Fache bewahrte sie das Geld, welches Loysen ihr dagelassen hatte, außerdem standen einige Flaschen kölnisches Wasser, einige kosmetisch.' Mittel zur Verschönerung der Haut und ein Kästchen mit Schmuckgegenständen drin, und dazwischen hineingeschoben eine blaue Schachtel. Diese nahm sie heraus und schloß wieder ab. Die Schachtel enthielt eine größere Quantität Schlafpulver, durch weiche der Theaterarzt dieser schwierigen Nervenpatientin einst anhaltenden Schlaf verschafft hatte. Seine dringenden Warnungen vor einer Verstärkung der Dosis hatte sic noch sehr wohl im Gedächtnis. Sie hatte es auch nie nötig gefunden, der Mahnung entgegenznhandeln, denn ein Pulver genügte, um sie in bleierne Betäubung zu versenken. In der letzten Zeit hatte sie das Mittel nicht mehr gebraucht und sich mit unschädlichen Hausmitteln begnügt, daher enthielt die Schachtel einen beträchtlichen Vorrat sauberer papierner Vierecke. Eins nach dem andern nahm sie behutsam heraus und zählte mit einem seltsamen Zucken um die festgekniffenen Lippen: „Acht! — Für dich Loys. Achtmal trinke ich dein Wohl — achtmal auf deine Freiheit und dein Glück!" Sie füllte ein Glas mit Wasser und schüttete vorsichtig dest Inhalt der Papierchen hinein. Jedes Ständchen, welches daneben fiel, blies sie fort. Als dicker Bodensatz sank das weiße Pulver ins Glas, es löste sich nur langsam auf. Sie suchte Papiere und Schachtel zusammen, öffnete den Ofen und verbrannte hier das ganze Häufchen, die Asche zerblasend. Dann stand sie auf und löschte das Licht. Noch einmal sah sie nach den offenen Fenstern, durch welche ein frischer Morgenwind ins Zimmer blies. Das ist gut. In ihrer fast hellseherischen Sicherheit bedachte sie all s — auch die Lust im Zimmer sollte nicht zum Verräter werden. Nuil nahm sie das Glas, rührte die Mischung mit einem Lösfelchen um lind trank das ganze aus, fast auf einen Zng. Einest Augenblick stand sie dann und starrte in den jllngen Morgen-Hin aus, in dell Himmel hinein, der sich über den Wiesen und den Baum- gruppen des Herrenhauses mit.blassem Rot zu färben begann. Sie preßte die Hand gegen den Hals und schluckte. Ein ekles Empfinden durchrieselte sie, aber cs ging vorüber und sie besann sich und wandte sich hastig dem zu, was lwch zu hüt war, nahm Glas und Löffel, reinigte beides sorgfältig, stülpte das Glas sodann über die auf dem Tisch stehende Wasserflasche und legte den Löffel auf seinen Platz. Daml ging sie nach dem Sofa, wickelte sich iit ein warmes Tuch, zog die Decke über die Füße und drückte den Kopf in die Kissen, linaufhövlich mechanisch murmelnd: Für dich, Lohs! Wie lange sie mit einer entsetzlichen Uebelkeit kämpfend da- gelegen, sie wußte es nicht. Sie fühlte die Müdigkeit wie Mei durch alle Glieder fließen und donnerndes Brausen vor den Ohren. Plötzlich befand sie sich am Ufer eines Flusses. Laterneit flackerten und der eisige Wind blies Schnee und Regen vor sich her. Schwarz floß das träge Wasser unter dem Brückenbogen hin. Und sie wußte, daß sie da hinein gewollt hatte. Weshalb? Ihr schauderte und doch war sie so entschlossen. Sie lief am Flusse bin, achtlos auf Dunkelheit und Regen. Und dann wußte sie plötzlich: Jetzt kommt er! Er will dich zurückreißen! — Und da war er auch — jb deutlich sah sie sein Gesicht vor sich, ein junges, lebensfrohes Gesicht — und fast schmerzhaft fühlte sie beit Griff seiner starken Hand um ihren Arm. Mer nein — es soll nicht zum zweitenmal geschehen — es darf nicht. Diesmal muß sie stärker sein! Und sie rang mit ihm, wie eine Besessene, und sie fühlte, wie sie ihm entglitt und herabsank in die schwarze Tiefe — „Für dich, Loys" — flüsterte sie und dann war alles still in ihr und um sie. Der Schlaf hatte ihre kranke Seele dem Bruder Tod übergeben. Niemals erfuhren die Ihrigen, daß sie sich vermessen hatte, den dunklen Weg freiwillig anzutteten. XXIV. Zwei Jahre später. Anne Marie von Troß an Marie Anne von Reckuitz, Berlin. Augustahospital, am 1. Mai 1895. Liebe Mieze, nimm es mir nicht übel, daß ich so lange nichts von mir hören ließ, aber meine Zeit war völlig in Anspruch genommen durch ungewöhnlich lange und schwere Pflegen. Meine Kräfte sind denn auch so ziemlich aufgezehvt. Weshalb? wirst 210 Wieder vvAvurfsvöll sagen. Ja, my tear, es gibt dach wohl Bokationen, bie starker sind wie Vernunft und Ueberlegung. Ich wnl mich nicht unwiderruflich binden, meine.Natur vertrügt keinen Zwang, aber freiwillig folge ich doch immer wieder der starken elnziehungslrast, ivelche dieser Ort auf mich ausübt, und freiwillig stelle ich mich zur Verfügung, ein gehorsam Werkzeug, bis der Körper den Dienst versagt. Wäre meine Zeit aber auch weniger beseht gewesen, ich hätte doch nicht gewußt, was dir von hier schreiben. Was ich durchlebte, sind Dinge, die ich meiner Ansicht nach gar nicht lveiter erzählen darf. Das erlebt man für sich allein, diese oft mikroskopisch kleinen Begebenheiten ebenso wie die einzelnen, seltenen Momente, in denen wir Zeuge großer, tragischer Vorgänge sind. Denn was ich erlebe, betrifft ja niemals mich, es sind die Leiden «nd Freuden anderer, die an mir Vvrüberziehen. Monoton ist's und doch voll Interesse — aber nur für mich. Dir davon schreiben, hieße deine Zeit unnütz in Anspruch nehmen. Also der Arzt schickt mich diktatorisch fort von hier und er hat recht. Wäre Dvbran noch mein, dorthin ginge ich am liebsten und ritte täglich drei Stunden lang durch Wald und .Heide. Das wäre die heilkräftigste Medizin, und dies Verlangen nach dem Sattel und der Bewegung in der freien Luft ist einer meiner Gründe, daß ich mich nicht dauernd verschreibe ... das muß ich doch immer wieder haben, soll ich nicht zur Dienstleistung untauglich Iverteil. Die Idee, mir im Grünewald an einem See ein Haus zu bauen, ein eigenes, habe ich aber aufgegeben. Der Gedanke war verlockend, dort bei der Heimkehr vom Dienstpersonal empfangen zu werden, im Stall ein braunes Vollblut allzeit bereit zu finden, und Hunte zu besitzen, die sich der Ankunft der Herrin freuen — aber die Ausführung wäre ja einfach Torheit. Wenn man drei Viertel des Jahres hinter den Manern des Hospitals , znbriugt, kann man nicht erwarten, „daheim" ein diszipliniertes Hausper-sonal vorzufiuden. Außerdem wäre so etwas ein teurer Scherz in meinen' jetzigen Verhältnissen. Konrad soll hierbei nicht die buschigen Brauen in die Höhe ziehen und „Na nu!" — fagett. Ich tveiß es ja, ich hätte schließlich genug, um diese Phantasie zu verwirklichen, aber blicke Tag für Tag so viel kranker Armut ins Gesicht und versuche dann, nicht jede für .nutzlosen Luxus ausgegebene Summe zu beklagen. Zu diesen Ausgaben kann ich es nicht rechnen, wenn ich mir auch in diesem Jahre ein Reitpferd kaufe und mich auf einige Monate in irgend einem einsamen, leerstehenden Landhaus einmiete, um neue Kvifte zu sammeln. Voriges Jahr habe ich das Pferd, eine junge, ungeschulte Fuchsstute, eingeritten und sie daun .an meinen Freund, den General von Herzfeld, verkauft, der für ^Eer ein Reitpferd suchte. Er stellt es mir wieder zur Berstigung, aber niemand kann mir znmuten, ein Tier zu reiten, welches ein Jahr lang von einer ungeschickten Anfängerin geritten wurde, und dabei. „ganz fromm", aber total verdorben wurde. Ein zweiter, mir ebenso ungefährlicher Verehrer aus alter Zeit, Oberst Schlettow, will mir verschaffen, was ich brauche. Du siehst, es ist gut, wenn man sich auch noch in gesetzten Jahren tzinige Verehrer reserviert. Sie sind hilfreich und bewahren uns davor, unsere Toilette zu vernachlässigen, wozu ich jetzt neige. Gestern besuchte ich Fran von Wahreudorf. Du mußt wissen, uns führen gemeinsame Interessen hin und wieder zusammen, außerdem fühlt sie rwch mütterliches Wohlwollen für mich, welches aus der Zeit .datiert, da ich als Backfisch in ihrem Hause weilte. Ich kann sie nicht sehen, ohne daran zu denken. Ihr wäret auf der Hochzeitsreise und die Wahrendvrfs litten mich derweile nach Javowitz ein. Glückliches Paradies ter arglosen und harmlosen Kindheit! —' Man ist lange, lange jung, aber nur ganz kurze Zeit in jener seligen Lebensphase, da die Schule hinter uns und die Welt mit ihren Freuden noch verschlossen vor uns liegt. Diese Zeit verbrachte ich in Jarowitz, und die Erinnerung daran bewohnt Zeinen Extrapavillon in meinem Herzen. Es gab dort alle Tage Schokolade, und die Eselegnipage ter Kinder stand von früh dis spät zu meiner Verfügung. Ich glaube, ich habe ein dankbares Gemüt. Doch was ich dir erzählen wollte, war: Gestern traf ich dort die verheiratete Tochter mit ihrem Gatten, dem biederen Schnadewitz. Ich wußte nicht, daß er längst nach B. versetzt wurde. Was weiß ich jetzt iwch über Klippingen! Nichts. Doch genug. Der Major teilte mir also mit, daß Helmnths Wiedereintritt ins Regiment bei seiner Rückkehr aus Dar-es-Salaam Nichts int Wege stehen werde. Dadurch erfuhr ich erst, daß er zurückkehrt. Was wißt Ihr darüber? Mir hat er bisher nichts davon gemeldet. Tun wird er es noch, oh sicher, kurz und pflichtgemäß, so wie er uns ja jede offizielle Veränderung seines Lebens mitteilt. Ich habe wenigstens in den zwei Jahren seines ostafrikanischen Dienstes Nie einen längeren Brief von ihm erhalten, nur immer den aufs knappste gesetzten Rapport etwaiger Ortsveränderung oder militärischer Erlebnisse. Nach einem Kampf mit Ausständigen die trockene Notiz, daß er noch am Leben sei und bei einem Statious- wechsel die Angabe der neuen Adresse. Mit solchen Brosamen speist er uns, seme^ Schwestern, ab, während es nach Rothaide Briefe regnet. Weißt du das? — Mir verrieten dies die harmlosen Wahrendorss, die.mit Eteltraut von der Haide befreundet siiid. Von tent, was er denkt, fühlt, leidet, erfahren wir nichts — jene, so folgere ich, alles. So sehr trägt er es uns also nach, daß wir seinerzeit den von ihm in Szene gesetzten Skandal nicht billigten. Er grollt, anstatt uils dankbar zu fein, daß wir bereit sind, Geschehenes zu vergeben und willig mit keinem Wort an jene unglückselige Begriffsverwirrung zu erinnern. Es war — und damit sei es abgetan. Jetzt gehört er wieder sich selbst, der Welt und uns. Aber mir scheint, et will den Empfindlichen spielen. Das ist naiv, da Reue angebrachter wäre. Ich will nicht bitter werden, aber Helmuth verloren zu haben, geht mir nahe. Ich habe eben nie Glück mit Männern gehabt, sogar nicht, wenn der betreffende mein Bruder ist. Nun zum Schluß: Besten Gruß deinem Gestrengen und den Kindern. Sie wachsen ja nun allmählich in ein vernünftiges Alter hinein. Wenn ich euch mein buon retiro zu nennen vermag, schickt mir in ter Pfingstzeit teil Kadetten Helmuth. Er kann mit Tante Anne spazieren, reiten und angeln. Deine Anne Marie. (Fortsetzung folgt.) Aus dm Aarsertagen in Venedig. Aus-Venedig wird uns uittcrm 29. März geschrieben Die italienischen Blätter widmeti dein Kaiserbesuch in Venedig lange Spalten, und sie wissen dabei manche Einzelheiten zu berichten, die die offiziellen Schilterungen ter Festlichkeiten an- schaulich ergänzen. Der Graf Jacini, der seit vielen Jahren mit dem Kaiser persönlich befreundet ist, hat einem Korrespondenten über seinen Besuch an Bord der „Hohenzollern" Mitteilungen gemacht. Mit seitier Gattin war der Graf zu dem Kaiserschiff gefahren, um sich in die Besucherliste einzutragen. Der Kaiser erkannte ihn von der Kommandobrücke aus und lud ihn sofort zu sich. Er schilderte' seine Freude über das begeisterte Willkommen, mit dem die Venezianer ihn empfangen hätten, und beklagte sich über die Ungunst des Wetters. Zwei Stunden lang lustwandelte er mit seinem Gaste aus dem Verdecke, in fröhlichem. zwanglosem Geplauder. Seine Redeweise dabei ist lebhaft und zugleich gewählt; hin und wieder unterbricht ein Zitat ober ein englisches Sprichwort den Fluß seiner Rede. Er fühlt sich in Venedig außerordentlich wohl und spricht von der Absicht, seinen Aufenthalt zu verlätigerit. Dem Grafen Jacini schlägt er einige zwanglose Spazierfahrten vor, aber es würde ihm wohl kaum gelingen, in Venedig, wo jeder ihn kennt, incognito zu bleiben. Plötzlich bleibt der Kaiser stehen und deutet lachend nach dem Markusplatz. Dort drängt und schiebt sich eine dichre schwarze Menschenmenge und laute Hochrufe klingen über das Wasser. „Wissen Sie, was das ist?" sagt der Kaiser immer lachend. „Das ist meine Frau, die glaubt, inkognito in Venedig spazieren, gehen zu kömten und die nun die ganze Stadt auf den Fersen hat." Bald darauf treffen die Kaiserin und die Prinzessin wieder an Bord ein. Sie erzählen die Episoden ihres Spaziergangs. Sie waren ganz mitte und erschöpft von all der Popularität und all den Hochrufen. Im Museum, bas sie ausgesucht hatten, wollteir sie Bilder sehen; aber sie sahen, nach ihrer Aussage, „viele Deutsche". Als sie den Königspalast verließen, umringte sie eine jubelnde Menge und sie mußten sich in eine Gondel flüchten. , Die Prinzessin war entzückt von allem und besonders von Venedig, das sie noch nicht kannte. Der Kaiser hatte sic mitgenommen mit der Freude eines bürgerlichen Familienvaters, der feinem Töchterchen bie Märchenstabt zeigen kann unb ihre Freude, mit genießt . . ." Am Nachmittag gegen 4 Uhr gingen bie Kaiserin, Prinz August Wilhelm, die Prinzessin Viktoria Luise mit bet Gräfin Rantzau ans bem Markusplatz spazieren, als sie von jemand erkannt wurden. Sofort umdrängte die Menge die Herrschaften und von allen Seiten tönten Hochrufe. Mit Mühe und Not konnten die Fürstlichkeiten sich mit Hilfe eines Polizeikommissars den Weg in bie MarkuSkitchc bahnen, die bann geschlossen wurde. Die Kaiserin verlangte zunächst die Pakt d’oro zu sehen, bat um geschichtliche Daten übet bie Fertigstellung der Kirche, besuchte bann bie Sakristei unb schließlich das Baptisterium. Bor dem Basrelief in Bronze von Segala äußerte sie ihre Freude darüber, diese schönen Kunstwerke sehen zu können und sprach von der Absicht, in ruhigerer Stunde wieder zu kommen. Während vor dem Haupttor der Kirche bie Menge wartete, gingen bie Fürstlichkeiten durch eine Seitentür direkt in den Hof des Dogenpalastes, besuchten den großen Ratssaal, wo die Kaiserin sich besonders für das Fresko von Guariento interessierte ... Ein italienischer Journalist hatte inzwischen Gelegenheit gehabt, an Bord der „Hohenzollern" bie Privatge- 211 macher des Kaisers zu besuchen. Von den drei Raumen des Kaisers ist fein Arbeitszimmer der persönlichste. Das Gemach ist mit geblümtem Cretoime bekleidet; nur wenige Möbel, em großer Ähorntisch mit Buchern und Karten bedeckt, an den Wänden zwei 'Schränke mit je 20 Fächern, in denen die Papiere der lausenden Geschäfte eingeordnet sind. Dann ein paar Drehstühle und an der Wand noch ein Bücherstand, auch aus Ahornholz. Es tft über und über mit Büchern vollgepfropft; diese liegen nicht gerade in guter Ordnung, sie stehen nicht so intakt und unangreifbar, wie in den meisten Bibliotheken berühmter Herrscher, sondern sie sind ohne Ordnung durcheinander geworfen und verraten, daß ihr Besitzer sie oft benutzt und nicht nur eines am Tage. Ein seltsames Zusammentreffen: das Alte Testament liegt hier unmittelbar unter den, Zola'scheu „Rom" und den „Barrack room ballads" voii Rudyard. Kipling. Dm Wände und Mobel- flächen sind von Familienphotographien und den Ausnahmen deutscher Fürsten bedeckt; fast alle zeigen handschriftliche Widmung. In einem großen roten Lederrähmeil sieht man ein prachtvolles Bildnis der Herzogin-Witwe voii Aosta, der Prinzessin Lätitia, in einem wundervollen Dscollets, das die junonische Schönheit der Gestalt zu voller Geltung bringt. Wenn der Kaiser die „Hohenzollern" verläßt, um am Land Aufenthalt zu nehmen, so pflegt er dieses Bild immer mitzunehmen und in dem Arbeitszimmer seines Schlosses aufzustelleii . . . An Bord der „Hohenzollern" pflegt sich der Kaiser stets um 7 Uhr zu erheben. Nach einem Bade geht er an Deck, um die Gäste und Offiziere zu begrüßen, und dann beginnt eine Viertelstunde gymnastischer Hebungen, die der Kaiser unter allen Verhältnissen streng inne hält. Inzwischen sind die eingelaufenen Nachrichten durch den „Sleipner" an Bord gebracht, _bie Radiotelegraphen arbeiten, und der Kaiser widmet sich in seinem Arbeitskabinett, bei schönem Wetter auf dem Verdeck, den Staatsgeschäften. Um 11 Uhr erfolgt ein leichtes Frühstück, um 1 Uhr das Dejeuner und nm 7 Uhr das Mittagessen. Nach dem Dejeuner und nach dem' Mittagessen liebt es der Kaiser, sich mit seinen Gästen zu unterhalten und der fröhliche, ungezwungene Ton, der dabei herrscht, streift alles Zeremonielle ab. Mit Borliebe erzählt der Kaiser dabei kleine Scherze und Witze, im Berliner, Münchener oder sächsischen Dialekt, und in diesen Stunden macht manche Anekdote die Runde, die sonst auf dem Hofparkett als unmöglich gelten würde. Aus der letzten Fahrt erzählte der Kaiser lachend eine etwas derbe Geschichte vom greisen Feld- marschäll Wrangel, der bet einem Hoffeste eine sehr stark de- kollerierte Dame unausgesetzt anschaute. Die Dame wird ärgerlich: „Was schauen Sie denn so dumm?" Der alte Wrangel aber antwortet: „Nicht dumm, nur gerührt; Sie erinnern mich an die Tage, da ich noch eine Amme hatte. . Herzog Georg IL von Meiningen vollendet heute, am 2. April, fein 82. Lebensjahr, und ans eine 42- jährige Regierungszeit blickt er gleichzeitig zurück. Er darf sich aber sagen, daß fein Leben nützlich, fegeubringenb war. Er hat bte Regierung mitten in den kriegerischen Ereignissen des Jahres 1866 auge- tveten, als sein Vater, Herzog Bernhard, am 20. September 1866 auf den Thron verzichten mußte, infolge seiner Parteinahme für Oesterreich, in der ihn die Hessen-Casseler Gemahlin Marie nur zu sehr bestärkt hatte. Die Erziehung des Erbprinzen Georg begann im Institut des Professors Bernhardt in Meiningen, und wurde dann in der vorteilhaftesten Weise für ten begabten Prinzen durch den Gynmasialdirektor Seebeck beeinflußt, der die Stelle eines Erziehers bei dem zur Thronfolge Berufenen einnahm. Als Lent- nant in das Schützen bataillon nach feiner Konfirmation im Jahre 1842 eingestellt, erhielt der junge Prinz auch einen vortrefflichen Militärgouvcmeur in dem Hauptmann Eduard v. Reitzenstein, während ihm der Maler Lindenschmidt künstlerische Unterweisung gab. Der Mirsteuuniverfität Bonn waren die Jahre 1844—47 gewidmet; der Leipziger Hochschule ein Semester, das daraus folgende. Im preußischen Heer diente der Prinz bis 1854, zuerst bei den Garde-Kürassieren, zunächst aber nur ein Jahr, um dann als Stabsoffizier beim Meiniugenschen Schützenbataillon 1849 den Feldzug nach Schleswig-Holstein mitzumachen. Im Jahre 1866 rettete der Vater durch den Thronverzicht das Bestehen der Dynastie, und der Erbprinz schloß anr 8. Oktober 1866 den Frieden mit Preußen. 1870 zog er mit der 22. Infanterie-Division ins Feld und kehrte erst nach Beendigung des Krieges heim. Mit 24 Jahren vermählte sich der Erbprinz mit der Prinzessin Charlotte von Preußen, einer Schwester des Prinz-Regenten von Braunschweig, die ihm 4 Kinder schenkte, von denen 2 starben. Bernhard, der heutige Erbprinz, der Schwager Kaiser Wilhelms II., und die unvermählt gebliebene Prinzessin Marie entstammen dieser Ehe, die nur 5 Jahre währte. Am 30. März 1855 bereits starb die erste Gemahlin und der Erbprinz vermählte sich em 23. Oktober 1858 zum zweiten Male mit der Prinzessin Feodora von Hohenlohe-Langenburg, einer Schwester dos bisherigen Statthalters der Reichslande. Aus dieser Ehe, die der Tod am 10. Februar 1872 löste, stammen die Prinzen Ernst unbi Friedrich, von denen der erstere mit einer Tochter des Dichters Wilhelm Jensen, Katharina Jensen, Freiin v. Saalfeld, in urorganatischer Ehe in München lebt, während Prinz Frtcdrich, mit einer Schwester des Fürsten Leopold zur Lippe, Prinzessin Adelheid, vermählt, «das 3. Bad. Feld-Artillerie-Re- gimeut Nr. 76 in Freiburg i. Br. kommandiert. Er ist mit feinen 3 Söhnen und 3 Töchtern der Thronfolger nach deut kinderlosen Erbprinzen Bernhard. Der Herzog vermählte sich noch zum dritten Male, und zwar diesmal mit einer Schauspielerin, Helen« Franz, einem von der Frieb-Blumauer und Julius Hein ausgebildeten» ausgezeichneten Mitglied seiner Hofbühne. Sie ist die 1842 in Halle geborene Tochter des Handelsschuldirektors Dr. Franz; der Herzog erhob sie vor seiner Trauung aus Schloß Liebenstein zur Freifrau von Heldburg. Die künstlerischen Neigungen des Herzogs, der eine ungewöhnliche zeichnerische Begabung mit einem tiefen Sinn für die Musik verbindet, fandeit in dem Ehe- hund mit der dritten Frau die verständnisvollste Pflege. Dabei hat sich die Lebensgefährtin des Herzogs durch ihr einfaches und herzliches Wesen aufrichtige Sympathien und wahre Hochachtung im Lande erworben, das unter der Regierung seines aufgeklärten Fürsten vollauf teitgenommen hat an allen Fortschritten unserer kulturellen Entwickelung. Wie tief die deutsche Bühne dem Herzog verpflichtet ist für das, was er mit seinem, im In- und Ausland gefeierten Hoftheater geleistet hat, das ist gar häufig, zuletzt erst vor kurzem gelegentlich des unseligen Brandes des berühmte« Meininger Hoftheaters gewürdigt worden. * Eine Frau für 30 Bkark. Ein Neger in Mülhausen, der dort als Portier in einem Kinematographen- theater angestellt war, lernte einen Agenten kennen, den dessen Fran im Stich gelassen hatte. Der Neger wunjchte sich nichts sehnlicher als eine Frau und so vereinbarte er denn mit dem Agenten, ihm dessen Frau abzukaufen. Es wurde eine Zessionsurkunde ausgestellt, und der Agent erhielt den Kaufpreis mit 30 Mk. bar ausgezahlt. Der Neger begab sich darauf nach Burgfelden, wo die Frau sich cntf- hielt und stellte sich feiner nunmehrigen Frau mit der Zessionsurkunde vor. Diese nahm gegen den Neger die Skiffe der Polizei in Anspruch. Um seiner Verhaftung zu entgehen, floh der Neger, fand aber in Mülhausen den Agenten, der nur einen Dummen gesucht hatte, natürlich nicht mehr vor. _ „ , r , * Die Franzosen als Raucher. Nach der soeben veröffentlichten amtlichen Statistik Hai das französische Tabak- monopol im letzten Jahre einen Ertrag von 377 Millionen Franks ergeben, was eine Zunahme von 6 Millionen gegenüber dem Vorjahre bedeutete. Es wurden 2T/2 Millionen Kilo Zigarren verkauft, fast ebensoviel Zigaretten und 28l/a Millionen feingefchnistener Rauchtabak — im ganzen also 331/2 Millionen Kilo Tabak geraucht. Die Schnupfer haben fast 5 Millionen Kilo Schnupftabak verbraucht, woraus hervorgeht, daß die Sitte des Schnupfens doch noch viel verbreiteter ist, als int allgemeinen angenommen wird. Schließlich haben die Freunde des Priemchen etivas mehr als eine Million Kilo Kautabak verbraucht — auch eine überraschende Zahl. Vor allem aber erfreut sich die Zigarette der Bevorzugung durch die Tabak- freunde, und zwar in immer steigendem Maße. Der Zigmetten- verkauf ergab int Jahre 1872 kaum eine Million Franks, er erreichte im Jahre 1882 17 Millionen und blieb dann einige Jahre auf derselben Höhe; im letzten Jahre aber' brachte er nicht weniger als 72 Millionen. Ebenso wurde seit drei Zähren eine merkliche Zunahme im Verkauf des Schnupftabaks fest- gestellt; dagegen iveisen die Zigarren, besonders die oitligen, der Rauchtabak und der Kautabak eine leichte Abnahme auf. Der durchschnittliche Verbrauch von Tabak hat sich in Frankreich im vorigen Jahre genau auf ein Kilogramm pro Kopf gestellt, 1202 Gramm kommen auf den Schnupftabak und 872 auf den Rauch- und Kautabak. Im ganzen wurden in Frankreich für den Tabakgenuß fast eine halbe Milliarde Franks, genau 493 457 099 Frks., d. h. 12,66 Frks. auf den Kops bet Bevölkerung verbraucht. Von dieser Summe erhält der Staat 92 Proz., 11,66 Frks. pro Kopf. Angesichts dieses kolossalen Gewinns fragt ein Blatt mit einigem Recht, ob es dem Staat nicht möglich wäre, die Qualität seiner Erzeugiiisse etwas zu verbessern. (Frs. Ztg.j 212 * Jenas Bierdörfer. Die alte thüringische Mnsen- stadt ist bekanntlich von einem Kranze freundlicher „Bier- dörfer" umgeben, in denen ein nach besonderem Rezept gebrautes Werßbier als „Nationalgetrünk" verzapft wird. Gemeinhin unter dem Namen „Lichtenhaiuer" bekannt, besitzen auch die Dörfer Auerbach, Wöllnitz und Ziegenhain eigene Weißbier-Brauereieir, die namentlich in der heißen Jahreszeit für die durstigen Kehlen der Musensöhne und der Bierphilister nicht nur Jenas, sondern ganz Deutschlands nicht genug „Stoff" liefern können, liebet1 die Güte dieses Ge- tränkes, das in „Spritzkannen" und Hvlzkannen zum Ausschank gebracht wird, gibt es unter den Konsumenten nur eine Meinung: Vorzüglich! .höchstens die Zwetschenzeit macht eine Ählsnahme. Auch der Preis ist für die gewöhn- - lichen Bierverhältnisse Jenas unerhört billig: eilt Liter kostet in Jena je nach der Auswahl der Lokalitäten 20 und 15 Pfg., geht aber in Ziegenhain bis auf 12 Pfg. herunter, und die Zeiten sind noch gar nicht so fern, wo man im Schatten des Fuchsturms seinen Liter köstliches Weißbier für 10 Pfg. erhalten konnte. Mit dieser Idylle ist es freilich vorbei — und nachdem die Weißbierbrauer einmal auf der schiefen Ebene angelangt sind, geht es unaufhaltsam weiter hinab. Nachdem alles teurer geworden ist, soll auch in Ziegenhain der Bierpreis ans 15 Pfg. pro Liter erhöht werden. Ob die Maßnahme ruhig hingenommen oder mit einem frisch-fröhlichen Bierkrieg beantwortet werden wird, steht noch dahin. Jedenfalls wird Ziegenhain auch fernerhin feinen Ruf durch das Weißbier und durch die aus dem Holze der Herlitze (Kornelkirsche) gefertigten festen sogen. „Ziegenhainer" Spazierstöcke behalten. ipc. Das Gemälde auf d e r S e r v i e t t e. Kürzlich verstarb in Paris der Landschaftsmaler Dameron. Dies ruft die Erinnerung an ein kleines heiteres Erlebnis des Künstlers aus jener Zeit wach, als er noch Böhsmien, ohne einen Son in der Tasche, mir dem Maler Pelvuze seine bescheidenen Mahlzeiten in der Garküche der Mutter Leopold entnahm. Diese Dante gewährte Künstlern einen langfristigen Kredit. Eines Tages beschloß Dameron, int Kunstsalon auszustelleit, aber es mangelte ihm an Geld, eine Leinwand für fein Bild zu erstehen. Rach einem vergeblichen Versuch, ! Mutter Leopold um einige Franks anzupumpen, entwarfen I die Freunde einen Schlachtplatt. Während. Helot!ze Schmiere stand, eskamotierte Dameron eine Serviette der Mutter Leopold; diese wurde auf einen alten Holzrahmen genagelt und bald bedeckte ein schöner Wasserfall den Besitz 'ber Reftauratense. Aber kaum jvar die Farbe getrocknet, so schien das Gewebe der Serviette durch, sie war ans Damast. Wie groß war der Schrecken der beiden Komplizen, als sich auf der herrlichen Landschaft, den Felsen und dem Wasser, grof^ heraldische Blumenmuster zeigten. Zur Ausstellung un Kunstfalon war das Objekt nicht geeignet, und so blieb ntchts übrig, wie es der Mutter Leopold zum Geschenk zu machen, welche so wieder in bett Besitz ihres Eigentums gelangte, das noch heute die Mauern der Garküche ziert. .. ' Trauen als Legate. Ein Testament, in welchem dem Erben eine Fran vermacht wird, ist nicht immer ein Segen, wie ein junger Mann aus Liverpool vor einigen Jahren entdecken sollte. Er erbte ein hübsches Vermögen unter der Bedingung, er müsse die Witwe des Verstorbenen heiraten, eine Fran von reiz lvsem Ansehen, die noch dazu mit einer bösen Zunge behaftet war. Da er indessen mit Pekuniären Sorgen zu kämpfen hatte, io nahm er beides, Frau und Vermögen, an, doch der sechs Monate tpäter ci'iolgenbc ber Ökiltiit liefe ifiit er ft zum rcdjitcit Oeiuifj der Erbschaft kommen. — Vor nicht langer Zeit hinterließ ein retcher Bürger in Bristol ein bedeutendes Vermögen feinem Neffen unter der Bedingung, der letztere solle feine Cousine heiraten. Obwohl der Nesse bereits heimlich vermählt war, so sah er darin ? Andcrnis, den Wunsch seines Onkels zu erfüllen. Zu seinem Eine, hatte er seine Frau in Chicago geheiratet, Ivo die Ehefesseln Ulchts weniger als unauflöslich sind. Mit Zustimmung seiner Gatnn leitete er auf Grund unüberwindlicher Abneigung einen Scheidungsprozeß ein, heiratete seine Cousine und wurde so Be- | sttzer eines großen Vermögens. — Ein exzentrischer Bürger von | Brooklyn, der sich mit seinem Sohne entzweit hatte, hinterließ diesem, bei seinem Tode 250000 Dollars mit der Bedingung, : er ntniie wnerhalb eines Jahres eine Frau heiraten, die die j Vornamen Eodosia Sophonisba trug. Der junge Mann suchte 1 Md) einer Schönheit, die die Namen aufzuweisen hatte, weit und « breit und verzweifelte bereits an dem Erfolg, als die langäesuMe Dame wenige Meilen von seinem Wohnorte austauchte Eine Schönheit war die Trägerin dieser Namen indessen nicht, dafür aber die Scheuerfrau seines verstorbenen Vaters, eine Vollblut- Negerin, und sie hatte der Testator augenscheinlich int Sinne ge- bjtbt, als er diese verrückte Klausel niederschrieb. Es war eine bittere Pille, die der junge, glückliche Erbe herunterschlucken mußte, doch da sie stark vergoldet war, so fügte er sich in das llnver- meidltche und zog mit ihr in eine Gegend, wo sie niemand kannte. * "$ret ist der Bursch", aber in der studentischen Kneipe beugt er sich einem Trink-Despotismus, gegen welchen die Wochenschrift „Fürs Haus" nicht mit Unrecht Front macht. Wie mancher iiich-t gerade robust veranlagte Musensohn hat, mit ein „bierehr- lichep" Mann zu werden, seinem Organismus schwere Nachteile ziigesügü wie mancher andere am Bierkomment körperlich und geistig Schiffbruch gelitten! Humor und Lebensübermut sollen gewiß nicht aus dem Leben unserer akad. Jugend verschwinden, aber der Kneip- und Trinkzwang dürfte, wie „Fürs Haus" meint, doch wohl kaum iloch lange der Kritik unseres in mancher Beziehung logischer, denkenden und hygienischer enipsindenden Zeitalters standhalteii. Literarisches. — Emil Str a u ß, D e r Engel to i r t. Eine Schwaben- Mchichte, Neue Ausgabe. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Geh. 2 Mk. — Dieses köstliche Werk erschien noch vor dem „Freund Hein".. Damals schrieb Hugo von Hofmannsthal folgendes über den „Engelwirt": „Charakter und Handlung sind nicht unter äußerer Gewalt in Eins geschmolzen, sondern sie stehen im tiefsinnigsten und harmonischsten Zusammenhang. Es widerführt einem Menschen, was ihm widerfahren mußte, weil er handelte, wie er handeln mußte. Indem er sein Glück zu fassen meint, bekommt sein Schicksal ihn zu packen, und während wir atemlos dem Verlauf eines Abenteuers zuzusehen meinen, entfaltet sich uns ein menschliches Wesen. Die schöne Novelle hat ihre Wurzeln in provinzieller Beengtheit; das wunderbare Schauspiel, wie sich Weltwesen und Menschenwesen berühren und namenlose Gewalten für einen Moment dazukom'men, dem beengten Einzelnen ins Auge zu sehen, bildet ihre Blütenkrone. Hier ist ein Buch, das genug Kunstwerk ist, um sich eines sehr starken Gehaltes an Stimmung und souveräner Sicherheit als eines untergeordneten Schmucks zu bedienen." Die neue Ausgabe, die sich in der äußeren Form hübsch und handlich präsentiert, wird hoffentlich für das deutsche Volk eine Gelegenheit fein, sich eines seiner Besitztümer wirklich zu eigen zu machen. Der sittlich künstlerische Gehalt des Buches ist so groß, daß man meinen sollte, es in jedem Hause anzutrefsen. Aphorismen. TaS Genie überspringt den Abgrund, das Talent baut eine Brücke. t Tie schwersten Beleidigungen werden ock durch Achselzucken ansgedrückt. A Eine geistreiche Frau hört Komplimente an, eine törichte glaubt sie. .„ Die Mitgift ist das Schmerzensgeld der Ebe. (Aus den Blättern für Sporthumor.) Rätsel. Die zwei Ersten siehst du in jeder Stadt, In Dör'ern, Burgen, an Türmen; Sie wiederstehen des Wetters Wut, Mag's regnen oder stürmen. Tie zivei Letzten bieten ein ireundlicheS Bild, Sind stets willkommene Gabe; Sie schmücken das Leben zu jeder Zeit Bon der Wiege bis zum Grabe, DaS Ganze ist ein traurig Wort; Voll Mitleid muh ich riben: Ach, stiege doch jedes Menschenkind Empor zu der Freude Sticken! Es drückt dir stumme Erwartung aus, Ein leises Weh und Zagen, Ein Laugen und Bangen in stiller Pein, lind doch von der Hoffnung getragen. A. 9( ni m a n n. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Neis, Greis, Preis. h l 'scheu UniversitätS-Buch- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen. Redaktion: P. Wi11ko. — Rotationsdruck und Verlag der B r ü