Donnerstag dm 2. Ianna 1908 kh'J W \A !- l । K -7 I I ÜM - DM WM Kesmntk von Longen, Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) I. Das Regiment rückte ein. Bon den beiden alten Kirchtürmen der kleinen Stadt schlug eS Zwölf. Trompetengeschmetter übertönte die tiefen brummigen Schläge. Es Ivar Fclddienstübung gewesen in der weiten Ebene zwischen Klippingen, Dobrau und Rotthofen: die Spuren angestrengter, vielstündiger Reitarb-eit zeigten sich noch an den mit Lehmcrde bespritzten Pferden und dem leichten Dunst, der über den heißen Tieren schwebte und ihren Nüstern entströmte. Das schnob, pustete und stampfte. Der ganze Reitcrzng bot ein glänzendes, farbenfreudiges Bild, und es musste jedes junge Blut mit Genugtuung erfüllen, im Rahmen des Bildes mitwirken zu dürfen. Tie Sonne funkelte auf Helmspitzen und klirrend schwingenden Pallaschen, sie entriß den blankpolierten Mündungen der Trompeten blendende Blitze und ließ die Uniformen der Kürassiere schneeig anfleuchten gegen den rostbraunen Hintergrund der alten Stadtmauer, über welche sich Giebeldächer und kahles Geäst emporreckten. Fähnlein flatterten an scharfer Lanze, in regelmäßigem Takt klappten die Pferdehufe, die Hornmusik schmetterte heller, man hatte das alte Stadttor passiert, die Mauern der großen und kleinen Häuser warfen den Schall zurück. Hier und da öffnete sich verstohlen ein Fenstcrlein und ein blonder oder brauner Kopf spähte herab., Gassenjungen liefen pfeifend und mit ihren Holzschuhcn klappernd daneben her, und mancher Ladeninhaber stand wohlgefällig schmunzelnd an seiner Tür. Tenn der Bürger von Klippingen hielt große Stücke auf sein Regiment. Der Bau einer Kaserne draußen beim Reitplatz war ja in Aussicht genommen, aber bis jetzt lagen Gemeine wie Offiziere in Privatquartieren und fast jedes Haus hatte seinen Kürassier. Gegen gute Köst und freundliche Behandlung ließ sich der Soldat wohl auch herab, Kindsmagddienste zu leisten oder seiner Wirtin Wasser und Kvhleu zu tragen. Auf dem Marktplatz mit dem altertümlichen Brunnen vor dem altersgrauen Rathaus ließ der Oberst Halt machen und auseinandergehen. Das Getrappel verhallte, das Bild löste sich auf. Der Oberst verabschiedete sich grüßend von den Offizieren und ritt seiner nahegelegenen Wohnung zu, gefolgt vom Adjutanten. Doch auch einen blonden Oberleutnant, der ein besonders rassiges Pferd ritt, winkte cv an seine Seite. „Wir haben ja denselben Weg, lieber Loysen," sagte der Gestrenge väterlich — „also schließen Sie sich nur der Bewegung an!" Dabei ruhte sein Blick wohlgefällig auf der schlanken Gestalt und dem leicht gebräunten, frischen Reitergesicht des jungen Mannes. Diese Aufforderiing wiederholte sich fast jeden Tag. Der- sonst etwas grämliche Herr hatte immer ein freundliches Wort zur Hand, um den Blonden für das Wegstückchen an seins Seite zu fesseln. Die andern wußten das schon. Man blieb neidlos, denn Helnmth von Loysen war einer, der das Leben frisch und fwh anfaßte und, die Hand an« Pallasch, mit Hellen Augen in die Zukunft blickte. Sein Schwert, das sollte ihm nur der Tod, aus der Faust winden — natürlich der Tod auf dem Schlachtfeld, an der Spitze seines Regiments. Tas war sein Lcbenstraum. Dem-Obersten tat eS immer gut, dies Gesicht zu sehen, das ans purer Freude «m Beruf aufstrahlen konnte, in fast knabenhafter Begeisterung. „Nun denken Sie nur, lieber Loysen", sagte er gemütlich, während sie über das hestprige Pflaster ritten — „nächsten Dienstag ist wieder einmal der Geburtstag meiner guten Schwester^ und ich habe es wieder einmal total vergessen!" Ter Oberst war Hagestolz und eine alte Schwester, in« Regiment „Tante Kvmmandöschen" benannt, führte ihm den Haushalt und repräsentierte, wenn er ein Tiner geben mußte. „Bis Dienstag ist noch Zeit, Herr Oberst." „Zeit! Nun eben nicht! —Denn ich Habs durch ihre Jungfer in Erfahrung gebracht, sie wünscht sich ein Cape. Hören Sie? Ein Cape! So'n Ting, wissen Sie, was meine Mutter einfach! Mantille nannte. Na, also. Wo soll denn ich bis Dienstag ein Cape hernehmen? Erstens verstehe ich nichts davon und dann werde ich doch nicht wegen so'n Lappen nach Berlin fahren." lieber das Gesicht des Blonden fuhr ein schalkhaftes Lächeln, — er blinzelte zum Adjutanten herüber, aber der starrte gelangweilt auf den Hals seines Gaules. Gut! dachte Loysen, ich ließ dir die Chance, — nun komm ich dran. Laut sagte er respektvoll: „Wenn der Herr Oberst mich damit beauftragen wollen —" Ter stutzte zuerst, dann zog sich sein grauer Schnurrbart herauf. „Schlaumeier! Also wieder einmal nach Berlin rutschem Tanzte denn die kleine Waldheim wirklich so famos? Es ist wohl wieder ein Ball in Sicht?" „Bitte gehorsamst, Herr Oberst, ich melde mich nur zum Dienst. Die Mantillcn des gnädigsten Fräulein sind gewissermaßen Regimentssache." „Schön, lieber Loysen, aber Hand aufs Herz, können Sie ein solches Cape von einer Kuh unterscheiden?" „Bitte mich nur auf die Probe zu stellen!" „Ah, ah, — ich vergaß Frau von Troß. Ersuche Sic aber dringend, die Gnädigste, nicht damit zu inkommodieren." „Bitte ergebenst. Meine Kommissionen pflege ich selbst zu besorgen. Dürfte ich nur nm Angabe der Farbe und der Preislage bitten?" Der Oberst rieb sich grübelnd die Hakennase. „Ja, wissen Sie, die Farbe, die muß doch wohl schwarz sein, aber nicht so simpel, sondern ein bischen mit Kaviar ausgcputzt . , . . man sieht das so." „Schmelz," berichtete Loysen ernsthaft. „Richtig. Ja, und der Preis? Hm!" — In vertraulichem Flüsterton gings weiter: „Nobel soll es sein, habe aber keine rechte Ahnung, was das hier besagen will. Was meinen Sie zu fünfzig Mark?" „Zu Befehl. Wird gemacht." „Ah, da sind wir ja! — Kvimneu Sie doch gegen Abend zu mir, lieber Loysen, da können wir die Sache näher beleuchten." Tie Wache salutierte, der Oberst winkle Lvysen grüßend zn und ritt in den Hof; der Adjutant flüsterte dem Leutnant zu: „Mensch, wo nimmst du nur die Unverfrorenheit her ... du und eine alte Dame kleiden." „Bitte sehr, ich kann mich auch in den Geschmack alter Damen versetzen. Wir wollen nns wieder sprechen, wenn Tante Kommandöschen das nächstemal auftritt!" Er wandte sein Pferd und ritt' an einen freien Platz, an welchem sich seine Wohnung befand. Von den Fenstern derselben übersah er die jetzt noch halb verschneiten mit Fichtenreisig bedeckten Anlagen, in deren Mitte sich das Kriegerdenkmal von 1870/71 erhob, ein anspruchsloser Obelisk mit den Namen der Gefallenen. Lvysen sah gern aus seinem Fenster darauf hin. Tas Haus, welches er bewohnte, gehörte zn den neueren und besseren Bauten in Klivpingen. Ter Besitzer, Rentier Krausewald, hatte es auf Spekulation gebaut, d. h. cs war so eingerichtet, daß der Hof Stallungen und Burschenwohnungen und jede Etage zwei Leutnantsquartiere enthielt. Lvysen hatte die nach Süden tzlelegenen Zimmer des ersten Stockes. Er war ein bei den Wirtsleuten sehr beliebter Mieter, pünktlicher Zahler, ruhiger Hausgeuosse, leutseliger Herr. Fran Krausewald hatte ihm ein Frühstück hingestellt. Davon stand eigentlich nichts im Mietkontrakt, aber sie verwöhnte ihre Herren gern. Schinkenbrötchen und Gänsefettbemmchen, Wurst und Schwarzbrot waren mrch langwierigem Vormittagsdienst den nrüde Heimkehrende« eine angenehme Erquickung. Lohsen holte eine Flasche kiotspon aus dem Wandschmnk, zündete eine Zigarre an, warf sich aufs Sofa, daß es krachte und gab sich ganz dem Behagen, der Stärkung und dem Gedanken an die bevorstehende Fahrt nach Berlin hin. Das wird famos. Er hatte zwei Jahre auf Kriegsakademie verbracht und hatte sich in der Neichshauptstadt riesig amüsiert. Im Grunde sehnte er sich ja die ganze Zeit schmählich zurück ins Regiment und nach dem weiten Neiterterrain von Klippingen, nach dem Tannengeruch der Wälder von Dobran, ja sogar nach dem schlechten Pflaster von Klippingen —- aber das hinderte ifyn nicht, mitzunehmen, was die Großstjadt bot. Noch jetzt wurde er dorthin ost eingeladen. Er hatte viele gute Freunde unter den Gardedragonern, bei denen sein Schwager Troß einst gestanden. Urlaub ward immer gern bewilligt, schon um es nicht mit Baron und Baronin Troß zu verderben, denn diese besaßen Dobrau, was d'.cht an Klippingen grenzte und die beste Jagd der Umgegend harte. Im Herbst gaben die Trotzens, die sich meist in Berlin aufhielten, eine kurze Gastrolle auf ihrem Gut und die beiden großen Jagden, zu welchen sie >d.as Regiment einlnden, bildeten für Klippingen den Glanzpunkt der Herbstsaison. Lvysen war gern und oft in Dobrau. Er hatte dort ein Zimmer, welches ihm der Kastellan aufschloß, so oft er hin kam,. Für ihn hatte die etwas wilde, waldreiche Gegend einen unbeschreiblichen Reiz. Sie zn Pferde zu durchstreifen war ein Hochgenuß. Er machte von der Erlaubnis seiner Schwester ausgiebig Gebrauch, schoß Enten Fasane, Füchse und Raubvögel, ritt querfeldein über Sturzäcker und Wiesen, inspizierte die jungen Renwnten auf der Pferdeweide und wußte in Dobrau besser Bescheid, wie Schwager Troß selbst. Auch seinen Urlaub verbrachte er gern dort und lud sich dazu noch einen Kameraden ein. Manchmal war auch seine Schwester, eine leidenschaftliche Reiterin, im Sommer einige Wochen allein in Dobrau, dann fand er sich jedesmal, auch ein. Er ritt dann seinen Rappen „Fra Diavolo", ein rassiges Tier, viel zu heftig im Dienst, aber unbezahlbar in der Freiheit. Es gehörte zu den vielen kleinen Lebensfreuden dieses glücklichen Menschen, den „Fra Diavolo" auf Dobraner Flur „auslarifen" zu lassen. Er hatte in der Tat viele solcher Freuden. Schon ein Blick auf alles, was dies Zimmer barg, dessen Schwarzwälderuhr so hurtig tickte und durch dessen Fenster die Sonne hereinflutete, bereitete ihm freudiges Behagen. Alles ringsum verriet, daß der Bewohner des Königs Rock trug. An den, hier und da mit Teppichen behangenen Wänden kreuzten sich funkelnde Waffen, Erbstücke, und hingen Kriegsbilder. Zwischen den Fenstern stand ein mächtiger Schreibtisch. Er hatte einst seinem Baker gehört. Auf dem oberen Aufsatz standen unter einer Glaskuppel der Reiterhelm, den sein Vater getragen hatte, als er 1870 fiel. Das war für den Sohn ein Heiligtum. Ter untere breite Aufsatz trug die Bronzefiguren des Kaisers und zweier Kürassiere zn Pferd. Dazwischen standen allerlei Familienbilder, Photographien und kleine goldumrahmte Pastellbildchen. Tie Möbel im Zimmer waren von massivem Nußbaum, und die Polster mit gepreßtem goldbraunen Plüsch bezogen. Ein dicker, grüngrau gemusterter Teppich bedeckte die Diele. Die quergestreiften bunten Portieren fielen in reichen Falten herab. Allerhand kleinere elegante Tischchen, hohe Ständerlampen, PusfS und .Etageren vervollständigten die Einrichtung. Auf einer solchen zierlichen, quer in die Ecke gerückten Etagere sah man Reminiszenzen an die Großstadtzeit. Große und kleine Photographien unter Glasplatten standen auf den schmalen Brettchen, Aufnahmen von Tänzerinnen, Kunstreiterinnen, auch Clowns und Schulreiter. In der Mitte, alle überragend, funkelte die Glasplatte über einer langen, hohen Photographie, eine Sylphide mit Schmetterlingsflügeln darstellend. In der linken Ecke, unten, stand mit großen steilen Buchstaben geschrieben: „La Mouche d'Or ä so« eher cumi." Gedankenlos sah der Leutnant drüber hin, während er den blauen Rauch seiner Zigarre in die Luft blies und an die kom- menben Frühjahrsübungen dachte. Vor der Tür rasselte ein Säbel und knarrten Schritte, dann pochte jemand an die Tür — das war aber nur pro forma, denn sie ward zu gleicher Zeit geöffnet, und sowie der Spalt groß genug war, quetschte sich ein weißer, fetter Foxterrier hindurch und rannte trotz seiner Leibessülle auf Lvysen zu, sprang an ihm in die Höhe und schoß dann zwischen Tischen und Stühlen herum-, alles anschnüffelnd und mit Wedeln begrüßend. Tem Hunde war der Herr gefolgt, ein hagerer Offizier, eigentlich eine Ton Quichottefignr. „Schnadewitzi" fragte Lvysen gemütlich, ohne den Kopf zu wenden, „immer 'rin mit dich! — Trink ’n Schluck!" „Was ist's denn? Milch?" fragte der Dürre mißtrauisch. „Na, erlaube. mal!" „Na, erlaube du mal. Bei dir muß man immer auf lieber» raschnngen gefaßt sein." „Muß man das wirklich?" — fragte Loysen, plötzlich ganz ernsthaft und interessiert. „Tas weißt du nicht?" — Schnadewitz zog sich einen Stuhl heran, auf welchen er sich rittlings setzte, die langen Beine steif vvrgestreckt. „Heda! Filou, Köter, wirst du jetzt parieren? Marsch hinter den Ofen! —So. Nun also, Menschenkind, wie ist dir nach der heutigen Arbeit? Der Alte hatte wieder mal seinen guten Tag, wie?" „Ja, ja," sagte Loysen harmlos, „und wie soll mir da fein? Famos." Schnadewitz reckte den Hals. Er bemerkte auf einem Seiten- tischchen eine, von spitzen Gläschen umgebene, feingeschliffene Kognakslasche, bereit Inhalt goldig im Sonnenstrahl ausfunkelte. Es machte ihm keine Schwierigkeit, herüber zu langen und sich eins der Gläschen voll zu gießen. Er schüttete darauf den kräftigen Schluck in seine Kehle, strich sich die Tropfen vom kümmerlichen Schnurrbart, fuhr sich mit den Fingern durch sein borstiges Haar und gähnte furchtbar. „Es ist doch ein Hundeleben," sagte er. „Ach Unsinn," widersprach sein Kamerad, „worüber hast du beim nun wieder zu räsonieren?" — „Nichts im besonderen. Nur so. Du mußt's auch nicht tragisch nehmen. Es ist aber doch eine versl . . . Plackerei und dann — das Tötende, weißt du . . ." ' „Tas Tötende?" — fragte Loysen ganz verwundert. Er hielt dem Unzufriedenen die Zigarrenschachtel hin und schob ihm die Schwedischen näher. „Tu begreifst sehr gut, was ich meine. Tu' nur nicht so! — „Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr" spricht Schiller und hat es bannt so leidlich getroffen. Diese Moiwtonie, das ewige Rundum: ■— und dann die Lümmels unten, die Rüffels oben —" (Fortsetzung folgt.) Bauernkalender. Eine kulturgeschichtliche Skizze von Th. Ebner. (Nachdruck verboten.) Als sein erster Vorläufer und Urtypus mittelalterlicher Bauernkalender mag nach den Untersuchungen unserer Gelehrten das im Hortus delictarium überlieferte Martyrologium der Herald von Landsberg, der hochgebildeten Aeb- tissin des Klosters Hohenburg im Elsaß (f 1195) gelten. Von irgend einem praktischen Wert konnte ein solcher Kalender nicht sein, da an die Feste sich Wetterregeln, Saat- und Erntezeiten, Zins- und Umzugstermine und in Verbindung damit auch mancher liebgewordene Volksgebrauch 3 knüpften. Diesem Uebelstande sollte wohl der iin 13. Jahrhundert erstmals ausgetauchte Cisiojanus, eine im schlechtesten Latein und so sinnlos wie nur möglich zusammengestellte Sammlung von Heiligennamen mit sonderbaren Verkürzungen, dienen, die aber natürlich nur für die Gelehrten bestimmt war, jedoch erst im 17. Jahrhundert mit dem Aufkommen der gedruckten Kalender verschwand. Den Bauernkalender selbst, wie er sich nach und nach Eingang bei den Landlcüten verschaffte, finden wir erst Ende des 16. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts in Deutschland. Ursprünglich Einblattkalender, auch 'Mandelkalender genannt, wurden sie von den Briefmalern für die des Lesens unkundigen Bürger und Landleute hergestellt. Ein Quartblatt, nur auf einer Seite, aber mehrfarbig bedruckt, zeigte in zwölf Querkolumnen die Monate und links oben in der Ecke das ans den meisten Kalendern jener Zeit angebrachte Aderlaßmännlein, umgeben von den Zeichen des Tierkreises. Jede Mouatskolumne hatte links ein Quadrat mit Ueberschrist, Tierkreisbild und Monaisbeschäftigung, und dann folgten in jedem einzelnen Monat 29 bis 31 dreieckige Zacken, von denen diejenigen, die ein Fest bezeichneten, rot gefärbt waren, inib die Bilder oder Symbole der betreffenden Heiligen oder Feste zeigten. Auch für das Aderlässen fand man auf den Bauernkalendern besondere Zeichen, da dieses ja bekanntlich in der häuslichen Medizin früherer Zeiten eine bedeutende Rolle spielte. Aus diesem Eiublattkalender entwickelten sich dann die Bauernkalender in Buchsormat. Zwar den Namen „Kalender" findet man nur selten oder gar nicht. „Praktiken" werden diese nützlichen Büchlein zumeist genannt, und in breiten Titeln berichten sie ausführlich über ihren Inhalt. So finden wir sogar schon im Jahre 1515 ein Büchlein: „Ter Buren Practica allweg toerende, gemacht von den alten durch erfarung", und neben ihm, das bis zum Jahre 1564 immer wieder neu ausgelegt wurde, auch eine ausführliche niederdeutsche Bearbeitung der Bauern-Praktik unter dem Titel: „Der schopherderd Kalender". Neben Ratschlägen über Pflanzen, Säen und Ernten und anderen nützlichen Anweisungen finden !vir da aber auch abergläubische Prophezeiungen, wie z. B. die folgende: „Herbstmonat. Willi sehen, wie das Jar geraten soll, so nimm war der Eychöpsel vmb Sanct Michelstag. Haben sie vffgeschnitten innwendig Spinnen, so kompt ein böß jar. abcn sie Fliegen, so ist eine mittele Zeit, Haben sie Maden, so kompt ein gut jar. Ist nichts darinn, so kompt ein sterbend usw." Ein anderer, 1685 zu Ausgburg herausgcgebener und offenbar 1719 mit einem Anhang neu aufgelegter Kalender „Rewer Bawren Kalender fanißt einer kleinen Bawren Practik auff das Jahr 1685" enthält neben einem Verzeichnis der in diesem Jahre in Aussicht stehenden Finsternisse und himmlischen Zeichen, sowie einem Kalendarium von 24 Seiten, einen Anhang: „Kürtze Bauren-Regeln", von denen einige hier wiedergegeben sein mögen. „Wann an Paüli Bekehrung (25. Jan.) schön Wetter ist, erhofft man ein gutes Jahr. Gehet Wind, besorget man Krieg. Isis Nebel, werden Krankheiten befürchtet. Schnee oder Regen, folls Theurung bedeuten. Matheis (25. Februar) bricht alle Eiß; hat er keins, so macht er eins. So viel Nebel im Mertzen, so viel Wetter int Sommer. So viel Tau im Mertzen, so viel Reiffen umb Ostern und Nebel im Augusten. Auf Benedicti Tag (21. März) säe Gersten, Erbes und Zwibel; säe, pflantze, beschneide Reben, versetze Baeume bei dem wachsenden Mond. Tirrer April! ist nicht der Bauren Will. Aber Llprillen Regen bringt ihnen den Segen. Wann St. Urbans Tag (25. Mai) schön, geratet der Wein, regnet es, gibts schlechten Herbst. — Der May kühl und Brach- monat (Juni) naß, füllet Scheuren und Faß. — So es an Jacobi Tag (25. Juli) regnet, sollen die Eichlen übel geraten. Scheinet die Sonn an Jacobi Tag, soll große Kälte solgeu; regnet's, so folgt feucht Wetter. Sonnenschein auf Mariä Himmelfahrt ist ein Zeichen guten Wein-Wachs. Wie es an St. Bartholomaei (24. August) wittert, so soll sich der ganze Herbst arten. Wann am ersten Tag dieses Monats (September) hell Wetter ist, ivird eine gute Herbst, Weinlese folgen. Um Sct. Galle Tag (16. Oktob. ein klein Sommerlein kommen. Wann Martini sä folget ein harter Winter. — Donnerts int Christmoi hat es folgendes Jahr vil Wind. Gehet in der H. Nacht der Wind von Aufgang der Sonnen her, soll e. deuten grosses Biehsterben. Bom Nidergang sterben gr Herrn. Bon Mitternacht ein unfruchtbares Jahr. B Mittag böse Krankheiten." Einen unerläßlichen Anhang zu diesen Regeln, deren manche ja auch noch in den heutigen' Bauernkalendern sich findet, bietet eine Belehrung: „Bom Schröpfsen und Baden", von der es u. a. heißt: „Junge Leuth, so über 12 Jahr alt, sollen schröpfen nach dem Neumond. Alte Leuth über 48 Jahr nach dem leisten Viertel. Wauu der Mond im Zwilling und Löwen ist, ist nit gut schröpfsen. Für das Zahnwehe ist gut schröpfsen im Schütz und Widder." Es wird niemand wundern zu hören, daß der deutsche Bauernkalender mit seinen allerdings manchmal recht seltsamen Regeln bald auch der Satire zum Opfer fiel. Wir finden sie in Fischarts berühmtem Buch: „Aller Practik Großmutter", finden sie bei dem Franziskaner Johannes .Ras, sowie bei Pamphilus Gengenbach u. a., und der bekannte Vers: Kräht der Hahn auf feinem Mist, So ändert sichs Wetter oder bleibt, ivie es ist — zeigt, daß auch die Gegenwart dieser Satire nicht fremd ist. Auch beim hundertjährigen oder immerwährenden Kalender, dem wir schon im Anfang des 17. Jahrhunderts begegnen, spielt der Bauernkalender seine Rolle. Der Abt des Klosters Langheim, Mauritius Knauer, 1649, ist der Bearbeiter eines freilich nur handschriftlich in Bamberg vorhandenen Kalenders unter dem Titel: Caleiidariuni oecono- micum practicum perpetuum. Daß ist Beständiger Hans; Kalender,« uß welchem Jährlich die Witterung zu erkennen und nach der Gestalt der Wein- und Beldbau mit frucht und nutzen anzuordtnen, die Miß Jahr zu erkennen und der bevorstehenden Noth weißlich zu kommen." Tie Aderlaßmännlein und ihre Regeln sind allmählich aus den Kalendern verschwunden, die Bauernregeln finden wir heute noch in ihnen. Ja, ivir finden in ihnen auch die Mvnatsbilder des Mittelalters zum Teil wieder. Tenn wenn Ivir erfahren, daß in einem aus dem 12. Jahrhundert stammenden Holzkalender der Mai einen Wanderer mit Blumen auf dem Hut, der August einen Schnitter mit der Sichel in der Hand und der November einen Jäger mit Jagdtasche und einem erlegten Hasen zeigt, so belehrt uns ein Blick in einen neuen Kalender, daß wir mit solchen Monatsbildern immer noch im Mittelalter stehen. Daß auch die Unglückstage in den Bauernkalendern eine große Rolle spielten, ist ebenfalls wohl kaum überraschend. Im Elsaß z. B. gelten 41 Tage des Jahres als solche, und zwar der 1., 2., 6., 11., 17., 18. Januar, der 8., 16., 17. Februar, der 1., 12., 13., 15. März, der 3„ 15., 17., 18. April, der 8., 10., 17., 30. Mai, der 1., 7. Juni, der 1., 5., 6. Juli, der 1., 3., 18., 30. August, der 15., 18., 20. September, der 15., 17. Oktober, der 1., 7., 11. November, der 1., 7., 11. Dezember. Bon diesen sind wieder fünf die unglücklichsten, „darinnen man auch nicht reisen soll", und „gar unglücklich" sind drei Tage, „und welcher Mensch darinnen Blut läßt, der stirbt gewiß in 7 oder 8 Tagen. Als nämlich: Ten 1. April ist Judas, der Verräter, geboren. Ten 1. August ist der Teufel vom Himmel geworfen worden. Ten 1. Dezember ist Sodom und Gomorrha versunken. Man mag auch in dem Aberglauben der Bauernkalender, die in Deutschland, namentlich auch in England, heimisch waren, heidnische Spuren entdecken. Unser ganzes Volksleben weist ja in seinen Sitten und Gebräuchen auf die vorchristliche Zeit zurück. Auch der deutsche Bauernkalender ist dessen ein lebendiger Zeuge. — 4 Der japanische Schrecken. Tie Ereignisse des unseligen russisch-japanischen Krieges sind Masse der russischen Bevölkerung höchst empfindlich auf die Li-ben geschlagen und besonders nach dem gefährlichen Osten zu,, m Sibirien, hat sich eine Empfindung eingenistet, die sich , nicht ocsscr als mit dein Ausdruck „der japanische Schrecken" bezeichnen lässt. Interessante Beobachtungen in dieser Beziehung haben dm Autonwbilfahrer gemacht, die im vergangenen Sommerhaus Anlaß der Wettfahrt „Peking-Paris im Automobil" ganz Sibirien durchquerten. Sie haben bei den mit Unrecht verrufenen Muschiks, der noch stark barbarischen Bevölkerung, trotz ihrer revolutionären Maschine und ihres bedenklichen Aussehens überall dre liebenswürdigste und hilfsbereiteste Aufnahme gefunden. Aber gerade ihrer automobilistischen Vermummung wegen und weil sie aus dem drohenden Osten kamen, wurden sie ganz offen für lapam- sche Spione gehalten. Haarsträubende Geschichten gingen von ia- panischen Kundschaftern um, die eine wahrhaft phantastische Ver- kleidungsgabe besähen und allem Spürsinn der „Gorodowois", der russischen Gendarmen und Schutzleute spotteten. Der italienische Schriftsteller Luigi Barzini, der den Sieger auf jener Wettfahrt, den Fürsten Scipione Borghese, begleitete, berichtet charakteristische Aeusterungen dieses Verdachtes, der die Reisenden durch ganz Sibirien 'begleitete. So erzählt er von der Ueber- fahrt über den sibirischen Flust Suchuja im ßÄuvernement Jrkiitsk, wo das nicht wenig Aufsehen machende Autoinobil mit einer Reihe bäuerlicher Wagen auf der allgemeinen Fähre übergesetzt wurde: „Wir befanden uns mitten in einer dichten charakteristischen Menge sibirischer Landleute, die uns ehrfurchtsvoll grüßten und seltsame Bemerkungen unter sich austauschten. Auf einem 'dieser Boote war es, wo wir gefragt wurden, ob wir Japaner seien! Der Mann, der diesen Zweifel an unserer Nationalität geäußert hatte, erklärte dies folgendermaßen: „Ich glaubte, Sie seien Japaner, weil es derlei Maschinen in Rußland nicht gibt nnd Sie von jener Seite kommen;" er deutete dabei nach Osten. Dann fügte er hinzu: „Man sagt, die Japaner hätten alle Maschinen, die überhaupt erfunden worden findest Auf der Oka murmelte ein alter Muschik dem Fährmann zu: „Wir werden bald wieder Krieg haben!" — „Warum denn, Väterchen?" — „Sie besichtigen schon das Land!" Dabei deutete er auf uns und schüttelte nachdenklich den Kopf." — Bezeichnend ist, daß dieser Verdacht keineswegs die Gefahren dieser Reise mehrte, daß sich vielmehr in beit Schrecken vor dem siegreichen Japaner ein gut Teil Bewunderung mischte, die bei den« noch im kulturellen Schlaf halb unbewußt sich reckenden Riesengeschlecht der Muschiks, dem wohl noch eine große Zukunft bevorsteht, so naiv und ehrlich wie nur möglich zum Ausdruck kam. ________ VesrnißcÄSs». * Von seltsamen Silvesterfeiern weiß eine englische Zeitschrift Allerlei zu erzählen. Eine besondere Stellung nehmen die Arbeiter und Bergführer ein, die in den letzten Wochen des Jahres 1905 die neue Schutzhütte auf dem Gipfel des Mont Blanc fertig gestellt hatten. Sie beschlossen, das Jahr 1906 an ihrer Arbeitsstelle in einer Höhe von 14 000 Fuß willkommen zu heißen. Wenige Minuten vor Mitternacht entzündeten sie ein großes Feuer, und als der erste Januar kam, lohten auf dem Mont Blanc die Flammen hoch zum Himmel. Bei einer spülte von 20 Grad unter Null klangen die Gläser zusammen. — Eine eigenartige Neujahrsfeier pflegt seit zwanzig Jahren «in Kohlenarbeiter aus Lancashire abzuhalten. Am Silvesterabend bleibt er als einziger unten tief im Schacht und begrüßt mit einem stillen Gebet und einem Choral das neue Jahr. — Ein reicher Newyorker Witwer, der durch seine exzentrischen Liebhabereien schon viel von sich reden gemacht hat, feiert den Jahreswechsel in einem Grabgewölbe. Seine Fran war am letzten Tage des vergangenen Jahrhunderts gestorben und seitdem verbringt der Witwer alljährlich die Silvesternacht an der Seite ihres Sarkophages. Er hat ihr ein prachtvolles Grabgewölbe errichten lassen, das am Jahrestage ihres Todes mit ihren Lieblingsblumen geschmückt wird. Tort erwartet er alljährlich die erste Stunde des Neujahrstages, — Nicht weniger exzentrisch ist die Stätte, die vor einigen Jahren ein Handwerker ans Chikago zu seiner Ncujahrsfcier erkor. Er kletterte bis an den Wetterhahn eines " 100 Fuß hohen Turmes empor und angeklammert an der höchsten Spitze pfiff er dort droben mit dem ersten Schlage der Mitternachts- glockc „Tas stcruenbesäte Banner", das amerikanische Nationallied. Tann kletterte er unter vielen Mühen wieder herab und erreichte auch glücklich den Boden. Eine Wette von 1000 Mark hatte er damit gewonnen, aber trotzdem verschwor er sich den seltsamen Versuch nie mehr zu wiederholen. — Ein besonderes Vergnügen bereitete sich vor drei Jahren ein Schwimmklub in Lancashire, dessen Mitglieder eine besondere Probe ihrer Sportsbegeisterung geben wollten. Sieben an der Zahl, versammelten sie sich kurz vor Mitternacht am Meeres- ufer, und als die Glocken ertönten, sprangen sie unerschrocken ,in das eiskalte Meer. Wie lange sie darin blieben, wird nicht erzählt: jedenfalls haben sie äni nächsten Silvester den Versuch nicht wiederholt. * Feiertägliches Sehen. Den Werktag in seinen Ehren! Wer keinen Schweiß um sein Brot vergießt, dem schmeckt es nicht, und nur der kennt die Erdscholle richtig, der einmal mit dem Pfluge über sie gegangen ist. Aber diese Weisheit ist alt — und wir sollten mehr auch an die andere denken: daß wir hier und da einmal mit feiertäglichen Augen in die Gefilde unserer Arbeit blicken. Wenn wir das nicht lernen, so wandeln wir in einem fortwährenden Grau, und je mehr wir alle Tage rechnen und uns plagen, desto iveniger wissen wir schließlich, wofür wir es tun. Feiertäglich sehen aber heißt: mit Kinderaugen sehen. Sehen also so wie dazumal: die Dinge um ihrer selbst willen, in ihrer eigenen Macht und Schönheit und ohne Bezug auf unsere Notdurft. Da erlebt die Natur vor uns eine köstliche Auferstehung; sie, die uns bis dahin nur als eilte armselige Dehnung und Häufung von nützlichen oder wunderlichen Gegenständen erschien, wird nun plötzlich Gebild, Wesen in sich selbst, nnd von ihrem Wehen schauert's uns an wie vom lebendigen Odem eines Menschen. Da gewinnt der Sturm seine Sprache und die Stille, und aus Wolkensäulen und Laubtiefen, aus dem morgendlichen Glanz überm Aehrenfeld und aus dem rauhen Schweigen der herbstlichen Steinhalde schauen uns Züge an, die wir kennen, die uns fühlen machen, daß sie gleich uns aus dem Innersten der Schöpfung erstanden sind. Der unbeschirmte Mensch erschrickt vor diesen Gesichten; wer sich aber der Natur mit gleicher Seelenmacht gegenüberstellt, den nimmt sie gastlich auf als ihresgleichen, und ihre heimatlich frenide Größe waltet über ihm vom Aufgang der Morgenröte bis zum Sonnenniedergang. Man "sagt vom Blick in Kinderaugen, daß er jung mache wie eilt erfrischendes Bad. Nun, jeder reine Blick in die Welt, mag er nun ins Brausen der Großstadt gehen, ins Geglitzer eines Baches, oder in die brennende Tiefe des Sternenhimmels — jedes reine Aufatmen und Versenken zwischen den Stunden der Pflicht ist ein solches Bad; wir schütteln uns mit tiefen, frohkühlen Schauern unter den Tropfen der Ewigkeit nutz geben neu geheiligt an unser Tagewerk. Eberhard Krauß. Goldene Worte. Hell' Gesicht bei bösen Dingen Unb bet woben still und ernst — Und gar viel wirst du vollbringen, Wenn du dies bei Zeiten lernst. * Arndt. Alles Erdenglück erschöpft sich, nur nicht das Glück eines warmen Herzens, das mit leiden und sich mit freuen kann, O. v. Leixner. * Wir übersehen einen z>l kleinen Teil deS Weltalls, und die Auflösung der größeren menge von Mißtönen ist unserem Ohre unerreichbar. Schiller. Geographisches Silbenrätsel. al, als, cp, les, eich, cl, get, gib, in, il, ia, niand, no, na, ra, re, rell, rey, ral, san, sciiu, se, see, stab, städt, szi, wa, ey, tar. Aus vorstehenden 27 Silben sind 12 Wörter zu bilden und io untereinander zu sehen, daß ihre Anfangsbuchstaben von oben »ach unten und ihre Endbuchstaben von unten »ach oben gelesen den Namen eines HaiiSireunds ergeben, Die einzelnen Wörter nennen die geographischen Namen für: 1. Eine weltbekannte Festung. 2. Einen Fluß. 3, Eine Bischo'sstadt. 4. Eine Siadt in Ungarn. 5, Einen See. 6. Einen Fluß, 7. Eine Siadt. 8 Einen Schriftsteller. 9 Eine Oase. 10. Eiil Departement. 11. Ein Land, 12. Ein Volk. L. Barthels, stud. arch, Auflösung in nächster Nummer. Auslösung der Charade in voriger Nummer: Brand, Eis; Brandeis (Stadt in Böhmen). Redaktion: P. Witt ko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen.