Donnerstag den Oktober llW Mj W M Herr Lecoq. Kriminal-Roman von E. Gaboriau. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) In weniger al§’ einer Sekunde hatte der junge Polizist alle diese Möglichkeiten ins Auge gefaßt, aber er hütete sich, bent alten Absinth gegenüber ein Wort davon verlauten zu lassen. Sein Freudenrausch und seine Hosfnnngsseligkeit hatten sich nämlich nach und üach verflüchtigt, er hatte seine gewöhnliche Ruhe wiedergewonnen, und er war jetzt, wo er sich selber prüfte, von feinem eigenen Verhalten nicht gerade entzückt. Er hatte allerdings! auf den alten Absinth einen ungeheuren Eindruck gemacht, er hatte ihn durch seine Ueberlegenheit geradezu erdrückt — aber was war denn das? Der gute Papa war ein Dummkopf, er, Lecoq, hielt sich für sehr klug; war das wohl ein Grund, sich zu brüsten und wie ein Pfau das Rad zu schlagen? Hätte er noch wenigstens von seiner durchdringenden Geistesschärfe einen schlagenden Beweis abgelegt! Aber was hatte er denn gemacht? War das Geheimnis aufgeklärt? War der Erfolg unzweifelhaft geworden? Er hatte an einem Faden gezupft, aber damit ist ein wirr verschlungenes Knäuel noch nicht aufgelöst. — In dieser Nacht schwor Lecoq bei sich selbst, wenn er sich von seinem Fehler, der Eitelkeit, nicht befreien könnte, so wollte er sich wenigstens bemühen, sie zu verbergen. Er wandte sich also in recht bescheidenem Ton an seinen Gefährten: So! dranßen sind wir fertig; wäre e§: nicht gnt, wenn wir uns jetzt an das Innere machten? Alles schien noch genau so zu sein, wie die Polizisten es verlassen hatten. Eine qualmende Kdrze mit langer Schnuppe beleuchtete mit ihrem rötlichen Schein dieselbe Unordnung und die Leichen der drei Opfer. Ohne eine Minute zu verlieren, begann Lecoq die auf der Erde verstreuten Gegenstände aufzuheben und einen nach dem anderen zu prüfen. Einige waren noch ganz unbeschädigt. Dies kam daher, daß die Witwe Chupin anstelle eines Fußbodens eine Lehmdiele gut genug für ihre werten Gäste gefunden hatte. Diese Diele war bei nassem oder Tauwetter kaum weniger kotig als „die Ebene" selbst, Tie ersten Nachforschungen lieferten die Trümmer eines Glasnapfes' und einen eisernen Löffel, der offenbar während des Kampfes als Waffe gedient hatte, denn er war ganz verbogen. Es ergab sich ferner, daß sich die Opfer vor dem Streit das klassische Getränk jener Stadtteile, die unter dem Namen „Wein ä la franyaise" bekannte Mischung von Wein, Wasser und Zucker hatten munden lassen. Nach dem Napf lasen die beiden Beamten fünf jener schweren häßlichen Kireipengläser mit sehr dickem Boden zusammen; sie sahen aus, als enthielten sie eine halbe Flasche, während in Wirklichkeit gar nichts hineingeht. Drei waren zerbrochen, zwei noch heil. In diesen fünf Gläsern war Wein gewesen, derselbe „Wdin! ä la fran?aise". Man sah es, zur größeren Sicherheit prüfte aber Lecoq mit seiner Zunge die auf dem Grunde gebliebene blaurötliche iirupähnljche Masse. Teufel! murmelte er mit unruhiger Miene. Hierauf untersuchte er die Platten aller umgeworfenen Tische. Auf dem einen, und zwar dem, welcher zwischen Kamin und Fenster gestanden hatte, unterschied man deutlich die noch feuchten Spuren von fünf Glasern, einem Napf und sogar von dem Eisen- löffel. Dieser Umstand hatte für den jungen Beamten eine ungeheure Wichtigkeit. Es ging der klare Beweis daraus hervor/ daß fünf Personen den Napf in Gesellschaft geleert hatten. Mer welche Personen? Oh! rief plötzlich Lecoq und gleich darauf in verschiedener Betonung, nochmals: Oh! — Sollten etwa die Frauen nicht in Gesellschaft des Mörders gewesen sein? Es gab eilt einfaches Mittel, alle Zweifel hierüber zu beseitigen. Man brauchte nur nachzuweisen, ob man nicht noch andere Gläser entdecken würde... Es war nur noch eins vorhanden, von der nämlichen Form wie die anderen, aber kleiner. Es war Branntwein daraus getrunken worden. Also waren die Frauen nicht in der Gesellschaft des Mörders gewesen, also hatte er sich nicht um ihretwillen geschlagen, also . . . Mit einem Schlage wurden Äcoqs Annahmen sämtlich zu Wasser! Das war schlimm, und er war im stillen untröstlich darüber, als plötzlich der alte Absinth, der fortwährend herumgesucht hatte, einen Ruf ausstieß. Der junge Beamte drehte sich um; er sah, daß der andere ganz blaß war, und fragte: Mas gibts? Es ist jemaich in unserer Abwesenheit hier gewesen! Unmöglich! Aber es war nicht unmöglich, sondern wahr! Als Gsvrol der Mutter Chupin die Schürze vom Gesicht weggerissen, hatte er sie auf die Treppenstufe geworfen; keiner von dem Beamten hatte sie angerührt. Und nun waren die Taschen dieser Schürze umgekehrt. Tas war ein augeitschcinlicher Beweis! Ter junge Beamte war ganz verdutzt; man sah an seinen zusammengekniffenen Gesichtszügen, mit welcher Anstrengung er nachdachte. Wer kann hierher gekommen fein ? murmelte er. Diebe? . . Tas ist unwahrscheinlich. ■ Nach einem langen schweigenden Nachdenken, das fein alter Kollege nicht zu unterbrechen wagte, rief er endlich: Ter Mensch, der hierher gekommen ist, der es gewagt hat, in dieses Zimmer einzudringen, wo drei Ermordete liegen — dieser Mensch kamt nur der Komplize sein! . . . Aber hier genügt eilt Verdacht mir nicht, ich brauche Gewißheit. Ich brauche sie, ich will sie! Sie suchten lange nach dieser Gewißheit, ünb erst nach einer anstrengenden Stunde entdeckten sie in der Nähe der von Gsvrol gesprengten Tür auf dem zertrampelten kotigen Boden eine Fußspur, die genau denen des Mannes entsprach, der im Garten herumspioniert hatte. Sie verglichen diese Spuren und fanden, daß die Nägel unter der Sohle genau in derselben Form zu- fammengcstellt waren. Er ist es also! sagte Lecoq. Er hat uns belauert, hat uns fortgehen sehen und ist eingetreteu. Aber warum? Welche tut* 614 abweisbare Notwendigkeit Hat ihn veranlassen können, einer so | großen Gefahr zn trotzen? „ Er packte seinen Kameraden bei der Land, Preßte diese zu- sammm, als wenn er sie zerbrechen wollte, und fuhr in heftigem Tone fort: < , , L c Warum? Ah, ich «rate es nur zu gut! er hat hier irgend einen Gegenstand liegen lassen, vergessen, verloren, ein Beweisstück, das die ganze Dunkelheit dieses schrecklichen Falls hatte aufhellen können! Und um diesen Gegenstand wiederzubekommen, hat er sich hineingewagt. Und durch meine Schuld, onrch meine Schuld ganz allein, entgeht uns dieser entscheidende Beweis! Und ich hielt mich für einen klugen Polizeimann! ^as ist ne Lektion! Ich mußte die Tür verschließen; der Dümmste hatte daran gedacht. . .! Er unterbrach sich plötzlich und blieb mit offenem Munde, mit lueit ausgerissenen Augen stehen, den Zeigefinger nach einer der Ecken des Zimmers ausstreckend. WaS haben Sie da? fragte der Alte ganz erschrocken. Lecoq antwortete nicht; aber langsam, mit den starren Bewegungen eines Schlafwandlers, näherte er sich. der stelle,, auf die er mit dem Finger gewiesen hatte, bückte sich, nahm einen ganz kleinen Gegenstand auf und sagte: Meine Unbesonnenheit verdiente nicht ein solches Gluck! Der aufgehobene Gegenstand war ein Oqrgchänge, ein Bouton, wie die Juweliere sagen. Es bestand aus einem einzigen, sehr großen Diamanten. Die Fassung war mit wundervoller Feinheit gearbeitet. ■' Dieser Diamant, erklärte Lecoq, nachdem er ihn einen Augenblick prüfend betrachtet hatte, dieser Diamant muß wenigstens . fünf- bis sechstausend Franken wert sein. Wirklich? Ich glaube, es behaupten zu können. Einige Stunden vorher hätte er nicht gesagt: „och glaube, sondern rund heraus erklärt: „Ich behaupte cs." Aber sein erster Fehler war ein Denkzettel, der sich ihm für sein ganzes Leben einprägen sollte. , ,, , Vielleicht, bemerkte derj alte Absinth, vielleicht suchte der Komplize diesen Diamanten? Ties ist kaum anzunehmen. In diesem tftiU hatte er ganz gewiß nicht die Schürze der Witwe ChuPin durchsucht. Wozu? — Nein! er muß hinter etwas anderem her gewesen sein . . hinter einem Brief zum Beispiel. Der alte Polizist hörte nicht mehr; er hatte die Ohrbommel in die Hahd genommen und untersuchte sie ebenfalls. Und wenn man denkt, murmelte er, ganz außer sich über das Feuer jdes Djawjanten, wenn man denkt, daß in die:„Pfeffer- büchse" eine Frau gekommen ist, die für zehntausend Franken Edelsteine in den Ohren trug! Wer möchte das glauben! Lecoq wiegte nachdenklich den Kopf. Ja, das ist unwahrscheinlich, antwortete er, unglaublia), absurd. Indessen, wir werden noch ganz andere Sachen erleben, ivemt es jemals gelingt — woran ich allerdings zweifle — den Schleier dieser geheimnisvollen Geschichte zu zerreißen. 8. Kapitel. Trüb und düster brach der Tag au, als Lecoq und sein alter Kvllege endlich ihre Nachsuchung sür vollständig hielten. Es war in der Schenke kein Ouadratzoll niehr, der nicht mit peinlichster Gewissenhaftigkeit untersucht, sozusagen unter die Lupe genommen war. Es blieb nur noch der Bericht aufzusetzen. Der junge Beamte setzte sich vor einen Tisch und begann zunächst einen Uebersichtsplan vom Schauplatz des Mordes zu zeichnen, um dadurch das Verständnis seiner Erzählung ganz lcjcht zu machen. Aust webenstehendem Plan bedeutet: A Die Stelle, wo die vom Krimmalmspektor Gsvrol ge- ' führte Patrouille die Schreie gehört hatte. (Die Entfernung von diesem Punkt bis zur sogenannten „Pfefferbüchse" beträgt nur 123 Meter; es ist also anzunehmen, daß diese Schreie die ersten waren, daß folglich der Kampf in jenem Augenblick erst begann.) B. Tas Fenster mit dichten Läden, durch welche ent Beamter den Vorgang im Inneren beobachtet hatte. . C. Tie durch den Kbirninalinspektor Gsvrol cingeschlagene D. Tie Treppe, auf welcher die vorläufig verhaftete Witwe ChuPin weinend saß. , , (Auf der dritten Stufe dieser Treppe wurde spater die Schürze der Witwe ChuPin mit umgedrchten Taschen aufgesunden.) E. Kamin. T. F,F. Tische. (Die Spuren von einem Weinnapf und fünf Gläsern befanden sich auf dem Tische, der zwischen den Punkten E. und B. stand.) G. Verbindungstür nach dem Hinterzimmer der Schänke. Vor dieser Tür stand der Mörder mit der Waffe in der Hand. H. Zweite Tür der Schänke, nach dem Garten führend. Durch diese Tür drang der Beamte ein, der auf den Gedanken gekommen war, dem Mörder den Rückzug abzuschneiden. I. Gartenpforte, nach dem freien Felde führend. K K. Fußspuren auf dem Schnee, nach dem Fortgehen des Inspektors Gßvrol, von den in der „Pfefferbüchse" zurückgebliebenen Beamten aufgefunden. J K '!? /* / 0 w \ '^Lecoq lieh erhöht. (Fortsetzung folgt.) In diesen Erläuterungen zu der Zeichnung schrieb also Lecoq nicht ein einzigesrnal seinen Namen; er sprach nur einfach von einem Beamten". Das war keine Bescheidenheit, ^m Gegenteil, indem man absichtlich sich selbst zurückstellt, zeigt man s>a> in einem um so helleren Licht, sobald man aus dem «chatten hervortritt. Ebenso war es Berechnung, daß er so ost Gsvrold Namen erwähnte. Er dachte, dadurch müßte die Aufmerksamkkic erst recht auf den Beamten gelenkt werden, der zu handeln gewuvr hatte, ivährend die ganze Leistung des Führers sich daran; beschränkte, daß er eine Tür eingeschlagen hatte. . Das von ihm aufgesetzte Schriftstück war kem Protokoll denn ein solches aufzusetzen steht nur dm gerichtlichen Beamten der Polizei zu — sondern ein einfacher Bericht, den man höchsten^ als eine Schilderung der unternommenen Schritte hatte bezeichnen können; trotzdem verwandte er darauf eine Sorgfalt, wie em junger General auf das Bulletin seines ersten Sieges Während er zeichnete und schrieb, sah der alte Absinth chm über die Schulter. Besonders der Plan entzückte den alten Biedermann. Er hatte schon viele derartige Zeichnungen gesehen, bisher sich aber intmet eingebildet, man müßte Ingenieur, Baumeister oder wenigstens Landmesser sein, um eilte solche Arbeit zu machen. Und mit einem Zentimetermaß und einem Stückchen Holz, das als Lineal biente, machte fein Kollege, dieser Anfänger, die ganze Geschichte! Seine Achtung für Lecoq wurde dadurch außerordent 615 GsZitze vsr Kapslesn I. (Zum 2. Oktober.) Ende September 1808 hatten sich die Beherrscher von Europa Napoleon I. und Alexander von Rußland zu einer persönlichen Zusammenkunft in Erfurt eingefunden. Auf Wunsch ihres Protektors erschienen gleichfalls wie zur Dekoration Jsröme, des Kaisers Bruder, die Könige von Sachsen und Württemberg, sowie die meisten kleinen Rheinbundfürsten. Was mit ihnen verhandelt werden sollte, lag int Dunkel, wenigstens für sie. Am 25. September schreibt der bayrische Gesandte Lerchenfeld aus Kassel an seinen König Max Josef: „lieber die wahren Motive zu dieser Reise des Kaisers wie zum Zwecke einer Begegnung mit dem Kaiser von Rußland könnte ich Eurer Majestät nur einen sich widersprechenden Haufen von Vermutungen, die man hier der Reihe nach wiederholt, berichten. Es scheint ziemlich festzustehen, daß viele Differenzen, viele Arrondierungen und Indemnitäten unter den Souveränen des Rheinbundes stipuliert werden." Kaiser Alexander von Rußland hatte seinem verratenen Freunde Friedrich Wilhelm von Preußen versprochen, eine Milderung des Pariser Vertrags, demzufolge Preußen 140 Millionen Franken Kriegskosten zahlen sollte, bei dieser Gelegenheit bei Napoleon auszuwirkeu. — Wenn Napoleon Alexander in Erfurt für sich gewaun und seine rheinbündi- schen Vasallen durch Versprechungen noch enger an sich kettete, konnte er an eine erfolgreiche Unterdrückung des spanischen Ausstandes denken, der ihn zur Zeit beschäftigte. Kaiser Josef hoffte er einzuschüchtern, wenn er ihm, vor Feindseligkeiten warnend, schrieb: „Was Ew. Majestät sind, sind Sie durch meinen Willen." Tie Anwesenheit des Kaisers der Franzosen und der zahlreichen fürstlichen Gäste mit ihrem glänzenden Gefolge brachten reges Leben in die sonst ruhige Stadt Erfurt. Im Theater spielte eine kaiserliche Truppe aus Paris unter Talmas Mitwirkung, des gefeierten französischen tragischen Darstellers. „Vor einem Parterre von Königen" kamen die besten französischen Tragödien zur Aufführung. Vorne im Parterre saßen (in kostbaren Lehnsesseln die beiden Kaiser. Dahinter gruppierten sich dem Range nach die einzelnen Könige, Fürsten und Erbprinzen. In den Parterrelogen saßen in ihren goldgestickten, mit Ordenssternen besäten Uniformen kaiserliche Beamte und die hohe Generalität. Den ersten Rang zierte ein Kranz von Prinzessinnen und fremden vornehmen Damen. Vor dem Theater standen die kaiserlichen Garden mit den Spielleuten, die bei der Auffahrt eines jeden Kaisers die Trommel dreimal zu rühren hatten. Beim Erscheinen des Wagens des Königs von Württemberg wollten die Tamboure, getäuscht durch den Prunk der Karosse, gleichfalls die dreimalige Ehrenbezeugung geben, da schrie ihnen der wachhabende Offizier zu: „Taisez — vous, ce n'est — qu'un rot" (Still, das ist ja nur ein König.) Goethe war mit dem Herzoge Karl August aus dem nahen Weimar herübergekommen und wurde mit dem Kaiser bekannt gemacht. Dieser unterhielt sich gnädig mit ihm über Literatur und Geschichte. Am 30. September nahm Goethe an der Tafel teil, die der Herzog Napoleon zu Ehren gab. Am 2. O k t o b e r wurde Goethe von Napoleon zur Audienz befohlen. Der Kaiser saß gerade beim Frühstück, Tayllerand und Daru zur Rechten und Linken, Berthier und Davary hinter ihm. Der Kaiser sah Goethe, als er eintrat, fest an und rief ihm entgegen: „Bons stes un Homme." Dann fuhr er fort: „Wie alt sind Sie?" Goethe erwiderte: „Sechzig Jahre." „Sie haben sich gut gehalten", bemerkte der Kaiser. Bald kam die Unterhaltung auf Literatur, wobei Napoleon fragte: „Sie haben auch Trauerspiele geschrieben?" Daru erlaubte sich, zu bemerken, Goethe habe auch den „Mahomet" von Voltaire übersetzt. „Das ist kein gutes Stück," fiel der Kaiser ein und kritisierte die „unwürdige Schilderung, die dieser Welt- croberer von sich mache." Im Laufe des Gespräches kam Napoleon auch auf Goethes „Werther" zu sprechen, den er siebenmal gelesen, und der ihn auf seinem Zuge nach Aegypten begleitet habe. Der Kaiser bezeichnete verschiedene Stellen im „Werther" als nicht naturgemäß, worauf Goethe erwiderte, der Dichter müsse sich zuweilen Kunstgriffe erlauben, um Wirkungen hervorzurufen, die er auf einfache und natürliche Weise nicht erreichen könne. Bei Besprechung des Dramas äußerte der Kaiser seine Mißbilligung über die Schicksalsstücke; sie gehörten einer „dunkeln" Zeit an. .„Was will er jetzt mit dem Schicksal; die Politik ist das Schicksal." Mich nach Goethes Familie erkundigte sich der Kaiser in gnädiger und herablassender Weise. Als Goethe das Zimmer verließ, äußerte Napoleon zu seiner Umgebung: „Voila un Homme!", welchen Ausspruch Grimm übersetzt hat: „Das ist endlich einmal ein Mann, der mir in Deutschland gegenübertritt." Einige Tage später war Napoleon nach Weimar gekommen und ordnete eine große Hasenjagd auf dem Schlachtfelde von Jena an, wozu auch Prinz Wilhelm von Preußen erscheinen mußte. Am Abend fand Hofball im herzoglichen Schlosse statt und dann im Theater die Aufführung: „Der Tod Cäsars" von Voltaire. Während des Balles unterhielt sich Napoleon wieder eingehend mit Goethe über Literatur und meinte, er solle auch einmal eine Tragödie über Cäsar schreiben, aber in würdigerer Weise, wie es Voltaire getan hätte. „Das könnte die Hauptaufgabe Ihres Lebens, werden. Man müßte darin der Welt zeigen, wie Cäsar die Welt beglückt haben würde, wenn mau ihm Zeit gelassen hätte, seine umfassenden Pläne auszuführen." Napoleon lud Goethe ein, ihn nach Paris zu begleiten. „Kommen Sie nach Paris, ich verlange das von Ihnen;, Sie werden da eine große Weltanschauung getoinnen und ungeheure Stoffe für Ihre dichterifchen Schöpfungen finden." Obschon Goethe weder London noch Paris gesehen hatte, konnte er sich doch nicht wegen seines borgerückten Alters und der Unbequemlichkeit, die eine damals lange Reise mit sich brachte, zu einer Pariser Reise entschließen. Am 14. Oktober erhielt Goethe mit Wieland das Kreuz der Ehrenlegion, eine Auszeichnung, auf die er nicht toettig- stolz war, so sehr dies auch von vielen Verehrern des Dichters in Abrede gestellt wird. Wer wollte ihm dies als Schwäche auslegen, zumal ihm die Auszeichnung tioit einem Napoleon zuteil wurde? lieber die Einzelheiten seiner Begegnung mit Napoleon und dessen Kritik an Werther hat der Dichter absichtlich sich nicht gerne geäußert. Was wir darüber wissen, verdanken wir den Mitteilungen des Kanzlers von Müller, dem sich der Dichter wohl offenbart hat. Der Eindruck, den Goethe von Napoleon gewonnen hatte, war ein nachhaltiger. Er glaubte an die Weltherrschaft des gewaltigen Korsen. Als 1812 Napoleons Heer auf Rußlands Eisfeldern so kläglich seinen Untergang fand; und in Deutschland Stimmen laut wurden, die zur Ab- schüttelung der Fremdherrschaft anfforderten, äußerte Goethe: „Schüttelt nur an Euren Ketten! Der Mann ist Euch zu groß; Ihr werdet sie nicht zerbrechen." So erlaubte er auch nicht seinem Sohne, in das freiwillige Korps einzutreten, das sich in Weimar zur Befreiung des Vaterlandes gebildet hatte. Seltener Zufall, daß der Dichter am 18. Oktober 1813, als Napoleons Glücksstern bei Leipzig bereits zu erbleichen schien, in seinem Epilog zur Tragödie „Essex" die prophetischen Worte einflocht: ~ -„Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag, Ein letztes Glück und einen letzten Tag." — e-i Vermischtes. * Militärjahr und Volksgesundheit. Auf den günstigen Einfluß, den die Militärzeit höchstwahrscheinlich aus die Sterblichkeitsverhältnisse unserer männlichen Bevölkerung ausübt, weisen die amtlichen Beglett- worte der neuen deutschen Sterbetafel für das Jahrzehnt 616 — 1891—1900 hin. Die Sterblichkeit des männlichen Geschlechts, die bis zum 14. Lebensajhr allmählich abnimmt, dann bis zum 21. Lebensjahr steigt, bleibt von da an bis zum 27. Lebensjahr ziemlich genau auf derselben Höhe, um zuletzt bis in die höchsten Altersjahre wieder anzusteigen. Das weibliche Geschlecht zeigt nichts von diesem Stillstände der Sterbenswahrscheinlichkeit in den zwanziger -Jahren. Gleich der deutschen Sterbetafel zeigt sich auch die französische des männlichen Geschlechts im Anfänge der zwanziger Jahre. Die englische Tafel dagegen läßt keine Spur davon erkennen. Aus diesen Tatsachen kann man mit Recht folgern, daß es wohl möglich sei, daß die Militärische Zucht und die außerordentlich günstigen hygienischen Verhältnisse, denen die männliche Bevölkerung während der Dienstzeit unterworfen ist, bei den beiden Völkern, hei denen die allgemeine Wehrpflicht besteht, diesen günstigen Einfluß aus die Sterblichkeit ansübe. * Lustiges aus Baden. Bei der Auswahl von Geschworenen für die bevorstehende Sitzungsperiode hat das Karlsruher Landgericht wenig Glück gehabt. Unter den Geschworenen, deren Namen soeben amtlich bekannt werden, befindet sich nicht nur ein stadtbekannter Kaufmann, der schon vor wenigen Monaten unter Teilnahme der gesamten Bevölkerung zu Grabe geleitet wordeu ist, sondern auch ein Pforzheimer Bankier, der schon seit Wochen wegen beträchtlicher Unterschlagungen zu Karlsruhe im Gefänguis sitzt und seiner Verurteilung vor dem Schwurgericht eut- gegensieht. Es ist aber doch nicht gut möglich, daß einer gleichzeitig Geschworener und Angeklagter ist und über sich selbst richtet. Noch schwerer hält es aber für den Kaufmann, jaus dem Jenseits zurückzukehren, um am Karlsruher Schwurgericht mit tätig zu feilt. * Kellner mit Minister ein kommen. Die Direktion der „Allgemeinen Deutschen Kellnerschule" erläßt, wie wir der A. Fleischerztg. entnehmen, eine Aufforderung zum Besuch ihrer Anstalt, in der es unter anderem heißt: „Junge Leute jeden Standes werden Kellner und gelangen in Kürze zu Wohlstand und Reichtum. — Stellungen im Gastwirtsgewerbe mit dem Einkommen eines Ministers sind heute keine Seltenheit mehr." — In Berlin gibt es Kaffeehäuser, bereit Oberkellner für seine Stellung jährlich dem Geschäftsinhaber 60 000—65 000 Mark bezahlen. Vor einigen Tagen aber hat ein Newyorker Oberkellner eilt Grundstück gekauft, für das er 600000 Mark in barem Gelbe nieberlegte,' bas er nur aus Trinkgeldern verbient hat. * Die Leiben einer Schiffsb esatzung. Am Dienstag in ber vorigen Woche traf, wie wir beit Hamb. Nachr. entnehmen, in Wolgast mit einer Labung Rohholz der russische Dreimastschoner „Lembit" ein, dessen Besatzung während der Fahrt von Amerika nach Deutschland mit allerlei Widerwärtigkeiten zu kämpfen hatte. Als das Schiff im Hafen von Laguna in Südamerika seine Ladung einnahm, erkrankte die ganze Besatzung am gelben Fieber. In kurzer Reihenfolge starben ber Kapitän, ber zweite Steuermann und ein Matrose, während die übrige Besatzung (im ganzen zehn Mann) die Krankheit überstand. Nach zweimonatigem Aufenthalt konnte endlich das Schiff mit ber übrig gebliebenen Besatzung von sieben Mann Laguna verlassen; bie Führung hatte ber erste Steuermann übernommen. Doch nun begann für die knappe Besatzung des Schiffes, bie beit Dienst ber Verstorbenen mit machen mußte, eine arge Leidens- zeit — Unwetter folgte auf Unwetter. Unter den Nachwehen ber eben überstandenen schweren Krankheit wurde eines Tages plötzlich ber Koch bei einem ausbrechenben Sturm irrsinnig °und machte ber angestrengt arbeitenden Besatzung viel zu schaffen. Schließlich sprang er in einem unbewachten Augenblick über Bord und ertrank. Bei dem herrschenden Sturme war eine Rettung ausgeschlossen. Die nur noch aus sechs Manu bestehende Besatzung hat dann auf ber weiteren, mit Stürmen reich gesegneten Fahrt bewiesen, baß sie alle tüchtige Seeleute sind, unb es ist zu bewnnbern, baß sie das Schiff ohne erhebliche Beschäbiguug glücklich zum Bestimmungshafen brachte. Während eines orkanartigen Sturmes wurde bas Schiff mit seiner schweren Deckslabung auf bie Seite gebrückt und lag üt biesem Zustande sechs Stunden, erst mit Abflauen des Windes richtete sich ber schon verloren gegebene Schoner wieder auf. Bei biesem Sturm ging auch ein Teil bet Decksladung über Bord, währenb bei einem nächsten Unwetter bas Stag- segel des Schoners verloren ging. Zn bewundern ist immerhin die Bravour der sechs Seeleute, die das schwere Schiff bei all den Stürmen ohne weiteren Segelverlust und sonstigen Schaden glücklich nach Wolgast brachten. Namentlich zeichnete sich der vertretende Kapitän als besonnener und tüchtiger Seemann aus. Das Schiff hat Riga zum Heimats- Hafen. * Die Gefahren der Eisenbahn. In England wurden durch bie Eisenbahn in beit letzten brei Monaten 252 Personen getötet und 2218 mehr ober minber erheblich verletzt. Außerdem wurden noch 9 Pferde, l Esel, 7 Ochsen und Kühe, 41 Schafe, 2 Hunde und 3 Schweine durch Ueber- fahreu getötet. * Ein Sch ildbür ger stückchen. In einem nord- schottischen Dorfe sollte ein Gemeindeweg nivelliert werden und ber Geometer steckte mit Mühe und Not den Weg burch Stöcke ab. Dann begab er sich zum Gemeindevorsteher unb bat ihn, auf bie Pflöcke achtgeben zu lassen, damit sie nicht gestohlen würden. Als ber Geometer wiederkam,- waren bie Pflöcke fort. Der Gemeinbevorsteher hatte fie,: bannt sie nicht gestohlen würden, im Gemeindehause anf- bewahren lassen. * Der Stier im Friseurladen. Ein Stier in Nottingham stürmte in einen Friseurladen durch die Fensterscheibe ein und erst, als alle Spiegel, die ihm einen Rivalen bei seiner „Tätigkeit" vorzutäuschen schienen, „beseitigt" waren, gelang es, ben Uebeltäter festzunehmen. — Vock ber im Berlage Ullstein u. Co. erscheinenden Weltgeschichte liegen nenerdings die Lieferungen 19—27 vor. Sie be- handeln bas Zeitalter ber Gegenreformation, und zwar hat Professor von' Zwiedineck-Südenhvrst bie Gegenreformation in Deutich- lanb, Professor Philippson biejenige in Süb- unb West-Europa geschrieben. Die hier behandelte Epoche gehört zu Den benk- würbigsteN ber Weltgeschichte: die Flutwelle ber Reformation hatte bas Papsttum in seiner schwächsten Stunde getroffen, 'Stimm! für Damm hatte sie zerrissen unb drohte in wenigen Jahrzehnten auch bie letzten Bollwerke hinwegzuspülen; doch es kam anderv.- Die germanische Welt verbrauchte in reißender Schnelligkeit ihre idealen Kräfte unb bie romanische schickte sich zu mächtigem Gegenstöße an. Mit weitestem! hlftorifchen, ,-blnr unb völliger Unparteilichkeit schilbert Professor von Zwiedineck- Sübenhorst die Offensive des Katholizismus, die mit dem^ gewaltigen Ringen des dreißigiahrigen .Krieges endete. Dem Kampf in Deutschland zur Seite geht der tu Westeuropa. Tas Re,ul- tat war hier wie dort das Erlahmen des religiösen Fanatism s und der Sieg rein politischer Kombinationen. So hat sich mu den Stürmen der Gegenreformation die religiöse Toleranz so gut wie bas politische Staatensystem entwickelt, das «och heute Europa^ Geschicke bedingt. Die Darstellung dieser geschichtlichen Vorgänge wird in den vorliegenden Lieferungen wie tnr ganzen Werke durch die Illustrationen aufs glücklichste unterstützt. Die große , ahl voik bunten Tafeln und Urkunden, von Kunstwerken und^Flug- blätteru, die der augenblicklichen Stunmung oder t^n ^ages- kümpfen entsprangen und nur dem Bedürfnis des ^luge.iblicts bteirnt sollten, läßt ein Bild dieser wildbewegten kampfdurchtosten,' leibcnschaftendurchwühlten und glaubcilsetfrigen Zett wie in einenr Spiegel vor unserem Auge neu erstehen und die unübertreffliche Bottendung moderner Reproduktionstechnik im hellsten Lichte er scheinen. ____________ Rätsel. Bekannt war ich als ein Gefäß Schon längst im Altertume, Und ein berühmter Philosoph Verhalf auch mir zum Ruhme. An zweite Stelle mußt du nun Ein andres Zeichen führen, Und fleiß'ge Männer siehst du dann Die starken Arme rühren. Ein neues Zeichen wieder laß' A>r zweite Stelle rüden. So schaust du in die Weihnachtszeit Mit Wonne und Entzücken. 9(. Ammann. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: O — O d — Ode — Oder. Redaktion: E. Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch' und Sleindruckereh R. Lange, Gießen.