1908 Samstag den August u MU iLH W UK John Darrows Tod. Roman von Melvin L. S e v e r y. (Nachdmck verboten.) (Fortsetzung.) Auf diese Worte lies; fidj, ein anhaltendes Flüstern im Saale hören. Maitlands Vorgehen war doch jetzt geradezu unbegreiflich! Warum gab er sich solche Mühe, etwas zu beweisen, das schon eingestanden war und das er als Latours Vertreter eher versuchen mußte zu widerlegen. Jedoch Godin trat in den Stand, und Maitland befragte ihn in einer Weise, die unsere Verwunderung Nur noch steigern konnte. t .,Wie lange haben Sie an diesem Fall gearbeitet?" -,Seit dem Morde." \ ,Wann find Sie zum erstennral in Herrn Latours Wohnung gewesen?" „Meinen Sie, wann ich iie betreten habe?" „Ja." „Ich habe seine Wohnung erst am Tage seiner Verhaftung betreten. Andere Wohnungen im selben Hause habe ich bei früheren Gelegenheiten besucht." „Haben Sie Grund, anzunehüren, Herr Latour habe Sie vor dem Tage seiner Verhaftung gesehen?" „Nein; das war sicher nicht der Fall. Ich ging ihm sorglich aus dem Wege." „Sie sind gewiß, daß Sie bei den verschiedenen Gelegenheiten, bei denen Sie, wie Sie sagten, in seiner Wohnung waren, von ihm dort nicht bemerkt worden sind?" „Ich habe nicht gesagt, ich sei bet derschiedenen Gelegenheiten in feiner Wdhnung gewesen." „Was haben Sie dann gesagt?" „Ich habe gesagt, ich sei in seiner Wohnung nur einmal gewesen, und zwar am Tage seiner Verhaftung." „Ich verstehe. Bei Ihrer Nachforschung nach Herrn Darrows Mörder wurden Sie da nicht durch gewisse Bibliotheksbücher unterstützt, die Herr Latour gelesen hatte?" „Ich — ich verstehe nicht recht." „Herr Latour ließ sich in der öffentlichen Bibliothek Bücher geben, wobei er einen falschen Namen angab, Wvlter, oder . . ." „Nein Weltz, das stimmt, davon weiß ich Andere Micher waren unter dem Namen Rizzi entliehen." „Ganz recht; das waren die Namen, denk' ich. Wie wurden Sie auf diese Bücher aufmerksam?" „Ich traf Latour zufällig in der Bibliothek, und er fiel mir sofort wegen seines scheuen Wesens auf. Infolgedessen beobachtete ich ihn und sah, daß er sich auf den Bestellzetteln als „Weltz" unterzeichnete. Am nächsten Tage traf ich ihn wieder dort, und diesmal zeichnete er „Rizzi". Das war lange vor dem Morde, und auf keinen Fall, in dem ich seitdem tätig war, paßte^dieser „Weltz-Rizzi". Dennoch war ich aus bestimmten Gründen überzeugt, er habe irgend ein Verbrechen begangen, und merkte mir ihn für künftige Fälle vor. So fiel er mir bei meiner Tätigkeit in dieser Mordsache wieder ein, und ich folgte der Anregung in der Hoffnung, so etwas mehr Licht in diese dunkle Geschichte bringen zu können." „Haben Sie die Bücher gelesen, die Herr Latour unter den genannten Nanien entlieh?" „Nein." „Haben Sie sich nicht eins oder das andere angesehen?" „Nein. Es fiel mir nicht 'mal ein, ihre Titel zu lesen." „Sie haben wahrscheinlich bemerkt, daß es sich um verschiedene handelte. Darunter war eins von Wynter-Blhth „Die Gifte, ihre Wirkung und ihr Nachweis". Haben Sie dies beachtet?" „Nein. Ich habe keins beachtet." „Mer als sich Ihr Argwohn auf Herrn Latour richtete, nahmen Sie da nicht die Zettel vdr, fanden dieses Buch und lasen es?" „Nein. Ich habe das Buch in meinem Leben nicht gesehen, überhaupt nicht gewußt, daß es ein solches Buch gibt." „Oh, dann hat das Lesen der Bücher zur Ausspülung Latours nichts beigetragen?" „Ganz und gar nichts." „Spielen Sie Kürten?" „Ja, hin und ivieder zum Zeitvertreib." „Spielen Sie um Geld?" „Hur und wieder, mit kleinem Einsatz — nur damit nicht alles Interesse fehlt." „Kennen Sie das Haus, in dem Herr Darrow ermordet worden ist?" „Ich kenne es nur so iveit, als ich es unmittelbar nach der Tat in Augenschein nahm. Sie werden sich erinnern, daß ich nur das eine Zimmer betreten habe." „Aber das Grundstück außerhalb des Hauses haben Sie doch gewiß besichtigt?" „Im Gegenteil, das habe ich nicht getan." „Habcir Sie nicht wenigstens die Ostseite des Hauses untersucht?" „Nein. Ich war überzeugt, die Lösung des Problems müsse sich innerhalb des Zimmers, in dem der Mord begangen iuar, finden, und die Notizen, die ich mir an dem tragischen Abend gemacht hatte, enthielten alles zur Sache Gehörige, was überhaupt zu erlangen schien." „War das nicht eine etwas eigentümliche Voraussetzung?" „Für viele mag das richtig sein: doch ich habe meine eigenen Methoden, und ich denke, ich kann sagen, sie haben sich meist nicht ganz erfolglos erwiesen." Dies letzte sprach er mit einem gutmütigen Lächeln und einer bescheidenen Würde, was die Zuhörer völlig für ihn einnahm. Maitland verzichtete für jetzt auf weitere Fragen, und die Verhandlung wurde auf den folgenden Tag verschoben. An diesem Abend machte Godin seinen ersten Besuch bei Florence, die über den Gegenstand ihrer Unterhaltung nur äußerte, der Besucher habe ihr unverblümt mitgeteilt, seines Wissens sei eine Belohnung für die Entdeckung des Täters ausgesetzt worden, und er glaube, sie verdient zu haben. Auf Maitlauds Frage, welchen Preis er beansprucht habe, bat Florence mit hochrotem Gesicht, das für sich behalten zu dürfen. — 474 | Tas war natürlich vielsagend für Maitlaicd, und inan konnte leicht sehen, daß in ihm Godins Besuch durchaus keine ange- nehmen Gefühle erregte. Er war aber nicht der einzige, der an dein Abend Grund zur Unzufriedenheit zu haben glaubte. Mein Versprechen rücksichtsloser Offenheit nötigt mich, von meiner eigenen Torheit Zeugnis nbzulegen. Denn als Maitland Jeanette ins Hinterzimmer nahm und dort mit ihr in ernsthafter Unterredung eine Stiinde und zwölf Minuten verweilte — zufällig achtete ich genau auf die Zeitdauer ihres Beisammenseins —, da schien es mir, daß er unangenehm vertraulich ivürde, und das peinigte Mich. Wenn cs auch nicht geradezu Eifersucht war, tvas mich plagte, so war es Aerger oder Neid. Es tvurmte mich, daß Maitland mir nichts dir nichts fertig brachte, was ich schon seit verschiedenen Tagen vorgehabt nnd immer wieder aufgegeben hatte. Warum konnte ich nicht unbefangen zu ihr sagen: „Fräulein Jeanette, bitte, aus ein Wort," sie dann ins Besnchzimmer nehmen und lang und breit mit ihr reden? Oh, cs war Neid, nichts weiter. Am nächsten Morgen wurde die Verhandlung wieder ausgenommen, und Maitland rief aufs neue Godin als Zeugen auf. Wir Zuhörer zerbrachen uns den Kopf über den Zweck dieser nochmaligen Befragung, der Vorsitzende schien mir aber völlig einverstanden damit zu sein. Maitland tvies dem Richter und dm Geschworenen zunächst ein Glasnegativ und einen Brief und bat sie, beides, während er es ihnen hinhielt, genan zu prüfen. Tann reichte er das Negativ Godin und sagte: „Bitte, fassen Sie dies am unteren Rande mit Ihrem Tanmen und Mittelfinger, um das Bild nicht zu berühren, halten Sie es gegen daS Licht und sagen Sie mir, ob Sie das Gesicht erkennen." Godin tat wie geheißen und erwiderte ohne Zaudern: „Es ist ein Bild von Herrn Latour." „Gut," versetzte Maitland, nahm das Negativ zurück unt) gab ihm dm Brief: „nun sagen Sie mir, Sie diese Unterschrift erkennen." Godin sah scharf auf den Brief, hielt ihn offen zwischen Damnen und Mittelfinger beider Hände nnd las die Unterschrift „Charles Cazenove". „Es scheint mir Herrn Latours Hand," fügte er hinzu. „Ebenfalls gut," versetzte Maitland und nahm das Papier wieder an sich, schien aber etwas bestürzt, als er darauf blickte. „Sie haben die Unterschrift verwischt — jedoch es macht nidM" sagte er und zeigte das Papier dem Richter nnd den Geschworenen. „Tas Negativ muß fettig gewesen fein — ja, daher wird's kommen," und er untersuchte es ruhig mit dem Vergrößernngs- glas zu unserer aller Verwunderung. „Tas ist alles, Herr- Godin, ich danke Ihnen." Als der berühmte Detektiv den Zengenstand verließ, zermarterten wir uns alle das Gehirn, nm einen Zusammenhang zwischen dem, was wir soeben gehört hatten, und Latours Geständnis herzustellen. Godin schien jetzt auch einigermaßen an dem Gauge -der Verhandlung irre zu werden, wenigstens war dies aus den tiefen Furcht zu schließen, die sich zwischen seinen Augen zusammenzogen. Jetzt hielt Maitland feine Ansprache au den Gerichtshof, in der er die Ergebnisse der Verhandlung zusammenfaßte. Ich gebe hier die Rede unter Weglassung einiger uutvesentlicher Zutaten ihrem Hauptinhalt nach wieder/ , „Euer Ehren und meine Herren Geschworenen: John Darrow ist ermordet worden, und der Gefangene, Herr Gustave Latour, hat seine Täterschaft eingcstandm. Wenn jemand ein Verbrechen leugnet, so messen wir seiner Aussage keinen sonderlichen Wert bei; wenn aber andererseits einer auf die Anklage eines so schändlichen Verbrechens antwortet: „Ich bin schuldig," so fühlen wir ung unwillkürlich gedrungen, seinem Worte zu glauben. Warum ist dem so? Warum bezweifeln wir feine Aussage, wenn er seine Unschuld behauptet, und nehmen sie als wahr an, wenn er sich schuldig bekennt? Ich will es Ihnen sagen: Das Motiv ist das Entscheidende. Würden wir ein ebenso zwingendes Motiv für die Behauptung feiner Schuld wie für die Beteuerung feiner Unschuld bei einem Angeklagten finden, so tonnten wir das eine nicht höher anschlagen als das andere. Nun will ich Ihnen beweisen, daß Herr Latour vom stärksten Motive, das es für ihn gibt, zum Geständnis jenes Mordes getrieben worden ist. Gelingt mir dies, so daß Sie davon überzeugt sind, so ist damit Herrn Latours Aussage so gut wie aus- getilgt, und es bleibt nichts Wesentliches mehr bestehen, als die .Erklärungen des Hauptzengen für die Anklage, des Herrn Godin." Hoch stieg im Zufchauerraume die Woge der Aufregung bei diesen Worten. „Wie?" sagte sich jeder. „Ist es denn möglich, daß dieser Anwalt den Beweis erbringen will, daß Latour trotz seines umständlichen Geständnisses schließlich den Mord gar nicht ausgeführt hat?" Dieser Gedanke schien uns nicht faßbar: wie sollte man aber sonst Maitlands Bemerkungen verstehen? Es ist daher kein Wunder, daß wir alle atemlos an feinem Munde hingen. Godin blickte finster uird unheilvoll drein, wie ein drohendes Gewitter. Offenbar war er nicht gesinnt, seinen Rus als geschickter Detektiv und zugleich die Darrowsche Belohnung ohne Kampf preiszugeben. Alles war still wie das Grab, als Maitland sortfnhr: „Ich werde nun zeigen, daß Herrn Godins Aussage völlig unzuverlässig und mehr noch, daß sie dies mit Vorsatz ist." Das war eine unzweideutige Anklage, bei der Godins Züge aschfahl wurden. Ich sah, welche Anstrengung es ihn kostete, seinen Zorn zu bemeistern, und wie er auf Maitland einen dolch^ scharfen Blick warf, der mir für meinen Freund bange machte. Tiefer schien aber nichts davon zu bemerken und fuhr unbeirrt fort: „Ich werde Ihnen sonder Zweifel beweisen, daß nur eine einzige Person an der Ausführung der Mordtat au John Darrow beteiligt war, — das heißt, daß nur eine einzige Person sich am östlichen Fenster befand, als ihn der Tod erreichte. Ich werde auch zeigen, daß Herr Latour diese Person nicht war und es unmöglich sein konnte." Bei dieser Wendung erhob sich Brown und ging auf die Tür zu. Ich dachte, er wolle den Saal verlassen, aber er setzte sich wieder im Hintergründe nahe der Tür. „Ich werde den Beweis liefern, daß Herrn Latours Schilderung der Mordtat falsch ist," fuhr mein Freund fort, worauf sich aller Augen Herrn Latour zuwandten, der aber weder ein Zeichen der Zustimmung, noch der Verneinung machte. Die Augen schließend und die Hände regungslos haltend, saß er wie gebrochen und versteinert da. Godin fuhr unruhig auf seinem Stuhle hin und her, als könne er nicht länger an sich halten. Mit ruhigem, überlegenem Tone fuhr Maitland fort: „Herr Clinton Brown" — Aber beim Nennen dieses Namens unterbrach ihn eine plötzliche Bewegung im Hintern Teile des Saales, woraus ein schwerer Fall das ganze Gebälk erzittern ließ. Alle schauten nach der Tür. Dort lag jemand auf dem Boden ausgestreckt, und ein anderer spritzte ihm Wasser ins Gesicht. Jetzt erholte er sich ein wenig, und sie trugen ihn in den Flur, wo es kühler war. Es war Clinton Brown. Die große Spannung infolge der Verhandlung, seine eigene Gemütserregung und die Schtmile im Zimmer waren offenbar zu viel für ihn gewefen. Doch wunderte ich mich darüber. Hier ioaren zarte Frauen, dem Anschein nach von geringerer Widerstandskraft, und dieser Athlet mit der Gestalt eines Mars und den Muskeln eines Herkules mußte zuerst erliegen! Wahrhaftig, auch wir Aerzte müssen uns manchmal wundern! lFortsetzung folgt.) Walter Leistikow. Still und qualvoll, in stolzer Einsamkeit sein Leiden hinter einem liebenswürdigen Lächeln bergend, so hat er lange gegen den schleichenden Tod gerungen, der Schritt um Schritt näher kam pnd ihm nun in der Blüte seiner Jahre, einen Dreiundvierziger, dahingerafft hat. In einer. Zeit, wo die Schasfenssehnsucht in dieser stillen Künstlerseele so heiß glühte Ivie nur je, und an der Pforte einer neuen Entwicklungsphase, die gerade in den letzten Werken des Verstorbenen licht und hoffnungsfroh sich ankündete. Eine einzige, in stetem Wachsen sich klärende und vertiefende Harmonie begleitet den Entwicklungsgang dieses Künstlers. Als der junge Bromberger nach Berlin kommt, ist es kein Zufall, sondern das unbewußte Wirken seines ihm selbst noch fremden Wesens, das ihn gerade den stillen Ende an der Akademie zum Lehrer wählen läßt. Erst kurz zuvor war der Norweger von Karlsruhe zur Reichshaupt- stadt übergesiedelt, wo seine die Düsseldorfer Tradition eines Achenbach und Schirmer fortsetzende, schlichte, von ruhigem Wirklichkeitssinn getränkte Kunst viele Freunde gefunden hat. Von ihm empfing Leistikow die ersten entscheidenden Hinweise auf die verschwiegene, ernste Schönheit der niederdeutschen und der nordischen Landschaft, und von ihm lernte er auch das treue und liebevolle Studium der Wirklichkeit als den Anbeginn aller Kunst erkennen. Die Strömung der Zeit, die von der heroischen Landschaft und ihrer theatralischen Großartigkeit sich abwandte und es lernte, auch ist den stillsten und verschwiegensten Winkeln der Natur der; Ewigkeitsmusik zu lauschen, trug den jungen Leistikow von Anfang an in jene Bahn, die für seine Entwicklung entscheidend werden sollte. Er durchstreift die Umgegend vost Berlin, mit Zeichenstift oder Palette sitzt er am Strande der Ostsee to der auf den stillen meerumspielten Inseln und sucht noch tastend die Reize der Landschaft zu erfassest. Mer noch schweigt sein eigenes Wesen und der Einfluß des Lehrers bindet die Persönlichkeit. Eine kühle objektive Sachlichkeit, die nichts verrät von jener warmen versonnenen seelischen Mitempfindung der Naturstimmung, die später dem Schaffen Leistikows jenen zarten Duft poetischen Erlebens aufprägt, wirkte in diesen ersten Bildern. Roch scheint ihn die Landschaft nicht ausreichend, allerlei kleine genrehafte Akzente tauchen auf, Menschengruppen beleben die Natur, Kinder tummeln sich und am Meeresstrande schreiten geschäftig Fischer ihrer Arbeit nach. Erst allmählich befreit sich der junge Künstler von den Fesseln der Tradition. Von Frankreich dringt die Kunde herüber von der Neuentdeckung des Lichts und im flimmernden Spiel des Atmosphärischen, und auch bei Leistikow findet das neue Evangelium in jener maßvollen Innigkeit, die stets sein Schaffen begleitet hat, ihren harmonisch gedämpften Widerhall. Die dunklen Ateliertöne verschwinden auf seinen Bildern, immer mehr Hellen sich seine Farben aus, durch-- messen jenes Stadium der Graumalerei, mit der die JUgend damals gegen die alten Atelierfarben zu Felde zog, und die .Umwandlung mündet schließlich zu jenen warmen und sonoren Farbenklängen, die erst spater, in seinen letzten Jahren, zu zarter Weichheit sich dämpfen. Gerade jene Teile der verschlossenen stillen Marklandschaft, die bis dahin als unmalerisch galten, sind es, die den jungen Künstler anziehen; auf abgelegenen kleinen Dörfern, in Landsberg an der Warthe, in der Neumark und drunten in Posen verbringt er in einsamer rastloser Sommerarbeit seine Monate und nun verschwindet auch jene kühle Objektivität, die feinen Erstlingsarbeiten ihre unpersönliche Kühle gab, und sie läutert sich zu jenem reizvollen persönlichen Zauber, der in der Technik niemals den Endzweck der Malerei sieht, sondern nur das Mittel, um das subjektive Erleben der Natur in vollkommener Form geadelt wiederzuspiegeln. Als im Jahre 1891 die Vereinigung der XI. gegründet wird, zählt Leistikow zu den ersten Vorkämpfern des neuen Gedankens, nach dem, wie er selbst einmal schrieb, „ein jeder frei und ungeniert, ohne Rücksicht auf die Wünsche und Liebhabereien des kaufenden Publikums, ohne ängstliches Schielen auf Paragraphen der Ausstellungs-Programme, sich geben konnte." Auch er muß einen Teil der Anfeindungen über sich ergehen lassen, die damals über Liebermann und die anderen „Revolutionäre" niederprasselten, aber seine ruhige, immer gemessene Kunstart, die allen verlockenden Bravourstücken kühner Technik ausweicht und alle Verstiegenheiten ängstlich meidet, wird immerhin milder beurteilt und er erntet seine ersten bescheidenen Erfolge. Rastlos schreitet er auf der eingeschlagenen Bahn voran. Immer stärker betont sich in seinen feinen Naturausschnit- ten jene „Stimmung", die längst als eine persönliche Note des Farbenpoeten der Mark anerkannt ist, sein Stoffgebiet erweitert sich, seine tieswurzelnde Liebe für die düstere Innerlichkeit nordischer Landschaft vertieft und erweitert sich und seine Reisen nach Dänemark, nach Skandinavien und nach den lärmfreien Ostsee-Inseln lassen immer köstlichere Früchte reifen. In jene Zeit fällt auch die „Entdeckung des Grünewalds", den man seitdem sich gewöhnt hat, als die malerische Domäne Leistikows zu betrachten. Bon der poetisch verklärten Realistik seiner Naturwidergabe greift er in rastlosem Schaffen sich fortentwickelnd hinaus zu einer Stilisierung der Landschaft, die in kurzer, prägnanter und darum doppelt wuchtiger und eindrucksvoller Form gewissermaßen stenographisch den Linien und Farbeninhalt der Landschaft auf eine kurze knappe Formel bringt. Schon die Komposition jener Grunewald-Bilder, in deren summarischer, leuchtender Farbenpracht die Anregung Ludwig von Hofmanns wiederzuklingen scheint, zeigen in ihrer Komposition das Ausnehmen japanischer Formen- «lemente und nicht lange darauf sieht mau den Künstler auch teilt dekorativen Aufgaben sich zuwenden. JU seinen nordischen Landschaften klangen in phantastischer Dunkelheit bereits verworren jene Töne auf, die danu in den kunstgewerblichen Arbeiten und in manchen dekorativen Gemälden fortwirken. Wie verzauberte, qualvoll sich windende Rieselt wachsen mächtige Baumstämme aus dem Boden, vor dunklem Waldesrand schwellen sich gespenstisch riesige Segel, düster aufragende Klippen türmen sich und darüber hin gleiten in schwerem Fluge wunderliche Vögel. Aber diese Periode der „Naturstilisierung" bildet im Grunde nur ein Uebergangsstadium zu der letzten reifsten Periode, die uns die zarte Versonnenheit der märkischen Landschaft, das Träumen stiller Waldseen, das Verdäm> mern abendlich erschauernden Kiefern in silberblauem Dunste in rastlos wechselnder Variierung nachsühlen machen. Seine Palette, die vordem, in der Periode des Stils, zu leuchtenden lauten Farbenakkorden und kraftvoller Intensität zu drängen schien, schlägt nun den Weg zu einer subtilen Verfeinerung ein, die die zartesten Stimmungsnüancen zu erfassen weiß. Ueber silbernem See ragen dunkel einsame Kiefern, feine durchsichtige Nebel steigen; oder die Sonne liegt aus den Stämmen und erweckt sie zu flimmerndem rötlichem Leben. Zwischen deut satten vollen Grün lauschiger Kastanien leuchtet, wie der Anfang zu einem Märchen, eine kleine weiße Gartenpforte auf, oder eine kleine schweigsame Insel zieht ftöstelnd den duftig zarten Filigranschleier zitternden Nebels um ihre Formen. Es schien, als wollte Leistikow in diesem, seinem ureigensten Stoffgebiet, sich ansiedeln und neue Eroberungszüge in fremde Lande- den Jüngeren überlassen. Aber gerade in den letzten Jahren konnte man bei seinen Werken ein Ausgreifen zu neuen Zielen beobachten, neue lichte Farbenakkorde klangen du auf, freudvolle heitere Töne von lichtem Gelb, leuchtendem Rots in blaurosigem Dunst gebadet, und alles schien, als schicke der Maler sich an, entschlossenen Schrittes neue Eroberungen zu wagen. Aber die heiteren Farbenmelodien, die so frisch von einer fröhlichen Zukunft sangen, waren nur eine bittere Ironie des Schicksals, das mit dem Tode grausam allen Möglichkeiten ab schnitt und diesem Künstlerleben ein Ende setzte, als es hoffnungsvoll und unermüdlich von neuen Anfängen träumte^ H. W. Am 29. Juli beging man die Totenfeier zu Ehren Walter Leistikows. Iw Hause der Sezession zu Berlin hatten sich die Familie des Verstorbenen und seine Freunde, viele Künstler und Kunstfreunde, versammelt. Die Feier begann mit einer kurzen Trauerrede des Pfarrers. Nach einem weihevollen Gesänge trat Max Liebermann, das Haupt der Sezession, an den Sarg und sprach ergreifende Worte der Erinnerung an den toten Freund, den sieghaften jungen Meister, der instinktiv den Weg zu seinem eigenen Stil und zur Originalität fand, der als halber Jüngling schon populär wurde und seine Landsleute die melancholische Schönheit der Mark Brandenburg sehen lehrte. Er sei ein Künstler voll Harmonie gewesen, wie er als Mensch von seltener Reinheit war, mit einem herrlichen Kinderglauben blieb er bei dem, was er für recht erkannt hatte, von keiner Rück- sicht auf äußere Ehren irre gemacht. Er war der wahrhafte Führer der Sezession, ohne ihn wäre sie minder groß geworden. An ihm hat die Jugend ihren energischsten Freund verloren. Vor vier Wochen noch schien er rüstiger bei der Arbeit zu sein als seit langem; seine künstlerische Kraft war nicht gebrochen, als er starb. Zu beklagen, so schloß Liebermann, sei Leistikow nicht, ihm ward das Pelidenlos. Dann trat Gerhart Hauptmann vor, um dem toten Freunde herzliche Worte zum Abschied zu widmen. Solange Berlin, die gefährliche Riesenstadt, sich nicht selbst vergißt, wird sie, so sagte Hauptmann, auch dieses Mannes nicht vergessen. Die Kunst Leistikows war phrasenlos. Di? inneren Kämpfe, die inneren Leidenschaften und Leiden des Meisters und Menschen drangen in ihr Gehege nicht, diesen stillen und weltfernen Garten, das ursprüngliche Gebiet aller großen Kunst, das auch ihr Boden gewesen ist. „Unö nun, du lieber, durchgeprüster Mensch, Künstler, Kamerad und Freund, lebe wohl. Unsere Gedanken, unsere Herzen, unser Lieben, unsere Dankbarkeit folgen dir auch in diesen. weltfernen Garten der Stille nach." Dem dahingeschiedenen Künstler widmet Alfred Kerp im „Tag" die schönen Verse: Dunkler See und Kiefernstämme, Ernst und ehrlich anzuschaun, Sacht umbuschte Höhenkämme. Wipfeldächer, grün und braun. .... Das Gestirn zu Mstieg neigend Am geklärten Horizont. Und der Grünewald wie schweigend Von dem kargen Schein besonnt. . .; Fest und still im Schmucklos-Schlichten, Auch der dürftigen Schönheit froh. Fein und innig im Verzichten. . . Das war Walter Leistikow. 476 — DK Heilwirkung der Sonne. Sonnenlicht ist eines der besten Desinfektionsmittel, die es gibt, es genießt dabei den Vorteil, daß es nichts kostet, und, was noch wichtiger ist, daß es für den Körper unschädlich ist. Wer wie immer ist es gerade das naheliegendste, was am ehesten dem Menschen entgeht und am wenigsten von ihm geschätzt wird. So ist man auch erst .im letzten Jahrzehnt darauf gekommen, das Sonnenlicht in der Medizin zu verwerten. Auf die komplizierteren Anivendungsformen, welche die Verwendung von Apparaten und die Kenntnis einer gewissen Technik sowie überhaupt medizinische Kenntnisse zur Voraussetzung haben, wollen wir hier nicht eingehen, wohl aber wollen >vir den Leser auf eine Einrichtung aufmerksam machen, die ohne große Vorkehrungen überall anzuwenden ist, und deren Heilwert außer Zweifel steht: Es sind dies die sogenannten Sonnenbäder. Die Anwendung ist äußerst einfach. Mau sucht sich einen Fleck, welcher von der Sonne hell bestrahlt ist, und lagert sich dort, nachdem man sich der Kleider entledigt hat. Der Kopf ist zur Vermeidung von Sonnenstich durch' einen Hut mit breiter Krämpe, eventuell durch einen Schirm zu schützen. Vollblütige Leute tun auch gut, gleichzeitig eine nasse Kompresse auf die Stirn zu legen. Da das zerstreute Sonnenlicht viel geringere Wirkung besitzt, als das direkte, empfiehlt es sich nicht, sich im Schatten zu lagern. Anfangs muß man vorsichtig sein und den Körper nur kurze Zeit dem Lichte aussetzen, da sonst schmerzhafte Rötungen und Schwellungen der Haut auftreten können. Kommt etwas derartiges vor, so ist die betreffende Stelle mit Vaselin oder Lanolin einzufetten, und die Sonnenbäder sind bis zur Wheilung, die tu wenigen Tagen erfolgt, auszusetzen. Das, was zu diesen Bädern unbedingt notwendig ist, recht viele schöne Tage mit warmem, goldigem Sonnenschein, haben wir ja in diesem Sommer bereits gehabt und werden sie, wenn nicht alles täuscht, auch auf längere Zeit noch weiter genießen können. verrnischtss. * Das drehbare Haus. Ein eigenartiges Haus wird demnächst auf Long Island, am Strand der Liddle Neck Bay, erstehen, das Sommerhaus des Juweliers Wilhelm Reimann. Es wird ein drehbares Haus werden, auf einer großen rotierenden Platte ruhend, die durch Elektrizität bewegt werden kann, so daß es möglich wird, die einzelnen Zimmer je nach Laune der Sonne oder deni Schatten öder der kühlen Seebrise zuzukehren. Ter Architekt True, der die Ausführung übernommen hat, war für das Projekt sofort begeistert und stellte alsbald Versuche an, die gute Erfolge ergaben. Die Villa wird nicht mehr als etwa 110 000 Mark kosten. Ter Gedanke ist übrigens nicht völlig neu. Schon vorher hat ein Mr. Bxace aus Meyersvill bei Chatham sich ein ähnliches kleines Häuschen konstrilieren lassen, das aber bald durch einen Unglücksfall in Flammen aufging. Außerdem soll der gute Mr. Brace, der Alkohol liebte, manchmal bedauert haben, daß die Tür jeden Tag wo anders war. . . . * Auch ein Duell. Sobald in Kvrdofan im Sudan zwei Uttige Männer um ein Mädchen freien, kommt es in der Regel zu etnenl eigentümlichen und sehr empfindlichen Zweikampf, der jedenfalls einen hohen Grad vcn Leidenschaft u.Stoizismus erfordert.Nachdem die beiderseitigen Freunde vergebens alles aufgeboten haben, uni eine Versöhnung herbeizuführen, wird auf einem freien Platze ein drei bis, vier Fuß hohes Podium errichtet, auf welchem dre Rivalen einander gegenüber Platz nehmen, während ihre sämtlichen Freunde und Verwandten sich rings umher gruppieren. Daun wird jedem der beiden eine große Peitsche aus Nilpferdhaut emgehäudigt und das Signal znm Beginn des Kampfes gegeben. Das Los entscheidet, wer den ersten Schlag austeilen darf, und dieser wird mit aller Kraft geführt, deren der Betreffende mächtig ist, doch mit stoischem Gleichmut ausgenommeii und erwidert. ^u dieser Weise nimmt das Duell seinen regelmäßigen Fortgang, und es ist gräßlich mit anzuseheit, wie die Haut der Kampfenden alsbald in Fetzen gerissen wird. Doch über ihre Lippen kommt kein Klagelaut. Auch die Zuschauer bleiben vollkommen ruhig, und das Peitschenduell wird fortgesetzt, bis einer der beiden Gegner die Waffe sinken läßt. Dann wirft auch der 1 Sieger die seine fort, beide reichen einanbet die Hand zur Versöhnung. die Freunde wüufcheil ihnen Glück und Heil, die Wunden werden ausgewaschen und die Kampfzeugen beschließen den Tag mit einem zu Ehren der tapferen Kämpen abgehalteiteii Trinkgelage. Der Sieger führt natürlich die Brant heim. Für die Hausfrau. — „Die s ch in a ck h a f t e Küche ohne F l e i s ch", 125 Rezepte, nahrhaft und billig. Verlag P. Ziminermann, Chemnitz °K. Dieses winzige Kochbüchelehen, das nicht nur für die vegetarische, sondern auch für die gemischte Küche bestimmt ist, wird unseren Hausfrauen eine Erleichterung in der Speisenwahl bringen. Sein praktischer Inhalt ist leichtverständlich geschrieben, so daß auch die ungeübteste Köchin danach kochen kann. Gesundheitspflege. — Das Geschlechtsleben des Mannes als Ursache der Nervosität. Ein ernstes Wort an die Männerwelt. Von Ur. med. Prager, Barmen. (Karl R. Vogelsberg, Leipzig.) Dieses Schcistchen kann ich allen jungen Leuten/ wie auch allen Ehemännern und ältere» Hagestolzen nur warm empfehlen. Der Verfasser behandelt die heikle Frage in ernstem Tone, der nicht die Patienten zu Melancholikern u. s. w. macht, sondern er spricht ihnen Mut zu und zeigt den Weg der Heilung. Die Broschüre verdient weiteste Verbreitung, sie bringt Segen und verhütet Unheil, erreicht also den Zweck, welchen derartige Bücher erfüllen sollen. Dr. Schw. * Das beste Nahrungsmittel. Gute M i l clj ist bekanntlich das beste, aber auch das billigste Nahrungsmittel. Bant sich doch der menschliche Körper sein ganzes erstes Jahr über nur allein aus Milch auf und nimmt dabei um das Doppelte bis fast Dreifache au Gewicht zu. Manche Leute behaupten nun, die Milch sei ihnen nicht bekömmlich, und leider gibt es attch Kinder in Menge, die von der Milch nichts wissen wollen, da sie ihnen anscheinend Magenbeschwerden verursache. Au alledem trägt aber dis. Milch keine Schuld. Milch ist nur daun schwer verdaulich, wenn sie schnell getrmlken wird. Es entsteht hierbei im Magen ein dicker Klumpen geronnener Milch, der den Verdauungssäften nur sehr schwer zugänglich ist und deshalb natürlich Unbehagen verursacht. Milch muß man stetK langsam, schluckweise trinken, damit sie mit dem Speichel ditrchmengt wird. Ans letzterem Grunde empfiehlt es sich auch, etwas trockenes Brot oder Semmel dazu zu kauen. Wer nach dieser Weise verfährt, wird nientals wieder über die Unbekömmlichkeit der Milch sich beklagen. Gedanke« Balzacs. Die Gefellfchast ist mehr Rabenmutter als Mutter. Sie verehrt am meisten die ihrer Kinder, die am meisten ihrer Eitelkeit schmeicheln. Tie künstliche Eleganz ist im Vergleich zur natürlichen wie die Perücke und das wirkliche Haar. * Im allgemeinen wenden sich Vertraulichkeiten viel mehr nach unten wie nach oben hin. Man verwendet viel eher seine Untergebenen wie seine Vorgesetzten in seinen geheimen Angelegenheiten. Sie werden gewissermaßen die Mitschuldigen unserer geheimen Gedanken, sie wohnen unser» Beratungen bei. Rätsel. Wie drängt das Schaffen und Ringen Hin nach bein Rätselwort! Es spornt des Menschen Streben Zn Taten immerfort. Tilgst du das erste Zeichen, Siehst du das Wort am Baum; Auch kannst du's schau'» als Pflanze Auf weiter Felder Raum. Tilg' auch das zweite Zeiche», So strahlt in Hellem Kleid Des Deutschen Lust und Freude, Des Winters Herrlichkeit. A. A m m a n n. Auflösung in nächster Nummer/ Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Kleid - Leid — Eid. Redaktion: P. Witt ko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühk'scher Universttäts-Buch- und Steindruckereh R, Lange. Gießen.