1908 M.85 Wirket, so lange es Tag ist. Roman von Maximilian Böttcher. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Isabella fühlte, wie ihr die Beklemmung schon wieder bis zum Halse emporstieg. ,Deine zukünftige Schwiegermutter!' Es war ihr, als wisperten es höhnische Stimmen in allen Ecken des kunterbunten Kramladens. Doch sie gab sich einen Ruck, streckte Frau Vollrath über den Tisch weg die feinbehandschuhte Rechte hin und sagte: „Ich wollte einmal selbst nach Ihrem Herrn Sohn sehen und ihm ein paar Rosen bringen. Ich weiss, er hat Rosen so gern." Frau Vollrath brummelte etwas Unverständliches und ging durch ihr Wohnstübchen voran in das grosse Zimmer, das sie einst so reich und hübsch für den Heimgekehrtcn ausgcstattet hatte, in dem aber nun nicht viel mehr Möbel als ein Bett, ein Tisch und ein paar Stühle standen. Heinz- lag in seiner Leidensstatt noch immer auf derselben gesunden linken Körperseite, auf der er nun schon fast drei Wochen liegen mußte; denn bi.1 Wunde in der rechten Schulter vertrug noch keinen Druck und keine Berührung. Selbst ein Bewegen des Armes hatte Dr. Schröder untersagt — eine unnötige Vorsicht übrigens; denn es verbot sich schon von selbst durch den Schmerz, den der leiseste Versuch dazu im Gefolge batte. So lag Heinz gleichsam gelähmt; und die. Spuren der Zeit, die er durchgemacht hatte, erschienen deutlich ausgeprägt auf seinem wachsbleichen Gesicht mit den schmalen Wangen, den eingesunkenen Schläfen und dem spitzen Kinn. Durch Isabellas Kopf zuckte der Gedanke: ,wie elend er aussieht, nicht im geringsten mehr so hübsch wie früher'; imb daß Martha Bartikow vor seinem Bett saß, ihm aus einem Teller'Kraftbrühe oder etwas dergleichen einflößte, verursachte ibr eilt Gefühl heißen Zornes. Blitzschnell glitt ihr Blick über Gestalt nnd Züge der „schönen Pflegerin" hin. Gewiß, ein ganz hübsches Mädchen, nur ein wenig zu starkknochig nach ihrem Geschmack und dann — mit dem Bilde, das ihr selbst der Spiegel täglich und stündlich zurückwars, nicht zu vergleichen. Mas Werner sich da wieder mal eingeredet hatte. — — — Mit gemessener, etwas herablassender Höflichkeit verbeugte sie sich vor Martha, die von ihrem Stuhle aufgestanden war, und trat zu Heinz, ein Lächeln freundschaftlich-teilnahmsvollen Interesses auf den Lippen. „Werner ist heut verhindert, Sie zu besuchen. Darum komme ich, Ihnen zugleich mit seinen Grüßen einen Gruß aus unserm Garten zu bringen." Behutsam legte sie den Rosenstrauß auf sein Bett, dabei- flüchtig, unabsichtlich gleichsam, seine blasse Hand berührend. Heinz' Antlitz wurde von der jähen Röte freudiger Ueber- raschung überflutet, seine Augen glänzten. „Tank, tausend Tank", t flüsterte er. Er versuchte, die Hand zu heben ,mußte sie aber, von Schmerzen gequält, rasch wieder sinken lassen. Draußen schlug die Türglocke an; Frau Vollrath wurde schon wieder in ihren Laden gerufen. Martha stellte den Teller, den sie so lange in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch. Trotz bäumte sich auf in ihr. Sie hatte den flüchtigen Ans- druck der Geringschätzung, mit dem Isabellas Augen sie gestreift, wohl bemerkt; denn genau, forschend, durchdringend, hatte sie ihren Blick aus das Antlitz der schönen Zauberin gerichtet, um zu ergründen, womit sie eine so betörende Wirkung auf die Männer ausübte. Eine Weile verharrte sie auf ihrem Fleck, entschlossen, im Zimmer zu bleiben und der bevorzugten Nebenbuhlerin dadurch jedes zärtlich-vertrauliche Gespräch mit Heinz unmöglich zu machen. Daß Isabella Heinz ebensosehr liebte wie er sie, unterlag' für Martha keinem Zweifel mehr. Seit Monaten pfiffen es ja von Fichtenhöhe bis Schönaue alle Spatzen von den Dächern, daß „die Schloßprinzessin bis über beide Ohren in den Hülfsprediger vernarrt wäre", und die „tausend herzlichen Grüße", die Werner täglich brachte, verrieten, ihr das heimliche Einverständnis zwischen den Liebenden immer aufs Neue. Und wenn sich die Hochmütige auch noch so gut verstellen konnte — die Verlegenheit, in der sie schweigend, die Lider gesenkt, vor Heinz stand, bewies deutlich genug, wie sehr sie sich nach einem, wenn auch noch so kurzen, Alleinsein mit dem geliebten Manne sehnte. Martha kniff die Lippen zusammen. Nein, sie würde das Zimmer nicht verlassen! . . . Aber schließlich errang doch die Rücksicht auf Heinz in ihr die Oberhand. „Tu ißt wohl nachher weiter?" fragte sie ihn, nahm, ohne seine Antwort abzuwarten, den Teller vom Tisch und ging hinaus. „Tas . . . das Fräulein duzt dich?" stieß Isabella hervor, nachdem die Tür sich hinter Martha geschlossen hatte. „Wir kennen uns von Jugend auf," antwortete Heinz. Isabellas Brauen zuckten auf und nieder. „Und ich . . . ich soll nicht das Recht haben, dich du zu nennen!" „Du weißt, weshalb," gab Heinz zurück. In seiner physischen Schwäche und in der Glücksstimmung seiner erfüllten Sehnsucht fühlte er sich außerstande, auf dem starren „Sie" zu beharren. „Aber ich nehme mir das Recht!" fuhr Isabella fort. „Meinem Vater habe ich mich erklärt gleich am Tage nach unserer Aussprache: er hat nichts gegen unsere Verbindung." In des Kranken Antlitz, das längst wieder blaß geworden war, schoß von neuem Röte, seine Augen blickten ernst. „Ich soll Vertrauen zu dir haben," flüsterte er „soll mich auf deine Kraft verlassen für ein ganzes langes. Leben, und du bist nicht einmal imstande, einen Vertrag vieruudzwanzig Stunden, lang inne zu halten!" Isabella zog die Stirn in Falten. „Ich bin nicht hierher gekommen, nm mir Vorwürfe von dir machen zu lassen," schmollte sie. „Und wenn ich mich Papa offenbarte, so geschah es unter dem zwingenden Einfluß der Nachricht von deinem Unglück." In dem plötzlich wieder über sie kommenden Gedanken, daran, daß Heinz das, was er litt, doch 338 eigentlich um ihretwillen litte, schlug ihre Stimmung jäh ins Sanfte, Versöhnliche um. „Ich konnte mich nicht fassen," fuhr sie in schmerzvollem, fast verzweifeltem Ton fort, „ich wollte zu dir; — mit Gewalt hielt uian mich zurück. Wenn ich heute noch denke, du hättest mir sterben können, und ich . . . ich wäre im gewissen Sinne schuld daran gewesen, nicht eine Stunde hält' ich weiter leben können ohne dich!" Tränen erstickten ihre Stimme, und sie beugte sich über Heinz, seine Stirn und seinen Mund mit Küssen zu bedecken. „Wie kommst du darauf, dass du die Schuld trügest an dem, was mir zugestoßen ist?" fragte Heinz, als sie ihn endlich wieder sreigegeben hatte. „Ich wüßte nicht, inwiefern du auch nur im geringsten ....-." „Ach, du Lieber, du Einziger, tote kannst du fein Komödie spielen!" unterbrach sie ihn rasch und doch mit einem so glücklichen Lächeln, als bereite ihr die Vorstellung, daß der Geliebte für sie durch Schmerzen und Todesgefahr gegangen, ein Gefühl der Seligkeit, das sie sich auf keinen Fall rauben lassen wollte. „Aus welchem Grunde sonst, als weil du ihn für seinen frechen Angriff auf mich gezüchtigt hast, hätte Bartikow dich überfallen sollen?" „Ich weiß nicht, ob Bartikow der war, der mich überfiel," entgegnete Heinz, an Isabella vorbei ins Leere starrend. „Es war dunkle Nacht, als das Messer mich hinterrücks traf. Ich kann niemand mit Sicherheit beschuldigen . . . ." Schon seit Tagen Wie er sich zu dem Entschluß durchgerungen, weder Anzeige gegen den Jugendfreund zu erstatten, noch ihn auf Befragen zu verraten. „Alles begreifen heißt alles verzeihen," „und vielleicht .... wenn der in die Irre Gegangene sah, daß seine Untat ihm von dem vergeben wurde, gegen den sie gerichtet war, wenn er dessen inne wurde, daß nicht der Haß allein, sondern auch die Güte die Welt regierte .... vielleicht entzündete diese Erkenntnis ein neues Licht in seinem Herzen, das ihn zurückführte auf den rechten Weg." '• „Aber hat man dir denn nicht gesagt-, daß Bartikow seit dem Abend deiner Verwundung auf und davon ist?" fragte Isabella. Ihre Stimme klang erregt; es entging ihr nicht, daß Heinz ihrem forschend auf sein Antlitz gerichteten Blick auswich, — ein Argwohn schien ihre Seele zu beschäftigen. „Gewiß hat man mir's gesagt," gab Heinz zurück; „aber das ist kein Beweis für mich. Bartikow kann sich davon gemacht haben aus Furcht, daß man ihn für seinen Angriff auf dich zur Rechenschaft ziehen würde." „Tas ist ja Unsinn," lachte Isabella. „Du selbst hast mir und Werner damals auseinandergesetzt, daß man den Patron für feine Frechheit schwerlich belangen könnte. Ich begreife überhaupt nicht, weshalb du ihn fortwährend in Schutz nimmst. Es kann doch gar kein Zweifel bestehen, das; nur e r und kein anderer den feigen Meuchelnwrd versuchte. Wer sonst als dieser Bube sollte wohl auf den Gedanken kommen, dir ein Leid zufügen zu wollen, dir, der dn allen Menschen nur Gutes tatest?" In ihren Augen leuchtete eine dunkle Glut,-- ihre Brust wogte, und plötzlich stieß sie heftig heraus: „Nimmst du vielleicht Rücksicht auf seine Schwester, auf das liebenswürdige Fräulein, das dir so hingebende und aufopfernde Pflege angedeihen läßt?" Des Kranken Gesicht war noch blasser geworden; eine Weile verging, ohne daß er imstande geivesen wäre, einen Laut über die Lippen zu bringen. Endlich sagte er, zürnend und bittend zugleich: „Isabella!.....“ „Ich will nicht, daß dieses Mädchen noch länger um dich ist", murrte sie, „Tie Leute erzählen, du hättest sie früher gern gehabt .... unzertrennlich wäret ihr gewesen- Sie soll fort, auf der Stelle. Ich werde eine andere Pflegerin kommen lassen. Niemand soll ein Anrecht an dich haben, als ich. Und sobald mein Vater von seiner Reise zurückgekehrt ist, soll er dich aufsuchen. Sofort. Ihr werdet euch aussprechen, und gleich danach gibst du unsere Verlobung bekannt. Bitte, bitte, schlage mirs nicht ab! Ich habe mich lange genug geprüft; ich weiß, was ich will. Ich frage nichts nach Glanz und Reichtum; ich will nur dich!" Und wieder beugte sie sich herab und küßte ihn heiß und verzehrend. Als sie sich mit Tränen in den Augen wieder aufrichtete, sagte Heinz: „Ich muß dir deine Bitte dennoch abschlagen, Isa, so gern, so von Herzen gern, ich gewiß alles täte, was du von mir verlangst. Martha Bartikow kann und darf ich den Stuhl nicht vor die Tür setzen. Sie hat mich wirklich so treu und aufopfernd gepflegt, daß es ihr ins Gesicht schlagen hieße, wollte ich ihr jetzt sagen: Komm, bitte, nicht mehr wieder. Ich habe aber auch kein Recht dazu, weil ich selbst nur Gast bin im Hause meiner Mutter, und weil meine Mutter Martha so lieb hat, als wäre sie ihre eigene Tochter. Wenn die Leute erzählen, Martha und ich wären früher unzertrennlich gewesen, so ist das übertrieben. Immerhin aber.....ich habe sie gern gehabt — ich sagte dir ja, wir sind befreundet von Jugend auf —, und ich habe sie heut' noch gern, etwa wie man eine Schwesters gern hat." Er machte eine Pause, sich von dem langen Sprechen, das ihn sehr angestrengt hatte, zu erholen. Aber mehr noch als er körperlich unter seiner Schwäche und der jetzt doppelt schmerzlich empfundenen Unfähigkeit, sich zu bewegen, litt, litt er seelisch unter dem Mißtrauen und dem zähen Trotz Isabellas, die schweigend, den Blick finster ins Leere gerichtet, vor ihm stand und brütend an ihrer eingekniffenen Unterlippe nagte. Und er dachte voll Bitterkeit: ,Wie rücksichtslos von ihr, dich mit all diesen Dingen zu quälen, so lange du krank und hülslos bist.' Mit dem Aufwand seiner letzten Kraft fuhr er endlich fort: „Mit deinem Vater will ich mich gern aussprechen. Doch braucht er sich darum nicht zu mir zu bemühen. Denn ich werde zu ihm kommen, sobald ich nur erst wieder das Bett verlassen kann. Nachdem du dich ihm anvertraut hast, erkenne ich es natürlich als meine nnabweisliche Pflicht, ihm klar darzulegen, wie ich zu dir stehe, wie ich über unsere Zukunft denke. Doch wisse" — seine Rede wurde stoßweis, abgerissen — „wie meine Unterredung mit deinem Vater auch endigen mag, — au dem, was wir beide — miteinander vereinbart haben, — kann ich nichts ändern. — Tu mußt dich noch prüfen, — reiflich mußt du dich noch prüfen, — ich sehe es jetzt deutlicher — als je vorher!" Er brach ab, seine Lippen bewegten sich noch ein paarmal lautlos; dann fielen ihm die Augen zu. Isabella erschrack bis ins Herz, als sie den Ausdruck tiefster Abspannung und Erschöpfung gewahrte, der sich über des Kranken Züg-e gelagert hatte. „Mein ®ott,_ Heinz, mein Heinz", rief sie, ganz außer sich, und faßte seine Hand, „wie kannst du dich denn so erregen ? . . . Ich bitte dich . . . vergib mir, vergib mir doch . . . Ich wollte dich ja gewiß nicht kränken.-" Eben trat Fran Vollrath ein. Einen prüfenden Blick schickte sie über Isabellas Antlitz weg zu Heinz hin, trat dann rasch an fein Bett und legte ihm sie runzlige, zerarbeitete Hand behutsam auf die Stirn. „Fühlst dich schlecht, mein Junge?" fragte sie, und Angst und Entrüstung zugleich bebten durch ihre Stimme. „Es ist schon wieder vorüber, Mütterchen", antwortete Heinz, hob mit offenbarer Anstrengung die Lider und versuchte zu lächeln. „Sie dürfen mir's nicht Übelnehmen, Fräulein", wandte sich Frau Vollrath in fast unfreundlichem Ton an Isabella; „aber der Doktor hat mir auf die Seele gebunden, ich soll niemand Fremdes länger als ein paar Minuten bei meinem Sohn lassen." „Es tut mir furchtbar leid . . . Ich. - . ich. . . wenn ich gewußt hätte . . ." stotterte Isabella und verabschiedete sich rasch mit einem Gefühl der Erbitterung und des Zornes auf diese Frau, gegen die sie vom ersten Augenblick an insttnitive Abneigung empfunden hatte, wie sie sich jetzt erst eingestaiid. Frau Vollrath sah ihr mit einem finsteren Blick nach; dann setzte sie sich an ihres Sohnes Bett und faltete die Hände. ,Tas ist keine Frau für ihn', dachte sie, ,die macht ihn nicht glücklich, nun und nimmermehr. Und ich . . . ich habe kein Anrecht mehr an meinen Sohn wenn die seine Fran wird.' (Fortsetzung folgt.) Aus Heinrich Dernburgs Studentenzeit. (Schluß.) Mit dem Verpuffen der Frankfurter Bewegung war indessen den Behörden der entsunkene Mut wieder gekommen. Das erste Exempel sollte an Heinrich Dernburg vollzogen werden. Er saß, als ich nach Gießen zurückkam, in der Tat hinter Schloß und Riegel in dem Arresthause, das noch heute nächst dem Gießener Bahnhofe zu sehen ist. Ganz Gießen war voll von der Geschichte. Das Haupt der roten Arbeiterpartei, ein kleiner, verwachsener Schuster, aber ein gewaltiger Redner, sprach von dem edelsten Sohne Gießens, der in der Bastille aus dem Seltersweg schmachte, und drohte, ihn gewaltsam zu befreien. Die Bastille war indessen nicht gar so schrecklich. Von Verehrern und Verehrerinnen lvurde er mit Gaben und Sendungen überschüttet. Er wurde dann vor das Schwurgericht gestellt, das erste, das im rechtsrheinischen Hessen tagte. Ein Führer der Konservativen hatte seine Verteidigung übernommen, er wußte die Geschichte als einen unbesonnenen — 339 Jugendstreich den Geschworenen darzustellen, und sie gaben ihn frei. Von dem in den Fluten der Nidder verschwundenen Karabiner war glücklicherweise nicht die Rede. So ging der Winter 48/49 dahin. Heinrich Dernburg hatte sich bereits mit leidenschaftlichem Eifer an der Hand unseres Vaters, der sein juristischer Lehrer und Freund war, in die Geheimnisse der Jurisprudenz vergraben und setzte jedermann in Erstaunen durch die instinktive spielende Sicherheit, womit er ihre Probleme entwirrte, und die künstlerische Hand, mit der er aus der Mosaiksammlung der römischen Pandekten organische Gebilde neu zu schaffen verstand, seine Phantasie arbeitete dem nachspürenden Verstand in seinen historischen Forschungen stets voraus. Der Politik schenkte er nur noch ein nebensächliches Interesse. Da trat das deutsche Problem in eine neue Phase, die Heinrich Dernburgs Recht'sgefühl wie sein vaterländisches Empfinden in gleicher Weise aufregte. Die Reichsverfassung war beschlossen, ein Kaiser war gewählt. Aber schon war es klar, daß, alles auf dem Papier bleiben würde, wenn nicht eine die ganze Nation umfassende Bewegung jeden Widerstand unmöglich machte. Vereinzelt schlugen die Flammen schon in Deutschland auf. Nun galt es, die noch Zögernden fortzureißen. Die Stimmung in Deutschland war keineswegs hoffnungsfreudig. Aber war es nicht Ehrenpflicht derer, die so oft von Deutschlands Einheit und Freiheit geredet hatten, in der Stunde der Entscheidung auch mit der Tat dafür einzustehen? Es waren nicht die schlechtesten, die so dachten, aber wie in kritischen Zeiten die Regel, die wenigsten. Auf der Bude von Heinrich Dernburg versammelten sich die nächsten Genossen zu einem Kriegsrat. Moritz Bardeleben war nicht mehr darunter, er hatte den gefährlichen Boden Gießens verlassen und sich nach seinem geliebten Breslau gezogen. Karl Hillebrand war da und einige andere. Auch der Redakteur des „Jüngsten Tages", der rote Becker. Man beschloß, sich deut Aufstand in Baden anzuschließen und alsbald aufznbrechen. Nur der rote Becker entschuldigte sich, er hatte eine feine Witterung, daß da unten nichts zu holen sei; er müsse in den Vogelsberg, dort die Bewegung zu organisieren. Er bewaffnete sich mit ein paar Weinflaschen aus unserem väterlichen Keller, die auf dem Tische standen und verschwand. Ich weiß nicht, ob er in Gießen überhaupt wieder aufgetaucht ist. Trotz seines großen Bartes und seines lapidaren Stils im Bierbaß mag er kein großer Held gewesen sein. Er war in der Demagogenverfolgung glimpflich durchgekommen und hatte dann in der Schweiz gelebt. Seine Kameraden munkelten, daß er, in der Untersuchung „gepfiffen" habe. In dem nordamerikan. Sezessionskrieg ist er als Feldprediger eines deutschen Regimentes noch einnial genannt worden. Gott habe ihn selig. Als er zur Tür hinausging, sagte er zu mir, der vhrenspitzend dabeistand: „Höre einmal, Kleiner, du machst mir in den nächsten Tagen mein Blatt!" Dem ehrenvollen Auftrag kam ich natürlich nach und verdiente mir in den Jahren der Unterprima meine ersten journalistischen Sporen als Leiter des großen Revolutionsblattes. Der Setzer weihte mich in die Geheimnisse von Schere und Kleisterpinsel ein; viel Kopfzerbrechen gehöre nicht dazu, alles komme auf den Druck und die großen Bilchstaben an. So schnitt ich denn aus dem Haufen von Zeitungen lauter Siegesnachrichten heraus, wozu namentlich der ungarische Aufstand das Material lieferte, verband das Ganze mit den zurzeit odenschwimmenden Kraftworten und hatte eine Zeitung redigiert. Zu meiner vollen Befriedigung. Der Verleger stellte nach einigen Tagen ihr Erscheinen ein. Unterdessen war der Jammer im elterlichen Hause über den entschwundenen Sohn von Tag zu Tag größer geworden. Man hatte ihn schon, glücklich der Politik entronnen, in den Hafen des Studiums eingelaufeu geglaubt, und nun dieser Rückfall. Ich konnte es nicht länger mehr ausehen und beschloß den Versuch, meinen Bruder aus einem Unternehmen zurückzuholen,. dessen Hoffnungslosigkeit täglich offenbarer ward. Ich entriß dem Vater, der befürchtete, auch den zweiten Sohn im revolutionären Abgrund verschwunden zu sehen, die Erlaubnis und ging aus, meinen Bruder zu suchen. Zunächst wandte ich mich nach Frankfurt und ließ mir von einem mir bekannten demokratischen Führer eine Einführung bei dem Haupt der badischen Revolutionsregierung, dem „Bürger" Brentano, und ich weiß nicht, was für anderen Bürger geben. Mein Bekannter überwies mich einer Art von Revolutionsagentur in Frankfurt, die mich wohl für einen jugendlichen Rekruten der guten Sache nehmen mochte. Der direkte Weg nach Baden war durch die vorrückenden Preußen und Hessen gesperrt. So ward ich zunächst nach Hanau dirigiert. Das revolutionäre Hauptquartier daselbst war die Turnerkneipe. Dort herrschte ein geschäftiges Treiben, ein geheimnisvolles Kommen und Gehen. Ich merkte, daß etwas Besonderes vorging. Am anderen Morgen hörte ich, daß in der Nacht die Hanauer Turner ein paar hundert Mann stark nach Baden abgerückt seien. Sie haben sich dort bei Hirschhorn mit den Hessen herumgeschlagen. Am Ufer erwartete ich dann das Schiff, das mich main- aufwärts nach Wertheim bringen sollte. Da nahte es heran, über und über beflaggt wie ein Hochzeitsschiff, Böllerschüsse kündeten es an und begleiteten seine Fahrt. Es war das Schiff, das die Reste der Nationalversammlung und die neubestellten Reichsregenten nach Stuttgart zu führte. Der Präsident des Rumpfparlaments war darunter, der prächtige Wilhelm Löwe-Calbe, mit dem ich später im Reichstage sitzen sollte, Karl Vogt und andere Zelebritäten, auf deren Namen ich mich nicht besinnen kann. Doch war das Rumpfparlament, wie es hernach in Stuttgart tagte, ziemlich vollständig beisammem Auf dem Verdeck becherte man, scherzte und sang. Lustig lag die Sonne auf dem glitzernden Strom zwischen seinen Rebenhügeln, den beflaggten Dörfern und Städtchen. An den Haltestellen des Bootes drängte sich die Bewohnerschaft, Reden wurden gewechselt, Hochs ausgebracht und Weinflaschen in das Schiff gereicht. Alles wie eine lustige Studentensuite. Nichts von Ernst und doch fuhren viele der Männer einem schweren Schicksal entgegen. Vielleicht eine Art von Galgenhumor vor einem verzweifelten Unternehmen. In Wertheim, wo ich ans Land stieg, wurde ein Mann int Drillichanzug aus dem Maschinenraum des Schiffes herausgeholt und mir übergeben. Es war ein Deserteur der österreichischen Garnison in Mainz, ich sollte ihn mit nach Heidelberg nehmen und teilte den Wagen mit ihm bis Heidelberg. Er war still vor sich hin und verschüchtert, ich konnte nur wenige Worte aus ihm herausbringen. Von Zeit zu Zeit begegnete man Haufen in Debandade geratener badischer Soldaten, dick^lärmend und singend umherzogen. Heidelberg glich einem Feldlager. Auf den Straßen und Plätzen brannten die Wachtfeuer, darum gelagert Soldaten, Freischaren und Turner, im Hintergrund das alte Schloß und darüber der glitzernde Sternhimmel. Wie sollte ich in diesen bunten Hänfen den Bruder finden! Den anderen Tag in Karlsruhe. Auf den Straßen die gewohnte Stille. Nur an den Ministerien und Regierungshäusern ein gewisses Leben. Dort hatten sich die revolutionären Gewalthaber etabliert, der Kriegsminister, der Minister des Inneren, der Generalstab. Man passierte in allen Bureaus, ohne daß es einer Empfehlung bedurfte. Ich hatte eine Ahnung, daß die Gesuchten sich bei dem Oberst Bleuker befinden könnten, einem Wormser Weinhändler, der ein Freikorps bilden wollte. Ich fragte nach ihm in allen Bureaus; aber niemand wußte mir zu sagen, wo der Oberst zu suchen sei. Ich !var am Ende meines Lateins. In diesen wirren Haufen einen Einzelnen zu finden, das war, wie wenn man eine Nadel in einem Heuhaufen suchen will. Mit Schmerzen dachte ich, daß ich ohne den Bruder nach Hause kehren müsse. Da fiel mir bei, daß Karl Hillebrand in Straßburg Bekannte hatte. Der Verkehr dorthin war frei in jenen Tagen. Dort hoffte ich vielleicht eine Spur zu finden. So fuhr ich nach Kehl und ehe ich die Rheinbrücke passierte, trat ich in eines der Wirtshäuser, das schwarze Lamm, um mich, etwas zu erfrischen, ich frug mehr aus Gewohnheit, als weil ich etwas zu erfahren glaubte, nach den Gesuchten. Natürlich erkannte man die beiden alsbald nach meiner Beschreibung, ja hier wohnen sie seit einigen Tagen, eben sind sie an den Rhein spazieren gegangen. Da standen sie schon vor mir. Mein Bruder !var starr. „Junge, wo kommst du denn her, Unglückswurm, was fuchst du hier?" rief Karl Hillebrand. Ich explizierte mich. Ich fand den Boden besser vorbereitet, als ich dachte. Die beiden hatten sich Bleuker zur Verfügung gestellt und sollten in Kehl Order über ihre Verwendung erwarten. Aber diese Order blieb aus. Schon verzweifelten sie angesichts der Sachlage am Ausgang, am anderen Tage wollten sie sich dem ersten besten Freikorps anschließen. Ich wurde beredt. 340 ich schilderte die Torheit des Unternehmens, die Verwirrung, die ich überall gesehen, den Jammer der Eltern. Karl Hillebrand selbst setzte dem Bruder zu, mit mir zurückzu- geheu, sein Studium aufzunehmen. Er selbst hatte noch kein Verhältnis zu einer Wissenschaft, die Rückkehr nach Gießen war ihm verhaßt und ein abenteuernder Sinn trieb ihn weiter. Wir teilten redlich mein Reisegeld, aus dem zuerst die Rechnung im Schwarzen Lamm "beglichen wurde, dann schieden wir. Karl Hillebrand erhielt in der Tat eine hervorragende Stellung nächst den Führern, wurde in Rastatt gefangen, vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Umsonst bemühte sich seine Schwester um Begnadigung. Da gelang ihm eien kühner Fluchtversuch. Mit einem landeskundigen Mitgefangenen entsprang er der Kasematte, schlängelte sich durch die Fortifikation, gelangte ins Freie und an den Rhein. Fischer vom Elsässer Ufer, die mt einer Rheininsel hielten, holten ihn auf sein Rufen und Winken über, gerade noch, ehe die ihn verfolgenden Gendarmen am Strom anlangten, die dem Boot noch ein Paar Schüsse nachsaudteu. Ich aber hätte den Bruder, und mein Herz schwoll vor Freude. Wie ihn aber sicher durch die badischen unb penß. Linien nach Hause bringen? Wir schlugen uns hinter Karlsruhe auf das linke Rheinufer, vermieden die großen Straßen, gelaugten glücklich bis Frankenthal, machten einen Umweg um Worms, und ließen uns hinter Oppenheim auf das rechte Ufer übersetzen. Wir waren im Rücken der Kombattanten und pilgerten unsere Straßen wie junge Leute auf einer Ferienreise. Die letzte Station von Frankfurt nach Gießen legten wir in dem Privatomnibus, die Blamage genannt, zurück. (Die Eisenbahu kam erst Jahre darauf.) Tief in der Nacht langten wir in Gießen an. Die elterliche Wohnung lag Parterre im großen Eckhaus an der Wieseck. Den Weg durchs Fenster kannten wir Erfahrung. Wir stiegen ein und schlüpften todmüde in die Betten'. Am Morgen ging unser Vater in seiner Betrübnis durch die leergeglaubten Stuben. Er hatte keine Nachrichten erhalten und gab schon alle Hoffnung auf. Da lagen sie beide, der zurückgekehrte Sohn, der Liebling, und ich, der junge Springinsfeld, dem das Wagestück unvermutet gelungen ... Das waren die entscheidenden Tage im Leben von Heinrich Dernburg. Wäre ich nich? in jenen Augenblicken mit den Mitteln, ihn heimzuholen, bei ihm erschienen, so blieb er in den Aufstand hiueingezogeu, das Flüchtlingsleöen hatte ihn verschlungen, wenn er nicht gar die Gefahr Karl Hillebrands geteilt hätte. Die Pandekten und das Bürgerliche Recht wären wohl ungeschrieben geblieben. Karl Hillebrand war schließlich einer der Bevorzugten unseres krou- prmzlichen Paares geworden, das ihn vergeblich nach Deutschland zu ziehen versuchte. Mein Bruder trat den Weg an, der ihn schließlich auf den ersten Lehrstuhl des Rechtes in Deutschland führen sollte. Er konnte die Rechtsanschauungeu, die sich bei seinem Vater gebildet hatten, und denen dieser Unter der Ungunst der Verhältnisse keme methodische Entwickelung geben konnte, von einer hohen Warte aus verkünden itni) so dem väterlichen Lebenswerk Abschluß und Vollendung geben. Heinrich Dern- burg ging nach Berlin, er trat in die Streife von Savigny. xyit oiefer Umgebung ging ihm der Sinn aus für das, was em Staat, der preußische Staat ist und bedeutet. Mit ganzem Herzen, mit von Jugendillusionen befreitem Srnn schloß er sich ihm an, und er ist sein Lebeulang dessen überzeugter Verehrer und. treuer Adoptivsohn ge- „ 11 di ussatzig e. In Ncw-Hork wurde eine junge jd-jone Kurländerin als aussatzkrank erkannt ruid ivird nun naa) der Heimat zurückbeordert. D.aZ „B. T." berichtet darüber: „Zusammengedrängt auf dem Oberdeck der Jacht „Romana", die bei Eich Island ankerte, beobachtete eine Gruppe von zehn portugiesischen Matrosen und ebenso, vielen Zeilungslenten und Photographen mit Grauen und Mitleid em schönes langes Mädchen, das nervös aus- und ab ging. ShiS der gedampften Unterhaltung tönte ab und zu das Wott „Lepra hervor, und jedesmal, wenn Fräulein Bertha Ossis Redaktion: R. V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlaa der Brü — Monatshefte für graphischeS Kunstgewerbe Herausgeber Kunstmaler Albert Knab, Redakteur Carl Maltbies, Berlin. Verlag von Carl Flemming, A.-G. Berlin W. 35 rind Glogau. 6 Jahrgang, Heft, 7. Tas vorliegende Heft ist der Lauerschen Gießerei in Frankfurt a. M. und Barcelona gewidmet Es werden Anwendungen des von Maler E. R. Weiß entworfenen Materials vorgeführt, die sowohl in der Zusammenstellung als auch in der Farbe von viel Geschmack zeugen. Dieselbe An- erkennung muß man auch den früheren Ausgaben der „Monatshefte für graphisches Kunstgewerbe" zollen. sich der Gruppe näherte, wichen die Männer zurück. Schlepper und Ruderboote umgaben die Jacht, und deren Insassen gaben sich Muhe, ans sicherer Ferne das junge Mädchen zu sehen die als dem Tode geweihte Aussätzige nach Rußland deportiert werden soll. Als der Vertreter des „Morgen-Journal", der an Bord der Jacht gegangen war, sie fragte, ob es denn liÄjer fei, ba& sie die Lepra habe, zeigte sie statt jeder Antwort aus em kleines Mal an ihrer linken Wange, Das ist Aus- sie leise. Und als die Männer" zurückwichen, fetzte sie lächelnd hinzu: „Es tut nichts, keine Angst!" Dann weinte sie und das Lächeln erstarb in einem Tränenstrom: Ja lieber nicht näher!" Dann erzählte sie ihre Leidens- gefchichte. Vor noch nicht zivei Jahren eingewandert, fand sie bald eine Anstellung. Jedermann hatte die zwanzigjährige Blondine mit den tiefen blauen Augen gern. Eines Tages aber lief bei dem Gesundheitsamt in New-Bedford, Masst, ein anonymer Brief ein, in dem behauptet wurde, daß sie an Aus. folg leide. Sie wurde aufgesucht, ins Hospital gebracht und untersucht. Ihre Haut war am ganzen Körper ohne Fehl nur auf der linken Wange hatte sie ein kleines, kaum sickst- bares Fleckchen. Nach mehrmonatiger Untersuchung sprachen die Spezialisten ihr Urteil aus: Sie ist den: entsetzlichen Leben und Ende der Aussätzigen geweiht. Sie ivird nach Kurland, ihrer Heimat, zurückgebracht. Ein resoluter ABC-Schütz. Tie jüngsten MBC- Schutzen der Knabenschule in Neustadt bei Koburg verhielten sich kürzlich derartig unruhig, daß der Lehrer erklärte: „Wenn ihr letzt nicht ruhig seid, wird einer „übergelegt"! Ohne weiteres erhob sich einer der Knirpse und rief dem Lehrer 111 Früh soll die Suhlerei schon uS gib? Begreiflicherweise ließ der Lehrer unter solchen Umstanden Gnade für Recht ergehen. * Mißverständnis.' In der letzten Zeit sanden am Ho styeater einer Residenz fortwährend plötzliche Repertoire-Aen- derungen statt. Tie Gnädige schickt deshalb am Nachmittag ihre Donna zur Anschlagesaulc, um den Theaterzettel studieren M lassen. Nach langem Warten kehrt die Fee zurück und berichtet freudestrahlend: „Se wlssen's noch uech, ob se 'n Tann- haryer oder n Sängerkrieg uf de Wartborg geb'n!" . * Zeitgemäße Höflichkeit. „Herr Graf, es war uns eine große Freude, Sie bei uns heute abend zu Gast zu sehen " ~ "U?"^auf meiner Seite, Herr Kommerzienrat! Es war reizend! Wenn Herr Kommerzienrat das Menu dem Staatssekretariat des Auswärtigen einsenden, iverden Sie sicher Je- sandter m Washington werden. Mahlzeit!" '" Der Raucher: „In a Theater, in a Pulverfabrik und in a Symphoniekonzert bringa mi koanc zehn 8ioß not nei — weil man da not raucha derf." Rätsel. Das Erste ist von starker Art, Bekannt an Hasenplätzen, Und hat schon os! beladen sich Mit Indiens reichen Schätzen. Tas Zweite hat drei Zeichen mir, Ein jeder liebls von Herzen, Doch macht es ihm durch Leidensehast Die allergrößten Schmerzen. Das Ganze schwebt in Lüsten hoch Mit glänzendem Gefieder, Und Friedrich Schiller einst ihm sang Eins seiner schönsten Lieder. A. Ammann. .Auflösung in nächster Nummer.!' Auslösung des Bilderrätsels in voriger Nummerr Es ist der Krieg ein rohgewaltsam Handwerk. hl'schen Universitäts-Buch» und Steindrnckerei, R. Lange, Gießen,