1907 Ar. 129 Samstag den 31. Augu 1« D 'M fl- ■ I i ii,i kX,Hoscht du noch ä, Fahrt, Worringer? fragte einer Von ihnen- „M, ich Hawwe nor ä bißche wolle in die Luft gehe! Ich hawwe ä Koppweh, net zum! Aushalte. — Grad, als wann ich >a gliehend Eise drin hätt- — Und do is mer aach ingefalle, ich wollt ämvl nach mei'm Rache gucke- Mer kriegt's mit der -Aengscht, wann so was basiert is- Ich dhu en enunner, un uwrgen frieh, do seh ich'n gründlich nach-" —. Die Schiffer nickten- — Ja, man kriegte es wirklich mit der Angst, ,— Und es war schon besser, wenn man seinen Nachen Ordentlich nachsah. Die Polizei würde ohnehin kommen und ihre Nase in alles stecken- Steuermann Worringer ging langsam- das Ufer hinauf. Die anderen trotteten nach, um zuzusehen, mit der Neugier der Bo- schäftigungslosen, denen jede Gelegenheit lieb ist- Sie debattierten lebhaft, was deut verunglückten Kahn passiert fei-- Am Kranen standen sie still und sahen, die Hände in den Taschen, zu, wie Steuermann Worringer im Kühn hantierte. — Er wollte ihn weiter unten ans Land bringen, sagte er- — Er stieß VoM Ufer ab, trieb mit der Stange das schwere Fahrzeug abwärts. Die Wellen schaukelten es ungestüm. Mit träger Auf- merksamkeit schlenderten 'die Schiffer eint Lande abwärts, auf die Landebrücke der Dampfer- Schnell trieb das Boot vorbei, von fester Hand gelenkt- Dann nahm Steuermann Worringer die Ruder- Taktmäßig setzte er ein — da entglitt das eine seiner Hand. Er haschte danach — er beugte sich über — weit rechts- — Und ba, da mußte ihn wohl der Schwindel erfaßt haben- — Er warf ote Arme hoch, der Kahn neigte sich tief nach der Seite — ein scywerer, klatschender Fall —- ein Aufschrei VoM Ufer her — Mitit nodj ein Köchen und Wirbeln irr dem aufgeregten Strom-, das Auftauchen einer dunklen Masse eine Sekunde lang — dann Nichts mehr- 8- ■ - Der Sturni hatte 'nachgelassen. Am Ufer in einen dickest Mantel gewickelt, blaß wie ein Toter, saß Georg Hessemer- Ach, wenn er dabei gelvesen wäre, als es geschah! Er hätte ihncheraus- geholt, er hatte schon Hilfe gewußt- Aber die dabei gewesen waren, stritten heftig: „Nein! nein! Es hatte ihn was gepackt/ ein Schwindel oder vielleicht ein Schlag. — Wie ein Stein fiel er inS Wasser, wie schon bewußtlos, wehrlos, hilflos- Das Ruder hält' er gepackt, wenn er bei Sinnen gewesen wär'- — Tas fiel ihm sicher auch nur, weil ihn was ankam- Er Hatte es auch selbst gesagt, daß er Kopfweh hätte und Schwindel- Man hätte ihn nicht sollen aufs Wasser lassen- Aber wer denkt auch art so was- Tie arme Frau, der arme Bub! Und so muß der.Worringer zugrunde gehen, so elend, der auf dem Wasser zu Haus war, den es nichts anhaben konnte, der noch vor drei Tagen gezeigt hatte, war für eine Riesenkraft in ihnc war-" Ein alter,, weißhaariger Schiffer, ganz krummgezogen von Gicht und Rheumatismus, schüttelte nachdenklich den Kopf: „Mei Badder, bä Hot immer gesagt», drei dürft mer net au'nt Rhein ziehe! Wann mer dem Rhein drei ewegnähm, do dhät e äm selwer hole — un dhät äm aach behalde, un nter kääm net Widder enuff- Un dä Worringer, bäh behüld e aach, ihr werd's sehe!" Mer er behielt ihn nicht- Am Abend fanden sie ihn. —• Sie hatten gerade Greta Worringer sortgebracht, die tränenlos, blaß und verstört gekommen war und den Bemühungen der Leute zugeschaut hatte- Eine Ankerkette wurde hoch gewunden an eilt ent der Schiffe/ die da auf dein Strom lagen- Sie fand Widerstand. Und als man dann eilig herbeiruderte und suchte, da hing der Körper an der Kette- Sie brachten ihn heim in sein Haus- Georg Hessemer ging neben der Bahre, so wie vor drei Tagen der andere neben der seinen gegangen war- Er war ganz verstört. Immer sah er den Mann vor sich, wie er ihn zuletzt gesehen, hörte seine letzten Worte: „Du hoscht's verspräche, denk dran, du hoscht's verspräche!" Und so weit es seine aufgeregten Sinne zuließen, grübelte er unablässig: „Er Hot sich was angcdohu! Awwer warum —- warum nor?" Aber als Man den Toten in seinem Haus niederlegte, da wurde er irre- T« war ja alles vorbereitet fük den nächsten Morgen, alles zurechtgestellt und gelegt- —. Und als die Totcnfrau ihre Tätigkeit begann, da brauchte sie nur das zugelegte Reisig zu entzünden und das eingefüllte Wasser iM Kessel zu erwärmen. Nachdenklich stand sie -einen Augenblick vor der Flamme: „Des Hot ä net gedenkt, wie ä des angelegt hot,d es nwr's dozu brauche mißte-" Sie wendete sich zu dem Toten um und sah ihn an- Sitz hatte sein Gesicht getrocknet und das triefende Haar- „Guck nor", sagte sie zu Georg Hessemer, der neben ihr stand — guck, was c so zufridde aussieht. — Ball, als wann e lache dhät! Un is doch aus'M Lcwe crausgerisse und hot fei Haus net bestellt und die junge Frau un des kleene ahme Bubche hiewe gelosse." Georg Hessemer beugte sich nieder zu dem Toten- „Ich denk dran", sagte er ernsthaft, „ich denk dran, Worringer-" Tie Totcnfrau wunderte sich nicht weiter- Sie hatttz sich das Wundern abgewöhnt in ihren Gewerbe- —- H?on Kießerr nach Marokko» .Aus dem Reisetagebuche eines (Stegenerst Nachdruck verboten, (Fortsetzung.) Tanger, 14. Februar 1907. Am Montag dieser Woche fing es sehr heftig an zu regnen und auch an« folgenden Tag regnete es nicht minder, so daß die An-s nähme nahe liegt, daß die Regenperiode jetzt ihren Anfang! nimmt.. Man hat sie hier lange erwartet, da sie meist schon im Lauf des Januar eintritt. Erwartet sage ich/ weil sie von Einfluß auf den Ausfall der Ernte ist, von deren Gestaltung wieder die meisten übrigen Geschäfte ab- hängen. Ter Karneval dauerte die beiden folgenden Tage auch noch an und am Dienstag wurde das „Frösche-j Werfen" geradezu zu einer Plage. Ein riesiges Gaudium! war es für das Publikum, als einer der zur Explosion! gebrachten „Frösche" einem mit derartigen Sachen Han-» belnden in den Korb flog, dessen ganzer Inhalt sich entzündete und mit großer Detonation gleichfalls explo-^ dierte. Am Abend war ich zum Diner geladen und hatte Gelegenheit, mit Postdirektor M. eingehend zu konferieren. Er erlaubte mir, mich bei der hiesigen deutschen Postanstalt/ 515 -< so ost es mir paßt, einzufinden, da ich nach meiner Ankunft in Fez die Geschäfte der dortigen deutschen Post übernehmen werde und ich mich so mit meiner zukünftigen Tätigkeit vertraut machen kann. Ich habe hier nämlich „freie Zeit", da ich hier von meinem Bruder, der in Fez wohnt, abgeholt werden soll. Ich weiß aber nicht einmal, ob er überhaupt schon abgereist ist. Die Mrawanen-Reise Fez—Tanger soll bei der derzeit ungünstigen Witterung zirka zehn Tage in Anspruch nehmen. Wir schützen uns hier im glücklichen Besitze von vier verschiedenen Postämtern: einem deutschen, englischen, französischen und spanischen. Wie sich denken läßt, ist die Konkurrenz zwischen diesen verschiedenen Postanftalten ziemlich scharf, und jede fast bietet in der einen oder anderen Hinsicht ihrer Kündschaft besondere Borteile. So rechnet z. B. die hiesige spanische Post für einen einfachen Brief von hier nach Spanien 10 Centimos, nimmt hingegen im Jnlandverkehr in Spanien selbst für einen gewöhnlichen Brief ihrer Kündschaft 15 Centimos ab, woraus folgt, daß z. B. ein Brief von hier nach Madrid um y3 billiger ist wie ein solcher von Barcelona nach Madrid. Es ist aber für uns Deutsche sehr erfreulich, "daß wir dennoch den stärksten Postverkehr in Marokko besitzen und vor allem, infolge unserer billigen Uebernahmesätze den Bost-i anweisungsverkehr fast ganz m Händen haben. Besonders rn Fez blüht letzterer ganz außerordentlich und auch sonst beherrscht an diesem Platze die deutsche Post den weitaus größten Teil aller, Korrespondenz, so daß dort sogar noch eine Subagentur (in Fez-Mellah) errichtet werden mußte. Es verkehren u. a. nach Fez z. B. jetzt täglich Rakasse (die Boten, die den Weg Tanger—Fez — etwa 270 Kilometer — bei normaler Witterung in etwa vier Tagen zu Fuß zurücklegen) der deutschen Post. Die englische Konkurrenz macht verzweifelte Anstrengungen, mitzukommen und hat gleichfalls seit neuester Zeit einen täglichen Botendienst nach Fez und anderen Orten, wohin auch wir täglich unsere Rakasse entsenden, eingerichtet. Ueberhaupt ist eine voll- ständrge Reorganisierung der englischer: Post in Marokko geplant, und hier soll z. B. ein eigenes englisches Post-» gebäude errichtet werden. Es wird großer Arrstrengungen unsererseits bedürfen, um unsere in dieser Beziehung dominierende Stellung auch für die Dauer zu behaupten! Ich möchte noch bemerken, daß deutsche Postanstalten zurzeit in folgenden Plätzen Marokkos bestehen: Alkassar, Casa-j blanca, Fez, Laroche, Marrakesch, Mazagan, Mekines, Mo- gador, Rabat, Safsi, Tanger und Tetuan. Nach dieser kleinen Abschweifung muß ich noch einen . Moment bei einem anderen Gegenstand verweilen. Er bildet heute hier das Stadtgespräch. Ben Man für, ein naher Berwandter des vielgenannten Raisuli und ehemals, als letzterer noch in Rang und Würden war, einer von seinen Hauptleuten (Kalifä), ist heute früh in der Nähe der spanischen Gesandtschaft von einem Riff- kabylen erschossen worden. Der Täter, welcher von Ben Mansur früher beleidigt und finanziell schwer geschädigt worden sein soll, hat sich, wie man hört, gleich nach vollbrachter Tat im hiesigen Gefängnis, der Kasbah, freiwillig gestellt; jedenfalls glaubt er, da er sich an Ben Mansur nur rächen wollte, Grund zu der Annahme zu haben, straffrei wegzukommen oder wenigstens nur mild bestraft zu werden. Tanger, 16. Februar 1907. An der Playa, dem Strand, herrscht zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags stets ein reges Leben. Mehrere der Hauptverkehrsstraßen münden in die Playa und alle Augenblicke schreit hier ein Eseltreiber, dort ein Lastträger: balak, balak: Ächtung, Achtung. Man kann sich zwar hier schon eher durchwinden, als auf den beiden Socos und deren Verbindungsstraßen, wo das Gedränge und der Wirrwarr geradezu unbeschreiblich ist, doch ist es immer noch ziemlich schwierig, ohne alle Augenblicke einmal irgendwo widerzustoßen, sich einen Weg zu bahnen. Sind doch die Straßen kaum vier Meter breit. Daß hier Fuhrwerke verkehren, ist natürlich ausgeschlossen; ich sah einmal etwas außerhalb der Stadt eine „Droschke", und mein Begleiter klärte mich darüber auf, daß es die einzige sei, die Tanger auf- zuweisen habe! — Hat man endlich den Lärm und die Unruhe der anstoßenden Straßen etwas hinter sich, so genießt man mit Wonne den herrlichen Blick auf die Bah von Tanger mit den dahinter liegenden und gegenüber äm Horizont auftauchenden Bergen. Im äußersten Norü- westen, den Blick gerade an dem herrlichen Kap Malabota vorber gerechtet, sind auch Gibraltars stolze Felsen noch sichtbar. Mit Entzücken atmet man die erfrischende See- m dem Hafen liegenden marokkanischen Dampfer,,^,urn, der sozusagen Marokkos Seemacht reprä- hatte rch schon lange einen Besuch zugedacht, da rch fernen Kapltan, Karow (übrigens ein Deutscher!), kennen sehen war ja nicht; das Schiff hatte kürzlich titt Mittelmeer Havarre und war daher in ziemlich demoliertem Zustande. In diesem wird es wohl auch noch erne Zeitlang bleiben, denn, wie der Kapitän sagte, hat man für die Instandhaltung bezw. Renovierung schon seit vier Jahren nicht einen Pfennig bewilligt! Tanger, 20. Februar 1907. Wir haben am Sonntag entert Ritt gemacht. Gegen 3 Uhr nachmittags brachen wer auf. Außer zwei Beamten der Post, einem Herrn der,deutschen Gesandtschaft und mir selbst nahmen"noch zwei andere Deutsche daran teil. Unser zweistündiger Ritt führte uns in Tangers Umgebung, teils durch sandiges, teils durch bergiges oder auch atigebautes Land. Wir kreuzten die beiden Wege nach Fez und Tetuan, ritten selbst aber nicht auf Wegen und Straßen, bis. man hier ja kaum kennt. Die Sonne schien ziemlich heiß (17° C. hatte ich mittags gegen 1 Uhr sestgestellt, im Februar!). Das Roß hatte ich mir für 4 Peseten (span. Währ. = 3 Mk.) für den Nachmittag gemietet und es zeigte eine mir recht unliebsame Eigenschaft: großen Ehrgeiz; jedesmal, wenn die Pferde der anderen Herren zum Galopp! ansetzten, ließ es sich nicht halten uttd ruhte nicht eher, bis es eines der ersten war. Was von dem Fremden hier wohl zuerst sehr unangenehm empfunden wird, ist der in den Straßen allgemein herrschende Lärm, der einem geradezu auf die Nerven fällt. Man könnte im erften Augenblick glauben, daß ole marokkanischen Unruhen sich hier so sehr bemerkbar machen, daß man sich in eine Revolution hineinversetzt wahnen könnte. Schon beim Landen fiel mir die Unruhe auf, die am Landungssteg herrschte. Meist ist der Konkurrenzneid die Hauptursache des vielen Spektakels. Jeder sucht dem Konkurrenten vorzukommen und offeriert mit bewundernswürdiger Gesprächigkeit, was er feilbietet. Durchweg bedienen sich wie Leute dabei des Spanischen, welche Sprache hier außer der arabischen, der Landessprache, fast von allen Eingeborenen gesprochen wird. Auch französisch sprechen hier viele Mohammedaner, kaum dagegen jemand englisch oder deutsch. Tas schöneGeschlecht ist hier, wie ja in allen mohammedanischen Ländern, nur selten sichtbar. Stur ältere Frauen sieht man bisweilen, meist mit über den Kopf gestülpter, bis ins Gesicht hineinragender Kapuze. Marokkanische „Backfische" habe ich bisher noch nicht gesehen, so sehr ich mich auch danach umsah, um ihre Schönheit, die mir Ansichtskarten schon oftmals zeigten, auch in natura bewundern zu können. Schöne Jüdinnen sind dagegen nichts Seltenes; nur sind sie durchweg auffallend stark gepudert zur Milderung des braunen Teints, der man sich in der Sonnenglut nicht erwehren kann. Daß der Puder aber erheblich mehr verunstaltet als die Sonnenstrahlen, sehen die Schönen nicht ein. Aus Fez erhielt ich heute die Nachricht, daß ich das Ende der Regenzeit hier abwarten müsse; die Wege seien so grundlos, daß ich unmöglich jetzt reisen könne. Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut, daß darüber noch vier bis sechs Wochen vergehen können. (Fortsetzung folgt.) Der Sinn der Kleidung. „Die Kleidtrng", so behaupten Kulturhistoriker, „verdankt ihren Ursprung nicht dem Wärmebediirsnis, auch nicht dem Schicklichkeitsgefühl, sondern dem Triebe, sich zu schmücke n." Sie werden soweit recht haben, als es nicht angängig ist, die Sitte der Bekleidung ohne weiteres aus dem Schamgefühl herzuleiten. Wir kennen die Tatsachen, die den: widersprechen: die weite Ausdehnung der Völker, die überhaupt keine Verhüllung kennen, deren Gebiet selbstverständlich in früheren Zeiten noch viel bedeutender war, und die Wahrnehmung, daß die ersten bescheidenen Anfänge der Kleidung tatfächlich nichts verhüllen. Aber auch wenn die primitive Kleidung schließlich 616 an vielen Stellen zu einem Schurz oder einer Art Badehose geworden ist, so kann man diese doch kaum noch unter dem Gesichtspunkte der Verzierung verstehen. Und diese Art Bedeckung ist heute ebenfalls weit verbreitet und war es vermutlich früher noch mehr. Die „Guineische Reisebeschrei- Lung" des Majors v. d. Groebeu (1694), der im Auftrage des Großen Kurfürsten den ersten Versuch machte, in Afrika eine deutsche Kolonie zu gründen, stellt auf zahlreichen Abbildungen die Neger durchweg in dieser Tracht dar. Und wenn man vielleicht versucht wäre, dafür das europäische Anstandsgefühl des Verfassers verantwortlich zu machen, so werden seine ausdrücklichen Angaben bestätigt durch Zeugnisse, die um Jahrtausende älter sind. In Aegypten war, wie zahllose bildliche Darstellungen lehren, in den Zeiten des alten und des mittleren Reiches der einfache oder doppelte Schurz die allgemeine Männertracht, aus der sich erst im neuen Reiche ein längerer Rock entwickelte, während die Frauen von Anfang an einen eng anschließenden, unter der Brust beginnenden Rock (also das rein tropische Kostüm) trugen, und vollständige Nacktheit bei beiden Geschlechtern nur als Ausnahme vorkommt. Aber auch, wo es sich offenbar nur um Schmuck und nicht um Verhüllung handelt, ist es Wohl nicht für zufällig zu halten, daß jene in den meisten Fällen um die Hüften und die Körpermitte angebracht wird, oder dies nur auf den äußeren Umstand, daß er hier am leichtesten haftet, zurückzuführen. Eine innere Beziehung zum Geschlechtsgefühl ist auch hier unverkennbar, wie ja in der ganzen Tierwelt aller Schmuck deutlich im Dienste der Generation steht. Gibt man dies zu, so sind immer noch zwei konträre Auffassungen möglich und sie haben tatsächlich ihre Vertreter, wie sie ebenso in den Diskussionen des modernen Lebens immer nebeneinander herlaufen und vielfach durcheinander gehen. Man kann sagen: die Bekleidung soll Bestimmtes dem Anblick entziehen nnb der Sinnlichkeit entgegenwirken, — eine Auffassung, die offenbar der semitisch-christlichen Stellungnahme zugrunde liegt. Aber auch die andere Ansicht ist möglich und läßt sich begründen, daß der Schmuck gerade auf diese Partie aufmerksam machen und auch die Verhüllung als Lockmittel dienen soll, weil das Verborgene am meisten reizt. Vielleicht haben diese Auffassungen, so entgegengesetzt und ausschließend sie scheinen, beide in gewissem Maße recht. Zugrunde liegt die allgemeine Erscheinung, daß das Geschlechtsleben, das über die persönlichen Zwecke des Einzelnen hinausgreift und ihn dem Ganzen, der Familie, dem Stamm, dem Volke, der Gattung dienstbar macht, infolgedessen eine besondere Schätzung und einen auszeichnenden religiösen Charakter erhält. Diese religiöse Scheu äußert sich bald als Weihe, bald als Tabu, und so kann man von hier gleich gut zu einer besonderen Hervorhebung und zu einer Verbergung kommen, und beide Tendenzen finden wir in der Tat nebeneinander wirksam, wenn auch die zweite immer entschiedener zur Herrschaft gelangt ist. Man kann also zusammenfassend dahin entscheiden, daß an dem Aufkommen und der Ausbildung der Kleidung sowohl der primitive Schmuckbetrieb, der besonders in der weitverbreiteten Hebung der Körper-, bemalung, der Tätowierung und der Entstellung einzelner Gliedmaßen (Stratz nennt es euphemistisch „Körperplastik") feine Macht zeigt, wie auch die Anfänge oder Vorstufen des sexuellen Schamgefühls beteiligt sind. Das gilt natürlich nur von den leichteren Formen der „primitiven" und der „tropischen" Kleidung. Bei der massiven Einhüllung des gesamten Körpers versteht es sich ohne Worte, daß hier das Schutzbedürfnis gegen die Kälte das Motiv war, und wird obendrein dadurch bestätigt, daß die Eskimos, das typische Polarvolk, dieses Kostüm meist nur außerhalb des Hauses tragen und in ihren tief gelegenen, schneegedeckten Hütten völlig nackt leben. vermrschteA. * Tie Bergkrankheit ist ein vielerörtertes Problem. Sie tritt, wie Dr. Emst Frohmann im 22. Heft der Zeitschrift „Heber Land und Meer" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) ausführt, in sehr verschiedenen Höhen bei verschiedenen Menschen auf. Wahrend besonders disponierte schon bei 3000 Metern erkranken können, haben andere noch bei 6000 Metern nichts davon gespürt. Zuntz konnte nachweisen, daß sich diese Verschiedenheiten zum großen Teil auf die Ausbildung der Atemtechnik zurückführen lassen. Die Atemtechnik wirkt direkt auf die Versorgung der Lunge mit Sauerstoff ein, wie sich aus der Bestimmung des Sauerstoffgehaltes der Lungculuft ergibt. Bei diesen Hntersuchungen ließ sich nun feststellen, das; ein gut Atmender sich noch bei 4000 Metern so reichlich mit Wasserstoff versorgt, wie ein schlecht Atmender bei 2400. Der Sauerstoffmangel ist aber die wesentlichste Hrsache der Bergkrankheit, und zwar genügt es schon, wenn nur einige besonders empfindliche Organe, vor allem das Großhirn, ungenügend versorgt werden, Tann treten die bekannten Erscheinungen der Bergkrankheit, Schwindel, Kopfschmerzen, unbesiegliche Schwäche und so weiter ein. Tie gute Atemtechnik steht nun aber wieder in engstem Zusammenhänge einerseits mit der Gewöhnung an das alpine Klima überhaupt, vor allem aber wieder mit dem Training, das ganz von selbst zum ratonellen Atmen führt. So ist denn also der Sauerstoffmangel innerhalb gewisser Höhengrenzen für den einen vorhanden, für den andern nicht. Es ist die Zone der fo genannten „relativen Anoxhhämie", die Zone, wo des einen Blut noch genügend Sauerstoff enthält, des andern nicht. Darüber hinaus aber gibt es eine Höhenlage, in der das Blut unter allen Umftänben nicht mehr genug Sauerstoff führen kann, um größere Anstrengungen zu ermöglichen, dies ist die Höhe, wo jeder bergkrank wird, der sich in ihr bewegt, die Zone der „absoluten Anoxhhämie". Neben diesen wichtigen Gründen für das Znstndekommen aber Bergkrankheit scheint es aber doch noch sekundäre zu geben, die noch nicht sicher aufgeklärt sind. *Studenten als Erntearbeiter. Wir lesen in den „Burschenschaftlichen Blättern": Mit der Entsendung von Hniversitätshörern zur Mithilfe in der Heideknltur ist Dänemark vorangegangen. Voriges Jahr wurde der erste Versuch gemacht, über den jetzt berichtet wird. Das Buch führt den Titel „Studenten auf Erntearbeit" und zeigt aus dem Titelblatt einen Kopenhagener akademischen Bürger in der Mütze mit der bekannten weißen Kokarde als Mäher auf einem jütischen Roggenfelde. Ter Bericht enthält Briefe von Bauern wie Studenten über die gegenseitig gemachten Erfahrungen und Beobachtungen; sie geben ganz überwiegend die Befriedigung über den gemachten Versuch zu erkennen. Tie Akademiker zeigten Bescheidenheit und gute Anstelligkeit, und die Bauern sahen weniger auf die Arbeitsleistung als auf die gesellige Unterhaltung. Natürlich handelte es sich vorzugsweise um Akademiker, die in der Stadt erzogen wurden, denn die auf dem Lande gcbore- der Stadt erzogen wurden, denn die auf dem Laude geborenen hatten wohl überwiegend selbst eine dörfliche Häuslichkeit für ihre Ferienzeit. Der dänische Versuch soll in Norwegen nachgeahmt werden. * Vergiftungen durch Kartoffeln. Die Bedeutung, welche der Kartoffel als einem der wichtigsten Nahrungsmittel bei den meisten Kulturvölkern zukommt, läßt es begreiflich erscheinen, daß frühzeitig die Aufmerksamkeit des Chemikers und des Arztes auf einen in ihr enthaltenen Bestandteil gelenkt wurde, der in größeren Mengen für den menschlichen Organismus giftige Eigenschaften besitzt, das Solanin, wobei man wissen muß, daß die Kartoffel der Familie des Nachtschattens (Solanum nigrum) angehört. Nach einer Zusammenstellung, die G. Meyerä in einer Arbeit „Heber Vergiftung durch Kartoffeln" über den Solamu- gehalt bringt, sind in i; Kilogramm Kartoffeln sogar 500 bis 680 mg- Solanin gefunden worden. Tas wäre eine sehr hohe und bedenkliche Ziffer- Mehr beruhigend wirken die Ausführungen Dr- M. Wintgen in dem „Archiv für Pharmazie". Danach ist der Solaningehalt bei den einzelnen Sorten der Kartoffeln durchaus verschieden, int allgemeinen aber beträchtlich kleiner, als nach den Durchschnittszahlen in der Literatur zu erwarten wäre- Eine Zunahme des «vlanins bei längerem Lagern wurde auch in gekeimten Kartoffeln, wenn die Seime sorgfältig entfernt wurden, nicht beobachtet- Ein durch Erkrankung bedingter höherer Sola- niugehalt gegenüber gesunden Kartoffeln hat sich ebenfalls nicht sicher feststellen lassen- Schcrzrätsel. Süß tvar mein Liebchen mit „b", da hott' ich einmal mich verschrieben, Malt' in der Eile ein „l" — brr! wie das garstig jetzt schnteckt. RedakttönüB. WitMo. -r» M.tationsdrwck,und Verlag der Bruhl'schen Universttäts-Buch- und Stemdrnckerei. R. Lange, Gieße«.'