WilirvoH den 3L Juli SS ■ An, ■Jl (l II tzWMK A 0 W --WZ Zur 300jährra.cn Jubelfeier der Luudes- Wnivsrsität Gißen. (1607—1907). Die Universitätsstadt Gießen hat ihr bestes Festkleid angelegt. Fahnen und Wimpeln in hessischen Landesfärben, abwechselnd mit dem reichen farbigen Flor der zahlreichen Fahnenabzeicheu unserer Musensöhne wehen im Winde. Blumengewinde und Ehrenpforten verschönen das Bild der Feststadt. Gäste aus nah und fern, bemoste Häupter und junge Burschen im Festkleide und in Couleur, haben sich zahlreich eingefunden, um an der Jubelfeier ihrer Alma mater teilzunehmen. Auf dreihundert Jahre, reich an Ereignissen mannigfacher Art, auf dreihundert Jahre tut Dienste der Wissenschaft darf unsere hohe Landesschule heute zurückschauen, auf eine reich gesegnete Zeit erster Arbeit, wohl wert eines Rückblickes auf ihre Geschichte. Anlaß zur Gründung der Universität Gießen gaben die religiösen Wirren in unserer Nachbarstadt Marburg. Landgraf Moritz von Hessen-Kassel hatte in seinen Landen die reformierte Lehre eingeführt und war eifrig bemüht, auch die rein lutherische Universität Marburg zu reformieren. Auf den Widerstand, dem Moritz bei Einführung der „Verbesserungspunkte" bei den Professoren der Theologie begegnete, antwortete er mit Dienstentlassung. 55 Professoren und Geistliche verlöret! 1605 ihr Amt und fanden zum Teil gastliche Ausnahme bei dem Landgrafen Ludwig V., „dem Getreuen" von Hessen-Darmstadt, der versprach, „ihnen gebührenden Unterhalt zu verschaffen". Beschäftigte den Landgrafen von Darmstadt schon früher der Gedanke, für seinen Landesteil eine eigene Hochschule zu besitzen, so konnte er jetzt beim Vorhandensein tüchtiger Lehrkräfte seinen Plan zur Ausführung bringen. Das Gutachten der ehemaligen Marburger Professoren Leuchter, Winkelmann und Mentzer entschied für Gießen, nachdein auch D a r m st a d t und Alsfeld als Ort für die neue Landesschule in Frage gekommen waren. Nachdem auf dein Landtage zn Gießen im September 1605 die Landstände einen „halben Schreckeuberger" (etwa 50 Pf.) von jeden 100 Steuergulden für die nächsten vier Jahre bewilligt, wurde die Errichtung eines „Gymnasium illustre" mit zwei Fakultäten und eines „Pae- dagogium trillingue" (Lat., Griech., Hebr.) be- chlossen. Am 10. Oktober 1605 wurde die neue Hochschule eierlich eröffnet. Der Unterricht wurde auf dem Rathause gehalten. Das Rathausglöckchen, das bis in die neueste Zeit „kleppte", war auch für die lernende Jugend damaliger Zeit das Zeichen für den beginnenden Schulanfang. Der erste Rektor war Joh. Winkel mann, einer von den Marburger Vertriebenen, dessen Grabdenkmal in Lebensgröße in der alten Friedhofskapelle aufgestellt ist. Bald nach der Eröffnung der hohen Schule zählte das Gymnasium 200 Scholaren, das Pädagogium 70 Schüler. An die Errichtung des „Gymnasium illustre" schloß sich der Ausbau zur Landesuniverfität. Landgraf Ludwig V. bemühte sich persönlich beim Kaiser Rudolf II. in Prag das kaiserliche Privilegium zu erlangen, durch das die neue Hochschule zu Gießen gleiche Rechte und Freiheiten wie die anderen Universitäten erhielt. Die Ausfertigung des Pergamentbriefes mit dem Majestätssiegel kostete allein 3000 Goldgulden Känzleisporteln. Die feierliche Eröff- n u n g der hohen L a n d e s s ch u l e fand am 7. Oktober 1607 in Anwesenheit des Landgrafen, des akademischen Lehrkörpers und des Stadtmagistrats von Gießen auf dem Rathause statt. Der Landgraf stiftete zwei silberne, mit goldenen Verzierungen geschmückte Szepter, die heute noch beim Jahresfeste der Universität von dem Pedellen vorgetragen werden. Die Einkünfte aus dem Universitätsgrundbesitz nach der Quote für Hessen-Darmstadt und die Stipendienbeiträge der Gemeinden, die seither an Marburg geleistet wurden, wurden diesem entzogen und der neuen Hochschule zu Gießen zugewendet. Landgraf Ludivig stiftete weiter 40 000 sl. Kapitalien und 9000 „spanische Taler", die Stadt Gießen 150 fl. aus der Einnahme des Weinzapfes. Durch diese reichlichen Dotationen war die Frage der Unterhaltung für die neue Universität gelöst. Der Landgraf schenkte 1609 ein Stück des Burggartens zur Anlegung eines botanischen Gartens, über den der Kandidat Ludwig Jungerinann aus Leipzig mit einem Ge- 'halt von 50 Talern zum Aufseher bestellt wurde. Ant 25. August 1607, während der Landgraf noch in Prag weilte, fand die feierliche Grundsteinlegung des Universitätsgebäudes statt, das anstelle der altenBibliothek amBrand stand. Der Bau bestand aus drei Stockwerken und einem Giebel, umfaßte geräumige Horsäle, und war lange Zeit der Stolz der alten Gießetter. Im Wintersentester 1608/09 konnte schon ein Teil der Räume zu öffentlichen Akten und Versammlungen benutzt werden. Während des Baues wurden die Vorlesungen, da das Rathaus zu wenig Raum bot, im landgräflichen Schlosse abgehalten. Der Unterricht des Pädagogiums wurde anfangs auf dem Rathause erteilt bis 1616, zu welcher Zeit das „Pio", das ehemalige Anto- nitergebüude, Ecke der Sonneitstraße-Neucn Baue, bezog. 1844 wurde dann die Gymnasialanstalt in das Gebäude am Brand (jetzige Proviuzialdirektion) verlegt, um 1878 dann in ihr neues Heim in der Süd-Anlage überzusiedeln. Am 12. Oktober 1607 gab der Landgraf der neuen Universität einen Befreiungsbrief, der folgende Punkte enthielt: Alle, sowohl Proiessoren als Studenten unb andere der Universität Angehörige, haben allein den Rector llir die Obrigkeit zu erkennen, weldjer' einen jeden, nach Verwirkung zu strasen, Macht hat, worin demselben voit keinem Beamten Einspruch geschehen soll, allein peinliche Fälle ausgenommen.*) *) 1823 verzichtet die Universität aus die ihr zustehende Gerichtsbarkeit unter Beibehaltung der Disziplinargegenstände. Ueber bie Bewilligung der Jagdgerechtsamkeit für die Studenten und Angehörigen der Universität äußert die Urkunde, dasz sie in der ganzen Gieszer gemarkang, esz sey in waldt oder feldt, naher neben, hohem vnnd niaderigem' wildprett, wuldten Ant vnnd andern Waldtvögeln. . . . pirschen vnnd heczen vnndt wasz Bie schieszen oder fangen zu sich nehmen vnnd behaltten mögen. *) An weiteren Freiheiten wurde bewilligt: Sie die oben genannten) sollen von allen bürgerlichen Be» schwerungcu (Brot- und Fenerschilling), Wacht- und Mortgelb frei [em und ihre Getränke, Welch Bucker und andere Notdurft im ganze» Land von Umgelb, Acciö und Zählgeld frei passieren. In die Beireiung von bürgerlichen Beschwerungen sind der Notarins, Apotheker, Buchdrucker und Buchbinder, als ivelche einer Universität von nöten, mit einbegriffen. An Besoldung erhielt jeher Professor „für jedes Quartel 60—70 f L, sodann alljährlich 22 Achtel Frucht und eine Quantität H o lz u n d 5z eu". Ludwig V. veranlaßte, daß die Professoren der neuen Akademie in Oel gemalt und ihre Porträts in den Hörsälen auf- gehüngt wurden, und bewilligte zu diesem Zwecke jedem' Professor 5 fl. Diesem Brauche folgte man bis zu Ende des 18. Jahrhunderts. Auf den Gemälden tragen die Theologen schwarze, die Juristerr himmelblaue, die Mediziner rote und die Philosophen violette Mäntel. Der Ruf der neuen Akademie zu Gießen, deren Lehrkörper hervorragende Gelehrten angehörten, zog viele Ausländer hierher. Es seien nur neben anderen die Namen der Theologen Winkelmann, Mentzer und Feuerborn, der Juristen A n t o n i und K i tz e!, der Mediziner H o r st und I u n g e r m a n n, der Philosophen Diete- rtch Helvicus und Bachmann, des Professors der Berevsamkett Ntgidius erwähnt. Dm hochgeschätzten Gelehrten Antonii folgten viele Schüler aus Marburg nach Greßen, und so konnte er bereits im Herbste 1605, obgleich die neue Hochschule noch nicht die Privilegien einer Universität hatte, vor einer bedeutenden Zahl Zuhörer seine juristischen Vorlesungen eröffnen. Antonii' wurde auch am Einweihungstage der Universität vom Landgrafen Ludwig V. zum Kanzler und erftenRektor ernannt. Wir finden um diese Zeit in Gießen Studenten aus Oesterreich, Böhmen, Schlesien, Dänemark, Schweden und Rußland. Zwei noch rm Knabenalter von 13 und 14 Jahren stehende Prinzen von Holstein kamen 1608 nach Gießen, um zu studieren. Der ältere wurde 1609, der jüngere 1610 zum Rektor magnificentissimus ernannt. In den Pestjahren 1609, 1611 und 1612 litt der Besuch der Hochschule sehr. Eine allgemeine Flucht der Studenten und' Pro- sessoren aus dem verpesteten Gießen vollzog sich. Die Frequeiiz sank 1617 auf 150 eingeschriebene Studenten, I darunter allein 15 adltche waren. Um so erfreulicher war | es, als sich 1618 der Besuch der Studierenden bis gegen ’ 560 steigerte. Der „lutherische Katzenkrieg", ein theologisches Gezanre zwischen Anhängern kalvinistischer und lutherischer Richtung über die beideir Naturen Christi verwickelte die Greßener Professoren M entze l und F e u e r b o r n in eine unliebsame Fehde mit Wittenberger und Tübinger Theologen. Der Austrag dieses theologischen Streites erhöhte Nicht das Ansehen der neuen Hochschule. Der Landgraf mußte selbst eingreifen, damit „seine neue Universität in oen Augen aller Vernünftigen sich nicht lächerlich mache." Als im Dezember 1621 „dem tollen Christian" von Braunschweig auf seinem Zuge nach der Wetterau der Mit dem Kaiser verbündete Landgraf Ludwig V. den Durchmarsch durch sein Land verweigerte, drohte Meßen eine ernste Gefahr. Aus Furcht vor einer langen Belagerung wollten die Studenten damals Gießen verlassen. Den eindringlichen Vorstellungen des Rektors Winkelmann gelang ^/Jje halten und um eine Fahne zu scharen mit der Auftchrrst: „Literis et armis ad utrumque parati" (Im Wissen und in Waffen allzeit gerüstet), nun fest entschlossen, den Wall verteidigen zu helfen. Nachdem dem Landgrafen Ludwig V., der mit seinem Vetter, oem Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel, um die Erbschaft stritt, diese zugesprochen wurde, erwies ± unpraktisch, im Lande zwei Universitäten zu umerhanen. Die Universität Gießen und das G v m - n a s i u m wurden 1625 und 1626 n a ch Marburg ver - . .ra 9ln '^a[)re 1809 wurde die freie .Jagd den ©tubenten und UntDeifitatSanpeljorigen wegen Unzuträglichkeiten entzogen. Das Jagdrecht war 1866 verpachtet und wurde dann abgelöft. legt, ohne jedoch tit der Marburger Anstalt auszuqehen, und verblieben dort bis 1650. 9htc vorübergehend von November 1633/34 weilte, weil die Pest in Marburg wütete dagegen die Seuche in Gießen nachgelassen hatte, die Universität wieder an ihrer ehemaligen Heimstätte. Im Jahre 1650 wurde die Marburger Erbschasts- angelegenheit wieder anders, und zwar dahin geregelt daß Marburg an Kassel kam; die Universität sollte jedoch für beide Länder gemeinschaftlich bleiben. Dem Landgrafen Georg II. von Darmstadt mußte jedoch daran gelegen sein, eine eigene Hochschule zu besitzen; er verlegte daher seine Universität wieder nach Gießen Bei der Rückverlegung der Hochschule war wieder Darmstadt Alsfeld und Grünberg in Frage gekommen. Allein der Umstand, daß Darmstadt eine fürstliche Residenz, Alsfeld eme Grenzstadt, Grünberg ein „kaltes ungesundes Loch" sei, entschred für Meßen. Aus Dankbarkeit bewilligten Bürgermeister und Rat der zurückkehrenden Universität: . 200 fl., zehn morgen Lands gegen den Totts-Acker (Friedhof) bei den neuen Eiehen, auch das erste mal auf gemeine Statt kosten umzureihsen und zu ackern, zehn Wagen Holz auf der Statt kosten zuzuführen, zur Aufrichtung des Paedagogii. Weiter soll jedem Professor! und preceptori classico ebensoviel Schweine I in die Mast einzutreiben, gestattet seyn, als einem Bürger, auch solle jeder derselben, gleich einem gemeinen Bürger, ein loos zu Loosholz bekommen, endlich soll dero Gesind auf die gewöhnlichen Holztage in die Stadtwälder gehen und Urholz auflesen und nachhaus tragen dürfen.. Aus dieser zeit stammt auch die Verordnung’, „dasz ye zu zeitten durch Rektoren, Decanum, vnnd wehn wir noch darzu verordtnen werden, die habitationes (Wohnungen), so die Studenten bey den Bürgern diengen, besehen, vndt gesehäezt. werden, damit sie nicht übernommen, wie ingleichen, dasz die tische nicht überseczet werden. Von Marburg erhielt die abziehende Universität 80 000 Gulden Abfindung für überlassene Gebäude und sonstige Einkünfte aus dem Universitätsgrundbesitz. Die Wiedereinführung der Universität zu Meßen wurde an allen Kirchentüren in Hessen und in Frankfurt durch ein Patent des Landgrafen Georg II. bekannt gegeben, worin der Fürst betonte, daß er „geschickte, erfahrene, treufleißige uud tapfere professores in ommnibus et sinoulis facultatibus nominiert habe". Am 5. Mai 1650 fanden große Festlichkeiten in Gießen aus Anlaß der Wckderein- suhrung der Universität statt. Tags zuvor waren bereits die Prinzen Ludwig und Georg als Vertreter des Landgrafen im feierlichen Zuge eingeholt worden. Der Kanzler Sin o ld, genannt Schütz, begrüßte die hohen Gäste mit einer, lateinischen Ansprache, auf die der Erbprinz Ludwig mit einer „wohl gesetzten lateinischen Gegenrede" antwortete. Zur Einweihung waren auf Befehl des Landgrafen alle Pfarrer und Ratsherren der Städte des Oberfürstentums erschienen. Ein feierlicher Zug bewegte sich von dem Kolleggebäude nach der Stadtkirche, wo Superintendent Haberkorn die Einweihungspredigt hielt. Der ambrosische Lobgesang beschloß die kirchliche Feier. Ein frohes Festmahl vereinigte die hohen Gäste im fürstlichen Schlosse, und auch in vielen Häusern der Stadt ging es hoch her; feierte man doch mit der Wiedereinführung der Universität das Geschenk des langersehnten Friedens und den Abzug der Friedensexekutionsvölker. Religiöse Streitigkeiten infolge der von Spener angeregten pietistischen Zusammenkünfte (collegia pietatis) füllen das Ende des 17. Jahrhunderts aus und spalteten auch die akademische undl bürgerliche Bevölkerung in Gießen in zwei Lager. Fürst- liche Kommissare mußten den Frieden wieder Herstellen, Am 18. Oktober 1707 konnte unsere Landesuniversität ihre 100jährige Jubelfeier begehen. Der Landgraf Ernst Ludwig entwarf selbst das Programm für die Feier und entsandte den Erbprinzen Ludwig uttb: den Prinzen Franz Emil < als Vertreter nach Gießen. Der Erbprinz wurde von der Universität zum Rector magnificenrissimus ernannt und am 17. Oktober im feierlichen Zuge in die Stadt eingeholt. Bis nach Klein-Linden ritt ein aus Studenten gebildetes Korps dem Erbprinzen entgegen. Unter dem Donner der Kanonen hielten die Prinzen ihren Einzug. Gießer bewaffnete Bürger bildeten Spalier von der Schloßgasse bis zum alten Schloß, wo die Prinzen von dem akademischen Senat empfangen wurden. Am folgenden Tage, dem 18. Oktober, bewegte sich ein feierlicher Zug, darunter die Vertreter der hessischen Städte, die Abgesandten der Universitäten Marburg und Rinteln, nach der Stadtkirche, 447 — reo Superintendent Bielefeld die Festpredigt hielt. An die kirchliche Feier reihten sich verschiedene akademische Festakte und Promotionen, bei denen Reden in lateinischer, griechischer, hebräischer, chaldäischer, äthiopischer und arabischer Sprache gehalten wurden. Während des Festmahles wurden auf den Wällen 80 Kanonenschüsse gelöst. An Gehalt bezog ein damaliger Professor neben Naturalien durchschnittlich 325 fl. Sein Einkommen erhöhte sich nicht unwesentlich durch Gewährung des Mittag- und Abendtisches an Studenten; hatte doch mancher Prfeossor 10—20 Kostgänger, darunter gut zahlende, oft adliche Pensionäre. Bei den billigen damaligen Lebensverhältnissen galt das Einkommen eines Professors in der Stadt als glänzend; beliebte doch der Volksmund zu sagen: „Der kann leben wie ein Professo r." Die Hoffnungen, die man bei der ersten Jahrhundertfeier an eine weitere gedeihliche Entwicklung der Hochschule knüpfte, erfüllten sich in den ersten Dezennien des 18. Jahrhunderts aufs beste. Die Frequenz stieg; 1713 wurden 172 Studenten neu immatrikuliert, so daß die Gesamtzahl der damaligen Studierenden gegen 500 betrug. An bedeutenden Professoren hatte die Universität damals aufzuweisen die Theologen May, „den älteren", und R a m b a ch, die Juristen Hert, Groll mann, Möllenbeck und Weber, die Mediziner Valentini und Verdrieß, den berühmten Botaniker Dillenius, — bekannt durch einen Katalog der um Gießen wild wachsenden Pflanzen —, der 1720 einen Ruf nach Oxford erhielt. Als erster Professor der Chemie an einer deutschen Hochschule wurde 1723 Joh. Th. Hensing angestellt. Namentlich machte das medizinische Studium Fortschritte. 1723 wurde ein „anatomisches Theater" errichtet, die erste derartige Anstalt in Deutschland. Das Jnstitutsgebäude stand neben der Reitschule hinter dem heutigen „Turmhaus" am Brand. Die Ablösung der im hessen-kasselschen Gebiete gelegenen Vogteien, die 1650 der Universität Gießen bei ihrer Rückverlegung zugefallen waren, erfolgte 1766 nach einem 21 jährigen Streit. Gießen erhielt 80 000 fl. Abfindung von Marburg und kaufte für einen Teil dieser Summe den Zehnten zu Quecköorn für 11400 fl., den Wald bei Beuern für 3500 fl., die Obermühle bei Steinberg für 1600 fl. und ein Gut zu Holzheim für 4900 fl. 1772 wurde ein theologisches Seminar unter der Leitung des Professors Schulz eingerichtet, das jedoch nur ein Jahr bestand. 1776 wurde eine fünfte oder öko- nomischeFakultät errichtet, hauptsächlich für Kameral- wissenschasten, die 1781 nach Weggang ihres verdienstvollen Leiters Schlettwein wieder einging. Neben den oben erwähnten Professoren gehörten um diese Zeit der Hochschule als akademische Lehrer an: die Theologen Schulz, der viel gerühmte und ebensoviel getadelte rationalistische Kanzelredner Bahrd, die Mathematiker Liebknecht und Böhm, der Historiker Ayrmann. 1771 wurde Hopfner nach Gießen berufen als Professor der Institutionen, der Pandekten und des Naturrechts. Er war als akademischer Lehrer sehr beliebt, und namentlich wurde an ihm die „Gabe der Deutlichkeit und Verständlichkeit im Vortrag" gerühmt. Goethe betont, daß er ihn „beim Austausch von Kenntnissen, Meinungen und Ueberzeugungen lieb gewonnen habe." Er sprach den Wunsch aus, bei ihm noch öfter zu verweilen, „um sich an ihm zu unterrichten". In dem Hause Sonnenstraße 15, Neuen Bäue, wo ihn Goethe 1772 von Wetzlar aus besuchte, ist bekanntlich eine Gedenktafel angebracht. Während des Revolutionskrieges war Gießen im Besitze fremder Kriegsvölker. Am 11. und 16. September 1796 hatte die Stadt die Drangsale einer schweren Beschießung zu erdulden. Die Beschwernisse des Krieges mußten auch auf die Verhältnisse an der Hochschule drückend und lähmend wirken. Die Universitätsinstitute und öffentlichen Gebäude wurden zu Lazaretten, Magazinen und Bureaus eingerichtet. Viele Studenten verließen die Stadt; die Zahl der Studierenden sank auf 172 herab. ' Als General Bernadotte, der spätere König von Schweden, das Oberkommando in Gießen erhielt, durfte sich die Universität seines besonderen Schutzes erfreuen. Er bedachte die Bibliothek mit wertvollen Geschenken, sodaß die Universität ihm wegen seiner humanen Gesinnung den philosopZischen Ehrendoktor verlieh. Noch bluteten die Wunden, die der leidige Krieg der Stadt geschlagen, jahrelang fort. Unter diesen Umständen kann es uns nicht wundern, daß Rektor und Kanzler es ablehnten, für die zweite Jahrhundertfeier der Universität Vorbereitungen zu treffen. Die Zeiten waren wahrlich nicht zum Feiern angetan. Erst die Regierungszeit des Großherzogs Ludwig I. sollte der Universität wieder bessere Zeiten bringen. Schon 1790, bald nach seinem Regierungsantritt, noch als Landgraf, hatte er der Hochschule Beweise seines landesväterlichen Wohlwollens gegeben, indem er 10000 ft. zur Errichtung einer Hebammenschule und Entbindungsanstalt stiftete. Der Plan kam freilich erst 1811 zur Ausführung. Durch Schleifung der Festungswälle war ein geeigneter Platz für das neue Jnstitutsgebäude gewonnen, das 1813 seiner Vollendung entgegenging. Aber kaum war es eröffnet, als es während der napoleonischen Kriege als Lazarett für russische und preußische Soldaten eingerichtet werden mußte. Unter Leitung des verdienstvollen Professors v. R i t g e n genoß das Institut bald einen bedeutenden Ruf. Es befand sich vor der alten Kaserne und diente später als physiologisches Institut. Ein wertvolles Vermächtnis erhielt die Universität durch die hochherzige Stiftung des Freiherrn v. Senckenberg, der seine ganze Bibliothek nebst seltenen Handschriften, ein Haus am Brand und ein Kapital von 10 000 fl. der Universität vermachte. Durch Schleifung der alten Festungswerke von 1805—1810 und Anlegung der „Schoor" war Boden gewonnen zur Erweiterung des botanischen Gartens. Außerdem stiftete der Landesfürst ein Stück des früheren Amtsgartens zur Anlegung eines forst botanischen Gartens, der unter Leitung des Professors Walther stand. Ein Denkmal im botanischen Garten, von Freunden des Verstorbenen errichtet, ehrt die Verdienste Walthers. Mit Unterstützung des Staates durch einen jährlichen Zuschuß von 300 fl. gründete Professor Balser eine „ambu- l a t o r i s ch e" K l i n i k, die allen hilfsbedürftigen Kranken, auch Augenleidenden dienen sollte.' Diese Stiftung besteht heute noch als Augenklinik, zurzeit von dem Oberarzt a. D. Dr. W i n t h e r geleitet. Nachdem 1824 im Schiffenberger Wald ein neuer Forst garten angelegt worden war, erhielt der botanische Garten eine Erweiterung. 1825 wurde ein zweites Gewächshaus hergerichtet, ein Alpinum angelegt und ein Teich für Wasserpflanzen ausgegraben. 1824 wurde die Forstlehra n st alt mit der Universität verbunden und unter die Leitung des Professors Hundeshagen gestellt. Die Universität zählte damals 27 ordentliche, 2 außerordentliche Professoren und 6 Privatdozenten, 418 Studenten, darunter 99 Theologen, 227 Juristen, 52 Mediziner und Chirurgen und 40 Angehörige der philosophischen Fakultät. 1812 wurde das philologische Seminar mit einem Direktor und zwei Dzonten gegründet, die unentgeltlichen Unterricht erteilten. Für das Erheben der Kottegiengelder wurde eine -eigene Quästur errichtet. 1821 zogen die Studenten wegen Streitigkeiten mit dem Militär nach demGleibergundnachGla- denbach. Nachdem 1822 das Gießener Regiment nach Worms verlegt worden war, wurde die neue 1819 erbaute Kaserne auf der Seltershöhe, in der heutigen Lie- bigstraße, der Universität überwiesen. 1827 nahm das ehemalige Kasernengebäude auf die Bibliothek, das Mineralienkabinett, das naturhistorische Museum, die chirurgische Jnstrumentensammlung; eine Abteilung des Gebäudes wurde zum akademischen Hospital bestimmt. In einem Nebengebäude wurde ein neues chemisches Laboratorium eingerichtet. Von 1830 an bestand neben der evangelisch- theologischen Fakultät eine katholische, die 1847 die höchste Frequenzzisfer von 80 Studierenden zeigt, aber 1851 wieder einging. Als Professor der Baukunst wirkte von 1838 bis 1874, zu welcher Zeit mit der Gründung des Polytechnikums in Darmstadt der hiesige Lehrstuhl ausgehoben wurde, Hugo von Ritgen, in weiteren Kreisen bekannt durch seine Verdienste für die stilgerechte Wiederherstellung der Wartburg, welcher Aufgabe er 40 Jahre seines Lebens widmete. Auch für die Erhaltung unserer nachbarlichen Burgen Gleiberg und Staufenberg sowie für die Ruine Münzenberg in der Wetterau war er in hohem Maße tätig. Durch die im Jahre 1838 erfolgte Abtragung des alten Kolleggebäudes wurde die Hochschule einer für größere — 448 Festlichkeiten geeigneten Räumlichkeit beraubt, und obschon 1840 ein neues Gebäude an Stelle des alten getreten war, fehlte bis 1857 eine größere Aula. Dieses Fahr brachte auch die Erfüllung eines längst gehegten Wunsches, die Restauration und Aufhängung der 105 Prosessoren- bilder, die seit 1838 dem Auge des Beschauers entzogen waren, da sie in wenig geeigneten Lokalitäten aufbewahrt wurden. Die neue Aula gierten nun wieder 29 Bilder der Professoren der Theologie von I. Winkelmann an (f 1626) bis auf Joh. Stephan Müller (t 1768), 27 Bilder der Professoren der Jurisprudenz von G. Antonii an (t 1618) bis auf Christ. Balser (f 1750), 18 Bilder der Professoren der Medizin von Gregor H o r st an (f 1636) bis auf Ehr. Ludw. Nebel (f 1782), 31 Bilder der Professoren der Philosophie von Konr. Bachmann an (f 1646) bis auf Phil. Nie. Wo l f (f 1762). Einen bedeutenden Aufschwung sollte unserer Hochschule die Berufung des 21jährigen Chemikers Justus Lie- b i g bringen, der 1824 die Leitung des chemischen Instituts auf der Seltershöhe übernahm. Während drei Jahrzehnte widmete sich Liebig unablässig dem Dienste unserer Universität. Die Augen der gesamten wissenschaftlichen Welt waren nach Gießen gerichtet, das damals an der Spitze der deutschen Hochschulen stand. Mit Liebig begann nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in den übrigen Fächern ein reges Leben. Neben ihm wirkten treffliche Männer; es seien nur erwähnt die Theologen Credner (f 1857) und Knobel (t 1863), Professor Hillebrand mit seinen anregenden Vorlesungen über deutsche Nationalliteratur. Der Forstmann H e y e r hf 1856) war ein würdiger Nachfolger seines berühmten Vorgängers Hundeshagen. Heyer versammelte um sich junge Forstleute aus ganz Deutschland und der Schweiz. So konnte sich auch die Zahl der Studierenden 1847 ans 570 heben, und damals die höchste Frequenzziffer seit dem Bestehen der Hochschule erreichen. In die Zeit von 1845/46 fällt die Erbauung der Anatomie am Bahnhof, die im Mittelbau Vorlesungs-, Sezier- und Arbeitssäle erhielt und in den beiden Flügeln später die Sammlungen des zoologischen Instituts aufnahm. In der alten Anatomie an der Reitbahn wurde die Veterinär an ft alt uutergebracht, die später würdigere Räume an der Frankfurterstraße erhielt. Die 60 er Jahre bieten wenig Erfreuliches in der Geschichte unserer Hochschule. Die Lage der Universität hatte sich seit 1869 durch das Zusammentreffen verschiedener Umstände recht ungünstig gestaltet. Seit 1866 war die Zahl der Studierenden fortwährend gesunken, zuletzt auf den Stand von 1836/37, auf 290. In seiner Rede zum Geburtstage des Großherzogs Ludwig III. am 9. Juni 1869 mußte der derzeitige Rektor Dillmann klagen: „Meine Herren,^ verhehlen wir uns die Mißlichkeit der Lage nicht." Zugleich spricht er jedoch die Hoffnung aus, die alma mater werde auch über die jetzigen Mißstände hinwegkommen und das Mißgeschick, mit dem sie jetzt zu kämpfen habe, siegreich überwinden. An der Einigung der deutschen Stämme und Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches durch die schweren Kämpfe der Jahre 1870 und 1871 nahm auch die akademische Jugend unserer Hochschule teil. 74 Söhne sah sie in den heiligen Kampf hinausziehen, aus dem leider drei ihre frühere Bildungsstätte nicht Wiedersehen sollten. Das Andenken der für das Vaterland gebliebenen Studenten ehrt ein Denkmal im botanischen Garten, das die Devise trägt: „Literis et armis ad ntrumque parati“, den alten Spruch, den auch die Studenten int Jahre 1621 aus ihrer Fahne sührten. Am 1. Juli 1878 schied aus schaffensfreudigem Leben der Professor der Germanistik Dr. Karl Weigand, bis zuletzt tätig an dem großen Werke, das die Gebrüder Grimm begründet hatten. Am 24. April 1880 erfolgten die Einweihung und lleber- gabe des während der Jahre 1878/79 geschaffenen Neubaues in der Ludwig st raße an die Universität, der für die Pflege der Wissenschaft ein würdigeres Heim bot als die unzureichenden Räume am Brand. Das alte Gebäude, das seit 1840 der Hochschule zu Unterrichtszwecken gedient hatte, wurde der Universitätsbibliothek überwiesen. 1888 wurde das in der Ludwigstraße neu errichtete chemische Laboratorium seiner Bestimmung übergeben. Die Zahl der Studierenden betrug im Wintersemester 1882/83: 447, im Sommer 1883 : 464, bewegte sich bis 1890 durchschnittlich zwischen 500 und 550, sank im Wintersemester 1886/87 aus 484 herab und erreichte im Sommersemester 1889 einen Bestand von 654, die höchste Ziffer seit dem Bestehen der Universität. Von 1890 bis 1900 wurden die Neubauten für fünf Institute ausgeführt, 1890 für die Frauenklinik und die Klinik für innere Medizin, 1895 für die psychiatrische Klinik, 1897 für das hygienisch e Institut und 1900 für das physikalische und physikalisch-chemische Institut. Mit der Einweihung der klinischen Anstalten auf der Seltershöhe im Fahre 1890 vollzog sich auch unter Anwesenheit des Großherzogs Ludwig IV. die Enthüllung des Liebigdenkmals in der Ostanlage. Am 29. Oktober 1890 wurde ErbgroßherzogErnst Ludwig an der hiesigen Hochschule als sind. iur. et cam. immatrikuliert und weilte hier bis zum 15. März 1891, um seinen Studien vbzuliegen. Am 5. Mai 1894 wurde der hundertjährige Geburtstag des Begründers der romanischen Philologie Friedrich Diez durch einen akademischen Festakt begangen, bei welcher Gelegenheit Gießen, die Vaterstadt des Gelehrten, einen Preis stiftete, der alle drei Jahre als „Diezpreis" vergeben wird. Bereits 1883 wurde am Geburtshause von Friedrich Diez, Neuen Bäue 9, eine Gedenktafel errichtet. Am 10. Januar 1897 beging die theologische Fakultät den hundertjährigen Geburtstag von Karl Aug. Credner durch einen Festakt. Credner's Schüler stifteten eine Marmortafel, die an seinem ehemaligen Wohnhause, Frankfurterstraße, angebracht wurde. Verwandte von Credner begründeten eine „Crednerstiftung"; die Stadtverordneten beschlossen, einer Straße im Südende der Stadt den Namen „Crednerstraße" beizulegeu. Von 1890 bis 1897 nimmt die Zahl der Studierenden langsam zu; sie betrug 1891: 563, 1892: 575, 1894/95: 531, 1896: 632, 1897: 664, 1897/98: 677. Bon da ist ein stetes Wachsen des Besuches der Hochschule sestzirstellen, so daß bereits am 16. Mai 1902 die 1000. Immatrikulation vorgenommen werden konnte, welche Ziffer sich noch in demselben Semester auf 1016 erhöhen konnte. Im letzten Wintersemester 1906/07 wurde die hiesige Universität von 1097 Studenten besucht. Am 12. November 1904 fand in Anwesenheit unseres Landesherrn an der hiesigen Universität die Vorfeier zum 400jährigen Geburtstage Philipps des Großmütigen statt, und damit verbunden die Einweihung der neuen Universitätsbibliothek. Gegenwärtig besitzt unsere Hochschule außer den klinischen Instituten und den theologischen, juristischen, philologischen und staatswissenschaftlichen Seminarien 21 wissenschaftliche Institute für die Förderung in den einzelnen Fachwissenschaften. Die Neubauten für die Au gen- und Ohrenheilkunde sowie für die Tierheilkunde, ein wertvoller Zuwachs zu unseren mustergültig eingerichteten klinischen Anstalten, werden am Tage der Jubelfeier eingeweiht werden. Seit dem Tage ihrer Gründung hat unsere Hochschule sich stets der Huld ihrer Landesfürsten zu erfreuen gehabt. Dank des Wohlwollens der Regierung und des Entgegenkommens der Landstände durch Bereitstellen der erforderlichen Mittel, die früher nur zu kärglich bewilligt wurden, ist heute unsere Hochschule auf eine Höhe gebracht, die sie berechtigt, einen ebenbürtigen Platz neben anderen bedeutenden deutschen Universitäten einzunehmen. So darf denn unsere Ludoviciana an ihrem 300 jährigem Geburtstage vertrauensvoll in die Zukunft schauen; sie wird auch in fernen Zeiten bleiben, was sie trotz der Stürme der Jahrhunderte stets gewesen ist, eine gedeihliche Pflanzstätte der freien Wissenschaft und Kunst zum Wohle unseres Hessenlandes. —e—. ** Morgen beginnt die Tageszeitung der „Lndo- v i c i a n a" zu erscheinen, die in den nächsten Tagen dem Gießener Anzeiger als besondere Festgabe beigegeben wird. Sie enthält die Liste der Ehrengäste und in den folgenden Nummern insbesondere einen autentischen Bericht über die Festlichkeiten der Treihundertjahrfeier der Ludoviriana. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen.