Mittwoch de« 30. Hkioker f #4 MW« | MiWMMM wBäb »MW M W »i 4 | > ■-* A W Auf der cigenm Spur. Kriminalroman von Otto Ho ecker- (Nachdruck verboten.) „Unterbrechen wir uns einen Augenblick," schlug Hanse manu vor. Er trat an das hurtig von Rokohl geöffnete Kleiderpaket heran. „Pfui, will denn dieser abscheuliche Chloroforingeruch gar nicht weichen!" rief er unmutig. Witte blickte betreten. „Meinen Sie damit mich, Herr Rat?" „Sie? Wie kommen Sie auf eine solche Vermutung?" „Weil ich in der Tat etwas Chloroform bei mir trage. Meine hohlen Zahne machen mir zu schaffen und zum Ziehenlassen bin ich zu feig." Er wies nach kurzem Besinnen eine winzige Phiole vor, welche er aus der Westentasche zog und, wie Hansemaun mit flüchtigem Blick entzifferte, einer in Berlin W. befindlichen Apotheke entnommen. „Sie scheinen ja auf Chloroform versessen zu sein!" konnte der Rat zu bemerken sich nicht enthalten. »Ich — wieso?" Er bekam keine Antwort; ärgerlich über seine Unvorsichtigkeit beugte sich der Rat tiefer über die Kleider. „Da schauen Sie einmal her, Herr Witte! Kennen Sie den Frack etwa?" „Tic Kleider riechen allerdings widerwärtig nach Chloro- frm", beftätoigte nun auch der junge Maler, indem er den Frack zur Hand nahm und ihn eingehend besichtigte. „Aber natürlich!" rief er gleich darauf. „Tas ist mein Eigentum . . . hier unter dem Aufhänger ist ja auch Bonjours Firma, auch auf den Patcntknöpfen der Beinkleider muß sie sich finden . . . stimmt! Ueberzeugen Sie sich selbst, Herr Rat! Nein, für so niederträchtig hätte ich Schuhmacher nicht gehalten!" „Sie nehmen also ohne weiteres an, daß Ihr bcshcriger Zimmerwirt Ihnen den Gesellschaftsanzug ausgespannt hat?" fragte Hansemann rasch. „Aber natürlich. Er hat ihn vorgestern nacht sicherlich angchabt, wie käme er sonst hierher — das ist doch einleuchtend!" Tas war es freilich. Immerhin fragte der Rat nochmals: „Sind Sie fest überzeugt davon, daß Frack und Weste Ihnen gehören?" „Ich werde doch meine Kleider kennen, Herr Rat, noch dazu mein bestes Zeug! Ich habe den Anzug iwch nicht einmal bezahlt!" „Verhält sich die. Geschichte mit dem Anzug so, dann muß der Tote mit diesem Schuhmacher identisch sein!" warf nun Kommissar Thvmmen ein. „Das sollte man allerdings meinen!" brummte der Rat, die Hand an der Stirn. „Was sagen Sie dazu, Walden?" Der Gefragte zog die Achseln hoch. Er hielt den eben forschend auf ihm ruhenden Blick seines Vorgesetzten gelassen aus. „Was soll ich dazu sagen, Herr Rat?" fragte er zurück. „Ich kann nur bei meinen, die lautere Wahrheit enthaltenden Airgaben bleiben. Wie sich die Sache mit dem Frackanzug, den Herr Witte als sein Eigentum reklamiert, verhält, vermag ich flicht zu entscheiden. Jedenfalls ist der Tote nicht identisch mit Schuhmacher, denn diesen habe ich persönlich reichlich 12 Stunden! vor geschehenem Verbrechen nach dem Lehrter Bahnhof begleitet und abfahren sehen." „Bliebe die Annahme übrig, daß er wieder zurückgekehrt: sein muß", schaltete Timmen wiederum ein. „Wer nein, das ist ausgeschlossen!" ereiferte sich der Detektiv. „Ich sagte schon, daß die Aehnlichkeit zwischen beiden nut oberflächlich iss — so gering, daß sie sogar mir entging . . . und ich kenne Schuhmacher genau!" „Wir haben ja auch die Bilder aus dem Verbrecheralbum", meinte der Rat nachdenklich. Er wendete sich wieder an bett Detektiv. „Sie haben die Bilder gestern wieder zurückgebracht?" „Allerdings. Der Kommissar war freilich schon weggegangeü, ich legte sie deshalb auf sein Arbeitspult und verständigte davon den gerade mit Bureauschluß beschäftigten Nuntius." „Nun, das ist wohl dasselbe." Hansemann wendete sich an den Kommissar. „Vielleicht bemühen Sic sich und besorgen die Bilder. Ich möchte sie Herrn Witte einmal zeigen." Als Thvmmen gegangen war, wendete sich der Rat wieder an den jungen Maler. Er winkte Rokohl heran, der darauf zu brennen schien, gleichfalls etwas zu äußern. „Darf ich etwas sagen, Herr Rat?" erkundigte sich der Schutzmann. „Immerzu. Was betrifft es denn?" „Ich meine nur, ich weiß jetzt, wie der Schauspieler hieß, von dem ich gestern sprach . . . wie der Herr dort" — er wies auf Witte ■— „den Namen nannte, wußte ich sofort Bescheid. Er hat recht. Der Tote hieß zu seinen Lebzeiten Schuhmacher. Unter diesem Namen hat er auch im Bellealliance-Theater im letzten April mitgcspielt. Das werden auch noch die Theaterzettel ausweisen." Er wendete sich an den unbeweglich noch immer auf seinem Platze verharrenden Detektiv. „Sie müssen sich doch erinnern können^ Herr Walden. Ich habe Sie mit dcml Schuhmacher häufig genug zusamdnen gesehen. Ich habe Sie auch begrüßt. Das müssen Sie doch noch wissen." Der Detektiv schaute ihn ruhig an. „Das bestreite ich auch garnicht, zumal ich an mjeinem Freunde Schuhmacher immer reges Interesse genommen habe. Nach wie vor stelle ich dagegen entschieden in Abvcde, daß der durch die Bildkarten aus dem Verbrecheralbum als internationaler Einbrecher gekennzeichnete, in vorgestriger nacht gewaltsam um's Leben gekommene Mann! mit Gustav Schuhmacher identisch ist." „Vielleicht irren Sic doch," suchte Hansemann seinem Untergebenen zu Hilfe zu kommen, „mag sein, dieser Schuhmacher führte ein Doppelleben. Er kann hier in Berlin rnhig unter seinem bürgerlichen Namen gelebt und wies eine abenteuer-, liche verbrecherische Existenz gefristet haben — freilich, dann erstaunts mich doch wieder, daß Sie die Leiche nicht wieder^ erkannt haben, sollen!" Walden zuckte unmutig mit den Schultern. „Ich weiß gap, nicht, was ich zu alledem sagen soll!" begehrte er mit zuckenden Lippen auf. „Ich werde da zu meinem. Befremden von einer Seite frivol verdächtigt, die nur zu guten Grund hätte, aus die eigene Verteidigung bedacht zu fein." Er wies mit einer nicht mißzuverstehenden Geberde auf den Maler. „Was soll das heißen?" flammte dieser sofort entrüstet auf. „Ich muß doch sehr bitten, Herr Rat, daß jener Herr sich in den Schranken des Anstands hält —" „Pst! nur kalt Blut, mein Bester!" beschwichtigte Hansemann mit sorgenvollem Gesicht. Er winkte wieder Rokohl heran. „Nun, Sie haben jetzt Gelegenheit gehabt, den Herrn in Muße zu betrachten und auch sprechen zu hören. „Was haben Sie nun zu sagen?" Der Schutzmann wendete sich direkt an Witte. „Sie sind wieder zurückgekehrt, gerade als ich mit dem Kutscher den Schuhmacher in die Droschke gebrächt hatte. Dann haben Sie sich zu ihm gesetzt und haben sich nach der Turmstraße fahren lassen. Wenigstens gaben Sie dein-Kutscher eine solche Adresse an." Witte maß den Schutzmann mit flammendem' Zornesblick von Kopf bis zu Füßen. „Das ist eine Unwahrheit!" rief er erbittert. „Wie kommen Sie dazu, eine derartige Behauptung aufzustellen! Ich entsinne mich Ihrer jetzt. Sie sind der Schutzmann van neulich nachts. Sie riefen hinter mir her, doch dazubleiben." „Ganz richtig!" fiel Rokohl wieder ein. „Sie gingen in großer Eile über den Potsdamer Platz, in der Nähe des Wasserhäuschens sprachen Sie mit einem Herrn, der einen ähnlichen Ueberrock trug wie Sie." „Ich?" Witte tat sehr erstaunt. „Doch ja, ich entsinne mich." räumte er dann ein. „Ein Herr fragte mich nach der Lage des Ringbahnhofes. Ich wies ihn mit wenigen Worten zurecht und ging loeitcr." „Sie kehrten aber wieder zurück?" beharrte der Rat. Voll zorniger Ungeduld schlug der Maler die Hände zusammen. „Bei aller schuldigen Hochachtung vor Ihnen, Herr Rat!" rief er erregt. „Doch das geht zu weit! Seit wann glaubt man der Versicherung eines anständigen Menschen nicht mehr! Nun bereue ich fast- meiner Regung nachgegeben und mich hier eingefunden zu habens Das ist wirklich stark!" „Tun Sie mir den Gefallen uni) finden Sie nichts stark, Herr Witte. Wir befinden uns hier nicht am Plaudertisch, sondern vor der Kriminalpolizei und es handelt sich um die Erforschung eines Kapitalverbrechens. Dahinter müssen alle persönlichen Rücksichten verschwinden", gab Hansemamr ernst zu bedenken. Er wandte sich wieder an den Schutzmann. „Rokohl, mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie unter Ihrem Diensteid aussagen", bedeutete er eindringlich. „Prüfen Sie sich wohl, denn unter Umständen hangt viel von Ihrer Aussage ab . . . gestern waren Sie sehr schwankend. Es wollte Ihnen sogar scheinen, als ob ein Herrn Walden -ähnlich sehender Mensch den Trunkenen zuerst an die Droschke gebracht habe. Nun hörten Sie von Herrn Witte selbst, daß dieser der Begleiter war." „Tas gebe ich zu", räumte Rokohl ein, den Blick immer noch unschlüssig zwischen beiden Männern pendeln lassend. „Ich weiß auch jetzt noch nicht, was ich sagen soll. Es Ivar freilich dunkel und —" Walden war aufgesprungen und hatte in großer Eile seinen hellen Ueberrock angezogen. Nun stellte -er sich dicht neben dem Maler auf. „So, jetzt vergleichen Sie gefälligst in aller Muße!" fuhr er erbittert den Schutzmann an. „Wer war's denn jetzt von uns beiden?" „Ich meine immer Sie, Herr Walden", lautete die zögernde Antwort. „Das heißt —- bis auf die Sprache . . . die stimmt wieder auffallend bei dem Herrn dort." Von einem neuen Gedanken ersaßt, wendete sich Hansemann nach dem Schreibtisch und klingelte. „Ist der Gehilfe aus der Asknnisch-en Apotheke schon am- wesend?" fragte er den eintretenden Nuntius und als dieser bejahte, meinte er kurz: „soll eintreten!" Zugleich wendete er sich an die Anwesenden: „Ich ersuche die Herren, sich vollständig ruhig zu verhalten, was ich den Zeugen auch fragen mag!" Die Tür öffnete sich und ein lang aufgeschossener junger Mensch mit keimendem Bartwuchs dienerte ins Zimmer, hinter einer blitzenden Brille zugleich betreten und verschüchtert hervor- blickend. , „Sie sind der geprüfte Pharmazent Neumann und Gehilfe in der Askanischen Apotheke?" nahm der Rat den Ein- tvetenden sofort in Beschlag. „Zu dienen. Jch^ habe eine Vorladung bekommen." „Das weiß ich. Sie haben in den ersten Morgenstunden an einen Ar. Schulz aus Charlottenburg eine Quantität Chloroform verkauft?" „Das ist ein Irrtum. Der Herr Doktor ist auch draußen. Ich habe mich bereits mit ihm bekannt gemacht und' zu meinem! Schrecken vernommen, daß ich getäuscht worden bin." „Möglich. Jedenfalls befindet sich der Herr, dem Sie die Dosis verkauften, und der als Dr. Schulz rezeptierte, hier im Zimmer. Schauen Sie sich die Herren an und sagen Sie mir, welchen von Ihnen Sie wiedererkennen." Mit blöden Blicken starrte der Verschüchterte bald Walden, bald den jungen Maler an, auch den bärtigen Schutzmann besah er eingehend. „Der war's nicht!" stotterte er endlich, auf Rokohl deutend. „Das glauben wir Ihnen ohne weiteres", bemerkte der Rat, ohne eine Miene zu verziehen. „Es bleiben also die beiden Herren . . . nun, wie steht's damit?" Der Gehilfe starrte und starrte. Das Stillschweigen im Zimmer gestaltete sich schon peinlich, als er endlich entgegnete: „Die Herren könnten es alle beide gewesen sein . . . das heißt, möchte doch meinen, jener Herr sei es gewesen", stotterte er, auf Witte deutend, nm sofort hinzuzufügen, als der Bezeichnete eine Eeberde des Unwillens machte: „Das heißt, ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen ... ich war aus dem Schlaf geklingelt worden, es ging auch so in der Eile . . . und bann trug der Herr auch einen Vollbart." „Ihrem Provisor sollen Sie erzählt haben, der unbekannte Käufer habe auch eine Brille getragen", warf Walden mit gerunzelter Stirn ein. „Das heißt, es ist möglich ... ich möchte es nicht beschwören, ich kann mich auch geirrt haben. Merzte tragen in der Regel Brillen, da nimmt man so was ohne weiteres an." „Sie tragen nie Brillen, Herr Witte?" wendete Hansemann sich an den Maler, um dem Pharmazeuten Gelegenheit zu geben, auch dessen Stimme zu hören. „Was soll die Frage und überhaupt die ganze Gegenüberstellung?" brauste Witte nun ungehalten auf, dunkle Enh- rüstungsröte in den Wangen. „Die Stimme kommt mir merkwürdig bekannt vor!" rief Neumann eifrig dazwischen. „Ich möchte beinahe sagen, der Künde hat ähnlich gesprochen." „Der Herr spricht doch mit fremdländischem Anflug und zu Ihrem Provisor sagten Sie, er habe gutes Deutsch gesprochen." „Das tut der Herr hier doch auch!" verwahrte sich der Gehilfe, der allmählich auftaute und in seinen Behauptungen bestimmter wurde. „Ich war verschlafen und achtete nicht weiter auf die Sprechweise des nächtlichen Kunden. Doch im Ohr hat sie mir immer nachgeklungen. Jetzt möchte ich mit Bestimmtheit behaupten, der Herr da ist's bis auf den Vollbart." „Nun, der Schnurrbart dieses Baker oder Schuhmacher . . . oder wie sonst der Tote heißen mag, erwies sich auch als falsch!" konnte der Rat einzuschalten sich nicht verkneifen. (Fortsetzung.) Aus meiner GymnasiaMljkerzeit (1862—1869): Zur Entwicklungsgeichlchte des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts am Landgraf Georg-Gymnasium zu Gietzen. Von Dk. Alex. Naumann, Universitätsproicssor. In der Festrede zur Dreihundertjahrfeier des Gießener Gymnasiums gedachte Professor Dr. Messer der Tatsache, daß schon lange Jahre in dem von der hessischen Negierung erlassenen Unterrichtsplan auch Mathematik und Naturwissenschaften anerkennenswerte Berücksichtigung gefunden hatten, aber die Leistungen den Vorschriften nicht entsprachen, weil bei Lehrern und Schülern die Mathematik äußerst geringschätzig behandelt wurde und auch die Mathematiklehrer vorerst nicht die geeigneten waren, daß dann an der Universität als Mathematiker ausgebildete. Lehrer den Unterricht den Bestimmungen gemäß allmählich gehoben hätten. Ich kann hierzu als frühester der noch lebenden früheren Lehrer am hiesigen Gymnasium aus eigener Erfahrung und durch aktenmäßige Belege eine eingehendere Bestätigung liefern, die als fachmännischer Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Unterrichts gelten mag. Mein Vorgänger Dr. Dölp war der erste Lehrer der Mathematik am hiesigen Gymnasium, der als Mathematiker ausgebildet uud geprüft wordeu war. Er war ein hervorragender Lehrer und vollendete sein mathematisches Wissen' und Können noch dadurch, daß er nach Hierherberufung des berühmten Mathematikers Clebsch an dessen Bor- — 643 lesungen und Uebungen nicht nur teilnahm', sondern sie auch mit regem Eiser ausarbeitete. Infolgedessen wurde er 1864 als Professor an das Polytechnikum in Darmstadt, die jetzige Technische Hochschule, berufen. Als er mir den mathematischen Unterricht überlieferte, schilderte er die verrotteten Zustände, die er hier vorgefunden habe, und erklärte, daß er zunächst sich darauf habe beschränken müssen, den Schülern einen ordentlichen Unterricht zu bieten, es aber in den höheren Klassen ihrem .Ermessen überlassen habe, ob sie demselben folgen wollten oder nicht. Einen Zwang auf die sich ablehnend verhaltenden Schüler auszuüben, habe er als alleiniger Vertreter der Mathematik und Naturwissenschaften bei dem Mangel einer jeden Unterstützung durch Direktorium und 'Kollegen nicht unternehmen mögen. Insofern sei sein Nachlaß nicht ganz in Ordnung. Er sehe aber voraus und hoffe sogar, daß ich nun weiter gehen werde. Nebenbei bemerkt, gab er mir dazu den freundschaftlichen Rat, bei den häufigen Gelegenheiten zuni Aergernis, die ein Lehrer habe, es stets so einzurichten, daß der Andere sich ärgere. Wie richtig mein Vorgänger Tr. Dölp meine nächste Zukunft vorausgesehen hatte, erhellt aus folgenden Aktenstücken: „Gießen, 19. Mär? 1866. Betreff: Tie Leistungen in der Mathenlatik am Gymnasium zu Gießen. An Großherzogliche Oberstudiendirektion zu Darmstadt. Gehorsamste Vorstellung des Großherzoglichen Gymnasiallehrers Tr. Naumann. Tie Tatsache, daß die Wirksamkeit des Lehrers der Mathematik an hiesigem Gynmasium so sehr beschränkt ist, gebietet mir, hoher Oberstudiendirektion die einschlagenden Verhältnisse gehorsamst darzulegen. Ostern 1865 erhob ich Einsprache gegen die Versetzung einiger von auswärts eingetretener Schüler der Obersekunda, welche bei großer Unwissenheit in mathematischen Dingen sich ganz un- strebsam gezeigt hatten. Nichtsdestoweniger wurden dieselben nach Unterprima befördert. Tie schlimmen Folgen haben sich unterdes gezeigt, ließet die Hälfte der Schüler der seitherigen Unterprima mußte für das verflossene Halbjahr in der Mathematik das Prädikat „ungenügend" erhalten. Als ich nun in der neuerlichen Vcrsetzungskonferenz der Meinung war, von diesen Schülern seien wenigstens diejenigen nicht nach Oberprima zu befördern, welchen es bei gänzlich ungenügenden Kenntnissen auch durchaus an Strebsamkeit gemangelt habe — worunter sich wieder dieselben befanden, gegen deren Versetzung ich mich ein Jahr früher vergebens gewehrt hatte — so faßten die in Prima unterrichtenden Lehrer den Mehrheitsbeschluß, daß Schüler, welche — ungenügende Leistungen vorausgesetzt — in der Mathematik gar keinen guten Willen gezeigt hätten, deshalb allein nicht sitzen bleiben sollten. Durch diesen Beschluß ist es, trotzdem die Mathematik ein obligatorischer Lehrgegenstand sein soll, den Schülern tatsächlich in den Willen gestellt, ob sie dem mathematischen Unterricht folgen wollen oder nicht, obligatorisch ist nur noch ihre Gegenwart in den Lehrstunden und damit ist das gedeihliche Fortschreiten der strebsamen Schüler durch die störende Anwesenheit unfleißiger und u.nwissender Mitschüler gehemmt. — Auch liegt besagter Beschluß, und die sich daran knüpfenden Folgen, jedenfalls nicht im Sinne der Maturitütsordnung, aus deren § 26 mir hervorzugehen scheint, daß gerade Mathematik von allen Schülern ohne Rücksicht auf künftiges Berufsstudium in gleicher Weise verlangt werden soll; zugleich erhellt daraus, daß die wunderliche Ansicht, welche die betreffenden Lehrer zum Teil bei ihrem Beschluß leitete, als erfordere die Mathematik ganz besondere Geistesgaben, bei den höheren Behörden schon 1832 zum mindesten antiquiert war. In Bezug auf Vorstehendes bitte ich hohe Oberstudiendirektion um geeignete Abhilfe und muß zugleich, so lange mir durch besagten Beschluß die Mittel entzogen sind, gebotenen Falls Schüler zur Aneignung, mathematischer Kenntnisse zu nötigen, jede Schuld von mir weisen, wenn ich künftighin einem verhältnismäßig großen Teil der Abiturienten in der Mathematik und wohl auch in der Physik, die ja nach § 30 der Maturitätsordnung auf mathematischem Grunde ruhen soll, das Prädikat „ungenügend" zu erteilen hätte. Tr. Naumann." „Gießen, 19. März 1866. Betreff: Beförderung einer Vorstellung an Großherzogliche Oberstudiendirektion. An Großherzogliche Direktion des Gymnasiums zu Gießen. Gehorsamste Bitte des Großherzoglichen Gymnasiallehrers Tr. Naumann. , Unterzeichneter richtet an Großherzogliche Direktion des Gymnasiums die gehorsamste Bitte, beiliegende, die Leistungen in der Mathematik an hiesigem Gymnasium betreffende Vorstellung Großherzoglicher Oberstndrendirektion vorznlegen. Tr. Naumann, Gymnasiallehrer." „D a r m st a d t, 24. Mai 1866. Betreff: Tie Leistungen in der Mathematik am Gymnasium zn Gießen. Tie Großherzogliche Oberstudiendirektion an Großherzogliche Tirektion des Gymnasiums zu Gießen. In Bezug auf den vom Gymnasiallehrer Tr. Naumann angeregten Gegenstand und Ihren darüber erstatteten Bericht vom 7. ds. empfehlen wir Ihnen, in Betracht der für alle Berufsstudien hohen Wichtigkeit mathematischer Schulbildung, bei der Aufnahme von Schülern in die oberen Klassen auf die mathematische Vorbildung der Äufzunehmenden geeignete Rücksicht zu nehmen' und bei deren etwa in diesem Fach unzureichenden Kenntnissen die Ergänzung derselben im laufenden Jahr zur Bedingung des Fortrückens zu machen, bei Versetzungen der Schüler aber von Öbersekunda nach Unterprima unnachsichtlich solche Schüler zurück- znhalten, deren Kenntnisse in der Mathematik in Folge von Unfleiß unb Mangel an Strebsamkeit und gutem Willen unzureichend erscheinen sollten. Von dieser unserer Verfügung wollen Sie auch der Lehrerkonferenz Mitteilung machen. F. d. A. A ch e n b a ch." Durch diese Verfügung der Oberstudiendirektion, deren technisches Mitglied der um das hessische Schulwesen Hochverdiente Oberstudienrat Professor Dr. Karl Wagner war, wurde mit einem Schlage die vorher traurige Stellung des damals einzigen Mathematikers am hiesigen Gymnasium umgewandelt. Allein ihr Vorhandensein, von dem auch die Schüler und weitere Kreise Kenntnis erhielten, genügte, um dem Mathematiklehrer eine ungehemmte Wirksamkeit und auch für ihn erfreuliche Lehrerfolge zu sicheru. Die Landpfarrer, welche damals in ziemlich umfassendem Maße Schüler vorzubereiten pflegten bis zum Eintritt in die mittleren und höheren Ghmnasialklassen, suchten nun die Beihilfe der seminaristisch gebildeten Volksschullehrer, die vortrefflich zu unterrichten wußten. Ich habe niemals nötig gehabt, von den erhaltenen besonderen Machtbefugnissen Gebrauch zu machen und konnte fortan mit dem Eifer und den Leistungen der Schüler zufrieden sein. Es zeigte sich hier eine heilsame Wirkung einiger entschiedener Worte von maßgebender Stelle, die wie eine Bombe hineinfuhren in die für den Mathematiker aus die Dauer unerträgliche, widersinnige und mißbräuchliche Handhabung einer einseitigen Mehrheitsmacht. Ausschließlich „über Hellas und Rom" die Jugend führen zu wollen, war also schon vor vier Jahrzehnten wenigstens in Hessen nicht mehr angängig, dank einem erleuchteten Regierungsmitglied, das als Philologe und früherer Gymnasiallehrer am allerwenigsten in den Verdacht kommen konnte, den Wert klassischer Bildung zu unterschätzen oder dem „Zeitgeist" über Gebühr Opfer zu bringen. Im Oktober 1869 erhielt ich die nachgesuchte Entlassung, nachdem ich im Sommer zum außerordentlichen Professor an der Landesuniversität ernannt worden war, au der ich bereits Ende 1858 die schriftliche Prüfung pro venia docendi für Chemie abgelegt, und — nach mehrsemestriger Assistententätigkeit in Darmstadt und Tübingen, nach mathematischen Studien in Gießen und abgelegter Lehramtsprüfung — mich April 1864 als Privatdozent für Chemie habilitiert hatte. Selbstverständlich war es mein lebhafter Wunsch, daß nunmehr am Gymnasium keiu Rückschlag erfolgen möge, sondern im Gegenteil eine weitere Hebung des mathematischen Unterrichts. Dafür schien es aber erforderlich, daß nicht auf einen älteren Lehrer zurückgegriffen, sondern ein bereits aus der damals hier an der Universität blühenden Clebsch'schen Schule hervorgegangener gewählt werde. Deshalb legte ich dem damaligen Oberstudienrat Professor Dr. Wagner, meinem früheren Lehrer am' Darmstädter Gymnasium, persönlich die Sachlage dar unter Hinweis auf eiltest früheren Schüler des hiesigen Gymnasiums, Emil Rausch, der unterdes an der Universität seine mathematische Ausbildung erhalten hatte durch C l e b s ch und dessen Mitarbeiter und im Begriffe war, die Lehramtsprüfung abzulegen. Oberstudienrat Wagner setzte es dann auch durch, daß Rausch mein Nachfolger wurde. Es ist allbekannt, daß am hiesigen Gymnasium von da weiter der Unterricht in der Mathematik und in den Na- turwissenschasteu sich stetig gehoben hat, auch durch Vermehrung der Lehrkräfte, der Lehrmittel, der einzelnen gesondert unterrichteten Schülerklassen und der Lehrstunden insbesondere für Naturwissenschaften. Einem Gymnasium einen noch größeren Zeitaufwand für Mathematik und Naturwissenschaften zumuten zu wollen, wäre unbillig. Es Würde dadurch irr der ihm eigenen Durchbildung seiner Schüler empfindlich geschädigt werden. Ob demgegenüber durch eine größere Summe naturwissenschaftlicher Kenntnisse eine höhere Befähigung zum Studium z. B. der Chemie erreicht sein würde, möchte ich verneinen. Ein schnelleres Fortschreiten in den ersten Semestern verbürgt noch lange nicht die endgültige Gewinnung einer höheren wissenschaftlichen und praktischen Leistungsfähigkeit. Probe :t::b Gegenprobe lassen sich leider an der nämlichen Persönlichkeit nicht machen. Ich würde sonst schon längst diesen einfachen und beweisenden Versuch veranlaßt haben — zur Ueber- zeugung Anderer. Gießen, 12. Oktober 1907. Alex. Naumann. Tür unsere Kinder. Echtes Kinderleben zu fördern, ist Tendenz des neuen Jahrhunderts. Mit Erfolg leistet das „Ter Hauslehrer", die erste Wochenschrift für d en geistigen Verkehr mit Kindern (heraus- tzegeben von Berthold Otto, Verlag des Hauslehrers, Großlichterfelde), die genau so alt ist wie das Jahrhundert. Tie vorliegende Nummer 41 enthält einen politischen Artikel über den verstorbenen Großherzog von Baden — die Geschichte, die dieser Fürst durchlebt hat, wird so dargestellt, wie sie ihm selber erscheinen mußte, Nicht lote sie dem von außen schauenden Historiker erscheint,' ein botanischer Artikel von Lichtenberger folgt, in dem wir von Struktur der Erdbeeren, Himbeeren, Birnen, Aepfel, Kirschen und Pflaumen unterhalten und unmerklich belehrt werden; Max Päpke setzt seine Artikelreihe über Mittelhochdeutfch fort üt einer Betrachtung der starken Verba; Else Fintelmann schildert die verbissene Meerhexe im Aquarium — alles in der Hauslehrerschreibweise,, die alle Phrasen abweist und nur eigenes Schauen und echtes Empfinden gelten läßt. — Tie Beilage „Geschichten in Altersmundart" gibt unvermischte Kindersprache; Helene Pannwitz erzählt das Märchen vom schwarzen Haus; zwei Münchener Lehrer erzählen in der Sprechweise bayrischer Kinder. — Besonderes Interesse bietet diesmal auch die Beilage: „Anleitungen für Eltern und Lehrer,, in der diesmal der Hilfsschulunterricht behandelt ist. Katharina Otto gibt einige theoretische Ausführungen darüber, und einige praktische Beispiele aus dem Seelenleben dieser Kinder, die lesenswert sind. aus der Feder Leo Bergs den Aufsatz: „Ibsens ethischer Jndividnalismus und die Entwicklung seines Dramas."- Er betrachtet den norwegischen Dichter von einem neuen und eigenartigen Gesichtspunkte aus: in seinem religiösethischen Ringen mit sich selbst, das er in seinen dramatischen Schöpfungen zum Ausdruck zu bringen sucht. —i Nach Form und Inhalt gleich ausgezeichnet ist die Lebensbeschreibung der „Dianne de Poytiers" von De tick Zilcken. Man empfindet den frühen Tod der reichbegabten Verfasserin als um so schmerzlicheren Verlust,- wenn man sieht, wie sie es hier verstanden hat, nicht nur das Lebensbild dieser Maitresse Heinrichs II. von Frankreich klar und fesselnd zu zeichnen, ihre ganze Erscheinung plastisch hervortreten zu lassen, sondern auch das gesamte Milieu des französischen Königshofes unter Franz I. und seinem Sohne mit der großartigen Künst- pflege einerseits, der Maitressenwirtfchaft und den damit zusammenhängende:: Jntrigenkämpfen der Parteien andererseits in unübertrefflicher Weise zu schildern. — An die neuerdings hervortretenden Bestrebungen zur städtebaulichen Entwickelung knüpft Dr. Hans Schmidrunz unter dem Titel: „Groß-Berlin und Jnnenknnst" Betracht tungen über den Einfluß des Wohnungsäußeren auf die innere Wohnungsausstattuug, auf die Jnuenkunst. — Nicht minder beherzigenswert ist, was Prof. Th. Achelis aus- führt „zur Psychologie und Kritik des Radikalismus". — Die Veröffentlichung der Antworten, die auf die Rundfrage der Redaktion von „Nord und Süd" über die „Vorstrafen" eingegangen sind, wird mit dem Artikel: „Die Bedeutung der Vorstrafen im Strafprozeß" von Prof. Hans Groß fortgesetzt. Goldene Worte. Der Schein der Konsequenz ist das unsterbliche Verdienst der Beschränktheit. ~ v. Treitfchke. Das nur ist die wahre Ehre Au! des Lebens wirrer Bahn, Die der Mensch sich ielber geben, Und auch selber nehmen kann. W. v. Glarus. -i- ES zeigt uns die ganze Geschichte der organischen Welt, daß neben dein überwiegenden Fortschritt zum Vollkoininenen jederzeit auch einzelne Rückschritte zn niederen Zuständen Vorkommen. E. Haeckel. Tn wirst es nie zu Tüchl'gem bringen Bei deines Grames Träumerei'«: Die Tränen lassen nichts gelingen, Wer schaffen ivill, muß fröhlich sein. Th. Fontane. Krerrzrittsel. — Ein neues Drama von Felix Philippi. Alle Theaterstücke Felix Philippis haben den unbestreitbaren Vorzug der Bühnenwirksamkeit; das ist nun schon oft genug erprobt. Es kann daher nicht wundernehmen, daß auch sein neuestes Werk, das vieraktige Drama: „Der Herzog von Rivoli", mit dessen Veröffentlichung im Oktoberheft von „Nord und Süd" (S. Schottlaenders Verlagsanstalt, G. m. b. H., Berlin W. 35) begonnen wird, schon bei der Lektüre, die Gewähr des theatralische!: Erfolges in sich trägt. Was umsomehr anzuerkeunen ist, als uns hier nicht die unmittelbar interessierende Mitwelt vorgeführt wird, sondern die Szene in eines der kleinen italienischen Fürstentümer vor ein Paar Jahrhunderten zurückversetzt ist. Die Handlung ist ganz einfach und klar; aber sie wird :nit Lebendigkeit und Kraft, bei aller sorgfältigen Durchbildung des Details, aufgerollt. Ebenso einfach und wahrscheinlich bewegen sich die handelnden Personen des Stückes, an Aller Spitze die Figur des Feldherrn Antonio. — Dasselbe Oktoberheft Bringt In die Felder nebenstehen- der Figur sind die Buchstaben a a a a b b b b bcceee eeeeehhhhllloo pppprrrrrrrssss u n derart einzutragen, daß die wagrechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes ergeben: 1. Eine Arzneipflanze. 3. Ein Seeschiff. 3. Ein Städtchen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer! Nie kanipilos wird dir ganz DaS- Schöne im Leben geglückt sein, Selbst Diamantenglanz Will seiner Hülle entrückt sein, Und windest du einen Kranz Jede Blume dazu will gepflückt sein. Redaktion: P. Witt ko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.