1907 — Ilr. 145 Wontag den 30. Scptemöer / jeßenevMuüliett^ D AnLerhallukMMMlEieKemrAlyeherOMÄ-AkMer) ZSZ 8 । a- baß! tng sie iell -ter che Auf der eigenen Spur. Kriminalroman vott Otto H o e ck e r- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Es ist aber nur ein kleiner Dampfer, er bleibt etwa vierzehn Tage unterwegs; dasür ist er billig, nur eine Kajütenklasse, die beiden Trickes würden auf kommen." BW UM Ball 578 — sich in eine gewöhnliche; statt des Striches unter der Ruürik „besondere Kennzeichen" in den amtlichen Formularen geschah der Eintrag: flammend rote Narbe, von einem Hiebe herrührend; fünfeinhalb Zentimeter breit, von der Augenbraue der linken Gesichtshälfte von einem Winkel von 48 Grad sich aufwärts nacb dem Kopfwirbel erstreckend. Die Arbeit ging dem Detektiv rasch von statten, obwohl er sich schwerflüssiger roter Tinte zu bedienen hatte. Er schöpfte seine Eintragungen aus dem eigenen Notizbuch und die darin enthaltenen Aufzeichnungen schienen ihm ungemein geläufig. Kaum eine halbe Stunde später hatte er drei Blankofornmlare aus- gefülit und die durchs hohe Fenster strahlende Sonne, in welche er die nassen Schriftzüge gelegt, hatte diese getrocknet. Run rist er von den Bildkarten die amtlichen Formulare ab; erst zerrist er diese und dann, nach kurzer Ueberleguug, zerstörte er auch die Bildnisse selbst. Er warf die Schnitzel in den Ofen, zündete sie an und blieb dabei stehen, bis sie verbrannt waren. Daun steckte er die selbstgefertigten Maßstreisen zu sich und verliest hastig sein Zimmer. Draußen empfing ihn der Nuntius mit der Meldung, durch den Fernsprecher habe ein Kommerzienrat Selkenbach'den Herrn Rat schon wiederholt zu sprechen verlangt. „Der Herr must sich gedulden," entgegnete Walden flüchtig, der offenbar Eile hatte, rasch sortzukommeu. „Sollte der Herr wieder anrnfen, so sagen Sie ihm, der Herr Rat sei dringend austerhalb beschäftigt und würde kaum vor dem späten Nachmittag aufs Bureau kommen." Damit verliest er die Abteiluugsräume und gleich darauf auch den roten Polizeipalast. Diesmal vertraute er sich der Stadtbahn an, um diese auf Station Bellevue wieder zu verlassen. Er wendete seine Schritte zu einer nahebei befindlichen Strastenslucht und trat gleich darauf iu eins der hochragenden Mietshäuser. Im Gartenhaus erklomm er die Treppen bis zum obersten Flur, nm schließlich vor einer Korridortür anzuhalten; unter der daneben befindlichen Klingel war eine Visitenkarte mit der Aufschrift „Gustav Schuhmacher, Schauspieler," befestigt. Wohl eilte Minute stand Walden unschlüssig und lauschte dem durch die Tür dringenden Kinderlärm; seine Mienen hatten sich wieder verfinstert. Doch als er mit widerstrebender Hand endlich den Glockengriff in Bewegung setzte, drückten seine Züge wieder den gewohnten Gleichmut aus. Schon ivurde die Tür geöffnet; in ihrem Rahmen tauchte eine nette, etwa dreißigjährige Frau im schlichten, peinlich sauber gehaltenen Hausgewand auf. Beim Erblicken des Detektivs ging ein freundliches Lächeln durch ihr hübsches, sorgenvergraiuteS Antlitz. „Wie lieb von Ihnen, sich wieder einmal sehen zu lassen, Herr Walden," sagte sie, ihm die Hand reichend. „Hurrnh, Onkel August kommt!" rief ein kleiner Bursche, der sich hinter der Schurze seiner Mutter verkrochen hatte, nun aber eilig nuftauchte und durch fein durchdringendes Geschrei die ältere, vielleicht neunjährige Schwester veranlastte, gleichfalls hurtig aus der Küche herbeizukommen. „Onkel August!" rief auch die Kleine und hängte sich zutraulich au den Arm des langsam Eintretendeit. „Gustav ist leider nicht zu Hause", meinte die junge Frau, ihren Gast in die bei aller Dürftigleit schmuck und sauber eingerichtete Borderstube führend. „Ich erwarte ihn die ganze Nacht vergeblich . . . nichts da, Ihr bleibt draußen, wehrte sie den Kindern, die mit chller Gewalt in die Stube wollten. „Wir wollen beim Onkel August bleiben!" heulte der kleine Junge bereits, indem er an dessen Arm sich klammerte. „Ein ander Mal, Willi", wich Walden aus, dem die fröhliche- Annäherung der Kinder ersichtlich Unbehagen verursachte. „Jetzt must ich mit Mama sprechen". Er griff rasch in die Tasche und gab den Kindern einige Nickel. „Da lauft und holt Euch Bonbons . . . aber gleich wieder da sein, habt Ihr gehört? Mntter wird Euch brauchen!" Die letzten Worte hörten die Kinder schon nicht, mehr; sie sanften nebeneinander die Stiegen hinunter und ihre Stimmen verklangen bald unten im Treppeuhaufe. (Fortsetzung folgt.) Ans Kermarm Sudermanns Keimst. Zu seinem 5 0. Geburtstage. (30. September.) Droben, in der obersten rechten Ecke des Deutschen Reiches, wo die Flüsse Memel und Pregel zur Ostsee eilen, liegt ein kleiner Erdenfleck, genannt Preußisch-Littauen. Jene für so manchen Reichsdeutschen kaum glaubliche Gegend, die man sich so weltenfern und so von aller Kültttr unbeleckt denkt wie andererseits so öde, wüst und leer, ist kulturell eines der unerschütterlichsten deutschen Bollwerke gegen das andräugende Slaventum und landschaftlich nichts weniger als reizlos. Hoch ragen seine prächtigen stolzen Nadelwälder, von überwältigender Größe ist die Poesie der weit ausge- dehuteu Heiden, erschütternder fast als die Poesie des bayerischen Hochgebirges, imposant der Memelstrom mit seinen lieblich begrünten hügelreicheu Ufern und dem lebhaften Tristengewimmel auf seinen Wellen. Denn tief aus dem Innern Rußlands kommen die armen, in dürftige Lumpen gehüllten, oft kaum mit etwas auderm als einem Sackleinenhemde oder einem rohen Schafpelze bekleideten Holz- slößer auf der Memel daher, um in den großen Holzhandlungen Memels oder Tilsits oder Königsbergs die einzigen Schätze ihrer wälderreicheu Heimat abzusetzen. Ueppig wallt auf den fruchtreichen Aeckeru im Sommer das Getreide, auf den Wiesen weiden kraftstrotzende Rinder und in umzäunten Eiehegen springen mutwillig feurige junge Rosse umher. Längst haben Sie Errungenschaften der modernen Landwirtschaft auch dort int fernsten Nordosten des Reiches ihren Segen verbreitet und bäuerlichen Wohlstand geschaffen. Das eigentliche Volk der Littauer, das einst wohl stark und mächtig war, treibt dem Untergange entgegen. Ihr vor grauen Jahren weit ausgedehntes Reich, das seine Hauptstärke in großen Distrikten des heutigen Rußland hatte, wird heute von Deutschen, Küren, Posen und — zum kleinsten Teile von Littauern bewohnt. Besonders in den letzten Jahrzehnten hat, soweit das Land zu Preußen gehört, die Germanisiernng dieses Volkes gewaltige Fortschritte gemacht und nimmt von Jahr zu Jahr zu, so daß von seiner alten Sitte und Sprache schon heute nicht mehr viel vorhanden ist. Ernst Wichert, ein Sohn jenes Landstriches, hat in den besten seiner „Littaui- schen Novellen" ergreifend den selbstverschuldeten Untergang jenes unglücklichen Volkes geschildert, das sich durch, Trägheit, Einsichtslosigkeit und Schnapsliebe wie durch unvernünftige Prozeßwut zu Grunde richtet. Andererseits bemüht es sich sichtlich, in dem Deutschtum aufzugeheu, indem es sein nationales Musikinstrument, die Kanklys, mit der Ziehharmonika, seine Bastschuhe, die Paresken, mit den Stiefeln vertauscht, seiner das Grellbunte liebenden bauschigen Fraueutracht sich entäußert, seine seltsam klingenden Namen mit den Endungen -atis und -eitis re. (Kislatich Scheduikatis, Donaleitis, Kackschies, Bruaszis, Broszeitis, Kutureitis, Kalndrigkeitis) kürzt, seine schönen Lieder (Dai- noS) in Vergessenheit geraten läßt und deutschen Sang und deutsche Sitte bevorzugt. Der Nationallittauer zeichnet sich vor anderen Völkern! durch eine, freilich von Aberglänbigkeit stark verwirrte tiefe Reliaiösität und den Ernst seines Charakters aus. Am reinsten wohl hat er sich noch in dem schmalen deutschen Streifen nördl. der Memel, der im Frühjahr 1807 allein das Königreich Preußen bildete, erhalten. Unweit des Dörfchens Werden, das mit zwei nahe benachbarten größeren Dörfern den Marktflecken und Kreisort .Heydekrug bildet (in Werden ist die Kirche und wohnt der Superintendent, in Szibben sind Amtsgericht und Bahnhof, int eigentlichen Heydekrug residiert der Landrat, wohnt der Kreisarzt, ist die Apotheke), liegt, tief im Walde versteckt, ein einsamer Weiler, aus wenigen Häusern nur bestehend, namens Mat- zicken. Auf der schönen Matzicker Waldwiese pflegen die Heydckrüger ihre Schützen- uno sonstigen Sommerfeste zu begehen. So machte denn der Wirt dort dabei ganz gute Geschäfte. Ein unternehmungslustiger junger Bierbrauer, aus einer armen niederlsndischeu Mennonitensamille stammend, den das Geschick nebst manchem anderen Landsmanns nach Ostpreußen geschleudert hatte,*) suchte sich das Matzicker, flotte Sommergeschäft zu nutze zu machen nnd errichtete dort mit seinen geringen Mitteln eine Bierbrauerei. Doch obwohl er mit seinem Bier die ganze Gegend versorgte, gelangte er auf keinen grünen Zweig, zumal seine Familie von Jahr zu Jahr wuchs. Die Littauer int weiten' Umkreise blieben dem Schnapse tren und wollten von dem Bier des Herrn Sudermann nichts wissen. Die Bürger. *) So wurde z. V. ein Niederländer van Setten nach dem Städtchen Ragntt an der Memel vor etiva einem halben Jahrhundert aus seiner Heimat beritten, um Tabakplantagen anzulegen. Derartige Versuche blieben aber erfolglos und so führte er denn die niederländische Käsefabrikation dort ein, die den „Tilsiter Käse recht bekannt machte. — tz-s — Heydekrugs allein aber konnten den Brauer nicht genügend' ernähren. So wuchs denn Hermann, des einfachen, stillen Brauers ältester Sohn, in kargen Verhältnissen auf, bei kargen Spielen. Sein Hauptsptelgefährte war — ein Reiher, den einer der Richter des Heydekrüger Kreisgerichtes gefangen und zu sich ins Haus genommen hatte. Mit diesem bestand der mutige kleine Knabe manchen schweren Strauß, bis er ihn durch einen Steinwurf lähmte, so daß er getötet werden mußte. Das war die erste Wunde, die dem Herzen des Knaben geschlagen wurde. Während der Vater, ein wenig umgänglicher Sonderling, jeder Geselligkeit abhold war, veranstaltete die Mutter doch gern kleine Kaffeegesellschaften „mit abgeriebenem Napfkuchen" und delikatem Eingemachtem und wußte sich sowohl durch kluge Verständigkeit wie durch ihre milde, freundlich liebevolle Art die Herzen namentlich der jungen Mädchen des Ortes zu gewinnen, lind wenn auch Schmalhans Küchenmeister zu Hause war, so lernte der aufgeweckte Knabe im stillen Heimatörtchen eines kennen, was ihm die Großstadt nie hätte gewähren können und was sie ihm später leider rauben sollte: die Poesie der weltverlorenen Einsamkeit. Das schlichte, nüchterne Haus seiner Eltern, ein zweistöckiger ziegelbedachter Bau (während rings umher die niedrigen Bauernhütten, ans Lehm und Heidekraut errichtet, hohe Strohdächer zeigten), war von weiß- stümmigen Birken umstanden. Wenn diese im Frühling, ihre feinzackigen wunderholden zartgrünen Blättchen an die schlanken Zweige setzten und mitsamt dem Hollunder einen Duft verbreiteten, der dem jungen Volke den Kopf benahm und es zu Sang und Tanz, zu Lust und Liebe trieb, wenn abends die Nachtigallen auf den wunderlich geisterhaften Weidenbäumen hinaus ins Freie riefen mit lieblich lockenden Liedern, wenn der Lenz weit drinnen im Walde, der weiß von Blüten stand, die Silberflöte blies, dann ging dem sinnenden Küaben das Herz auf und erfüllte es mit Sehnsucht nach all dem Schönen und Wunderbaren in der weiten Welt, die doch draußen noch viel herrlicher sein mußte, als dieser stille Waldwinkel in träumerischer Einsamkeit. Und früh, zu früh erfüllte sich sein heißes Sehnen nach der Fremde. Zuerst freilich besuchte er in Heydekrug die Privatschule zweier älterer Damen, Therese und Julie Hubert. „Tante Therese", wie sie allgemein genannt wurde, war eine recht tüchtige Lehrerin und bildete ihre Schüler gewöhnlich zur Quarta vor. Als aber dann die Privatschule unter die Leitung eines verbummelten, uralten Königsberger Studenten kam, der nie ein Examen bestanden hatte, da sahen sich viele Eltern gezwungen, selbst ihre kleineren Kinder in eine Stadt mit besseren Schulverhältnissen in Pension zu geben. So mußte denn auch Hermann im zartesten Alter von Hause fort, von seinem Vater, der übrigens früh gestorben ist, seinen Brüdern, von denen der eine Metzger, der andere Brauer ivurde und die beide ei» arbeitshartes Lebet: in wenig günstigen Verhältttissen führtett, bis Hermann sie zu unterstützen vermochte (der Erbe der väterlichen Brauerei sah sich gezwungen, diese zu verkaufet! und starb bald darauf), und von seiner Mutter, die sich heute noch als 82 jährige int Ruhnte ihres ange- beteten Hermann, ihres Stolzes, sonnen darf. Zuerst kam er nach den: fernen Elbing aufs Realgymnasium, i. I. 1871 aber brachte die Mutter den „sehr hübschen, aber überspannten und gezierten Bengel", wie er in einem Briefe aus jener Zeit genannt wird, nach dem benachbarten Tilsit in die Obhut einer verwittweten Frau Pfarrer Hahn. Dort besuchte er die Realschule uitd schrieb, wie seine Lehrer sagten, miserable Aufsätze, dort befreundete er sich mit Otto Neumann-Hofer, dem späteren bekannten Berliner Theaterkritiker und uachmal. Theaterdirektor. Dieser, dessen jüngerer Bruder Adolf dem deutschen Reichstage als Mitglied der freisinnigen Vereinigung angehört, staiumte aus dem Tilsit benachbarten Dorfe Lappienen. Er besuchte wie Sudermann die Tilsiter städtische Realschule und schloß sich dem um ein halbes Jahr jüngeren Bierbrauersohne als Klassengenosse aufs engste an. Diese Knabenfreundschaft hat die Jahre überdauert. Beide mußten wegen der äußerst bescheidenen Mittel ihrer Eltern mit dem Einjährigenzeugnis die Schule verlassen und in die Lehre treten. Während Neumann (so hieß er damals noch) Lehrling. in einer Buchhandlung in Tilsit wurde, warb Sudermann in Heydekrug Apothekerlehrling. Beide aber arbeiteten nach des Tages Qual nachts so fleißig weiter im Sinne der Schule, daß sie mit ihren ehemaligen Kompennälern drei Jahre spater das Abiturium machen konnten. Die Realschule war inzwischen Realgymnasium geworden und so hatten sie denn das Reifezeugnis für die Universität. Gemeinsam zogen sie nach Königsberg, gemeinsam hörten sie historische und philosophische Vorlesungen und gaben, um ihren Unterhalt zu fristen, Privat- unterricht. Sudermann freilich war durch zwei Semester Mitglied der damaligen Landsmannschaft, des jetzigen Korps Littuania, während Neumann Finke blieb. Doch fühlte sich S. im Kreise seiner viel Bier und wenig Weisheit konsu- inierenden, allem Schöngeistigem direkt abholden burschikosen grün-weiß-roten Couleurbrüder nie besonders wohl, uttd mit Neumann zog er als Zwanzigjähriger nach Berlin. Ohne ein Examen gemacht zu haben, kehrte S. irrt Winter 1877/78 nach Heydekrug zurück, während Neumann als Hauslehrer nach Italien ging, von wo er Reisebriefe für das Berliner Tageblatt schrieb, die der Redaktton so wohl gefielen, daß er bald darauf eines ihrer angesehensten Mitglieder als Theaterrezensent wurde. Seinem Einflüsse im Berliner Theaterleben hat Sudermann auch die Annahme seiner ersten Bühnendichtung, der „Ehre", durch die Direktion des Berliner Lessingtheaters, die übrigens Neumann später bekanntlich selber übernahm, zu verdanken. Sie verschaffte ihm den ersten großen schriftstellerischen Erfolg und begründete damit seine glänzende literarische Laufbahn. Heute sind Sudermann und Neumann Ritterguts- und Schloßnachbarn. Sudermann residiert auf Schloß Blankensee int märkischen Kreise Trebbin, Neumann auf Rittergut Schötthagen nahebei. Mit zärtlichster Liebe umgibt noch heute Sudermann seine greise Mutter. Frau Dorothea, die verehrungswürdige, lebt mit einer Nichte zusammen in Heydekrug und erfreut sich voller Rüstigkeit. Sie hat, wie fast alljährlich, auch den jetzigen Sommer auf dem Schlosse ihres berühmte!! Sohnes zugebracht. War sie dagegen einmal am Reisen verhindert, daun besuchte er sie mit Frau und Töchterchen im stillen ostpreußischen Dorfe, nahm dort mit allem vorlieb und war anspruchslos wie einst als Küabe. In treuer Liebe hängt er an seiner alten Heimat und viel Freude hat er heute wie einst an den littauischen Gebräuchen. Seine Mutter bereitet ihm dann wohl einmal die Ueberraschung, daß ihre Dienstmagd in littauischer Volkstracht ihm aufwartet. Eine b e s o u d e r e L i e b e übrigens hat er für junge Kä tz ch e rt. So soll er, wie mir erzählt ivurde, während des Diktats seiner humorvollen, kernhaft frischen prächtigen Novelle „Jolanthes Hochzeit", die im Hause seiner Mutter entstand und zu seinen besten Schöpfungen zu rechnen ist, in jeder Schlafrocktasche ein solches Tierchen gehabt und'sich mit ihnen vergnügt haben. In seinem 1900 erschienenen Schauspiel „Johannisfeuer" zitiert der junge Prediger Haffke, eine der gelungensten Figuren dieses sonst ja recht anfechtbaren Stückes, in dem aber Land und Leute aus des Dichters littauischer Heimat fast durchweg mit treffender Lebensechtheit geschildert sind, die ersten Zeilen eines Brautkranzgedichtes. Dieses Poem ist keineswegs ein „Torso". Es stammt aus dein Winter 1877/78. Der cand. Phil. Sudermann war in jenem Winter als flotter Tänzer und ausfallend hübscher und stattlicher, übrigens noch völlig bartloser junger Mann in der „Gesellschaft" Heydekrugs geschätzt. (Denn inzwischen war sein Vater von Matzicken nach Cyntionischken, einem Annexe Szibbens, übergesiedelt.) War doch der freilich oft recht schwermütig dreinblickende kraftvolle Jüngling mit dem üppigen, glänzend schwarzen Lockenhaar und den dunkeln, schwärmerischen Augen, der weit älter aussah als er war, ein vorzüglicher Plauderer, obendrein auch ein eleganter Schlittschuhläufer. Allerdings schien er von furchtbarem Weltschmerz gepackt, mit sich und der ganzen Welt unzufrieden, und man hatte den Eindruck, als gahre und brodele es in ihm. So war denn dieser interessante Aus- nahmemensch bei den jungen .Herren wenig, desto mehr aber bei allen Damen beliebt. Sie schwärmten wohl alle dort für ihn. Er war zweifellos die interessanteste und hübscheste Erscheinung in der jungen Männerwelt des Marktfleckens, obendrein Poet, wie man sich zuraunte. Da kam die Hochzeit der Tochter seines ehemaligen Prinzipals, des Apothekers S. Er erhielt dazu nicht nur eine Einladung, sondern auch die Aufforderung zur Abfassung des Brautkranzgedichtes. Meine - 680 — ältere Schwester nahm auch an jener Hochzeit teil, und so ist das wohl aufbewahrte Gedicht in meine Hände geraten. Es beginnt mit den Versen: "Die Blumen sind der Jungfrau Freudgenossen, Sie schlingen sanft sich durch ihr Lenzesglück, Und Lust und Leid, wie beide sie entsprossen, Sie spiegelt hell ein Blumenkelch zurück. Er preist dann Rose, Vergißmeinnicht, Maßlieb Und Lilie: Doch alle überstrahlt in mildem Glanz Der Frauen Lorbeer, er, der Myrtenkranz. Mit ihm klingt auch das Ü strophige Poem aus: Der Myrtenkranz, der sich in Abschiedstränen spiegelt, Er sei es, der dein neues Lebensglück besiegelt. Und noch ein Suderrnannsches kleines Gedichtlein aus jener Zeit kann ich mitteilen. Es ist ein sog. Akrostichon und meiner ältesten Schwester zu deren 17. Geburtstage gewidmet. Es lautet: Ein Glückwunsch ist oft hohler Hall, Leer, luftig tönt er in die Runde, Zn Nichts verweht sein Phrasenschwall Schon in der allernächsten Stunde. Ein andrer tönt aus unserm Munde Was wir Dir wcihn zum Angebinde Ist nur ein leises, zages Wort, Trägst Dir die Zeit in alle Winde, Tönis doch in unfern Herzen fort: Komm' was da woll'! In Freud und Leid O glaub' csl — sind wir Dir geweiht. Ward doch meine Schwester von ihm beim Tanze wie 'auf dem Eise vor allen anderen Heydekrüger Dämchen stets bevorzugt und von diesen darob nicht wenig beneidet. Lebhaft beteiligte sich übrigens Sudermann in H. auch tat Liebhabertheateraufführungen. Er arbeitete damals sehr fleißig. Spät nachts noch sah man in seinem Giebelstübchen die Lampe brennen. Die nächsten Jahre brachten ihm in Berlin viel Schlim- tnes und Schweres. Zuweilen wär er aus die Unterstützung anderer angewiesen. Zum Lehrerberufe fühlte er keinerlei Neigung und auch zu keinem anderen bürgerlichen Berufe fühlte er sich hingezogen. So ward er denn — Schauspieler, später, als er seine darstellerische Talentlosigkeit einsah, Hauslehrer und kam als solcher auch in das Haus Hans Hopfens, des bekannten Dichters. Dieser lehrte ihn Verständnis für die bildenden Künste und eifrig saldierte er die großen Berliner Museen. Die hier mitgeteilten kleinen Jugendcarmina zeigen noch keinerlei Eigenart. Auch haftet ihnen, ebenso wie feiner späteren, spärlichen Lyrik etwas von der eigenen littauischen Erdschwere au, von der er sich so gern befreien möchte, indem er sie an seine poetischen Gestalten immer aufs neue abgibt. Er teilt diese charakteristische Schwere mit Wilhelm Jordan und den anderen vstpreuhischen Poeten seit Herders Zeiten. Nur Arno Holz hat sie nie besessen; er ist der einzige ostpreußische Lyriker seit dem alten Simon Dach! Dem balladesken Volksliedton der littauischen Nationaldichtung begegnet man nur in einer, der frühesten und zugleich reinsten Sud ermann'sch en Dichtung, dem Roman „Frau Sorge". Der in der Fremde Reifende und Gereifte hat ihn nie wiedergefunden . . . Vielleicht klingt er dem Alternden aufs neue. Das sei unser herzlicher Wunsch zu des Dichters 50. Geburtstage. P aul Witt ko. Vermischtes. — Der Mormonenhäuptling Joseph F. Smith hat jüngst über seine Faniilienverhältnisse offizielle Mitteilungen gemacht. Bis jetzt war man darüber im Ungewissen. Smith erklärte also, daß er augenblicklich fünf Frauen und 43 Kinder habe- Man erzählt, daß er einmal auf der Straße zu einem kleinen Bürschlein, das eine Zigarette rauchte, iw vorwurfsvollen Tone gesagt habe: „Na, Kleiner, wenn bas dein Vater sieht!" Worauf das Bürschlein erstaunt erwiderte: „Ja, kennst du mich denn nicht, Papa?" Mit seinen fünf Frauen soll er in schönster Eintracht leben. Jede von ihnen hat eine besondere Wohnung: die Wohnungen sind aber alle untereinander verbunden, so daß Smith, ivenn er seine Familien besuchen will, nicht erst kurz und quer durch die Stadt zu pendeln braucht- Ter Hausstand des Präsidenten ist "eine der Hauptsehenswürdig-- leiten von Salt Lake City; mit Ausnahme einiger Mormonen- Häupter hat aber noch niemand die ganze Familie, die fünf Mütter, die 43 Kinder und den Vater, beisammen gesehene Wenn der Präsident einen Freund zum Essen einlädt, ist das so zu verstehen, daß der Gast bei der einen oder der andern der fünf Familien speist- Vornehme Gäste werden im „Beehive” (Bienenstock), der Amtswohnung des Chefs, empfangen; hier lebt Smith mit Frau Smith Nr- 1, feiner Gattin vor dem amerikanischen Gesetz- Natürlich hat jeder Mormone eine Lieblingsfrau, und Smith bildet keine Ausnahme von der Regel- Ganz Salt Lake City versichert, daß Nr- 2, Frau "Edna Cälmsow-Smith, die Favoritin sei- Ihre Wohnung ist die allerschonste, und ihre Kinder werden von bem Patriarchen in jeder Weise bevorzugt, Bon ihr ließ sich Smith begleiten, als er mit dem Präsidenten Roosevelt zusammenkam, und mit ihr allein besuchte er die Ausstellung in Chikago- Wirtschaftlich sind die Familien des Präsidenten so gestellt, daß sie häusliche Sorgen nicht feitnen-, Joseph Smith hat testamentarisch jeder feiner fünf Gattinnen das Haus, das sie bewohnt, vermacht, und jede von ihnen besitzt ein der Zahl ihrer Kinder entsprechendes Vermögen- Jeder Hausstand kostet jährlizch ltund 5000 Dollar- Smith selbst bezieht als Präsident der Mormonensekte 50 000 Dollar Gehalt, also ebensoviel toie der Präsident der Bereinigten Staaten-' * Königinnen, die ran chen. Als im Jahre 1894 die hessische Prinzessin Alix den Zaren' Nikolaus II. heiratete und die russische Hofgesellschaft kennen lernte, war sie unangenehm überrascht durch die Tatsache, daß die Damen des kaiserlichen Hofes fast alle stark rauchten. Sie dachte auch daran, die Zigaretten aus ihrer Nähe zu verbannen, aber der Umstand, daß die Mutter des Zaren, die Kai ser i n w i t w e Marie, eine l e id e n sch a ftli ch e R auch erin war, ließ sie von diesem Vorhaben abstehen. Seltsamerweise geht es auch der Königin! Elena von Italien ähnlich; auch sie verabscheut das Rauchen der Damen, vermag aber nicht ihren Anschauungen entsprechend zu handeln, da die Königin-Witwe Margherita! dem Tabak sehr zu getan ist. Sie raucht mit Vorliebe Zigaretten, die sie. sich aus England kommen läßt. Die Königin Amelie von Portugal, die einzige königliche AcrztiN in der Welt, ist sogar der Meinung, daß das Rauchen den Frauen durchaus zuträglich ist, und sie raucht selbst "alltäglich eine ganze Anzahl Zigaretten; dasselbe gilt auch von Carmen Sylva, der königlichen Dichterin, und von der Königin-Mutter Christina von Spanien'. * Was tut man, iu e n n d i e Weibchen u i ch t t u n, was sie sollen? Die Weibchen der Schmetterlinge nämlich, wenn sie nicht Eier legen wollen, wozu sie, namentlich die Weibchen der Tagfalter, in der Gefangenschaft in der Regel keine Lust haben? Ein Sammler gibt in der „Entomologischen Zeitschrift" folgenden Rat: Man setze dem betreffenden Falter ein mit Rum und Wasser getränktes Stückchen Zucker vor und lasse ihn solange daran saugen, bis er total betrunkm ist und umsällt.- Man nehme den Trunkenbold, lege ihn in eine Schachtel und kümmere sich weiter nicht nm ihn, er wird sicher mit einem soliden Kater wieder erwachen. Und merkwürdig, die Katerstimmung scheint ganz besonders auf den Rumliebhaber einzuwirken, denn er kann sich noch nicht mal richtig wieder auf den Beinen halten, da beginnt er auch schon — seine Eier abzusetzen. ,, . * Kennzeichen. Herr: „Können Sie nur nicht eilte nähere Beschreibung von den Reizen jener Dame geben?" — Heiratsvermittler : „Blondes Haar, blaue Augen — braune Lappen., • Charade. Getrennt sind sie dem Krieger lieb und teuer Zieht er als ReiterSmann dem Feind entgegen. Wie Wetterstrahl in dichlem Kugelregen Schützt ihn die erste, wenn in wucht'gen Schlägen Sie niedersaust, daß blitzend sprüht ihr Feuer. Und als des Feindes Kugel tückisch raffte Ten Mutigen dahin, blieb treu die Zweite Bei ihm, dem lies die Todeswunde klaffte. Und als man ihn zur letzten Ruhe schaffte, Da gaben Beide sie ihm das Geleite. Wenn sie vereint die weite Welt durchstiegen, Siehst du eilt zierlich, schmuckes Kunstgebäude. Man wählt's als Ganzes auch zu Kampf und Siegen, Und dennoch dient es einzig dem Vergnügen; Auch vielen Frauen und Mädchen macht cs Freude. i, Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer; Anfängen ist leicht, beharren schwer. i$bbaEtign:,$« Wit & -tt Notationsdruck und Verlaa per B rÜbl'lckeu LvjveOtLlS-BuL?. wb Steindruckereh R, Lange, eiten-