I Phoioer. aufS. H.Noll. GIg-SSen. _ ___ n umi nL J" _ ........ Aem Irrlicht nach. Roman von Alexander Römer. Nachdruck verboten!. (Fortsetzung.) Roderich saß zu ihr geneigt, und flüsterte ehrerbietige An- jerkenunugsworte: „Wundervoll in der Stimmung, herrlicher, dramatischer Aufbau, packend — durchaus packend! Nun, man habe ja nichts anderes erwartet." Wolfgang Kirsch drängte sich imgeftiim bis zu ihrem Sitz. Er mußte ihr die Hände küssen, wahrhaftig, das mußte er. „Ha! Wie doch das wahre Genie das Herz erwärmte, dieses. Von dem eklen Treiben der Erbärmlichen wunde und geknetete Herz." Wolfgang gebrauchte nicht immer ästhetische und poetische Ausdrücke, dafür war er der Mann des Realismus, der unge- fchmiukten Wahrheit. Die Dame saß mit wogendem Busen und fieberglänzenden Augen, und nahm alle die Huldigungen entgegen. Sie trank, mit einer Miene milden Nachgebens ihrer Elisabeth zunickend, von der kühlenden Limonade, welche diese ihr dringlich auf- nötigtc, aber ihre . Blicke glitten doch suchend und nicht ganz befriedigt umher. Der Dichter der Myrza-Schaffy-Lieder fehlte '6i§ jetzt noch im Kreise. Endlich, als die Wellen sich langsam sänftigten, forderte sie uoch in der Tränenweidenstimmung der ergreifenden Ode :— in leisen, weichen Tönen ihren Genossen auf dein Parnaß, Herrn Roderich Walldorf, aus, den ersten vollendeten Akt seines Dranias zu lesen. Und so ging man von den Tränenweiden zu den Nihilisten über. Roderich erhob sich, verneigte sich steif und förmlich vor der vertraut bekannten Versammlung, räusperte Jicfy iyti> überflog mit einem Herrscherblick noch einmal sein Auditorium. Lauter gespannte Gesichter. Es wäre ihm auch lieber gewesen, wenn Bodenstedt sich eingefunden hätte, doch — der schien nicht mehr zu kommen. So erhob er denn seine markige Stimme, welche einen größeren Raum gefüllt hätte, als diesen. Dunkle Bilder — lange Dialoge — auch Monologe voll iveltbe- wegender Gedanken — Melancholie, Weltschmerz, Verzweiflung und die Drachcnsaat des Hasses. Erquickliche Gefühle erweckte der Akt nicht. In grimmem Zusammenstoß zweier Todfeinde endete schon dieser erste. „Er stößt ihm den Dolch in die Brust — Gruppe — Pause — der Vorhang fällt." Jin Grabeston erschollen diese Schlußworte, ungeheuer wirkungsvoll. Frau Klopp-Weugstern lehnte in ihrem Sessel an seiner Seite auf der Estrade, mit gefalteten Händen, die Augen gen Himmel erhoben. Unter bett übrigen Zuhörern gab sich eine eigenartige Bewegung kund. Es sah beinahe aus, als ob einer auf den andern warte, daß er das erste Urteil abgeben solle — es konnte aber auch die gewaltige Ergriffenheit der Gemüter bedeuten, nach solchem Erschüttern, welche an sofortiger Kundgebung hinderte. Roderich nahm jedenfalls das letztere an, und allmählich SSE® 18m? MW MS SiWrt! erhob sich auch ein Gemurmel, das mehr und mehr anschivoll und sich zu einer ernsten, gewichtigen Beifallsüußerilng verdichtete, die dem Ansprnchvollsten genügen konnte. Wie er es hinausführen mochte, wo schon der erste Akt so Großartiges bot — aber ihm würde das gelingen, ihm, dem Dichter von Gottes Gnaden. „Ach, ich sage es ja, Sie sind ein Feuergeist! Ein Feuergeist! So begnadet nach allen Richtungen !" lispelte seine Nachbarin und drückte ihm wieder die Hände. „Aber — da ist die Gräsin!" Allgemeine Unruhe. Die Wirtin war von ihrem Sitz empor- geschnellt, hatte ihren Thron verlassen und eilte einer kleinem zierlichen Gestalt in leuchtend blauem Brokatkleid mit breitem, cremefarbenem Spitzendevant entgegen. „Meine gnädige, hochverehrte Frau Gräfin! Wie glücklich machen Sie mich und meinen um mich versammelten Freundeskreis !" Die Gräfin ivar eine richtige Rokokofigur mit den kleinen blonden Stirnlöckchen über einem allerliebsten, rosigen, durch viel Toilettenkünste jugendlich erhaltenen Gesicht, mit den hochhackigen Atlasstiefelchen in ihrem blendenden Putz, mit Brillantkollier und blitzendem Stern im Haar. Sie drehte sich behende nach rechts und links, lächelte, lachte, hatte ein herablassendes Scherzwort für Wirtin und Gäste, plauschte reizend, wie eine Wiener Soubrette, schwindelhaft springend von einem Gegenstand zum. ailderm O, das ivar ja ein richtiges Malheur, daß sie den Vortrag der Wirtin versäumt hatte. Eine Mtestamentliche Ode — wie schade! Gerade ein Thema, für das sie eine Schwäche hatte —> aber wiederholen — nein, nm die Welt nicht, nimmer werde sie das zugeben — dazu war ihr Respekt vor dem Genie zu groß — so kostbare Dinge dürfen nicht verschwendet werden. Und ah! Das war der junge Dichter und Komponist, von dem ihre liebe Frau Klopp-Wengstern ihr schon erzählt, Herr Walldorf — Walldorf — Kommerzienrat Walldorf — richtig, ihr Gemahl hatte geschäftliche. Beziehungen zu ihm, der Vater des jungen Musen- sohnes? Ei, ei! Also aus der Art geschlagen — aus der Sphäre der nüchternen Zahlen hinauf in den Olymp. Hm — also auch den Vortrag des Dramas hatte sie versäumt, ja, sie war gar kein Lieblntg der Musen, sie behandelten sie stets als Stiefkind. . So plauderte die Gräsin unaufhörlich, den anderen blieb nicht viel zu fageit übrig. Roderich fühlte sich sehr geschmeichelt durch die Vorstellung, denn nur einige wenige konnten heut bei der Kürze der Zeit dieser Ehre teilhaftig werden, daneben ärgerte es ihn, daß er nicht eine halbe Stunde gezögert mit seiner dramatischen Vorlesung, er hätte der Dame gern mit seinem Opus imponiert. Seit geraumer Zeit gewahrte er im Hintergründe, nicht weit vorn Thüreftcgang, ein ihm noch sehr gut bekanntes Gesicht. Und — so viele Jahre auch zwischen ihrem Auseinandergehen und diesem Wiedersehen lagen, so sehr sie sich auch beide verändert haben mußten, das Gesicht ärgerte ihn heute gerade so, wie vor sechs oder sieben Jahren. Paul Hendrichs stand dort, eine schlanke, elegante Erscheinung, 190 dem man die jüdische Abkunst schwerlich ansah. Die Gesichtszüge trugen fteilich etwas orientalischen Typus, man hätte eher einen Südländer in ihm verinutet. Die Augen blickten noch genau so Äug und scharf wie ehedem, und auch noch eben so kühl und überlegen. Es war ost Roderichs Qual gewesen, daß der Mensch nie in Harnisch zu bringen war. In diesem Moment glänzte wieder ein so deutlicher Sarkasmus in diesen klugen Augen, daß Roderich unwillkürlich die Fäuste ballte. War der etwa nur gekommen, um seine Glossen, seine scharfen, zersetzenden Satiren loszulassen über den ihm fremden Kreis. Wer die Gräfin hatte jetzt Paul Hendrichs erblickt und trat rasch und lebhaft auf ihn zu. Er hatte sich so im Hintergrund gehalten, daß er selbst von der — freilich durch ihren gräflichen Gast vollauf in Anspruch genommenen Wirtin noch nicht bemerkt worden war. Die Gräfin streckte ihm, wie einem alten Bekannten, beide Hände entgegen. „Sie hier, Hendrichs, mais, mon Dien, quelle surprise! Wissen Sie, wo wir mis zuletzt sahen? Im Elysse, beim braven Bürger Gravy." Paul Hendrichs küßte lächelnd ruhig der Danie Hand. „Wer könnte das vergessen, meine Gnädige. Heute hoffte ich hier freilich nicht auf solches Glück." „Das glaube ich Ihnen wohl", die Frau Gräfin lachte, ein kleines, malitiöses, vieldeutiges Lachen, „und Sie? Sie gehen doch natürlich zurück nach Paris, ah! Wer einmal dort war, und in dem Kreis hervorragender Geister, in dem Sie dort leben, der trennt sich schwer von dort. Gottlob, unter den Männern der Wissenschaft und schönen Künste schweigt der Haß der Nationen." Paul bestätigte ihr, daß er nur zum Besuch der Eltern hier weile, daß die Pariser Lust auch ihm gefalle, wenn er sie auch nicht gerade der der Heimat vorziehe. „Ich nütze meinem Lande vielleicht durch mein Dortsein, das hält mich", sagte er. „Ja, ja, natürlich. Na — Ihre Pariser Briefe find köstlich, amüsant, scharf gepfeffert mitunter, ha, ha, ha!" Sie vertieften sich in ihre gemeinsamen Erinnerungen, Namen, die Roderichs ehrgeizige Seele elektrisierten, schwirrten an sein Ohr. Die kleine Gräfin flüsterte zuweilen mit einer freien Manier einige heimliche Witze und pikante Erinnerungen, nur für Pauls Ohr bestimmt, und lachte dann hell auf dazu. Er ließ es sich ruhig läcrjelnd gefallen. Sein dunkel gefärbtes, kühn geschnittenes Gesicht mit dem dunklen Vollbart belebte sich um keinen Schein höher, seine kühlen Augen sahen zuweilen belustigt aus, nie erwärmt. Roderich beobachtete ihn mit gemischte» Gefühlen. So unsympathisch ihm der Mensch auch war, vielleicht mußte er doch mit ihm rechnen. Die Wirtin stand in einer atemlosen Erregung mit gespannten Mienen in geringer Entfernung von den beiden Plaudernden, sie wagte beileibe nicht zu stören, nicht zu unterbrechen, wenn ihr vornehmer Gast sich so gut unterhielt, aber die kostbare Zeit verstrich und -die Gräfin erfuhr und sah im übrigen so wenig von dem, was sie alles sehen und bemerken sollte. Außer Roderich waren doch auch noch ein paar gut Hiitgen.be Namen da, die sie vorstellen konnte. O, daß Bodenstedt sie heut im Stich ließ! Und ob sie mit dem jungen Walldorf den richtigen Bogel abgeschossen, erschien ihr plötzlich zweifelhaft. Die Gräfin — oder vielmehr ihr Gemahl — kannte den Vater, den derben Bankier, der führte des Grafen Geldgeschäfte und war ihnen gesellschaftlich jedenfalls nicht genehm. Während Frau Klopp-Weugstern noch so in Zweifeln, in Hangen und Bangen vielerlei erwog, hatte die Gräfin ihre Zwiesprache mit Herrn Hendrichs beendet und verabschiedete sich plötzlich ohne Gnade und Erbarmen. Sie hatte es ja vorher gesagt, diese Zwischenstunde war leider sehr knapp, sie hatte ihren Wagen unten warten lassen, o, sie bedauerte es ganz unendlich, nicht länger in diesem interessanten Kreise weilen zu können, wo ihr Uun die Mehrzahl unbekannt blieb. Aber die Berufspflichten waren erbarmungslos. Wie ein kleiner, störender Wirbelwind war das Rokoko- figürchen aufgetaucht und verschwunden, von der stark gehobenen Stimmung ein gut Teil mit sich entführend. Die Wirtin blieb zerstreut und unruhig. Der Besuch hatte ihr nicht ganz das gebracht, was sie davon erhofft, aber immerhin — Roderich war auf Paul Hendrichs zugetreten und hatte ihn Durchaus warm begrüßt. „Ei, Roderich Walldorf!" sagte dieser lächelnd, „du hast ler Ruhe prallten solche Empfindlichkeiten ab. Roderich lenkte dann rascy das Gespräch auf Paris und erklärte, wie es sein Wunsch und Streben sei, sich sobald als möglich hier frei zu macheit.mnb auf Reisen zu gehen. Paris sollte sein nächstes Reiseziel sein. Also Goldmark war da — seine Königin von Saba ging über die Bretter — der Beneidenswerte! Und Hendrichs glaubte an den Erfolg — er schrieb die Kritiken — hm — Goldmark war sein Freund — „Ich habe gar keine Freunde", sagte Hendrichs mit einem unnachahmlichen Gesichtsausdruck, „Freunde sind Ballast auf meiner Lebensstraße, aber ich habe eine Menge gute Bekannte." Roderich sah ihn verdutzt an. Die Tonart dieses Menschen war schier unleidlich — bah, er wollte sich wohl gegen eine beeinflußte Kritik verwahren, natürlich — aber man wußte, wie es damit zuging. Ein Kritiker mußte geschmiert -werden, geködert so ober so. Er mußte auch einen Köder finden für diesen — mit Geld war in diesem Fall nichts auszurichten, Hendrichs war selbst ein reicher Mensch — aber Eitelkeiten, Liebhabereien, irgendwo eine Achillesferse würde er haben, und die galt es zu suchen. Roderich war sehr liebenswürdig und schlug den Ton des alten, vertrauten Schulkameraden an. Hendrichs fragte jetzt nach Sylvia, die natürlich erwachsen/ und wohl eine Schönheit geworden sei. Roderich maß ihn mit raschem Blick. Steckte die Kleine ihm noch im Sinn? Da hieß es aber: Hand davon! Nun, Sylvia würde sich auch schwerlich sür den jüdischen Jüngling begeistern. Roderich gab oberfläcglich, ausweichend Antwort. Der «andere fixierte ihn umb lächelte. Dieses Lächeln war prickelnd, Roderich wurde feuerrot und geriet darüber in eine gelinde Wut. Was brachte, was sah, was wußte denn dieser: Mensch? Als Roderich spät am Abend nach Hause fuhr, behielt er eine allgemeine ärgerliche Empfindung ohne greifbare Basis, Seine „Nihilisten" hatten ja offenbar gezündet und gewirkt, er hatte die Auszeichnung genoßen, fast als einziger der Gräfin Wolserding vorgestellt zu werden, Paul Hendrichs war eine nutzbringende Persönlichkeit, ob nun sympathisch ober nicht war im Grunde gleichgültig, also — Roderich zündete seine Zigarre an, blies den Dampf durch das Wagenfenster, und lehnte sich behaglich in die Kissen der eleganten väterlichen Equipage. 3. Kapitel. Die Frühstücksstunde im Walldorffchen Hause, war eine unregelmäßige. Der Hausherr und Erna pflegten die ersten zu fein/ sür den Vater bereitete Erna schon um sieben Uhr den Kaffee und nahm ihn in seiner Gesellschaft ein. Es war ihnen beiden eine liebe, ungestörte Stunde. Erna empfing dann die Befehle des Vaters für den Tag, erledigte Rechnungsangelegenheiten und hatte für alle ihre Wünsche fein Ohr. Sie führte schott seit zwei Jahren die Haushaltungsbücher, obgleich sie erst einundzwanzig zählte, und der Vater besprach wohl hie und da mit ihr seine eigenen Angelegenheiten. Sie stimmte besser zu ihm als fein Sohn, den er so gern zu seinem Nachfolger im Geschäft herangebildet hätte. Zwischen Vater und Sohn aber gab es, wenn sie allein beisammen toaren#- nur Aerger, obgleich jeder, der den Kommerzienrat kannte, lvußte, wie eitel und stolz er im Grund auch auf ben begabten Sohn war. Jetzt saßen Roderich und Sylvia, sonst allezeit die letzten, am Frühstückstisch, aber heute stand neben dem ihren noch ein Couvert unberührt. Der Gast des Hauses, die Tante Eölestine/ war noch nicht erschienen. Sylvia berichtete von den Ereignissen des gestrigen Abends/ von denen Roderich ja noch nichts wußte. Sie tat es in ihrer lebhaften Weise, malte die Szene anschaulich genug, während sie sich vor Lachen schüttelte, und sah allerliebst dabei aus. „Sag mir um alles in der Welt", meinte sie, „was für eine Bewandtnis hat es mit dieser Tante Eölestine, von der vorher niemand gesprochen. Der Vater nennt sie ,Stine', was ganz köstlich klingt, und sie fährt dann zusammen, als habe eine Nadel sie gestochen. Erna, die ich quetschen mußte, ehe sie sagte, was ihr bekannt war, kam schließlich damit heraus, daß man sie für tot gehalten, weil sie so lange nicht geschrieben habe, und daß sie nach der letzten Nachricht mit ihrem Manne nach Kalifornien gegangen sei, wo sie hätten Gold suchen wollen. — 191 Nun, das scheinen sie da dann wohl nicht gefunden zu haben", bemerkte Roderich, der heute morgen, nach Sylvias Meinung, auch wunderlich ernsthast, wortkarg und zerstreut war. Er sah sie mitunter so sonderbar an, als pb er etwas lagen oder fragen wolle und sich daun eines andern besänne. Sylvia ward ganz verstört und ärgerlich darüber. n .Erinnerst du dich dieser Tante? Ist sie nett? Warum bist du so langweilig schweigsam?" fragte sie ihn ungeduldrg. „Wer kann alle deine Fragen beantworten!" meinte er unwirsch. „Ich war auch noch ein Knabe, als ich diese Tante zuletzt gesehen; erinnere mich ihrer gar nicht mehr; laß dir von den anderen berichten. Es ist überhaupt an und für sich gräßlich, wenn man den Kopf von ganz anderen Gedanken erfüllt hat und in seiner idealen Welt bleiben nröchte, und solche unbe- gueme Störungen Platzen Dazwischen. Ich kanl gestern abend sehr angeregt nach Hause — du hast noch nicht einmal gefragt nach dem Urteil, das mein erster Akt der ,Nihilisten' erfahren." (Fortsetzung folgt.) Aus Einige wendet, es und der Wahrheit. ,„ ,, Die Anregung, die ich dadurch empfing, lehrte mich über mich selbst und mein Verhältnis zum Guten und Bösen nach- zudenken. Das war im Gymnasium ganz anders gewesen. Unser Religionslehrer war ein guter Mann, aber gleichgültig und trag. Er tat nur was er mußte, sein Unterricht war so trocken, daß man absolut nichts von der Wärme merkte, die von der Person des Lehrenden bei solchem Stoffe auf den Schüler übergehen muß. S. war in allem das Gegenteil und ich wurde unter seiner liebevollen Einwirkung ein ganz anderer Mensch. Ich war zwar kaum dreizehn Jahre alt, allein ich,war in korperlicyer und geistiger Entwicklung ziemlich vorgeschritten, sodaß ich den giiten Einfluß des Lehrers wohl zu würdigen verstand. Er gewann mich mich herzlich lieb und ich erwiderte diese Zuneigung cvenw Kus der Jugendzeit, Erinnerungen eines alten Gießeners. II. der Gymnasial- und Studentenzeit. (Fortsetzung.) Tage, ilachdem ich dem Gymnasium den Rücken ge- war um Pfingsten 1847, erschien in unserem Hause ein kleiner dürrer, blasser Mensch, in verwachsenen Kleidern, mit einer Nase, die mir furchtbar groß vorkam, und wurde mir als der von einem Verwandten empfohlene Hauslehrer vor- geflellt. Er >var Studiosus der Theologie im ersten Semester aus Rimbach im Odenwald, wo sein Vater Schullehrer war. ^ch Ivar sehr groß für mein Alter unb einen halben Kopf großer wie er. Es wurde mir seitens meines Vaters absoluter Gehorsam bei Meldung strengster Strafe anbefohlen. Ich aber dachte in meinem Sinn: „Du sollst mein Herr und Meister sein? Du wirst mit mir noch lange nicht fertig." Ich, habe ihn auch, glaube ich, mit sehr wenig ehrerbietigem Blicke ange;chaut. Nur Ernes imponierte mir an ihm, er. trug das Fraukonenband, schwarz-blau- gold. Nun schwärmte ich für die F r a n k o n e n. Zwei ihrer Hauptleute hatten öfters in unserem Hause verkehrt, von denen namentlich der eine, Gustav Schlosser, geradezu das ^deal von einem Studenten war: ein stattlicher Bursche mit blond wallendem Lockenhaar und energischen Zügen. Er war Erster seiner Verbindung und stand mit Anderen an der Spitze des im Jahre vorher stattgehabten Auszugs der gesamten Studeiuen- schaft auf den Gleiberg. Der Polizeirat Zulehn er hatte, aus welchem Anlaß weiß ich nicht mehr, mit den Worten: „Keßler, ziehen Sie blank", den geiiannten Polizeidiener veranlaßt, einen Studenten am Kopf zu verwunden. Die Studentenschaft machte die Sache des Verwundeten zu der ihrigen. Sie verlangte Genugtuung, und als diese verweigert wurde, zogen die Studenten im Wichs, mit Fahnen und klingendem Spiel auf den Gleiberg und blieben dort drei Tage. Dies interessierte uns, Quintaner ungeheuer und wir waren empört, als dann schließlich die Anführer, mit ihnen Gustav Schlosser, relegiert wurden. Das erhöhte aber natürlich in meinen Augen den Nimbus, der dessen Person umgab, und den Ruhm der Frankonia. Und nun trug dieser kleine, iunge Mensch (er war iioch nicht 17 Jahre) das Frankoiieuband. Da mußte nach meiner Meinung doch etwas in ihm stecken. _ Anderen Tags nach der Vorstellung nahm Herr