1907 Montag den 29. April s NI Mß $ Dem Irrlicht nach. Roman von Alexander Römer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Sylvia stand mit brennenden Wangen und großen, fragenden Augen vor dem Berichterstatter, sie sagte kein Wort. Es gärte in ihr so wild durcheinander. Auch der Kommerzienrat schwieg noch ein paar Minuten. Sylvia jütte sich eigentlich in der letzten Zeit sehr verändert, wie gespannr sie ihn ansah. Große Gefühlsbewegung eures Kindes, das den Tod seines Vaters erfährt, spiegelte sich gerade nicht in ihren Mienen. „Tein Vater hat ein Testament hinterlassen, das dich zu seiner einzigen Erbin einsetzt," sagte er dann. Jetzt stieß Sylvia einen lauten Ausruf aus. „Hat er Geld hinterlassen, Papa?" Der alte Herr sah das junge Mädchen ganz verwundert an. Der Don, in dem sie das Wort „Geld" ausfprach, klang fast dämonisch aus ihrem Munde. Also der Götze hatte schon Macht über sie, eine weitere Regung empfand sie nicht bei dieser Nachricht. „Ja — er hat etwas Geld hinterlassen," bestätigte der Kommerzienrat, „mehr sogar, als deine Mutter vermutet haben loird. Nach ihren Schilderungen war er ja ganz mittellos im fremden Lande zurückgeblieben." Der alte Herr hatte es oft zu seiner Frau ausgesprochen, daß er es „hundsgemein" von ihrer Schwester fände, wenn sie den Mann, den sie einst au» heißer Liebe einer andere» abwendig gemacht hatte, im fremden Weltteil verließ, als er nichts mehr besaß und wohl schon krank und gebrochen war. Daher hatte es ihn jetzt selbst überrascht, daß sich noch eine Erbschaft für Sylvia herausstellte. Zernial mochte ja auch seine Ehehälfte richtig beurteilt und ihr einige seiner Hülfs- quellen verschwiegen haben. Wie sich aus dem Bericht des Testamentsvollstreckers drüben ergab, hatte der Verstorbene mit einigen Kapitalien in Minen spekuliert und dort glückliche Chancen gehabt. Das ursprüngliche Kapital hatte sich mindestens verdoppelt, und wenn die Erbin sich entschloß, etwas davon in dem Unternehmen zu lassen,. so warf das eine hohe Rente ab. Alles in allem war es eine hübsche Zubuße zu Villattes Einkommen, was der Kommerzienrat diesem von Herzen gönnte. Es war nur ein rechtes Glück, daß Sylvia in diesem Zeitpunkt verlobt und bald unter der Obhut eines verständigen Gatten war, sonst wäre große Gefahr gewesen, daß Frau Stine Zernial das Geld in ihre Hände bekam und es rasch in alle Winde streute. Seiner Gattin hatte Zernial in dem Testament gar nicht Erwähnung getan, der Abschrift desselben, welche eingeschickt worden, waren aber die Briese und Papiere beigeschlossen, welche sich in des Verstorbenen Nachlaß befunden. Der junge Kaufmann, welcher die Bestattung besorgt und alles drüben geordnet hatte, schrieb, daß Herr Zernial als Einsiedler und menschenscheuer Hypochonder gelebt, fest er in Rosario ansässig gewesen, und in sehr erbitterter Gemütsstimmung gestorben sei. Nur in seinen letzten Stunden habe er, wahrscheinlich schon in den Phantasien, welche dem Ende vvrangingen, viel Sehnsucht nach seiner Tochter ausgesprochen und häufig Sylvias Namen gerufen. Ter Kommerzienrat las Sylvia jetzt diesen Brief, die Schilderung der letzten Momente ihres Vaters, vor. Sie hörte augenscheinlich wenig daraus, sie sah fieberhaft erregt aus und erfaßte ihres Pflegevaters Arm, noch ehe er ganz geendet hatte. „Wie viel beträgt meine Erbschaft, Papa?" „Hm — also das Geld ist dir die Hauptsache — ich glaubte, wenn man so jung wäre wie du, hätte man noch ein paar sentimentale Gefühle. Nun — so weit cs sich übersehen läßt und wenn alles richtig ausgezahlt wird, ohne Abzüge — wie man es sich da aus diesen südländischen Staaten mitunter zu versehen hat — und wenn du etwas Kapital drüben gegen hohe Rente stehen läßt — wozu ich dir raten würde — so kommen vielleicht sechstauiend Mark jährlicher Einkünfte heraus." Sylvia atmete fast nicht mehr. Der Papa war so unsäglich schwerfällig und umständlich in feinen Auseinandersetzungen. Jetzt sank sie in ihren Stuhl, das Blut kreiste wild — sechstausend Mark jährlicher Einkünfte—Geld, Geld! Was sie gestern so brennend ersehnt hatte. Wie konnte jemand von ihr verlangen, daß sie daneben noch einen anderen Gedanken fassen sollte! Es schwirrte ihr nur so vor den Ohren, als der Vater sagte: „Du mußt die Briefe und Papiere aus dem väterlichen Nachlaß in Ruhe und mit Sammlung lesen, Sylvia, und allein. Es sind, glaube ich, auch Briefe der Mutter an den Vater darunter, dir hat er steroestd da» alles überwiesen, dir allein, da» mußt du achten. Er hat gewollt, daß du über sein Leben und seine inneren Gedanken etwas erfahren solltest, um dir selbst ein Urteil daraus zu bilden. Darum lies die Schriftstücke allein. Selbst dein Verlobter, dein anderes Ich, wird wünschen, daß du des Sterbenden Wünsche buchstäblich erfüllst." Sylvia nickte. Sie wußte nicht ganz genau, was der Vater gesagt hatce, aber sie empfand dunkel, daß sie das nicht inerten lassen dürfe. Der Kommerzienrat sah ihr aber doch kopfschüttelnd nach, als sie das Zimmer verließ, und murmelte: „Sollte man es glauben, daß das Gerd solche Macht hat? Die denkt auch an nichts, als an ihre sechstausend Mark Einkünfte." Sylvia ging wie eine Träumende in ihr Zimmer hinauf, setzte daun aber ihren Hut auf und lief zur Mutter, die einige Häuser entfernt wohnte. Das Paket Briefe, welche der Vater ihr eingehändigt hatte, warf sie achtlos auf ihren Toilettentisch. Was würde die Mutter sagen — was würde sie raten? Frau Cölestine weinte und lachte in einem Atem. Welch eine wunderbare, große unerwartete Mär! Es sah kunterbunt aus bei ihr, verschiedene Schiebladen waren ausgekramt, reine und schmutzige Wäsche lag durcheinander auf den Stühlen und aus dem Fußboden, Decken, Kissen und Plaids auf der Chaiselongue verrieten die Gewohnheit der Bewohnerin, viel zu ruhen. — 246 — zerlesens, halb zerrissene Bücher beleckten den Tisch davor; in der Ecke brannte ein Petroleumofen, auf i>em ein Hühnchen schmorte. Der Dust der bereiteten Speise mischte sich mit Seifen, Moschus und sonstigen Parfümdüsten und betäubte förmlich den Eintretenden. Da Frau Zernial häufig über Rheumatismus klagte, hatte sie grosse Angst vor Zuglust unb überhaupt jeder frischen Luft, und so blieb die Atmosphäre in ihren Räumen stets eine sehr bedenkliche. Sylvia saß beklommen, und jetzt energisch ein Fenster aufstoßend, da und versuchte, sich zu sammeln und klare Gedanken zu fassen. Sie hätte erst allein überlegen sollen, ehe sie hierher ging — zuweilen brachen die anerzogenen besseren Regungen bei ihr durch, ihr Gewissen sagte ihr dann die Wahrheit — aber sie war nicht imstande, allein Entschlüsse zu fassen. Und in ihren: Fall, bei den geheimen Wünschen ihres Herzens, konnte sie weder bei Villatte noch bei den Pflegeeltern, noch bei Erna Rat suchen. „Ja, Mama, jetzt haben wir Geld," sagte sie, tief atmend, „aber was nun?" „Was nun? Ha, kein Bedenken, kein Zweifel, auch nicht einen Augenblick lang kann uns noch beirren! Wir gehen fort — wir schütteln hier den Staub von unseren Füßen. Wir reisen vorerst — du siehst die Welt — wir sind frei!" Frau Cölestine warf die Arme über den Kopf enipor in ihrer Ekstase. „Aber Hillatte — die Aussteuer, die Hochzeit, die Pflege- eltern, Erna —" „Ja freilich, wenn du die alle berücksichtigen und um Rat fragen willst, kleines Närrchen, da kämen wir nicht weit. Dir find über Nacht Flügel gewachsen, wie durch ein Wunder; bleibt ein Bogel, der fliegen kann, sitzen auf dem Neste?" „Es muß aber doch eine Form gesunden werden, Mama; ich weiß nicht —" Es lautete draußen an der Flurglocke. Die Mutter rief: „Jetzt ein Besuch — der käme gelegen —. ich bin nicht zu Hause!" Sylvia ging, nachzusehen. Es war der Diener des Wall- dorsschen Hauses. Ob Fräulein Sylvia hier sei, sollte er fragen, die Herrschaften warteten mit dem Essen. Der Herr Doktor Villatte sei auch da. Sylvia erschrak. Sie hatte wahrhaftig die Tischstunde ganz Vergessen, sie war fortgestürmt; ohne an irgend etwas zu denken. „Ich komme, ich komme gleich, Fritz!" Frau Cölestine hatte drinnen schon gehört, worum es sich handelte. „Ja, du mußt hinübergehen," sagte sie, „und dich recht beherrschen. Daß du zu mir zuerst geeilt bist, wird jeder begreifen. Ich gehe heute nicht, ick> will mir alles erst allein überlegen, das nur steht fest, wir sind frei!" „Es sind auch noch Briefe und Papiere aus des Vaters Nachlaß da," sagte Sylvia hastig, indem sie ihren Hut festknüpste. „Nun, die haben Zeit. Apropos, Walldors wird diese überseeischen Geschäfte natürlich besorgen, er ist ja durchaus der geeignete Mann dazu. Sylvia, wir müssen das Geld erst sicher in den Händen habe::, bis dahin mußt du dich beherrschen und deine Rolle geschickt spielen; ich verlasse mich auf dich, Kind meiner Seele!" Die heiße Flut in Sylvias Adern wallte zurück, es über» schlich sie plötzlich eine Todeskälte. Sie sollte weiter lügen und sich verstellen, und sie tvar zur Wahrheit erzogen worden. Sie war auch srüher immer wahr gewesen, sie hatte erst gelogen — seit — ja, seit Roderich sie zurückgestoßen. Papa Walldorf sah sie streng und kalt an, als sie erhitzt und verstört eintrat, währeuo alle schon bei Tische saßen, nur die Kommerzienrätin fehlte, ihre Migräne hatte sich nicht gebessert. Von den übrigen schien iwch niemand die große Neuigkeit zu kennen, der Kommerzienrat war der Meinung gewesen, Sylvia solle es selbst zuerst ihrem Verlobten mitteilen. So faßte sie sich denn gewaltsam, sah einen Moment ängstlich und scheu zum Pflegevater hinüber und schmiegte sich dann an Villattes Schulter. „Armand, hat Papa dir noch nichts gesagt? Ich komme eben Von meiner Mutter — ich — ich war so sehr aufgeregt —" Villatte sah sie verständnislos an, ihm flogen ganz andere Gedanken durch treu Sinn, er meinte, es handle sich noch um seine gestrige Mitteilung, und sein Herz schlug heftig ■— was hatte sie mit der Mutter beraten — beschlossen? Der Kommerzienrat sah schweigend auf seinen Teller. Er ärgerte sich über das oberflächliche Ding, wie er Sylvia in diesem .Augenblick wieder nannte. Eben hatte er sie ermahnt, sich allein über das Unerwartete zu besinnen, ihr verständlich an gedeutet, daß es eine heilige Pflicht gegen einen Dahingeschiedenen sei, hier ohne der Mutter Einwirkung dem Kindesherzen einige Rechnung zu tragen, und in der nächsten Minute lies sie hinüber. Villatte hatte seinen Arm um die Braut geschlungen und sah ihr gespannt in die Augen. Sie hatte sich noch nie so innig an ihn gwschmiegt und so leidenschaftlich geäußert. „Sprich, meine Sylvia, was soll ich erfahren?" fragte en zärtlich. „Ach, etwas so Ungeheures! Ich habe eine Erbschaft erhalten — bitte, laß Papa es erzählen, ich verstehe vieles davon nicht, aber ich habe fortan sechstausend Mark jährlicher Einkünfte." Villatte sah ungläubig und ganz verdutzt zum Kommerzienrat hinüber, und Erna, welche ebenfalls gespannt und verwirrt über die sonderbare Art Sylvias dagesessen, zuckte zusammen. Sie konnte sich später nie Rechenschaft darüber geben, welches ihre Empfindung gewesen, aber es war wie eine Art Hellsehen. Sie ahnte kommendes Unheil. „Was — was ist das?" sagte Villatte beklommen; er glaubte wirklich, Sylvia phantasiere. Aber der Kommerzienrat nickte und bestätigte ganz vergnügt: „Ja, es ist so, lieber Freund. Wenn das Gute kommt, kommt es mit Haufen. Jetzt heiraten Sie auch noch eine ganz vermögende Frau." Villattes Züge trugen kaum dm Ausdruck der Freude. Ihm galt Uebersluß nichts, und er meinte, seine Einnahme genüge zum Leben. Im übrigen konnte er sich die wunderbare Tatsache nicht erklären, bis der Kommerzienrat in geschäftsmäßiger Kürze ihm endlich den Sachverhalt mitteilte. „So ist dein Vater tot," sagte er dann in warmem Ton und beugte sich teilnehmend an Sylvia, „und du durftest ihn nie kennen lernen." „Nein," entgegnete Sylvia hastig und strich sich die Locke« aus der Stirn, „ich wusste ja gar nichts von seiner Existenz. Es ist nur gut, daß er sich meiner noch vor seinem Tode erinnert hat." ,, Villatte zog unwillkürlich feinen Arm zurück, mit dem er sie umfangen. Es lag ja Wahrheit in dern, was sie sagte, aber es klang so kalt und hart aus ihrem jungen Munde. „Also du freust dich zu der Erbschaft?" bemerkte er fimteiüx, „Wir hatten aber auch ohne dieselbe genug." Sylvia sah ihn mit einem Blick heller Verwunderung an. „Wie sollte ich mich denn nicht darüber freuen I" sagte sie in einem bitteren Ton, den man noch nie von ihr gehört hatte. „Du verstehst es gar nicht, wie schrecklich es ist, arm zu fein wie eine Kirchenmaus. Ich vergesse es nie, wie mir zu Mut war, als Papa mir das sagte." , Villatte sandte einen tadelnden Blick zum Kommerzienrat hinüber, der nur ärgerlich den Kopf schüttelte. Was butte der gutmütige alte Polterer, ohne es zu tvollcn, für bittere Saat m diese junge Seele gesät! „Tie Frauenzimmer können absolut kerne nüchterne Wahrhert ertragen," brummte der Kommerzienrat. Durch Villattes Kopf zogen unerquickliche Gedanken, welche er zu verscheuchen strebte. . r „Mir war es ein schönes Vorrecht, für dich ganz allem sorgen zu dürfen," sagte er leise zu Sylvia. Sylvia schwieg. Die tiefe Kluft zwischen sich und ihm kam ihr zun, Bewußtsein, sie durfte nichts von ihrem wahren Denken gegen ihn verraten. . Tie Stimmung war nicht io fröhlich, wie der Kommerzienrat, der sentimentalen, in diesem Fall jedenfalls ganz überflüssige« Regungen keinen großen Platz einräumte, erwartet hatte. Nach Tisch rief er Sylvia beiseite. „Geh auf ein Viertelstündchen zur Mama Hinern, sagte er,, „ich denke, ihr ist es ein Trost, dich zu sehen." Sylvia sah ihn einen Moment verwundert an, daun besann sie sich. Die Mama war ja ihres Vaters erste Braut gewesen. Ob sie fto noch um seinen Tod grämte? Weil bei der Gattin ihres Vaters sich gar keine Bewegung solcher Art kuudgegeoen, war ihr von anderen Dingen voll erfüllter Sinn gar Nicht a i solche Verrnutung gekommen. „ . . „, „Gewiß, ich will gleich zu ihr gehen," erwiderte fte freundlich; Villatte und Erna blieben allein im Salon zurück, ^re sas» schweigsam nebeneinander, ihre Seelen waren voll von Dmga welche sie nicht aussprachen, und das wenige, was sie reoen klang ihnen selbst hohl und wertlos Erna verstand wieder jede Regung in ihm, und auch er ward sich besten bewußt. . von ihr führte das Leben ihn fort, und die er sich erwählt er versuchte, heute feinen Gedanken zu entfliehen. — 247 — Sylvia fand Mamd Walldorf auf ihrer Chaiselongue liegend, in Decken und Tücher gehüllt, nvch unfrisiert. Es mußte arg fein mit der Migräne, sie ließ sich sonst stets doch wenigstens ein zierliches Häubchen geben, um die verräterischen grauen Haare zu bergen. Bei Sylvias Eintritt wandte sie den Kops und streckte ihr die Hand entgegen. Sylvia sah, daß sie geweint hatte. „Kind, Kind, ich habe es gestern schon gewußt und dir nichts sagen dürfen!" flüsterte sie, „Sv D er tot — und du hast ihn nie gesehen." „Mama, liebe Mama, ich habe ja so wenig an ihn gedacht!" »Ja, ja — «ich, wie oft habe ich es mir heiß gewünscht, mit dir von ihm sprechen zu dürfen, es ging nicht — aber Cölestine, deine Mutter, hat dir doch, seit sie hier ist, gewiß viel von ihm gesprochen?" „Nein, Mama, wenig — mitunter in ihren bunten Erzählungen —“ „Wie ist das möglich!" murmelte Frau Friederike, „Er ist einsam im fremden Lande gestorben," setzte sie hinzu. (Fortsetzung folgt.) Won der Kroßmntter des Kießerrer Anzeigers. *o. Gießen, April 1907. In einer ursprünglich im Gießener Anzeiger, Jahrgang 1900 Nr. 4—7, später auch als (heute noch in unserer Expedition zu habender- Broschüre erschienenen Abhandlung hat Bibliothekar Dr. Ebel in großen Umrissen die Geschichte unseres Blattes geschildert. In Nachfolgendem seien dagegen zusammenhanglos den verstaubten und vergilbten Blättern, die sich teils auf der Universitätsbibliothek, teils in unserem Archiv zu Jahresbänden vereinigt befinden, allerhand Blüten entnommen, die uns Leute von heute gar wundersam anmuten. Vor hundert und mehr Jahren, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als der Großvater die Großmutter nahm, trug unsere Zeitung den altfränkisch schnurrigen Namen „Giesser Anzeigungs-Blättchen" und war „in der Schröderischen Buchdrukkerei gegen 45 Kreuzer Vorauszahlung, für den ganzen Jahrgang, zu haben". Die Großmutter des Gießener Anzeigers pellte sich allwöchentlich Samstags bei ihren Freunden ein all in ihrer Schmächtigkeit und Dürftigkeit. Vier Quartseiten umfaßte sie regelmäßig. Die Spitze ihres schlichten Gewandleins nahm regelmäßig die „Polizey-Taxe" ein. Man erfuhr daraus alle Samstag, was 1 Pfd. Ochsenfleisch (am 2. Jan. 1802 z. B. 10 Kr., am 25. Dez. desselben Jahres aber nur 8 Kr.!) und das „Maas Frucht-Brandtewein" (32 bezw. 44 Kr.) kostete, und ferner, daß von den Städten Darmstadt, Gießen, Marburg und „Wezlar" die unsere immer die höchsten „Getraide- preife", Darmstadt dagegen die niedrigsten hatte. Auch die Brottaxe, sowie die Marktpreise und die Bierpreise (es gab damals hier mindestens 20 „Brauherren") wurden regelmäßig bekannt gegeben, und jedes Bier bekam nach Geschmack und Klarheit eine öffentliche Zensur. Beim Natsschöff Vetzberger erhielt z. B. das Bier am 25. Dez. 1801 die Zensur „sehr gut", bei Friedrich Thomas dagegen „sehr mäßig". Sonst enthielt das Blättchen noch die in der Stadt- una in der Burgkirche Kopulierten, den Gottesdienst des nächsten Sonntags, die Angabe des einzigen, Sonntags „das Frischbacken" habenden „Beckermeisters", die „Ein- und Auspassierten" und allenfalls noch einmal eine „Ediktalverorduuug" des „Jürstl. Hess. Justiz-Oberamtes". Die meisten Nummern brachten aber obendrein auch noch eine längere, gewöhnlich durch mehrere Nummern laufende hauswirtschaftliche Abhandlung, wie z. B. „vom Essigmachen" oder über „Rumfordische Suppen" oder auch chronikartige historische Rückblicke auf frühere Zeitläufte. Dagegen erfuhr man aus dem „Anzeigungs-Blättchen" nichts aus den Gebieten des Lebens in Haus und Kommune, >vas die heutige Presse zumeist unter der Rubrik „Lokales" zusammenzufaffen pflegt, nichts von Politik und nichts von sonstigen Geschehnissen aus aller Welt. Auch die Reklame vermissen wir Kinder unserer Zeit und überaus bescheiden war auch das Annoncenmaterial damals. Bei flüchtigem Durchblättern des Jahrganges 1802 fiel «ns in der Abhandlung „Einige Denkwürdigkeiten des 18. Jahrhunderts, die nicht vergessen zu werden verdienen", dis sich über eine große Anzahl von Nummern ausdehnen, folgende grausliche Mitteilung aus dein Jahre 17 2 6 auf: „Starke Banden von Zigeunern und Jaunern, setzen die ganze W e t t e r a u, durch Straßenraub, nächtliche Einbrüche und Mordthaten in Schrecken. Es gelingt dem von Gießen benachrichtigten Militair endlich, nach mehrmals vereitelten Angriffen, sie auizuheben. Den 14. und 15. Nov. wurden 28 h i n g e r i ch t e t: 5 gerädert, 9 gehangen, 11 gekörnt. Der schlimmste unter ihnen hieß Hemperla. Siehe D. Weissenbruchs ausführliche Relationen von der samöien Zigeuner- Diebs- Mord- nnd Räuber-Bande re. Frankfurt und Leipzig bei Krieger. 1727. Mit 4 Kupf. Im gleichen Jahre 1726, so erlaubt sich der Verfasser zu melden, geschah die Anlegung der „Straße von Laubach nach Triest und St. Veit unter Carl VI." Von Laubach nach Triest? Seltsam, daß von dieser gewaltigen Straße durch ganz Süddeutschland und Oesterreich bis zu den blauen Ufern der Adria heute nichts mehr vorhanden ist, daß keines fahrenden Schülers Lied davon berichtet. Vielleicht gabs damals schon eine direkte Straße von Bruchenbrücken oder Stumpertenrod nach Hammerfest oder Jekalerinoslaw, und man weiß heute nichts mehr von so außerordentlicher, epochaler Kulturtat. Da sage man heute noch, erst wir lebten im Zeitalter des Verkehrs! — Oder sollte am Ende statt .Laubach" „Laibach" gemeint sein, die Hauptstadt von Kram? Dann aber wäre die Boshaftigkeit des Druckfehlerteufels als eine die Jahrhunderte überdauernde ehrwürdige Charaktereigentümlichkeit des Setzerkastengeistes sanktioniert. Aus demselben mageren Bande des „Giesser Anzeigungs-Blättchen" erhalten wir auch die ersten Nachrichten von einem Th eater in Gießen. Zwar hatten schon in den Siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts vorübergehend ein paar Theatergesellschasten sich hier aufgehalten, von denen die eine sogar unter der Leitung eines in der deutschen Theatergeschichte später zu Bedeutung gelangten Mannes stand: Abel Seyler, der Direktor dieser reisenden Gesellschaft, stammte aus Lessings Schule und hatte dem berühmten Hamburger Nationaltheater angehört. Doch läßt sich heute über dessen Gießener Vorstellungen leider nichts mehr ermitteln. Anzeigen im Wachenblättchen, ober, wie die Urgroßmutter des Gießener Anzeigers sich damals in altväterischer Weitschweifigkeit nannte, in den „Giesifchen wöchentlich-gemeinnützigen Anzeigen und Nachrichten" hat Seyler nicht veröffentlicht, und nur Privatpapiere aus jenen grauen Tagen melden kurz von dem vorübergehenden Gießener Aufenthalt der Seylerschen Theatergesellschaft, di« bald darauf in Weimar, kurz vor der Goetheschen Zeit, den dortigen kunstfrohen Hof erfreute, um dann mit dem berühmten Mimen Ekhof die Hoftheater in Gotha und Dresden in Flor zu bringen, und zuletzt dem Mannheimer Nationaltheater ihre fruchtbringenden Dienste zu leisten. Im Winter 1802/3 aber, so erzählt uns der Inseratenteil vom Giesser Anzeigungsblättchen, führte hier ein Herr Friedr. Wilh. So hui eine Anzahl von Komödien auf. In seinem Repertoire spielte als Autor August v. Kotzebue die Hauptrolle. So kündigte S. z. B. für „Sonntag den 19. Dez. 1802 zum Vorletztenmal" an: „Die Sonneujung- fraii, ein Schauspiel in 5 Aufzügen, von Herrn Präsidenten v. Kotzebue", und am 23. Dez. annoncierte er bereits: „Da Se. Hochiürstl. Durchlaucht, der regierende Herr Landgraf von Hessen-Darmstadt mir noch fernerioette Vorstellungen gnädigst erlaubt haben, so wird Sonntags den 2ten Januar das Theater mit M e n s ch e n b a ß und Rene wieder eröinet, vorher aber eine Rede gehalten werden." Dieses Schauspiel „Menschenhaß und Reue", erschienen 1787, hatte Kotzebue seinen größten Erfolg gebracht. Es war Jahrzehntelang das Lieblmgsstück des gesamten deutschen Publikums, aber auch in London, Paris und Madrid wurde es mit Beifall ausgenommen. Ein Satz aus dieser „Dichtung" genügt zu ihrer Charakterisierung: „Ihr friedlichen Insulaner der Südsee", so ruft der Held mit Emphase ans, „zu euch will ich; ihr seid noch unverdorben, eure einzige Schwachheit ist Stehlen. Fort aus diesem kultivierten moralischen Lazarett" Rousseaus Gedanken verirrten sich also in jener Aufklärungszeit — 248 — Vermischtes. Altägyptische HterogLyvhstt, Nackdrnck Berater Redaktion- Ernst Heß. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei. R. Lange, Gieße». selbst auf Gießen« wackere Bühne und lockten L,e Leute weniger zur inneren Einkehr als zu überseeischen Abenteuern. Unmittelbar über der „Theater-Anzeige- des Herrn Sohm aber las man in der Nummer 52 des A.-Bt. vom 25. Dez. 1802 folgende hübsche Anpreisung! N e u j a h r s w ü n s ch e von vielen sehr schönen Gattungen, worunter sich Strumpfbänder, andere Bänder, gestickte Wünsche befinden, sind zu bekominen bei r Stamm, m Giesen. (Fortsetzung folgt.) Volkstracht rmd Sitte iu Hütteuberg. Von Sch. Eine interessante Volkstracht besteht noch in unserer Gegend, besonders ist die Kleidung bei kirchlichen Handlungen mrfsalrend, zum Beispiel bei einer Taufe. Ist die Patin, Braumad" (Braut- maad) unverheiratet, so trägt sie eine Krone aus Blumeru Derlen Flitter und bunten Bändchen, deren. Gesamtwert sich aut'cd' 7 Mk. stellt. In jedem Orte gibt es ennge Frauen, die dieselbe nach altem Muster ansertigen und aucq das umständliche NiilseNen oder „Aufbinden", wie man sich hierzulande ausoruclt, besorgen. Eine verheiratete Patin schmückt sich nnt einer weißen Stirmhaube. Ist die Patin ohne Trauer, so hat diese Hauoe I einen breiten Spitzenrand. Im Falle einer Trauer ist der Rand glatt Der junge Mann, „Braubursch genannt, der ob .;>a ! erkoren wurde, trägt einen Blumenstrauß an der Brust. Dieser ist Eigentum seiner Partnerin und wird ihm von dieser für den ! Tauftag dediziert Ist das Pateukindem^unge sowirdder Strauß links, bei emem kleinen Mädchen an die rechte Seite angesteckt. Daß der Täufling die Namen seiner Pate» bekommt, ist hier nicht Sitte, dagegen gibt man gewöhnlich dem I ältesten Jungen den Namen des Vaters und dem ersten. Mad- I chen den der Mutter. Bei der Konfirmation tragen bte jungeu Mädchen zum erstenmal die schönen, weißen Stirnhauben und auch dazu passend ein großes, weißes Spitzentuch, das vorn übereinander oelegt wird. Die anderen Kleids sind aus schwarzem Tuche gefertigt. Ein eigenartig hübscher Anblick ist eme so gekleidete Mädchenschar. Recht schön ist auch die B r a u 11 rach v. i Besonders hübsch schmückt sie eine Krone. Der „Brauthang wird durch eine Anzahl breiter Bänder gebildet, die zusammengesteckt und mit einer Silbertresse besetzt sind über die Schultern der I Braut herunterhängen. Dieser bunte Schmuck bildet zu den schwarzen Tuchkleidern und den weißen Spitzentuchern (Halstuch) und einem andern Tuche, das im Dreieck itber die vättbe I geschlungen ist, einen recht schönen Kontrast. 3n Drauerzeiteu ist die Brautkrone ganz dunkel gehalten und hecht „schwarzes Aufgebind". Die frühere große Schleife aus schwarzer I Seide an dem Hute des Bräutigams ist neuerdings ver - ! °Die"Abendmahlstracht gleicht der Konfirmativnsklechung Bei dem Traueraewande ist die Strruhaube zur Hälfte mit I einem schwarzen Sammethäubchen verdeckt. Die nächsten verwandten Frauen sind in ein Trauermantelchen üehusit. Es ist | dies ein Ueberwurf, der Kopf und Oberkörper vollständig verdeckt. Die Verwandtinnen weiteren Grades tragen weiße HatS- tücher als Trauerzeichen. Die nur aus Teilnahme zur Beerdigung mitgehenden Frauen tragen schwarze Halstücher; wahrend man in den beiden letzten Fällen eine umgekehrte Farbenwahl annehmen könnte. Das Kennzeichen der tiefsten Trauer dermannllchm leidtragenden ist ein Flor, der teilweise das, Gesicht bedeckt. Die weiter verwaiidten Trauerleute tragen entert Flor, der vom Hutrand aus ein Stück nach hinten hängt. Die nicht verwandten | Männer, die im Leichenzuge gehen, haben kem besonderes Trauerabzeichen. Die Angehörig eit des Entschlafenen trauern 1 bis 14 Jahre. Längere Zeit darf dann ,n dem.Hause ntcht gesungen werden. Die Kleidung der Frauen und Mädchen wahrend dieser Zeit ist schwarz und geht allmählich in farbige und dann helle Tracht über. Die Trauerhäubchen sind anfangs nut einem schwarzen Ueberhäubchen bedeckt, welch letzteres , nach einigen Wochen abgenommen wird. Nachdem nun noch die Stirnhaube längere Zeit getragen worden ist, kehrt man Mieder zur gewöhnlichen Kopsbedeckung, zum schwarzen Setdenhaubchen, zurück. Bedauerlicherweise ist die beschriebene Fracht mit der damit verbundetien schönen Sitte am Verschwinden. Doch fehlt es nicht an Bestrebungen, sie zu erhalten, was beispielsweise auch Mitzweck des diesjährigen Butzbacher und Biedenkopfer Bolks- trachtenfestes war. Ein treuer Förderer der Volkstrachten tft, um nur ein Beispiel anzugeben, der edle Landesherr, der Großherzog von Baden. Ein biederer Bauersmann wurde von ihm zur Tafel eingeladen. Er lehnte jedoch ab, weil ihm die Hofkletdung fehle. Der Großherzog bestand darauf, daß der brave Landmann in der heimatlichen Tracht erschien. (Jedes Bild bezeichnet beit Anfangsbuchstaben seines Namens, ,. D. v Sonne --- s, Glas — g, etc. Die Vokale sind zu ergänzen.) Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Dreiecks in voriger Nuimnerr ILLER LEAR LAA E R R _ ♦ Forstbotanische Merkbücher werden bekanntlich (oder ist es noch gar nicht genügend bekannt?) auf Veranlassung des Königlich preußischen Ministeriums für Landwirt; chaft, Domänen und Forsten herausgegeben, in denen die „beachtenswerten und zu schätzenden urwüchsigen Sträucher, Bäume und Bestände tm Königreich Preußen" uachgewiesen und des kürzeren oder aus- sührlicheren gewürdigt werden. Diesem freudig begrüßten Vorgehen verdanken wir bereits fünf solcher Bücher. Nr. 1, die Provinz Westpreußen betreffend, ist von Professor Conwentz in Danzig, dem verdienstvollen und erfolgreichen Vorkämpfer für Seunot* schütz, versaßt und bereits 1900 bei Gebr. Bornträger, Berlin, erschienen. Nach seinem Muster und im Auftrage der Regierung ttt demselben Verlage herausgegebeu sind 2) Pommern 1905,3) Hessen- Nas au 1905, 4) Schleswig-Holstein 1906.. Für Westfalen bearbeitete auf Veranlassung des Herrn Ministers der Oberhof- meister a. D. v. Schlieckmann ein Merkbuch unter dem Titel: Westfalens bemerkenswerte Bäume, auf Grund amtlicher NachwAe und Mitteilungen. (Belhagen & Klasing, Leipzig 1904.) Die Nachweise der Bücher betreffen Vorkommen, Standorte und sonst Wissenswertes über die zu schützenden Gegenstände, so vor allem über Bäume, an die sich geschichtliche Erinnerungen titupfen, ober über solche von besonders starkem Umfang und hohem Alter, oder von eigentümlichem Wuchs, wie die Kandelaber- und Har;en- bäume, Knollen- und Warzenbäume; über Hexenbesen, Ve^ wachsungen, Verbänderungen, Ab- und Spielarten, endlich auch über Pflanzenarten, die d urch die Forstkultur zurückgedrangt worden sind. Dank der staatlichen Beihilfe ist der Preis der Bändchen (2.80 Mk. bis 3.60 Mk.) so mäßig, daß sie sich icder Natnr- und Heimatfreund mit geringem Opfer zulegen kann. Die Regierung ist ernstlich gewillt, „ihre Fürsorge der Erhaltung der Naturdenkmäler und der landschaftlichen Schönheiten tn gleichet Weise zuzuwenden, wie sie bemüht ist, geschichtlich bemerkenswerte Bauwerke und Kunstdenkmäler vor Verfall und Zerstörung zu bewahren. Sie betrachtet es als eine dankenswerte Aufgabe, ihre Maßnahmen nicht auf die Förderung rein .materieller ^nteressM des Staates zu beschränken, sondern wo diese nut anderen Interessen in Widerstreit geraten, gleichzeitig auch den Sinn für die Förderung wissenschaftlicher und ästhetischer Ziele rn stllen Schiften der Bevölkerung zu pflegen und zu heben und diedarausge richteten Bestrebungen hilfreich zu unterstützen.. Die Konm. Forstverwaltung geht den Gemeinden und Privatbesitzern mit nachahmenswertem Beispiel voran, indem sie geeiWete Maßnahmen j trifft um in den staatlichen Forsten alle der Schonung bedürf | tigen Gewächse, auch wenn deren Schonung keinen Nutzen abwirft oder selbst Unkosten verursacht, unter ihren Schutz rst stellen. Den staatlichen Auftrag zur Herstellung, des Merkbuches für das Rhein land hat der Naturhistorische Verem der Nhemlaiibe erhaUen, der bereits interessante Vorarbeiten dazu veröffentlicht bgt p. def en Verhandlungen 1905, 1. Bonn). Im Königreich Sachsen wird sich dem Vernehmen nach der nächste Landtag Mit dem Gegen stände des Schutzes der Naturdenkmäler befassen.. Hessen hat den Schutz von Naturdenkmälern schon längst sesetzlich gereqelü Möge das Beispiel der genannten Regierungen auch in den übrigen deutschen Landen entsprechende Nachfolge sindem; benn mmfl v wachsen ist unter Volk mit feinen Bäumen und seinem Wald l T.