1907 iSM M s V ■ Ire 5 y veffer-Klocke. Neujahrs-Novelle von O. Elster. (Nachdruck verboten.) „Ja, Kinder, weshalb die große Glocke iit dem alten Turin unseres Schlosses die Sylvesterqlocke Heißt, will ich euch wohl erzählen, wenn ihr einmal' zehn Minuten still sein könnt," sagte die Grästir Heinrika Altenstein und blickte sich lächelnd in dem Kreis der Kinder und Enkel um, der sich zur Neujahrsseier um das älteste Mitglied der Familie Altenstein versammelt hatte. „Ach ja, Großmama, bitte, bitte, erzählen, erzählen! Wir wollen auch mäuschenstill sein!" So klang es von einem Dutzend frischer Lippen und man drängte sich näher um Lie alte Dame, die in einem hohen Lehnstuhl neben dem .Kamin saß und üt ihrem silberweißen Haar, dem schwarzen Spitzenmützchen, deren schwarze Bänder das Greisinnengesicht umrahmten, lvie die Verkörperung der Sagen und Märchen aus läugstverschollener Zeit aussah. „Insbesondere bitte ich, meine liebe, kleine Heinrika, wohl acht zu geben," meinte sie mit einem kleinen, schelmischen Lächeln, „und auch unserem lieben Gast, dem Herrn Rittmeister von Melden — inan kann aus meiner kleinen Geschichte manches lernen." Heinrika, die achtzehnjährige Enkelin der Gräfin, errötete nitb wandte sich eiligst von dem Rittmeister ab, mit dem sie m einem eifrigen Gespräch begriffen war. „Ehe du deine Erzählung anfängst, Mama," sagte Graf Altenstein, der Vater Heinrikens, „müssen wir die Bowle noch einmal füllen." Heinrika sprang auf. „Ich werde es besorge», Papa," rief sie und war verschwunden. Draußen herrschte Neujahrswetter. Schnee bedeckte Wald und Feld itaib Schloß Altenstein mit seinem viel- hunbertjährigen Turm unb seinen Erkern unb Zinnen, mit seinen hellerleuchteten Fensterm, erhob sich wie ein Zauberschloß aus der winterlichen Pracht. Ein wolkenloser Him- inel wölbte sich über ifjin; blitzend und funkelnd leuchteten die Sterne und dimnten im Tal erglänzten die Lichter des kleinen Städtchens am Fuße des Schloßberges. Ein scharfer Ostwind umsauste hier oben das Schloß uild den alten Turm, fing sich in den Ecken und Winkeln unb heulte iit den Kaminen, um dann seufzend die langen Korridore und engen Treppen des Schlosses entlang zu schleichen. Die richtige Sylvesternacht! Die richtige Nacht, um geniütlich um den Kamin zu sitzen bei einer dampfenden Bowle; die richtige Nacht, um alten Schauergeschichten, Sagen mib Märchen mit geheimem Gruseln zu lauschen und sich enger im Kreis um bas lodernde K'aminfeuev z u sa m m e nzuschli eß en. „Ihr wißt," Hub die Gräfin an, „daß die große Glocke in dein fast tausendjährigen Turm die Sankt Sylvester- * glocke heißt und schon lange, lauge Jahre nicht mehr geläutet wird. Oder hat einer von euch schon den Ton der Glocke gehört?" „Nein, Großmama!" scholl es einmütig zurück. „Ja, selbst die ältesten Leute eriuuern sich nicht mehr, ihren Ton gehört 51t haben. Nur ich, die ich nun schon achtzig Jahre alt bin, habe die Glocke gehört — aber das ist lange, lange her, Und diejenigen, die sie mit mir hörten, sind längst zur Ruhe eingegangen. Auch euer Großvater ist heintgegangeu, er hat die Glocke mich läuten hören, denn zum letzten Male läutete sie an dem Sylvester-Abend, an dem ich inich mit eurem Großvater verlobte." „Ei, wie romantisch!" „Ja, das sagt ihr wohl. Aber uns berührte' der Ton der Glocke doch sehr eigentümlich, denn wir kannten seine Bedeutung. —' Es war vor vielen, vielen Jahrhunderten, als ein Graf von Altenstein den Turm auf diesen Felsen baute. Er wollte den Bau bis zum Schluß des Jahres vollenden, aber der Winter setzte früh und hart ein und die Arbeitsleute konnten die schweren Steine den Berg nicht hinäufbringen. Da verschwor sich der Graf, er wollte den Turnr volletldeit und wenn er die Hülfe des Teufels anrufen sollte. Und in der Nacht erschien dem Grafen der Teufel tmd versprach ihm, den Turm fertigzustellen, wenn der Graf keine Glocke, bereit heiliger Ton dem Teufel verhaßt Ivar, auf deut Turm errichten lassen wollte. Der Graf verschwor sich, baß niemals auf dem Turm eine Glocke läuten sollte. Der Turm war fertig, aber als in der Sylvesternacht die Glocken der Kirchen unb Kapellen ringsum im Laube ihr frommes Geläut erschallen ließen, da 'fiel es dein Grafen schwer aufs .Herz, baß auf seinem Turin keine Glocke hing. Iit der Neujahrsnacht erschien ihm Sankt Sylvester im Traitm unb beutete mit vorwurfsvoller Miene zum schweigenden Turm hinauf. Da bereute der Graf sein dem Teufel gegebenes Versprechen und ließ einen Glockenstuhl und eilte Glocke auf dem Turm errichten, und als die Sylvesternacht wieder kam, da wollte er die Glocke zum ersten Male läuten lassen, doch wie die Diener auch an dein Strange zogen, kein Laut erschallte, die Glocke war stumm. Und wie der Graf selbst zum Turm hinaufstieg, da erschien ihm unter Blitz und Donner der Teufel und schrie ihm entgegen: „Die Glocke ivtrb nicht läuten, cs sei denn, daß dich ein Unglück trifft!" — In -liebel und Ranch verschwand der Böse, aber der Graf ergriff das Seil der Glocke und betete inbrünstig zu Sankt Sylvester, und mit einem Male erklang die Glocke in weihevollen Tönen, aber der Graf selbst sank sterbend nieder. Sankt Sylvester streckte segnend die Hand über ihm aus: Du hast deine Schuld gebüßt — die Glocke wird schweigen, damit dein Schwur erfüllt wird) sie wird nur reden in der letzten Stunde des Jahres, um ein glückliches Ereignis für dein Haus anznkündigen. Das sei deine Strafe und dein Lohn zugleich! — Der Heilige verschwand und die Glocke: tönte fort, bis der Graf verschieden war. — Seitdem hat die. Glocke geschwiegen, und nur in der letzten Stunde — 766 des Jahres ertönte sie, wenn dein alten Hanse Heil wider- sahren." Die Gräfin schwieg und stumm saßeir auch die Kinder und Enkelkinder da. Da nahnr die Frau üoit Altenstein, die Schwiegertochter der alten Gräfin, das Wort und sagte: „Sankt Sylvester hat wahr gesprochen, denn zum letzten Male ertönte die Glocke, als bu dich mit Papa in der Syl- vesternacht verlobtest, Großmama . . . das war ein glückliches Ereignis, das wir alle jetzt noch segnen." Der Bann war gebrochen, und jubelnd umringten die Jungen die Großmutter. „Zur Erinnerung an dieses frohe Sylvesterereignis wollen wir unsere Gläser leeren," rief Graf Erich. „Ja, aber —" fuhr er erstaunt fort, „die Bowle ist ja noch leer? Wollte Heinrika nicht dafür sorgen, da'tz sie wieder gefüllt würde? — Wo ist Heinrika?" . . . „Und wo ist der Rittmeister?" rief des Grafen jüngstes Töchterlein, ein Backfischehen mit blonden Zöpfen. Da lächelte die Großmama ihr geheimnisvolles Lächeln und sagte: „Vielleicht wird es euch die Sylvesterglocke melden, wo die beiden stecken." ... Aber das Wort verstarb ihr ans den Lippen und ihre Wangen erblaßten, als ein leiser, metallischer Ton die Luft durchschwirrte und durchsummte, der sich immer mehr verstärkte, immer mehr anschwoll bis zum herrlichen, vollen, ruhigen Geläute einer großen Glocke. „Die Sylvesterglocke!" So kam es fragend, zweifelnd, furchtsam über aller Lippen und alle sahen sich mit erstaunten Augen an und die Wangen der jungen Danken und Kinder erbleichten bei dem Klang der gespenstischen Glocke. „Gebe Gott, daß ihr Geläute nur Glück und Heil, Freude und Friede für dieses Haus verkündige", sprach die alte Gräfin feierlich und faltete die Hände, nut geneigtem Haupte dasitzend und den vollen Glockentönen lauschend. „Wer hat sich diesen Scherz erlaubt?" fragte der Graf streng die erregt in den Saal tretenden Diener. „Hast du nicht den Befehl gegeben, die alte Glocke zu läuten, Erich?" fragte des Grafen Gemahlin erstaunt. „Nein — ich habe an die Glocke überhaupt nicht gedacht . . . Miiller," wandte er sich an den alten Diener, „wissen Sie klicht, wer sich diesen Scherz gemacht hat?" „Nein, Herr Graf . . . die Tür, welche vom Korridor in den turnt führt, ist festgeschlossen, wie ich mich überzeugt habe" . . . „Aber vorhin stand sie offen!" rief daS Kamntermüdchen. „Als ich vorüberging, hörte ich ein Flüstern hinter der Tür Und sah eine weiße Gestalt. Ich blieb erschreckt stehen — da schlug die Tür plötzlich mit lautem Krach Pt und ich lief »asch davon, denn ntir wurde angst" . . . „Dummes Zeug!" schalt der Graf. „Wir wollen uns einmal überzeugen, iver sich diesen Spaß erlaubt hat. Wer kommt mit?" „Ich — ich auch — wir alle!" lind hinter den! Grafen drängte sich jung und alt, ängstliche Spannung auf den Gesichtern. Auch die Diener und Dienerinnen folgten und nur die alte Gräfin blieb in ihrem Lehnstuhl am Kantin sitzet!, schweigend lauschend dem Geläut, das noch immer machtvoll ertönte, daß es toeit hin über den Hof des Schlosses hinausscholl bi die Neujahrsnacht. Die Kutscher, Knechte, Mäade und Arbeitsleute sammelten sich auf dem Hof und blickten erstaunt und erschreckt zu dem Mockenstuhl des Turmes empor, in dem sich die große Slocke langsam und feierlich hin- und herbewegte und ihre eherne Stimme erschallen ließ. (Schluß folgt.) Wie die Lönrgin ß rola von Sachseir französische Kaiserm wersen sollte. Erst seit der Veröffentlichung der Lebenserinnerungen des Generals Grafen Fleury, des Adjutanten und Freundes Napoleons III., ist es bekannt geworden, daß die Königin Carola von Sachsen, die jetzt als der letzte Sproß des Hauses Wasa ins Grab gesunken ist, einst Kaiserin der Franzosen werden sollte. ■ Fleury erzählt sehr anschau- ttch und lebendig, wie er dem Prinz-Präsidenten Louis Napoleon nach dem Staatsstreiche eines Tages vorstellte. er müsse mit Rücksicht auf die bevorstehende Wiederauf- richtung des Kaiserreiches rechtzeitig Umschau nach einer Lebensgefährtin halten und dürfe diese Lebensgefährtin, zur.Befestigung seines Thrones, nur unter den heiratsfähigen Prinzessinnen der regierenden Familien Europas suchen. Napoleon hörte Fleury aufmerksam zu und ant- ioortete ihm durch die Mitteilung: er habe bereits Verhandlungen mit seiner Tante, der Großherzogin-Witwe Stephanie von Baden (geborenen Beanharnais) wegen ihrer Enkelin der Prinzessin Caroline Wasa angeknüpft. Die Großherzogin Stephanie hatte aus ihrer Ehe mit dem Großherzog Karl von Baden drei Töchter, deren älteste 1830 den Prinzen Gustav Wasa, den Sohn des entthronten Königs Gustav IV. von Schweden, geheiratet hatte. Der Prinz Gustav Wasa stand in österreichischen Militärdiensten. Als weiteren Vermittler für diesen H e i r a t s - plan wählte Napoleon den Grvßherzog Ludwig III. von Hessen, und als der Prinz-Präsident sich im Juni nach Straßburg und Baden begab, erhielt Fleury den Auftrag, nach Darmstadt zu reisen, wo er den Prinzen Wasa treffen würde. Als äußerer Borwand für diese, selbstverständlich streng geheim gehaltene Mission wurde die Neberbriugung des Großkrenzes der Ehrenlegion an den Großherzog gewählt. Mit einem einführenden Briefe von der Großherzogin Stephanie traf Fleury nun in Darmstadt ein und fand beim Groß Herzog und beim Prinzen Wasa die freundlichste Aufnahme. Er schildert nicht ohne Humor die Schwierigkeiten, die er hatte, um sich einen Mietwagen zu besorgen, der ihn nach dem Schlosse bringen sollte, und dann im Schlosse selbst jemanden zu finden, dem er seinen Auftrag verständlich machen konnte. Er sagt: „Man hätte sich im Palaste des schlafenden Dornröschen glauben können. Schweigen und merkwürdige Ruhe herrschten in der grvßherzvgl. Residenz." Endlich erschien der Ober- Hofmeister, führte ihn zum Großherzog, Fleury übergab den Orden, dessen Band sich der Großherzog sofort umhing, und um 4 Uhr (eiue Stunde, die Fleury zu einem Aus- rufungszeichen des Entsetzens veranlaßt) ging es zur Hoftafel. Das Tiner verlief höchst angenehm und der Großherzog überraschte den französischen Spezialgesandten durch seine genaue Kenntnis der französischen Armee, ihrer Einrichtungen, ihrer Kämpfe in Afrika. Um 6 Uhr übergab der Großherzog Fleury seine Antwort auf den Brief der Großherzogin Stephanie, nachdem er sich inzwischen mit dem Prinzen Wasa beraten hatte. Mündlich fügte er hinzu: „Danken Sie dem Präsidenten der Republik für die Ehre, die er mir durch die Verleihung seines Ordens erwiesen hat, und sprechen Sie ihm mein ganzes Bedauern darüber aus, daß sein Vorhaben, dessen Verwirklichung ich lebhaft gewünscht hätte, nicht zur Erfüllung gelangen kann. Man hat sich damit zu spät beschäftigt." Daun blickte der Großherzog den Prinzen Wasa an, der zustiinmend mit dem Kopfe nickte, und fügte hinzu: „Es bestehen bereits fast bindende Abmachungen mit dem Kronprinzen vor! Sachsen, die sich nicht rückgängig mache» lassen." Um Mitternacht desselben Tages war Fleury in Baden- Baden zurück und erstattete Napoleon Bericht von dem ergebnislosen Verlauf seiner Sendung. Napoleon zeigte nicht die mindeste Enttäuschung. Er machte eher bett Eindruck eines Mannes, der sich seinem Gewissen gegenüber erleichtert fühlt, weil er eine unangenehme Pflicht erfüllt har. Fleury meint: „Vielleicht hatte er sich auf die Verhandlungen mit sekuer Tante schon von vornherein mit einem Hintergedanken eingelassen. Melleicht lockte auch den künftigen Kaiser die Aussicht nur wenig, gerade den Prinzen Wasa zum Schwiegervater zu erhalten, der in Bezug auf seine Mäßigkeit (sc. int Trinken) in einem sehr anfechtbaren Rufe stand." Beides mag der Fall gewesen sein. Immerhin erinnern diese Schlußfolgerungen ein wenig an die Fabel vom Fuchs mit den zu sauren Trauben. Kombinations- 767 luftigen Gemütern mag es Vorbehalten jein, sich auszudenken, welchen Laus die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts wohl genommen Hütte, wäre das hier geschil- derte Heiratsprojekt zur Ausführung gelangt, und wäre statt Eilgenie von Montijo, Caroline Wasa Kaisernr der Franzosen geworden. N. Bad. Ldsztg. Sibirisches RachiidM. Ein eignes Lied von der Müllerin wissen drei Auto- mobilfahrer zu singen, die inr vergangenen Sommer aus Anlaß der Wettfahrt „Peking-Paris inr Automobil" die ungeheure Strecke von 16 000 Kilometer in sechzig Tagen zrrrücklegten, die Mongolei und ganz Sibirien durchquerten und auf dieser raseuderr Flucht mit den Wüsten-, Steppen- und Waldbewohnern, besonders den sibirischen Muschiks, nianch aufregendes Abenteuer zu bestehen Hatter!. Schon diesseits der Wolga, hatten sie sich eines Tmss verspätet, die Nacht überraschte sie in der Einöde und völlig unkundig des Geländes waren sie mit dem Automobil au einer sumpfigen Stelle eingesunken. Der Besitzer des Wagens, Fürst Scipione Borghese, machte sich mit seinem Begleiter, dem Journalisten Barzini, auf die Suche nach Hilfe und entdeckte auch bald eine kleine Mühle, deren Bewohner, nach Nebernvindung des ersten Schreckens iiber die unheimlichen Gäste, für einige Rubel gern bereit waren, das Automobil aus dem Schlamm zu graben und als es darüber spät geworden, den Fremden Nachtquartier anboten, das auch dankbar angenommen wurde. Der unvernmtete Geivinn einiger Rubelstücke mußte natürlich sofort festlich vertan werden. Bald war aus dem nächsten Dorf eine ungeheure Flasche Wodka zur Stelle, ohne den es keine Lebensfreude für den Muschik gibt, und so entwickelte sich in der Mühle ein nächtliches Idyll, das Barzini mit töst- lichem Humor beschreibt: „Die blonden Männer tranken auf unser Wohl; sie stürzten das schreckliche Getränk gläser- weise hinunter, nachdem sie, das Mas in der .Hand, dreimal das Zeichen des Kreuzes gemacht und ein kurzes Gebet gesprochen hatten: ein heiliges Trankopfer. Me Franen saßen abseits und sahen schwermütig und schweigend zu. Schmutzige Kinder spielten in einer Ecke. Eine ewige Lampe brannte vor dem Bilde des Erlösers, das an der Wand der Jsba hing. Richt lange, so begann der Wodka seine Wirkung zu tun. Der Müller 'würbe sich bewußt, daß er uns liebe! Er betrachtete uns zärtlich, seine blauen Augen füllten sich mit Tränen der Rührung. Wie er uns liebte! Er fühlte das Bedürfnis, beständig zu wiederholen: „Ich liebe sie! Ich liebe sie!" Dabei umarmte er uns einen nach dem anderen und küßte uns zärtlich auf die Stirn. Seine Leute äußerten ihre Zustimmung; es sei recht und billig, uns zu lieben, man müsse uns lieben! Ihre tiefgefühlte Sympathie erstreckte sich auch auf unser Vaterland. Warum seien sie in ihrem Leben nie Italienern begegnet? Ein Volk Mun Anbetcu! Alle Segnungen des Himmels Würbest auf uns herabgerufen. Die junge Frau mit beit ernsten, beinahe schmerzlichen Zügen benutzte die zärtliche Rührung chres Mannes, um die Wodkaflasche fort- zunehmeu, ohne daß er es merkte, und sie in einer Ecke unter alten Lumpen zu verstecken. Als wir erklärten, daß wir uns schlafen legen wollten, verließen alle das Zimmer. Die Manner blieben aber noch lange vor der Tür der Jsba und wir hörten sie stundenlang schwermütige slawische Lieder singen, die wie Gebete klangen. Als ihr Rausch unter dem Einfluß der Nachtkälte verflogen war, kehrten sie in die Mühle zurück, die bald ihr Geklapper wieder begann. Wir hatten uns auf den Fußboden ausgeftreckt. Ich konnte nicht schlafen; große Ratten liefen im Zimmer umher. Mit einem Male fühlte ich einen frischen Luftzug: die Tür öffnete sich ganz leise. Ich erhob mich auf dem Ellenbogen und strengte die Augen im Dunkel an. Durch die Türöffnung drang ein Lichtschein, in dem ich die Person erkennen oder doch erraten konnte, die sich so heimlich in unser Zimmer schlich: es war die junge Müllerin. Ich iah den Schimnter ihres langen weißen Hemdes. Horchend blieb sie auf der Schwelle stehen. Was wollte sie? Ich beobachtete sie mit gespannter Neugier. Als sie sich iiberzeugt hatte, daß alles still blieb, trat sie ein, barfuß und ohne das mindeste Geräusch; sie glich einem Schatten. Sicheren Schrittes ging sie auf einen Winkel 511 und beugte sich suchend vor. Es war die Stelle, an der sie — den Wodka versteckt hatte. An dem leisen Klingen des Glases hörte ich, daß sie dis Flasche ergriff; ich sah, wie sie sie in die Höhe hob. Einen Augenblick später vernahm ich ein leises, langes, von Seufzern unterbrochenes Gurgeln — die brave Frau trank!" ___________ VevmrscHts«. * Die kostbarsten Kleider der Welt. Die „T. R." schreibt über die glücklichen Besitzerinnen kostbarer Gewänder: An der Spitze steht die Königin von Siam mit ihrem Staatsmantel, den sie nur einmal im Jahre anlegr. Dieses seidene Kleidungsstück ist über und über reich mit Diamanten, Smaragden, Rubinen und Saphiren besetzt, der Wert der Edelsteine läßt sich mir ungefähr schätzen, übersteigt aber sicher 20 Mill. Mark. Eine der beiden Schwestern des Zaren, die Gattin des Großfürsten Alexander Michailowitsch, steht der siamesischen Herrscherin nicht viel nach, denn sie besitzt ein wundervolles Kleid in russischer Nationaltracht, das ebenfalls ganz mit Edelsteinen besetzt ist. Das Mieder und die dreispitzartige, niedliche Mütze bestehen eigentlich nur aus Kleinodien und sind daher so schwer, daß sie nur selten angelegt werden können. Hinter den Herrscherinnen wollen die amerikanischen Millionärinnen nicht znrück- stehen. Sie haben zwar ein nicht so kostbares Kleid, aber dafür viele, die sehr teuer sind. Ein Kleid der Fran Mackie z. B. kostet 200 000 SRI, denn die Dame, deren Gatte durch einen ausgedehnten Schweinehandel ungeheure Reichtümer gesanimelt hat, geht nicht anders als in den schönsten Brüsseler Spitzen und in echter Perlenstickerei. Zwei Brüsseler Schals, die sie als Aeberhang ans einem. Kleide verarbeitet hat, sind allein 100 000 Mark wert ober mehr als 200 mal ihr Gewicht in Gold. Eine russische Millionärin besitzt einen laugen Mantel aus Silberfuchs, dessen Wert nicht abzuschätzen ist; der Halskragen allein hat 12 000 Mk. gekostet. Einen einzigartigen Reichtum an Pelzen besitzt auch die Witwe des chinesischen Staatsmannes Li Hung Ehang, in deren Garderobe 500 Pelzroben der allerkostbarsten Art sich befinden. Den Millionärinnen suchen die Bühnensterne an ausgewählten Gewändern nicht nachzustehen. Die Schauspielerin Frau Langtrh trägt Anzüge, die aus Edelsteinen, Spitzen und Seide so verschwenderisch erfunben sind, daß sie nicht selten an Wert 200 000 Mk. übersteigen, und sie bringt es fertig, ihre Kleidung an einem Abend — sechsmal zu wechseln. Auch die Sängerin Melba trägt Schmuck an ihren Kleidern, deren Wert sich sogar bis ans eine Million beläuft. Von französischen Schauspielerinnen sind die „göttliche Sarah" und die Rtzjane ihrer kostspieligen Kleiderlannen wegen berühmt, wenngleich ihre Gewänder selten mehr als 20 000 Mk. kosten. * E > u e c i g e n a rt i g « H e i r a t s a un 0 n r e. Im panuov. Cour, stndet sich nachstehendes Inserat: „Sehr vermögender Herr, vollständig unabhängig, in mittlerem Lebensalter, sucht LebenS- sährlin, Vermögen Nebensache. Suchender ist sein gebildet und ihin schweb! als Ideal für die zukünftige Gattin eine Frau, die in ihren üaupicharakterzügen der Komtesse Rixa des Fr. K.scheu Romans „Mutterschaft" ähuelk, vor. Solche Damen, die glauben, in ihrem Wesen genannter Figur zu ähneln, werden gebeten, aus'ührliche Schreiben unter . . . an . . . zu richten." Handelt cS sich hier um einen Scherz oder um eine raffinierte Reklame für den Roman oder um einen Genügsamen, der die Eigenschaft einer Romanheldin als hinreichend st'ir eine Lebensgefährtin ansieht? Für solche, die das Beifviel nachahmen wollen, können wir als geeignete .Figuren" die „Goldetie" oder die törichten Jungsranen" oder „die toste Komteß" ti!w. nennen. Auf dein Gebiete der Lustspiestiteratur ist die Auswahl noch größer. * Ein Paradies für heiratslustige Mädchen scheint bas russische Dorf Pawlowo zu sein. In dem Stadtteil Orel erschienen nämlich zwei Bauern ans dem Dorfe Pawlowo im Gouvernement Woronesch mit ber Bitte, ihnen mitzuteilen ober auzugeben, wo man Mäbchen finden könnte, die geneigt wären, mit ihnen ins Dorf zurück- zukehren und bortjelvst zu heiraten. Nach ihrer Aussage ist int Dorfe Pawlowo ein solcher Mangel an Frauen, dasi aus etwa 25 Männer erst eine Frau kommt. Dieser Mangel an Hausfrauen macht sich empfindlich fühlbar. Die Leute zeigten als Beweis Schriftstücke vor, die von der Verwaltung bestätigt waren. Sie erzählten, daß man bereits einmal eine Anzahl Mädchen gebeten hatte, ins Dorf zu kommen; kaum waren sie angelangt, so waren sie auch schon vergriffen; sehen, lieben, werben, sich versprechen, zum Geistlichen gehen und dann nach Hause eilen — das alles war das Werk einer halben Stunde. Sie seien jetzt, erzählten die Leute treuherzig weiter, nach Orel gekommen, weil in ihrem Dorfe eine Bekanntmachung sei (wahrscheinlich statistische Daten über die Bevölkerung nach der letzten Volkszählung), daß es im Orelschen Gouvernement mehr Weiber als Männer gebe. Man wies die Leute aus dem Dorfe in die Strelezkoje Wolostverwattung. 768 — * Der „Champion - Geizhals". Aus Newyork wird uns berichtet: Benjamin Radleigh ist gestvrbeit, Amerikas „Champion-Geizhals"; am Montag hat der Tod den neunzigjährigen Hagestolz in der Nähe Bostons von der Kostspieligkeit des Daseins erlöst. Sein hinterlassenes Vermögen wird auf mehr als sechs Millionen geschätzt; nicht die Not und Sparsamkeit waren es, die Benjamin Radleigh antrieben, die Muße seiner alten Tage mit dein Sammeln von Knöpfen, Schuhbändern, Aeiderresten,Schnürstücken und alten Trambahnbilletts nutzbringend auszu- füllen. In den neunzig Jahren soll er nur euren Tag nichts getan haben und er selbst hat sich diesen Leichtsinn nie verziehen. Mit Stolz erzählte er, daß er nie in seinem Leben ein Thetearbillet gekauft oder einen Schnaps selbst bezahlt habe, aber Einladungen war er stets zugänglich. Für die Eisenbahn hat er int ganzen nicht einen Dollar ausgegeben, und seine Halsbinde, die er natürlich nur bei besonderen Anlässen anlegte, hatte ein Alter üon einigen Jahren. Radleigh ist durch seinen Geiz buchstäblich be- rühmt getoorden. Aufsätze über ihn wurden geschrieben und viele Leute besuchten seine kleine Heimatsstadt, um der«, wunderlichen Kauz und seine Heimat zu sehen. Er hat den Barbier abgefchafft, um die Kosten zu sparen, und — • ein sechsfacher Millionär — sich das Rauchen abgewöhnt, weil er früher wöchentlich vierzig Pfennig für Tabak ausgab. Einmal ging das Gerücht, Radleigh habe einige Dollar für eine wohltätige Stiftung gespendet; aber Radleigh hielt streng auf seinen Ruf und trat solch infamer Verleumdung sofort energisch entgegen. D e r O ch s e m i t d e m H o l z s u ß. Ans Chicago tvivb berichtet: Vor einigen Wochen hatte ein Farmer einen Transport Ochsen gekanfl, den er mtf den Wiesen seiner Farm fettsnttcrn wollte. Ani dem Transport brach sich das schönste Tier ein Bein und sollte geschlachtet werden. Der findige Farmer machte jedoch einen letzten Versuch. Er riet den Tierarzt der nächsten Stadt herbei und wußte diesen dazu zu bewegen, das verletzte Bein des Ochsen zu amputieren, und ihm dasüc ein hölzernes Bein anznsetzen. Nach vielem lieberlegen entschloß sich der Tierarzt zu dieser Operation. Durch starke Decken in der Schwebe gehalten, wurde das Tier operiert, und erst nach einigen Wochen setzte man das Holzbein an. Anfänglich hinkte der Ochse jämmerlich, aber bald gewöhnte er sich an das neue Glied und läuft jetzt munter unter seinen Gewährten umher, von denen er der fetteste zu werden verspricht. Tabaksterrer-Hhnrue. Die Zigarrenbanderolensteucr Macht das edle Kraut dem Raucher teuer. Und Zigarrensteuerbanderolenlisten, Die im Deutschen Reiche wir bisher vermißten, Bon Zigarrenbanderolensteuerlistenführern Werden sie fortan verwaltet, richt'gen Tabakspürcrn; Aber auch Zigarrenbandcrolenlistenstihrcrstcllvertreter Werden in die Mühe dieses Amts sich teilen früher [ober später. Und wenn es nun wirklich gescheh» soll, Ohne Steuer es künftig nicht gehn sott, Nehmt Abstand vom Kistenbekteben, Denn die Banderole zu geben Den Kisten, erregt nur Verdruß. Gebt jeder Zigarre die Binde, Und selbst bei Vierradnern empfinde Der Raucher dann höchsten Genuß. (Gottlieb im „Tag".) Literatur — Die Alpen. Von Privatdozent Dr. F. Machacek. Mit zahlreichen Profilen und typischen Landschastsbildern. 8°. ICO Seiten. (Wissenschaft und Bildung, Bd. 29.) In Originalleinenband Mk. 1.25. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. — Das Büchlein wendet sich an alle, die sich über die Natur- und Kulturverhältnisse unserer Alpenwelt unterrichten wollen, insbesondere aber an die immer wachsende Schar unserer Alpen- freunde. Nach einer Einleitung über die Grenzen und Gliederung der Alpen, sowie ihre Beziehungen zu den Nachbargebieten, erklärt der Verfasser den inneren Bau und die geologische Entwickelungsgeschichte des Gebirges wie die Entstehung der heutigen Oberflächenformen. Die Darlegung der physikalischen Verhältnisse des Wassers in den verschiedensten Formen seines Auftretens (als Fluß, See, Gletscher) leitet hinüber zu der Besprechung der klimatischen Verhältnisse der Hochregion, woran sich die Schilderung der durch die natürliche» Bedingungen beeinflußten Lebensverhältnisse der Pflanzen- und,Tierwelt anschließt Das Schlußkapitel geht von der praht,torischen Besiedelung des Gebirges aus, schildert den Gang der späteren Kolonisation, die gegenwärtige Rationalitätenverteilung, die Siedlungsformen und Erlverbsverhältnisse der Bevölkerung. Mit einem Ausblick auf die durch die modernen Verkehrsmittel beeinflußten Zustände schließt das kleine Werk. — Ueber Gesundheitspflege in Haus und Schule unterrichtet Dr. Lewinski in einem Aufsatze, der in dem Hefte 2 der Zeitschrift „Zur Guten Stunde" (Deutsches Verlagshaus Bong & Co. in Berlin W. 57 — Preis des Vierzehm- tagshcftes 40 Pf.) zur Veröffentlichung gelangt, während ent guter Kenner der Verhältnisse über das, was „Hinter den Kulissen des Theaters" in technischer Hinsicht vor sich geht, plaudert, und uns Oberingenieur Siewert über „Die Verwendung der drahtlosen Telegraphie im Kriege" in einem illustrierten' Artikel belehrt. Der Humor kommt in den Erzählungen „Die Fliegentüte" von Gertrud von Hoxar, „Sein Weg zur Bühne" von Alwin Römer, sowie in der Ansichtspostkartennovelle „Eine Auto-Rhein-Hochzeitsreise" von Heinrich Vollrat Schumacher zum vollen Recht. — Der Fesselballon int Kriege — unter diesem Titel veröffentlicht Dr. Alfred Gradenwitz in dem 5. Heft von „Zur Guten Stunde"' eilten mit reichem Bilderschmuck ausgestatteten Aufsatz, der jetzt in der Aera des lenkbaren Luftschiffs, doppelt an Bedeutung gewinnt. Goldene Worte. Aller Kräfte ernstes Wollen, Kein Ermatten, kein Verdrießen l Freudig fchnsfeii aus dem Volten, 91u8 dem Vollen auch genießen 1 I. Wolff. ■f Fürchte dich nicht vor der Verwirrung außer dir, aber vor der Verwirrung i n dir. * Schiller. Ein erleuchteter Verstand veredelt auch die Gesinnungen. Schiller. Ein edles Verlangen muß in uns eulglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abqeben müssen, auch aus unseren Mitteln einen Beitrag ztt legen und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschen- geichlecl-ter sich windet, unser fliehendes Daseut zu befestigen. Schiller. Unser Ueujührs-Ureisrütsel scheint den meisten Rätselfreunden unlöslich zu sein. Was alles uns bisher an vermeintlichen Lösungen zuging, ist unzutreffend. Ter Verfasser des Rätsels, der in Wiesbaden lebende ausgezeichnete RheinlieLerdichter Prost Aug. Ammann, dachte sich als Lösung „Sountngmorgcugiockeu". Es ist ober zuzugeben, daß der Bahnarbeiter Ludw. Schmidt H. in Steinberg mit „Feierabeudglocken" auch daS Rechte traf. Andere rieten „Glaube, Liebe, .Hoffnung", wieher andere „Kirchengesangchöre", „Weihnacht, Ostern, Pfingsten", „Jesus Menschwerden, Geist, Tilgend, Schöpfer" re. Alan sieht, es war ein Tappen im Dunkeln, lind mußte es sein. Denn einmal hatte der Druckfehlerteuiel üblen llnfug getrieben. In der dritten Strophe muß es heißen „Schauer" statt „Schauen" und am Schluß natürlich „künden" statt „knüden". Aber trotzdem müssen wir nachträglich zugeben, daß die ganze Fassung doch nicht fehr glücklich ist. Wir haben uns daher entschtoffen, an Stelle dieses Preisrätsels ein anderes zu setzen, das folgende: Es war einst ein Jüngling so krank und so matt; Ihn bannte schon lang' an die Lagerstatt Des Arztes Gebot, dem er willig sich fügt, Er weiß, daß sein „Erstes" am Herzen ihm liegt. Nun ward es dem Jüngling nach Wochen und Tagen So wie meine ersten zwei Silben besagen. Und endlich, oh Glück! nach unsäglichen Leiden Erlaubt ihm der Doktor die letzteren Beiden. „Famos!" rüst der Arzt, „also gar keine Schmerzen? Ta wünsch ich auch ferner das Ganze von Herzen!" — Und was unser Doktor wünscht dem Patienten, Ta wünschen wir sämtlichen Abonnenten. Dieses Rätsel wird wohl den Lösungsuchern geringere Qualen bereiten. Lösungen werden an die „Redaktion der Gießener Familien- blätter" (das ist die Adresse mit der Hinzufügung auf dem Briefumschlag: P r e i s r ä t! e l l ö s u n g) bis zum 12. Januar 1903 entgegengenommen. Als Preise sind nach tote vor 12 wertvolle Bücher vorgesehen, sowie ein gerahmtes Gemälde. Redaktion: V. Witiko. — Rotationsdruck und Berlaa der Brübt'jchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.