1907 i ■ KW WGM Rillet Aus der eigenen Spur. Kriminalwman von Otto Aoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ueberrascht, keines Wortes mächtig, erhob sich Witte und starrte auf die ebenfalls wie gebannt stehende Leonie, als ob diese geradewegs vom Himmel herabgestiegen sein müßte. Dann, streckte er zaghaft die Hände nach ihr aus. Leonie . . . Du . . Sie hier, Fräulein Selllmbach?" rief er schwach, als mißtraute er noch immer der Körperlichkeit Ihrer Erscheinung. „Andre — Herr Witte!" stotterte die nicht minder Befangene. >,Jch habe es doch in. der Zeitung gelesen . . . und da durfte ich es doch nicht leiden, daß Du — daß Sie auch nur eine Stunde länger unschuldig schmachten." Flammend rot wendete sich der Maler an Hansemann. „Herr Rat", beteuerte er pathetisch, „ich weiß zwar nicht, was bas gnädige Fräulein hier Ihnen mitgeteilt hat, doch ich versichere Ihnen auf Mannesehre, daß ich mich in durchaus dezenter Form imb nur von der Veranda aus mit ihr unterhalten lind —" „Hergott, nun fängt der auch noch an!" rief Hansemann in komischer Verzweiflung. „Herrschaften, ich erinnere Sie an die Worte unseres unsterblichen Schiller — es kann's aber auch ein anderer gesagt haben: „Ist denn Liebe ein Verbrechen und so weiter mit Grazie." Er ivandte sich an den Kvmmissar. „Apropos, Thvnitnren, was mir da gerade beifällt." — Und damit verwickelte er den Beamten in ein Flüstergespräch von zumindest fünf- minntiger Dauer, während dessen er denr -jungen Paare konstant den Rucken kehrte. Dann, als er sich, nach vorherigem Räuspern wieder den beiden zukehrte, tat er hoch erstaunt, sie mit hochroten Gesichtern aus einer Fensternische treten zu sehen. Lächelnd drohte er mit dem Finger. „Ich tvill hoffen, daß da inzwischen keine Verdunkelungen versucht worden sind." Er trat an den Maler heran und bot ihm die Hand. „Machen Sie keine Geschichten", brummte er, als der andere nur zögernd _ und wie befremdet einschlug, „ich denke, die Sache wider Sie löst sich in Wohlgefallen auf. Jedenfalls wünsche ich Ihnen durch meinen Händedruck zu bezeugen, daß ich persönlich an Ihre vollständige Unschuld glaube. Das' fassen Sie nicht etwa als Entschnl- digung auf. Mein Auftreten gegen Sie war durch meine Amtspflicht vorgeschrieben. . . und machen Sie sich wieder so verdächtig, so verhafte ich Sie noch ein halb Dutzend Mal mit Vergnügen. Er lachte kurz auf. „Zur Stunde kann ich Ihre Freilassung noch nicht verfügen, zumal verschiedene Formalitäten zu erfüllen sind, auch der Hausmeister Buhlinger noch zur Sache zu vemehnnn ist. Nun, der Mann ist ohnedies geladen und wird bald kommen . . . Sie, Fräulein Selkenbach, müssen sich eine ähnliche Prozedur gefallen lassen. . . Kommissar Thom- men wird Sie mit Aufgebot aller ihm zur Verfügung stehenden Liebenswürdigkeit vernehmen. Mit einer auffordernden Bewegung nach der Tur ging er voran, dem Maler Gelegenheit bietend, sich von der Daine seines Herzens nochmals ausgiebig zu verabschieden. 17. Kapitel. Heute war der Konlorplatz, vou welchem aus die junge Fran des Fnyrherrn sonst ihre geschäftige Tätigkeit zu entwickeln pflegte, lccr geblieben. Marie vefand sich kurz vor der Mittagsstunde in dem geräumigen, utit altväterlicher Behäbigkeit eingerichteten Wohnzimmer ihrer im Vvrderzimmer belegen en Etage. Sie trug den Kopf verbunden und lag regungslos ausgestreckk auf einem Ruhebett: nur in großen Zwischenräumen erhob sie sich angestrengt, um den kühlenden Umschlag zu erneuern. Zuweilen erschien mit besorgtem Gesicht Eilenburg selbst im Zimmer; er war auf einen Sprung vom Korridor heraufgekoinmen^ um sich nach dem Befinden seiner kleinen Frau zu überzeugen. Auf den Zehenspitzen schlich sich der große, starke Mann alsdann bis zu bem Ruhebett. Er schaute mit Blicken inniger Liebe' auf die Leidende; doch vergeblich hoffte er deren Blick zu begegnen. Sobald sie seinen behutsamen Schritt draußen hörte, kehrte sie das Gesicht schon nach der Wand und in dieser Lage verharrte sie unbeweglich, bis das Geräusch seiner Schritte draußen wieder verklungen ivar. Es war gerade, als lvottte die junge Frau dem Blicke des Gatten nicht begegnen; als ängstige sie sich vor diesem noch nrehr und empfinde ihn schnierzlichcr, als das siechende Kopfweh, welches sie mm schon seit Tagen marterte. Draußen klingelte es. Gleich erschien das Dienstmädchen int Zimmer und meldete eine Besucherin an, die sich nicht zurück- weisen lassen wollte, sonderir darauf bestand, angenommen zu werden. „Ich bin nicht in der Lage, Besuche zu empfangen ... ich bin krank!" stöhnte die Leidende. „Hast bu es der Dame nicht gesagt?" „Sie meinte, dann wäre sie erst recht am Platze. Sie müßte die Dame unter allen Umständen sprechen." „Tas muß ich auch!" ertönte in diesem Augenblick der warme Alt Herminens. Sie war dem Mädchen auf dem Fuße gefolgt und schob dieses mm ohne viel Umstände aus dem Zimmer, hinter ihm die Tür schließend. Die beiden Jugendfreundinnen waren allein. In großer, peinlicher Ueberraschung hatte sich Marie von ihrem Lager erliobeu. Wie entgeistert starrte sie die plötzlich Erschienene an, ohne auch nur einen Versuch zu machen, ihr cut- gegenzngehen und sie zu begrüßen. Hermine schien diese spröde Zurückhaltung indessen nicht wahrzunehnren. Sie eilte auf die junge Frau zu und schloß diese in ihre Arme. „Habe ich dich endlich wieder, meine böse, liebe Marie?" rief sie bewegt, sich neben der Freundin uieder- lassend und bereit Hüfte umschlingend. „Ich sollte dich schelten, weil bu es über das Herz hast bringen können, mich so lange zu verleugnen. Konntest du denn ganz auf unsere Mädchen- schwüre vergessen. Doch nein, die Freude in mir über dies heutige Wiedersehen ist zu groß, als daß ein Mitzwn sie entweihen dürfte. Ich kann dir kaum ausdrücken, wie unendlich ich mich freue, dich wieder zu haben . . . und nun sage nur rasch, Liebste, was dir fehlt. . . gewiß, du siehst leidend aus, so blaß und ängstlich. Doch was ailt es! Ich schaffe dir die Voten Backen, 706 die lieben leuchtenden Guckaugen! zurück." Und intimer von neuem herzte sie während ihrer Worte die willenlos sich Ergebende. Endlich fand auch Marie die Sprache wieder, mit einem schwachen Lächeln faßte sie die Hand der Freundin rind schaute dieser in die Augen, jedoch mir, um den Blick mit einem Seufzer von neuem zu senken. „Wie schön dn geworden bist, Hermine", sagte sie leise. _ „Nun fange mir gleich mit Schmeicheleien an, freilich, die Rose hat's leicht, dem bescheidenen Veilchen Komplimente zu sagen — nein, lasse dich nur anschauen. Papa ' hat mir bereits viel von dir erzählt, mich darauf vorbereitet, wie ich das glücklich verheiratete Frauchen ganz so anders finden würde, !vie meine alte, liebe Marie, die immer lackendem Sonnenschein glich." Die junge Fran seufzte. „Das Leben ist ernst, man kann nicht immer heiter sein . . . heute zumal — mein Köpf schmerzt mid) unerträglich", setzte sie mit einer nervösen Gebärde hinzu. „Tu", lachte Hermine, „wenn das etwa der bewußte Wink mit dem Zaunpfahl sein soll, mich in Bälde wieder zu verkrümeln, so zieht das nicht bei mir. Du weißt, ich bin dickfellig, besonders, wenn es gilt, eine alte, vertraute Freundin Von neuem zu erobern!" Geschickt wußte sie es einzurichten, daß sie ins Plaudern kamen. Taktvoll vermied sie dabei jede Erinnerung an Dinge, welche die junge Frau schmerzen oder sonst peinlich berühren konnten. Mit innerer Genugtuung durfte sie dafür bemerken, daß zusehends die erste Befangenheit der Jugendfreundin wich, diese gesprächiger wurde und selbst auf ihren körperlichen Zu- stand zu vergessen schien. So verging ein Stündchen fast im Fluge. Die Freundinnen waren derart im Austausch alter, genteinsamer Erinnerungen vertieft, daß fie den Eintritt des Fuhrherrn ganz übersahen und erst auffuhren, als dieser unmittelbar vor ihnen stand. Hermine nahm es wohl wahr, tote beim Erblicken ihres Gatten die frühere gedrückte Gemütsstimmung die Freundin überkam und diese einsilbig wurde. „Wie reizend von Ihnen, daß Sie meine arme Marie aufsuchten", meinte Eilenburg, nachdem die erste Begrüßung vorüber. „Mein Frauchen ist melancholisch in der letzten Zeit, nun wird die Freude sie gewiß aufheite.ru? Gelt, Marie?" wendete er sich direkt an die junge Frau, indem er sich über diese beugte und ihr zärtlich die bleiche Wange streichelte. Mit Wohlgefallen ruhte Herminens Blick auf der stattlichen Erscheinung des Fuhrherrn. „Ich bin schrecklich neugierig ge- esen. Sie kennen zu lernen," plauderte sie fröhlich. „Ich habe mir Sie nämlich ganz, ganz anders vorgestellt . . . jünger, weniger stattlich, dabei blond und ohne Bart." „Damit kann ich allerdings nicht aufwarten", gab der Fuhrherr lachend zurück. „Mutter Natur schuf mich schwarz . . doch nur die Außenseite." Er faßte die Hand feiner Frau und behielt sie in der seinigen. „Ich hoffe wenigstens, Marie wird Ihnen das bestätigen. Ich gebe mir alle Mühe, Gnade vor ihren Augen zu finden. Doch tote kamen Sie dazu, sich eine solche Vorstellung von mir zu machen?" „Ganz einfach. Ich glaubte Marie kürzlich beim Brandenburger Tor im Wagen mit einem solch' blonden Schöpfuugs- Herrn zu sehen. Doch natürlich war das ein Irrtum meinerseits", setzte sie rasch hinzu, als sie wahrnahmi, toie sich die Wangen der jungen Frau geisterhaft entfärbten. „Ein Irrtum, der sich nun und hoffentlich nicht zu meinen Ungunst en aufgeklärt hat", bemerkte Eilenburg lachend. Unter der Tür erschien das Dienstmädchen' und meldete einen Kunden an, der unten im Kontor auf den Fuhrherrn wartete. Dieser erhob sich sofort. „Ja, ich komme schon." Er wendete sich an Hermine. „Da müssen Sie mich schon entschnl- digen. Ich hübe eilt gutes Geschäft, aber es erfordert auch einen Mann. Zumal heute, wo ich mein Frauchen mitvertreten muß. Doch habe nur keine Angst", meinte er lachend, „die Arbeit wird dir Nicht geschenkt, sei du nur erst wieder frisch und munter. Sie Hai die ganze Buchhaltung unter sich und ist überhaupt die Seele vom Geschäft", erläuterte er, zu der Besucherin gewendet. „Sie will’s nicht hören, aber es ist so. Ob im Kontor,^ in| der Küche oder sonst im Haushalt, sie ist überall die Erste. . . Und abends erst, da spielt sie zum Entzücken Klavier und singt wie ein richtiger kleiner Waldvogel. . . das heißt", setzte er mit schwermütigem Anflug hinzu, „eigentlich muß es da, wie int Märchen heißen: Es war einmal. Seit dem Frühjahr ist's anders geworden und das Klavier ist verstaubt." Er tätschelte wieder der gezwungen Lächelnden die Wange. „Tas gibt sich wieder, gelt, Mariechen? Ich habe so ’ne Ahnung, als würdest btt bald wieder frisch und munter, wie ’n Fisch tut Wasser," Er schritt hastig bis zur Tür, winkte von dort aus seiner Frau nochmals herzlich zu und ließ die beiden Freundinnen allein. „Da kann man ja von' ganzem Herzen gratulieren", meinte Hermine, als sich die Tür hinter dem Fuhrherrn geschlossen! hatte. „Tu hast allem Anschein nach einen prächtigen Mann." Marie nickte trübe; sie sprach nicht und doch flackerte nervöse Erregtheit ans ihren Blicken, als brannte sie darauf, die Freundin etwas zu fragen. „'Wie komisch, daß ich mich so versehen konnte", ging Hermine nun direkt auf ihr Ziel los. „Doch wirst du es mir glauben, Marie? Ich hätte wirklich geschworen, dich erst unlängst in einer Droschke mit einem blonden Manne, der viel jünger als dein Gatte war, aber lange nicht so gut und treu zn blicken schien, zusammengesehen zu haben." Wohl nahm sie das Erstaunen der Freundin wahr, doch entschlossen, nicht darauf zn achten, fuhr sie im leichten Plaudertone fort: „Es kann ja auch der Sohn deines Mannes gewesen sein. Doch nein, das ist nicht möglich, denn Papa sagte mir ja, daß ihn eine Verfehlung ins Gefängnis gebracht hat. Da könnte er nicht gut in einer Droschke mit dir spazieren fahren . . . das heißt", meinte sie gedehnt, als ob die Erinnerung daran eben erst käme, „das weißt du wohl noch gar nicht? Gestern hat sich plötzlich herausgestellt, daß dein Stiefsohn der Gefängnisbehörde einen Schabernack gespielt und sich einen Ersatzmann, einen gewissen Karl Wilhelm Hildenbrand, geleistet hat, der an seiner Statt bisher in Plötzensee gesessen hat. Was sagst bu dazu? Doch was ist dir, du wirst wirklich krank", unterbrach sie sich in anscheinender Besorgnis, die ins grünliche spielende Gesichtsfarbe der Freundin gewahrend. Sie wollte den Arm um sie schlingen, sühlte sich aber von Marie zurückgestoßen. „Nein, laß mich.... mir fehlt nichts . . . nur Ruhe!" Doch Hermine hielt sie trotz ihrer Abwehr umschlungen und zwang sie mit sanfter Gewalt, ihr in die Augen zu schauen.. „Doch dir fehlt etwas", hauchte sie ihr sanft ins Ohr, „die Freundin nämlich, der du dich rückhaltlos anvertrauen kannst." Tie junge Fran versuchte sich von neuem loszumachen. „Ich verstehe dich nicht, ich — ich habe niemandem etwas anzn- vertrauen!" hauchte sie wie angestrengt. „Närrchen", flüsterte Hermine wie vorhin, „hatten wir je ein Geheimnis voreinander? und nun willst dn fremd tun, wo. ich zu dir gekommen bin, um dir beizustehen ... in der Stunde der Not, wo du eine treue Freundin nötig hast!" setzte sie eindringlich hinzu. „Ich weiß etwas, Marie. . . und da litt es mich nicht mehr zu Hause, ich mußte zn dir, um dir zu raten . .. dir zu helfen und sei es auch gegen dich selbst. . . verstehe; mich doch endlich. Dn Liebe, Gute!" Eine schreckhafte Veränderung ging in den fahl gewordenen Zügen der jungen Frau vor sich. Mit entsetzensstarrem Blicke schaute sie die über sie Gebeugte erloschen an und um ihre Lippen zitterte ein krampfigesl Erbeben. Sekundenlang hielt die krarnpfige, unnatürliche Anspannung ihres wie in Fieberfrösten erschauernden Leibes an; dann brach sie völlig zusammen und lag wie ein hilfloses Kind in den schirmenden Armen der Freundin. (Fortsetzung folgt.) Kitt vnrvchtes ZMtt. Novellette von Emma Kinzle. Ein herber Geruch von welkem Laub und feuchtem Moos! erfüllt die klare Luft. Martenfädeu spinnen schimmernde Brücken um Hecken und Bäume, und vom blauen Himmel lacht die Sonne nieder — ein melancholisches Lächeln, das! wunderbar harmoniert zu der schaffensmüdeu, sich zum Winterschlase rüstenden Mutter Erde. Vom nahe» Dorskirchhofe herüber töut Gebet und Gesang. Wie eine schmale schwarze Schlange windet sich die! Allerseeleuprozession um die geschmückten Gräber, prangend in einer Symphonie leuchtender Farben, die eher an Lebensfreude mahnen, als an den Tod. Da ist auch nicht ein Grab, das ungeschmückt wäre, und lveun schon Kreuz und! Name fehlen auf eingesunkenen Hügeln, so deckt es dennoch ein schlichter Kranz, ein Strauß bunter Dahlien, und eine, junge oder vom Alter zitternde Hand sprengt mit dem Buchsbaumzweig geweihtes Wasser darüber. Am Waldessaum liegt ein einsames Grab. Dunkle. Tannen, hohe Eichen rauschen dem darunter Schlummernden ein ewiges Leid. Zwischen der Tufssteinfassung drängt sich! wuchernd Moos und Epheu hervor. Um das ungefüge, ungestrichene Holzkreuz schlingt sich ein Gewinde von tiefroten Vogelbeeren, und in die srischgehackte Erde ist ein Herz von Hagebutten gezeichnet. — Auf dein nahen Reisighaufen sitzt ein junges, blühendes Weib. Seine Lippen bewegen sich eifrig im Gebet, und die Kugeln eines geweihten Rosenkranzes gleiten unaufhaltsam durch seine Finger. „Der Herr sei seiner Seele gnädig, und lasse ihn ruhen in Frieden, Amen!" murmelte es und erhebt sich. Den Kopf an den Eichenstamm gelehnt, schaut die Frauengestalt finsteren Blickes nach dem Friedhof hinüber, und die Hände krampfen sich in den Falten des Rockes. „Jedes Grab ist gesegnet! — Jede unschuldige Kindesseele, die da drunten schläft, hat ihre Weihe empfangen. Alle, alle schlummern in geweihtem Boden — nur du nicht, armer Franz!" Sie ist an dem Grabe in die Knie gesunken und birgt ihr Antlitz in den Händen. „Abseits von den Menschen liegst du — ein Ausgestoßener!" Sie weint leise. Ihr Körper zuckt zusammen, wenn der Gesang von brüliert ihr Ohr erreicht. r—\ — „Lena!" Das Weib fuhr Beim Klange der Männerstimme jäh in die Höhe und flammernder Zorn jagte über ihr tränen- überströmtes Gesicht. „Du hier? An diesem Grab? Woher nahmst du den Mut, mir da gegenüberzutreten?" sie schrie es heraus in schrankenloser Empörung, die Arme zur Abwehr ausgestreckt, als wollte sie diese gtuhestätte vor Bern Tritt des Mannes schützen. Beide Hände auf sein Gewehr gestützt, stand jener ruhig, aus seinen Augen schimmerte tiefes, großes Mitleid. Langsam trat Lena auf ihn zu. „Nicht er hat sich ums Leben gebracht — du bist sein Mörder!" stieß sie in heiseren Lauten hervor. „Er war jung, arbettsfrolh und liebte mich, sein Weib! Er hatte keinen Grund, freiwillig aus dem Leben zu scheiden! Du, und all' die anderen Leute lügen, wenn sie sagen, er hätte sich erschossen. Ich weiß es besser. Du hast es getan! Du gönntest mich ihm nicht, und da" — ein wildes Schluchzen zerriß ihre Stimme. Auf des Beschuldigten Stirne schwoll die Zornesader, aber er bemeisterte sich sichtlich. „Lena, btt bist ein Weib, sonst" — er rückte an dein grünen Jägerhute, nnd wischte mit dem Handrücken über die heiße Stirne. „Wenn mir das ein anderer sagte! — Ich eilt Meuchelmörder! Feige aus dem Hinterhalt einen Menschen niederknallen, weil" — er rang nach Worten — „weil er mir mein Liebstes stahl — ja, im ehrlichen Zweikampfe, Zahn um Zahn, Auge um Auge! Ich wußte ja, — du liebtest ihn! Was hätte mich da alles andere nützen können? Du hattest ihn gewählt — ich beschied mich. Glaube mir, Leua, ich litt sehr! — Ich wußte, daß er dir nicht treu" — Ein Aufschrei des jungen Weibes unterbrach den Sprechenden. „Still!" kreischte sie. „Das ist nicht wahr! Du bist ein Lügner! Pfui! Tote unter der Erde zu beschimpfen!! — Er liebte mich. Nur mich. Mit tausend Eiden hat er es mir täglich zugeschworen. Täglich. — Ach du allmächtiger Gott, es kann ja nicht sein. Es kann nicht, es darf nicht!" Ihre Augen Brannten in lodernder Glut, und ihre zitternden Hände strichen über das einfache Holzkreuz. Der Jäger lächelte schmerzlich. „Leua! Was tat ich dir! daß du mich so verkennst. Habe ich dich je Belogen? Denke zurück an eine frühere Zeit. Bevor jener andere kam und dich mir mit seinen glatten Worten wegnahm. Dich, für die ich mein Herzblut tropfenweise gegeben hätte! Ich wußte, daß er dich Betrog. Ich wußte, daß er mehr als einmal drüben in der Stadt ihm anvertraute Gelder verspielte, verjubelte, die sein Oheim immer wieder deckte; noch viele wußtens, deshalb! auch Brachen sie gleich den StaB, als man ihn an jenem Morgen hier an dieser Stelle erschossen fand. „Er hat nicht mehr aus und ein gewußt in seinen schlimmen Streichen, und hat sich entleibt", sagten sie. — Volksstimme, Gottesstimme! Liebe ist Blind, und du in deiner Waldeinsamkeit wußtest von all dem nichts. — Du hast dich abgeschlossen, in bitterm Groll, und schwer an- schuldigendem Verdacht. — Lena! — Dir ist wohl in deinem Vertrauen für den Toten! Möge nie der Tag kommen, an dem dein schöner Wahn schwindet. Ich werde dich nicht niehr stören!" — Sie sah ihr nach, der schlanken Jägergestalt, deren offener Blick noch 'eben auf ihr geruht, auf ihr, dem Weibe — des Selbstmörders. — Ihre Augen fanden keine Träne mehr. Starr und eindringlich richteten sie sich fragend auf das stille Grab, Antwort heischend. Lange saß sie so, in finsterem Grübeln. Bilder der Vergangenheit zogen an ihr vorüber. Nun ihr Mißtrauen einmal erwacht, kam es nicht mehr zur Ruhe. Manches, dem sie früher keine Bedeutung geschenkt, tauchte auf und ward ein Glied zu der Kette einer Schnld. „Nein!" — sie erschrak vor ihrer eigenen Stimme, „ich will es nicht glauben!" Aber es kam doch zaghaft heraus. Müde erhob sie sich und schritt nach dem nahen dichten Gebüsch, wo es tiefgrünes Federmoos gab, das sie zu einem frischen Kranze winden wollte für den Toten! — In einer engverschlungenen Wurzelbildung hatte sich etwas Weißes verfangen, ein dickes zusammengefalteteH Blatt. Gleichgültig glitten ihre Blicke darüber hin, es schien Berechnungen zu enthalten. „15 Ster Kiefernholz. 20 Klafter Buchenholz re." — las sie. Doch plötzlich weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen — es waren ihres verstorbenen Mannes Schriftzüge. — Die Berechnungen waren mit Tinte geschrieben, vom Regen etwas verwaschen. Sie ergriff das Schriftstück in höchster Erregung und fand auf der andern Seite mit Bleistift, in senkrechten Buchstaben, Ivie ihr Mann zu schreiben pflegte, folgende Worte: Liebes Weib! Vergieb mir, ich kann nicht anders, ich muß in den Tod gehen. Ich habe eine große Suinnte, die für die Forstkasse bestimmt war, in der Stadt verspielt. Der Spielteufel hat meinen Vater ins Unglück gebracht, nun auch mich. Der Oheim hat nicht mehr helfen können, und es wäre auch zu spät gewesen, der Forstmeister ivnßte es schon, mein früherer Schatz, die Walpnrg, die in der Stadt dient, hat einen Brief an ihn geschrieben, aus Eifersucht. Er wird es vielleicht nicht anzeigen, weil ich viel bei ihm gelte, aber entlassen muß er mich doch, und das ertrage ich nicht. Leb wohl schöne Welt, und du, liebes Weib1, du bist ja noch jung und wirst es verwinden! Dieses Blatt lege ich neben mich. Verweht es der Wind, erfährst du vielleicht nie meine Schnld, findet man's aber, wirst du mir verzeihen, denn du hattest mich lieb1. Ein letzter Küß Dein Mann Franz. Zwischen die Baumstämme hindurch huschte die Dämmerung und wob ihre grauen Schleier, es begann empfindlich kühl zu iverden. Das junge Weib kauerte noch im Moos und starrte entgeistert ans das verhängnisvolle Blatt in ihrer Hand. — Als sie dann mit gesenktem Haupt durch den Wald schritt, erscholl fröhliches Hnndegebell dicht vor ihr, das eine jähe Röte in ihr Antlitz jagte, denn dem Hunde folgte auf dem Fuße fein Herr. „Du noch da, Beim hereinBrechenden Abend, Lena? Er trat auf dem schmalen Waldwege zur Seite, sie vorüBer- zulassen. Aber sie hemmte den Schritt und streckte ihm mit abgewendetem Gesicht das Blatt hin. • Ein wenig • verwundert nahm er es entgegen. Als er gelesen, nickte er nur stumm. Ernst suchte sein Blick den ihren. Sie trat dicht an ihn heran und nahm seine Hand zwischen ihre beiden. „Verzeihe mir, Jakob, wenn du es kannst!" flüsterte 708 sie beklommen. Dann noch ein fester Händedruck und sie schritt eilig davon. Neber sein Gesicht ging ein Leuchten. In ihren Augen hatte eine Antwort auf die Frage seines Herzens gestanden. ___________ VerrniMSss. * Der berühmte Luftschiffer General Graf Zeppelin äußert sich einem Mitarbeiter des „Schwab. Merkur" gegenüber dahin, daß er allerdings noch mit einer starken Strömung von feiten der Militärluftschifferabteilnng in Berlin zu rechnen habe, die dem Parsevalschen System geneigt sei. Doch Sofft er, daß er den Kaiser bald von der Verwendbarkeit seines Luftschiffes auch für Kriegszwecke überzeugen werde. Dauerfahrten hätte er längst unternehmen können, er wolle aber ivarten, bis das zweite, unt mehrere Meter längere Luftschiff hergestellt sei. Auf die Frage, warum bisher.höhere Aufstiege als bis zu 800 Meter nicht erfolgt seien, erwiderte er, daß dies lediglich aus Sparsamkeit geschehen sei. Der Gasverlust sei in den höheren Luftregionen sehr stark; wenn er aber bei künftigen Versuchsfahrten für zwei Tage Benzin mitnehmen könne, könne er jede gewollte Höhe erreichen. Der Ballon sei imstande, Benzin für vier Tagesfahrten mitzunehmen. Im Kriegsfälle fei übrigens für ein Beobachtungsluftschiff eine Aufstieghöhe von 800 Metern vorläufig genügend, denn das lenkbare Fahrzeug bleibe nicht unbeweglich über einer Festung oder einem Gefechtsfelde stehen, es bewege sich auch nicht zwischen den Kämpfenden, sondern in einer Gegend, von der frische Kräfte in Anzug seien; da scheue man sich doch, auf das lenkbare Luftschiff zu schießen. Zudem könnte auch die Entfernung von unten nur sehr mangelhaft geschäht werden. Im übrigen könnte man von den Gondeln des Luftschiffes aus mit guten Gläsern auf 7 Kilometer Entfernung jeden einzelnen Mann unterscheiden. Der untenstehende Feind täusche sich meistens auch über die voraussichtliche Bewegung des Luftschiffes, da es nämlich bei starken Windströmungen häufig den Kurs wechseln müsse. In einer Höhe von 800 Metern sei das lenkbare Luftschiff kein großes und sicheres Zielobjekt. * Ein Waldfriedhof für Wi en. Gleich München wird nun auch Wien einen Waldsriedhof bekommen. Der Siadt- rat hat im Prinzip die Errichtung eines solchen im unmittelbaren Anschluß an den Hütteldorser Friedhof in dem der Gemeinde Wien gehörigen Walde beschlossen und den Magistrat beauftragt, das Detailprojekt auszuarbeiten. Dem Waldfried- hofe wird das jeweilige gesamte Gemeindegebiet der Stadt Wien zugemiesen, es sind daher für die Grabstellen einheitliche Preise festzusetzen. Zur Vergrößerung des gegenwärtigen Hütteldorser Friedhofes ist eine an denselben unmittelbar anschließende Grundfläsche zu reservieren. * Ein Pärchen. Hei, da geht er, hei, da geht sie. Was zwei schöne Leutchen,' Alle Täglem sind sie so Morgelein wie heutchen. Wenn ein Armer schuldig bleibt Ihnen ein paar Schüldchen, Wird er ernstlich aufgemahnt, Ohne ein Geduidcheisi Und sie gehn zum Richteriein, Richten ihn zu Gründchen — Schmunzelnd dann im Trciblein heim Gehn zwei schlechte Hündchen. Gottfried Keller. Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins Mülheim-Ruhr und Frankfurt a. Oder. In unserer vielschreibeuden Zeit, da es so maudjer trotz Hast und Schnellebigkeit für nötig hält, statt erscheinen immer in die Erscheinung treten zu sagen, zum Vortrag bringen statt Vorträgen usw., kurz statt eines drei oder mehr Wörter zu gebrauchen, da fällt es diesem selben manchen anderseits gar nicht schwer, ein paar armseligen kleinen Buchstaben Tag für Tag nach dem Leben zu trachten, weil er sie wohl für überflüssig hält oder meint, sie nähmen doch allzuviel Raum ein. Ein sonderbarer Gegensatz! So liest man bereu fast kaum noch Mülheim a. d. Ruhr, Halle a. d. Saale, Frankfurt a. d. Oder, Limburg a. b. Lahn; nein entweder beiden, oder wenigstens einem der beiden abgekürzten Wörtchen wird der Garaus gemacht, und nun heißt es: Mülheim-Ruhr, Halle a. Saale, Frankfurt-Öder, Limburg a. Lahn usw. Bei der Schreibung mit Bindestrichen ver- würt man den Einfluß der Depeschensprache, in der man sogar Mülheimruhr und Wüstewaltersdorfbzbreslau schreiben darf; aber die darf doch nicht für unsere Rechtschreibmtg maßgebend werden, sonst würde cs gar bald schön damit aussehen!" Dresden-A. ist richtig, denn es heißt: Dresden-Altstadt; aber Forst-Lausitz und Naumburg-Saale und Homburg-Höhe ist falsch, beim es heißt: Forst in bet Lausitz, Naumburg an der Saale, Homburg vor der Höhe. Und ivas bat denn das arme „d." getan, datz man cs so oft beiseite schiebt, z. B. auch in Luns a. Pegnitz und Neustadt a. H. ? Am Bahnhof in Halle steht sogar in Riesenschritt zu lesen: Halle a. Saale. Ja, wenn es an einem (FesWaale läge, dann wäre ja alles richtig so! Soll man vielleicht künftig auch abkürzeu Mirfat: „B." statt „z. B." und „h." statt „d. h."? Folgerichtig wäre das! „a." allein, wiö man jetzt meist zu schreiben — und, selbst wenn es anders! vorgeschrieben ist, zu drucken — beliebt, kann nur „am" heißen, nicht „an der", und nicht allein unserer Schuljugend, nein! auch den Alten macht man es mit diesem „a." gar zu schwer: wer kann beim von allen deutschen Flüssen imb Bächen wissen, welches Geschlechtes sie sind, ob es z. B. ber Pegnitz ober bte P. heißt? und wer kann wissen, ob mit Neustadt a. H. nun das an der Hardt oder das am Harze gemeint ist? und wer endlich versteht Riedern a. W. richtig anszulöseu? Anders und besser macht es die Post, der es ja auch auf Kürze und Deutlichkeit ankommt, und ihr sollte jeder Schreibende und jeder Setzer Nachfolgen, der das a. oder a. d. vermeiden will; sie schreibt: Sprem- berg (Lausitz), Senheim (Mosel), Selters (Westerwald), Bergen (Rügen), Bergen (Vogtland), Bergen (Kr. Hamm), Mülheim (Ruhr) usw. usw. Wer aber denjenigen entgegeukommen will, denen! die Landeskunde wie so häufig nur oberflächlich beigebracht worden ist, und die über das oft so schwankende Geschlecht der Flußnamen nicht gut Bescheid wissen, der sei noch deutlicher und schreibe eben: Frankfurt a. d. Ober, Neustabt a. Harz, Neustadt a. d. Hardt, Winsen a. d. Luhe, und bedenke, daß es, wenn man die beiden Mülheim durch Zusätze unterscheiden will, Rheinmülheim und Ruhrmülheim heißen müßte wie Rheinbreitbach und Waldbreitbach, Rheinzabern und Bergzabern, wie Saarelben, Saarwellingen, Ruhrort, Wipperfürth usw. Da wir statt „an dem" in alten, diesen Verbindungen stets das kürzere „am" aniveubeu, so ist keine Gefahr, baß „a. b." etwa von jemand zu „an dem" aufgelöst iverben könnte. Weihnachts-LiLceaLm. — Jugenbglück unb Sonnenschein. Erinnerungen ber Jugend erzählt von Marie Elisabeth Ludwig. Ca. 210 Seiten mit 8 Textbildern und 8 ganzseitigen Volksbildern, davon 3 in Vierfarbendruck von Dora Gustav. Ein frohgemutes Buch, in dem sich in 16 Kapiteln ein reiches Kinderleben in neuartiger Erzählungsform vor den Lesern entrollt. Wie eine Robin- simade erzählt Tante Elisabeth ihren Nichten die bald Humor- voll-sonnigen, freubtgeii, bald ernsten Ereignisse ihrer Kinderzeit, Goldene Worte. ES ist eine Sprache, die alle Menschen verstehen, diese ist: gebrauche deine Kräfte I Ernster, guter Wille ist eine große, die schönste Eigenschaft des Geistes. Nur die Absicht gibt dem Aufwande von Kräslen Wert. Und fo erheben wir uns über Lob und Tadel der Menschen. Es ist nichts als Tätigkeit nach einem bestimmten Ziele, wa8 das Leben erträglich macht. „Tie Verminst hat geleistet, was sie leisten kann, wenn sie das Gesetz findet und atifstellt; vollstrecken muß es der mutige Wille und das lebendige Gefühl. Wenn die Wahrheit int Streit mit Kräften den Sieg erhalten soll, so muß sie selbst erst zur Kraft werden . . . Woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind? . . . Ein alter Weiser hat es entphmben und es liegt in dem uietbebcuienbeit Ausdruck versteckt: sapere attde! Erkühne dich, weife zu sein! Energie des Mutes gehört dazu, die Hindernisfe zu bekämpfen, welche sowohl die Trägheit ber Natur, als tue Feigheit des Herzens der Belehrung entgegensetzen." Schiller. Krenzriitsel. In die Felder nebenstehender Figur siub die Vuchstaben aaaaccd eeeee^g h h h h i i iiiiiiiill Innrerennrrsssstt derart einzutragen, baß die wagerechten imb senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes ergeben: 1. Eine Insel. 2. Eine Münze. 3. Ein Höhenzug. Anflösimg in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nummer r Sturzbach, Redaktion: D. Wittko. — Rotationsdruck unb Verlag ber Brühl'scken Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.