fs' •Bl Lgtl MM Woniag derr 28. Oktober 1967 — Mr. 160 B W •• I II Mj ffl Auf der cigsnsu Spur. Kriminalroman von Otto Ho ecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Der Maler hörte nicht wieder auf ihn. Er deutete auf einen in den Zeitungsspalten wiedergegebenen Männerkopf. „Ist cs die Möglichkeit . . . entspricht das Bild hier der Person des Getöteten?" Der Rat nahm die Zeitung zur Hand; ein Blick belehrte ihn, das; es sich unt eine Aufnahme des Ermordeten- handelte. „Allerdings", versetzte er, fest den Blick auf den erregten, mächtig arbeitenden Zügen seines Besuchers gerichtet, „dieser Mann hiess zu Lebzeiten John Baker und war ein gefürchteter internationaler Einbrecher." „So steht's in der Zeitung!" unterbrach ihn Witte ungeduldig, sich mit dem Taschentuch den Hellen Schweiß von der Stirn wischend. „Ich weiß es indessen besser. Das in der Zeitung wicdcrgcgebene Bild entspricht einem Bekannten von mir, einem früheren Zimmervermieter . . . sein Name lautet August Schuhmacher — er nannte sich Schauspieler, mit welcher Berechtigung kann ich nicht sagen. Seine Wohnung befand- sich in der Thoma- fiusstraße 45 b." Jetzt erst schien er die Gegenwart Waldens wahrzunehmen. In seiner Erregung hatte er offenbar auf die zwischen ihnen herrschenden gespannten Beziehungen vergessen, denn er trat rasch auf ihn zu. „Sie kennen Schuhmacher ebenfalls und sicherlich Noch besser als ich. Nun denken Sie nur. In meiner ersten Erregung fuhr ich nach der Thomajiusstraße. Ich fand die Wohnung verschlossen. Als mein wiederholtes Klingeln endlich von einer Nachbarin gehört wurde, verständigte sie mich davon, das; die Familie, vermutlich nach auswärts, weggezogen sei . . . nun begreife ich auch, warum- ich heute früh meinen Koffer, der noch in meiner alten Wbhnung stand, durch die Paketfahrt zugestellt erhalten habe." „Schuhmacher ist mit seiner Familie ausgewandert", erwiderte Walden in seiner gewohnten Ruhe. „Ich selbst habe ihn vorgestern nachmittag zum Lehrter Bahnhof gebracht." „Aber das ist doch unmöglich!" rief Witte in steigender Erregung. „Da sehen Sie sich doch nur das Bild an ... Zug um- Zug ist's Gustav- Schuhmacher. Es kann kein anderer fein. Der Mann ist mit dem Ermordeten identisch!" „Sic irren sich, Herr Witte!" meinte der Detektiv, der inzwischen sich die Zeitung von seinem Vorgesetzten hatte geben lassen und nun den Männerkopf darin flüchtig betrachtete. „Eine oberflächliche Aehnlichkeit führt Sie zu dieser Annahme. Schuhmacher schwimmt heute schon auf dem Ozean. Er denkt gar nicht daran, ermordet worden zu sein." „Da ist gar keine Täuschung möglich!" ereiferte sich der durch den Widerspruch Erregte. „Es müßte um mich als Maler schlecht bestellt sein, hätte ich nicht ein besseres Gedächtnis für menschliche Physiognomien . . . zudem sehen Sie doch hier die Narbe." , Zufall, nichts weiter!" meinte Walden gelassen, indem er sich achselzuckend abwendete. Der Rat war an Witte herangetveten. „Was stellen Sie denn da für merkwürdige Behauptungen auf? Sie wollen diesen Mann wirklich gekannt haben?" Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf. „Wie hieß er gleich? Gustav Schuhmacher?" fragte er, den Vornamen besonders betonend. „Gustav Schuhmacher", wiederholte der Maler. „Ich muß, wie ich zu meinem Bedauern festzustellen gezwungen bin, den Verlebten als ziemlich arbeitsscheues Subjekt bezeichnen, der seiner armen Frau zur Last lag." „Ich erinnere mich, Sie sprachen gestern abend in meiner Wohnung davon", äußerte der Rat. Mit einem forschenden Blicke wendete er sich an Walden. „Irre ich mich nicht, so sprach der vorhin vernommene Kutscher von einem Gustav" —: er ließ sich das Protokoll reichen und sah es durch — „richtig, da steht s . . . Gustav und August nannten sich der Trunkene und dessen Begleiter . . . das ist ja eine ganz merkwürdige Ueber- cinstimmung mit Vornamen." Wieder sah er den Detektiv for« schend an, ohne daß dieser anscheinend davon Notiz nahm. Der Rat ging plötzlich nach der Tür und schaute in den Wartcraum. „Ah, da sind Sie ja, Nokohl", rief er hinaus. „Kommen Sie nur herein, ich habe einen Auftrag für Sie." Die stramm aufgerichtete Gestalt des Schutzmannes pflanzte sich gleich darauf neben der Tür auf. Inzwischen hatte sich der Rat wieder nach Witte zurück- gewcndet. „Erzählten Sie nicht gestern meiner Tochter von einem neuen Frackanzug, den Sie sich bei Bonjour in Paris bauen ließen und welchen Sie plötzlich vermissen, wodurch Sie in große Verlegenheit gerieten?" „Allerding, Herr Rat, cs war mein ganzer Stolz. Halb und halb hatte ich Schuhmacher im Verdacht, doch da er sich Noch nie unehrlich gezeigt hatte, so —" „— stellten Sie ihn nicht zur Rede", ergänzte Hansemann, dessen raschem Seitenblick cs nicht entgangen war, wie Rokohl beim Ertönen des klangvollen Wittcschen Organs wie ein Witterung bekommender Jagdhund anfjchnupperte, vortreten und reden wollte. „Entschuldigen der Herr Rat, aber —" „Schon gut, Rokohl", unterbrach ihn sein Vorgesetzter rasch. „Lassen Sie sich das Kleidcrbüntcl im Bakerschen Falle geben und bringen Sie es unverzüglich hierher." Er wartete, bis sich die Tür hinter dem- Schutzmann g« schlossen; dann schien er seinen Auftrag ergänzen zu wollen. „Warten Sie, Rokohl, noch eins". — Damit huschte er auch selbst schon durch die Tür, schloß sie hinter sich und winkte den noch im Vorraum befindlichen Schutzmann zurück. Er zog ihn mit sich nach einer Fensternische. „Kam Ihnen der Herr, der eben drinnen gesprochen, be« kannt vor", erkundigte er sich leise. „Er ist-der Begleiter ... ich habe ihn sofort an der Stimme wiedererkannt." „Dachte ich m-ir's doch . . . und gestern meinten Sie, De« tektiv Walden müsse cs gewesen sein ... was soll man nun glauben?" „Herr Rat, die beiden haben auch die nämliche Gestalt." „Na, Walden ist doch etwas zierlicher gebaut." „Es kam mir ja auch so vor, als ob es zwei Verschiedene gewesen wären, Herr Rat." „Entschieden der zweite. Ich sagte gleich, der kam mir größer vor und er hatte auch einen Vollbart . . . doch den hat der Mann im Zimmer nicht", stockte der Schutzmann. „Freilich nicht. Na, jetzt sputen Sie sich und holen die Kleider. Wenn Sie zurückkommen, halten Sie sich ruhig im Zimmer und geben keinen Mucks von sich, bevor Sie gefragt werden, verstanden?" Rokohl salutierte stramm militärisch und eilte davon, um seinen Auftrag zu erfüllen, während der Rat mit nachdenklicher Miene ins Zimmer zurückkehrte. Er fand den Maler mit Walden gerade eben wieder in heftiger und wie es schien unfreundlicher Auseinandersetzung begriffen. Als Walden den wieder Eintretenden erblickte, wies er mit ausgestreckter Hand nach ihm- und äußerte gleichzeitig schroff: >,Hier ist Herr Rat Hansemaun und einzig maßgebend für Sie. Wenden Sie sich mit Ihren Behauptungen an ihn, mich aber verschonen Sie!" „Nun, nun, so hitzig?" erkundigte sich Hansemann, in die vor Erregung glühenden Gesichter der beiden Streithähne schauend. Keiner von ihnen gab eine Antwort; statt ihrer sagte Thommen: „Sie streiten sich noch um ihren Zirnmerwirt. Nach Herrn Waldens Version ist er nach Amerika unterwegs, der andere Herr dagegen will ihn durchaus ermordet wissen." „Nun, das werden wir schon aufklären", entgegnete der Rat ernst, indem er nach seinem Schreibtisch schritt und vor ihm sich wieder hinsetzte. „Nehmen Sie doch Platz, Herr Witte," sagte er in merklich unverbindlichem Tone. „Hierher, wenn ich bitten darf", — er deutete auf einen in seiner Nähe befindlichen Stuhl. „Nach Ihrer Behauptung hat also Ihr früherer Zimmerwirt Gustav Schuhmacher dieselbe Gesichtsnarbe aufzuweisen gehabt." „Das wird Ihnen jedes Kind in der Thomasinsstraße sagen können. Wie ich schon erwähnte, führte Schuhmacher ein ausschweifendes Leben und betrank sich fast täglich. Da er sich in seinem unwürdigen Zustand oft genug am Hellen Tage zeigte, so hatte er nur zu häufig die Schuljugend hinter sich. Ich selbst bin Zeuge von solchen widerlichen Auftritten gewesen. Im- trunkenen Zustande glühte seine Narbe förmlich; er war dann auch in krakehlsüchtiger, prahlerischer Stimmung und suchte die verhöhnenden Kinder durch Hinweis auf von ihm vollführte Großtaten abzuschütteln, erreichte natürlich aber nur das gerade Gegenteil." „Dann kennen Sie diesen Schuhmacher also sehr genau?" „Herr Rat, ich bin nicht umsonst Maler ... gar das Gesicht dieses Unglücklichen will ich tausenden heraus erkennen . . . sehen 'Sie, so sah er aus, sah er sich von den Gassenjungen! gefoppt". Er hatte während des Sprechens mit kecken Zügen eine Figur auf ein gerade handgerecht liegendes Blatt geworfen pnd reichte dies nun Hansemann. Dieser besah cs nur nachdenklich. „So würden Sie im Stande sein, die noch über der Erde befindliche Leiche des Toten zu rekognoszieren?" „Unbedingt!" versicherte der Maler. „Dann muß ich Sie bitten, mich nach dem Leichenhause' zu begleiten, denn Ihre Aussage ist sehr wichtig und geeignet, unsere bereits gesicherte Identifizierung der Leiche über den Haufen zu werfen." „Ich kann nur wiederholen, Herr Rat, daß sich Herr Witte irrt!" ließ sich eben Walden mit großer Schärfe vernehmen. „Eine Aehnlichkeit mag ihn beirren — ich will das Vorhandew- sein einer solchen einräumen, obgleich sie mir bisher nicht aufgefallen ist — von der Narbe abgesehen, welche indessen bei Schuhmacher, wie ich genau weiß, durch den Tatzenhieb eines aus dem Menagerie käsig entsprungenen Jaguars herrührt und mit der bei dem Toten sestgestellten Narbe nicht zu verwechseln ist. Im übrigen habe ich Gustav Schuhmacher, mit dem ich in meiner Küabenzeit eng befreundet war, selbst am Nachmittag vor der kritischen Nacht nach dem Lehrter Bahnhof gebracht — ich denke wohl, meine Erklärung sollte genügen, Herr Rat." Es lag ein Klang in seiner Stimme, den man sowohl auf Gereiztheit, als auch auf ein Gefühl unverdienter Kränkung zurückführen konnte. Hansemann nickte ihm zwar wohlivvllend, wie beschwich- ttoenb zu, wendete sich aber, obne sich lange mit ihm aufzuhalten, sofort wieder an den Maler. „Sie find von der Wahrheit Ihrer Angaben natürlich gleichfalls durchdrungen?" erkundigte er sich. Witte nickte nachdrücklich; er saß mit übergeschlagenen Beinen, ans feinen bleichen Zügen sprach ein unbeugsam fester Entschluß. „Nicht nur das, Herr Rat, sondern ich kann meine Angaben auch beweisen, denn ich" — das sagte er mit erhobener Stimme, zugleich Walden herausfordernd dabei anblickend —■. „ich persönlich habe Gustav Schuhmacher nach der Droschke gebracht, in welcher er nachher seinen Tod finden sollte." Totenstille folgte seinen Worten; selbst Rat Hansemann hielt den Atem und schaute seinen Besucher starr an, als erschiene ihm dieser eben in ganz veränderter, zuvor nie erschauter Gestalt. „Sie fragten mich gestern abend, ob ich nicht ein Abenteuer erlebt hätte, als ich von Selkenbachs heimkehrte", fuhr Witte fort, ohne sich um den Eindruck zu kümmern, den seine Eröffnung gemacht hatte. „Gestern wich ich Ihnen aus, obwohl mich Ihre direkte Frage nach dem Betrunkenen frappierte. Ich konnte ja gestern abend noch nicht wissen, welch erschütterndes Ereignis . . . oder sagen wir besser, welche fluchivürdige Tat Sie zn Ihrer Frage an mich veranlaßte. Heute erachte ich es als meine Gewissenspflicht, Ihnen alles zu sagen, was ich weiß." „Ich bitte darum!" Die Stimme des Rats klang förmlich; sein Blick schien bis in die Herzenstiefe des jungen Künstlers dringen zu wollen; doch dieser hielt ihm unbefangen stand. „Ich sagte Ihnen bereits gestern abend, daß ich mich nach dem Verlassen des Selkenbachschen Hauses zu Fuß auf den Nachhauseweg machte. Wie ich die Tiergartenstraße entlang schlendere/ unmittelbar vor der Hildenbrandstraße, stolperte ich über einen menschlichen Körper. Es war zu dunkel, um den augenscheinlich schwer Bezechten erkennen zu können. Immerhin dauerte mich der Mensch und ich wollte ihn in seinem hilflosen Zustand nicht liegen lassen. So suchte ich ihn aufzuheben, wobei mir ein zufällig des Weges daherkommender Herr beistand und dann führte ich den Taumelnden in der Richtung nach der Bellevuestraße, unablässig nach einer Droschke spähend und rufend. Ich konnte indessen erst auf dem Potsdamer Platz einen Einspänner auftreiben. Mit Hilfe eines Schutzmanns suchte ich den völlig Trunkenen, der unausgesetzt Lor sich hinlallte und es ersichtlich immer mit einem Manne namens August zu tun hatte, in der Droschke unterzubringen. Wie dabei sein Gesicht plötzlich von einem grellen Laternenstrahl beleuchtet wurde, erkannte ich zn meinem großen Ekel meinen früheren Zimmerwirt. Ich mag meiner Empörung wohl auch lauten Ausdruck verliehen haben; ich weiß das nicht mit Bestimmtheit. Jedenfalls war mein Widerwille stärker als meine Hilfsbereitschaft. Obwohl der Schutzmann mich zum Bleiben nötigen wollte, riß ich mich kurz entschlossen los und ging meiner Wege." Die Tür hatte sich schon seit einer Weile geöffnet und Rokohl/ einen Kleiderbündel über dem Arm, war wieder ins Zimmer getreten. Der Rat hatte ihm verstohlen angedeutet, sich ruhig zu verhalten und zuznhören; er selbst hatte dem Bericht des jungen Malers mit unverkennbarer Spannung gelauscht. Einen entschieden günstigen Eindruck hatte er auf ihn gemacht, daß Witte, sobald die Zeugenaussagen, von denen er ja keine Ahnung haben konnte, bestätigend in Betracht tarnen, sich streng an die Wahrheit gehalten hatte. (Fortsetzung folgt.) Aas Iagendspü'l in gesundheitlicher und erziehlicher Kirsicht. Fortsetzung aus Nr. 156. Es handelt sich aber beim Jugenbspiel nicht allein um Erlangung leiblicher Tüchtigkeit und Gesundheit und Uebnng der Sinne, sondern wesentlich auch um die Entwickelung und Ausbildung seelischer Eigenschaften, des Mutes und der Selbständigkeit. Das Jugeudspiel ist ein Erziehungsmittel ersten Ranges auch für Geist, Charakter und Gemüt. Es fördert die Schnelligkeit des Entschlusses, die Besonnenheit in seiner Ausführung und den Mut, Verbünden mit Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart bei unvorhergesehenen Zwischenfällen. Das Nervensystem lernt den Impulsen des Willens auf den Augenblick gehorchen, und das Denkvermögen gewöhnt sich daran, rasch die ganze Lage zn beurteilen. Das sind aber Eigenschaften, die dem Manne im Kampfe um das Dasein von größter Bedeutung zu sein vermögen. Vor allem erzieht das Jugendspiel, zu Ausdauer und Geduld. Es ist mir während meiner englischen Studienreise immer von größtem Interesse gewesen, die Schüler im Alter unserer Sextaner und Quintaner zu beobachten, wie — 639 — |te int Sommer stundenlang, Tag für Tag, sich im Stielet übten, wie sie ost im glühenden Sonnenbrände unermüdlich den harten Ball fingen und warfen, «ni> wie sie mit dem schweren Schlagholz sich abmühten, um die möglichste Fertigkeit in dem schweren Spiel zu erlangen. Daß sie auf diese Weise durch die etwa neunjährige Uebung während der Schulzeit mehr oder minder gute Kricketer, um bei diesem Beispiel zu bleiben, werden, ist erklärlich; haben sie dadurch aber nur das erreicht? O nein, viel mehr! Sie haben jene Ausdauer, Zähigkeit und Beharrlichkeit sich angeeignet, die dem englischen Volkscharakter eigentümlich ist und die der Nation die schönsten Früchte getragen hat. England ist stark, weil der einzelne Engländer stark ist. Zur Selbstbeherrschung zwingt das Jügendspiel. Der gute Spieler muß sich fortwährend in Zucht halten, denn ein nachlässiges, träumerisches Wesen, unbedachtsames Handeln, ein auch nur augenblickliches Sichgehenlassen röcht sich oft auf der Stelle. Ferner schleifen sich manche Unvollkommenheiten des Wesens auf detn Spielplätze am besten ab'. Viele verzogene Muttersöhnchen haben hier ihre Eitelkeit, Selbstgenügsamkeit, Selbstüberschätzung, Blasiertheit, Unverträglichkeit, ihr. trotziges und schmollendes Wesen und ihre Selbstsucht für immer abgelegt oder doch gemildert. Wenn einerseits alle Kräfte der freien Tat und des selbständigen Wollens durch das Jugendspiel in hohem Mäße gefördert werden, so lehrt es anderseits am besten von allen uns zur Verfügung stehenden Erziehungsmitteln den Wert der zielbewußten Unterordnung, des unbedingten Gehorsams gegen die gewählten Führer. Das Gehorchen und Sichfügenlernen ist eine schwere Kunst, und manchem ist das Leben schon dadurch verdorben worden, daß er das in seiner Jugend nicht gelernt hat. Im Spiel wird aber auch der bornierteste und eingebildetste Knabe mit dem Kopfe darauf gestoßen, daß ein willkürliches Durchbrechen der Gesetze oder ein Ungehorsam gegen die Ordnungen des Führers von den schlimmsten Folgen für die ganze Partei ist. Sollte er das einmal selber nicht einsehen, nun, seine Spielgenossen bringen ihn schon, nicht immer durch zarte Mittet, zur richtigen Erkenntnis. Denn die Jugend übt strenge Rechtspflege. Durcheinander erziehen die Spielenden sich zu Geduld, Bescheidenheit und Verträglichkeit. Der Ungeduldige wird geduldig, der Anspruchsvolle bescheiden, der Zänkische verträglich, der Trotzige nachgiebig, der Schmollende versöhnlich und der Hochmütige entgegenkommend und freundlich. Die gegenseitige Selbsterziehung durch das Spielleben ist eben etwas ganz besonders Wertvolles. Weise Lehren gehen Bei der Jugend leicht zum einen Ohr herein und zum andern wieder hinaus; Erfahrungen werdet! schwerer vergessen. Kraft, Selbständigkeit und Mut erlangt die Jugend im allgemeinen nicht durch unsere geistige Schulausbildung. Ohne richtig betriebene Leibesübungen wird kein kern- haftes Geschlecht herangezogen werden können. Es ist also durchaus nicht bloß die Rücksicht auf die leibliche Gesuud- heit der Jugend, die eine ausgiebige Pflege von Leibesübungen an den Schulen verlangt, sondern die Sorge dafür muß als eine der wichtigsten für die gesamte Erziehung angesehen werden. Wir Schulmeister neigen leicht dazu, die Erziehung von dem Gesichtspunkte ans zu betrachten, was der Schule an sich gut ist und denken oft dabei zu wenig an das, was der Nation not tut, das sind aber keine folgsame Knaben, sondern kraftvolle, selbständige, mutige Männer. Nun könnte man sagen, daß die Schule doch den Knaben nicht zum Stiege, zum Kampf und Streit erziehen solle, und daß daher das Jugendspiel den Charakter ungünstig beeinflusse. Aber man vergißt bei solcher Behauptung, daß der Schüler beim Jugendspiel den Stieg von der besten Seite kennen lernt, da er nicht für sich selber kämpft und streitet, sondern für seine Partei. Er muß oft im Interesse des Sieges seiner Spielgenossenschaft selbst sich zurückhalten, trotzdem es ihn vielleicht gewaltig drängt, seine Geschicklichkeit zu zeigen. Sein eigenes Ich geht in dem Streben für das gemeinsame Ganze auf, und das ist ein besonders wichtiges Erziehungsmoment. Denn was der KUabe auf dem Spielplatz gelernt hat, das überträgt er als Mann auf das Leben und somit erzieht das Jugendspiel zu Gemeinsinn und zu kräftigem, patriotischem Tun und Handeln, zu nationaler Caharkterstärke. Auch wirkt die Freude, welche jedes richtige Jugendspiel durchzieht, dahin, daß der Kampf und Wettstreit des Spieles das Gemüt nicht verroht. Denn rechte Freude wirkt immer veredelnd, und solche richtige harmlose Freude bringt das Jugendspiel in reichstem Maße mit sich. Jü dein auch für den deutschen Erzieher sehr lesenswerten Büchlein, Tom Browns Schvoldahs, heißt es von den englischen Jugendspielen Kricket und Fußball, daß sie „Einrichtungen erzieherischer Weisheit sind, Spiele ohne Selbstsucht, bei denen der einzelne in seiner Genossenschaft aufgeht, für deren Sieg er spielt". Das ist vollkommen richtig. Ist der Lehrer selber kein verknöcherter Schulmeister, sondern ein wirklicher Erzieher, so wird er auf dem Spielplätze leicht den rechten Ton finden, um seinen Schülern ein Freund zu werden und nicht nur ein Zuchtmeister zu sein. Die Hauptsache bei der Erziehung, das merkt jeder rechte Lehrer, je älter er wird, ist doch die Liebe. Darum Lehrer uud Schüler zusammen hinaus zum Spielplatz! Dort wird auch am ehesten in unser Schulleben der Zug unbedingter Wahrhaftigkeit hineinkommen, der ihm meinen Erfahrungen nach leider mehr abgeht, als dem englischen. Einer von den Gründen zu unwahrem Wesen liegt bei den größeren Schülern vielfach in den unrichtigen Erholungen, insbesondere in dem mit der Nachahmung studentischer Sitten zusammenhängenden Küeipenleben und dem S ch ü l e r v e r b i n d u n g s w e s e n. Der Kämpf hiergegen ist ja seitens der Lehrerkollegien und der Unterrichtsbehörden mit großem Ernst geführt worden, und dennoch ist der Uebelstand nicht ausgerottet, sondern wuchert, oft mit größerer Vorsicht betrieben, in unferm Schulleben weiter. Ich meine, man beachtet bei diesem Kämpfe nicht immer genug die positive Abwehr. Insbesondere findet ja das jugendliche Gemüt seine größte Freude und Befriedigung in dem Verkehr mit den Kameraden. Solcher Verkehr muß aber, wenn er Einzelfreundschaften überschreitet, einen Inhalt haben, dieser muß ein guter sein und mit den Zwecken der Schule in keinem Widerspruch stehen. Den findet man in einfachster Art in den Jugendspielen und verwandten Leibesübungen in freier Luft, tote Rudern, Wanderfahrten usw. Alle erlaubten, von der Schule beaufsichtigten Turn-, Spiel-, Ruder-, Wander- und ähnlichen Vereine der Schüler sind das beste positive Mittel gegen die unerlaubten Schülerverbindungen. Daß durch die Spiele im Freien die Schüler durch ihr Zusammensein zu gemeinsamen Kneipen geradezu veranlaßt würden, ist mir und anderen Freunden unserer Sache einzeln entgegengehalten worden. Es ist möglich/ daß nach vollendeteut Spiel die Schüler zusammen ein Glas Bier getrunken haben. Das kann man Primanern und Sekundanern gelegentlich auch wohl gönnen. Wer gegen das gewohnheitsmäßige KUeipenleben, den Tods geistigen Strebens, und gegen die Versuchungen geschlechtlicher Verirrungen gibt es für die Jugend kein besseres Mittel, als die Gewohnheit, die Erholung in den Jugendspielen und verwandten Leibesübungen in freier Luft zu finden. . Jedoch das Hans bleibt stehen!" Was wohl der gelahrte Magister Thelling, der in dem freundlichen Harzstädtchen Goslar vor langen Zeiten in seinem noch heutigen Tages berühmten Heim ein still-beschauliches Gelehrtendafein geführt hat, sagen würde, toeitn er jetzt in unseren Tagen auf einige Zeit zu uns niederstiege und von den Gerüchtent hörte, die über sein ehemaliges Heim im Umlauf sind? Er würde wahrscheinlich der Meinung sein, daß die Welt noch närrischer geworden, als sie schon zu seiner Zeit gewesen. Denn wer dazumal ein eigenes Hans errichtete, war letzenfest! davon überzeugt, daß es, falls nicht etwa Kriegesnot oder Feuersbrunst ein vorzeitiges Ende über dasselbe heraufbeschworen, für immer auf dem einmal gewählten Platz bleiben und sich von Kind auf Kindeskind vererben iverde, bis ennnal mich feine Tage gezählt seien und cs an Altersschiväche verschwinden müsse. Und daß dies letzte erst in recht später Zeit emtreten könne, dafür sorgte schon die Güte des verwandten Baumaterials und die Geschicklichkeit der ausführenden Handwerker. Auch war man dazumal weder so flink bei der Hand, wenn es galt, em neues Wohnhaus zu errichten, denn der Platz in den meistenteils befestigten Städten war durch die Umwallung beengt und außerhalb der Mauern weite Gebiete durch Bebauung der Allgemeinheit zu erschließen, ging damals auch nicht gut an; zudem hatte der Bauherr in jenen längstvergangenen Zeiten das beimißte Bestreben, möglichst dauerhaft uud solide zu bauen, sowie. den Bau nicht zu übereilen durch fortwährendes Drangen. Lieber 640 — langsam aber gut, war der Wahlspruch, und der Erfolg zeigte, daß er berechtigt sei. Ist auch die damalige Bauausführung nach dein heutigen Stande der Technik nicht mehr als vorbildlich anzusprechen, den derzeitigen Verhältnissen nach war sie vorzüglich. Man betrachte nur einmal die Art und Weise der mittelalterlichen Bauten und man muss zugestehen, daß die damalige Generation wohl wußte, wie mit einfachen Mitteln, ja selbst in dem anspruchlosen Fachwerkbau, neben dauerhafter Ausführung auch künstlerische Wirkungen 51t erzielen seien. Man muß dabei auch wiederum in Betracht ziehen, daß mancher Balken in der langen Zwischenzeit erneuert wurde, zum großen Teil zeigt uns solch ein Bauwerk doch noch das ursprüngliche Material. Das Wohnhaus des Magister Thclling in Goslar, dessen^auf- fallend steiles Giebeldach dem altertümlichen Aussehen dieser Stadt noch eine ganz besonders eigenartige Note zufügte und dessen für unseren heutigen Geschmack zum Teil grotesk-komisch wirkende Holzschnitzereien einen der Hauptanziehungspunkte für die Besucher der alten Kaiserstadt bilden, ist bereits einmal vor dem Lose, für immer von dem Erdboden zu verschwinden, bewahrt worden. Jin Jahre 1870 glich das aus der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts stammende Gebäude im allgemeinen einer Ruine. Dem völligen Verfall fonitte nur durch sachgemäße Erneuerung Einhalt geboten werden nnd daß dieses auch wirklich geschah, zeugt von crfreulichein Verständnis für die Pflichten der jetzt lebenden Generation gegenüber den Dentmälernl einer altehrwürdigen Klinstcpoche. Daher muß es uns doppelt merkwürdig berühren, wenn man in den letzten Wochen las, das „Brusttuch" — so wurde das altertümliche Gelehrtenheim allenthalben seiner eigenartigen Bedachung wegen genannt —fei 'an einen amerikanischen Milliardär verkauft und solle deshalb abgerissen werden, um drüben, jenseits des „großen Teiches" zu neuem Dasein wieder aufzuerstehen. Ist es glücklich soweit mit uns gekommen, daß wir nicht nur in dem Bestreben, ein möglichst einheitliches Stadtbild hervorzubringen, von den überlieferten alten und originellen Bauformen unserer Altvordern abweichen, anstatt sie in sinngemäßer und den modernen Bedürfnissen angepaßter Form neu erstehen lassen, müssen wir uns auch noch mutwillig das mit Opfern bisher erhalten- verscherzen? Ist erst einmal mit derartigen Verkäufen der Anfang gemacht, wer bürgt dafür, daß der eingeheimste Dollarsegen nicht weitere Lust zu solchen Geschäften erweckt? Wahrlich ein recht anmutiges Bild für die Zukunft! Vielleicht haben wir dann auch noch einmal das Glück für ein charakteristisches deutsches Baudenkmal einen echt indianischen Wigwam eeinzutauschen, natürlich unter einer „entsprechenden" Daraufzahlung unsererseits. Unwillkürlich drängt sich doch da die Frage auf, können wir für unsere Kunst nicht auch Schntzmaßregeln treffen, wie sie in anderen Ländern bereits angewendet oder wenigstens doch von Staatswegen erwogen werden, daß ohne behördliche Zustimmung kein Kunstwerk außer Landes verkauft werden darf? Nun, es hat ja seit Bekanntwerden dieses Verkaufprojektes nicht an energischen Protesten gefehlt, die auch eine zeitweilige Dementierung der Nachricht zur Folge hatten, doch nicht lange und sie tauchte wieder in bestimmterer Form auf, so daß man augenblicklich nicht recht weiß, ob sie wahr oder falsch feu Doch steht bei der jetzt ivieder zu neuem Leben erwachten Heimatsliebe und dem wohlbegründeten Bestreben, einer bodenständigen Kunst > das Wort zu reden, zu hoffen, daß dem Gerücht keme wirklichen Tatsachen zu Grunde liegen, und daß der Tourist nach wie vor an den eigenartigen Bauformen des „Brusttuches" seine Studien über echt deutsche Art nnd Kunst anstellen kann. Fürs Haus. — In Hotels, Weinrestaurants, sowie bei Gastlichkeiten in unserer Häuslichkeit ist es immer noch üblich, die Speisekarte in französischer, statt in deutscher Sprache abzufassen. Die meisten Menschen sind nun mehr für ein , praktisches Eßstudium, als für ein theoretisches Sprachstudium und werden es der praktischen Wochenschrift „Fürs Haus" Tank wissen, wenn diese eine Anzahl dieser Bezeichnungen ihrem Verständnis näherbringt. So bedeutet Chateaubriand ein großes Filet, unter dem Zusatz ä la Richelieu verbirgt sich eine Garnitur von Gemüsen und Bratkartoffeln. Bechamel ist eine starkgewürzte Sahnensauce, meist mit einem Zusatz von Zwiebeln, ä la Colbert heißt garniert und gebacken; ä la Pompadour bedeutet eine Zugabe von Tomaten in irgend einer Gestalt; ä la Soubise ist gedämpfte Zwiebeln. — „Fürs Haus", das unter den Frauenblättern eine führende Stellung einnimmt, kann durch jede Buchhandlung oder Postanstalt für Mk. 1.50 vierteljährlich („Salonausgabe" Mk. 1.75) bezogen werden. LirserErsches. — u. C. $80erner, Imelda Lambertazzi. Drama. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Geh. 2.— Mk. — Auf dem Hintergrund der Kämpfe zwischen Ghibellineu Und Guelfen zu Bologna (1273) spielt eine Liebestragödie ganz eigener Art. Imelda, aus ghibellinischem Geschlecht, vom Papste als „Friedensbraut" dem guelfischen Bonifazis Geremei verlobt, steht bei wieder ausbrechendem Hasse hilflos zwischen den Parteien. Die Männer ihres Hauses bedrängen sie; am schwersten ihr Vetter Pietro, der von Leidenschaft zu ihr verzehrt wird. Ihre ganze Hoffnung ist auf Bonifazio gesammelt, den sie kaum kennt; doch als er sich während des Kampfes zu ihr schleicht, entdeckt sie, daß er ein kindlich selbstsüchtiger, eitler Küabe ist, der sich ioeigert, mit ihr zu flüchten. In zorniger Verachtung weist sie ihn hinweg — da stürzt Pietro herein und streckt den Feind und Nebenbuhler mit einem Dolchstoß nieder. Dann, ihres Hasses gewiß und zur Sühne bereit, stößt er sich selbst den vergifteten Dolch durch die Hand; aber Imelda wirft sich auf deu Sinkenden und saugt die giftige Wunde. Und nun fällt alles Trennende zwischen den beiden, ausgelöscht ist alles Wilde, Unreine, gelöst alle Gewissensnot — die Seelen vereinigen sich in der Qual und dem Triumph des Hinscheidens. In der reichen Charakteristik der Gestalten, im Ausbau und in der Sprache erstrebt das Werk jene durch Form geläuterte, aber nicht beeinträchtigte Lebenstreue, wie sie Henrik Ibsen den Stoffen aus der Gegenwart, Konrad Ferdinand Meyer der geschichtlichen Begebenheit ungeeignet hat. Von beiden Meistern wohl hat dies dramatische Talent seine Schulung empfangen, d. h. die hilfreiche Ausbildung seiner eigenen, unschmiegsamen und unverkennbaren Art. HarrSinschrifterr aus Ortschaften des Kreises Kirchhain. (Originalbeitrag des Gieß. Anz.) 11. 3 4 3 versprech ich dir, (Treu für Treu) 3 zu bleibe» 4 und 4, 3 zu bleiben nimm in 8, Weil 3 bei 2 Vergnügen macht. " * 12. Ein jeder sich vor Hochmut hüte, Wen» ihm des Glückes Reich erblühte, Es kommt ein Reif wohl über Nacht, ■" Der nimmt der Blüte Glanz und Pracht. * 13. Tobias Naumann bin ich genannt, Meili Name fleht in Gottes Hund, Und alle, die mich kennen Und meinen Namen nennen, Den gebe Gott, was sie mir gönnen. * 14. Ter Rauch vergeht, das Glas zerbricht, Das Kleid zerreißt und dauert uicht, ©in Haus muß endlich fallen, So geht cs mit uns allen. Köuigspromenade. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Meile mit einander verbinden, daß man — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Feld aus aui ein benachbartes übergeht. Auflösung in nächster Nummer. das dir los glanz will schö ganz kampf wird ten hülle seiner ne nie le selbst fein man ent ge im sein den bia glückt rückt will pflückt blume einem ge windest sein dazu krailz jede du UNd Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Spaziergang. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdrrick und Verlag der Brühl'sehen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.